Villa Katsura. Japanische Architektur als Zwischen ...

Das Bauhaus-Archiv in Berlin präsentiert noch bis zum 12. März eine Schau von 80 s/w-Fotografien der kaiserlichen Villa Katsura, die im japanischen Kyoto steht. Die Architekturikone, die in der westlichen Hemisphäre wohl als eines der bekanntesten Beispiele für japanische Architektur gilt, wurde von Ishimoto Yasuhiro in Szene gesetzt. Der japanisch-amerikanische Fotograf, der im letzten Jahr seinen 90. Geburtstag feierte, bekam als einer von ganz wenigen Auserwählten 1954 die Erlaubnis hierzu und brachte mit Kommentaren von Walter Gropius und Kenzo Tange sechs Jahre später sein bekanntes Fotobuch heraus.

Als Landsitz konzipiert, wurde das Ensemble 1620 begonnen und in drei Bauabschnitten rund 30 Jahre später vollendet. Ins weltweite Architekturgedächtnis eingebrannt hat sich Katsura seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, galt doch der japanische Wille zu Abstraktion, Modul, Maß und Raster als vorbildhaft für die Standardisierung, Vorfertigung, Effizienz und Einfachheit modernen Bauens. Auch der Begriff des Funktionalismus wird dort gefunden, wie man z.B. in „Architekturlehre“ von Bruno Taut aus den 1930er Jahren nachlesen kann: „In Katsura kann man wirklich sagen: Was gut funktioniert, sieht gut aus“.

Taut war einer der ersten deutschen Protagonisten jener Zeit, der mit den japanischen Bautraditionen vertraut war und ihnen höchsten Respekt zollte. Er lebte einige Jahre in Japan und verarbeitete seine Erfahrungen und Studien u.a. in den Texten „Nippon mit europäischen Augen gesehen“, „Das japanische Haus und sein Leben“ oder „Architekturlehre“. Es wird im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung auch einen Vortrag des Taut-Spezialisten Manfred Speidel geben.

Auffällig ist an den Motiven, dass Ishimoto ausschließlich schwarz-weiß fotografiert hat. Ferner konzentrierte er sich primär auf Ausschnitte und Details der Gebäude und schien daran interessiert zu sein, die Grenzen von Gestaltung bis an den Punkt auszuloten, an dem Ordnung quasi ästhetisiert wird. Ferner sind die Bilder streng durchkonstruiert und folgen damit dem Palastthema, das sich in dem Willen zur Abstraktion zeigt. In einem eigentümlichen ‚Stillstellen‘ werden die räumliche Struktur und umgebende Natur geradezu zelebriert. Es ist, als hielten die Bilder den Atem an.

Auch Walter Gropius hatte in seinem Beitrag „Architecture in Japan“ von 1960 diese Art von kunstgeschwängerter Zeitlosigkeit bemerkt und Katsura als: „balaced container for beautiful living“ bezeichnet, der mit seiner Umgebung eine homogene wie integrierte, räumliche Einheit bildet: „Space, here the only medium of artistic creation, appears to be magically floating“.

Einem bestimmten Stil lässt sich die Villa Katsura nicht zuordnen. Es scheint sich also eher um einen Sonderfall der Baugeschichte zu handeln, als um ein typisches Beispiel der japanischen Architektur. Außerdem wird in der Ausstellung deutlich, dass ihr bekanntester visueller Chronist seine Bilder sorgsam inszenierte und z.B. sämtliche Störfaktoren ausblendete. Ist sein besonderer Blick angemessen und dient dazu, den Geist von Katsura einzufangen oder erliegen die Betrachter dessen Konstruktivität?

Was sehen wir also? Tatsächlich lassen sich Strukturverwandtschaften z.B. zu Bildern von Mondrian deutlich in manchen Motiven ausmachen. Ishimotos Sozialisation in seinem Geburtsland USA und seine künstlerischen Prägungen, die er während des Studiums beim Chicagoer „Institute of Design“ (dem Nachfolger von Lázló Moholy-Nagys New Bauhaus) erfahren hat, könnten ihr Übriges getan haben, mit westlichen Schablonen ein reduziertes Idealbild japanischer Architektur ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben zu haben.

Für den geneigten Leser dieser Besprechung, der sich eine andere und weniger konstruierte Perspektive auf Katsura ansehen will, sei hier ein Video verlinkt, das in Farbe daherkommt und alle üblichen Störkonturen (Geräusche, Bewegung, Menschen im Blickfeld etc.) hat.

Bislang scheint die Rezeption von Katsura um die Entdeckung der Modernität eines vierhundert Jahre alten Gebäudeensembles zu kreisen. Was wäre aber, sich stattdessen darauf zu konzentrieren, wie es gelingen kann, in Architektur (und auch Fotos) die Balance zu finden zwischen der Unordnung der Natur und der Ordnung der Struktur? Wie erschafft man diese unharmonische Harmonie?

Ist es denn nicht die eigentliche Botschaft der japanischen (Bau-) Kultur, in das Zwischen von Etwas und Nichts zu gelangen und an dessen gesättigter Atmosphäre teilzuhaben? Ein Zwischen, wie es Bruno Taut 1934 in „Gedanken nach einem Besuch in Katsura“ folgendermaßen niederschrieb: „Die Musik des Baus in allen Teilen brüderlich und so wie von unsichtbaren Musikern“.

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In Deutschland werden Ishimotos Fotografien der kaiserlichen Villa Katsura an keinem anderen Ort mehr gezeigt. Allerdings in der Schweiz vom 18.04. bis 20.05.2012 in Mendrisio in der Accademia di architettura di Mendrisio, Università della Svizzera italiana - dort ggf. im Umfang verkürzt.

Erschienen: Deutsche BauZeitschrift

Zur Aktualität Giovanni Battista Piranesis ...

Warum sollte es für heutige Architekten interessant sein, sich die Zeichnungen eines italienischen Kollegen anzusehen, der von 1720 bis 1778 lebte? Nun, diese kurze Besprechung will versuchen, einige Argumente für eine Beschäftigung zu zeigen und tut das anhand des Gesamtkatalog der Radierungen von Giovanni Battista Piranesi, der vom »Taschen Verlag« in zwei Bänden neu herausgebracht wurde. (1)

Piranesi war ausgebildet als Architekt, Bühnenbildentwerfer und Radierer. Er hat die Kunst in die Wiege gelegt bekommen, denn sein Vater arbeitete als Steinmetz und der Onkel war Architekt. Als junger Mann mit 20 Jahren begann er mit archäologischem Eifer, Ruinen zu kartographieren, bildete danach die untersuchten Stadträume und Architekturen aber nicht bloß ab, sondern trieb sie dabei förmlich über sich hinaus. Ist es denn nicht genau diese Fähigkeit eines Bauwerks, nämlich weder an seinen Innen- oder Außengrenzen zu enden, die die Architekten mit Wirkung oder Atmosphäre meinen?

Dass dergleichen Entfaltung freilich auch über das Ziel hinaus schießen kann, zeigt die Enttäuschung des jungen Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) der, mit den Zeichnungen Piranesis sozialisiert, während seiner Italienischen Reise am 7. November 1786 im Angesicht des realen Rom niederschrieb: »Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muss es denn doch tun und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen. Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet«. (2)

Aber, vielleicht hat Piranesi zuvor diese Enttäuschung auch geteilt und zu kompensieren versucht, denn wenn man dem Vorwort im Katalog Glauben schenken will, störte er sich ebenso am römischen Stadtbild, das er als »verwüstetes Terrain von ländlicher Archaik, ver-, über-, und zugebaut mit architektonischen Zufallslösungen sah, die nicht miteinander harmonierten«. Vielmehr wollte er durch seine Arbeit die »feindlichen Stile« der Renaissance, Gegenreformation oder des Barock zu Gunsten der antiken Stadt zurückdrängen.

Der Italiener hatte wenig gebaut und sah sich daher dem beliebten Ressentiment in der Architektenzunft ausgesetzt, bloß Papier- bzw. heutzutage Computerarchitektur zu machen. In diesem Glauben an ein erektiles Initiationsritual drückt sich eine uralte Aristotelische Erblast aus: »Es ist aber in der Erörterung über das Wesen gesagt, dass das Werdende immer aus etwas wird und durch etwas, und dieses der Art nach dasselbe ist. Darum gilt es auch für unmöglich, dass jemand ein Baukünstler sei, ohne etwas gebaut zu haben...«. (3)

Die Kurzsichtigkeit solcher Vorwürfe wird im Angesicht der Arbeiten Piranesis deutlich, denn dieser sah nicht nur die Ruinen, sondern erlebte sie förmlich und gab das dermaßen Durchlebte wieder. Die Arbeit eines Architekten (auch im Sinne der Hervorbringung des Aristoteles) findet eben nicht nur während des Errichtens eines Baues statt, sondern bereits in dessen Entwurf. Dieser geschieht zwar in einem diffusen Entbergungsmilieu der Kunst (um mit Heidegger zu sprechen), aber auch in der obligatorischen Sprache des Architekten, nämlich der Zeichnung.

Überdeutlich werden in den Radierungen die Verbindungen von archäologischem Empirismus mit subjektiver Einbildungskraft. Auch ein Aufbegehren gegen die totalitären Systembildungen der Wissenschaft zeigt sich hier. Nicht nur an dieser Stelle scheint die Nähe zu den damals noch jungen Debatten der Ästhetik auf. So kommt der deutsche Zeitgenosse Friedrich von Schiller (1759-1805) in die Erinnerung, der in Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen unterschieden hatte zwischen den bestimmenden Trieben des Sinnes (Natur, physisches Dasein) und der Form (Vernunft, Rationalität). Als ein Mittleres bzw. Vermittelndes hierzu setzte er das Spiel: »…der Spielbetrieb also würde dahin gerichtet sein, die Zeit in der Zeit aufzuheben, Werden mit absolutem Sein, Veränderung mit Identität zu vereinbaren«. (4)

Nicht von ungefähr also steht im Katalog der Satz: »Dieses Spiel mit einer absichtlichen Mehrdeutigkeit war von Stimmung und Interpretationsvermögen des Betrachters abhängig«. Piranesi war offensichtlich ein Spieler im Schillerschen Sinne und hat zusätzlich eine Einladung hierzu an seine Rezipienten ausgesprochen. Wer fühlt sich bei so viel partizipativer Energie nicht an brandaktuelle Architektur- und Stadtbaudiskurse im Dunstkreis des »Performativen« erinnert? Ein Brückenschlag von der Barockzeit in unsere Gegenwart kann ebenfalls mit Piranesi gelingen. Er wurde nämlich von wichtigen Vertretern der architektonischen Postmoderne in den entsprechenden Diskursen wiederentdeckt, die das 20. Jahrhundert prägten.

Eine Generation von modernen Baukünstlern (hier stellvertretend Peter Eisenman, Daniel Libeskind, Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au) hatte sich damals auf die Fahnen geschrieben, das Undarstellbare darzustellen. Sie fanden in den »poetischen Rätsel« Piranesis reiche Anregungen hierzu und versuchten ebenso, die »Dinge auf eine bislang unbekannte und unfassbare Weise sichtbar« zu machen. Die Zeit war nämlich gekommen, das sterile Phantasma einer rationalen Architektur zu entblößen, dessen Verwindungsprozess Heinrich Klotz (1935-1999) so trefflich charakterisierte: »Eines der Formregister, das die Architektur wieder zum Sprechen brachte und sie zu einer fiktiven Gestalt werden ließ, war die ironisierend-affirmative Verfremdung der populären Bedeutungsgehalte«. (5)

Derzeit wird der deutsche Dramatiker Heinrich von Kleist (1777-1811) anlässlich seines Todestages geehrt. Dieser andere, dunklere Romantiker war Dionysos sicher näher als Apollon. Wie Piranesi gehörte er zu den heraufziehenden Subjekten einer Moderne, die Vielschichtigkeit, Multiperspektivität und Unklarheit in ihre Identitätsbildung integrieren mussten. Ein »Sowohl als auch«, das diese seismographischen Naturen in Texten oder Bildern darzustellen wussten, beschäftigt uns Heutige immer noch. Darin sind sowohl das Aktualitätspotenzial des vorliegenden Katalogs als auch die Motivation begründet, sich Radierungen eines Kollegen anzusehen, der seit 233 Jahren tot ist.

Erschienen: AZ/Architekturzeitung

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Anm:
1. Der Katalog ist auch für die Vertiefung ins Thema bzw. eine wissenschaftliche Auseinandersetzung ausgelegt. Er verfügt über eine (kurze) Biographie, Bibliografie, Konkordanz und einen alphabetischen Index der dargestellten Motive (von A wie Altar bis W wie Wassersysteme).
2. Goethe, Wolfgang von; Italienische Reise (1786); in: Goethes Werke (Hamburger Ausgabe); Band 11; München 2010 [1981]; 130
3. Aristoteles: Metaphysik; IX, 6, 1049 b
4. Schiller, Friedrich von: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1793-1794); 14. Brief; in: Friedrich Schiller. Über das Schöne und die Kunst. Schriften zur Ästhetik; München 1984 [1974]; 178
5. Klotz, Heinrich: Kunst im 20. Jahrhundert. Moderne, Postmoderne, Zweite Moderne; München 1999 [1994]; 121

365 Tage Cage. Architektur trifft Musik und Tanz ...

Wie ehrt man den runden Geburtstag des Philosophen und Komponisten John Cage, der u.a. eine Symphonie (Organ2/ASLSP) anlegte, die derzeit in Halberstadt 639 Jahre lang aufgeführt wird oder ein Klavierkonzert (4‘33‘), in dessen Dauer von 4 Minuten und 33 Sekunden der Pianist nichts tut? Nun, man nimmt dessen offenbar besondere Beziehung zum Rohstoff seiner Kunst -nämlich die Zeit- zum Anlass und würdigt ihn gleich ein ganzes Jahr lang.

Kürzlich wurde also in Berlin von der Akademie der Künste der Beginn eines Jubiläumsjahres eingeläutet, das unter dem Motto „A Year From Monday. 365 Tage Cage“ steht und bis zum 5. September 2012 andauern wird. Die Projektreihe ist interdisziplinär und wird sich über eine Ausstellungen, Musik- und Tanzprogramme, Performances, Diskussionsveranstaltungen sowie Workshop entfalten.

Aber nicht nur der Jubilar, sondern auch der Komponist und Architekt Iannis Xenakis und der Choreograf Merce Cunnigham werden gewürdigt. Alle drei entstammen einer Generation, die im 20. Jahrhundert wirkte. Gemeinsam sind ihnen die künstlerische Suche jenseits überkommener Gestaltungstraditionen und der Kampf um eine Neubewertung dessen, was Musik und Klang bedeuten können. Die gängigen Interpretationsmuster hierzu gerieten durch strukturalistische Kritiken und dominant werdende Technologien nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich auch für die darstellenden Künste gehörig ins Wanken.(1)

Während Cunningham eng an Cage, dem „Meister der irrationalistischen Avantgarde“(2) operiert und ostasiatische Weisheiten, Improvisation, Intuition und den Zufall seines Vorbildes in den Tanz umsetzt, bezieht sich das Wirken von Iannis Xenakis auf die kontrollierte Wahrscheinlichkeit, die mit den Mitteln der mathematischen Stochastik bestimmbar bleibt. Dieser Ansatz unterscheidet sich deutlich von einem ‚musikalischen Würfeln‘, das sich auf das Improvisieren der Künstler bzw. des Publikums abstützt. Vielmehr zeigt sich darin das Streben, eine dauerhafte Theorie und zugehörig genau definierte, musikalische Kompositionen zu entwickeln.

Xenakis schätzte das abstrakte Ballett (auch eines Merce Cunningham), nahm allerdings kein Blatt vor den Mund, seine kritische Haltung gegenüber dem Kompositionsansatz von Cage darzulegen: „Die Musik von Cage kann manchmal interessant sein, manchmal aber auch schwach, wenn er sich zu sehr auf die Interpreten und ihre Improvisation verlässt. Aus diesem Grunde habe ich mich von dieser Richtung ferngehalten. Meiner Meinung nach ist das Vorrecht eines Komponisten, auch das kleinste Detail seiner Werke genau festzulegen“.(3)

Hier mag der konstruktivistische Ingenieur in ihm sich die Bahn gebrochen haben und auch für das Auge so manch geneigter Architekten und Ausstellungsbesucher dürften die in diesem Geiste gefertigten Zeichnungen den Zugang ins Thema erleichtern. So ist es schon ziemlich spannend, auf Millimeterpapier die Skizzen und Zeichnungen zu verfolgen, auf denen sich Geometrien mit Noten, Formeln, Listen, Tabellen und Farben überkreuzen. Hier zeigt sich eine unerschöpfliche Entwurfsarbeit, die in der Mathematik, Musik und Architektur gleichzeitig stattfand und deren Kreativität sich rational entäußerte.

Als Baukünstler verdiente Xenakis sich seine ersten Meriten über Projekte, die er bei Le Corbusier verantwortete. Mit einem Diplom als Bauingenieur war der Grieche 1948 über Empfehlungen in das Atelier des berühmten Franzosen gekommen und blieb dort zwölf Jahre. Zunächst kümmerte er sich um Berechnungen, konnte jedoch nach und nach auch architektonisch u.a. am „Kloster La Tourette“ oder dem indischen „Chandigarh-Projekt“ (Teile des Parlaments und die Grundstruktur des Palastes) mitwirken.

Für die Weltausstellung 1958 in Brüssel beauftragte die Firma „Philips“ einen Pavillon bei Le Corbusier, der selbstständig von Xenakis ausgeführt wurde und ihm auch dazu diente, die Musik konkret mit Architektur zu verbinden.(4) Mit hyperbolischen Parabolformen konnte er nämlich den Grundgedanken seiner Komposition „Metastasis“ (1954/55) in die Gestalt bringen und eine vielschichtige, räumliche Struktur entwerfen, die sich in ihrem Aufwachsen permanent wandelt. Auch in seinen Architekturen der Folgezeit, so zum Beispiel dem französischen Expo Pavillon in Montreal 1967 oder dem „Diatop“ am Centre Pompidou 1974, finden diese Formen Verwendung.

Bestimmend zeigt sich im hyperbolischen Paraboloiden das Motiv des „Glissando“, in dem Töne, Themen, zusammenhängende Melodien, Abgrenzungen, Rhythmen oder Tonhöhen keine Einzelrollen mehr spielen, sondern in einem Kontinuum verschmelzen. Xenakis hierzu „Was ist denn eine Gerade im dreidimensionalen Raum? Die stetige Änderung der einen Dimension im Verhältnis zu anderen. Genau das Gleiche geschieht auch in der Beziehung von Tonhöhe und Zeit: die Gerade ist die stetige Änderung der Tonhöhe in der Zeit“.(5)

Xenakis ist bereits jetzt in der Berliner Akademie der Künste gut dargestellt und auch einige seiner Kompositionen werden in den kommenden Wochen und Monaten aufgeführt. Zur weiteren Annäherung an Cage und Cunningham sei allerdings empfohlen, das Programm (auch für das Jahr 2012) zu sichten, denn hier schafft es die Ausstellung allein nicht, die Vielschichtigkeit der künstlerischen Ansätze abzubilden.

Aber, wie soll es auch gelingen, ein Werk museal zu fassen, das keines sein will. Hier eignet sich tatsächlich besser die Performance mit ihrer Augenblicklichkeit und einem Entdecken, das im gleichen Atemzug vergeht. Cage hierzu mit einer Selbstanleitung: „Ich bin hier, und es gibt nichts zu sagen. Wenn unter ihnen die sind, die irgendwo hingelangen möchten, sollen sie gehen, jederzeit.“(6)

Erschienen: Deutsche BauZeitschrift

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Anm.:
1. vgl. Wellmer, Albrecht: Versuch über Musik und Sprache; München 2009; 219 ff. Der Autor fasst sehr anschaulich den Anspruch von Cage zusammen. So geht es in den Arbeiten um die Dekontextualisierung des Klangs, die Etablierung von Zufallsoperationen, die Musik als Prozess, die Destruktion des Werkbegriffs, die Integration von Geräuschen und Klängen der Umwelt und die Rolle nichtmusikalischer Anregungen für die Musik durch die bildende Kunst.

2. Fubini, Enrico: Geschichte der Musikästhetik. Von der Antike bis zur Gegenwart; Stuttgart und Weimar 2008 [ital. 1964]; 399
3. Varga, Bálint András: Gespräche mit Iannis Xenakis; Zürich und Mainz 1995; 57. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass die Kuratoren von „365 Tage Cage“ versuchen, diese Gegensätze nicht allzu deutlich hervorzuheben, sondern die Arbeitsergebnisse beider Komponisten in deutlicher Nähe sehen.
4. Über den „Philips Pavillon“ von 1958 gerieten Xenakis und Le Corbusier in einen Streit, der von Eifersucht und Urheberansprüchen geprägt war.
5. Varga, Bálint András; a.a.O.; 69
6. Cage, John: Silence; FaM 1995 [engl. 1961]; 6

The Tree of Life - eine Ode an die Lebendigkeit ...

Mancher Feuilletonleser wurde in letzter Zeit vielleicht auf den Film „The Tree of Life“ aufmerksam, der mit den Hollywoodgrößen Brad Pitt, Sean Penn und Jessica Chastain auch recht prominent besetzt ist. Aber die Stars des Streifens sind in diesem Fall nicht das Interessante, sondern sein Regisseur, der in diesem Fall auch das Drehbuch geschrieben hat. Terrance Malick gilt nämlich als Philosoph und Poet in seiner Branche, deren Medienrummel er sich üblicherweise konsequent entzieht. Und nicht nur das, er hat sich an einer Promotion versucht über Wittgenstein und Heidegger und übersetzte 1969 auch dessen Aufsatz Vom Wesen des Grundes (1929) ins Englische.

Ganz so katholisch hat man „The Tree of Life“ nicht erwartet, denn die Protagonisten des Films stellen eine bibeltreue Kleinfamilie dar, die der Predigt in der Sonntagsmesse lauscht und Tischgebete spricht. Die von Nonnen erzogene Mutter agiert im Gegensatz zu einem Vater, der als Ingenieur für Montantechnologie ein Paradebeispiel des ‚Homo faber‘ ist. Dazwischen drei heranwachsende Söhne, von denen der mittlere verstirbt. Hier der weibliche Weg der Gnade, dort der männliche der Natur. Der Definition der Protagonistin nach steht die Natur dabei für den Kampf, die Strenge und die Eigensucht. Sie selbst symbolisiert Mitleid, Empathie, Verständnis und Trost.

Auf den ersten Blick ein dürftiger wie klischeehafter Handlungsstrang. Nach gut 2 h Laufzeit jedoch, macht nicht nur alles Sinn, sondern es breitet sich eine Art ruhende Fülle oder bergende Weite in einem aus. Wieso das? Weil Terrance Malick versucht, eine katholisch geprägte Familiengeschichte aus den 1950er Jahren parallel zu den ältesten Themen zu denken. Jenen nämlich, die z.B. auch schon dem Vorsokratiker Heraklit auf der Zunge lagen: „So vieler Worte ich gehört habe, keiner kommt so weit zu erkennen, dass das Weise etwas von allem Getrenntes ist (ab-solutum)“(1).

Gott ist tot, aber nicht das Denken über das Göttliche. Wie wäre es also, „The Tree of Life“ als Versuch zu sehen, sich des Lebendigen im Kleid der christlichen Religion zu vergegenwärtigen? Wie wäre es weiter, Gott und Leben gleichzusetzen. Ein Gleichsetzen, das den bereits von Heraklit erkannten Webfehler einer reflexiven Reduktion (s.o.) vermeidet und stattdessen offen bleibt für die größte Mannigfaltigkeit. Eine andauernde und nie enden wollende, ekstatische Meditation und eine Ode an die Lebendigkeit – das wäre ein solches Offenbleiben und das sind auch die Prinzipen, mit dem Terrance Malick in immer neuen Variationen den Zuschauern ein Gemälde aus Bildern, Klängen und Musik malt.

Die Lebendigkeit zeigt sich in allem, sie ist das verbindende Element. Sie ist bedingungslos und zeitlich, wandert von innen nach außen, durchdringt alles Feste, Flüssige oder Flüchtige. Die Lebendigkeit ist nicht nur beim Menschen. Sie kennt keinen Anthropozentrismus. Sie war vor und wird auch nach dem Humanum sein. Sie ist das eigentlich Ewige, wobei Ewigkeit hier Wandel darstellt und nicht Starre. Einige zeitgenössische Denker, darunter Michel Serres, haben noch dieses ‚heraklitische Verständnis‘ vom Ursprung: „Zwischen einer Erde, die durch eine vermutete oder erwünschter Ordnung bestimmt ist, und einem Planeten- oder Sonnensystem, das sich in einem metastabilen Gleichgewicht befindet, lassen die meteorologischen Erscheinungen, von der Theorie vergessen, eine prachtvolle Unordnung sichtbar werden“(2).

Diese Art „vom Denken vergessene Meterologie“ durchzieht den Film als roter Faden. Er windet sich um die Fragen der Protagonisten herum, verlässt aber auch die Leinwand und schwebt durch den Kinosaal, bevor er die Zuschauer einwickelt in ihren Versuchen, mit der Bilderflut fertig zu werden. Selten geworden ist es nämlich, dass ein Sitznachbar aufhört, sein Popcorn zu kauen und dass er sich sogar bemüht, leise zu atmen. All das, um sich andächtig den Wirkungen hinzugeben von ätherischen Lichtfiguren, tanzenden Algenwäldern, leuchtenden Sternenhaufen, fernen Galaxien, Vulkanausbrüchen, meterhohen Brechern an steilen Küsten oder fluktuierenden Wolkenformationen.

Ehrfurcht breitet sich aus und auch Trost im Angesicht der Möglichkeit zu solcher Mannigfaltigkeit - Möglichkeit, an der der Mensch Teil hat. Nicht nur die Unendlichkeit ist es also, die den Atem stocken lässt, sondern das Leben, das sich eben gerade auch in seiner Endlichkeit, seinem Verfall und seiner Destruktion darstellt. Martin Heidegger zeigt in den Vorlesungen aus dem Wintersemester 1929/30 Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit – Einsamkeit in einer an die romantischen Bilder Caspar David Friedrichs erinnernden Klarheit, dass die o.g. Erfurcht (hier Ergriffenheit genannt) im Angesicht des Existierenden über eine grundlegende Stimmung motiviert ist: „Was da in diesem Fragen und Suchen, in diesem Hin-und-her geschieht, ist die Endlichkeit des Menschen. Was sich in dieser Verendlichung vollzieht, ist eine letzte Vereinsamung des Menschen, in der jeder für sich wie ein Einziger vor dem Ganzen steht“(3).

Lebendigkeit, Endlichkeit, Tod. Diese Trias ist auch in „The Tree of Life“ im Motiv des gestorbenen Sohnes manifestiert. Die gläubige Mutter will das Opfer nicht verstehen, das ihr abverlangt wird, kann den Tod nicht in Verbindung bringen mit dem Weg der Gnade, den sie doch immer gegangen ist. Und auch der Vater fragt sich, warum die entrichteten Zehnten, regelmäßige Kirchgänge und fester Glaube nicht ausreichen für ein sorgenarmes Leben.

Das sind Fragen an die Religion, die ein jeder Kinobesucher nachvollziehen kann. Terrance Malick zeichnet eine Antwort, indem er klarmacht, dass es diese nicht geben kann. Sein ganzer Film zeigt, dass die Lebendigkeit selbst die Perspektive auf das freigibt, was Göttlichkeit sein kann. Schwerlich könnte diese in der menschlichen Sprache antworten, wohl aber in einer umfassenderen, deren Vokabeln wie Grammatik auch schon im Menschen sind. Die Rede ist vom Logos, so wie Heidegger ihn definiert: „Existieren als Mensch heißt schon: das Waltende zum Ausspruch bringen. Zum Ausspruch wird gebracht das Walten des waltenden Seienden, d.h. seine Ordnung und Satzung, das Gesetz des Seienden selbst“(4).

Der Logos ist also schon Bestandteil vom Menschen, allerdings erfordert er ein spezielles Hören, denn seine Sätze sind die Zeit, seine Buchstaben sind das Werden. Seine ‚Antwort‘ im Sinne des waltenden Seienden wäre nicht getrennt von der Frage, sie wäre keine Betrachtung eines Problems, denn wie sollte ein Gefüge, das die Identität von Sein, Vorstellung und Wirklichkeit ist, überhaupt ein solches ‚bemerken‘? Hierzu noch einmal der Vorsokratiker Heraklit, dem das offensichtlich schon klar war: „Zusammensetzungen sind Ganzes und Nichtganzes, Einträchtig-Zwieträchtiges, Einstimmend-Mißstimmendes, und aus Allem Eins und aus Einem Alles“(5).

Es ist in „The Tree of Life“ gelungen, das Poetische zu berühren. Die Bilder des Films erschlagen nicht, sie öffnen. Sie geben dem Zuschauer Zeit und nehmen sie ihm nicht. Sie lassen ihm Weite, damit er in das Eindringen kann, was sie nicht zeigen. Terrance Malick versucht immer wieder, die Beschränktheit des Films zu überwinden, in die Nähe zu gelangen, die Oberflächen zu durchstoßen. Damit meidet er den Geburtsfehler des modernen, apparategesteuerten Bildes, nämlich eine Fokussierung, die Manifestation der Einzelheit, das Streben nach der scharfen Abbildung. Um diese geht es eben gerade nicht, sondern vielmehr um das Vermengen und Verschwimmen. Mit der Poesie kann das Bild gerettet werden, indem es besiegt wird, in dem der Mensch über es hinweg und durch es hindurch steigt.

Die Natur, die Sterblichen und in gewisser Weise das Göttliche sind nach Heidegger gefügt in der physis und diese bedeutet das Wachsende: „Physis meint dieses ganze Walten, von dem der Mensch selbst durchwaltet und dessen er nicht mächtig ist, das aber gerade ihn durch- und umwaltet, ihn, den Menschen, der sich darüber immer schon ausgesprochen hat. Was er versteht - so rätselhaft und dunkel es im Einzelnen sein mag -, er versteht es, es naht ihm, trägt und erdrückt ihn als das, was ist: physis, das Waltende, das Seiende, das ganze Seiende“(6). Man könnte also noch viel schreiben über diesen Film. Besser ist es jedoch, ihn sich anzusehen und sich von den großen Fragen durchwirken zu lassen. Im Vollzug dieser Wirkungen nämlich findet das statt, was im Film thematisiert wird.

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Anm:
1. Heraklit: Fragmente; hrsg. von Snell, Bruno; München/Zürich 1995 [1989]; 33
2. Serres, Michel: Hermes IV. Verteilung; Berlin 1993 [frz. 1977]; 7
3. Heidegger, Martin: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit – Einsamkeit; Vorlesungen aus dem Wintersemester 1929/30; in: Gesamtausgabe Bd. 29/30; FaM 2004 [1983]; 12
4. ebd.; 40
5. Heraklit: a.a.O.; 9
6. Heidegger, Martin: a.a.O.; 39

Erschienen: TABULARASA

Der Blick auf das Wesen der Technik ...

In Zeiten des ökofundamentalistisch motivierten Wut- bzw. Angstbürgers von ‚Stuttgart 21‘ und Fukushima erlebt ein altbekanntes deutsches Motiv eine Renaissance - nämlich das der Technikskepsis. In diesem Zusammenhang wird oft das Denken Martin Heideggers zur Flankierung diverser Attacken in Stellung gebracht. Und tatsächlich scheinen seine Schriften um die 1950er Jahre herum davon zu strotzen, die Menschen vor dem vorstellenden Herstellen, der Machenschaft und der Ermächtigung durch das ‚Ge-stell‘ zu warnen.

Lässt sich die Bodenhaftung und Natursehnsucht, das Aufbegehren gegen das Maschinenzeitalter und dessen Rationalismen als ideeller Gravitationskern Deutschlands ausmachen und eine Linie ziehen von der Frühromantik um 1800 bis hin zu Heidegger? Sind wir auch heutzutage zufrieden nur unter den „Erlen“, die Friedrich von Hardenberg (Novalis) 1789 so zart beschrieb?:

Die Erlen.
Wo hier aus den felsichten Grüften
Das silberne Bächelein rinnt,
Umflattert von scherzenden Lüften
Des Mayes die Reitze gewinnt
...


Ja und nein, könnte die Antwort lauten, denn ein Faktum ist es auch, dass technische Produkte und vor allem Maschinen aus unseren Landen in aller Welt geschätzt werden? So hat Deutschland im Jahre 2009 rund 370 Milliarden € mit der Ausfuhr von Maschinenbau- und elektrotechnischen Erzeugnissen u. Fahrzeugen erwirtschaftet - das entspricht einem Anteil an Gesamtvolumen des Außenhandels von rund 46 % (Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2010).

Wie soll man damit umgehen, dass unsere europäischen Nachbarn sich mittlerweile verwundert fragen, was los ist mit den technikliebenden-techikfeindlichen und möglicherweise apokalypseversessenen Deutschen? Zur Erhellung dieses Themas mag ein neues Buch beitragen, dessen Autor aus dem Freiburger Philosophenzirkel um Günter Figal stammt. Sören Riis fragt sich in Zur Neubestimmung der Technik. Eine Auseinandersetzung mit Martin Heidegger, ob der schwäbische Großdenker nicht noch mehr zu bieten hat, außer dem gehobenen Zeigefinger.

Etwas holzschnittartig gesehen, könnte die Neo-Naturseligkeit aus der Annahme gespeist werden, dass der Mensch nur in die Umwelt, die nicht von ihm selbst geschaffen ist, perfekt integriert sei. Hier spricht die Sprache bezeichnenderweise von ‚Mutter Natur‘ oder ‚Schoß der Natur‘. Also, warum etwas an dieser uterinen Perfektion verändern? Das diese Annahme mit der Gegenwart allenfalls im Stadium des Selbstbetruges korrespondieren kann mag zeigen, dass auch ökofundamentalistische Großdemonstrationen über Smartphones und Social Media Anwendungen wie Twitter oder Facebook koordiniert werden, während man gerade einen Schluck Bio-Ingwertee aus der Hightech-Thermoskanne trinkt und vor möglicherweise andrängenden Wasserwerfern mit atmungsaktiver Multifunktionskleidung geschützt ist.

Was ist aber mit der Umwelt, die vom Menschen selbst gemacht wurde? Das Nicht- Naturgegebene bezeichnen wir üblicherweise als das Künstliche. Was künstlich ist, steht der Natur entgegen, denn es ist vom Menschen geformt und in die Welt gesetzt. Ist es nicht sehr waghalsig daraus zu schließen, dass das Künstliche allein deshalb den Erdling aus seiner ‚natürlichen‘ Lebensweise herausnimmt und ihn von sich selbst entfremdet? Die ‚Natur‘ dieses Planetenbewohners ist es doch, die ihn dazu befähigt, das Vorgefundene zu verändern. Die Welt erschließt sich vor allem uns Abendländern primär über das Benutzen und Gebrauchen und weit weniger über den asketischen-meditativen Stillstand.

So war es auch Heidegger, der in seiner fundamentalen Analyse den Menschen mit dem ‚Zeug‘ und in der ‚Zeugganzheit‘ verortete. Nicht umsonst dämmert hier ein konstruktivistischer Zug auf und mit diesem zusammen auch die Begriffe Werkzeug und Handwerk. Freilich geschah das hauptsächlich in Sein und Zeit von 1927, also noch vor den Erfahrungen einer entfesselten Kriegsmaschinerie, der effizient durchorganisierten Tötungen der deutschen, sowjetischen und chinesischen Diktaturen und vor allem vor den amerikanischen Atombombenwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Das Verharren in der Pro- oder Kontraposition zum Thema führt offensichtlich zu keinem Ergebnis. Vielmehr muss die Synthese her, denn Natur wie Technik verweisen beide auf das Wesen des Menschen - und zusätzlich steckt in der Künst-lichkeit die Kunst. Diese wiederum wies uns Abendländern über Jahrtausende den Weg zum Wahren, Guten und Schönen. Sören Riis steuert in seinem Buch diese Synthese an, indem er den Heideggerschen Dreiklang zwischen Natur, Technik und Kunst zum Tönen bringt. Die Rede ist hier von der Wiederbelebung der techné, also dem Versuch, sich der antiken Deutung einer zweckgerichteten Hervorbringung von Kunst, Handwerk und Wissenschaft aus einem gemeinsamen Geiste erneut zu versichern.

Grob lässt sich das Buch in drei Teilen erschließen, die sich hauptsächlich mit der vergleichenden Analyse dreier Schriften Heideggers befassen. Da wäre zunächst Sein und Zeit von 1927, dann Der Ursprung des Kunstwerks von 1935/36 und schließlich Die Frage nach der Technik von 1953. Da es zu hoffen ist, dass viele Ingenieure, Künstler und Nicht- Philosophen den Text lesen, ist es sehr sinnvoll, im ersten Teil gründlich in die Argumentationslinien und auch die Heideggersche Terminologie eingewiesen zu werden. So gerüstet, erschließt sich, warum Technik nicht nur weitere Technik hervorbringt, sondern auch den Menschen konditioniert, genau dieses zu tun.

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit Heideggers Versuch, die Fähigkeit zur Technik und auch zur Kunst in einem gemeinsamen Rahmen zu verorten, der über die Begriffe Wahrheit, Lichtung, Entbergung definiert wird. Das antike Denken der techné macht diese Fusion möglich. Diese ist jedoch nie abgeschlossen, sondern befindet sich im permanenten Wandel bzw. „Streit“ zwischen „Erde und Welt“ und auf der „Lichtung“ des menschlichen Verstehen, Entwerfens und Handelns. Das letzte Drittel der vorliegenden Arbeit erscheint zunächst als Zusammenfassung des ganzen Buches, gerät aber am Schluss zum Versuch, aktuelle Fragestellungen z.B. zur Gentechnik philosophisch zu verorten.

Wenn Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker, Künstler und auch alle anderen schöpferischen Menschen sich nicht nur mit der Frage begnügen, was oder wie sie etwas tun, sondern auch, warum sie es denn tun, dann sei dieses Buch empfohlen. Auch hilft Zur Neubestimmung der Technik. Eine Auseinandersetzung mit Martin Heidegger dabei, sich den Unterschied zwischen der Anwendung eines technischen Instruments und der Instrumentalisierung durch dasselbe bewusst zu machen. Eine mühelose Lektüre kann zwar nicht versprochen werden, aber eine lohnende – und auch eine, die die spezielle technikliebende-technikfeindliche, deutsche Balance verdeutlicht.

Erschienen in: TABULARASA

Über die Vielfalt spät-sowjetischer Architektur ...

Frédéric Chaubin ist der langjährige Chefredakteur des französischen Lifestyle-Magazins „Citizen K.“ und macht derzeit eifrig seinen neuen Bildband bekannt. Bis 2010 hatte er sieben Jahre lang den Raum der ehemaligen Sowjetunion bereist und dokumentierte das bauende Schließen eines Kreises. Die Erben dessen nämlich, was so enthusiastisch als russischer Konstruktivismus im Anschluss an die Oktoberrevolution von 1917 begann und im Blick auf das architektonische Potential keineswegs den Vergleich mit dem Weimarer „bauhaus“ scheuen muss, fanden offensichtlich zu ihren Wurzeln zurück.

Auf etwas über 300 Seiten sind im Großformat (26x34 cm) die beeindruckenden Fotos spät-sowjetischer Architektur von 1970 bis 1990 präsentiert. Dass es neben dem geneigten Seher auch dergleichen Leser gibt, hat man allerdings beim Einführungsteil vergessen, denn leuchtend rote Hintergründe eignen sich eher selten, um weißen Fließtext zu entziffern - aber das nur nebenbei.

In einem Video Interview erläutert Frédéric Chaubin, wie die Melancholie der Bauwerke ihn besonders ansprach. Er hat es geschafft, dieses Gefühl auch ins Buch zu bannen. Abgebildet werden fast durchweg Solitäre, also allein stehende Gebäude, die sich kraftvoll ihren Raum nehmen bzw. ihn geben. Das poetisch-melancholische Potential entfaltet sich in ihrem Genügen, als stumme Zeugen den Mut zum offenen Horizont zu markieren und dabei gleichzeitig bauliches Geleit menschlicher Tatkraft zu sein.

Die abgebildeten Häuser sind also nicht zuletzt dreidimensionale Belege für die Fähigkeit zur Lösung aus der Tradition einer religiös verbrämten Conditio humana. F. Chaubin dazu: „Diese Arbeit ist eine Hommage an ihre (die Architekten, CJG) Maßlosigkeit“. Hier sei einer der bekanntesten Konstuktivisten, nämlich El Lissitzky (1890-1941) mit einem Gedichtauszug von 1926 in Erinnerung gerufen: „Der Mensch ist das Maß des Schneiders. Aber Architektur messt an Architektur“.

Damit sind wir auch schon beim Kern angelangt. Was hier zu sehen ist, gibt es in unserer Gesellschaft wohl kaum noch: die Utopie. Und aus ihrem Verlust speist sich auch die Wirkung der fotografierten Bauwerke. Diese waren auf das Engste verknüpft mit der Technologie. Sie stand für die Kraft zum Künstlichen, die Kunst und Technik als Ingredienzien einer menschengemachten Ordnung neu synthetisierte.

Offensichtlich haben wir heutigen Bewohner des „Weltinnenraums des Kapitals“ (P. Sloterdijk mit gleichnamigem Buchtitel) uns mit einer Technik abgefunden, die die visuelle wie virtuelle Horizontqualität des allumfassenden Netzes über geschmeidige Smartphones oder durchgestylte Computer sicherstellt. Zu Zeiten der russischen Revolution und, dank F. Chaubins Arbeit sichtbar, auch am zeitlichen wie räumlichen Ende ihrer territorialen Ausprägung, begriff man die Technik noch härter, mahnender, architektonischer.

Drei Thesen zum Baugeschehen in der späten Sowjetunion werden im kundigen Einführungstext zu der Frage entwickelt, wie sich das utopische Erbe der russischen Konstruktivisten rund 50 Jahre nachdem Stalin „den pionierhaften Rationalismus“ beendete, neu entfalten konnte. Entweder handelt es sich hier um ein Verfallsgeschehen, das der Fantasie die Erinnerung an kreativere Zeiten erlaubte oder es gaben sich die abtrünnigen Republiken im Süden und Norden der Union ihre Symbole zur Nationenbildung oder drittens glich das phantastische Keimen einem geplanten Modernisierungsversuch und also dem Ausbruch aus einem rationalistischen Kessel der Normen, Regeln und Vorschriften. Denn, so macht der Autor klar: „Jede in der UdSSR geplante Baumaßnahme wurde durch den Staat in Auftrag gegeben und Experten anvertraut, die vom Staat ausgebildet wurden und nur für den Staat arbeiteten“.

Verwundert reiben sich die heutigen Betrachter die Augen über das Science-Fiction Potenzial der spät-sowjetischen Architektur. Auch hier lohnt der intellektuelle Sprung zurück. „Über das architektonische Dostojewskitum und anderes“ titelte Mitte der 1920er Jahre I. Wereschtschagin seinen Aufsatz und schrieb u.a.: „Gegenwärtig werden nicht nur neue Fabriken aufgebaut, sondern auch eine neue Kultur und ein neuer Mensch…Wir haben neue Bauerfahrung. Diese Erfahrung fordert ein neues Bewusstwerden. Neuer Wein darf nicht in alte Schläuche gefüllt werden.“

Folgerichtig verschmähten die Konstruktivisten antikisierende Maße, Zahlen und Proportionen und gaben sich stattdessen ihre eigene Ordnung, zu der es ebenfalls gehörte, die Erdanziehungskraft überwinden zu können. Auch weit nach dem Ende der avantgardistischen Blütezeit blieb das Weltall und die Raumfahrt eine Kontante in der Sowjetunion, was sich nicht nur 1961 an Juri Gagarin (1934-1968), dem ersten Menschen im Kosmos zeigte, sondern eben auch in der Architektur.

Dass ein kommunistisches Denken in einer christlichen Strukturverwandtschaft operiert und auf eine noch zu erreichende, bessere  (was immer das heißen mag) Welt ausgerichtet ist, dürfte nicht mehr ernsthaft umstritten sein. So verortet F. Chaubin die außerirdischen Ambitionen der Sowjetunion nicht nur im Wettlauf des kalten Krieges mit den USA, sondern auch als transzendenzgeschwängerten Mythos und bindet deren bauliche Blüten mit der Notwendigkeit der Massenversammlung zum Strauß einer „sowjetischen Liturgie“ zusammen.

„Cosmic Communist Constructions Photographed“ ist ein gelungener Bildband, der neugierig macht auf die noch zu entdeckte Geschichte eines Imperiums, das sich am Ende an seine Anfänge zu erinnern schien. Insofern wären die fotografierten Gebäude tatsächlich Platzhalter einer: „Macht, die illusorisch werden wird und deren Zerfall sich genau durch die zunehmende stilistische Diversität dieser Architektur manifestierte“.

Erschienen: AZ/Architekturzeitung

Von Ekstasen, Atmosphären und Prozessen ...

Es gibt Bücher, die machen einfach Spaß. Man nimmt sie öfter in die Hand als andere, dreht und wendet sie, blättert die Seiten wie im Daumenkino immer wieder schell ab und freut sich über den leicht artifiziell, aber nicht unangenehm duftenden Windzug, der dabei entsteht. Man lässt die Hände über den Einband geleiten, über Front und Rücken und empfindet es als angenehm, ein wenig samtenen Widerstand dabei zu spüren.

„Atmosphäre. Hypothesen zum Prozess der räumlichen Wahrnehmung“ lautet der Titel des Buches, das ohne gelesen zu sein, schon Spaß macht. Schlägt man es auf und fängt das Blättern an, empfängt einen auf 250 Seiten neben dem oben schon erwähnten eigentümlichen Duft, ein bilderreiches, gut layoutetes und rundum frisches Werk von Elisabeth Blum.

Sie war ebenfalls die Projektleiterin, die zwischen 2007 und 2008 das schweizerische Luzern zum Stadtlabor machte, in dem Wirkungen von Räumen und Objekten untersucht wurden. Aus dieser Forschung entstand auch das vorliegende Buch, das zum Ziel hat, in Interviews und Fallbeispielen den Begriff der Atmosphäre präziser zu fassen und ihn für die Gestaltungspraxis nutzbar zu machen. Besonders hervorzuheben ist der Versuch, Internet und Printmedien zu verbinden, so sind etliche Zitate und auch Bilder mit Hyperlinks versehen zum Online-Pendant.

Offenbar wird hier verwirklicht, was „künstlerische Forschung“ heißt. Mit dem Mittel der Kunst werden die für uns Menschen so nötigen Begriffe lebendig. Dass Wissenschaft anschaulich, assoziativ und atmosphärisch sein sollte, brachte schon Nietzsche auf den Punkt, indem er uns warnte vor: „dem Columbarium der Begriffe als Begräbnisstätte der Anschauung“ (Nietzsche, Friedrich: eKGWB; Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn). Es ist doch vielmehr so, dass die Kunst sich Problemen annehmen kann, bei denen der reduktionistische Akademismus versagt.

Menschen haben Teil an Atmosphären mit dem ganzen Leib. Leib steht hier als Drittes zwischen Objekt und Subjekt. Man betrachtet nicht bloß anderes, sondern ist simultan mitten drin im Eigenen, im Anderen, und in ihrem Dazwischen. Unsere Spezies ist begabt dafür, sich ansprechen zu lassen von dem Umgebenden. Gleichzeitig spricht ein Mensch dabei andere(s) ebenso an und wird so wiederum zum Atmosphärenstifter. Eine grandiose Sinfonie mit zahllosen Orchestergruppen, die in den prächtigsten Wirkungsfeldern miteinander interagieren - das ist die menschliche Verkehrsform.

Schon die Einleitung schlägt in diese Kerbe und stellt die collagenhaft wirkenden, szenischen Kombinationen von Bild und Text in die Inspiration von Roland Barthes Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“. In Bewegung und flüchtig will die Autorin ihr Thema halten. Sie will klären, ohne festzulegen. Ans Licht bringen, mit der Perspektive des Schattens. Zeigen, wie das „Ambivalente, mehrfach Kodierte, Überdeterminierte, dass zwischen den Disziplinen Oszillierende, Doppelbödige, Bodenlose, Imaginäre, Rätselhafte, Unheimliche, Angsteinflößende“ sich Raum greift.

Sieben Kapitel braucht Elisabeth Blum dazu, dem Leser klarzumachen, dass räumliche Wahrnehmung ein interaktiver Prozess ist. Wir Menschen können nicht anders, als wahr-zu-nehmen und uns dann zu bemühen, das Genommene zu verarbeiten. Die Verarbeitung geschieht nun wiederum in die andere Richtung. Sie ist ein Entwerfen, ein Stellen, ein Einrichten, ein Zurichten.

Die Art und Weise, wie sich entsprechende Zurichtungen oder Entwürfe begegnen, beschreibt das Erleben der Menschen in den jeweiligen Situationen und Orten. Welten oder, wie Frau Blum sagt „Wissensarchive“, können dabei aufeinanderprallen. Zur Be-wirkung verdammt, sind wir also den „Ekstasen“ der Dinge ausgeliefert. Farben, Gerüche, Ausdehnungen, Formen und Klänge stürmen auf uns ein und zwingen uns, ihre Anwesenheit zu quittieren. Hier verarbeitet die Autorin Gernot Böhmes Ansätze und seinen Klassiker „Atmosphären“ von 1995.

Jede Situation ist für jedes reflektierende Subjekt anders. Sie bestehen für einen selbst und erst recht für andere, die sie teilen, aus den sichtbaren „Ekstasen“, aber natürlich auch aus Ängsten, Träumen und Wünschen. Situationen bergen Unsichtbares also genauso, wie Sichtbares.

Wirklichkeit ist nicht allgemein verbindlich, sondern nur temporär und nur als Ausschnitt mit Eigen- und Fremdpräsenzen verbunden. Das Wichtige an der Wirklichkeit ist, DASS sie wirkt. Der Dialog tritt in diesem Konzept an die Stelle der Wahrheit. Ja, es gibt noch nicht einmal mehr viele Wahrheiten, sondern nur noch vorübergehende Entwürfe und Perspektiven. Konstruktionen, die sich begegnen und wieder verflüchtigen.

Die zweite Hälfte des Buches wendet sich der Frage zu, in welcher Weise die atmosphärische Prozessualität sich dialogisch entwickelt. Es werden zum Beispiel die Übergänge vom Sichtbaren zum Unsichtbaren untersucht oder Brückenschläge gemacht, um ein Eingeschlossenes sich übertragen lassen zu können. Wiederum an Nietzsche mit seiner „Architektur der Erkennenden“ erinnern die Schattendialoge mit Le Corbusier: „…Wir wollen uns in Stein und Pflanze übersetzt haben, wir wollen in uns spazieren gehen, wenn wir in diesen Hallen und Gärten wandeln…“ (Nietzsche, Friedrich: eKGWB; Die fröhliche Wissenschaft).

Nachdem Elisabeth Blum beleuchtet, wie Territorien markiert und Traumata topographisch manifestiert werden, streift sie am Ende ihres Buches das Prekäre und setzt damit die collagenhafte Suche in den dunklen und verdrängten Seiten der Wahrnehmung bis zur letzten Seite fort.

Das vorliegende Buch ist ein Weg. Man nimmt es immer wieder zur Hand, streift darin, denkt nach, verbindet die Zitate, die wie Aphorismen wirken mit den visuellen Botschaften und bewegt sich eher im Ungeschriebenen der Fließtexte. „Atmosphäre. Hypothesen zum Prozess der räumlichen Wahrnehmung“ repräsentiert damit sein Thema in einer schlüssigen Weise. Es entzieht sich lebendig, fruchtbar und im besten Sinne einer distanzierten Betrachtungsweise und lässt dabei Bezeichnendes und Bezeichnetes in eins fallen. Das kann nur gelingen, indem Prozess und Lebendigkeit sich im Buch selbst ereignen.

Erschienen: AZ/Architekturzeitung und ambiances.net und  Arch+ 203

Taking to the Streets ...

Mit Platon im Gepäck zeichnet Vilém Flusser in seinem Buch “Vom Subjekt zum Projekt” sehr anschaulich die Entwicklung der europäischen Stadt nach. Er sieht die Metropole in einem Wandlungsgeflecht, das gebildet wird von “Häuserraum (oike)”, “Marktraum (agora)” und “Kontemplationsraum (temes)”. Platon selbst war sich sicher, dass die Weisheit oder Theorie generell dominieren sollte. Ein Ideal freilich, das sich durch die Zeiten nicht gehalten hat, blicken wir doch heutzutage deutlich der Herrschaft des Marktraums ins gebaute Gesicht. Möglicherweise lassen sich aber die gegenwärtigen Proteste zu Media Spree, Stuttgart 21 und Flugrouten von BBI als Verschiebungen innerhalb des platonischen Dreiklangs deuten – nur dieses Mal in Richtung des Häuserraums.

Eine fernöstliche Momentaufnahme dieser Verschiebung leistet das Forschungsprojekt “Taking to the Streets”, das vom Lehrstuhl Günther Vogt an der ETH Zürich durchführt wird. Methoden der Aneignung öffentlicher Räume in Berlin, Shanghai, Tokio und Zürich stehen dabei im Interesse der Bauforscher. Mit Tokyo. Die Strasse als gelebter Raum wurde nun der erste Teil der Studienergebnisse veröffentlicht.

Von der Verweil- zur Pendlerkultur
In Teilen kommt das Buch als Art fundamentaler Stadtführer aus Architektensicht daher und lebt vom Staunen des Abendländers im Angesicht des Fremden. Besonders fallen die anderen Hierarchien der Straßen und Räume auf. Weit entfernt von unserer visuellen Zurichtung durch die Zentralperspektive fehlt in der japanischen Stadt auch die Abgrenzung von Außen und Innen, von Stadt und Land.

Alles scheint dicht geflochten und durch reine Bewegung bestimmt. Die Menschen auf den Straßen fließen förmlich in der polyzentrischen Struktur Tokios und werden von Zeit zu Zeit mittels aufgewerteter Durchgangsorte an Straßenkreuzungen und Bahnhofsquartieren bestenfalls ein wenig verlangsamt.

Bewegung und permanenter Wandel durchziehen also als Leitmotive das urbane Geflecht und scheinen sich auch zu spiegeln im unprätentiösen Umgang mit historischer Bausubstanz – an dieser wird in der Regel nämlich nicht festgehalten. Plätze, lauschige Ecken, typische Stadtmöblierungen wie Parkbänke, Mülleimer, Wasserspiele kennt man in Tokio bestenfalls aus westlichen Filmen und ersetzt eine nicht vorhandene, öffentliche Verweil- durch eine Pendlerkultur.

Vor dem Hintergrund, dass Stadtraum zum reinen Bewegungsraum wird, erscheint das geografische Zentrum Tokios umso faszinierender. Der kaiserliche Palastgarten ist nämlich eine verbotene Zone und gibt sich als Leer-Raum. Gleich einem schwarzen Loch wird die hektische, städtische Energie absorbiert und bildet die Korona um eine Stille und um ein antipodisches Zentrum der Zeitlosigkeit.

Anwohnerschaft vs. Vergnügungsklientel
Aber was genau sind die Aneignungslehren aus einer fernöstlichen Stadtkultur? Was lässt sich übertragen? Das Forscherteam der ETH Zürich sieht hier ein Modell für die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft, in deren Vollzug Stadtquartiere mittels verschiedener Funktionen wie Arbeit, Vergnügen, Kommerz, Wohnen (wieder) vermischt werden. Diese hohe Verdichtung trägt gemeinhin das Etikett “urbanes Wohnen”.

Wenn man in diesem Kontext die aktuellen Konflikte zwischen Anwohnerschaft und Vergnügungsklientel im Prenzlauer Berg oder auf der Kreuzberger Admiralsbrücke betrachtet und sich in die Probleme der Gentrifizierung begibt, taucht freilich die Frage auf, ob die postindustriellen Modell-Botschaften doch nur wieder der Erneuerung des Marktraumes dienen.

Hierzu noch einmal Flusser mit einer wenig schmeichelhaften Bewertung eines solchen Zustands: “Der Sieg der Konsumenten über die Politiker und Theoretiker, sei es in liberaler oder sozialistischer Form, muss daher als Herstellung einer idiotischen Zivilisation gesehen werden.”

Von Lustwandeln zu Guerilla-Lounging
Bleiben die Fragen nach der möglichen Dominanz des Häuserraums. Was könnte ein “Wohnen außer Haus” bedeuten? Kann sich dieser Prozess auch leicht und lachend die Bahn brechen wie zum Beispiel beim Guerilla Lounging oder muss sie bedeutungsschwer und kontrastiv oder gar militant daherkommen?

Wie fügt sich eine “Okkupation des alltäglichen Lebens” in die tradierte Verweilkultur (öffentliche Parks, Flaniermeilen etc.) der europäischen Stadt? Steht das Prinzip des Lustwandelns an solchen Orten nicht mit Selbstinszenierung in Verwandtschaft? Wirkt das normale Leben dort nicht geradezu obszön? Es könnte so einfach sein, aber reicht uns das Einfache, das Martin Heidegger in Sein und Zeit so treffend beschreibt: “Welt ist ein Charakter des Daseins selbst” ?

Erschienen: Berliner Gazette

Saana: Wie Leere und Gegend zusammenhängen ...

Noch bis zum 20. Januar 2011 ist im Berliner Architekturforum „Aedes“ eine Werkschau der diesjährigen Pritzker-Preis-Träger Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa zu sehen.

Die Ausstellung zeigt Projektmodelle aus dem Hause „Sanaa“ und ergänzt sich fruchtbar mit den Fotos des Bozeners Walter Niedermayr. Hier spricht sich augenscheinlich die mittlerweile schon ein Jahrzehnt andauernde gute Zusammenarbeit aus, so wird z.B. erst durch die Bilderserie zum „Inujima Art-House Project“ der Kontext der „Kunstinsel“ deutlicher, auf der die vorgestellten Häuser und Installationen wirken. Aber davon am Ende mehr.

„…Architekten können Architektur nicht ausstellen…“. Das ist ein Zitat von Kazuyo Sejima, die auch die diesjährige Architekturbiennale in Venedig kuratierte. Diese zeichnete sich bekanntermaßen dadurch aus, dass der Ort selbst das Ausgestellte war. Zugegeben, ein hoher Anspruch, der sich nicht überall umsetzen lässt. Tatsächlich sei der geneigte Besucher darauf hingewiesen, dass bei „Aedes“ die Assoziation „weißer Adler auf weißem Grund“ aufkommt, denn präsentiert werden weiße Modelle in einer weißen Halle. Mit einer Farbe, die eigentlich keine ist, haben wir allerdings eine wichtige Brücke in das Verständnis der Tokioter.

„…Weiss als solches gibt es nicht. Was es gibt, ist eine Empfänglichkeit dafür, weiss zu empfinden…“ leitet Kenya Hara das erste Kapitel seines Buches „Weiss“ ein. Nicht umsonst also verbinden die Japaner mit „Weiß“ auch die Leere und beanspruchen damit das, was zu allererst alles Erscheinende möglich macht. Man sollte sich also nicht damit begnügen, in „objekt-subjekt-gespalteter“ Manier der Abendländer Dinge zu betrachten, sondern dasjenige auf sich zukommen lassen, was über das Begegnende hinausweist. Das Nehmen im „Wahr-nehmen“ sollte in dieser Ausstellung wörtlich aufgefasst und versucht werden.

Nach Hegel ist das reine Nichts ein leeres, bestimmungsloses und reines Sein. Sein und Nichts sind dabei aber nicht dasselbe. Sie sind voneinander unterschieden, wenngleich ineinander verschränkt. Beide „Pole“ verschwinden in ihren jeweiligen Gegenteilen. Das Werden markiert dieses Verschwinden im Entstehen und Vergehen. Dieser kleine Ausflug in den deutschen Idealismus und Hegels „Wissenschaft der Logik“ mag zeigen, dass auch in der jüngeren europäischen Ideengeschichte die Leere in Verbindung mit dem Werden steht.

Auch der späte Heidegger zeigt in seinen Versuchen zur Überwindung der westlichen Erbkrankheit „Metaphysik“ die Nähe zum japanischen Denken. Im Aufsatz „Die Kunst und der Raum“ scheint er die Hegelsche Trias von „Sein, Nichts und Werden“ aufzunehmen, indem er in Abgrenzung zum physikalisch-technischen Raum bemerkt: „…Unentschieden bleibt, auf welche Weise der Raum ist und ob ihm überhaupt ein Sein zugesprochen werden kann…“.

Die Arbeiten von „Sanaa“ durchscheint ein roter Faden, der sich in den Themen „fließende Räume, Wirkung von Licht, Spiel von Transparenz und Materialität“ zeigt. Das Entscheidende dabei ist, dass die Architektur diesen Faden erst möglich macht, dass sie zu einer Art Medium gerät, durch das die Menschen in der Welt sind. Es geht also um Kommunikation und Interaktion von Mensch zu Mensch, zu Ding und zu Ort - und das auf fundamentalste Weise.

Auch hier bietet sich ein Verweis auf Heidegger an. In Bezug auf sein „Geviert“ markiert er ein anderes, nicht-eukildisches Verständnis von Raum. Raum kommt danach von Räumen und das heißt, Zulassen und Einrichten von Dingen in ihren Gebrauch. Das Räumen macht zu allererst den Ort möglich, denn er „…öffnet jeweils eine Gegend, indem er die Dinge auf das Zusammengehören in ihr versammelt…“. Architektur schafft also im ursprünglichsten Sinne „Möglichkeit zum…“ und bedeutet beileibe mehr als ein bloßer Akt von gebautem Ästhetizismus.

Die mediale Verfassung von Architektur kann auch in den Arbeiten von „Sanaa“ abgelesen werden, denn hier wird Bauen werdend und in dynamischem Wirkungsfeldern verstanden, in denen z.B. das Spiel von innen und außen, fließende Formen und Experimente mit Transparenz „räumende“ Charakteristika eines „Wohnens der Menschen in der Welt“ sind.

Nehmen wir z.B. das eingangs schon erwähnte „Inujima Art-House Project“ (Hier Fotos der Onlineausgabe von „domus“), das mit vier Modellen in der Ausstellung vertreten ist. Im Blick auf die weißen Exponate aus der Vogelperspektive mag sich nicht recht erhellen, was in diesem Entwurf außer Kontrastierung sprechen soll. Erst mit Blick auf die Bilderserie von Walter Niedermayr wird deutlich, dass es um Möglichkeitenkonstellationen geht, denn wie Anfangs erwähnt, ist die Leere nicht etwa Nichts, sondern ein Teilhaben des Menschen an Nichts und Sein bzw. deren werdend-vergehende Verschränkung.

Hier noch einmal ein Hinweis von Kenya Hara aus seinem Buch „ Weiss“, der helfen mag, „Sanaa“ und deren japanische Traditionen zu verorten: „…der leere Raum im Zentrum des japanischen Schinto-Schreins (…) ist nach dem grundlegenden Prinzip der Umarmung der Leere gestaltet…“. Wir haben es auch bei den „Art-Houses“ mit einer Weise von wahrnehmbaren Dynamiken zu tun, die sich jenseits aller technischen Bestimmbarkeit „entbergen“. Das „Noch nicht“ ist der Schlüsselgedanke hierbei, denn es schwingt immer schon Etwas mit. Es ist noch nicht da und dennoch da, abwesend und anwesend gleichzeitig.

Im „Aedes-Katalog“ steht zu lesen: „…Inujima ist eine winzige, von nur 50 Familien bewohnte Insel im Seto-Inlandsee. Das Art-House Projekt hat sich zur Aufgabe gestellt, diesen nahezu entvölkerten Flecken in ein “Museum” zu verwandeln (…) In ihrer Gesamtheit betrachtet, erwächst aus den Art-Houses eine neue Landschaft…“. Die entworfenen Häuser und Objekte verwandeln das Dorf tatsächlich, denn sie lassen Etwas zu, lassen zu, dass sich Neues oder Anderes zeigen kann. Sie scheinen ebenfalls Raum vom Räumen zu begreifen und machen auf diese Weise nicht nur Landschaft, sondern auch „Gegend“ möglich.

Erschienen: Arch+

Interview mit raumlaborberlin ...

CJG: Matthias Rick, Sie sind Gründungsmitglied des Berliner Planungsbüros raumlabor und präsentieren in der aktuellen Ausstellung „Realstadt. Wünsche als Wirklichkeit“ das Projekt „Eichbaumoper“. raumlabor versteht sich als Kreativennetzwerk. Welche Menschen mit welchen Themen versammeln sich bei Ihnen zum Arbeiten und wie haben sie sich gefunden?

MR: Wir gründeten uns 1999 und sind alle Architekten. Sechs von uns haben sich schon während des Studiums 1989 an der Technischen Universität Berlin kennen gelernt. Wir gliedern unsere Arbeit in kleine Arbeitsgruppen, d.h., es sind nicht immer alle acht Mitglieder an den Projekten. Jeder von uns verfolgt andere Schwerpunkte und Arbeitsstrategien. So bestimmt sich die Verteilung der anstehenden Aufgaben jedes Mal anders. Während der Erarbeitung eines Projekts suchten wir den Kontakt zu anderen Spezialisten, also zum Beispiel Künstlern, Soziologen oder Handwerkern. Wir selbst verstehen uns allerdings nicht als Künstler, sondern agieren auf vielen Feldern, in vielen Maßstäben und meistens in den Grenzbereichen der Architektur. Wir entwickeln Konzepte und wirken als Architekten, Kuratoren aber auch Stadtplaner. Was wir tun, ist schon sehr komplex, aber genau das begreifen wir als einen wesentlichen Punkt unserer Arbeit.

CJG: Im Projekt „Eichbaumoper“ hat das raumlabor sich einen schwierigen, vielleicht könnte man sogar sagen, einen Un-Ort ausgesucht. Einen technoiden Ort des Verkehrs jedenfalls, der menschenfeindlich wirkt. Nicht wenige Planer beschäftigen sich lieber mit gefälligen Aufgaben. Woher kommt Ihre Zuneigung zu den schwierigen Orten?

MR: Ja, auf jeden Fall. Schwierige Orte ziehen uns förmlich an. Es sind Gebiete, die aufgegeben sind, die in irgendeiner Weise liegen bleiben, die keine Beachtung finden. Oft sind es Orte, die zwischen verschiedenen Systemen, Zeitabschnitten oder Planungsideologien aufgerieben wurden und sich nicht anpassen. Orte eben, die übrig bleiben. Nehmen wir das Beispiel „Eichbaumoper“. Hier haben wir eine typische sog. städtische „Verschnittfläche“, also den Rest einer planerischen Infrastruktur- und Logistikdominanz, die das städtische Leben zu Gunsten des Verkehrs verdrängte. Kanäle, Eisenbahnstrecken und Autobahnen bestimmten dort lange Jahre den Lebensraum. In einer solchen Situation hat man jede Möglichkeit zum Experiment. Das ist sicher auch ein riesiger Vorteil von schwierigen Orten.

CJG:
Im „Eichbaum-Konzept“ fallen die Worte Vision und Erlösung. Auf welchen Horizont ist diese Vision ausgerichtet und hat sie bei Ihnen einen umfassenden Charakter? Will das raumlabor also etwas „heilen“, bzw. gibt es eine Vorstellung von dem, was das Bessere ist?

MR:
Das Wort Erlösung ist mir mittlerweile zu hoch gegriffen, denn wir sehen uns nicht als Heilbringer. Auch Lösungen kommen nicht mir nichts, dir nichts aus dem Hut. Wir versuchen eher, Strategien und Prozesse zu entwickeln, die den Leuten die Möglichkeit geben, mit ihren Orten umzugehen. Die „Eichbaumoper“ ist also auch nicht die Lösung für den Ort, sie kann aber dazu führen, dass die Anwohner in neu verstehen und ihn zurückholen in ihre Mitte.

Denn, obwohl er in der Vergangenheit ein aufgegebener und angstbeladene Raum war, ist er dennoch einer in ihrer Mitte. Einer, den sie nicht vermeiden können, weil sie täglich mit ihm umgehen. Die Geschichte des Ortes und die Geschichten der Leute haben wir zum Ausgangsmaterial genommen, um neue Perspektiven auf diesen Raum möglich zu machen.

Ganz oft beobachten wir, dass wir Orte und Situationen überfordern, indem wir die verschiedenen Denkmuster und Handlungsstrategien überkreuzen. Nehmen wir nur den Kunstbetrieb der Hochkultur, der sich auf einmal mit dem Alltag am „Eichbaum“ und dann auch noch mit dem hässlichen, anonymen und gewalttätigen Alltag konfrontiert sah. Diese Überforderung ist nichts Negatives. Sie provoziert im Grunde genommen dazu, etwas Neues zu finden, das keiner zuvor gesehen hatte.

Eine Vorstellung von dem, was das Bessere ist, haben wir also nicht. Eher eine Vorstellung davon, die Menschen in ihre Vorstellungen zu bringen. Bestenfalls haben wir es geschafft, den „Eichbaum“ wach zu küssen und aus seinem Dornröschenschlaf zu holen.

CJG
: Sie sind kein Architektur- oder Stadtplanungsbüro im herkömmlichen Sinne, sondern eher Experimentatoren, wobei Ihre Versuchsteilnehmer sich nicht nur aus Spezialisten, sondern gleichberechtigt auch aus den Bewohnern zusammensetzen. Mit welchen Konzepten oder Methoden machen sie die beteiligten „Planungslaien“ sprech- und handlungsfähig, damit qualifizierte Ergebnisse erreicht werden?


MR: Wir verwendeten für unsere Arbeit den Begriff „forschungsbasiertes Gestalten“. Der Architekt ist unserer Meinung nach nicht der Meister aller Klassen, sondern derjenige, der die verschiedenen Einflussgrößen kennt und zusammenhält. Letztlich geht es uns stets darum, mit der Stadt und den Bedingungen der Stadt angemessen umzugehen. Die Bewohner und Nutzer sind für uns ebenso Spezialisten, denn keiner kennt sich so gut mit der jeweiligen Situation aus wie diejenigen, die tagaus tagein mit Orten umgehen müssen. Wir können also wertvolle Informationen gewinnen über Geschichten, Ängste, Wünsche oder auch Defizite, die wie ein unsichtbares Geflecht über jeder räumlichen Situation liegen.

Nehmen wir wieder die „Eichbaumoper“. Am Anfang stand die Losung „Eichbaum muss Oper werden“. Das hörten die Leute und zeigen uns den Vogel. Aber gleichzeitig geschah das Denken, begann das Reflektieren. Über einen anfänglichen, kleinen Konflikt sind wir also ins Gespräch gekommen und die Zusammenarbeit konnte beginnen. Wir versuchen, die Schwellen zwischen Experten und Laien möglichst niedrig zu halten und gehen in den Dialog. Wichtig ist dabei, den Menschen Angebote zu machen und sie dort abzuholen, wo sie sind.

Am „Eichbaum“ haben wir z.B. mit der „Opernbauhütte“, einer Containerskulptur, einen Raum geschaffen, in dem Gespräche und Workshops stattfanden. Wir waren also anwesend und haben den Austausch gesucht. Das ist für den „Eichbaum“ unüblich, denn dieser Ort war eher durch das Gegenteil, also durch Abwesenheit, geprägt, weil die Leute so schnell wie möglich von dort weg wollten. Durchgang und Flucht haben wir durch unsere Präsenz unterbrochen. So konnte nach und nach Vertrauen wachsen, denn die Menschen haben gemerkt, dass wir sie ernst nehmen.

CJG: In letzter Zeit mischen sich immer häufiger Anwohner und Betroffene in Bauvorhaben ein, so gab es in Berlin den Widerstand gegen die Bebauung der Spree und aktuell gehen die Leute wegen des Stuttgarter Hauptbahnhofs auf die Straße. Wie beurteilen Sie diese Ereignisse? Handelt es sich um mediale Inszenierungen oder zeigt sich hier ein grundlegendes Defizit? Wie hätte das raumlabor die Menschen in Stuttgart in die Planungen integriert?

MR:
Mir fällt aus der Distanz eine Aussage schwer, wie und ob wir eine solche Eskalation hätten verhindern könnten. Allerdings begrüße ich die Veränderungen der Planungskultur in Deutschland sehr, die sich hier zeigt. Auch an den aktuellen Protesten gegen die neuen Flugrouten von „BBI international“ zeigt sich doch, dass den Leute das Vertrauen in die Politik abhanden gekommen ist. Ein öffentliches Plenum und die darin vollkommen transparent geführten Schlichtungsgespräche, die derzeit in Stuttgart laufen und in Echtzeit im Internet verfolgbar sind, halte ich für extrem interessant und wegweisend. Hier könnte ein Stück Vertrauen wieder gewonnen werden.

CJG: Mit dem, was sie „fetish relational objects” nennen, beschreiben Sie Impulse, die eine Art Initialzündung für Wandlungsprozesse geben sollen. Dieses Konzept ergänzen sie mit zwei anderen programmatischen Elementen, nämlich „transformed urban spaces“ und „situative narratives”. Könnten Sie das Konzept dahinter erläutern?


MR: In diesen drei Kategorien sortieren wir unsere Arbeit. Architekturen funktionieren oft als Art Attraktoren, die die Leute mit einer Situation verbinden. Überhaupt stehen Konstruktionen und Beziehungen im Mittelpunkt bei uns, den ohne Strukturen können Menschen keine Beziehungen aufnehmen. Wir analysieren also die Bedingungen eines Ortes und lassen sie in unseren Entwurf einfließen.

Hier schließt sich das Prinzip „situative narratives” an, in dem wir eine Geschichte entwickeln, in der der jeweilige Ort sozusagen erweitern wird. Dabei fügen wir nichts Fremdes hinzu, sondern markieren neue Möglichkeiten, die aus der Situation und den beteiligten Menschen selbst wachsen. Wir setzen uns also quasi dem Ort aus, entdecken Sachen und benutzen, was wir finden. Das sind Talente, Kreativität von Bewohnern oder auch Materialien. In einem Projekt in Halle haben wir beispielsweise Türen als Baumaterialien verwendet und die Komponisten am „Eichbaum“ fügten aus den akustischen und sonstigen Versatzstücken des Ortes die Oper. Dieses Prinzip greift nun wieder in das, was wir „transformed urban spaces“ nennen. Im Grunde sind diese drei Kategorien ein Zusammenspiel. Vom einzelnen Objekt über die Konstruktionen, Beziehungen und Geschichten bis hin zum größer gefassten, urbanen Wandlungskonzept spannt sich eine Art Handlungsbogen, in dem wir agieren.

CJG: Die Transformation oder Prozessualität scheint das Leitthema der Arbeit von raumlabor zu sein. Funktioniert Ihr spezieller Ansatz eines „forschungsbasierten Entwerfens“ in jeder Stadt oder ist es eher ein Metropolenthema?


MR: Man kann einen Prozess als etwas ganz natürliches sehen. Es gibt ihn immer dann, wenn eine Veränderung des Status quo vorgenommen wird. Es ist nicht wichtig, ob diese Veränderungen in Metropolen oder ländlichen Regionen geschehen. Prozesse sind nie zu Ende, sondern setzen sich endlos fort.

Ich denke auch, dass die Zeit der großen Pläne vorbei ist. Im Alltag der Stadt müssen sich die Architekten 1:1 mit der Situation vor Ort auseinandersetzen – und das ist alles andere als im stillen Kämmerlein überschau- und planbar. Durch enorme Wanderungsbewegungen der Menschen, neue Kommunikationsformen und hohe Mobilität verändern sich die Bedingungen der Stadt rasant. Hier kann kein langfristiger Plan mehr greifen, sondern nur ein integrativer Prozess, den die Planer anstoßen. Die Architektenzunft muss also noch stärker lernen, in den Dynamiken von Prozessen zu denken.

CJG: Matthias Rick, haben Sie besten Dank für dieses Interview!


Erschienen: Deutsche Bauzeitschrift (DBZ)

Realstadt: Wünsche, Prozesse und Erlösung ...

Mit dem Begriff „Stadtraumaneignung“ scheint sich derzeit ein großer Horizont abzuzeichnen, auf den verschiedene, gesellschaftliche Aktivitäten zulaufen. Nehmen wir nur die Proteste um das Berliner Großprojekt „Media Spree“ oder noch aktueller die Debatte um den neuen Hauptbahnhof „Stuttgart 21“.

In beiden Beispielen wird deutlich, dass Bewohner mitreden wollen bei der Gestaltung ihrer Lebensräume. Vorbei zu sein scheint also die bequeme Situation der Mächtigen, denn das Volk hat Vorstellungen und - es bringt sie zu Gehör. Möglicherweise schafft es die aktuelle Berliner Ausstellung „Realstadt“, den bislang eher retrospektiven Charakter in Form von Protest gegen das scheinbar Unvermeidliche in einen vorwärtsgewandten Diskurs umzuwandeln. Was dazu nötig wäre, ist eine gemeinsame „Sprache“ zu finden, zwischen Regierenden, Stadtplanern und -bewohnern, Architekten und Künstlern.

Um dieses Finden scheint es dem Kuratorenteam bei seinem „Schauvergnügen des Stadtkurses“ gegangen zu sein, denn die insgesamt 250 Architektur- und Stadtmodelle geraten zu einer Art Kommunikationsmittel.

„Städte sind aus Wünschen gebaut und von Wünschen durchlebt“ heißt es im Leittext der „Realstadt“, die noch bis zum 28. November zu sehen ist. Den Wunsch könnte man auch in unmittelbarer Nähe zur Utopie oder Vision sehen. Interessant ist, dass es hierzu vor kurzem ebenfalls eine Ausstellung gab. „Das ungebaute Berlin“ zeigte nämlich nicht realisierte Projekte zwischen 1907 und 1997 und geriet so ebenfalls zu einer Schau visionärer Kraft.

„Realstadt“ geht freilich einen Schritt weiter, denn hier gibt es nicht nur Utopien und Visionen von Architekten und Stadtplanern zu sehen, sondern auch von Studenten, Bürgerinitiativen oder Einzelpersonen. Mit dem Motto: „…Also ist entscheidend, dass Wünsche verhandelt werden. Im Interesse der Stadt, und in offener Auseinandersetzung…“ scheint die Ausstellung recht nah in den anfangs erwähnten Horizont einer „vorwärtsgewandten Stadtraumaneignung“ zu kommen.

Nicht nur auf dem Weg, sondern mitten drin in diesem Prozess ist das Berliner „raumlabor“, das eines seiner Projekte in der „Realstadt“ ausstellt. Mit der „Eichbaumoper“ sind die Architekten, Künstler und Stadtplaner des Kreativennetzwerks ganz ihrer Vorliebe für schwierige Umfelder gefolgt und übernahmen seinerzeit die künstlerische Leitung dafür, „…einen Ort, der sich allen pragmatischen Zugriffen widersetzt, durch eine Vision zu erlösen…“.

„…Eichbaum muss Oper werden…“ war der Leitgedanke bei der temporären Transformation einer gruseligen U-Bahnstation im Ruhrgebiet. Ganz sicher nicht übertrieben ist es, von einem typischen „Un-Ort“ der 1970er Jahre aus Beton und Verkehrslärm zu sprechen, für den ein Wandlungsprozess durch die Verbindung von Architektur, Theater, Musik und Stadt erreicht werden sollte.

Interessant ist, die ideengeschichtliche Spur von „raumlabor“ zu verfolgen, denn immerhin geht es um ‚Erlösung des Daseins durch Musik - also durch Kunst‘. Wenn der frühe Friedrich Nietzsche von der „Artisten-Metaphysik“ schwärmt, die die Welt als Kunst schafft und die das Dasein erscheinen lässt als „…die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten, Gegensätzlichsten, Widerspruchreichsten …“ (Nietzsche, Friedrich: Digitale Kritische Gesamtausgabe (eKGWB); GT-Selbstkritik-5), dann fühlt man sich erinnert an das schöpferische und zugleich pragmatische Bestreben von „raumlabor“, die reale Alltags- mit einer ‚überschreitenden‘ Kunstwelt zu verschmelzen.

Bei der „Eichbaumoper“ kam es aber auch darauf an, einen prozessualen Raum zu entfalten. Die schnöde U-Bahnstation diente hier offenbar nur als Art Katalysator, bei dem eingeschliffene Wahrnehmungsströme der Anwohner aufgelöst bzw. wieder in die Bewegung gebracht werden sollten.

Mit einem wahren Feuerwerk an Veranstaltungen wie „Eichbaumdetektor, Zeitungs-AG, Opernbauhütte, Klangraum, öffentlicher Kompositionswerkstatt oder temporärer Kunsthalle“ gelang es, in einer experimentellen wie spielerischen Weise, die Menschen in die gewünschte Interaktion zu bringen.

Hier eignete man sich tatsächlich die Stadt (wieder) an und geriet in den Sog der o.g. „Artisten-Metaphysik“. Wollte Friedrich Nietzsche allerdings einem Wirken jenseits von Gut und Böse die Lanze brechen und für ein bestimmungsloses, künstlerisches Handeln streiten, so ist der Befreiungsschlag heutzutage nicht gegen die Moral per se zu führen, sondern gegen eine obrigkeitsgewöhnte Stadtbaupolitik, die vorgibt, das Beste für Land und Leute zu kennen.

Gerade das Beispiel der lebens- und menschenfeindlichen U-Bahn-Station im Ruhrgebiet zeigt, wie sehr sich das vermeintlich Angemessene, Moderne und Richtige gegen diejenigen wenden kann, für die es doch eigentlich das Heil bringen sollte. Dem Anfangs erwähnten Horizont der „Stadtraumaneignung“ bleibt zu wünschen, dass er blühen und gedeihen möge und neue Planer hervorbringt, die die Menschen sprech- und handlungsfähig machen, damit sie ihre Städte in Teilen wieder selbst in die Hand nehmen.

Erschienen: Deutsche Bauzeitschrift (DBZ)

Der Flaneur in der Realstadt ...

Ohne die gelben Schilder mit der Aufschrift „Realstadt“ hätte der Nicht-Clubgänger (Tresor, ick hör dir trapsen) von heute den Eingang in die (jedenfalls von außen) unscheinbare Industriehalle des „Alten Kraftwerks Berlin Mitte“ wohl nicht gefunden.

Nur die enorme Gebäudehöhe lässt die Belohnung ahnen, die man erwartet, nachdem man per Velo die Heinrich-Heine-Straße ab Moritzplatz in Richtung Spree hinter sich gebracht hat. Nicht eben zu den schönsten Ecken zählt diese Gegend. Vorbei an Autoschlangen streckt sich die längste Platte Berlins etwa 1 km. Zu ihr gesellen sich ungepflegt wirkende Grünflächen und merkwürdige Gestalten mit mürrischen Blicken. Den Ausstellungstitel im Kopf, ist man hier tatsächlich mit einer „Realstadt“ konfrontiert, für die es eine Menge (Verbesserungs-) Wünsche gäbe.

Nach dem Betreten des „Alten Kraftwerks“ allerdings hat man augenblicklich das Gefühl, an etwas Atmosphärischem teilzuhaben oder vielmehr in ein Kontinuum zu gelangen, anstatt in eine schnöde Halle. Mindestens genauso interessant, wie die Ausstellung „Realstadt“ ist also ihr Ort!

Nach einigem Hin- und Her-Überlegen kommt die Assoziation einer Kirche. Ja, Säulen rechts und links, die graue Beton-Patina der Wände, eine stillstehende und verräumlichte Ahnung der Zeit, das sonore Stimmengeflecht, enorme Raumhöhen in einer mehrschiffigen, annähernd basilikalen Anlage und drei kreisrunde Lampen, die raumgreifend von der riesig hohen Deckenhalle hängen wie Monde.

All das erfüllt das „Alte Heizkraftwerk Mitte“ mit einer eigentümlichen und höchst wirksamen, transzendenten Note. Sonderbar ist die Vorstellung, hier eine Art Tempel der Technik im Gespür zu haben.

Noch einige Gedanken zur „Realstadt“ gegen den Strich gebürstet. Man kann sich schon fragen, ob Stadtplanung nicht viel mit Macht und Kontrollwillen zu tun hat, wenn man die 250 Architektur- und Städtebaumodelle der Ausstellung abschreitet. Was zeigt sich hier? Glaubt man denn wirklich, in einem Modell die Realität abbilden zu können? Glaubt man denn, dass die Vogelperspektive ausreicht, dem Leben nahezukommen? Glaubt man denn, dass Fachleute über Menschen entscheiden können, indem sie sie in einer Art Puppenhaus drapieren?

Wie passt die Schau von Stadtbaumodellen in den aktuellen Diskurs der „Stadtraumaneignung“? (siehe hierzu auch) Wären die Mächtigen und ihre Planer diesem Denken verpflichtet, müsste sie nämlich aus der Augenhöhe der Bewohner planen und nicht aus dem Vogelflug der Fachleute.

Unrecht sollte man dem Kuratorenteam der „Realstadt“ aber nicht tun, denn es scheint sich ernsthaft mit der Frage befasst zu haben, wie man eine gemeinsame Sprache findet zwischen Regierenden, Stadtplanern und -bewohnern, Architekten und Künstlern.

Notwendig, weil diskursfördernd, wirkt die Stadt im Modell also naturgemäß wie ein Spielzeug. Dieser kleinste gemeinsame Nenner hat positive wie negative Seiten. Positiv ist, dass im freien Spiel neue Möglichkeiten entstehen. Negativ, dass man die Stadt und ihre Bewohner zum Spielzeug macht.

Wo aber soll die Balance liegen zwischen Stadtplanung und Bürgerbeteiligung? Wo soll die Balance sich einpendeln zwischen Wildwuchs (z.B. illegale Müllverklappung in Neapel oder wilde Siedlungen in der Türkei) und einer durch die Mächtigen legitimierten Investorenwillkür, die nur nach der Rendite schaut?

Das Gefährlichste ist, dass man der Meinung sein könnte, das Ganze zu fassen. Das ist nämlich das Problem der Vogelperspektive. Wir sehen nie das Ganze, sondern immer nur einen Teil und dieser Teil ist nur für eine gewisse Zeit beschrieben.

Weil der begriffs-abhängige Diskurs nicht nur der Abendländer Segen, sondern auch ihr Fluch ist, ist er notwendig immer auch falsch beschrieben: „…Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem grossen Columbarium der Begriffe, der Begräbnissstätte der Anschauung…“ (Nietzsche, Friedrich: Digitale Kritische Gesamtausgabe Werke und Briefe)

Erschienen: AZ/Architekturzeitung

Virtual Reality in der Architekturplanung ...

Die letzten 10 Jahre
Mittlerweile hat sich auch bei naturgemäß konservativ denkenden Ingenieuren das Bild von Virtual Reality gewandelt und Sätze wie „Was soll die Spielerei?“ oder „…das hat mein Sohn in seinem Kinderzimmer auch…“ gehören der Vergangenheit an.  Diese Wandlung allerdings hat rund 10 Jahre gedauert. In einer Dekade haben sich die Werkzeuge der Bauplaner auf dem Weg in ihre Digitalisierung gemacht.  

Die ersten CAD-Anwendungen orientierten sich noch sehr an den bekannten Arbeitsabläufen. Es wurde quasi die Papierzeichnung lediglich nachgeahmt und die Maus ersetzte den Tuschestift. Digitale Werkzeuge waren also noch stark an eingefahrenen Denkmustern orientiert und ihr Potential für die Planungsprozesse wurde bei Leibe nicht ausgeschöpft. 
 
Nach und nach begann man mit 3D-Modellierungen, simulierte Flüge durch die Räume und rund um die Häuser oder quälte seine Rechner die halbe Nacht, um hoch aufgelöste Renderings zu bekommen. All das ist mittlerweile alltägliche Planungsrealität.
 
Heutzutage geht es allerdings nicht nur ums „schön machen“ für den Bauherrn oder die Wettbewerbsjury, denn die dreidimensionalen Modelle bieten eine Menge mehr Potential. Mit ein und denselben Daten können unterschiedlichste Sichten auf die Planung erzeugt werden. Soll heißen, dass das Datenmodell mittlerweile hauptsächlich der Arbeitsebene dient und nicht nur der bloßen Optik. Alle Grundrisse, Schnitte, Ansichten, Perspektiven werden automatisch ableitbar und können natürlich auch in Papierform geplottet werden. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, die Daten digital über Internet mit anderen Partnern auszutauschen.

Zwischenschritt auf dem Weg der Entwicklung im Bauplanungswesen ist die 3D-Stereoprojektion. Mit speziellen Klarsichtbrillen, in die Polarisationsfilter integriert sind, kann ein 3D-Modell mittels Beamer und transportablem Screen wahrgenommen werden. Streng genommen hat man es bei diesem Verfahren allerdings noch mit einer „bloßen“ 2D-Abbildung von 3D-Szenerien zu tun. 
 
Deutlich weiter ist da die „CAVE-Technik“, denn hier steht der Betrachter mit seinem ganzen Körper in einem 3D-Raum. Das Wort steht für „Cave Automatic Virtual Environment“. Eine Szenerie wird darin mit Hilfe von Beamern auf vier Wände, die Decke und den Boden einer Kammer projiziert. Es entsteht durch entsprechende Hard- und Software eine dreidimensionale virtuelle Realität. Eine spezielle Brille kann die Stellung des Kopfes in Verbindung bringen mit dem Ort in 3D-Modell. Doch davon am Ende mehr. 
 
In den nächsten Jahren wird es sicher noch weitere „Consumer-Ansätze“ geben, die für die Bauplanung adaptierbar sind. Hier wären der 3D-Film zu nennen oder auch das direkte Aufprojizieren von virtuellen Szenarien auf reale, räumliche Situationen (sog. Augmented Reality). 
 
Nützlichkeiten

Für den ein oder anderen stellt sich die Frage, was für einen Nutzen 3D der Bauplanung bringt, denn natürlich kann man auch heute noch mit dem klassischen Planungsansatz (2D) hervorragende Ergebnisse erzielen. Warum also der ganze Aufwand? 
 
Wie immer, ist es eine Frage der Abwägung: Was hat ein Unternehmen für Aufträge? Welche Komplexität gilt es im Projekt zu beherrschen? Wie viele Planer müssen in den Prozess integriert werden? Kommuniziert man über große Distanzen hinweg? Hat man genügend Mitarbeiter zur Verfügung? Gibt es Zeitdruck? Diese und noch andere Fragen bilden die Grundlage der Entscheidung für oder gegen 3D bzw. Virtual Reality in Planungsbüros. 
 
Unstrittig ist mittlerweile jedoch, dass ein konsequenter und nutzenorientierter Einsatz von 3D-CAD effizienter ist. Auch wenn der Aufwand zu Beginn eines Projektes erst einmal höher erscheint, liegen die Vorteile auf der Hand: Es entstehen z.B. viel weniger Brüche in der Planung. Bereits vorliegende Daten können einfacher weiterbenutzt werden, z.B. für das Facility Management. Man denke ebenfalls an die vielen automatischen Auswertungen, wie Tür- und Stücklisten sowie Raumbücher für Kostenberechnungen. 
 
Gerade der Vorteil, dass man aus einem 3D-Modell eine fast beliebige Anzahl von Schnitten erzeugen kann, bietet die Möglichkeit, ganz andere Komplexitäten zu beherrschen. Auch für den versierten Konstrukteur, der wie selbstverständlich mit 2D-Plänen, Schnitten und Ansichten arbeitet, sind 3D-Modelle das Mittel der Wahl, um komplexe dreidimensionale Zusammenhänge zu handhaben. 
 
Ein weiterer, ganz wesentlicher Faktor ist die Kommunikation. Die nämlich mit dem eigenen Team, den Fachplanern und Kunden. Durch den Einsatz von 3D-Werkzeugen ist der Abstraktionsgrad für den Betrachter wesentlich geringer und er kann sich auf das Wesentliche, nämlich die Räume, konzentrieren. Dies wird besonders beim Einsatz von virtuellen Realitäten deutlich: Viele Bauherren erleben einen echten „AHA-Effekt“, wenn Sie ihr Gebäude begehen können, noch bevor der erste Stein gesetzt ist. So erhöht man die Planungssicherheit und beugt Nachbesserungen vor.
 
Verschwiegen werden sollte hier nicht, dass die Vereinfachung auf der einen Seite ergänzt wird durch eine weit anspruchsvollere Planung. Der zuständige Konstrukteur muss in seinem 3D-Modell nämlich alle Details genau durchdringen und die technischen Prämissen beziehungsweise Anforderungen berücksichtigen. Das geht nur mit gut ausgebildetem Personal, das gewerkeübergreifend mitdenkt. 
 
Weit weg ist man bei so einem Ansatz also davon, den technischen Zeichner oder Konstrukteur als bloßen Erfüllungsgehilfen zu sehen. Ganz im Gegenteil wächst er in die Rolle des Beraters, denn durch sein Know-how sieht der Konstrukteur als erster die möglichen Probleme. Alle Mitglieder der Planungskette optimierten gemeinsam und permanent den virtuellen Bau weiter. Das mag für manchen fremd erscheinen und bricht mit dem herkömmlichen Rollenspiel im Bauprozess. 
 
Auch an anderer Stelle werden neue Spezialisten gebraucht bzw. entstehen neue Berufsbilder, denn die Schnittstelle von Informatik und Architektur wird wichtiger denn je. So sollte ein Programmierer, der für einen Architekten ein spezielles Problem zu lösen hat, eben wissen, in welchem Kontext er sich bewegt. Es sind nicht wenige, sondern viele Variablen zu managen und viele verschiedene Fachleute unter einen Hut zu bringen, will man der Vision von einem effizienten 3D-Planen gerecht werden. 
 
Zusammenarbeit
Die Vision vieler Planungsbeteiligter ist der durchgängige Einsatz des sogenannten „Building Information Model“ (BIM). Man baut darin quasi digital vor und alle Gewerke (Architektur, Tragwerksplanung, komplette Technische Gebäudeausrüstung, Prozesstechnik, Innenarchitektur, Garten- und Landschaftsplanung etc.) werden innerhalb eines einzigen 3D-Modelles abgebildet. 
 
Planer können redundante Arbeitsschritte durch bessere Zusammenarbeit sparen, ein Statiker z.B. auf die Arbeit des Architekten aufbauen und seine Ergebnisse wieder zurückfließen lassen. Über Rollen- und Rechtemodelle in der Software kann man genau festlegen, wer welchen Gebäudeabschnitt bzw. welches Gewerk zu verantworten hat und diesen auch bearbeiten darf.
 
Die Zugewinne im „BIM“ liegen auch darin, dass in der Frühphase eines Projekts, also dann, wenn die Baustelle noch in weiter Ferne liegt, ein hoher Detailierungsgrad dafür sorgt, dass die Aufgabe klar umrissen wird und das Projektteam eine belastbare Diskussionsgrundlage hat. Mögliche Planungskonflikte, Anpassungen und Veränderungen am Baukörper geschehen zu diesem Zeitpunkt nahezu kostenneutral.
 
Neben dem geometrischen Modell können auch die sogenannten Meta-Daten mit Objekten verbunden werden. So wird z.B. eine Tür versehen mit Informationen wie Brandschutzklasse, Material, Montageanleitung, Farbe, Schließzylinder etc. Alle Planungsdaten sind also intelligent organisiert, digital verwaltet und für unterschiedlichste Folgezwecke zu nutzen. Hier sei als Beispiel der Gebäudebetrieb genannt, in dem alle Einrichtungsgegenstände (Möblierung, Tische, Stühle, Technik, Teppich etc.) per RFID-Technik mit Möglichkeit zu Einzelortung versehen werden können.
 
Das Internet, die Versorgung mit Breitbandnetzen und die mobile Zusammenarbeit rücken das „BIM“ mittlerweile immer mehr ins Zentrum der Planung. War es vor einigen Jahren noch unabdingbar für eine gute Kommunikation, dass man im selben Gebäude an einem Projekt plant, werden die Möglichkeiten der virtuellen Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen immer besser und praxistauglicher.
 
CAVE
Effizienz ist nicht das einzige 3D-Plus, denn die Förderung einer guten Kommunikation, wie sie die körperliche „Begehung“ der Planungsergebnisse in einem virtuellen Raum, einer „CAVE“,  ermöglicht, kann Wunder wirken. Oft sind es nämlich die Stimmungen, die zum Erfolg eines Projektes beitragen. In einer „CAVE“ finden die Beteiligten meist ganz intuitiv zueinander, so können z.B. mögliche Kollisionen von Rohren erkannt, andere Missverständnisse geklärt bzw. Lösungsansätze erarbeiten werden. Auch der Dialog mit dem Nutzer gestaltet sich einfacher, denn schon vor der Realisierung des Baus kann er beurteilen, ob z.B. seine Labormöbel sinnvoll angeordnet sind und alle spezifischen Arbeitsabläufe ihre grundrissliche Entsprechung finden.
 
Dienstleistung trifft Forschung
Manche Unternehmen haben nicht nur die Zeichen der Zeit erkannt, sondern beteiligen sich auch aktiv an der Weiterentwicklung von 3D-Planungswerkzeugen für das Bauwesen. So zum Beispiel der Aachener Generalsplaner „Carpus+Partner AG“ zusammen mit dem ortansässigen „CAVE“-Betreiber „Virtual Reality Center Aachen“ der RWTH und dem IuK- Technologiedienstleister „formitas“.
 
Ziel der Zusammenarbeit ist eine dauerhafte Integration der 3D-Werkzeuge in den Planungsalltag. Ganz praxisorientiert arbeiten Projektteams die typischen Probleme ab. So wurden z.B. die Kollisionsprüfung komplexer Verrohrungen in hochtechnisierten Gebäuden simuliert, effiziente Strategien von Planungsabläufen entwickelt bzw. erprobt oder die  Integration der Bauherren optimiert.
 
Im Rahmen eines neuen Forschungsprojektes wird zusätzlich das Thema „Dienstleistungen im industriellen Bauprozess” betrachtet. Die digitalen Werkzeuge haben in den letzten Jahren schleichend den Bauprozess verändert und eine angemessene Reaktion bzw. Anpassung bei Zulieferern, Dienstleistern, Planern und Handwerkern ist bislang ausgebleiben. Sicher ist schon jetzt, dass es große Effizienzsteigerungen gibt, aber auch die Notwendigkeit neuer Dienstleistungen.
 
Ausblick

Im Bauplanungssektor zeichnet sich eine Entwicklung ab, die parallel läuft zum großen Trend einer Digitalisierung sämtlicher Informationen. Die Realität bildet ihr virtuelles Gegenstück (z.B. Medien oder Produkte) und erweitert die menschlichen Handlungsmöglichkeiten. Das oben erwähnte „Building Information Model“ (BIM) wird daher in nicht allzu ferner Zukunft zur Selbstverständlichkeit werden für jedes, wirklich jedes, Gebäude.

Erschienen: Virtual Reality Magazin

„Stuttgart 21“ und Heidegger ...

Vor kurzem war in der „Süddeutschen Zeitung“ ein interessanter Artikel zu lesen. „Hauptbahnhof Heidegger“ hieß der kurze Text, den der in Bamberg lehrende Philosoph Christian Illies zum aktuellen Protest gegen das Bauprojekt „Stuttgart 21“ schrieb.

Sehr richtig beginnt der Autor damit zu fragen, wo der Bürgerprotest gegen den Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1960er und 1970er Jahre war, der unsere Welt (und nicht nur die deutsche) maßgeblich negativ beeinflusst hat.

Welcher Baugeschichtsbuch-Leser hat sich nicht schon gegruselt beim Anblick einiger Entwürfe aus den 1920er und 1930er Jahren, als „Brutkästen“ geplant wurden, die Transistoren oder Widerständen auf einer Elektroplatine gleich, einen Menschen zurichten sollten auf sein „Gelebt-werden“ (1) im Zuge der „uneigentlichen“ (1) Ermächtigung des „Man“ (1) einer sich abzeichnenden Industriegesellschaft.

Wohlgemerkt, war der Ästhetik-GAU seinerzeit mit den besten Vorsätzen argumentiert, denn es ging um Luft, Licht und Sonne für jeden, also um „soziale Gerechtigkeit“…Hier ein schöner Artikel aus dem Goethe-Institut zum Thema: „Entwicklungsfähig: Weltkultur Wohnblock“

Mit dem Zitat: „…Martin Heidegger, dessen Einfluss auf die Philosophie der Architektur kaum überschätzt werden kann…“ hat der Autor vollkommen recht, wenn er langsam auf den Kern seines Textes zuläuft. Dieser Kern verdeutlicht sich mit einer bedeutenden Stellung der Baukunst bzw. ihrer „Sinn-Offerte“ für die Menschen, also einer imaginären Dimension der geformten Architektur – soll heißen, es zeigt sich, was gebaut werden will.

Heutzutage stellt man sich freilich die Frage, wer darüber entscheidet, was gebaut werden -respektive sich zeigen- will. Kaum ein Investor fragt sich, was die Architektur den Menschen zu geben vermag; er wird sich eher für vermietbare Flächen und Renditen interessieren. Manchmal kommt es vor, dass sich ein Geldgeber mit einer zeitgemäßen und imagefördernden Idee schmücken will - dann spricht man vielleicht von „Corporate Architecture“ und verkleidet Kommerz mit einem Authentizitätsanspruch.

Bezeichnend ist auch, dass heutzutage wie selbstverständlich von Investoren gesprochen wird und nicht mehr von Bauherren oder Auftraggebern. Eine nebulöse Gruppe von Entscheidungsträgern baut und keine einzelne Person. Verantwortlich für die Wirkung des gebauten Ergebnisses ist dann natürlich auch nur eine ungreifbare Gruppe, die verschmolzen ist in einem Wirkungsgefüge, das sich selbst genügt.

Es zeigt sich also der „Zeitgeist“, der irgendwie unsichtbar und trotzdem allmächtig zu sein scheint. Um noch einmal mit Heidegger zu sprechen: „Man“ (1) baut eben heutzutage so.

Bevor nun aber eine Abrechnung mit der „kapitalistischen Weltordnung“ aufdämmert, sollte der geneigte Leser noch einmal an den Beginn dieses kleinen Gedankenganges zurückspringen und sich daran erinnern, dass auch im Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1960er und 1970er Jahre der Zeitgeist mitschwang - und dieser war nicht primär kapitalistisch, sondern eher sozialistisch eingefärbt. Wer im Glashaus eines kulturellen Konstruktivismus sitzt, sollte sich also auch hier hüten, mit Steinen zu werfen.

„Hat das technisch Machbare noch einen Sinn und Nutzen oder wird es zu einem Selbstzweck?“. Christian Illies fragt hier merkwürdig unentschiedenen, denn die Worte „Sinn“ und „Nutzen“ entstammen genuin dem technischen Denken, das auf Effizienz, Logik und Rationalität gegründet ist. Die Frage, ob technisch Machbares Sinn und Nutzen hat, scheint daher keine Alternativen anzusteuern und kaum beantwortbar zu sein.

Oder markiert der Autor hier den großen Bruch mit der technologischen Zurichtung des europäischen Menschen? Um mit Heidegger zu denken, das Ende der „verborgenen Macht “, die das Verhältnis des Menschen zu dem, was ist, bestimmt?: „…Die Natur wird zu einer einzigen riesenhaften Tankstelle, zur Energiequelle für die moderne Technik und Industrie. Dieses grundsätzlich technische Verhältnis des Menschen zum Weltganzen entstand zuerst im 17. Jahrhundert und zwar in Europa und nur in Europa (…) Die in der modernen Technik verborgene Macht bestimmt das Verhältnis des Menschen zu dem, was ist. Sie beherrscht die ganze Erde…“ (2)

Wo also sind die Alternativen verortet, die am Ende des Widerstandes gegen „Stuttgart 21“ stehen? In Natursehnsucht oder Kleinstadtidyll vielleicht? Oder geht es um den Widerstand an sich, um die Wehr gegen die finanzkräftigen Vollstrecker des aktuellen „Man“ (1)? Werden überhaupt Alternativen markiert? Dämmert also etwas Grundlegendes auf, das auf ein „eigentliches“ (1), wahrhaft selbstbestimmtes Subjekt deutet? Nur dann käme man weiter mit einer fundamentalen Betrachtung, die sich am frühen Heidegger orientiert. Nur dann könnte dem „Gerede“ (1) ein Schnippchen geschlagen werden.

Im Regen lässt uns der große deutsche Denker nämlich nicht stehen. Er bietet vielmehr in seinem Spätwerk mit dem, was „Gelassenheit“ meint, einen Weg aus der Misere des „Man“. Das, was sich in der Technik zeigen will, hat seinen Rang und seine Würde. Es mag kollidieren mit tradierten Sehnsüchten nach Überschaubarkeit, nach Bodenständigkeit und Solidität, aber es ist dennoch relevant.

„Dass“ solches passiert, hat also seinen Wert: „… die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen. Sie gewähren die Möglichkeit, uns auf eine ganz andere Weise in der Welt aufzuhalten. Sie versprechen uns einen neuen Grund und Boden, auf dem wir innerhalb der technischen Welt, ungefährdet durch sie, stehen und bestehen können…“ (3)

Zum Schluss sollte noch einmal das „Gerede“ in dem Blick kommen. Das nämlich, was dem „Stuttgart 21“-Medienkonsumenten aufgetischt wird, ist nichts anderes. Es ist der sonore wie betäubende Klang eines „Gelebt-werdens“ (1) im Heideggerschen Sinne. In-formiert-sein spricht aus sich selbst, denn es geht um das in die Form bringen (nicht zuletzt) der Empfänger.

Mit einer gehörigen Portion Skepsis sollte man also die Berichterstattung verfolgen, denn wer kann mit Bestimmtheit sagen, nicht einer Inszenierung, einer medialen Konstruktion zu erliegen? Zeigt sich hier wirklich etwas Fundamentales oder nur die rührige wie telegene PR-Arbeit einiger Aktivisten?

Die Diskussion pro und contra „Stuttgart 21“ scheint eine pragmatische, rationale, logische zu sein. Es geht um Arbeitsplätze, Infrastruktur, Stadtentwicklung, Verkehrsentlastung, europäische Mobilitätskonzepte, Baumbestandsschutz etc. Hier eine übersichtliche Aufstellung der Argumente.

Die Debatte bewegt sich damit im Spielfeld des Zeitgeistes, nicht mit dem Blick auf denselben und erst recht nicht in Abhebung von ihm. Eine intellektuelle Kirche sollte also in diesem Fall im Dorf bleiben und Martin Heidegger erst dann auf die Kanzel bemüht werden, wenn die Zuhörer das „Gerede“ leid sind und die nötige „Gelassenheit“ um sich greift.

Anm.:
1. Die gekennzeichneten Begriffe sind aus einer der Heideggerschen Schlüsselschriften, die für philosophieinteressierte Architekten zur (freilich nicht mühelosen Lektüre) empfohlen werden kann: Heidegger, Martin: „ Sein und Zeit“; Gesamtausgabe Band 2; Frankfurt am Main 1977
2. Heidegger, Martin: Gesamtausgabe Band 16; Frankfurt am Main 2000; S. 523
3. Ebd.; S. 528


Erschienen: AZ/Architekturzeitung

Gedankengang durch das ungebaute Berlin ...

Es gibt manche Titel, die sofort neugierig machen. So auch der der Ausstellung: „Das ungebaute Berlin” .

Geht von dem „Un“ im Wort nicht eine starke Anziehungskraft aus? Wird hier denn nicht ein Nerv unserer Zeit getroffen? Weist dieses „Un” nicht auf das hin, was hätte sein können, macht es nicht eine Möglichkeit auf, weißt es also nicht auf eine -womöglich bessere- Zukunft hin?

Derartig sensibilisiert fällt der Weg zum Café Moskau in Berlin-Mitte nicht schwer. Der Übertritt in die Ausstellung verlangt allerdings einiges von einem ab. Zunächst nämlich, innezuhalten, damit man durch die Litanei von Zeichnungen nicht „erschlagen“ wird.

Mit teilweise verwirrten Blicken, die zwischen den Wänden und dem in der Hand liegenden Blatt Papier, auf dem 100 Positionen verzeichnet sind, wechseln, versucht der geneigte Besucher, sich zu orientieren.

Irgendwann hat man es dann verstanden und kann die Nummerierungen der Exponate den angegeben Beschreibungen von 1. (Joseph Maria Olbrich: Pariser Platz 1907) bis 100. (Peter Zumthor: Topographie des Terrors 1997) auf der Liste zuordnen. Dennoch verfliegt der Eindruck der Unübersichtlichkeit nur zäh.

Mit dem Katalog erschließt sich die Ausstellung besser und schneller. In ihm nämlich tauchen die Exponate von 1907 bis 1997 chronologisch geordnet wieder auf und sind mit einem Text versehen. Von diesem Erfolgserlebnis beflügelt, nimmt der Besucher dann auch die DIN A4-Ordner besser wahr, die auf den Tischen vor den Hängungen liegen und deren thematische Gruppierung deutlich werden lassen (die „Stadt als urbane Großform“ oder die „Stadt als Landschaft“).

Möglicherweise auch dem attraktiven Ort geschuldet (direkt gegenüber vom Kino International) strömen erfreulich viele Besucher in die kleine Ausstellung. Auffallend ist die Mischung, denn viele junge Leute (wahrscheinlich Architekturstudenten) stehen neben älteren Menschen, wahrscheinlich Rentnern und wahrscheinlich Anwohnern, die sich darüber freuen, endlich wieder Aktivität im Café Moskau zu erleben.

Einige Worte noch über das Ausstellungskonzept. Es könnte mit „ambitioniert” beschrieben werden. Hat man nämlich die Unübersichtlichkeit im ersten Geschoss hinter sich gelassen und die Wendeltreppe nach unten gefunden, steht man unversehens einem geheimnisvoll anmutenden Berliner Stadtplan gegenüber. Geheimnisvoll deshalb, weil Berlins Strukturen ausradiert (nämlich weiß) dargestellt sind und nur die ungebauten Entwürfe auftauchen.

Diese De-Kontextualisierung hat freilich ihren großen Reiz. Erscheint doch der städtebauliche Entwurf als Kunstobjekt. Weil die Stadt nicht in Gänze gezeigt wird, fällt es leicht, die autarke Struktur zu sehen. Dennoch sollte man dem reflektierenden Besucher nicht absprechen, dass er sich beginnt zu fragen, wie das Gesehene wohl genau gemeint ist. Immerhin sollen die Menschen in solchen Strukturen leben. Wie kann sich also ein Kunstobjekt in ein bestehendes städtisches Gewebe einordnen? Solches Reflektieren hätte besser gefördert werden können, wenn der Bestand -wenigstens hauchdünn- angedeutet gewesen wäre.

Das einzige dargestellte, radikale Implantat, das diese Kontextualisierungen gewagt und ausgehalten hat, ist ausgerechnet die Umgestaltung von Berlin zu Germania durch Albert Speer. Hier sieht man, wie die neuen und die alten Strukturen zusammenwirken. Hier scheint der große Wurf kein zusammenhangsloses Kunstobjekt zu sein. Hier erobert sich auch die Architektur den Städtebau zurück. Was mag man von solchen Zusammenhängen halten?

Im Untergeschoss nach rechts abgebogen, fängt eine Lauftschrift mit den Namen großer Architekten die neugierigen Blicke. Ob auch einem Nichtarchitekten das irgendetwas sagt, bleibt allerdings genauso im Dunkeln, wie der sich wiederum rechts anschließende, weitere Raum, in dem fünf freie „Ausstellungsinseln“ angeordnet sind. Will man alle Interviews, Projektionen und Zitate auf ihnen lesen, muss man sich allerdings rund eine halbe Stunde im unteren Bereich aufhalten. (Vielleicht geht es nur dem Architekt so, aber die vielen dozierenden Architektenstars wirken irgendwie schulmeisterlich und eine Spur überheblich).

Welcher Kollege kennt nicht die übliche Architekten-Lyrik? Dieser besondere Sprech à la: „…die Volumina wirken in ihrer verzahnten Eleganz egalisierend und stehen gleichzeitig im konkreten Austausch mit der Fluchtung des angrenzenden Bestands…“. Zeigt dieser Sprech sich nicht auch in einer kryptischen Darstellung von Architektur? Die Frage stellt sich hier, ob der geneigte Besucher nicht ziemlich alleingelassen wird in dieser Flut von Grundrissen, Perspektiven, Schwarzplänen und Modellen?

Deutlich wird auch an diesem Beispiel einer Architekturdarstellung, dass die Architektur eine Sonderform in den Künsten einnimmt. Der Spagat unserer Zunft wird vollführt zwischen Praxis und Idee, zwischen Nutzung und Design, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Und obwohl doch die Menschen ständig in der Architektur leben, scheinen sie Schwierigkeiten zu haben, sich ihr zu nähern. Vielleicht sind es aber auch die Architekten, die ihre Besonderheiten und ihren Ritus pflegen. Die Architekten, diese schwarzen Ritter mit Hornbrille und einem Saab vor der Tür…

Ist eine Ausstellung wie: „Das unbebaute Berlin“ für die Architekten oder die Menschen in der Stadt? Diese Frage scheint eine Gretchenfrage zu sein, genauso wie die folgende: Wer entscheidet eigentlich, welche (ungebauten) Entwürfe hier ausgestellt werden? Besteht dieses Berlin doch aus so viel mehr Visionen und Ideen, als die 100, die man zu sehen bekommt.

Spannend wäre es doch, einen (möglicherweise virtuellen) kompletten Stadtplan des „ungebauten Berlin“ zu bekommen, der permanent aktualisiert wird und in dem alle Planer, seien es nun Studenten, Aktive, Pensionäre und auch Laien ihre Stadt, ihre Un-Stadt, bauen können.

Spannend ist es in jedem Fall, dass Ungebaute zum Thema einer Ausstellung zu machen. Bekommt man auf diese Weise doch eine Genealogie von Visionen präsentiert. Eine Schau der gestalterischen Kraft von 1907-1997. Carsten Krohn (der Kurator) verdient Anerkennung für diese Idee. Mögen sich noch möglichst viele Leute während der letzten Ausstellungswoche mit ihrer Un-Stadt beschäftigen.

Sloterdijk, Sobek und R 129 ...

Architekten sind heutzutage in den modernen Darstellungsformen angekommen und verstehen es, ihr Wissen im medialen Zirkus effektvoll zu verkaufen. Das jedenfalls wird deutlich, wenn man die DVD „Wohnen in der Zukunft“ in Händen hält, die kürzlich auf den Markt gekommen ist.

Aus ihr können die geneigten Zuseher durchaus Gewinne ziehen, denn mit Peter Sloterdijk und Werner Sobek sprechen zwei interessante Männer über ein Thema, das uns in nicht allzu ferner Zukunft betreffen dürfte. „Gut Ding braucht Weile…“, hießt es allerdings auch in diesem Fall, denn der Rahmen des Gedankenaustausches wurde bereits im Februar 2009 gelegt anlässlich einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg mit dem Thema „Interieur/Exterieur. Wohnen in der Kunst “.

R 129
Das Projekt „R 129“ steht im Mittelpunkt der dokumentierten Diskussion. Dabei scheint das Logo seines Entwerfers Werner Sobek auch schon Programm zu sein, denn es erinnert eher an kryptische Zeichen einer außerirdischen Spezies.

Mit „R 129“ landet ein Ufo, das unabhängig von öffentlichen Versorgungssystemen ist. Frei beweglich sowohl in Gänze als auch im Innenbereich hat es einen transparent überkuppelten, kreisrunden Grundriss, der jederzeit wandelbar ist und die jeweils aktuellen Bedürfnisse der Nutzer repräsentiert. Erlöst werden die Ufo-Bewohner von starrer Möblierung und geschenkt werden ihnen die Blicke in die Sterne und in die ganze Weite des Himmels.

„R 129“ ist tatsächlich das, was Peter Sloterdijk als Utopie-Kompetenz eines Architekten bezeichnet. Gemeinsame Projekte des Hauses Sobek mit der Raumfahrtforschung lassen die anfänglichen Assoziationen zu Science-Fiction-Filmen und extraterrestrischen Wohnformen weiter deutlich werden. Durchweg sympathisch und weit vor seiner Zeit fordert ein Architekt also das Experimentieren ein.

Höhlen- versus Wolkenmensch

Eine voll verglaste Kuppel wirft freilich Fragen nach der Pragmatisierbarkeit der Sobekschen Utopie-Kompetenz auf und vermutlich unter diesem Eindruck weist Sloterdijk darauf hin, dass die Architekten den Menschen üblicherweise von seiner Schwäche her denken. Diese ungewohnte Perspektive entfaltet er, indem er anmerkt, dass eine Wohnung zu einem deutlichen Teil aus Regenerationszonen besteht (Bad, Schlafzimmer, Küche).

Der „nicht vorzeigbare Mensch“ ist also gleichberechtigt im Entwerferfokus und mit ihm  – die Nacht. Diese nämlich war bislang verbunden mit dem, was der Traum zu geben vermag – mit der Absenz des Bewussten also und einer regenerativen Entweltlichung. Ein schöner Gedanke des Philosophen war denn auch, dass die Architekten das Wohnen von der Nacht her denken.

Kann eine solche Regeneration in der totalen Offenheit einer voll verglasten Kuppel gelingen? Machen die Architekten hier den Fehler, zu weit weg zu sein von den Menschen oder ist es das Privileg der Avantgarde, sich eben nicht einzulassen in das Ge-Wohnte, sondern den zukünftigen Menschen vorzuzeichnen? Den Menschen, der sich sein Nomadentum zurückholt, der auf seine Wurzelschicht verzichtet, der, wie Sobek sagte, seine Wurzeln in sich trägt. (Heideggers Gelassenheit, ick hör dir trapsen…)

Peter Sloterdijk führt aus, dass das 20. Jahrhundert das Wohnhaus neu erfunden hat und sieht Parallelen zwischen der metaphysischen Obdachlosigkeit im Zuge „Gott ist tot” und Häusern, die ohne Keller oder auf Stelzen gestellt gleichsam ebenso entwurzelt sind.

Die geistigen Säkularisationsprozesse werden also in Analogie gesetzt zur gesellschaftlichen Vereinzelung. Eine moderne Folge davon ist die Rückgängigmachung der selbstverschuldeten „Umzüchtung“ der Menschen vom Nomaden zum Sesshaften. Dieses Projekt ist nach der Ansicht Sloterdijks im 20. Jahrhundert zu Ende.

Es fällt auf, dass der Philosoph partout hinaus will auf das Seelenleben. Das Innere des Hauses, beziehungsweise der Wohnung sieht er als Manifestationen des Unbewussten und lobt die Architekten dafür, dass sie den Menschen in Gänze sähen und nicht nur als idealisiertes Konstrukt. Architekten und Designer waren seiner Meinung nach schon immer diejenigen, die den Menschen in all seinen Formen, in seiner ganzen Verstricktheit mit der Welt und mit allen zugehörigen Attributen gesehen haben. Architekten als die besseren Soziologen?

Übermäßige Angst vor Eitelkeit scheint Sobek zu fehlen. Das jedenfalls durchscheint in Sätzen wie „Jetlag ist was für Touristen“ oder in seiner geradezu allergischen Reaktion beim Wort „Wohnmobil“. Dennoch sieht man einen sehr interessierten, wenn auch von Sendungsbewusstsein durchdrungenen Architekten, der Anstöße geben will und seiner Zunft ihre Würde zurückgeben, indem er sie erlöst aus der Rolle der Baumanager, in die sie mittlerweile geraten sind. Sobek wird an einer Stelle zu Recht attestiert, der Repräsentant der Widerständigen gegen die „Gemütlichkeitsbewohner“ zu sein.

Postfossil=Utopiefördernd?

Wohnen in „R 129“ ist die Antwort auf sich verknappende Ressourcen. So führt Werner Sobek eindrucksvoll vor Augen, dass die Erdölvorkommen auf dem Planeten in 25 Jahren aufgebraucht sein dürften und ebenso das Süßwasser.

„R 129“ ist nicht nur die politische Antwort, nicht nur die Mobilie anstelle der Immobilie, sondern die Reaktion auf die kommenden und durchgreifenden Veränderungen unserer Lebensumstände.

Es ist bezeichnend, dass neue „regenerative Logiken“ den Menschen als Medium und als Bindeglied zwischen innen und außen sehen. Hier liegt auch eine ethisch-mitweltliche Aufladung der Anthropologie, denn nicht das (weitere) Zerteilen und Zerlegen der Dinge steht im Fokus, sondern das Zusammendenken.

Der besondere Reiz von Interdisziplinarität kann sich dann entfalten, wenn die Diskutanten einander zuhören. Diesen Eindruck gewinnt man durchaus beim Betrachten der DVD. Das „Prädikat sehenswert“ erhält sie deshalb und auch, weil sie ein Beleg ist für eine gegenwärtige, kreative Schöpferkraft. Vielleicht kündigt sich mit Projekten wie „R 129“ der lange vermisste neue Horizont an, der das utopische Potenzial und den Wandel in unsere erstarrte Baukultur bringen kann.

Erschienen in Architekturzeitung

Was kann Aneignung von Stadtraum bedeuten? ...

Vilém Flusser zeichnet in einem seiner Bücher (1) sehr anschaulich die Entwicklung der modernen Stadt nach. Zur agrikulturellen Verfasstheit menschlichen Zusammenballens in Zivilisationen schickt er lapidar voraus: „…Von Anbeginn beruht die Macht auf Dreck und macht die Hände schmutzig…“. (2) So weit, so gut.

Mit der platonischen Schilderung eines Dreiklangs der Stadt in Häuserraum (oike), Marktraum (agora) und Kontemplationsraum (temes) bereitet Flusser eine gute Basis, um auf die aktuelle gesellschaftliche Bewegung, sich Stadtraum anzueignen zu reflektieren, bzw. die Frage danach aufzuwerfen, wem denn eigentlich die Stadt „gehört“.

Platon war sich sicher, dass die Weisheit oder Theorie (temes) an oberster Stelle stehen sollte und sich unter ihr Politik wie Handel zu entfalten hätten. (3) Ein Ideal freilich, das nicht verwirklichen werden konnte. Blicken wir doch heutzutage deutlich dem vollzogenen Wandel zur Herrschaft des Marktraums (agora) ins gebaute Gesicht. Nochmal Flusser mit der Zuspitzung dieses Wandels: „…Der Sieg der Konsumenten über die Politiker und Theoretiker, sei es in liberaler oder sozialistischer Form, muss daher als Herstellung einer idiotischen Zivilisation gesehen werden…“  (4)

Möglicherweise lassen sich die gegenwärtigen Bestrebungen von Stadtraumaneignung als weitere Verschiebungen innerhalb des platonischen Dreiklangs deuten, denn dieses Mal schickt sich die Faktion des Hausraums (oike) an, sich die Hände um der Macht willen schmutzig zu machen. Bleibt die Frage, ob die Weisheit (temes) nicht wieder auf der Strecke bleibt, denn wie sollen die Weisen einer modernen, westlichen Gesellschaft ohne verbindliches Wahrheitsideal sich auf die Bedeutung von Tugenden einigen, geschweige denn diese bewahren können? Aber das nur nebenbei.

Eine fernöstliche Momentaufnahme der oben beschriebenen Wandlung leistet das Forschungsprojekt „Taking to the Streets“, das vom Lehrstuhl Günther Vogt an der ETH Zürich durchführt wird. Methoden der Aneignung öffentlicher Räume in Berlin, Shanghai, Tokyo und Zürich steht dabei im Interesse der Bauforscher. Mit „Tokyo. Die Strasse als gelebter Raum“ (5) liegt nun der erste Teil der Studienergebnisse gut leserlich und reichlich bebildert vor.

In Teilen kommt das Buch als Art fundamentaler Stadtführer aus Architektensicht daher und lebt von Staunen des Abendländers im Angesicht des Fremden. Besonders fallen die anderen Hierarchien der Straßen und Räume auf.

Weit entfernt von unserer visuellen Zurichtung durch die Zentralperspektive fehlt in der japanischen Stadt auch die Abgrenzung von außen und innen, von Stadt und Land. Alles scheint dicht geflochten und durch reine Bewegung bestimmt. Die Menschen auf den Straßen fließen förmlich in der polyzentrischen Struktur Tokyos und werden von Zeit zu Zeit mittels aufgewerteter Durchgangsorte an Straßenkreuzungen und Bahnhofsquartieren bestenfalls ein wenig verlangsamt.

Bewegung und permanenter Wandel durchziehen also als Leitmotiv das urbane Geflecht und scheinen sich auch zu spiegeln im unprätentiösen Umgang mit historischer Bausubstanz – an dieser wird in der Regel nämlich nicht festgehalten. Plätze, lauschige Ecken, typische Stadtmöblierungen wie Parkbänke, Mülleimer, Wasserspiele kennt man in Tokyo bestenfalls aus westlichen Filmen und ersetzt eine nicht vorhandene, öffentliche Verweil- durch eine Pendlerkultur.

Vor dem Hintergrund, dass Stadtraum zum reinen Bewegungsraum wird, erscheint das geographische Zentrum Tokyos umso faszinierender. Der kaiserliche Palastgarten ist nämlich eine verbotene Zone und gibt sich als Leerraum oder Unort. Gleich einem schwarzen Loch wird die hektische, städtische Energie absorbiert und bildet die Korona um eine Stille und um ein antipodisches Zentrum der Zeitlosigkeit.

Aber was genau sind die Aneignungslehren aus einer fernöstlichen Stadtkultur? Was lässt sich übertragen? Das Forscherteam der ETH Zürich sieht hier ein Modell für die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft, in deren Vollzug Stadtquartiere mittels verschiedener Funktionen wie Arbeit, Vergnügen, Kommerz, Wohnen (wieder) vermischt werden. Diese hohe Verdichtung trägt gemeinhin das Etikett „urbanes Wohnen“.

Wenn man in diesem Kontext die aktuellen Konflikte zwischen Anwohnern und Vergnügungssuchern im Prenzlauer Berg oder auf der Kreuzberger Admiralsbrücke in Berlin betrachtet bzw. sich in die Probleme der „Gentrifizierung“ begibt, taucht freilich die Frage auf, ob die postindustriellen Modell-Botschaften doch nur wieder der Erneuerung des Marktraumes (agora), also – um mit dem eingangs erwähnten Vilém Flusser zu sprechen, einer idiotischen Zivilisation – Vorschub leisten?  (6)

Gestehen wir uns ein, dass die Philosophen wahrscheinlich nie herrschen werden, (7) bleiben die Fragen nach der möglichen Dominanz des Hausraums (oike). Was könnte ein „Wohnen außer Haus“ bedeuten? Wie fügt sich die Okkupation des alltäglichen Lebens in die tradierte Verweilkultur der europäischen Stadt? Steht das Prinzip des Lustwandelns auf Plätzen nicht in Verwandtschaft mit einem Eventcharakter? Sehen und gesehen werden und Selbstinszenierung anstelle…Leben? Es könnte so einfach sein, aber reicht uns das Einfache, das Martin Heidegger so treffend beschreibt: „…Welt ist (…) ein Charakter des Daseins selbst…“?  (8)


1. Flusser, Vilém: Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung; Frankfurt am Main 1998
2. Ebd.; S. 45
3. Vgl. hierzu: Platon: Sämtliche Dialoge, Der Staat, Dritter Hauptteil, Die Herrscherfrage – Herrschaft der Philosophen als Bedingung für die Möglichkeit des gerechten Staates; Übersetzt von Otto Apelt; Hamburg 1998; S. 209 ff.
4. Flusser, Vilém; a.a.O.; S. 46
5. Krusche, J. und Roost, F.: Tokyo. Die Strasse als gelebter Raum; Baden (CH) 2010
6. Siehe Anm. 4
7. Siehe Anm. 3
8. Heidegger, Martin: Sein und Zeit; Gesamtausgabe, Band 2; Frankfurt am Main 1977; S. 87


Erschienen: AZ/Architekturzeitung

Online-Petitionen selber machen ...

E-Partizipation könnte eine vitale Schnittstelle der Demokratie sein. Doch der Staat nutzt die Möglichkeiten des Internet bisher viel zu selten, um die Bevölkerung an politischen Entscheidungen teilhaben zu lassen. Eine Ausnahme: Online-Petitionen. Mit Hilfe dieses digitalen Instruments können Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen in den Bundestag tragen. Doch was gilt es bei einer Online-Petition zu beachten? Wie kann man mithilfe digitaler Medien die Zielgruppe einer Petition erreichen?

Die siebte Sitzung des Seminars Medienaktivismus beschäftige sich mit Online-Petitionen. Will man eine Petition einreichen, sollte zunächst ein klares und kommunizierbares Ziel definiert werden. Es ist nicht verkehrt, darüber nachzudenken, ob dieses Ziel auch für Dritte trag- bzw. unterstützbar ist. (Tipp: beim Ordnen der Gedanken helfen die Formblätter zur Beantragung recht gut.).

Ausgangsfragen klären
Die erste Frage vor dem Erstellen einer Online-Petition sollte sein: In welcher Region wird die meiste Wirkung für das Vorhaben erreicht, wo ist die Fragestellung von Interesse und relevant? Ist das Thema eher lokal, spricht das z.B. weniger für eine Petition auf Bundesebene.

Für manche Themen verspricht die Offline-Aktivität mehr Erfolg, daher sollte auch bei einer Online-Petition, das Virtuelle nicht zum Selbstzweck werden, sondern auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmt sein.

Sind die Initiatoren sich klar über ihr Vorhaben, taucht die Frage auf, was man sich eigentlich verspricht von der Petition; soll heißen, Anhörung im Bundestag oder doch eher Rühren der thematischen PR-Trommel?

Eine weitere Frage könnte sein, was mit den Daten der Petitionsunterstützer geschieht? Alles anonym lassen oder im Netz veröffentlichen oder der Aus- und Verwertung für weitergehende Interessen zuführen? (natürlich sollte das Ganze transparent für die potentiellen Unterzeichner gemacht werden…).

Werkzeuge für die Online-Organisation
Die Erfahrung zeigt, dass es einen gleichermaßen enthusiastischen, wie harten Kern braucht, um das Vorhaben umzusetzen; es fällt nämlich einige Arbeit an. Um zu guten Ergebnissen (Organisation, Aufgaben, Zeitplanung etc.) zu kommen, sind – vor allem in der Startphase – reale Treffen genauso wichtig wie virtuelle.

Online gibt es genügend kostenlose Möglichkeiten, um unabhängig von Raum und Zeit zu interagieren. Bei aller Kritikwürdigkeit, bietet Google vielfältige und (noch…) kostenlose, kollaborativ nutzbare Werkzeuge an. Mit Google-Wave, Google-Text und Tabellen oder Google-Sites kann in Echtzeit ein Online-Organisationsraum entstehen und mit Leben gefüllt werden.

Kostenlose Alternativen zu Google gibt es allerdings auch, so z.B. Communote (bis 10 Nutzer), dropbox, „Skype“, „Wikipedia“ oder die gute, alte Mailingliste.

Die Werbetrommel rühren
Nachdem die Petition über die Startlinie gegangen ist, gilt es nun, sie zu verbreiten (um es aus eigener Kraft in den Bundestag zu schaffen, müssen bei einer Petition auf Bundesebene innerhalb von drei Wochen 50.000 Menschen mitzeichnen bzw. mobilisiert werden). Hier kann die ganze, kostenlose Klaviatur des Onlinemarketing gespielt werden. Twitter bietet sich z.B. bestens zur Verbreitung unter Sympathiesenaten und Multiplikatoren an.

Bei Facebook gilt es zu entscheiden, ob die Petition von Einzelpersonen getragen wird oder als Fanseite daherkommt. Pro und Contra entsteht hier vor allem bei der limitierten Fan-Anzahl und den Möglichkeiten, direkt auf Pinnwänden zu posten. Die Funktion Cause bei facebook ist sicher die Betrachtung wert, wurde sie doch speziell auf Aktivsten zugeschnitten.

Um Presseberichte zu provozieren oder auch Unterstützer zu mobilisieren, sollten Offline-Aktionen nicht ganz aus dem Blickfeld geraten. Neben dem PR-Mehrwert, können daraus im Anschluss nämlich noch Videos zum Beispiel für YouTube entstehen.

Erschienen: Berliner Gazette

Zurück zu den (modernen) Wurzeln? ...

Welcher Architekt wagt sich heutzutage an eine allgemeingültige Definition dessen, was schön sein mag? Wer wagt sich weiter an eine Verknüpfung von universaler Schönheit mit einem sinnerfüllenden Bauen? Der Berliner Jörn Köppler tut das und legt eine theoretische Arbeit vor, die im Zeitalter von „parametrischer Komplexitätsreduktion“ und ähnlichen Entwurfsmaschinen-Doktrinen den Durchgriff reklamiert auf nichts Geringeres, als die Basen menschlicher Freiheit.

Mit Immanuel Kant im Gepäck offenbart der Autor in seinem Buch „Sinn und Krise moderner Architektur. Zeitgenössisches Bauen zwischen Schönheitserfahrung und Rationalitätsglauben“ auf rund 300 Seiten die Frucht einer zehnjährigen Denkbewegung. Der geneigte Leser sollte sich nicht auf leichte Kost einstellen, denn die philosophische Gründung in der Kantischen Ästhetik fordert das konzentrierte Nachvollziehen seiner strengen, gedanklichen Architektonik. Abschrecken allerdings sollte man sich davon nicht lassen, denn das, was hier in Erinnerung gerufen wird, lohnt die Mühe.

Mit wenigen Bildern und hauptsächlich an Architektur (-theorien) von Boullée, Schinkel und Mies van der Rohe orientiert, bekommt die Leitthese Kontur, wonach dem Menschen eine sinnstiftende Dimension eröffnet wird über die Teilhabe an einer naturhaften Wirklichkeit, die sich begriffslos erfahrbar macht. Als sprachloses Staunen kommt dem überwältigenden Teil des dichotomischen Gespannes -der Erhabenheit- dabei die wichtige Rolle „des Anderen“ zu.

Im Gewahrwerden des Erhabenen liegt die Präsenz einer sinnfreien Natur – man ist hier fast gewillt zu sagen, einer Naturgewalt. Sinnhaft wird das Ganze durch eine parallel laufende Freiheitserfahrung, die sich über die Trennung von der Natur markiert. Eine Trennung freilich, die nicht überwunden werden kann, weil sie die menschliche Existenz durchwaltet: „…Denn Freiheit, die nicht in der naturhaften Wirklichkeit gesucht wird, ist keine, und eine so verstandene führt den Menschen nur in die Unwirklichkeit einer reinen Begriffswelt…“ (a.a.O.; S. 270)

Erfreulicherweise will der Autor im romantischen Rückgriff nicht auf eine kanonische, hermetische Ordnung der Bauformen hinaus, sondern reklamiert das beste Erbe dieser Epoche, nämlich die Vielfalt einer Architektur, die über sich hinausweist. Wie das ganze Bauwerk sollten sich auch seine Konstruktionen in die Rolle eines Mediums fügen, das den Menschen hilft, die wohlgefällige, konstituierende Erfahrung des Anderen ihrer Selbst zu machen.

„poiesis“ in Sinne von Schöpfung oder Erschaffung durchscheint als primäres Thema diese freiheitsstiftende Baukunst, denn im Dienste der Schönheitserfahrung entsteht eine Balance zwischen Schwerkraft und menschlichem „Raumwollen“. Die Konstruktion gleicht dabei der Grammantik einer Sprache, die auf das Unsprechbare zielt. Sie wäre luftig, filigran, bewegt und nur dazu da, in das noch Unerfüllte des Raums zu weisen.

Mancher mag instinktive Vorbehalte haben gegen die intellektuelle Reaktivierung des 18. Jahrhunderts. Es bleibt dazu zu sagen, dass der Autor nur das Beste daraus im Auge behält und beharrlich auf die Trias „Freiheit, Ästhetik und Natur“ rekurriert. Wohltuend ist auch, dass er sein Sinnsystem unreligiös verortet und dabei nie in Besserwisserei verfällt. Vielmehr umschifft er im Sinne des Königsbergers elegant die Klippen einer reduktionistischen und damit lebensfeindlichen Rationalität.

Das Buch birgt tatsächlich einen universellen Horizont, indem es kulturübergreifend den Menschen selbst in den Mittelpunkt von Schönheitserfahrung rückt. Das Nehmen im Wahr-Nehmen steht zusammen mit dem Gegebenen und als solches lebt es von der Spannung des konstituierenden Anderen, d.h., dass die einzelne Anschauung den Weg zur Wahrheit weist und keine Religion oder Begriffssystematik.

Architektur in einer solchen Haltung wäre gebend, stiftend, entbergend und erschaffend. Sie folgte der „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“: „…dieses (geistig-ästhetische, CJG) Bauen keinem anderen Zweck dienen kann, als jenem, welcher allen Zwecken entgegen gesetzt ist, der Reflexion der Zweckmäßigkeit ohne Zweck, der Reflexion des Lebens selbst also im Moment der Schönheit, die zudem nur interesselos war und sein musste…“ (a.a.O.; S. 64)

Erschienen: Deutsche Bauzeitschrift

Plattenbauten und Genius Loci ...

Kürzlich fiel ein Plakat ins Auge, das an mehreren Berliner S-Bahn Stationen platziert war und auf dem ein DDR-Plattenbau einem Einfamilienhaus im Grünen gegenübergestellt wurde. Zwischen den Motiven stand sinngemäß die Frage geschrieben: „Wo soll IHR Kind aufwachsen?“. Hand aufs Herz, welche Assoziation kommt Ihnen beim Anblick eines traditionellen DDR-Plattenbaus? Die folgende Geschichte will erzählen, wie man aus der Not eine Tugend macht, wie die Not dabei nur reine Einbildung ist und wie das Erbe eines ‚Entwerfens im System‘ phänomenologisch aufgefasst werden kann.

Bei einem Thema wie diesem, muss man zwangsläufig die DDR-Geschichte tangieren und findet sich als west-sozialisierter Deutscher unversehens auf einem ‚Minenfeld‘ wieder, dessen Ausdehnungen auch 20 Jahre nach der Einheit bestimmt werden über kollidierende Vorstellungen von dem, was für die jeweils Anderen das Richtige sei.

Was hat uns (west-) deutsche Architekten die endlose Debatte um den Abriss des Berliner „Palast der Republik“ lehren können? Vielleicht, dass Menschen und Gesellschaften eine wertige Wirklichkeit entfalten – möge diese für Andere auch noch so obskur sein. Vielleicht, dass das Lebendige in diesem Prozess stärker und realer ist, als alle Vorstellung von Richtigkeit und Schönheit. Vielleicht, dass Harmonie nicht nur über mathematische Proportionen bestimmt werden kann, sondern sich auch am Rohen, Schrägen, Amorphen ausbildet. Vielleicht, dass soziale Kälte und Ghettobildung in den Plattensiedlungen der 1970er und 1980er Jahre nur westdeutsche Probleme waren und offenbar andere Ursachen hatten als die, die der Architektur zuzuschreiben sind.

Plattenbewußtsein
Bleiben wir eine Weile bei den so mächtigen Vorstellungen und bauen von dort mit zwei Themen eine Brücke in das eigentliche Problem mit der Platte. Die Maßstablosigkeit ihrer Bauform wird sicher als Malus gesehen, folgt sie doch ganz und gar nicht dem Tipp des Renaissance-Alberti, wonach jedes Haus ein oben, unten, rechts und links braucht, sondern lässt sich endlos reihen und addieren.

Diese Endlosigkeit widerspricht ganz offensichtlich der gegenwärtigen Sehnsucht nach Unverwechselbarkeit, die sich durch ein konsumorientiertes Marken- und Stilbewusstsein die Bahn bricht. Wohlgemerkt einer Unverwechselbarkeit, die auf jeden einzelnen Menschen gemünzt ist, was dazu führt, dass das Wohnumfeld in seiner Anmutung selbst schon möglichst individuell sein soll.

Die kalten und spröden Materialien einer typischen Platte werden oft als „lebensfeindlich“ empfunden. Hier drückt sich unterschwellig eine weitere Sehnsucht aus. Diesmal die nach Natürlichkeit. Was das heißen mag in unserer weitgehend technisierten Welt bleibt dunkel, denn wir leben heutzutage doch ganz selbstverständlich in artifiziellen Kontexten und Lebensräumen, die vom Klavierlack-Handy über atmungsaktive Hightechtextilien bis zu aromatisierten und geschmacksverstärkten Lebensmitteln reichen.

Freilich wären noch mehr Differenzen auszumachen, aber bleiben wir zunächst bei den eben genannten. Die ungeschmückte DDR-Platte scheint sich diesen beiden Leitthemen unserer Gegenwart zu verweigern. Sie steht einfach nur kahl, nackt und unverziert da und genügt sich. Sie scheint das Spektakel zu scheuen, braucht keine Aufmerksamkeit und leistet auf eine eigentümliche Weise unserem konsumgeschwängerten Individualisierungsdrang Widerstand.

Dennoch haben Plattensiedlungen eine gegenwärtige Qualität für die Menschen, die darin leben. Eine, die sich auf den zweiten Blick zeigt und nicht mit einem Äußerlichkeiten-Mainstream verbindbar ist. Eine Qualität, die unmittelbar an eine authentische Lebenswirklichkeit geknüpft ist und deshalb keine aufgeschminkte und hinkonstruierte Wertigkeit von außen braucht.

Wenn also unsere westliche Konsumkultur das Spektakel, die Selbstdarstellung und permanente Aufmerksamkeit baulich verlangt und seine getreuesten architektonischen Zeugen wohlmöglich die pulloverartigen, weil stets oberflächlich wandelbaren, Medienfassaden sind, so ist das Authentische der DDR-Platte darin zu suchen, dass sie diese rein visuelle Ebene meidet und sich nicht damit begnügt, aus eitler Distanz betrachtet und für zeitgemäß befunden zu werden.

Man konnte die DDR-Platte in ihrer Verweigerung gegen einen individualisierten Mainstream als Verweisung sehen in eine er-lebte Authentizität und dabei ein altes Thema ins Spiel bringen, nämlich den Genius loci.

Der Genius loci als artifizieller Ort
Der ‚Geist des Ortes‘ wird gemeinhin verbunden mit einem atmosphärischen Subtext, auf dem eine räumliche Situation fußt. Er bestimmt sich maßgeblich über die Authentizität eines jeweiligen lebensweltlichen Zusammenhangs. Schönheit fügt sich in ihm nicht ausschließlich durch proportionales Ebenmaß, sondern wird in der jeweiligen Situation als stimmig er-lebt. So können Aus- und Abbrüche in der Fassade, schräg sitzende Fenster, eine knarrende Tür oder ein verrostetes Klingelschild als sehr harmonisch in Erscheinung treten.

Authentizität ist der wichtigste Begriff, um den Genius loci näher zu bestimmen und auch, um sich darüber klar zu werden, wo die Qualität einer DDR-Platte liegen kann. Anstatt davon auszugehen, dass ein geheimnisvoller Geist am Werke ist, der Sinn verleiht, setzt die Authentizität darauf, dass eine räumliche-bauliche Präsenz dann wesenhaft wird, wenn sie stimmig ist und dadurch auf sich einstimmt; wenn sie eine Stimme bekommt, die verstanden wird von den Menschen; wenn sie in Interkation tritt und sich in den jeweiligen lebensweltlichen Zusammenhang fügt. Natürlich kann eine solche räumlich-bauliche Präsenz auch ins Groteske getrieben werden, wie „Disneyland“ oder auch die zahlreichen „Alpin-Simulationen“, sprich Weihnachtsmärkte, uns zeigen.

Noch einmal zurück zu einem der Eingangsgedanken. Menschen und Gesellschaften entfalten gelebte, authentische und wertige Wirklichkeiten – mögen diese für Andere auch noch so obskur sein. Diese Wirklichkeiten spiegel sich als ‚Niederschläge‘ im Vorgefundenen. Das Spiegeln selbst ist entscheidend und eine Interaktionsform des Authentischen. Der Genius loci sollte verstanden werden als dieses Spiegeln. Dann nämlich würde klar, dass das Andere sich dem Blick in den jeweiligen Spiegel entzieht und so markiert wird.

Lebenswirklichkeit und gebaute Interaktivität können nur geteilt werden und nicht aus der Distanz analysiert. Deshalb muss der Genius loci mit dem eigenen Körper erlebt und gefühlt werden; deshalb ist er auf leibliche Präsenz angewiesen; deshalb schottet er sich von Zeit zu Zeit rigoros ab, wirkt wie ein Implantat und begrenzt sich in deutlichen Übergängen zum jeweils Anderen.

Diese Geschichte wollte erzählen, wie man aus der Not eine Tugend macht, wie die Not dabei nur reine Einbildung ist und wie das Erbe eines ‚Entwerfens im System‘ phänomenologisch aufgefasst werden kann. Deutlich geworden ist hoffentlich, dass eine ‚Plattenbau-Not‘ nur in denjenigen Köpfen existiert, die nicht teilhaben am jeweiligen lebensweltlichen Kontext. Die vermeintliche Tugend bestünde gerade darin, ein Bauen zu leisten, das sich dem speziellen Genius loci der ‚Platte‘ verpflichtet fühlt und eine tradierte Lebenswirklichkeit in die Zukunft brückt, anstatt sie ersetzen oder missachten zu wollen.