7.09.
Vor kurzem war in der „Süddeutschen Zeitung“ ein interessanter Artikel zu lesen. „Hauptbahnhof Heidegger“ hieß der kurze Text, den der in Bamberg lehrende Philosoph Christian Illies zum aktuellen Protest gegen das Bauprojekt „Stuttgart 21“ schrieb.
Sehr richtig beginnt der Autor damit zu fragen, wo der Bürgerprotest gegen den Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1960er und 1970er Jahre war, der unsere Welt (und nicht nur die deutsche) maßgeblich negativ beeinflusst hat.
Welcher Baugeschichtsbuch-Leser hat sich nicht schon gegruselt beim Anblick einiger Entwürfe aus den 1920er und 1930er Jahren, als „Brutkästen“ geplant wurden, die Transistoren oder Widerständen auf einer Elektroplatine gleich, einen Menschen zurichten sollten auf sein „Gelebt-werden“ (1) im Zuge der „uneigentlichen“ (1) Ermächtigung des „man“ (1) einer sich abzeichnenden Industriegesellschaft.
Wohlgemerkt, war der Ästhetik-GAU seinerzeit mit den besten Vorsätzen argumentiert, denn es ging um Luft, Licht und Sonne für jeden, also um „soziale Gerechtigkeit“… (Hier ein schöner Artikel aus dem Goethe-Institut zum Thema: „Entwicklungsfähig: Weltkultur Wohnblock“)
Mit dem Zitat: „…Martin Heidegger, dessen Einfluss auf die Philosophie der Architektur kaum überschätzt werden kann…“ hat der Autor vollkommen recht, wenn er langsam auf den Kern seines Textes zuläuft. Dieser Kern verdeutlicht sich mit einer bedeutenden Stellung der Baukunst bzw. ihrer „Sinn-Offerte“ für die Menschen, also einer imaginären Dimension der geformten Architektur – soll heißen, es zeigt sich, was gebaut werden will.
Heutzutage stellt man sich freilich die Frage, wer darüber entscheidet, was gebaut werden -respektive sich zeigen- will. Kaum ein Investor fragt sich, was die Architektur den Menschen zu geben vermag; er wird sich eher für vermietbare Flächen und Renditen interessieren. Manchmal kommt es vor, dass sich ein Geldgeber mit einer zeitgemäßen und imagefördernden Idee schmücken will – dann spricht man vielleicht von “Corporate Architecture” und verkleidet Kommerz mit einem Authentizitätsanspruch.
Bezeichnend ist auch, dass heutzutage wie selbstverständlich von Investoren gesprochen wird und nicht mehr von Bauherren oder Auftraggebern. Eine nebulöse Gruppe von Entscheidungsträgern baut und keine einzelne Person. Verantwortlich für die Wirkung des gebauten Ergebnisses ist dann natürlich auch nur eine ungreifbare Gruppe, die verschmolzen ist in einem Wirkungsgefüge, das sich selbst genügt.
Es zeigt sich also der „Zeitgeist“, der irgendwie unsichtbar und trotzdem allmächtig zu sein scheint. Um noch einmal mit Heidegger zu sprechen: „Man“ (1) baut eben heutzutage so.
Bevor nun aber eine Abrechnung mit der „kapitalistischen Weltordnung“ aufdämmert, sollte der geneigte Leser noch einmal an den Beginn dieses kleinen Gedankenganges zurückspringen und sich daran erinnern, dass auch im Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1960er und 1970er Jahre der Zeitgeist mitschwang – und dieser war nicht primär kapitalistisch, sondern eher sozialistisch eingefärbt. Wer im Glashaus eines kulturellen Konstruktivismus sitzt, sollte sich also auch hier hüten, mit Steinen zu werfen.
„Hat das technisch Machbare noch einen Sinn und Nutzen oder wird es zu einem Selbstzweck?“. Christian Illies fragt hier merkwürdig unentschiedenen, denn die Worte „Sinn“ und „Nutzen“ entstammen genuin dem technischen Denken, das auf Effizienz, Logik und Rationalität gegründet ist. Die Frage, ob technisch Machbares Sinn und Nutzen hat, scheint daher keine Alternativen anzusteuern und kaum beantwortbar zu sein.
Oder markiert der Autor hier den großen Bruch mit der technologischen Zurichtung des europäischen Menschen? Um mit Heidegger zu denken, das Ende der „verborgenen Macht “, die das Verhältnis des Menschen zu dem, was ist, bestimmt?: „…Die Natur wird zu einer einzigen riesenhaften Tankstelle, zur Energiequelle für die moderne Technik und Industrie. Dieses grundsätzlich technische Verhältnis des Menschen zum Weltganzen entstand zuerst im 17. Jahrhundert und zwar in Europa und nur in Europa (…) Die in der modernen Technik verborgene Macht bestimmt das Verhältnis des Menschen zu dem, was ist. Sie beherrscht die ganze Erde…“ (2)
Wo also sind die Alternativen verortet, die am Ende des Widerstandes gegen „Stuttgart 21“ stehen? In Natursehnsucht oder Kleinstadtidyll vielleicht? Oder geht es um den Widerstand an sich, um die Wehr gegen die finanzkräftigen Vollstrecker des aktuellen „man“ (1)?
Werden überhaupt Alternativen markiert? Dämmert also etwas Grundlegendes auf, das auf ein „eigentliches“ (1), wahrhaft selbstbestimmtes Subjekt deutet? Nur dann käme man weiter mit einer fundamentalen Betrachtung, die sich am frühen Heidegger orientiert. Nur dann könnte dem „Gerede“ (1) ein Schnippchen geschlagen werden.
Im Regen lässt uns der große deutsche Denker nämlich nicht stehen. Er bietet vielmehr in seinem Spätwerk mit dem, was „Gelassenheit“ meint, einen Weg aus der Misere des „man“. Das, was sich in der Technik zeigen will, hat seinen Rang und seine Würde. Es mag kollidieren mit tradierten Sehnsüchten nach Überschaubarkeit, nach Bodenständigkeit und Solidität, aber es ist dennoch relevant.
„Dass“ solches passiert, hat also seinen Wert: „…die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen. Sie gewähren die Möglichkeit, uns auf eine ganz andere Weise in der Welt aufzuhalten. Sie versprechen uns einen neuen Grund und Boden, auf dem wir innerhalb der technischen Welt, ungefährdet durch sie, stehen und bestehen können…“ (3)
Zum Schluss sollte noch einmal das „Gerede“ in dem Blick kommen. Das nämlich, was dem „Stuttgart 21“-Medienkonsumenten aufgetischt wird, ist nichts anderes. Es ist der sonore wie betäubende Klang eines „Gelebt-werdens“ (1) im Heideggerschen Sinne. In-formiert-sein spricht aus sich selbst, denn es geht um das in die Form bringen (nicht zuletzt) der Empfänger.
Mit einer gehörigen Portion Skepsis sollte man also die Berichterstattung verfolgen, denn wer kann mit Bestimmtheit sagen, nicht einer Inszenierung, einer medialen Konstruktion zu erliegen? Zeigt sich hier wirklich etwas Fundamentales oder nur die rührige wie telegene PR-Arbeit einiger Aktivisten?
Die Diskussion pro und contra „Stuttgart 21“ scheint eine pragmatische, rationale, logische zu sein. Es geht um Arbeitsplätze, Infrastruktur, Stadtentwicklung, Verkehrsentlastung, europäische Mobilitätskonzepte, Baumbestandsschutz etc. (Hier eine übersichtliche Aufstellung der Argumente).
Die Debatte bewegt sich damit im Spielfeld des Zeitgeistes, nicht mit dem Blick auf denselben und erst recht nicht in Abhebung von ihm. Eine intellektuelle Kirche sollte also in diesem Fall im Dorf bleiben und Martin Heidegger erst dann auf die Kanzel bemüht werden, wenn die Zuhörer das “Gerede” leid sind und die nötige “Gelassenheit” um sich greift.
Anm.:
1. Die gekennzeichneten Begriffe sind aus einer der Heideggerschen Schlüsselschriften, die für philosophieinteressierte Architekten zur (freilich nicht mühelosen Lektüre) empfohlen werden kann: Heidegger, Martin: „ Sein und Zeit“; Gesamtausgabe Band 2; Frankfurt am Main 1977
2. Heidegger, Martin: Gesamtausgabe Band 16, Frankfurt am Main 2000, S. 523
3. Ebd.;Â S. 528
30.08.
Weiter auf der Wanderung. Deutlich wacher also setzt man den Weg fort. Die Augen suchen Orientierung – und irgendwann finden sie sie auch. Ein heller Fleck erscheint. Noch einen halben Meter von ihm entfernt wird deutlich, um was es sich handelt. Ein kleines Aquarium mit zwei Drähten anstatt Fischen im Wasser. Ein Kabel führt in das kleine Becken, das auf Augenhöhe angebracht ist und etwa die Ausmaße eines Toasters hat.
Der Ausstellungsflyer fällt mir ein. Hier soll das Rosten von Drähten hörbar gemacht werden. Obwohl direkt vor einem, klingt das nach wie vor irgendwie merkwürdig. Hier steht man nun als Mensch in diesem Angst- und Imaginationsraum und fühlt sich so, als ob man die Abgründe seiner Seele durchläuft – und all das ist technisch erklärbar mit den Worten, es handele sich um hörbar gemachtes Rosten…?
Der Verstand schaltet sich nun vollends an und gewinnt Kontrolle. Die Ausstellung hat ja einen thematischen Bezug. Eine verwegene, eine romantische Geschichte steckt dahinter – wobei Romantik hier unter Umständen in Anführungszeichen gesetzt werden sollte, denn es handelt sich um einen Flugzeugabsturz, bei dem einige 100 Menschen gestorben sind.
Die „AF 447“ war im Atlantik vom Radar verschwunden und danach abgestürzt. Sie versank etwa 5.000 m in die Tiefe und ist bis heute nicht erreichbar – auch nicht für Tauchroboter. Der Flugschreiber ist ebenfalls nicht gefunden.
Mehr gäbe es nicht zu sagen, wären Menschen nicht Menschen. Wo Antworten fehlen, tritt die Imagination in Kraft oder auch die Beleuchtung eines einzelnen, technischen Effekts. Das jedenfalls hat Paul DeMarinis getan, indem er diese Geschichte auf eine akustische Reaktion reduziert hat.
Das tiefe Grummeln in den inneren Ringen ist die klangliche Signatur von zwei verschiedenen Metallen, die in Wasser ihre Ionen austauschen und dabei eine elektrische Spannung erzeugen. Diese wiederum betreibt die Lautsprecher und lässt den Prozess hörbar werden.
Auf diese Idee ist DeMarinis gekommen, nachdem er herausgefunden hatte, dass „AF 447“ in unmittelbarer Nähe zu einer alten Telegrafenleitung gesunken war, die auf den Meeresgrund liegt – einem Kupferdraht also. Das heißt, dass das Flugzeug im Wasser zusammen mit dem alten Kupferdraht in ähnlicher Weise reagiert, wie es die beiden Drähte in dieser Ausstellung tun.
In 5 km Tiefe im Atlantik könnte also eine ähnliche Klangsignatur tönen. Das Schicksal der Menschen wäre dann hörbar als unterschwelliges, dumpfes Grummeln, das vom Grunde des Atlantik empor steigt in unsere Sinne.
Was hat es aber noch auf sich mit diesem Rosten? Was zeigt sich hier, bzw. dringt in das Gehör? Ist hier vielleicht auch eine Art Metaphysik hörbar – ein Beweis hörbar von einer anwesenden, jedoch „unsichtbaren“ Welt?
Wie wäre es, wenn es ein Geschöpf gäbe, das die Welt nur hört und nicht sieht oder fühlt? Und weiter, wenn dieses Geräusch, dieses angsteinflößende, dunkle, gefährliche, lauernde Grummeln nichts anderes ist, als das langsame Rosten im Wasser – wenn das also nur ein winziger Ausschnitt von Möglichkeiten ist, wie müssten dann erst eine zweite oder dritte oder tausend andere Handlungen für so ein Wesen klingen?
Wenn man sich vorstellt, dass jedes Element auf der Erde, das in Bewegung gerät, einen Klang erzeugt, wie intensiv, wie unendlich, wie dynamisch, wie verwirrend und chaotisch müsste ein solches Wesen die Umwelt wahrnehmen – freilich nach menschlichen Maßstäben verwirrend, denn, was wissen wir schon von anderen Wesen?…
Nun kommt man langsam heraus aus der Ausstellung, tritt der Sonne, Wärme und anderen Menschen entgegen. So einfach ist es also, dem Drachenmaul wieder zu entfliehen. Wieder in die Welt zu kommen, in eine freundliche, in eine helle, die vom Lachen der Kinder geprägt ist und vom sanften Rauschen der Blätter.
Doch das Drachenmaul liegt nur einen einzigen Schritt hinter mir! Es existiert in meiner Vorstellung und bestimmte für eine gewisse Zeit die Wahrnehmung. Aber, ist es wirklich so einfach? Ist der Mensch tatsächlich zu jeder Sekunde der Konstrukteur seines Lebens – ob nun mächtig, wie in der gesicherten Alltagswelt oder auch ohnmächtig in seinen Ängsten?
Ist die helle Welt vor mir auch nur Vorstellung, freilich unendlich viel reicher? Möglicherweise ist das Drachenmaul nur eines, weil der Mensch auf eine einzige Vorstellung reduziert wird, bzw. auf einige wenige. Vielleicht gibt es auch im sonnigen, warmen, hellen Außenraum genau solche Drachenmäuler, die allerdings relativiert werden, weil sie zusammenklingen mit anderen Vorstellungen?
In der Welt sein heißt, verwoben zu sein, etwas oder jemandem zu begegnen. Das ist die Daseinsform des Menschen. Ein Ausflug in sich selbst wäre dann so etwas, wie ein Ausflug in ein Dasein „ohne“ Umwelt, in ein isoliertes Dasein.
Heidegger kommt mir hier in den Sinn: „…In der Dunkelheit, das heißt bei Abwesenheit der Helle als der Möglichkeit der Sicht, kann einem unheimlich werden oder im Alleinsein – und das gerade in vertrauter Umwelt. Die Abwesenheit des Lichtes oder der anderen macht es, dass mir im Umkreis dessen, worin ich zuhause bin, unheimlich wird. Man ist nicht mehr zu Hause. Der Befindlichkeitscharakter des Nicht-mehr-zu-Hause-seins ist die Angst…“. (GA 64; S. 42)
Das Zuhause ist hier freilich fundamentaler gemeint und nicht zu verstehen als heimische 3-Zimmer-Wohnung… (Ende)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Musik denken.19.07.
G: In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.
G: Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen von Außen- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schön über den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.
G: Sicher trägt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefühl zu bekommen für diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Täuschung und Schein…aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.
G: Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernität, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des „Dass“ abstelle des „Was“ betont werden. Räumen, Lichten, Möglichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!
S: „…Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemüth, unsern eignen Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseyn…“
G: Schön, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass über sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinüber lässt. Ein Bauwerk also, das sich genügt in seinem „…schaffenden Leben“ und „ seiner Kraft dazuseyn“…(Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Fokus: Schelling.12.07.
Vilém Flusser zeichnet in einem seiner Bücher (1) sehr anschaulich die Entwicklung der modernen Stadt nach. Zur agrikulturellen Verfasstheit menschlichen Zusammenballens in Zivilisationen schickt er lapidar voraus: „…Von Anbeginn beruht die Macht auf Dreck und macht die Hände schmutzig…“. (2) So weit, so gut.
Mit der platonischen Schilderung eines Dreiklangs der Stadt in Häuserraum (oike), Marktraum (agora) und Kontemplationsraum (temes) bereitet Flusser eine gute Basis, um auf die aktuelle gesellschaftliche Bewegung, sich Stadtraum anzueignen zu reflektieren, bzw. die Frage danach aufzuwerfen, wem denn eigentlich die Stadt „gehört“.
Platon war sich sicher, dass die Weisheit oder Theorie (temes) an oberster Stelle stehen sollte und sich unter ihr Politik wie Handel zu entfalten hätten. (3) Ein Ideal freilich, das nicht verwirklichen werden konnte. Blicken wir doch heutzutage deutlich dem vollzogenen Wandel zur Herrschaft des Marktraums (agora) ins gebaute Gesicht. Nochmal Flusser mit der Zuspitzung dieses Wandels: „…Der Sieg der Konsumenten über die Politiker und Theoretiker, sei es in liberaler oder sozialistischer Form, muss daher als Herstellung einer idiotischen Zivilisation gesehen werden…“ (4)
Möglicherweise lassen sich die gegenwärtigen Bestrebungen von Stadtraumaneignung als weitere Verschiebungen innerhalb des platonischen Dreiklangs deuten, denn dieses Mal schickt sich die Faktion des Hausraums (oike) an, sich die Hände um der Macht willen schmutzig zu machen. Bleibt die Frage, ob die Weisheit (temes) nicht wieder auf der Strecke bleibt, denn wie sollen die Weisen einer modernen, westlichen Gesellschaft ohne verbindliches Wahrheitsideal sich auf die Bedeutung von Tugenden einigen, geschweige denn diese bewahren können? Aber das nur nebenbei.
Eine fernöstliche Momentaufnahme der oben beschriebenen Wandlung leistet das Forschungsprojekt „Taking to the Streets“, das vom Lehrstuhl Günther Vogt an der ETH Zürich durchführt wird. Methoden der Aneignung öffentlicher Räume in Berlin, Shanghai, Tokyo und Zürich steht dabei im Interesse der Bauforscher. Mit „Tokyo. Die Strasse als gelebter Raum“ (5) liegt nun der erste Teil der Studienergebnisse gut leserlich und reichlich bebildert vor.
In Teilen kommt das Buch als Art fundamentaler Stadtführer aus Architektensicht daher und lebt von Staunen des Abendländers im Angesicht des Fremden. Besonders fallen die anderen Hierarchien der Straßen und Räume auf.
Weit entfernt von unserer visuellen Zurichtung durch die Zentralperspektive fehlt in der japanischen Stadt auch die Abgrenzung von außen und innen, von Stadt und Land. Alles scheint dicht geflochten und durch reine Bewegung bestimmt. Die Menschen auf den Straßen fließen förmlich in der polyzentrischen Struktur Tokyos und werden von Zeit zu Zeit mittels aufgewerteter Durchgangsorte an Straßenkreuzungen und Bahnhofsquartieren bestenfalls ein wenig verlangsamt.
Bewegung und permanenter Wandel durchziehen also als Leitmotiv das urbane Geflecht und scheinen sich auch zu spiegeln im unprätentiösen Umgang mit historischer Bausubstanz – an dieser wird in der Regel nämlich nicht festgehalten. Plätze, lauschige Ecken, typische Stadtmöblierungen wie Parkbänke, Mülleimer, Wasserspiele kennt man in Tokyo bestenfalls aus westlichen Filmen und ersetzt eine nicht vorhandene, öffentliche Verweil- durch eine Pendlerkultur.
Vor dem Hintergrund, dass Stadtraum zum reinen Bewegungsraum wird, erscheint das geographische Zentrum Tokyos umso faszinierender. Der kaiserliche Palastgarten ist nämlich eine verbotene Zone und gibt sich als Leerraum oder Unort. Gleich einem schwarzen Loch wird die hektische, städtische Energie absorbiert und bildet die Korona um eine Stille und um ein antipodisches Zentrum der Zeitlosigkeit.
Aber was genau sind die Aneignungslehren aus einer fernöstlichen Stadtkultur? Was lässt sich übertragen? Das Forscherteam der ETH Zürich sieht hier ein Modell für die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft, in deren Vollzug Stadtquartiere mittels verschiedener Funktionen wie Arbeit, Vergnügen, Kommerz, Wohnen (wieder) vermischt werden. Diese hohe Verdichtung trägt gemeinhin das Etikett „urbanes Wohnen“.
Wenn man in diesem Kontext die aktuellen Konflikte zwischen Anwohnern und Vergnügungssuchern im Prenzlauer Berg oder auf der Kreuzberger Admiralsbrücke in Berlin betrachtet bzw. sich in die Probleme der „Gentrifizierung“ begibt, taucht freilich die Frage auf, ob die postindustriellen Modell-Botschaften doch nur wieder der Erneuerung des Marktraumes (agora), also – um mit dem eingangs erwähnten Vilém Flusser zu sprechen, einer idiotischen Zivilisation – Vorschub leisten? (6)
Gestehen wir uns ein, dass die Philosophen wahrscheinlich nie herrschen werden, (7) bleiben die Fragen nach der möglichen Dominanz des Hausraums (oike). Was könnte ein „Wohnen außer Haus“ bedeuten? Wie fügt sich die Okkupation des alltäglichen Lebens in die tradierte Verweilkultur der europäischen Stadt? Steht das Prinzip des Lustwandelns auf Plätzen nicht in Verwandtschaft mit einem Eventcharakter? Sehen und gesehen werden und Selbstinszenierung anstelle…Leben? Es könnte so einfach sein, aber reicht uns das Einfache, das Martin Heidegger so treffend beschreibt: „…Welt ist (…) ein Charakter des Daseins selbst…“? (8)
—
1. Flusser, Vilém: Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung; Frankfurt am Main 1998
2. Ebd.; S. 45
3. Vgl. hierzu: Platon: Sämtliche Dialoge, Der Staat, Dritter Hauptteil, Die Herrscherfrage – Herrschaft der Philosophen als Bedingung für die Möglichkeit des gerechten Staates; Übersetzt von Otto Apelt; Hamburg 1998; S. 209 ff.
4. Flusser, Vilém; a.a.O.; S. 46
5. Krusche, J. und Roost, F.: Tokyo. Die Strasse als gelebter Raum; Baden (CH) 2010
6. Siehe Anm. 4
7. Siehe Anm. 3
8. Heidegger, Martin: Sein und Zeit; Gesamtausgabe, Band 2; Frankfurt am Main 1977; S. 87
28.06.
G: Wandel führt hin auf das Andere, das (noch) abwesend, aber dennoch schon anwesend ist. Er führt auf Zustände und auf Differenzen. Fragt sich, ob jedes Wandeln, das mithilfe der Sprache bestimmt wird, nur scheinbar sein muss – denn die Mittel der herkömmlichen Sprache setzten auf dressierende Reduktionismen (auch Begriffe genannt). Die Poesie kann helfen; lebt sie doch aus der Welt der Möglichkeit.
S: „…Universalität, die nothwendige Forderung an alle Poesie, ist in der neueren Zeit nur dem möglich, der sich aus seiner Begrenzung selbst eine Mythologie, einen abgeschlossenen Kreis der Poesie schaffen kann…“ (444)
G: Wirklichkeiten-Begriffskäfige mit Gelassenheit balancieren, um über sie hinaus zu weisen. Welche gelassene Sprache reicht dort hin? Kann der „Trieb“, die „Kraft“, das Ermöglichende des Wandels selbst auf diese Weise angerührt werden? Kann man also (noch) sprechen oder muss man (schon) schweigen?
VS: Themistius über Heraklit: „…Der Ursprung (der Dinge), so Heraklit, pflegt, verborgen zu bleiben…“ (301)
H: „…Heraklit ist „der Dunkle“, weil er das Sein als das Sichverbergen denkt und gemäß diesem Gedachten das Wort sagen muss…“ (32)
G: Das Wort sagen redet hier davon, dass Heraklit einer der „sophoi“ war, jener weisen Sprecher von Worten also, die noch ohne (beliebige) Begriffe waren, die gleich erratischen Blöcken rätselhaft und voller lautestem Schweigen barsten.
VS: Aristoteles über Heraklit: „…Denn es ist ein schwieriges Unternehmen, die Schriften Heraklits zu interpunktieren, weil nicht klar ist, ob (die betreffenden Wörter) mit dem Folgenden oder mit dem Vorhergehenden zusammengehören…“ (287)
G: Die Unklarheit der Fügungen spricht etwas über das Sprechen. Insofern beschreiben aristotelische Schmerzen gleichzeitig das Symptom des gegenwärtigen Autismus einer diskursiven Belanglosigkeit und eines geronnenen, akademischen „Anything Goes“.
H: „…Dunkel ist die Philosophie also notwendig und immer, sofern sie nämlich dem Gesichtskreis des bloßen Verstandes, d.h. des alltäglichen Verstellens und Meinens, beraubt wird…“ (29)
G: Hegen, Umstellen (nicht Verstellen!), Lichten, mehr gibt es nicht zu tun – auch nicht für eine wahrhaft menschliche Baukunst. Erscheinung provozieren, die ohnehin schon ist und sich ansprechen lassen; nehmen, was gegeben und auch vorenthalten wird…(Fortsetzung folgt)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 55, Frankfurt am Main 1979)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
9.06.
G: Baukunst in ihre Un-be-stimmt-heit halten zu wollen, gleicht einem Hürdenlauf. Die zu überspringenden Barrieren sind selbst aufgestellt – und auch bestens verteidigt. Sie haben Namen wie Logik, System, Konstruktion, Nützlichkeit oder Funktion. Welche sind die wichtigen Sprünge? Welche Hürden fordern am meisten Kraft?
S/1: „…solang Architektur dem bloßen Bedürfniß fröhnt und nur nützlich ist, ist sie auch nur dieses und kann nicht zugleich schön seyn. Dieß wird sie nur, wenn sie davon unabhängig wird, und weil sie dieß doch nicht absolut seyn kann, indem sie durch ihre letzte Beziehung immer wieder an das Bedürfniß grenzt, so wird sie schön nur, indem sie zugleich von sich selbst unabhängig, gleichsam die Potenz und die freie Nachahmung von sich selbst wird…“ (578)
G: Architektur von sich selbst unabhängig machen, zur „freien Nachahmung“ machen. Herrscht dann der Zufall, die Kontingenz im Gegenteil zur Freiheit – denn Freiheit bleibt ja stets gebunden an ihr jeweiliges Gegenteil?
G: Wo ist das „Schwarze Quadrat“ der Baukunst? Wo der Malewitsch unter den Architekten? Wo wird die Baukunst sich selbst zum Gegenstand; wo setzt sie sich „auf null“? Vielleicht als Organismus und mit dem Organischen als Freiheitsausdruck, als Anderes, als Selbstunabhängigkeit?
S/2: „…Wenn eine Kunst Grenzen hat – Grenzen ihrer formgewordenen Seele –, so sind es historische, nicht technische oder physiologische. Eine Kunst ist ein Organismus, kein System…“ (285)
G: Eine „Baukunst auf null“ könnte den Raum wieder freigeben für ihren eigenen Anfang. Könnte zurück in die Zukunft einer Gestaltfindung anstelle der Gestalt. Könnte sich musikalisieren und damit ihrer bessere Hälfte den Vortritt lassen.
S/1: „…Die Musik, welcher die Architektur unter den Formen der Plastik entspricht, ist zwar davon freigesprochen, Gestalten darzustellen, weil sie das Universum in den Formen der ersten und reinsten Bewegung, abgesondert von dem Stoffe darstellt. Die Architektur ist aber eine Form der Plastik, und wenn sie Musik ist, so ist sie concrete Musik. Sie kann das Universum nicht bloß durch die Form, sie muß es in Wesen und Form zugleich darstellen…“ (577)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann ihr poetisches Potential wiederfinden. Sie kann zum Wort zurückkehren und dabei den Begriff hinter sich lassen. Sie kann sich in das Stimmen in der Un-be-stimmtheit versenken.
S/2: „…Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie…“ (382-383)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann den Ort im W-ort aufsuchen?
H: „…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (208)
G: Diese Reihe endet hier. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten und der Schreiber ahnt, dass es genau darum gehen sollte in einem zeitgemäßen Bauen. (Ende)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 13, Frankfurt am Main 1983)
(S/1: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(S/2: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes; München 1923)
2.06.
G: Drei Variationen auf Materie und Ding. Zunächst F. in der Wüste…
F: „…Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre gar nichts, ausgenommen das Rieseln von Sand…“ (25)
G: Nicht zu retten? Nicht zu retten vor der „Klarheit“ oder vielmehr nicht zu retten vor der Fixierung auf die Schatten an der Höhlenwand? Was ist das Rieseln des Sandes nicht? So taub kann keiner sein…
G: Mehr „sehen“ als das Ding, das man betrachtet. Blinde sehen besser. Menschen er-leben die Dinge. Sprung in die Unklarheit als Standard. Sprache als stets unzureichendes Vehikel. (Selbstversuche „sprechen“ für sich)
G: Das „Un“ ist das Wichtige. Hier tut die Kehre not. Das „Un“ schwingt mit. Es ist wie der Zwilling des Dings. Das „Un“ weißt tiefer hinein und weiter heraus. Das „Un“ der Schärfe wohnt jedem Scharfgestellten inne. Das „Un“ ist auch das Mögliche – aber nicht nur. Es verleiht ihn sein Leben – macht es er-leb-bar. Es macht es bar, also nackt. Nackt ist auch das „Dass“ der Existenz. Nackt, weil es ohne das Etwas ist.
G: Nun S. mit göttlichem Gepäck…
S: „…Die Materie erfüllt einen Raum nicht durch ihre bloße Existenz (denn dieß annehmen, heißt alle weitere Untersuchung ein für allemal abschneiden), sondern durch eine ursprünglich-bewegende Kraft, durch welche erst die mechanische Bewegung der Materie möglich ist. Oder vielmehr: Die Materie ist selbst nichts anders, als eine bewegende Kraft, und unabhängig von einer solchen, ist sie höchstens etwas bloß Denkbares, aber nimmermehr etwas Reales, das Gegenstand einer Anschauung seyn kann…” (231/232)
G: Ideenretter. Zunächst der Logos, dann die Materie. Alles ist klar und unklar gleichzeitig. Das „Un“ wird nun verwiesen in den „Ur-grund“ oder „Un-grund“. Scharfes Unschärfefeld, denn zu erreichen ist es nimmer – bestenfalls einzuhegen. Mit Worten einhegen, die vorgeschoben werden, bis sie kurz davor sind, in den „Ab-Un-Ur“-grund zu fallen. Intellektuelle Echolote, u. a. auch der geniale Wittgenstein, übten sich darin.
G: Nun H. mit dem Einfachsten und Schwersten gleichzeitig. Zunächst über S.:
H: „…Die Dingheit der Dinge bestimmt sich so wenig aus einem gleichgültigen Vorhandensein, stofflicher Körper, dass die Materie (bei Schelling, CJG) selbst geistig begriffen wird; was „wir“ als Materie spüren und sehen, ist ein in die ausgedehnte Schwere der Trägheit geronnener Geist…“ (215)
G: Aus der Zeit in die Zeitlichkeit gekippter Geist. Ein erkalteter Lavastrom, der Äonen braucht, um sich ins Leere der Zeit zurück zu bewegen, die Eins ist mit dem Sein. Das Sein auch als längste der langen Weile. (Fortsetzung folgt)
(F: Max Frisch: Homo Faber, Frankfurt am Main 1957)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 42, Frankfurt am Main 1988)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 2, Stuttgart 1856)
16.05.
G: Halten wir uns noch ein wenig länger bei Hegel und dem Werden auf. Werden ist ein Zwischen, das Nichts und Sein ineinander verschränkt. Im Werden bekommen ihre Übergänge eine Verortung.
G: Die Vorstellung von Nichts ist möglich. Damit ist Nichts auch präsent – es ist damit seiend. Umgekehrt ist das nackte Sein -das Sein an sich- noch ohne Bestimmung. Damit ist es aber auch gleichzeitig bestimmt. Diese Paradoxe sind entscheidend für das, was auch Baukunst als Möglichkeit sein kann.
H/L1: „…weil das Sein das Bestimmungslose ist, ist es nicht die (affirmative) Bestimmtheit, die es ist, nicht Sein, sondern Nichts…“ (104)
G: Eine strikte Trennung zwischen Sein und Nichts gibt es nach Hegel also nicht. Sie gehören einander.
H/L1: „…Dagegen ist aber gezeigt worden, dass Sein und Nichts in der Tat dasselbe sind oder, um in jener Sprache zu Sprechen, dass es gar nichts gibt, das nicht ein Mittelzustand zwischen Sein und Nichts ist…“ (109)
G: Das Nichts ist das Andere des Etwas wie das des Seins. Knüpft man es an die Wahrnehmung, so könnte man dessen Gewahrung als Intuition deuten oder auch mit Heidegger auf das abwesend Anwesende bzw. das anwesend Abwesende kommen. Der Brückenschlag ins Auratische und Atmosphärische der (Bau-) Kunst liegt ebenfalls nah.
G: Das Andere IST – freilich anders als unsere Schulweisheit lehrt. Es repräsentiert die Möglichkeit des Etwas.
H/L2: „…Was wirklich ist, ist möglich…“ (202)
G: Die Möglichkeit des Nichts ist sicher die radikalste. Sie konfrontiert und gleicht einem Geheimnis, einer offenen Frage, aber auch einer Irregularität, einer Störung.
G: Ein Bauwerk enthält Dasein und Nichtsein in einem. Es gilt, den „Mittelzustand zwischen Sein und Nichts“ zur gebauten Darstellung zu bringen. In dieser Darstellung ereignet sich ein Übertritt. Es ereignet sich der Sog des Anderen. Der Sog überschreitet das Material, indem er es öffnet, indem er es sprechend macht.
H/L2: „…Das Sein ist noch nicht wirklich: es ist die erste Unmittelbarkeit; seine Reflexion ist daher Werden und Übergehen in Anderes; oder seine Unmittelbarkeit ist nicht Anundfürsichsein…“ (201)
G: Das vermeintlich Einfachste erweist sich als das Schwerste – nämlich das Sein und damit das Nichts des daseienden Bauwerks als anwesend abwesendes Anderes seines Selbst zu entfalten. (Fortsetzung folgt)
(H/L1: G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik I, In: Werke; Band 5; Frankfurt am Main 1986)
(H/L2: G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik II, In: Werke; Band 6; Frankfurt am Main 1986)
25.04.
G: In der existenzialen Offenheit sein heißt, dass alle Möglichkeiten „vorhanden“ sind, aber noch nicht ver-wirklicht. Die Fruchtbarkeit der Offenheit gleicht einem Schoß, einer Matrix. Nicht das, was wächst, ist entscheidend, sondern, das es wachsen könnte.
P: „…Es (das ganze Himmelsgebäude, CJG) ist geworden, denn es ist sichtbar und fühlbar und körperlich, alles von dieser Art aber ist sinnlich wahrnehmbar; das sinnlich Wahrnehmbare, durch schwankende Meinung vermittelst der Wahrnehmung Fassbare aber ist, wie wir sahen, dem Werdenden und Erschaffenen zuzurechnen…“ (45)
G: Präsenz als Offenbarung der Möglichkeit, die nicht ergriffen zu werden — braucht!
G: Präsenz als Schwankung, als Bewegung!
D: „…Nun bekommen wir aber, wie es scheint, von Chora im Timaios zu lesen, dass „etwas“, das kein Ding ist, diese Voraussetzungen und diese Unterscheidungen in Frage stellt: „etwas“ ist kein Ding und entzieht sich dieser Ordnung von Mannigfaltigkeiten…“ (23)
G: Die Differenz ohne den Umweg offenhalten, der durch eine realisierte Unter-scheidung
-also eine Scheidung- als bloßes Abbild und als Kulisse der Dinge verdeutlicht wird.
G: Das „Etwas“ in der Würde seines „Etwas“ halten.
G: Wir stehen vor der Schwierigkeit, durch das Sagen das Nicht-sagen oder das Noch-nicht-sagen fassen zu wollen. Sich annähern an das Unaussprechliche, das durch seine Gewahrung schwankend präsent ist.
H: „…Das Sein ist weder machend und bewirkend das Seiende. Das Sein weder vergegenständlichend-vorstellend das Seiende. Das Sein weder Überwurf einer Helle – sondern das Sein ist als Er-eignung die Übereignung des Unseienden oder des vom Sein verlassenen Seienden in das Sein…“ (118)
G: Es soll die reine Möglichkeit berührt werden, bevor sie in die Wirklichkeit gebannt wird. Hier wirkt eine distanzierende Sichtbarmachung mit dem Zweifel als schöpferische „Verkehrsform“, um in der „Sphäre“ / im „Zwischen“ der Möglichkeiten zu agieren.
G: Baukunst als Möglichkeit heißt, an die Grenze des Bauens zu gehen. Welche wäre das? Wie käme das Nicht-bauen in seine Erfahrbarkeit, in seine Realisierbarkeit, ohne zu erstarren? Wie ließe sich eine Bedingtheit provozierende „Dimension“ ansteuern, die nichts mit euklidischer Dimension gleich hat? (Fortsetzung folgt)
(D: Jaques Derrida: Chora; übersetzt von Peter Engelman; Wien 2005)
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 70, Frankfurt am Main 2005)
(P: Platon: Sämtliche Dialoge; übersetzt von Otto Apelt; Neuauflage von 1922; Hamburg 1998)
19.04.
G: Versucht werden müsste nun, das Andere in der Architektur auch vom Anderen her zu denken und möglicherweise sogar zu „provozieren“ – nicht also vom Raum oder Zimmer auszugehen, d.h. vom Da-Seienden, sondern vom „Zustand“, der das Da-Seiende erst möglich macht.
G: Lösen sollte sich der Architekt dazu vom eingeimpften Ingenieurdenken. Lösen sollte er sich vom Konstruieren und auch vom Glauben an die Kausalitäten. Befreien müsste er sich aus dem Gestrüpp der Regeln, die ihn stets zum Zirkelschluss, zur selbsterfüllenden Prophezeiung der bekannten Dinge, zur Logik und zur Wiederholung von „Bewährtem“ führen. All das sind Sekundärtugenden. Sie taugen nicht dazu, das Andere des Bauens in den Blick zu nehmen.
S: „…Ein solcher Gesamtblick auf das Öffnungs-Ereignis ist nicht nach diskursiven Regeln zu erlernen und in akademischen Situationen zu verankern. Es gehört seiner Natur nach eher in den Bereich der Stimmungen als den der Aussagen…“ (142/143)
G: Das Andere bleibt rätselhaft, wenngleich be-stimmend. Es stellt sich als prägendes und unsichtbares Gegenüber, als anwesend-abwesende Kondition dar. Baukunst als Möglichkeit gefasst wäre, den Menschen aus der Sachgasse der faden Erklärlichkeiten zu holen und ihn in seine Offenheit zu halten.
B: „…die Dinge lagern in stummen
Gewölben aus Substanz,
und keine Schatten vermummen
den regungslosen Glanz.
(…)
erst wenn die Schöpfungswunde
sich still eröffnet hat,
steigt die Verstömungsstunde
vom Saum der weißen Stadt…“ (95)
G: Das Andere der Dinge wird gewahr, wird spürbar für den Einzelnen. Fällt man in die Metaphysik zurück, würde man von Gott (welchem auch immer) reden, der sich hier zeigt. Man kann aber auch die ausgetretenen Pfade meiden und das Augenmerk auf das „Dass“ des Existierens richten. Erschütternd und geheimnisvoll ist, dass etwas existiert und noch mehr, dass Menschen auf solche gewahren-könnende Weise in der Welt sind.
G: Mensch sein heißt, Mensch werden – permanent. Nicht im moralischen Sinne, sondern im existenzialen. Baukunst als Möglichkeit hält den Menschen in seine Werdung, sie steuert das Dass des Daseienden -sein Sein- an.
H: „…Die Subjektivität rührt, unwissend des Ereignis, daran, dass eine Be-anspruchung des Menschen für das Sein durch das Sein sich ereignet…“ (118) (Fortsetzung folgt)
(B: Gottfried Benn: Erst wenn; Sämtliche Gedichte; Stuttgart 2006)
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 70, Frankfurt am Main 2005)
(S: Peter Sloterdijk: Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, Frankfurt am Main 2001)