7.02.
79. Es reichte ihm der Anschlag einer einzigen Taste auf dem Klavier und er hatte alle Phasen des werdend-verklingenden Da-Seins vor Augen
80. An die Selbstdrücker: Hab ich viel zu tun heute, wurde sie nicht müde zu betonen, als sie nach dem dritten Kaffee kurz die Zeitung senkte
81. Ein Jammer, er war so putzig, dachte sie, während sie den toten Wellensittich der Kinder zerteilte, um ihn durch die Klospülung zu kriegen
82. Hätte ich doch nur nicht so viele Erwartungen, dachte er, als er sich enthusiastisch auf den Weg zur nächsten Enttäuschung machte…
83. Vergehende Sterne: Für ihr Alter war sie zu stolz, daher schmerzte es sie immer mehr, erhobenen Hauptes an den Bewunderern vorbeizuschreiten
84. An die Stoiker: ihre unbedarfte Natur half ihr auch dieses Mal, dem unerwarteten Schub negativer Energie mit Gleichmut zu begegnen…
85. Ist der Zweifel der schlecht erzogene Bruder der Möglichkeit?
86. Missverständnisse: Sie aß und aß, aber das Abnehmen wollte einfach nicht klappen…
87. An die Selbstängstlichen: Sorge machte ihr vor allem, dass sie langsam die Fähigkeit verlor, sich etwas vorzumachen…
88. An die Physiognomiker: Langsam lastete die Ernsthaftigkeit in ihrem Gesicht immer stärker. Sie bekam davon sogar Muskelkater im Kiefer…
89. An die Unbändigen: Sein Freiheitsdrang war mittlerweile so mächtig geworden, dass er sogar die Bedeutung einer Tasse nicht mehr akzeptierte
90. Ein Ausweg schien ihn zu sein, mit dem Sprechen aufzuhören. Würde sich dann das Deuten verlieren? Würde sich dann das Eigentliche zeigen?
91. Sie begriff schlagartig, dass ihre Offenheit entwaffnend war. Sie begriff ebenfalls, dass sie sich die ganze Zeit im Kriegszustand befand
92. Wie eine Welle wollte er sein Haus, in ständiger Veränderung sollte es sein. Alles war ihm ganz klar – nur der Architekt verstand kein Wort
93. Die Welt als Setzkasten: Er würde stets auf den schmalen Graten der Trennwände balancieren und den Abstieg ins Gestell tunlichst vermeiden
94. An die Perspektivenüberschreiter: Aus dem Flugzeug betrachtet, sah er die andere Gestalt des Schnees. Sie glich eher endlos langen Fäden…
95. An die Maß-Tester: Sie war noch zu unerfahren, ging es ihm durch den Kopf, als er ihr etwas zu deutliches Blicken bemerkte…
96. Eines Tages fragte sie sich, wann sie begonnen hatte, die Wäscheklammern auf dem Ständer nach Farben sortiert in Linie auszurichten…
97. Sie schwangen beim ersten Treffen dermaßen auf einer Welle, dass auch schon das Ende der möglichen Beziehung sich schmerzlich abzeichnete
98. Lange würde sie ihn nicht mehr verstecken können, dachte sie und verbarg wie jeden Tag ihren dritten Arm sorgfältig unter dem Pullover…
99. An die Tiefen: Sie war etwas Besonderes, denn ihre Würde hatte keine Nähe zum Stolz, sondern eher zum Geheimnis…
100. U-Bahn-Reiher: Ihre Beine wirkten wie überlange, dünne Stelzen, die stumpf in dem zu schmal geratenen Becken steckten…
101. U-Bahn-Ohrenkrieger: Der kreischende Sound aus den Kopfhörern seines MP3-Players umgab ihn wie ein Verteidigungswall…
102. Manchmal scheint es, dass auch lange Freundschaften nur gedehnte Irrtümer sind. Das spricht etwas über den Grad der Erwartung…
103. Schauspielerplagen: Desinteresse zu signalisieren, stengte sie zunehmend an und auch, das Weggucken nicht wie Blickstarre wirken zu lassen.
104. Den Selbst-Befreiten: Mittlerweile genoss sie es, ihre Gesprächspartner mit hinabzuziehen in die teils lähmende Tiefe ihrer Gedanken…
105. An die De-konstrukteure: Sie forderte vom Gegenüber die gleiche Bereitschaft zur Selbstwiderlegung, die ihr seit einiger Zeit zu eigen war
106. An die Sirenen: Als sie deren Wirkung bemerkte, bemühte sie sich, ihre Stimme noch tiefer, gedehnter und schwebender klingen zu lassen
107. An die Skeptiker: Manchmal passierte es, dass ihm etwas ganz plausibel erschien. Sein Widerstand wuchs daran stets ins Unermessliche…
108. An die Ohn-mächtigen: Sie konnte es nicht fassen und dennoch, sie wollte belogen werden. Dann erst fühlte sie sich besser – kurz jedenfalls
109. Wie üblich wurde sie von ihm mit Berührungen markiert, wenn ein anderer Mann in der Nähe war. Es wurde ihr von Mal zu Mal unangenehmer…
110. Der Wille wächst am Widerstand. So beschloss er eines Tages, kein Mensch mehr zu sein…
111. Die ganze Gewalt ihrer Freude ängstigte sie. Schon mit einer sehr zurückhaltend wirkenden Geste war sie mehr als beschäftigt…
112. Mit 26 Buchstaben kann die Sprache eine unendliche Anzahl Sätze bilden. Das hielt ihn einstweilen davon ab, mit dem Sprechen aufzuhören…
Quelle: http://twitter.com/CJGrothaus
Gespeichert unter Fragmente, Freier Geist sein.4.02.
G: Was ist denn eigentlich das Spannende an Wittgenstein? Er hat sich nicht daran gemacht, ein komplexes, gedankliches System zu errichten. Er schottete sich nicht in einem intellektuellen Dickicht ab. Er dachte in Fragmenten. Sein Denken lässt den Leser in sich hinein. Es hat genügend Weite, um die aufgenommenen Fragmente durch eigene zu ergänzen. Meistzitiert ist er unter den Autoren des 20. Jh. Kein Wunder, denn er ist ganz nah dran an uns Menschen. Er legt nicht nur die Hand auf den Puls des Subjektiven, sondern schaffte es, die eigenen Herzschläge mit denen seiner künftigen Leser zu synchronisieren.
G: Wittgenstein hatte keine Angst davor, sich zu entblößen. Die Verquickung des lebendigen Ganzen seiner selbst mit dem philosophischen Denken, lassen ihn immer noch zeitgemäß sein. Die Zweifeln, Kämpfe und Hoffnungen sind Eckpfeiler in seiner Arena, die auch unsere ist. Der Doppelnatur (Geist, Materie) dieses Kulturraums versuchte er, eine neue Richtung zu weisen. Den allmächtigen Intellekt und seinen Diener, die Sprache, brachte er hierzu in etlichen Bewegungen immer und immer wieder an seine Grenzen. Er versuchte, mit der Sprache über die Sprache hinauszukommen bzw. die Grenzen der Sprache und damit auch die Grenzen des Intellekts zu bestimmen.
W: „…Es ist merkwürdig, dass wir das Gefühl, dass das Phänomen uns entschlüpft, den ständigen Fluss der Erscheinung, im gewöhnlichen Leben nie spüren, sondern erst, wenn wir philosophieren…“ (S. 83)
G: Man sollte nicht soweit gehen, die oben beschriebene Doppelnatur (Geist, Materie) gänzlich zu verdammen. Zu lange schon sind wir im Abendland auf diesem Weg. Wir brauchen die Reflexion, das reine Geistgeschöpf, um mit uns selbst und anderen Menschen zu interagieren. Darauf gründet unsere Kultur. Auf die Balancen zwischen Geist und Fleisch kommt es an.
S: „…Das Wirkliche für das reflektirte Erkennen wird bloß gesetzt durch Begrenzung, denn es wird für das reflektirte Erkennen bloß gesetzt, sofern es in der Zeit gesetzt, d.h. unter dem Begriff der Dauer gedacht wird. So wie also die unendliche Möglichkeit der Wirklichkeit in der absoluten Realität, so liegt die Wirklichkeit in dem, was absolute Nicht-Realität – bloße Grenze ist…“ (Band 6, S. 520/52)
G: Ins Verhältnis kommen zu etwas, das nicht ich ist. Hier zeigt sich eine grundsätzliche intellektuelle Bewegungsart. Grenzwesen und Zwischenexistenzen scheinen wir zu sein. Klar wird, dass wir etwas begegnen. Es muss uns also vorhanden sein. Dass es da ist, bringt uns zum Reflex, sei er nun körperlich oder geistig. Da-sein muss nicht unbedingt verbunden werden mit etwas Konkretem. Wirk-lich, also Wirkung-habend kann auch etwas sein, das keine konkret vorhandene, dingliche Basis hat. Nehmen wir beispielsweise eine Erinnerung, die Freude auslöst.
S: „…Die Dauer ist nichts anderes als ein fortgehendes Setzen seines (des Dinges, CJG) Allgemeinen in sein Concretes. Vermöge der Beschränktheit des letzteren ist es nicht alles und in der That auf einmal, was es seinem Wesen oder seinem Allgemeinen nach seyn könnte…“ (Band 5, S.376)
G: Hier scheint die Doppelnatur (Geist, Materie) wieder auf und wird von Schelling weiter nach vorn gedacht. Jedes Ding hat tieferes Potential in sich. Wenn es in einer anderen Form gewahrt wird, als der der beschränkten Zeitlichkeit, kann es sich zeigen. Dieses Potential ist nur zu erfahren durch unsere Verfassung als Grenzwesen und Zwischenexistenz.
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 2, Frankfurt am Main 1984
31.01.
39. Hélène Grimaud im Hintergrund: Tasten für den Rechner mit denen des Kalviers tauschen. Schreiben und Spielen als Eines nehmen. Wortmusik tun
40. Frage an einen Kaltblütigen: kriecht nicht manchmal die Luft über den Boden wie ein Löwe kurz vor dem Sprung auf seine Beute?
41. Von akademischen Weihen: “Philosophie entsteht nie aus und nie durch Wissenschaft” (Heidegger: Gesamtausgabe Bd. 40, S. 28)
42. Der Ur-sprung und seine Springer: “In derselben Ordnung ist die Philosophie nur mit der Dichtung” (Heidegger: Gesamtausgabe Bd. 40, S. 28)
43. Erwartung der Geistschwangeren: Langsam sickert die Recherche ein. Mal sehen, was sich heute Abend zeigen will
44. Ob das stimmt?: “Conversation is like making love; the man is the question, the woman the answer, and the union of both will bear fruit”
45. Es wollte sich noch etwas Ansehnliches in die Tasten bringen lassen, heute Abend. Letzter Blick. Was für interessante Leute ihr doch seid!
46. Wenn Worte gesprochen werden, können sie sich in eine Verwandtschaft zur Musik begeben und auch eine ähnliche Wirkung erzeugen.
47. Bekenntnisse und Intensitäten. Die “Zeit” u.a. darüber, was Heavy Metal mit Klassik zu tun haben könnte
48. Peter Zumthor als Architekt wie kaum einer fähig, das Bauen zu überschreiten. Schade, dass er hier politisch wird
49. An die Getriebenen: Sein Suchen wirkte nur oberflächlich. Da war noch etwas anderes…
50. An die Feinfühligen: Langsam stieg die Wärme in ihm auf. Angenehm war es ihm nicht…
51. An die Ungeduldigen: Das Warten zog sich wie ein Gummiband. Obwohl oder gerade weil das Ziel so nah vor ihm lag…
52. An die Zaghaften: Sie stand ganz verloren da. Er traute sich trotzdem nicht, Sie anzusprechen…
53. Ihre überschlagenen Beine stachen förmlich in den Raum. Das nervöse Wippen mit dem Spielbein stand im Gegensatz zu ihren verträumten Blick.
54. An die Pragmatiker: Die Blicke in sein hell erleuchtetes Wohnzimmer kümmerten ihn nicht. Er würde die Passanten ohnehin nicht wieder sehen.
55. Sie sah gut aus und sie wusste es. Der konzentrierte Blick in ihr Buch war daher von einem zufriedenen und leichten Lächeln begleitet…
56. An die Atmosphären-Ausweicher: Er konnte die Freundlichkeit nicht erwiedern und sog fast verlegen an der Zigarette.
57. An die Unbedarften: Er vertraute sich einer schmalen Brüstung an. Sie hielt seinem Lehnen stand und bewahrte ihn vor dem Sturz in die Tiefe.
58. An die stillen Wasser: Sie hatte einen lasziven Gang. Er stand nicht im Verhältnis zu ihrem sonstigen Äußeren.
59. An die Dauerlerner: Der Milchshake zwischendurch war die falsche Wahl. Das ließen ihn seine mittlerweile blauen Finger spüren.
60. An den Großstädter: Wie immer ignorierte er den Bettler auf dem Bahnsteig. Wie immer fühlte er sich schlecht dabei.
61. Klang-Behausung: manchmal, wenn die Musik gerade verklungen ist, kommt man nur schwer über den Verlust hinweg…
62. An die Abgründigen: er fragte sich immer öfter, seit wann die aufrichtige Freundlichkeit mancher Mitmenschen ihn zu nerven begann…
63. Lösung für frustrierte Wohnungssucher: Mobile Architektur, die (fast) nur noch ein nettes Dach zum Draufstellen braucht
64. An die Grenzgänger: Bemühen sollte man sich, die Sprache stets an ihre Grenze zu führen – und damit den Menschen selbst…
65. An die Echo-Lauscher: nach ihrem Abschied wurde ihm klar, dass sein bester Rat gewesen war, nicht so zu handeln, wie er selbst es tun würde
66. An die Unbeugsamen: der Geist würde es schaffen, über den Körper zu triumphieren. So dachte er auch noch am vierten Tag ohne Schlaf…
67. Den Mitgerissenen: das Finale aus Beethoven Klaviersonate 14 brachte ihn in beste Rage. Seinen Text konnte hinterher keiner mehr entziffern
68. Der Architekt David Chipperfield in aller Munde. Nicht zu unrecht, wie ich meine. Heute mit dem neuen Folkwang Museum
69. Anton Bruckner saugt einen formlich in sich hinein. Nichts anderes möglich: Siehe auch
70. Warum sollte er seine Vertrauenswürdigkeit beweisen, dachte er, als er das Seil durchschnitt und sie begannen, in die Schlucht zu stürzen
71. Er konzentrierte sich darauf, die Freude in ihm nur sehr langsam und sanft aufsteigen zu lassen. Er wollte Sie, wie einen warmen Sommerwind.
72. An die Sprungbereiten: Sein Gesicht war nur oberflächlich ruhig, als er mit steigender Wut den Argumenten zuhörte…
73. An die Taktierer: er hatte ihn soweit und setzte zum letzten Mal mit pathetischem Ton an, bevor er die ausgestreckte Hand ergreifen würde…
74. An die Adrenalinjunkies: er stieg mit voller Kraft in die Bremsen. Endlich mal was los, dachte er, kurz bevor der LKW in sein Auto krachte
75. Du weißt doch, ich mag schlichte Sachen, sagte er zu ihr und zog sich akkurat seinen Boss-Boxershort ein Stück weiter über den Hosenbund.
76. Älteste Spiele: Endlich spürte sie seine tastenden Blicke. Ihr vor Freude hüpfendes Herz dürfte nun auf keinen Fall die Oberhand gewinnen…
77. Franz Schuberts Klavierwerk klingt mir immer öfter wie die Vertonung der “Penseés” von Blaise Pascal…
78. Man kann sich dem Augenblick nur hingeben. Zu etwas anderem ist er nicht bereit…
79. An die Gegenwartsspringer und Zeitdiktatserlösten: Wer sich dem Verfall des Augenblicks verschließt, kann seine Fülle nie erreichen…
Quelle: http://twitter.com/CJGrothaus
Gespeichert unter Fragmente, Freier Geist sein, Musik denken.27.01.
G: Die geistige Haltung hat auf das Fragen den gleichen Einfluss, wie das Interesse an der Antwort. Unterscheiden müsste man also, wie jemand fragt davon, was er anstrebt, zu wissen. Lässt man es zu, erschüttert zu werden von der Antwort oder ordnet man das Gehörte in ein erwartetes Muster ein?
W: „…Der Sinn einer Frage ist die Methode ihrer Beantwortung. Sage mir, wie Du suchst, und ich werde dir sagen, was du suchst…“ (S. 12)
G: Wenn man Kindern zuhört, bemerkt man bei ihnen die Fähigkeit, sich erschüttern zu lassen. Man hört, wie das Kind eine Antwort wahrhaftig sucht. Dieses Suchen ist ein Ursprüngliches, es ist etwas Grund-legendes. Es sollte das Vorbild bleiben für alles spätere Fragen.
H: „…wissend ist nur der, der versteht, dass er immer wieder lernen muss und der aufgrund dieses Verstehens sich von allein dahin gebracht hat, dass er stets lernen kann. Dies ist sehr viel schwerer, als Kenntnisse zu besitzen…“ (S. 24)
G: Wer kann sich lange genug fernhalten vom Irrtum, dass man zum Spielen Regeln braucht? Wer kann sich fernhalten von der beengenden Form? Wer kann sich das Ent-decken dessen möglich lassen, das zuvor be-deckt war? Wer zieht das wahrhaftige Ent-decken dem Wegziehen des zuvor platzierten eigenen Tuchs vor?
H: „…dass mithin alles Denken, das lediglich die Denkgesetze der herkömmlichen Logik befolgt, von vorn herein außerstande ist, von sich aus überhaupt die Frage nach dem Seienden auch nur zu verstehen, geschweige denn, zu entfalten und einer Antwort entgegen zuführen…“ (S. 27/28)
G: Kunst ist das Refugium der Freiheit des Denkens, denn Denken ist Kunst. Sie kommt nicht etwa von Können. Kunst kommt von Müssen. Der Künstler kann nicht anders, als sein Werk zu bearbeiten, als die Dinge zu bearbeiten. Er sieht die Dinge mit anderen Augen. Sie zeigen sich ihm reicher, als bei den meisten Menschen. Sie fordern ihn auf, zu handeln. Sie entfalten einen Sog, in der er gezogen wird. Sie verlangen ihre Ent-deckung!
H: „…Aus solcher Überlegenheit (der des Geistes gegenüber der Wissenschaft, CJG) spricht der Dichter immer so, als würde das Seiende erstmals aus- und angesprochen…“ (S. 29)
G: Wie der Dichter das Wort in seine Entdeckung entlässt, so kann der wahre Architekt sein Bauwerk als reine Metapher realisieren. So kann jeder Künstler das präsent werden lasen, das Präsenz überhaupt möglich macht. Das Selbstverständlichste ist dann das Erschütternste.
W: „…Die Selbstverständlichkeit der Welt drückt sich eben darin aus, dass die Sprache nur sie bedeutet und nur sie bedeuten kann…“ (S. 14)
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe; Band 40; Frankfurt am Main 1983
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 2, Frankfurt am Main 1984
23.01.
1. Frage an den Wissensarbeiter: weißt Du noch oder denkst Du schon…?
2. Selbstmahnung aus gegebenem Anlass: Nie intellektuelle Arbeit mit wissenschaftlicher Arbeit verwechseln.
3. Schöner Blog. Sehr zu empfehlen: Tänzerin zwischen den Welten: Die Karten sehen auch alles…
4. Sucherglück und Wortmusik: Toller Link zu Architektur Poesie
5. Gerade gefunden. Passt zur Frage nach Architektur-Poesie
6. Frage an einem Architektur-Poeten: Wie kann ein Gebäude die Dynamik und Vielschichtigkeit einer Metapher bekommen?
7. Stadtwanderungen: Der Abgrund der Form ist der Formalismus. Architektur als Form kann abgleiten in Hermetik. Wandelmöglichkeit als Gegengift
8. Frage an einen Bergsteiger: Glaubst Du, dass der Gipfel das wirk-liche Ziel ist?
9. Frage an einen Melancholiker: Ist zu viel Selbstbewußtsein nicht die Ursache für zu wenig Selbstvertrauen?
10. Spiegelfechtereien: manche Entscheidungen gleichen einem Kampf. Der härteste Gegner ist man dann selbst.
11. Nachtrag zum Struktur-Thema: “eine Architektur der Wechselwirkungen aus Form, Material, Struktur und Umwelt?”
12. Ein Gebirge! Dennoch wahrscheinlich interessante Veranstaltung: “Forum zur Evolution von Strukturen”. Werd mal hingehen
13. Großer Irrtum: Anzunehmen, dass man zum Spielen Regeln braucht
14. Abendlauf. Wie @JoSilberstein gestern schrieb. Die Kälte drückt die Luft zu Boden. Sie fordert Aufmerksamkeit, lässt keine Halbherzigkeit zu
15. Wunderbares Stück von Steve Reich im Ohr.
16. Es ist eine Form von Fülle, die die Wirkung der Musik ausmacht. Nicht nur zu hören, nicht nur zu fühlen, ist diese eigentümliche Ansprache.
17. Diktatur der Zukünftigkeit: Was wäre eine Erwartung, die das Innere nie verlässt. Wäre sie wie Hoffnung, Mittel zum Zweck oder Selbstzweck?
18. Mittendrin in neuer “Reise auf der Stelle”. Hoffentlich sitze ich im richtigen Zug! Der Sitz ist auf jeden Fall schon mal bequem…
19. Aber auch der Nomade ist nicht notwendig jemand, der sich bewegt: es gibt Reisen auf der Stelle (G.Deleuze: Nietzsche.Ein Lesebuch,S.120)
20. Um Musik be-schreiben zu können, muss man zur Musik werden.
21. Zurück vom Laufen. Seichter Nebel verband den weißen Boden mit dem grauen Himmel. Dazwischen waren die schwarzen Äste wie echte Weggefährten
22. Virtuelles Millieu: Selbst schuld. Wieder einmal Ursachen und Wirkungen an die physikalische Welt geknüpt: als wenn wir nicht mehr könnten
23. Das Virtuelle bleibt im flüchtigen Wandel und doch gebunden an seine technische Ermöglichung. Hier spiegelt sich das menschliche Dilemma
24. Immer noch sporadisch Probleme mit DSL. Auf Sand gebaut die schöne neuen Digitalwelt. Netzbewohner sind gnadenlos abhängig von der Technik
25. Neues Projekt angeschoben. Den Wandel ernst zu nehmen, birgt die meisten neuen Horizonte. Kein langes Nachdenken nötig…
26. Viel mehr Architekten sollte es geben, die ihr Werk poetisch begreifen. Beispiel aus nzz-online
27. Glenn Gould ist der einzige, der es schafft, Beethovens Klaviersonaten *auch* langsam zu spielen. Welche Qual bereitet hier A. Schiff…
28. Soundscape. Callcenter Hintergrundrauschen bei der Telekom klingt schrill und hektisch. Ganz anders im Konzertsaal – dort sonor und schön
29. Gerade Schwierigkeiten mit DSL gehabt. 2 h Ausfall. Merkwürdig amputiert kommt man sich vor. Netzbewohner bin ich wohl mittlerweile geworden
30. Poeten-Moral: Lieber ein Mal möglich, als hundert Mal wirklich!
31. Menschen sind heutzutage allein und isoliert? Typischer Fall von visueller Diktatur. Nur eine Minute lauschen und das Gegenteil wird klar.
32. Morgen Frühjahrsbrunch über Sculpture Network. Mal sehen, was das wird
33. „…Eindeutig ist die Blogosphäre etwas Einsames, Reflexives…“ aus…
34. Sherlock Homes in der Neuverfilmung…Größter Irrtum! Man kann einem Gedanken nie auf den Grund kommen – wie oft er auch gedacht wird.
35. Man muss auch vergessen können. Leider verlieren moderne Infoscouts aber auch die Chance, am Wissen zu wachsen
36. Ankämpfen gegen den dunklen Himmel draußen. Arbeitsroutine hilft, sich abzuwenden.
37. Noch ein paar Nachtstunden schreiben. Glenn Gould mit Bach im Hintergrund.
38. Freie Horizonte, heute: Bunkermelodien. Fragmentdialoge. Seidenstraßentiere. Allspekulationen. Rheinfreundschaften…
Quelle: http://twitter.com/CJGrothaus
Gespeichert unter Fragmente, Freier Geist sein.17.01.
G: Was bleibt den sensiblen Seelen anderes, als Gedanken-Seefahrer zu werden; als sich hinauszuwagen in das Offene, in dem der Wind der reinen Möglichkeit weht? Luft holen und frei durchatmen können diese wenigen Begabten nur auf solcher See und in einem Zustand, der sie über Wasser hält und trägt – aber nicht im festen Sinne trägt, sondern in einem überleitenden. Nur in Booten, besser in Nussschalen, sind die sensiblen Seelen gut aufgehoben. Dort fehlt die Illusion der Festigkeit und der Boden unter den Füßen bleibt bewegt.
W: „…Gefühl der Unwirklichkeit der Umgebung. Dies Gefühl habe ich einmal gehabt, und Viele haben es vor dem Ausbruch von Geisteskrankheiten. Alles scheint irgendwie nicht real; aber nicht, als sähe man die Dinge unklar, oder verschwommen; es sieht alles so aus wie gewöhnlich…“ (S. 32)
G: Das Meer der Möglichkeiten ist weit und tief. Man kann darin ertrinken. Vor dem Ertrinken muss der Gedanken-Seefahrer sich schützen. Teil hat er am Unendlichen. Er verstrickt sich dabei nicht in Widersprüche, denn wissen muss er nichts von Unendlichkeit – er hat sie in sich!
N: „…In des Wonnemeeres
wogendem Schwall,
in der Duft-Wellen
tönendem Schall,
in des Weltathems
wehendem All —
ertrinken — versinken —
unbewusst — höchste Lust!…” (S. 140)
G: Im Boot herrscht die Möglichkeit. Sie tritt mit gleichem, festen Blick an die Seite der Wirklichkeit. Wirklich ist nur der dünne Film, die Oberfläche, die Haut, auf der das Boot tanzt. Die sensiblen Seelen sind hier wie Wasserläufer. Sie sinken nicht ein, spüren aber die Bewegung deutlich. Seekrank werden sie dabei nie – im Gegensatz zu den Landratten, die sich nur ab und an und nur in Ufernähe ins Boot wagen.
G: Sollen Menschen wie Wasserläufer sein und auf einem hauchdünnen Film tanzen zwischen den Unendlichkeiten des Meeres unter ihnen und den Unendlichkeiten des Himmels darüber? Vehikel brauchen sie zu solchen Seefahrten. Sie scheinen nicht von Natur dazu geschaffen, Wasserläufer zu sein. Auch sind sie gebannt an die Oberfläche, auf der ihre Vehikel fahren. Sie trägt den Namen Wirklichkeit.
G: Viele bleiben lieber an Land. Sie sehen nur hinaus aufs Meer und umstellen sich, bauen Dämme. Sie suchen die Sicherheit oder die Illusion davon. Eine Kultur der freiwilligen Selbstbeschränkung macht das leicht. Wer ist eigentlich der Phantast? Derjenige, der die permanente Bewegung spürt und dafür belächelt wird oder derjenige, der sie weitgehend ausblendet?
P: (neuer Mitspieler) „…Denn, was ist zum Schluss der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All. Unendlich weit entfernt von dem Begreifen der äußersten Grenzen, sind ihm das Ende aller Dinge und ihre Gründe undurchdringlich verborgen, unlösbares Geheimnis; er ist gleich unfähig, das Nichts zu fassen, das ihn verschlingt…“ (S. 41)
G: Eine Mitte zwischen Nichts und All ist der Mensch, sagt P. Auf dem dünnen Film unter seinen Wasserläuferfüßen ist er ein Grenztänzer, kein Überschreiter. Seine Vehikel kann er bauen und auch die Unterschiede ahnen, in die sein Zwischen ihn zu allem Übrigen stellt. (Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, Band 1; München 1999
P: Blaise Pascal: Pensées. Über die Religion und über einige andere Gegenstände; Wiesbaden 2001
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 7, Frankfurt am Main 1984
13.01.
G: Ist das Bild „Welt im Kopf“ geeignet, um einen primär virtuellen und körperlosen Zugang zur Mitwelt zu beschreiben? Es schlägt geradewegs die Brücke in einen Materialismus, obwohl es doch das Gegenteil sagen will.
W: „…Keine Annahme scheint mir natürlicher, als dass dem Assoziieren oder Denken kein Prozess im Gehirn zugeordnet ist“ (S. 416)
G: Denken ohne direkte Verbindung zum Gehirn; es verorten in einer „Sphäre“, die außerhalb liegt vom menschlichen Einzelkörper oder innerhalb an anderer Stelle? Liegen hier nicht schon wieder physikalische Maßstäbe an mit denen man nicht-physikalische Ereignisse beschreiben will? Messen will man das Denken, es feststellen und einordnen. Es domestizieren, darüber Herrschaft gewinnen. Eine organische Ursache finden für diese oder jene Variation des Denkens. Ein Muster aufbauen, eine Typisierung vornehmen, den Regelfall bestimmen und ein Maß suchen, die Abweichung zu fassen. An die Abweichung gekoppelt wird die Optimierung auf den Standardfall hin.
S: „…Denn wenn in der absoluten Wissenschaft das erste Gesetz ist, nichts als wahrhaft reell zuzulassen, dessen Realität nicht unbedingt-nothwendig ist, so kann auch die Materie, wie sie übrigens bestimmt werden möge, keineswegs als das höchste und oberste Princip betrachtet werden, da ohne Zweifel in dem Gedanken nichts Unmögliches ist, daß die Materie überhaupt nichts Reelles, sondern ein bloßes Schein- oder Traumbild des Geistes sey, daß sie also ebenso gut nur ein Accidens des Geistes oder der Seele seyn könne, als die Seele in jenem System zu einem Accidens von ihr gemacht wird…” (Bd. 6; S.87)
G: Einem Pendelschlag in die andere Richtung der abendländischen Tradition gleich, vergisst man heute den Geist und will in verbannen. Zeitalter der Nabelschau wäre wahrscheinlich ein zu harmloser Begriff hierfür. Dennoch ist die Wissensproduktion ausschließlich damit befasst, den menschlichen Körper auszubuchstabieren, bzw. in Nullen und Einsen zu zerlegen.
W: „…Das Vorurteil zugunsten des psycho-physischen Parallelismus ist eine Frucht primitiver Auffassungen unserer Begriffe. Denn wenn man Kausalität zwischen psychologischen Erscheinungen zulässt, die nicht physiologisch vermittelt ist, so meint man damit ein Zugestehen, es existiere eine Seele neben dem Körper, ein geisterhaftes Seelenwesen…“ (S. 417)
G: Ein lange nicht gehörtes Wort: Seele. Denkt die Seele? Ist die Seele das Nicht-Messbare, das Körperlose? Was bliebe dann von der Körper-Nabelschau?
N: „…Wir sind der Wille, wir sind Visionsgestalten: worin aber liegt das Band? Und was ist Nervenleben, Gehirn, Denken, Empfinden? — Wir sind zugleich die Anschauenden — es giebt nichts als die Vision anzuschauen — wir sind die Angeschauten, nur ein Angeschautes — wir sind die, in denen der ganze Prozeß von neuem entsteht…” (Bd. 7; S. 214)
G: Übersetzt man Nietzsches „Wille“ mit Seele, dann will sie sich anschauen und braucht uns Menschen dazu. Menschen sind Angeschautes! Der eigene Blick wäre dann ein wahrhaftig fremder. Durch fremde Seelen-Augen geschaute Welt – den Körper dazu überlassen bekommen…
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: „Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999“
S: „Schelling Werke, Stuttgart 1856“
W: „Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 8, Frankfurt am Main 1984“
11.01.
G: Quell und Qual gleichzeitig ist die Welt im Kopf. Vorstellung tritt an die Stelle von Erfahrung. Gestellt wird etwas, bevor es passiert, bevor es eintritt. Das, was eintritt, muss im Nachhinein abgearbeitet werden und in die Stellung integriert, die im Kopf herrscht. Manchen Menschen gelingt das besser, als anderen.
Erfahrung scheint kein Ausweg zu sein aus der Kopfwelt, denn sie stimuliert lediglich zeitversetzt – neuer Wein in alten Schläuchen also. Möglicherweise ist der Moment einer Erfahrung der Selbstbetrug, sich Unvoreingenommenheit eingebildet zu haben.
Nein, eher X-Fach-Einbildung, denn ein Moment liegt in der Zeit, die ebenfalls Einbildung ist. Ein Selbstbetrug wäre lediglich eine aufgedeckte und offen liegende Vorstellung und sich einzubilden, keine Einbildung zu haben, wäre eine weitere Illusion…
W: „…Man kann sich vorstellen es sei etwas der Fall was nicht ist: sehr merkwürdig! Denn, daß die Vorstellung mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt ist nicht daß sie sie aber dann repräsentiert ist merkwürdig…“ (S. 279)
G: Liest man die Ergebnisse der Hirnforschung, scheint sie mittlerweile an diesem Punkt zu sein. Die „Zeit“ stellt einen Artikel ins Netz, in dem behauptet wird, dass Menschen permanent ein „phänomenales Selbstmodell“ erzeugen. Das heißt, anzunehmen, in der Welt zu sein, einen Körper zu haben, eigenständig zu sein, ist eine private Illusion. Fühlen zu können mit dem Körper gelingt ebenso illusorisch. Was wäre denn dann eine „lebendige“ Erfahrung und wie stünde sie im Gegensatz zum „eingepaukten“ Kopfwissen beispielsweise der Mathematik und der Logik?
W: „…Das Gefühl an das ich jetzt alle meine Betrachtungen knüpfe ist das von der Einzigkeit der Gedanken…“ (S. 281)
G: Wie lautet eine echte Wahl? Wo ist z.B. der Unterschied zwischen einem feingeistigen Intellektuellen und einem vulgären Leibesmenschen, denn beide bilden sich ihre Existenzen nur ein? Antwort: das ‘Prinzip’ des Ich mag ähnlich sein, aber Begegnungen zeugen von Differenzen, über die die Wahl geschehen kann. Sich die Illusionen selbst, klar und mit kühlen Herzen zu wählen, ist diese “echte” Wahl…
S: „…Der poetische Sinn besteht eben darin, zu der Wirklichkeit, der Realität, außer der Möglichkeit nichts zu bedürfen. Was poetisch möglich ist, ist eben deßwegen schlechthin wirklich, wie in der Philosophie, was ideal – real. Das Princip der Unpoesie wie das der Unphilosophie ist der Empirismus oder die Unmöglichkeit, etwas anderes als wahr und real zu erkennen, als was in der Erfahrung liegt..” (Band 5, S. 634)
G: Der Intellektuelle bleibt lieber in der Möglichkeit geborgen, als sich der „Faktizität“ auszusetzen. Eine „anti-virtuelle“ Alternative scheint es ohnehin nicht zu geben…
N: „…Die Erkenntniss tödtet das Handeln, zum Handeln gehört das Umschleiertsein durch die Illusion das ist die Hamletlehre, nicht jene wohlfeile Weisheit von Hans dem Träumer, der aus zu viel Reflexion, gleichsam aus einem Ueberschuss von Möglichkeiten nicht zum Handeln kommt; nicht das Reflectiren, nein! — die wahre Erkenntniss, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit überwiegt jedes zum Handeln antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als bei dem dionysischen Menschen…“ (S. 52)
G: Wittgenstein „fühlt“ die Einzigkeit der Gedanken. Er überbrückt damit die Trennung von Geist und Leib. Schelling gibt der Möglichkeit denselben Stellenwert wie der Wirklichkeit. Er überbrückt damit die Trennung von Geist und Leib. Nietzsche erkennt die Illusion als allgemein menschliche Verkehrsform an. Er plädiert für das Handeln und glaubt an die wahre Erkenntnis. Sie ist grauenhaft. Was aber, wenn das Grauenhafte nicht im Gegensatz steht zu einem „Ueberschuss von Möglichkeiten“, sondern nur eine weitere ist? (Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: „Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999; Band 1“
S: „Schelling Werke, Stuttgart 1856“
W: „Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5; Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994“
6.01.
G: Beginnen soll das neue Jahr wie das alte endete, mit Wittgenstein. Zu schön sind seine Versuche, zu spannend sein Tasten und Schauen, zu inspirierend sein Staunen, als dass ich jetzt schon aufhören möchte, ihm zu folgen und den Zwischenraum seiner Gedanken auszufüllen. Zu schön ist es, einen wahrhaft Suchenden gefunden zu haben. Einen Philosophen, der sich nicht damit begnügt, in komplizierteste Gedankengebäude einzusteigen, um penibel deren Innenräume zu vermessen, sondern einen, der selbst baut.
G: Sein Bauen ist experimentell. Die Form steht vorher noch nicht fest. Er entwirft sie, ist dabei, sie zu finden – und lässt die Leser an seinen Entwürfen teilhaben. Auch an denen, die er wieder verwirft. Dieser Baumeister scheut sich nicht, seine ganze Lebendigkeit in den Entwurf zu legen. Er ringt mit sich. Mit der Welt ist er primär staunend verbunden. Er ist ein Spieler. Aber nicht einer, dem es um schnelle Regelbeherrschung geht oder darum, zu gewinnen. Nein, er spielt auf eine weisere, elementarere Weise.
N: „…Im Grunde ist das aesthetische Phänomen einfach; man habe nur die Fähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel zu sehen und immerfort von Geisterschaaren umringt zu leben, so ist man Dichter…“ (a.a.O.; S.61)
G: Dieses ewige Spiel hatte Wittgenstein stets vor Augen. Auch ich möchte heute weiter spielen. Als dritten Gefährten hole ich Schelling dazu.
W: „…Wenn ich behaupte, „das ist die Regel“, so hat das nur solange Sinn als ich bestimmt habe wieviel Ausnahmen von der Regel ich maximal zulasse ohne die Regel umzustoßen…“ (a.a.O.; S. 123)
G: Etwas zu schaffen, zu kreieren, eine Form zu geben ist der (aller?) Menschen täglich Brot. Aber nur Manche wissen – und können mit dem Wissen leben, dass Formen nur Wünschen gleichen, dass die quasi flüssig sind. Manche Formen freilich gaukeln uns Beständigkeit vor. Dieser Bestand hat aber nur etwas damit zu tun, dass die eigene Lebensspanne zu kurz ist, den Verfall selbst zu erleben.
S: „…Aber wer kann in diesem lebendigen Ganzen das Einzelne sondern, ohne den Zusammenhang des Ganzen zu zerstören? Wie diese Dichtungen gleichsam als ein zarter Duft die Natur durch sich erblicken lassen, so wirken sie auch als ein Nebel, durch den wir die entfernte Zeit der Urwelt und einzelne große Gestalten erkennen, die sich auf ihrem dunklen Hintergrund bewegen…“ (a.a.O.; Band 5; S. 412/413)
G: Wittgenstein konnte den Duft der Dichtung des Ganzen nicht mehr aus der Nase bekommen. Er muss ihn schon früh gerochen haben in seinem Leben. Vor dem Nebel, der ihn umringte, scheute er sich nicht. Er brauchte ihn, er schärfte ihm die Augen zum wahren Sehen.
W: „…Man kann erst dann gut philosophieren, wenn der Krampf des Denkens gelöst ist…“ (a.a.O.; S. 120)
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999; Band 1
S: F.W.J. Schelling:Â Schelling Werke, Stuttgart 1856
W: Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5;Â Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994
23.12.
Ist es nicht ganz erstaunlich, dass Gegenwart ein ständiger Verfallsprozess zu sein scheint? Der Moment der ersten Wahrnehmung gleicht nicht dem der zweiten oder der dritten usw. Der Verfall steckt im Wandel. Gegenwart ist Wandel – permanent.
…Das Unmittelbare ist in ständigem Fluss begriffen. (Es hat tatsächlich die Form des Stroms)…“ (Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5; Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994, S. 92)
Wozu brauchen wir die Zukunft, wenn die Gegenwart nichts Bleibendes hat? Führt die Zukunft nicht geradewegs hinein in die körperlosen Gedankenwelten? Körperlos, weil erfahrungslos, denn Erfahrung lässt sich nur leiblich und gegenwärtig machen. Muss nicht jede Zukunft deshalb eine Täuschung sein, weil sie nie gegenwärtig ist? Beschreibt die Zukunft eine Möglichkeit oder nur die Möglichkeit zur Möglichkeit? Ist die Täuschung der Fluch der Möglichkeit, ihr dunkler Bruder?
„…Wo Täuschung möglich ist, dort ist auch Sehen der Wahrheit möglich / muss auch Sehen der Wahrheit möglich sein…“ (Ebd., S. 103)
Wenn Gegenwart Wandel bedeutet, ist die Möglichkeit daran gekoppelt. Möglichkeit braucht keine Zukunft, denn sie ist gegenwärtig und sie ist dem Verfall anheimgegeben. Entartet die Möglichkeit, wenn sie zur Zukunftstäuschung wird? Wird sie toxisch durch ihre Virtualität? Müsste man die Möglichkeit hier nicht anders nennen? Einem Schattenriss gleicht sie dann nämlich, sie wird eine Täusch-lichkeit; ein bloßes Abbild ihrer selbst. Doppeltes Höhlengleichniß, die Gefesselten sehen die Schatten auf der Wand und bei geschlossenen Augen blicken sie in ihre Täusch-lichkeiten.
Täuschung hat etwas zu tun mit Tauschen. Ist der Tausch nicht dem Wandel ähnlich? Ist es die Absicht, die den Wandel negativ auflädt? Wandel in Wahrnehmung passiert AN mir. Täuschung passiert VON mir. Man sollte hier gründlich unterscheiden.
Wie will man etwas zu fassen kriegen, das sich permanent wandelt, das permanent verfällt? Was für eine enorme Kunst ist es doch, zu sprechen. Muss eine Sprache, die dieses Fassen besorgen soll, denn nicht genauso verfallen, wie die Gegenwart? Darf der Redestrom denn überhaupt je abbrechen oder ist das Schweigen genau deshalb geboten?
„…Alles Wesentliche ist, dass die Zeichen sich in wie immer komplizierter Weise am Schluss doch auf die unmittelbare Erfahrung beziehen und nicht auf ein Mittelglied (ein Ding an sich)…“ (Ebd.)
Ein schönes Fundstück von heute über eine Retrospektive von Jenny Holzer in der Schweizer ‘Fondation Beyeler’ aus der NZZ: “…Es ist der verwehende Klang, der sie interessiert, es sind die Tiefen und Untiefen, die sich hinter den Worten und Sätzen auftun, die Widersprüche, die sich nicht fügen zum konzisen Argument. Das ist das Vorrecht der Kunst. Kunst ist ein Sammelbecken, wo alles gefährlich und wunderbar zusammenfliesst, was die Disziplinen des Denkens und Fühlens für gewöhnlich auseinanderhalten…”
Denken sollte öffnen und nicht schließen. Texte sollten einem hochbewegten Gewebe gleichen und keiner massiven Pyramide. Erklimmen kann man die Sprache nicht, man kann sich ihrem Ozean nur aussetzen und versuchen, einen sicheren Stand zu finden auf dem Surfbrett, das ‚Worte‘ genannt wird. Mehr bleibt einem bei ernster Betrachtung nicht… (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.