30.08.
Weiter auf der Wanderung. Deutlich wacher also setzt man den Weg fort. Die Augen suchen Orientierung – und irgendwann finden sie sie auch. Ein heller Fleck erscheint. Noch einen halben Meter von ihm entfernt wird deutlich, um was es sich handelt. Ein kleines Aquarium mit zwei Drähten anstatt Fischen im Wasser. Ein Kabel führt in das kleine Becken, das auf Augenhöhe angebracht ist und etwa die Ausmaße eines Toasters hat.
Der Ausstellungsflyer fällt mir ein. Hier soll das Rosten von Drähten hörbar gemacht werden. Obwohl direkt vor einem, klingt das nach wie vor irgendwie merkwürdig. Hier steht man nun als Mensch in diesem Angst- und Imaginationsraum und fühlt sich so, als ob man die Abgründe seiner Seele durchläuft – und all das ist technisch erklärbar mit den Worten, es handele sich um hörbar gemachtes Rosten…?
Der Verstand schaltet sich nun vollends an und gewinnt Kontrolle. Die Ausstellung hat ja einen thematischen Bezug. Eine verwegene, eine romantische Geschichte steckt dahinter – wobei Romantik hier unter Umständen in Anführungszeichen gesetzt werden sollte, denn es handelt sich um einen Flugzeugabsturz, bei dem einige 100 Menschen gestorben sind.
Die „AF 447“ war im Atlantik vom Radar verschwunden und danach abgestürzt. Sie versank etwa 5.000 m in die Tiefe und ist bis heute nicht erreichbar – auch nicht für Tauchroboter. Der Flugschreiber ist ebenfalls nicht gefunden.
Mehr gäbe es nicht zu sagen, wären Menschen nicht Menschen. Wo Antworten fehlen, tritt die Imagination in Kraft oder auch die Beleuchtung eines einzelnen, technischen Effekts. Das jedenfalls hat Paul DeMarinis getan, indem er diese Geschichte auf eine akustische Reaktion reduziert hat.
Das tiefe Grummeln in den inneren Ringen ist die klangliche Signatur von zwei verschiedenen Metallen, die in Wasser ihre Ionen austauschen und dabei eine elektrische Spannung erzeugen. Diese wiederum betreibt die Lautsprecher und lässt den Prozess hörbar werden.
Auf diese Idee ist DeMarinis gekommen, nachdem er herausgefunden hatte, dass „AF 447“ in unmittelbarer Nähe zu einer alten Telegrafenleitung gesunken war, die auf den Meeresgrund liegt – einem Kupferdraht also. Das heißt, dass das Flugzeug im Wasser zusammen mit dem alten Kupferdraht in ähnlicher Weise reagiert, wie es die beiden Drähte in dieser Ausstellung tun.
In 5 km Tiefe im Atlantik könnte also eine ähnliche Klangsignatur tönen. Das Schicksal der Menschen wäre dann hörbar als unterschwelliges, dumpfes Grummeln, das vom Grunde des Atlantik empor steigt in unsere Sinne.
Was hat es aber noch auf sich mit diesem Rosten? Was zeigt sich hier, bzw. dringt in das Gehör? Ist hier vielleicht auch eine Art Metaphysik hörbar – ein Beweis hörbar von einer anwesenden, jedoch „unsichtbaren“ Welt?
Wie wäre es, wenn es ein Geschöpf gäbe, das die Welt nur hört und nicht sieht oder fühlt? Und weiter, wenn dieses Geräusch, dieses angsteinflößende, dunkle, gefährliche, lauernde Grummeln nichts anderes ist, als das langsame Rosten im Wasser – wenn das also nur ein winziger Ausschnitt von Möglichkeiten ist, wie müssten dann erst eine zweite oder dritte oder tausend andere Handlungen für so ein Wesen klingen?
Wenn man sich vorstellt, dass jedes Element auf der Erde, das in Bewegung gerät, einen Klang erzeugt, wie intensiv, wie unendlich, wie dynamisch, wie verwirrend und chaotisch müsste ein solches Wesen die Umwelt wahrnehmen – freilich nach menschlichen Maßstäben verwirrend, denn, was wissen wir schon von anderen Wesen?…
Nun kommt man langsam heraus aus der Ausstellung, tritt der Sonne, Wärme und anderen Menschen entgegen. So einfach ist es also, dem Drachenmaul wieder zu entfliehen. Wieder in die Welt zu kommen, in eine freundliche, in eine helle, die vom Lachen der Kinder geprägt ist und vom sanften Rauschen der Blätter.
Doch das Drachenmaul liegt nur einen einzigen Schritt hinter mir! Es existiert in meiner Vorstellung und bestimmte für eine gewisse Zeit die Wahrnehmung. Aber, ist es wirklich so einfach? Ist der Mensch tatsächlich zu jeder Sekunde der Konstrukteur seines Lebens – ob nun mächtig, wie in der gesicherten Alltagswelt oder auch ohnmächtig in seinen Ängsten?
Ist die helle Welt vor mir auch nur Vorstellung, freilich unendlich viel reicher? Möglicherweise ist das Drachenmaul nur eines, weil der Mensch auf eine einzige Vorstellung reduziert wird, bzw. auf einige wenige. Vielleicht gibt es auch im sonnigen, warmen, hellen Außenraum genau solche Drachenmäuler, die allerdings relativiert werden, weil sie zusammenklingen mit anderen Vorstellungen?
In der Welt sein heißt, verwoben zu sein, etwas oder jemandem zu begegnen. Das ist die Daseinsform des Menschen. Ein Ausflug in sich selbst wäre dann so etwas, wie ein Ausflug in ein Dasein „ohne“ Umwelt, in ein isoliertes Dasein.
Heidegger kommt mir hier in den Sinn: „…In der Dunkelheit, das heißt bei Abwesenheit der Helle als der Möglichkeit der Sicht, kann einem unheimlich werden oder im Alleinsein – und das gerade in vertrauter Umwelt. Die Abwesenheit des Lichtes oder der anderen macht es, dass mir im Umkreis dessen, worin ich zuhause bin, unheimlich wird. Man ist nicht mehr zu Hause. Der Befindlichkeitscharakter des Nicht-mehr-zu-Hause-seins ist die Angst…“. (GA 64; S. 42)
Das Zuhause ist hier freilich fundamentaler gemeint und nicht zu verstehen als heimische 3-Zimmer-Wohnung… (Ende)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Musik denken.23.08.
21. August in Berlin. Endlich wieder Sommer – ohne Wolken. Endlich wieder 30 Grad. Endlich wieder lauer Wind. Endlich wieder diverse, warme Gerüche der Pflanzen und Bäume in der Nase. Genau der richtige Tag, um sich in der Stadt treiben zu lassen. Genau der richtige Tag, um das zu machen, was in Berlin so einmalig gut geht.
Mit welchem Ziel? Eigentlich braucht es ja keines. Ein offener Geist, die Fähigkeit, sich treiben zu lassen, neugierige Augen und die Lust, die verschiedensten Atmosphären aufzunehmen – mehr ist nicht nötig.
Mit dem Fahrrad durch Tiergarten. Da war doch was… „Singuhr“ – Wasserspeicher im Prenzlauer Berg. Ja genau, los geht’s. Die Neue Schönhauser hoch. Begleitet vom Verkehrslärm – aber deutlich weniger als sonst. Wahrscheinlich sind die Leute im Urlaub. Rechts raus auf die Kollwitzstraße. Kopfsteinpflaster. Gott sei Dank ist der Bürgersteig nicht weit mit dem berühmten Granitplatten. Die, die auch schon Olafur Eliasson verarbeitet hat in seiner Ausstellung im Gropius-Bau.
Belforter Straße rechts ab und da ist er schon, der Wasserspeicher. Darauf zu rollen durch die stille Straße. Vorstadtgefühl, aber trotzdem mitten drin. Nun die Ohren aufsperren, denn immerhin geht es doch um die „Singuhr“. Es geht also um Klangkunst, darum mit dem ganzen Leib wahrzunehmen. Leib meint hier mehr als Körper. Der Leib dehnt sich auch auf das Denken und Fühlen aus, er berührt die Atmosphären.
Eintritt in die Ausstellung von Paul DeMarinis. Ein unterschwellig-dumpfes Grummel empfängt den Besucher schon im Eingangsbereich. Dieser ist nur durch einen schwarzen Vorhang abgetrennt vom Innenraum. Was passiert wohl dort? Etwas Unheimliches…
Erster Schock. Kälte! Mein Gott, was für einen Temperaturgefälle. Es sind es bestimmt nur 15 Grad hier drin. Dazu die Dunkelheit. Die Augen müssen sich zuerst daran gewöhnen. Und dann das unterschwellige Grummeln. Irgendwie gefährlich, wie ein Raubtier. Irgendwie angsteinflößend.
Um den Kern des Wasserspeichers legen sich konzentrische Ringe. Ich nehme den Äußeren und wende mich nach links. Ein Klicken begleitet mich. Klick, klick, klick, klick, geht es die ganze Zeit. Man geht den Bogen entlang und wird verfolgt von diesem Klicken, das von oben zu kommen scheint.
Der Gang ist nicht breit, vielleicht 1,5 m. Er ist rhythmisiert durch einzelne Felder, die man durchschreitet. Die Felder werden markiert durch kleinere Wandvorlagen, die rechts und links angeordnet einen Bogen tragen. Von den Feldern sieht man immer nur zwei oder drei, denn der Weg ist ja leicht gebogen.
Man ist allein in diesem Gang und in seinem Gehen. Man hört das Klicken über sich, es ist dunkel und kühl. Irgendwie beängstigend, dieses Klicken zu hören, dieses mechanische, unmenschliche, unrhythmische Klicken, das einem nach einer Weile vorkommt, wie eine Sprache, die man nicht versteht.
Da! Schemenhaft und dunkel am Ende des sich abzeichnenden dritten Feldes vor einem. Etwas kommt von der Decke. Was ist das? Sieht aus, wie eine gigantische Schlange mit riesigem, runden Leib und aufgerissenem Maul. Dunkelheit, Kälte, das Klicken über einen, der schmale Gang, der nie enden will und nun auch noch ein Monster mit aufgerissenem Maul, auf das man zugeht.
Langsam nähert man sich mit höchstem Respekt. Das Vieh bewegt sich nicht. Es ist eine Einbildung, eine Vorstellung. Es ist mein Wunsch, meine Angst, die hier projiziert wird. Projiziert wird von einem selbst – und dabei ist man auch schon beim Kern der ganzen Ausstellung. (Aber davon im am Ende mehr)
Beim weiteren Annähern bemerkt man, dass das Schlangenvieh nichts anderes ist, als eine riesige Leitung, ein fettes Rohr mit dem Durchmesser von 60 oder 70 cm. Von der Decke herab, windet es sich dem Boden zu und -um 90° gedreht und geöffnet- gibt es den Blick frei in sein kreisrundes Inneres. Nach diesem Erlebnis durchschreitet man deutlich wacher den äußeren Ring, bis man wieder am Ausgangspunkt ankommt.
Nun sind die weiteren, konzentrischen Ringe erreichbar. Das Gefühl der Wachheit, der gesteigerten Aufmerksamkeit, ist nicht gewichen. Noch immer sind die Sinne auf Maximum gestellt. Noch immer ist das menschliche Sensorengeflecht auf das Feinste justiert und nimmt jede noch so kleine Schwingung war.
Der innere Ring ist viel breiter als der äußere und gesäumt von an den Wänden lehnenden Neonröhren, die unterschiedlich stark leuchten. Sie stehen im Abstand von 3 bis 4 m. Auch weißt er einen großzügigeren Rhythmus auf. Seine Felder scheinen doppelt oder dreifach so groß, wie die des äußeren Ringes.
Das unterschwellige Grummeln wird deutlicher, aber es überschreitet eine bestimmte Intensitäten nie. Ab und zu versuche ich, die Hand auf die Wände zu legen, um die Vibrationen zu spüren. Man hat das Gefühl, dass das Grummeln direkt aus der Erde kommt. Auf einem klingenden Vulkan will man hier wohl wandern oder in einem drohenden Drachenmaul verweilen.
Schon wieder diese Assoziation. Mein Gott, das ist doch nur der Prenzlauer Berg, eine Ausstellung, draußen scheint die Sonne und es sind 30 Grad, die Kinder spielen und du glaubt, du seiest in einem Drachenmaul?
Genau darum geht es in dieser Ausstellung. Man wird konfrontiert mit seiner Welt, mit seiner Vorstellung, mit seinem Inneren. Diese Ausstellung macht einen Ausflug in sich selbst möglich. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Musik denken.16.08.
Nomos           ich     Besitzer                 als  bin   Wasser                  müde brummen            und     bemühe mehr                   zu               Haar!!   schreiben    und  ans  zu  denn           den  an  die Sein        Sonne                             bekannter      Luft             die trank             Möwen                       das schreiend
Möbel                                                                 können                Angst strahlt
Scheiß vor           dem  diesseits             Kruste  stimmen                                auf  der             Hauch
schlecht Haut        die                                 Feuchte      im          Augen                 treppab  der Bullaugen            angeforderte      feuchte                            bloß nie        das      Romantik bin schlafen auf mehr
recht schlecht          sahen viele         Leute den         Blicke Kaffee               kann es teuer verschlissene           tolle           trinken
weiter    das         Zeit vor treppauf    Kekse Gerüche           fremde ein                                                                Schlafsack                              nicht             deutlich Klänge die              ganze Kaffee  Ziel Kastellan…
G: Wie einfach es doch ist, von starrer zu fließender Sprache zu kommen. Nur einige Regeln umgehen, einige Gewohnheiten brechen und schon ist alles in Bewegung, alles im Wandel.
G: Es kann nicht nur die Dichtung Räume in der Sprache öffnen, sondern auch die De-konstruktion ihrer Regeln. Jedes Wort bleibt unangetastet – nur ihre Fügungen werden geäbdert.
G: Spannend wird es, wenn die Dimension der Zeit (Laute, Rhythmik, Intervalle) in den Text gerät. Das ist leicht zu erreichen, indem die Pausen und Betonungen auf das Fettgedruckte ernst genommen werden beim lauten Lesen – dazu sei jeder Leser eingeladen…
Gespeichert unter Freier Geist sein, Musik denken.24.06.
Dunkles Locken steckt im gewalttätigen, stets wiederkehrenden Ruf…
Lethargisches Regen zeigt sich vor leichter Erhellung…
Das Band der Zeit scheint zu fehlen…
Klänge als Destruktionen – allem entgegen und manchmal als Rhythmus…
Stimmung und Stimme sind in Faltungen durchzogen – sie gleiten…
Die Regung bleibt dominant vor dem erfolglosen Aufschwingen des Klangs…
Pausen zerreißen das Gewebe – es war unendlich weitmaschig da…
Folgende, rhythmische Faltungen sind wie beängstigende Stimmen aus dem Dunkel…
Die Stimme will in das Begegnende einsetzten…
Ein Entzug bleibt hörbar – nur dieses Mal…
Nie war die Regung so nah – in einem ergebenden Entlanggleiten am Abgrund…
Stimmen umspannen die Schläge wie unpassende Kleider…
Worte gleichen eher Lauten – sie sind ohne Sinn…
Für diese Sprache gibt es nur die Grammatik…
9.06.
G: Baukunst in ihre Un-be-stimmt-heit halten zu wollen, gleicht einem Hürdenlauf. Die zu überspringenden Barrieren sind selbst aufgestellt – und auch bestens verteidigt. Sie haben Namen wie Logik, System, Konstruktion, Nützlichkeit oder Funktion. Welche sind die wichtigen Sprünge? Welche Hürden fordern am meisten Kraft?
S/1: „…solang Architektur dem bloßen Bedürfniß fröhnt und nur nützlich ist, ist sie auch nur dieses und kann nicht zugleich schön seyn. Dieß wird sie nur, wenn sie davon unabhängig wird, und weil sie dieß doch nicht absolut seyn kann, indem sie durch ihre letzte Beziehung immer wieder an das Bedürfniß grenzt, so wird sie schön nur, indem sie zugleich von sich selbst unabhängig, gleichsam die Potenz und die freie Nachahmung von sich selbst wird…“ (578)
G: Architektur von sich selbst unabhängig machen, zur „freien Nachahmung“ machen. Herrscht dann der Zufall, die Kontingenz im Gegenteil zur Freiheit – denn Freiheit bleibt ja stets gebunden an ihr jeweiliges Gegenteil?
G: Wo ist das „Schwarze Quadrat“ der Baukunst? Wo der Malewitsch unter den Architekten? Wo wird die Baukunst sich selbst zum Gegenstand; wo setzt sie sich „auf null“? Vielleicht als Organismus und mit dem Organischen als Freiheitsausdruck, als Anderes, als Selbstunabhängigkeit?
S/2: „…Wenn eine Kunst Grenzen hat – Grenzen ihrer formgewordenen Seele –, so sind es historische, nicht technische oder physiologische. Eine Kunst ist ein Organismus, kein System…“ (285)
G: Eine „Baukunst auf null“ könnte den Raum wieder freigeben für ihren eigenen Anfang. Könnte zurück in die Zukunft einer Gestaltfindung anstelle der Gestalt. Könnte sich musikalisieren und damit ihrer bessere Hälfte den Vortritt lassen.
S/1: „…Die Musik, welcher die Architektur unter den Formen der Plastik entspricht, ist zwar davon freigesprochen, Gestalten darzustellen, weil sie das Universum in den Formen der ersten und reinsten Bewegung, abgesondert von dem Stoffe darstellt. Die Architektur ist aber eine Form der Plastik, und wenn sie Musik ist, so ist sie concrete Musik. Sie kann das Universum nicht bloß durch die Form, sie muß es in Wesen und Form zugleich darstellen…“ (577)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann ihr poetisches Potential wiederfinden. Sie kann zum Wort zurückkehren und dabei den Begriff hinter sich lassen. Sie kann sich in das Stimmen in der Un-be-stimmtheit versenken.
S/2: „…Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie…“ (382-383)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann den Ort im W-ort aufsuchen?
H: „…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (208)
G: Diese Reihe endet hier. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten und der Schreiber ahnt, dass es genau darum gehen sollte in einem zeitgemäßen Bauen. (Ende)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 13, Frankfurt am Main 1983)
(S/1: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(S/2: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes; München 1923)
28.04.
Die dunklen Rufe der Holzbläser verweben die spitzen Streicher und das vorwurfsvolle Blech.
Selten war ein Dialog so direkt.
Die Erwartung kühlt sich ab und macht der Ent-deckung Platz.
Dynamik entsteht nicht aus Tempo, sondern wächst aus Pause.
Dieses Geheimnis lebt von der Plötzlichkeit.
Die Glissandi wirken als Startbahn, als Rampe.
Ein Werden geschieht nicht gradlinig.
Ein universaler Prozess bleibt stets umfassend.
Chaos ist nur eine kapitulierende Bezeichnung.
Harmonie steht für den Rest, das Kapitulationsgut.
Sie funktioniert nur über die Fokussierung, die Ausblendung der Fülle – anders nicht.
Das Konfrontierte entzieht sich der Ordnung.
Übrig bleibt die Ortung, die Matrix der Präsenz.
Ein Sinn ist viel umfassender zu denken.
Das Muster kollabiert. Das Grundgewebe trägt dennoch.
Die Ahnung ist der Baustoff, der die Auftürmungen (er)hält.
Der Wert der Differenz erscheint überdeutlich.
21.04.
Allegro con brio
Aus fröhlichem Anfang erwächst schnell Ernsthaftigkeit.
Die Leichtigkeit wird abrupt hineingezogen in die Schwere.
Das Thema wird im harter Anschlag aufgeladen, geradezu gestählt.
Der Tastendruck hält den zu dünnen Instrumentengruppen die Moll-Idee entgegen.
Die Rollen kehren sich plötzlich um. Der Klangkörper steigt als große Welle an.
Zu zögerlich antwortet das Klavier der Offenheit.
Beschwörend entsteht der letzte Versuch der Einigung.
Die Anschläge werden leicht drängender.
Sie sind dennoch kein probates Mittel, sie bleiben konturenlos.
Largo
Der Ton ist eine Spur zu klar, zu langsam und zu dünn.
Nur die Kontrabässe loten ihre Möglichkeiten aus.
Das Klavier setzt tapfer die Impulse. Sie verrinnen jedoch ohne Wirkung.
Rondo: Allegro
Die Streicher sind zu hell
Das Klavier hält auch hier nicht Stand, es ergibt sich.
Die Helligkeit destruiert den Klang vollends.
Nur für kurze Zeit keimt die Erinnerung an den ernsthaften Anfang.
Zurück bleibt Ratlosigkeit.
Warum lebt die Er-wartung so wenig vom Warten?
(Beethoven; Klavierkonzert 3; Einspielung Gould, Bernstein; 1960)
Gespeichert unter Fragmente, Musik denken.15.04.
G: Menschliche Wahrnehmung ist wolkig. Sie ist eher liquid als fest – ist flüssig. Nichts wäre so falsch, wie überzeugt zu sein, dass etwas Beständiges im unserem Wesen wäre. Das ist auch die stets zu lernende Lektion. Baukunst als Möglichkeit meint, den Menschen im Selbstwandel zu halten; sein Dasein mit dem Dasein selbst klar zu machen, ihm die Möglichkeit zur Wahrnehmung zu geben.
G: Stimmung, Gestimmtheit, Wahrnehmung, Wandel wird im Ereignis deutlich. In welchem ist dabei nicht von Belang. Es geht um das Ereignen selbst, das zur Präsenz Kommen, das Gewahr-werden, das in die Unverborgenheit Kommen.
G: Ein Bauwerk ereignet sich nicht nur einmal. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass ein realisiertes Gebäude etwa nur fest stünde. Selbst der banalste Zweckbau wird atmosphärisch umspielt und in gefühlter Bewegung gehalten von Licht, Temperatur, Geruch und Klang.
G: Poetisch wird der Bau, wenn er eine fließende Bewegung, eine Brücke zur dauernden Öffnung in die Unverborgenheit wird. Dann hat er die üblichen Sinnlichkeiten (s.o.) nicht mehr nötig, sondern steuert den Zustand des Anderen seiner selbst an.
N: „…Alle Poesie unterbricht den gewöhnlichen Zustand – das gemeine Leben, fast, wie ein Schlummer, um uns zu erneuern – und so unser Lebensgefühl immer rege zu halten…“ (357)
G: Das Andere seiner selbst wäre beispielsweise die noch nicht gewährte Gewahrung und auch die nicht mehr Währendheit. Das Andere seiner selbst ist der Wirkung habende „Zustand“ des zur Präsenz Kommen-Könnens. Das Kunstwerk „lebt“ ausschließlich vom Anderen seiner selbst. ArchiPoesis meint hier, das Bauwerk als Kunst zu entfesseln.
N: „…Eine Oper, ein Ballet sind in der Tat plastisch, poetische Konzerte – Gemeinschaft. Kunstwerke mehrerer plastischer Instrumente / Tätiger Sinn des Gefühls / Poesie…“ (364)
G: Alles stimmt zusammen auf dem Weg zum Anderen seiner selbst. Die Kunst ist nie getrennt. Nur der abendländische Mensch dachte daran, sie in bildend und darstellend aufzuteilen.
N: „…196. Plastik, Musik und Poesie verhalten sich wie Epos, Lyrik und Drama. Es sind unzertrennliche Elemente, die in jedem freien Kunstwesen zusammen, und nur, nach Beschaffenheit, in verschiedenen Verhältnissen geeinigt sind…“ (354)
G: Anleitung zur Baukunst als Möglichkeit. Der Leib als Instrument, als Saite, die angeschlagen wird.
N: „…Je ruhiger der Geist sein will – je regsamer – desto mehr muss er dem Körper zu gleicher Zeit auf geringfügige Weise zu beschäftigen suchen. Er ist gleichsam die negative Kette, die er auf den Boden herablässt, um desto tätiger und wirksamer zu werden – Musik – Essen, oder reizende Mittel überhaupt – schöne Bilder für das Auge – Gerüche – Frottieren oder Herumgehen…“ (369) (Fortsetzung folgt)
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Musik denken.17.03.
Sie war wieder da, diese erhebende Schwere…
Selbst Atlas könnte nun die Kraft bekommen, die Welt mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen zu tragen…
Es war, als richteten sich die Augen in den Himmel. Das Licht ließ für kurze Zeit etwas anderes zu…
Endlich konnte man sich verbeugen. Dabei nur scheinbar vor einem Menschen. Viel eher vor Gott selbst…
Es war wie das Ende eines Sommergewitters, in dem das Blau des Himmels vom satten Duft der nassen Erde und den abziehenden Regenwolken lebt…
Stets ansteigend trieb der Aufbruch die vorangegangene Lethargie vor sich her…
Die Sammlung war voller Lebendigkeit. Alles schien möglich zu sein…
Die Verwundbarkeit überschritt manches Mal die Grenze zur Verzweiflung…
Die Kehre gelang stets und auch das Aufrichten…
Der heroische Blick fokussierte die Unendlichkeit. Es war die Leere im Angesicht…
Die Geister des Zweifels blieben dennoch. Es würde auch weiter ein Auf und Ab sein…
Der Mut gab den Takt. Seine Intervalle erzeugten jedoch noch kein dauerndes Vertrauen…
Der Mut leitete nicht heraus aus der Ausweglosigkeit. Er hielt sie nur in Bewegung…
Ein Anritt konnte nur überstürzend gelingen…
Das Tempo steigerte sich teilweise bis zur Überforderung…
Selbst die Rückschau auf das Gelungene behielt die etwas zögerliche Nachdenklichkeit…
Die Freude blieb verspannt in einer promethischen Tragik…
Die Leichtigkeit überstieg sich nie. Sie hielt stets ihre Grenze ein. Das hohe Tempo konnte nicht darüber hinwegtäuschen…
Der Abschied war so schwer wie der Beginn. Ein Kreis hatte sich geschlossen…
(Beethoven, Klaviersonaten Op. 109-111)
Gespeichert unter Fragmente, Musik denken.13.03.
Die Ahnung trieb auf die nächste Ernüchterung zu, denn der vermeitliche Gipfel war wieder nur ein Grat und ihm folgte die nächste Senke…
Es war wie der Versuch, die wilde See glattzustreichen. Der Hand folgte augenblicklich der nächste Strudel…
Die Hölzbläser schafften es immer wieder, den Andrang der Streicher zu bändigen. Sie hielten die klare Kontur – wie der Rahmen das Bild…
Blechbläser und Steicher liefen mit ansteigendem Tempo aufeinander zu. Sie kollidierten aber nicht, sondern verschmolzen zu einem gewaltigen Blitz, der mit leichter Verzögerung verheerend explodierte….
Die Streicher gaben auch in den höchsten Kulminationsstufen des Geflechts die gliedernde Bewegung…
Das bisschen der Blechbläser reichte oft aus, um fast zu bersten…
Machmal egalisierte die gleichmäßige Fülle alle treibenden Kräfte zu einem gemeinsamen Anschwellen…
Die Gefahr war groß, in zu hohem Tempo auf den Gipfel zu stürmen. Man fiel zu leicht in die Tiefe dahinter…
Das weite Tragen der Holzbläser lebte von Zeit zu Zeit vom entfernten, kurzweiligen Geplaudern der Streicher…
Das schicksalsschwere Thema brachte sich an den wichtigen Stellen stets in Erinnerung…
Die Pauke schlug einen Riss. Die Streicher folgen sofort dem eindringenden Lichtschein und drangen an die Oberfläche. Danach gab es kein Halten mehr und die Mauern fielen…
Es gelang, die Kontrabässe in einer hauchdünnen Sphäre fast unhörbar wirken zu lassen…
Die Blechbläser zogen am Ende langsam, doch unaufhaltsam die Seele aus dem Leib…
Die Pauken verhinderten das Sterben und trieben einen zurück in die Gegenwart…
(Jean Sibelius: Sinf. 4)
Gespeichert unter Fragmente, Musik denken.