2.07.
Wichtig für die Betrachtung der Ideen ist die Frage, ob es falsche oder richtige gibt. Wenn die Idee Stellvertreterin ist für das Absolute, das Wahre und Schöne, dann kann es doch keine falschen und unwahren Ideen geben, oder? Spannend wird es zu dieser Frage im „System des transzendentalen Idealismus; Ausgabe Reclam; Leipzig 1979“, das Schelling 1800 herausbrachte. Vor allem das sechste Hauptstück will ich hier streifen, in dem es um die Philosophie der Kunst geht.
Dinge treten uns Menschen entgegen. Es gibt natürlich Vorgefundenes und künstlich Hergestelltes. Bei den Naturprodukten handelt es sich um bewusstlos vorgefundene Dinge, denn der bewusste Mensch war nicht an ihnen beteiligt. Kunstprodukte, also auch alle Technologie, jedoch sind bewusst gefertigt worden. Beide Umstände existieren parallel. Die „…Identität des Bewußten und Bewußtlosen im Ich und Bewußtsein dieser Identität“ (a.a.O. 259) ist die Besonderheit in der dinglichen Wahrnehmung des Menschen.
Die Kunst nimmt eine Sonderstellung ein, denn sie lässt den Betrachter teilhaben an einer bewussten Unbewusstheit der Natur. Sie trickst quasi das Bewusstsein aus und überführt es in einen übersubjektiven Zustand des Objektiven. . „…Der Grundcharakter des Kunstwerks ist also eine bewußtlose Unendlichkeit…“ (a.a.O. 265). Der Künstler vermag es dabei, das Unendliche zu berühren – und zwar auch, wenn er ursprünglich eine Absicht verfolgte (etwa eine Auftragsarbeit).
Es ist die Vielfalt der Wahrnehmungen, es ist das Durchstoßen der Dinge, das Eröffnen anderer Realitäten, das Schelling in der Folge beschreibt: „…So ist es mit jedem wahren Kunstwerk, indem jedes, als ob eine Unendlichkeit von Absichten darin wäre, einer unendlichen Auslegung fähig ist, wobei man doch nie sagen kann, ob diese Unendlichkeit im Künstler selbst gelegen habe oder aber bloß im Kunstwerk liege…“ (Ebd.).
Wahrheit und Schönheit liegen dann im Kunstwerk, wenn es das Absolute eröffnet, wenn es das Absolute in die Bewußtheit der Wahrnehmung entlässt. Und auch die eingangs gestellte Frage nach falschen Ideen verdeutlicht sich: „…dagegen in dem Produkt, welches den Charakter des Kunstwerks nur heuchelt, Absicht und Regel an der Oberfläche liegen und so beschränkt und umgrenzt erscheinen, daß das Produkt nichts anderes als der getreue Abdruck der bewußten Tätigkeit des Künstlers und durchaus ein Objekt für die Reflexion, nicht aber für die Anschauung ist, welche im Angeschauten sich zu vertiefen liebt und nur auf dem Unendlichen zu ruhen vermag…“ (Ebd.).
Das Kunstwerk wird hergestellt vom bewussten Menschen. Schön, wahr und an der Idee orientiert wird es jedoch nicht durch Zutun des Künstlers, sondern vielmehr durch sein Weglassen. Der Betrachter erfährt die Mannigfaltigkeit des Absoluten, indem er seine Subjektstellung, sein Bewusstsein verlässt und sich freilässt in den Zustand, aus dem er kam. „Aber das Unendliche endlich dargestellt ist Schönheit…“ (a.a.O. 266) (Fortsetzung folgt)
28.06.
Gefragt hatte ich zu Beginn dieser kleinen Reihe: „…Geben tut es Dinge. Geben tut es Ideen. Geben tut es ein Verhältnis zwischen „materiell/immateriell“. Wer oder was gibt? Wer oder was macht es möglich, dass man nimmt, was gegeben wird? Sind wir die Geber – die Geber der Ideen und Dinge? Oder gibt es einen Grundzustand, eine Matrix, eine Basis, auf der man nimmt?…“
Schellingsches „Construieren“ der Ideen ist in einem absoluten Horizont verspannt. Das Sein und die Idee und Gott und das Absolute bilden einen prägenden Zusammenhang. Der Mensch ist darin das unvollkommenste Glied. Er ist nämlich bestimmt - im Gegensatz zum Unbestimmten. Der Mensch ist bestimmt durch etwas, das er nicht ist und etwas, das nicht seine Idee ist. Das mag für mach Heutige harter Tobak sein, ist aber wichtig zum Verständnis der absoluten Ideenwelt.
Reden wir von Gott. „…Alle Möglichkeiten sind Möglichkeiten in Gott…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 18), schreibt Schelling. Er will darauf hinaus, dass Gott nicht teilbar ist, eine Einheit ist. Gott ist dabei nicht identifizierbar und kann nicht als das Eine bezeichnet werden, denn „…er ist die absolute Einheit selbst, nicht alles, sondern die absolute Allheit selbst, und daß beides unmittelbar als eins…“ (Ebd. 19)
Mag sein, dass wir es bei Schelling mit einer Metaphysik der Kunst zu tun haben. Aber die Phänomene der Kunst gewinnen hierdurch eine Klarheit. Eine nämlich, die uns ein falsch verstandener Reduktionismus oder Determinismus verbaut. Schelling stellt die ästhetische Anschauung über die begriffliche. Was für eine Wohltat. Wenn man das zulässt im Denken, wird plötzlich alles klar. Und ebenso plötzlich werden einem die Kapriolen des Wissenschaftsbetriebes deutlich, denn die Empirie der Psychologie und anderer Methoden sind unzulänglich und können das Wesen der Kunst nicht erfassen.
Kunst lässt sich also durch empirische Werkzeuge nicht trivialisieren. Sie wirkt und west als Enthüllerin der Ideen. Kunst verkörpert die Idee, denn diese steht für das Absolute. Das Absolute wiederum wird offenbar und wahrnehmbar durch die Sinne. Die Sinne haben Teil am Schönen. Alles weist auf das Absolute und im Kunstwerk liegt eine verborgene Wahrheit: „…die Schönheit, kann man sagen, ist überall gesetzt, wo Licht und Materie, Ideales und Reales sich berühren (…) Schönheit ist da gesetzt, wo das Besondere (Reale) seinem Begriff so angemessen ist, daß dieser selbst, als Unendliches, eintritt in das Endliche und in Concreto angeschaut wird. Hierdurch wird das Reale, in dem er (der Begriff) erscheint, dem Urbild der Idee wahrhaft ähnlich und gleich (…) Das Rationale wird als Rationales zugleich Erscheinendes, Sinnliches…“. (Ebd. 26)
Hier werden auch die Brücken deutlich in die Poesie und zur Musik. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Freigeist sein.24.06.
Die Schwierigkeiten, heutzutage übergeordnete Ideen zu finden, sind hauptsächlich darin begründet, dass im Abendland die Möglichkeit einer Einheit von allem Materiellen/Immateriellen nicht mehr gedacht wird. Spätestens seit der Aufklärung (um 1750) beginnt der heutige Mainstream unseres Kulturkreises, den sorgfältig getöteten Gott in den Menschen selbst verlagert zu haben. Seit diesen Zeiten üben sich die Mächtigen der Wissensproduktion daran, ihren Anthropozentrismus Fortschritt zu nennen.
An der Scheidelinie -unmittelbar nach Kant- wirkten die Vertreter des Deutschen Idealismus. Sie dachten die oben beschriebene, verlorene Einheit noch und versuchten die Synthese von Glauben und Wissen. Schelling ist einer der interessantesten Vertreter dieser Epoche. Er hat vieles zuerst in Worte und Sätze gefasst und zwar in Worte und Sätze, die auch noch nach rund 150 Jahren verständlich und nachvollziehbar sind.
Nach Schelling kann die Kunst zusammen mit der Philosophie das Absolute beschreiben. Dieses Absolute ist in der Natur ebenso verdeutlichbar, wie in der Kunst. Das Absolute steht für das Göttliche und ist durch Wissenschaft als Methode der Philosophie und Kunst erkennbar. Der Schellingsche Wissenschaftsbegriff ist dabei nicht einer der beschränkten, sondern der offenen Sorte. Das ist wohltuend, denn reduktionistische Fallstricke tun sich nicht auf.
Das Wahre und das Schöne werden nicht (wie heutzutage) als missglückte Phantastereien gesehen und vom einzelnen Betrachter abhängig gemacht, sondern als Urbilder erkannt, die es mit Hilfe der Philosophie und der Kunst auszumachen gilt: „…Wir werden daher zeigen müssen, daß Wahrheit und Schönheit nur zwei verschiedene Betrachtungsweisen des Einen Absoluten sind…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 14)
Mit dem Allgemeinen und Besonderen spricht Schelling das Problem an, die Einheit des Absoluten auch in Teilen denken zu müssen, denn Einheit muss ja in den mannigfaltig möglichen Ergebnissen der Künste vorhanden sein. „…Das Absolute ist schlechthin Eines, aber dieses Eine absolut angeschaut in den besonderen Formen, so daß das Absolute dadurch nicht aufgehoben wird, ist = Idee (…) Die Ideen also, sofern sie als real angeschaut werden, sind der Stoff und gleichsam die allgemeine und absolute Materie der Kunst, aus welcher alle besonderen Kunstwerke als vollendete Gewächse erst hervorgehen…“ (Ebd. 14)
Da haben wir also das erste Mal die Idee. Sie ist im Denken Schellings verbunden mit dem Absoluten. Sie ist „Materie des Kunstwerks“ und sie ist Quell der Philosophie. Wie ist nun das Verhältnis zwischen Materie und Idee, wenn es durch ein Drittes -das Absolute- gebunden ist?
Das Absolute birgt Ideen. Es birgt sie durch die verschiedenen Zeiten. Die Ent-bergung des Absoluten mittels seiner Ideen bringen über die Zeiten verschiedenste Formen der Kunst hervor; Stile, Materialien, Körper ändern sich dabei: „…so ist die Musik nichts anderes als der urbildliche Rhythmus der Natur und des Universums selbst, der mittels dieser Kunst in der abgebildeten Welt durchbricht. Die vollkommenen Formen, welche die Plastik hervorbringt, sind die objektiv dargestellten Urbilder der organischen Natur selbst. Das Homerische Epos ist die Identität selbst, wie sie der Geschichte im Absoluten zu Grunde liegt. Jedes Gemälde öffnet die Intellektualwelt…“ (Ebd. 13).
Das Absolute kann also nichts Starres sein, sondern ist verdeckt und flüchtig, flüssig und bewegt. Das Absolute und das Mannigfaltige schließen sich nicht aus. Ist denn aber Alles ideengebildet oder gibt es auch “falsche” Kunst oder falsche Ideen, die zur falschen Kunst führen? (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Freigeist sein.18.06.
Es ist schon merkwürdig mit den Ideen. Sie entstammen einem virtuellen Reich. Einem, an dem eine Menge Menschen Teil haben, ohne es zu sehen, zu schmecken, zu riechen, zu tasten oder zu hören.
Das Reich der Ideen ist mannigfaltig. Ideen sind verbunden mit allem. Es gibt kein Ding, ohne seine Idee. Gibt es aber eine Idee ohne ihr zugehöriges Ding? Sind die Ideen vor dem Stoff schon da? Haben Menschen Teil an den Ideen und bauen die vorgefunden Stoffe -etwa die der Natur- um?
Die Forscher entdecken. Sie ent-decken etwas, das zuvor belegt war - bedeckt war. Mit was belegt oder bedeckt? Mit der menschlichen Unkenntnis? Sind Ideen ein Mittel zum Zweck der Erkenntnis? Erkenntnis von was? Wieso sollte dieses Was die Unkenntnis als “Verkehrsform” haben?
Es gibt offensichtlich ein Verhältnis von Idee und Stoff oder Idee und Materie. Wie ist dieses Verhältnis „materiell/immateriell“ beschaffen? Hat ein guter Freund recht, wenn er behauptet, dass es den Baum, den ich dort sehe, nicht gibt ohne mich? Hat er recht, wenn er behauptet, dass es nur das gibt, über das man sprechen kann?
Was ist mit den Dingen, Erlebnissen, Situationen für die man keine Sprache hat – noch keine Sprache hat? Sie sind da, ohne dass man ihnen zuvor Ideen zugeordnet hat. Ist die Idee notwendiger Weise verbunden mit der Sprache? Was ist mit den anderen Weisen, etwas gewahr zu werden; den Weisen, die ohne Sprache auskommen? Kann Sprache verbunden sein mit diesen Weisen?
Geben tut es Dinge. Geben tut es Ideen. Geben tut es ein Verhältnis zwischen „materiell/immateriell“. Wer oder was gibt? Wer oder was macht es möglich, dass man nimmt, was gegeben wird? Sind wir die Geber – die Geber der Ideen und Dinge? Oder gibt es einen Grundzustand, eine Matrix, eine Basis, auf der man nimmt?
Wie ist das Verhältnis beschaffen zwischen „materiell/immateriell“? Ist es wie eine Einbahnstraße organisiert? Geht es also von Stoff in Richtung Idee oder von Idee in Richtung Stoff? Wie verändern sich die Verhältnisse zwischen Stoff und Idee? Was für ein flüchtiges Wesen haben die Ideen, wenn Stoffe sich wandeln können, sich auflösen und verändern können?
Verändert sich der Stoff und danach die Idee oder umgekehrt? Kann man jeden Stoff ins Verändern bringen? Was ist die Idee der Idee; die Idee der Möglichkeit dieser Veränderungen?
Diese und andere Fragen wird der Autor dieses Blogs in einer kleinen Serie bearbeiten, wie üblich, seiner hermeneutischen Verfassung folgen und Spaß dabei haben, selbst zu ent-decken. Tangiert werden hierzu zunächst F.W.J. Schelling und Iannis Xenakis, denn wie manche Leser schon ahnen, spielt die Musik wieder einmal eine wichtige Rolle bei den anstehenden Streifzügen. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Freigeist sein.11.06.
Gemischte Gefühle hatte der Schreiber dieses Blogs, nachdem er über eine Meldung aus dem beschaulichen Schweizer St. Gallen gestolpert war. Im dortigen Kunstmuseum wird der geneigte Besucher nämlich auf seine körperlichen und geistigen Reaktionen während des Ausstellungsrundgangs gescannt.
Das „psychogeografisch kartierte Museum“ ist also Wirklichkeit…Im zugehörigen Pressetext steht zu lesen: „…Untersucht wird nicht was Kunst ist, sondern wie sie im Kontext des Museums zustande kommt, also wie sie wirkt beziehungsweise der Museumsbesucher Werke und ihre
Wirkung empfindet…“
Da wurde mein Unbehagen schon kleiner, denn die x-fach gestellte Frage, was die Messerei und Hirnfixiertheit denn aussagen soll, wird von den Initiatoren schon beantwortet. Man ist sich darüber im Klaren, NICHTS über die Kunst auszusagen. Hier wird lediglich gemessen, DASS etwas passiert mit den Menschen. Nicht gemessen werden kann, WAS dort passiert. Aber das ist doch die entscheidende Frage - für mich jedenfalls.
Dennoch bewegen sich die Forscher auf dem schmalen Grad zum Selbstbetrug mit konstruktivistischen Mitteln, der ja heutzutage Mainstream ist. Zu lesen ist nämlich weiter, dass man zwischen drei Betrachtungsweisen die „Psychogeografie“ zu finden hofft, nämlich „Bedeutungsraum durch Hängung der Exponate“ versus „Materialität und Gestalt“ versus „Vorwissen und Erwartung“.
Spannend erscheint mir viel eher, dass die Forscher sehr schnell an die Grenzen ihrer Disziplinen kamen in diesem Projekt und durch die Zusammenarbeit mit Künstlern zu „Mut und flexiblem Denken“ gezwungen worden sind. Das Dilemma einer Wissensproduktion, die sich auf Reduktionismus gründet, wird hier überdeutlich.
Schon einmal war bei LOGEION.NET ein neuer und aufgeweiteter Forschungsbegriff im Fokus. Die am Projekt beteiligte „Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel“ scheint einen solchen Weg ebenfalls zu gehen, wenn sie schreibt: „…Künstlerische Forschung versteht man dort (HGK Basel, CJG) als ein Forschungsprinzip der Kreativwirtschaft. Mit künstlerischen Prozessen und Methoden soll Flüchtiges, Neues oder bisher Ungesehenes erfahrbar und damit interpretierbar gemacht werden…“
Diese Haltung kann ich bejahen und da der glückliche Zufall mich demnächst ohnehin nach St. Gallen führt, werde ich mir die Ausstellung nicht nur ansehen, sondern mich auch (quasi im anarcho-scientistischen Selbstversuch) verkabeln lassen…
Gespeichert unter Freigeist sein.7.06.
Schon einmal hat der Schreiber dieses Blogs auf „Wolkenkuckucksheim“ hingewiesen. Eine neue Ausgabe des Onlinemagazins für Architekturtheorie flatterte unlängst in mein E-Mail-Postfach. Zur Kenntnis nahm ich dabei wieder einmal, dass der aktuelle Architekturtheoriediskurs weitgehend uninteressant für mich ist. Aber einige Perlen gibt es glücklicherweise doch, so zum Beispiel Lukas Zurfluhs Essay: „Der fließende Raum des Barcelona-Pavillons. Eine Metamorphose der Interpretation?”.
Fünf Perspektiven auf den (1986 rekonstruierten) Miesschen „Barcelona-Pavillon“ stellt der Züricher Autor vor und beginnt damit, das scheinbar Widersprüchliche eines Raumes, der fließt aufzuzeigen. Interessant für mich hier wiederum, dass ein Musiktheoretiker 1929 zuerst begriffen hat, dass Bau- und Tonkunst eine Einheit bilden. Die scheinbar obligatorische Statik von Architektur nämlich kann durchaus dynamisiert werden, ohne deshalb das Bauwerk konkret in Bewegung zu versetzten. Dynamik äußert sich nämlich mannigfaltig, z.B. visuell, akustisch und natürlich atmosphärisch.
Schnell ist im Essay Fritz Neumeyer erreicht, der mir seinerzeit mit dem fulminanten Buch „Mies van der Rohe. Das kunstlose Wort. Gedanken zur Baukunst“ die Augen für den Ausnahmearchitekten geöffnet hat. Sind es doch Männer wie Mies, die Vorbilder sein können für die heutigen Architekten, die ihr Ethos verloren zu haben scheinen und sich mit dem Verwalten von Bauabläufen zufrieden geben…Aber das nur nebenbei und zurück zum Thema.
Zurfluh lässt Neumeyer sagen: „…Diese Wahrnehmung ist…für den Menschen eine existentielle Erfahrung, durch die sich hinter dem empirischen Raum ein metaphysischer Raum öffne, der schon fast eine religiöse Dimension der Welt andeute…“ und weiter „…Begrenztheit und innere Weite, Geborgenheit und Freiheit, Statik und Dynamik, Reflektion und Kommunikation – in dieser Wahrnehmung des Gegensätzlichen identifiziert Fritz Neumeyer die moderne Lebenserfahrung schlechthin…”.
Recht hat Neumeyer, wenn er Mies den Horizont zubilligt, ein Kardinalproblem der Moderne zu thematisieren. Die Transparenz ist sein Schlüsselthema hierbei, dass ich parallel denken möchte mit einem anderen Posting, in dem Beethovens Spätwerk als seismografisch für den postmodernen Zustand gesehen wurde.
Seinerzeit schrieb ich entlang am Gedanken von Johannes Picht: „…Des Pudelns Kern für unsere Fragestellung liegt woanders. Die Hinwendung zum Rauschhaften, Körperlichen und gleichzeitige Abkehr vom Entrückten, Vergeistigten und Kontemplativen der Struktur wird im Werk Beethovens erkannt. Dionysos drängt Apollon in den Hintergrund. Die Musik Beethovens will „ein Aufbrechen…in die Offenheit der Zukunft“. Hierzu muss er „…eine Musik entwerfen, die zu den Strukturen, aus denen sie im jeweiligen Moment besteht, eine immer wieder aufweisbare Distanz herstellt…“.
Der kulturelle Zustand des Wandels und der Gegensätzlichkeit ist ein Thema, das die Kunst im Prinzip seit der Aufklärung beschäftigt. Es lässt sich 1929 mit dem Mittel der Transparenz im Barcelona-Pavillon ebenfalls ablesen. Formen werden gebildet und gleichzeitig aufgelöst. Mensch und Materiel geraten in Distanz untereinander und zu sich selbst; sie werden zu ihren eigenen Betrachtern. Architektur wird zur Musik und bezwingt ihre Statik. Es ist die Größe Mies van der Rohes, in Beethovenscher Manier der Baukunst diese oftmals versteckte Dimension in aller Offenheit geschenkt zu haben.
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Musik denken.3.06.
„Ein Kunstwerk ist mehr als ein Objekt“ ist der Titel zu einem Interview, das die Neue Zürcher Zeitung mit Daniel Birnbaum geführt hat. Er ist der künstlerische Leiter der 53. Kunstbiennale von Venedig und äußerte sich aus einer seltsam anmutenden Außenperspektive über den Gegenstand seiner Arbeit.
Dem Schreiber dieses Blogs will es partout nicht möglich sein, die folgende Gegenüberstellung unkommentiert zu lassen: „…ein Kunstwerk ist mehr als ein handelbares Objekt, es ist immer auch Ausdruck einer Welt oder einer Weltsicht…“. Was soll denn das für eine Differenzierung sein, die die Kunst zwischen einem irgendwie gearteten Konstruktivismus und ihrer Monetarisierung verorten will?
Weder das eine, noch das andere fassen die Wirklichkeit von Kunst. Der Warencharakter dürfte doch wohl meilenweit davon entfernt sein, zum Kriterium zu werden; es sei denn, man erliegt dem Irrglauben, dass der Wert des Kunstwerks sich ausdrücken würde in einer Summe, die irgendjemand zu irgendeiner Zeit dafür zu zahlen bereit ist.
„Weltenmachen…“ ist das Motto der 53. Kunstbiennale. Hier drückt sich der Birnbaumsche Antipode aus zur Handelbarkeit. Werden Welten gemacht? Vielleicht in Science Fiction Filmen a´la „Matrix“, der über die Pfingstfeiertage mal wieder lief im Fernsehen, aber sonst hat gemachte „Welt“ herzlich wenig zu tun mit der Wahrheit, die sich ins Werk setzt, mit der Unverborgenheit des Seins, das im Dasein präsent wird. Nein, die Kunst verspannen zu wollen zwischen diesen beiden Polen, zeigt nichts anderes als die Sprachlosigkeit unserer Zeit. Sprachlosigkeit meint freilich nicht, das man verschont würde von der „geistlosen Freiheit des Meinens“ (frei nach Hegel…).
Da bleibt nur eins. Selber nach Venedig fahren und sich ein Bild und eine Sprache machen und ggf. auch aufhören, sich in den Feuilletons den Verlautbarungen der Würdenträger auszusetzen: „…Solche Menschen haben den letzten Rest nicht nur einer philosophischen, sondern auch einer religiösen Gesinnung eingebüsst und statt alle dem nicht etwa den Optimismus, sondern den Journalismus eingehandelt, den Geist und Ungeist des Tages und der Tageblätter…“ (Nietzsche: KSA 1 364/365)
Gespeichert unter Freigeist sein.31.05.
Auch im zweiten Teil dieses Artikels geht das Denken entlang am Aufsatz: „Die Kunst und der Raum“ vom Martin Heidegger (GA 13, S. 203-212). Aufgezeigt hatte ich bereits, dass das Begrenzende des Körpers in der Leere seines Raums liegt. Ebenfalls sollte klar geworden sein, dass Leere nicht Nichts ist.
Gelöst hatte ich mich auch schon vom durch Euklid motivierten wissenschaftlichen Raumbegriff. Einem nämlich, der das Verständnis des Raumes auf innen und außen, Oberflächen, Volumen und Maßeinheiten reduziert. Fokussieren möchte ich mich auch heute vielmehr auf eine Deutung des Raumes, die in Verbindung steht mit dem „Ins-Werk-Bringen der Wahrheit“, wobei die Wahrheit als die „Unverborgenheit des Seins“ gesehen wird.
Heidegger nähert sich über die Sprache dem Raum. „…Darin (in der Sprache, CJG) spricht das Räumen. Dies meint: roden, die Wildnis freimachen. Das Räumen erbringt das Freie, das Offene für ein Siedeln und Wohnen des Menschen…“ (Ebd. 206). Das Räumen kann also als Frei-Räumen gedacht werden und als „Freigabe von Orten“ (Ebd.). Wenn der Mensch, der Künstler, der Architekt etwas freimacht, macht er etwas. Das Machen wird in der Folge als „Geschehen“ festgehalten. Es gehört also zum Raum dazu.
Das Geschehen und derjenige, der geschehen lässt, räumt frei und räumt ein, denn das „Ein-Räumen“ ist das Andere des Räumens. Zunächst wird das Offene möglich, in das das Eingeräumte wirken kann. Die Beziehungen der Dinge untereinander wiederum, werden bestimmt über ihr jeweiliges Wohin. So entsteht nicht bloß Raum, sondern Ort, denn „…Der Ort eröffnet jeweils eine Gegend, indem er die Dinge auf das Zusammengehören in ihr versammelt…“ (Ebd. 207). Welcher sensible Architekt hat das nicht schon gespürt; diesen Moment, in dem der Ort einem sagt, was und wie hier zu bauen wäre!
Offenheit, Weite und Gegend stehen mit dem Ort in Verbindung. Die Dinge, Körper, Architekturen also sind gebunden an ein Frei- und Einräumen, an das Tun desselben und daran, dass die Dinge gleichzeitig bergen und entbergen. Die Dinge kommen in ihr Zusammengehören, das das Räumen entstehen lässt.
„…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (Ebd. 208), schreibt Heidegger weiter. Dann wäre der Raum also nicht das „Leere“ zwischen den Dingen, sondern das Walten und Wirken der Dinge selbst. „…Die Plastik wäre die Verkörperung von Orten, die, eine Gegend öffnend und sie verwahrend, ein Freies um sich versammelt halten, das ein Verweilen gewährt den jeweiligen Dingen und ein Wohnen dem Menschen inmitten der Dinge…“ (Ebd. 208).
Orte und Räume entstehen also quasi vom Innen der Dinge. Der Dinge, Kunstwerke, Architekturen, die die „Wahrheit ins Werk bringen“, wobei die Wahrheit ganz unpathetisch die „Unverborgenheit des Seins“ meint und also das Alltäglichste. Wir Heutigen haben dieses Alltäglichste allerdings gründlich verlernt und sehen nicht mehr hinaus über den Tellerrand der freiwilligen Selbstkontrolle, die Wissenschaft genannt wird…
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen.28.05.
Philosophie hat nichts verloren in den staubigen Winkeln der akademischen Fabriken. Sie kommt aus dem Leben und hilft, es zu meistern. Aus den Klauen der „Logokraten“ (Dank an George Steiner oder seinen Lektor für dieses wunderbare Wort) in das freie Spiel der Selbstvervollkommnung gehört auch das Denken Martin Heideggers. Heute steht der Aufsatz „Die Kunst und der Raum“ (Heidegger: GA 13, S. 203-212) im Mittelpunkt. Es geht um nichts Geringeres als die Frage nach der Präsenz von etwas in etwas. Genauer vom präsenten Wechselspiel von Kunst und Raum.
„…Das Gestalten geschieht im Abgrenzen als Ein- und Ausgrenzen. Hierbei kommt der Raum ins Spiel. Er wird vom plastischen Gebilde besetzt, als geschlossenes, durchbrochenes und leeres Volumen geprägt…“ (Ebd. 204). Das ist ziemlich am Anfang zu lesen. Und ja, welcher sensible Architekt hätte sich nicht schon gefragt, wie umzugehen ist mit Grenzen. Grenzen werden in jedem Schöpfungsakt gesetzt; sei es ein Ton, sei es ein Pinselstrich, sei es ein Körper im Raum.
Es scheint das Leere zu brauchen, um schöpfen zu können. Oder zumindest das, was (noch) nicht da ist, (noch) nicht präsent ist. Das scheint irgendwie „magisch“ zu sein. Aber die Magie ist ein schlechtes Beispiel, denn sie lebt von der Täuschung und zeigt lediglich die Irrtümer menschlicher Erwartungen auf. Nein, tiefer sollte das gesehen werden. Vom Schöpfen war die Rede. Schöpfen setzt etwas zu Schöpfendes voraus. Dieses Etwas ist nicht im Schöpfer geborgen, etwa in seiner Vorstellung. Dieses Etwas ist in im Nicht, im (noch) Nicht-Präsenten verborgen. Es wird geborgen, entborgen vom jeweiligen Schöpfer.
Es will scheinen, dass die Grenze, die der Ton, der Strich, der Körper bildet im Wechsel steht mit dem „Noch-Nicht“ ihrer eigenen Präsenz. Das „Noch-Nicht“ des Tons ist in der Stille. Das „Noch-Nicht“ des Dichtens ist im Schweigen. Das „Noch-Nicht“ des Striches ist im unbeschriebenen Blatt. All das beschreibt aber keinesfalls ein Nichts. Es ist nicht leer, sondern nur (noch) nicht präsent.
Das Schweigen kann laut sein und die Stille voller Erwartung. Hier ist das „Noch-Nicht“ präsent. Wie ist es aber mit dem Raum? Der eigene Körper ist. Es fällt hier schwer, das „Noch-Nicht“ der Präsenz in Einklang zu bringen mit der Erfahrung des eigenen Körpers. „…Denn hinter dem Raum, so will es scheinen, gibt es nichts mehr, worauf er zurückgeführt werden könnte. Vor ihm gibt es kein Ausweichen zu anderem. Das dem Raum Eigentümliche muß sich von ihm selbst her zeigen…“ (Ebd. 205). Der Raum ist ein Sonderfall. Er verlangt ein Denken bis zur eigenen Grenze und auch darüber hinaus. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen.20.05.
Was ist eigentlich Klang? Nähern kann man sich dieser Frage für den Anfang über das „nicht nur“. Klang ist nicht nur Ton, nicht nur Rhythmus. Er ist auch nicht nur Melodie. Klang ist präsent und besteht aus allem ein bisschen, scheint es. In welchem Verhältnis steht Klang zur Musik?
Was macht Musik aus? Was ist die Struktur von Musik? Kann man sie zerlegen wie es oben geschehen ist, ganz in unserer abendländischen, reduktionistischen Manier? Ist die Struktur in diesem Fall nicht vielmehr ein zusammengehörendes Geflecht? Ein Gewebe, ein immaterieller Raum? (Raum darf hier allerdings nicht euklidisch, dreidimensional verstanden werden. Auch die vierte Dimension -die Zeit- will mir hier keine Klärung verschaffen.)
In der Neuen Zürcher Zeitung fand ich kürzlich den Artikel: „dann ohne Klang und Wort bin ich beiseit“. Er passt gut zum Thema, denn der Komponist und Dirigent Heinz Holliger äußert darin seinen Zugang zum Musikalischen. Er sagt im Kontext Gefecht: „…Für mich ist Musik eine totale Einheit, ein Kosmos. Wenn ich spiele, spüre ich sicherlich am stärksten das Physische des Musikmachens. Als Dirigent muss ich zwar auch physisch weitergeben, was in mir klingt – wie bei einem Instrument. Aber es ist doch indirekt. Und als Komponist ist man vielleicht ein bisschen von allem…“.
Was ist mit dem Zusammenhang zwischen Gefühl und Musik? Haben die Hörer Teil an einem Gefühlsgeflecht? Soll es tatsächlich so sein, dass Menschen stimmbar sind wie ein Instrument? Gehen wir noch einmal zu Celebidache. Er beschreibt sehr schön, dass Menschen sich die Töne nur ausleihen. Sie sind alle schon da. Nur durch ein menschliches Zutun kommen sie zum Vorschein, etwa wenn ein Cellobogen an einer Metallplatte entlang streicht, auf der Späne liegen. Es erklingt ein Ton und die Späne fügen sich in ein Muster. Allem Material wohnt also eine verborgene Sphäre inne, die durch das Hören erkannt werden kann.
Klang scheint mir der Geist, das Verbindende der Musik zu sein. Klang beschreibt eine Atmosphäre, in der Gefühl, Rhythmus, Ton, Melodie geborgen sind. Klang ist vielleicht so etwas wie die Seele der Musik. Ohne sie bleibt die Musik hohl und ohne Substanz.
Es gibt Beispiele für Musik ohne Tiefe und ohne Substanz. Sie lassen sich zuhauf finden in der heutigen Welt einer auf Massenverwertbarkeit getrimmten Oberflächenkultur. Auch hier werden einmal mehr die Konsequenzen einer konstruktivistischen Kultur deutlich, die ihren Horizont am Ende der subjektiven „Fußspitzen“ ausmacht.
Der Wille zur Musik-Konstruktion führt dieselbe blitzartig an ihre Grenzen. Wenn man also behauptet, dass die heutige Konservenmusik keine Seele mehr hat, dann hätte sie eben keinen Klang. Sie steuert die Bausteine Emotionalisierung, Rhythmus, Ton etc. einzeln und ein bisschen an, hebt sie aber eben nicht mehr in ein verbindendes Geflecht. Man richtet die Musik nicht mehr aus auf einen Horizont des Klangs. In diesem Lichte wird auch die Techno-Musik deutlich. Es ist die akustische Verdeutlichung einer Kultur, die im Zustand der Nabelschau verharrt, wobei der Nabel ein metallener Motorblock zu sein scheint, der unaufhörlich auf vollen Touren läuft.
Zum Schluss noch einmal Hoillinger aus nzz.ch (s.o.): „…Musik ist das Geistigste, das wir haben, da sie jenseits der Sprache ist. Sie geht sehr viel weiter als alles, was wir als Kommunikationsmittel haben…“…
Gespeichert unter Musik denken.