5.07.
G: Welche Auswege aus dem Begriffskäfig bleiben noch, um Wandlungen zu markieren? Neben den bereits angeschnittenen Methoden: Schweigen, Spielen, Dichten und Handeln gibt es noch den Traum!
N: „…für die Entwicklung der modernen Künste ist die Gelehrsamkeit, das bewusste Wissen und Vielwisserei der eigentliche Hemmschuh: alles Wachsen und Werden im Reiche der Kunst muss in tiefer Nacht vor sich gehen…“ (516)
G: Jedem Menschen zu eignen ist diese Gabe. Frei lässt sich mit dem umgehen, das zuvor gegeben bzw. genommen wurde. Erlöst von Sinnfragen, entfaltet sich ein abgründiges Spiel mit Berührungen, Stimmungen, Klängen, Bildern.
N: „…Wir genießen in unmittelbarem Verständnis der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns; es giebt nichts Gleichgültiges und Unnothiges…“ (553)
G: Der Traum scheint die bessere Hälfte der Bewusstheit darzustellen. Ein riesiges Meer, auf dem den Seglern phantastische, neue Welten offenstehen. Ein riesiges Meer, das für Landratten und Seekranke freilich auch zum Alptraum werden kann, wenn sie unter Deck flüchten und statt ersehnter Festigkeit nur noch stärkere Bewegung fühlen…
N: „…der Schleier des Scheines in flatternder Bewegung…“ (554)
G: Kann sich aber die „flatternde Bewegung“ nicht erst ergeben gegen etwas Festes? Braucht es zum Träumen nicht vorher Bilder, Stimmungen, Klänge? Braucht es zum Träumen nicht das Wachen? Die Dichotomie lässt sich fortsetzen und ins Feld der Kunst tragen. Mit den beiden Polen „apollinisch und dionysisch“ beschreiben wir Statik und Dynamik, Schein und Rausch, Beherrschung und Ekstase.
N: „…Nicht im Wechsel von Besonnenheit und Rausch, sondern im Nebeneinander zeigt sich das dionysische Künstlerthum…“ (556)
G: Auch für die Architektur gilt dieses Spannungsfeld! Sie muss zwar stellen, sollte dabei aber nur hegen. Sie darf nicht erstarren, denn luftig und fließend kann sie am besten den Wechsel von „Besonnenheit und Rausch“ tragen.
N: zitiert Anselm Feuerbach: „…so bildet (…) die Architektur den Rahmen und die Basis, durch welche sich die höhere poetische Sphäre sichtbar gegen die Wirklichkeit abschließt…“ (518)
G: Träumen wir die Architektur und versuchen, ein Stückchen davon im Wachen zu halten, damit sie ein aus sich rollendes Rad werden kann; eine permanente und richtungslose Progression; ein Ergebnis und ein Weg zugleich; eine Antwort, die Frage bleibt; ein Ziel, das nicht zum Stillstand wird; ein Zweck ohne Zweckmäßigkeit; ein sinnloser Sinn und das ernsteste Lachen. All dies zugleich! (Fortsetzung folgt)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Nietzsche.2.07.
G: Umstellen, Hegen, Lichten…Lichten im Sinne von Roden oder Räumen oder Freiräumen. Räumen führt auf Raum hin, auf Raum schaffen. Raum schaffen geschieht lichtend, also auch wandelnd, also auch tuend, also auch zerstörend.
N: „…Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld — und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich. Sich verwandelnd in Wasser und Erde thürmt er, wie ein Kind Sandhaufen am Meere, thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt. Nicht Frevelmuth, sondern der immer neu erwachende Spieltrieb ruft andre Welten ins Leben…“ (830/831)
G: Schöpfung und Zerstörung liegen nah beieinander. Die „Demiurgen“-Fraktion sah den „Allerersten“ von Anbeginn als Handwerker, der das Chaos fügte. Und selbst die so prägende „Creatio ex nihilo“-Fraktion sieht ihren „Allerersten“ als Zerstörer – nämlich der Leere. Er setze, unterbrach, fügte, stellte (in) Leere…
VS: Hippolytus über Heraklit: „…Krieg ist der Vater von allen und König von allen …“ (307)
G: Wandeln, Schaffen, Handeln, Zerstören; alles Aktivitäten mit unmittelbarer Relevanz und unabhängig von begrifflicher Überformung. Setzen wir also die Tat an die Stelle des Wissens, kommen wir heraus aus der Lähmung einer bloß sprachlichen und scheinbaren Differenz und gelangen in eine konkrete.
S: „…Ein Hemmendes, Widerstrebendes drängt sich überall auf: dieß andere, das, so zu reden, nicht seyn sollte und doch ist, ja seyn muß, dieß Nein, das sich dem Ja, dieß Verfinsternde, das sich dem Licht, dieß Krumme, das sich dem Geraden, dieß Linke, das sich dem Rechten entgegenstellt, und wie man sonst diesen ewigen Gegensatz in Bildern auszudrücken gesucht hat; aber nicht leicht ist einer im Stande es auszusprechen oder gar es wissenschaftlich zu begreifen…“ (211)
G: Wandlung provoziert das Andere; sie braucht es. Sie ist ein Über-sich-hinaus. Sie ist ein Symptom des Wollens, der (reinen) Bewegung ohne Richtung, ohne Progression. Sie weist auf einen mächtigen Strom. Sie ist aber nicht der Strom selbst. Wenn sie wirkt, deutet sie nur darauf, dass es ihn gibt. Sie durchzieht das Dasein und steht als Mittlerin auf anderem Grunde – nein, sie steht nicht, sie fließt eher. Sie ist nichts Fassbares; ein Fluss im Fluss; eine körperlose Struktur; eher ein Zustand; eine (nicht-eukildische) Dimension… (Fortsetzung folgt)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 8, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
21.06.
G: Lösen von Dressuren ist leicht gesagt, aber schwer getan – auf einer Reise war ich Zeuge davon. Mir gegenüber sitzend in einem Zug während eines Halts am Bahnhof unterwies eine Mutter ihren Sohn: „Was bewegt sich gerade, wir oder der andere Zug?“. Der Junge darauf: der Bahnhof! Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte überschwänglich gratuliert – so viel Weisheit kann nur ein Kind haben!
G: Wohin kann ein Sprechen sich ausdehnen, das noch verstanden werden soll? Eindrucksvolle Vertreter für ein vor- oder überbegriffliches Denken sind beispielsweise die „sophoi“ in der ältesten griechischen Klassik zwischen dem 5. bis 7. Jh. v. Chr. Hier ist Wissen noch nicht in Begriffe zerfallen. Hier ist die Nähe spürbar zum Epos und zum Erscheinenden an sich.
WS: „…Ein guter Steuermann kann „sophós“ heißen, der sein Handwerk versteht und zugleich vieles im Instinkt hat; ebenso wie der Mann, der ein wirklich gewusstes Wissen hat…“ (16)
G: Zurück in die Zukunft also, als es noch keinen Unterschied gab zwischen Denken und Leben, als Gedachtes, Gesprochenes und Konkretes noch nicht aufgelöst waren in kleinste gemeinsame Nenner, die im Dienste des „Diskursiven“ stehen.
HS: „…Das alte Paradigma bezeichne ich als archaischen Dynamismus (…) Das menschliche Erleben ist im archaischen Paradigma weder zentralisiert noch abgegrenzt; die Person, die „ich“ sagt, steht ohne Hausmacht in einem Konzert von Regungsherden (…) die meist leiblich lokalisiert sind, und ist dem Einbruch ergreifender Mächte (…) ausgesetzt…“ (13)
G: Man kann sich diese Bruchlinie nicht deutlich genug machen. An ihr entlang entwickelt sich sukzessive über 2.500 Jahre hinweg die rationale Ermächtigung über unser Sprechen und Denken bis hin zum Zustand der freiwilligen Selbstbeschränkung unserer Gegenwart.
N: „…es (das philosophische Denken, CJG) hebt seinen Fuß in eine fremde, unlogische Macht, die Phantasie. Durch sie gehoben springt es weiter von Möglichkeit zu Möglichkeit, die einstweilen als Sicherheiten genommen werden: hier und da ergreift es selbst Sicherheiten im Fluge…” (813)
G: Das wäre ein weiterer Weg. Zulassen der Erscheinungen, aber Jonglieren, Fügen und Zerbrechen dessen, was die Erscheinung begrifflich verformt. Denken also mit Bausteinen in der freien Kollage, im Vexierspiel.
E: „…Wir fragen aber nicht nach dem Erscheinenden, sondern nach dem, was über das Erscheinende ausgesagt wird, und das unterscheidet sich von der Frage nach dem Erscheinenden selbst…“ (98) (Fortsetzung folgt)
(E: Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis; Frankfurt am Main 1985)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(WS: Wolfgang Schadewaldt: Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen; Frankfurt am Main 1978, Band 1)
(HS: Hermann Schmitz: Der Leib, der Raum und die Gefühle; Berlin und Locarno 2007)
18.06.
G: In dieser Reihe soll ausgelotet werden, was Wandel bedeuten könnte. Brennende Frage hierzu: bleibt Wandel stets gebunden an Bestehendes und also in Abhängigkeit der Anschauung sowie deren menschlicher Übersetzungen des Angeschauten – also der Sprache? Ist Wandel das Andere des Neuen oder ist das Neue nichts weiter als Wandel?
K: „…Nun beruht aber alle unsere Unterscheidung des bloß Möglichen vom Wirklichen darauf, dass das erstere nur die Position der Vorstellung eines Dinges respektiv auf unsern Begriff und überhaupt das Vermögen zu denken, das letztere aber die Setzung des Dinges an sich selbst (außer diesem Begriffe) bedeutet…“ (354)
G: Kann eine „tiefere“ Form in die Sprache geraten? Kann eine Sprache jenseits eines Bezeichneten operieren? Kann eine solche Sprache den Menschen schreibend und denkend halten, ohne das zu Schreibende und das zu Denkende in Begriffe zu pressen? Kann sie an-rühren, ein-hegen, ohne festzulegen? Wäre man noch sprechfähig oder glitte in die Meditation?
N: „…Die Sphäre der Poesie liegt nicht ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegentheil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit und muss eben deshalb den lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Culturmenschen von sich werfen…“ (57)
G: Denken als Wegweisung und Aufforderung zum Gehen und nicht als reproduzierbare Formelbereitung. Diese Lektion auf das Bauen gewendet ist es, die die Bau-Kunst beherzigen muss, will sie über sich hinaus und damit hin zu den Menschen.
G: Warum sollte man länger dem aristotelischen Diktum folgen und Möglichkeit stets an materielle Wirklichkeit knüpfen? Was wäre, wenn die Möglichkeit und Wirklichkeit eins sind? Was wäre, wenn Wirklichkeit nicht einmal den Körper und das Materielle kennte?
S: „…Ein körperlicher Träger der Bewegung ist nicht zur Vorstellung des Wirkens im Raume, der „Wirklichkeit“, notwendig…“ (15)
G: Steht die Neuauflage des Kampfes an zwischen Platon und Aristoteles? Kann man das Verhältnis auflösen zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, ohne in die reine Ideen-Welt zu geraten?
G: Lösen wir uns von den Dressuren, die unsere Sprache und unser Vorstellungsvermögen bestimmen. Versuchen wir beispielsweise, die Baukunst ohne Materie zu denken. Denn nur, weil wir die Architektur als Lastendes, Schweres begreifen wollen, wollen wir auch annehmen, dass sie nicht beweglich wäre.
N: „…Man glaubt, zwei Wanderer an einem wilden, Steine mit sich fortwälzenden Waldbach zu sehen: der Eine springt leichtfüßig hinüber, die Steine benutzend und sich auf ihnen immer weiter schwingend, ob sie auch jäh hinter ihm in die Tiefe sinken. Der Andere steht alle Augenblicke hülflos da, er muß sich erst Fundamente bauen, die seinen schweren, bedächtigen Schritt ertragen, mitunter geht dies nicht, und dann hilft ihm kein Gott über den Bach…“ (813) (Fortsetzung folgt)
(K: Immanuel Kant: Werke in zwölf Bänden, Frankfurt am Main 1977, Bd. 10)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(O: Oswald Spengler: Reden und Aufsätze, München 1937)
17.01.
G: Was bleibt den sensiblen Seelen anderes, als Gedanken-Seefahrer zu werden; als sich hinauszuwagen in das Offene, in dem der Wind der reinen Möglichkeit weht? Luft holen und frei durchatmen können diese wenigen Begabten nur auf solcher See und in einem Zustand, der sie über Wasser hält und trägt – aber nicht im festen Sinne trägt, sondern in einem überleitenden. Nur in Booten, besser in Nussschalen, sind die sensiblen Seelen gut aufgehoben. Dort fehlt die Illusion der Festigkeit und der Boden unter den Füßen bleibt bewegt.
W: „…Gefühl der Unwirklichkeit der Umgebung. Dies Gefühl habe ich einmal gehabt, und Viele haben es vor dem Ausbruch von Geisteskrankheiten. Alles scheint irgendwie nicht real; aber nicht, als sähe man die Dinge unklar, oder verschwommen; es sieht alles so aus wie gewöhnlich…“ (S. 32)
G: Das Meer der Möglichkeiten ist weit und tief. Man kann darin ertrinken. Vor dem Ertrinken muss der Gedanken-Seefahrer sich schützen. Teil hat er am Unendlichen. Er verstrickt sich dabei nicht in Widersprüche, denn wissen muss er nichts von Unendlichkeit – er hat sie in sich!
N: „…In des Wonnemeeres
wogendem Schwall,
in der Duft-Wellen
tönendem Schall,
in des Weltathems
wehendem All —
ertrinken — versinken —
unbewusst — höchste Lust!…” (S. 140)
G: Im Boot herrscht die Möglichkeit. Sie tritt mit gleichem, festen Blick an die Seite der Wirklichkeit. Wirklich ist nur der dünne Film, die Oberfläche, die Haut, auf der das Boot tanzt. Die sensiblen Seelen sind hier wie Wasserläufer. Sie sinken nicht ein, spüren aber die Bewegung deutlich. Seekrank werden sie dabei nie – im Gegensatz zu den Landratten, die sich nur ab und an und nur in Ufernähe ins Boot wagen.
G: Sollen Menschen wie Wasserläufer sein und auf einem hauchdünnen Film tanzen zwischen den Unendlichkeiten des Meeres unter ihnen und den Unendlichkeiten des Himmels darüber? Vehikel brauchen sie zu solchen Seefahrten. Sie scheinen nicht von Natur dazu geschaffen, Wasserläufer zu sein. Auch sind sie gebannt an die Oberfläche, auf der ihre Vehikel fahren. Sie trägt den Namen Wirklichkeit.
G: Viele bleiben lieber an Land. Sie sehen nur hinaus aufs Meer und umstellen sich, bauen Dämme. Sie suchen die Sicherheit oder die Illusion davon. Eine Kultur der freiwilligen Selbstbeschränkung macht das leicht. Wer ist eigentlich der Phantast? Derjenige, der die permanente Bewegung spürt und dafür belächelt wird oder derjenige, der sie weitgehend ausblendet?
P: (neuer Mitspieler) „…Denn, was ist zum Schluss der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All. Unendlich weit entfernt von dem Begreifen der äußersten Grenzen, sind ihm das Ende aller Dinge und ihre Gründe undurchdringlich verborgen, unlösbares Geheimnis; er ist gleich unfähig, das Nichts zu fassen, das ihn verschlingt…“ (S. 41)
G: Eine Mitte zwischen Nichts und All ist der Mensch, sagt P. Auf dem dünnen Film unter seinen Wasserläuferfüßen ist er ein Grenztänzer, kein Überschreiter. Seine Vehikel kann er bauen und auch die Unterschiede ahnen, in die sein Zwischen ihn zu allem Übrigen stellt. (Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, Band 1; München 1999
P: Blaise Pascal: Pensées. Über die Religion und über einige andere Gegenstände; Wiesbaden 2001
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 7, Frankfurt am Main 1984
13.01.
G: Ist das Bild „Welt im Kopf“ geeignet, um einen primär virtuellen und körperlosen Zugang zur Mitwelt zu beschreiben? Es schlägt geradewegs die Brücke in einen Materialismus, obwohl es doch das Gegenteil sagen will.
W: „…Keine Annahme scheint mir natürlicher, als dass dem Assoziieren oder Denken kein Prozess im Gehirn zugeordnet ist“ (S. 416)
G: Denken ohne direkte Verbindung zum Gehirn; es verorten in einer „Sphäre“, die außerhalb liegt vom menschlichen Einzelkörper oder innerhalb an anderer Stelle? Liegen hier nicht schon wieder physikalische Maßstäbe an mit denen man nicht-physikalische Ereignisse beschreiben will? Messen will man das Denken, es feststellen und einordnen. Es domestizieren, darüber Herrschaft gewinnen. Eine organische Ursache finden für diese oder jene Variation des Denkens. Ein Muster aufbauen, eine Typisierung vornehmen, den Regelfall bestimmen und ein Maß suchen, die Abweichung zu fassen. An die Abweichung gekoppelt wird die Optimierung auf den Standardfall hin.
S: „…Denn wenn in der absoluten Wissenschaft das erste Gesetz ist, nichts als wahrhaft reell zuzulassen, dessen Realität nicht unbedingt-nothwendig ist, so kann auch die Materie, wie sie übrigens bestimmt werden möge, keineswegs als das höchste und oberste Princip betrachtet werden, da ohne Zweifel in dem Gedanken nichts Unmögliches ist, daß die Materie überhaupt nichts Reelles, sondern ein bloßes Schein- oder Traumbild des Geistes sey, daß sie also ebenso gut nur ein Accidens des Geistes oder der Seele seyn könne, als die Seele in jenem System zu einem Accidens von ihr gemacht wird…” (Bd. 6; S.87)
G: Einem Pendelschlag in die andere Richtung der abendländischen Tradition gleich, vergisst man heute den Geist und will in verbannen. Zeitalter der Nabelschau wäre wahrscheinlich ein zu harmloser Begriff hierfür. Dennoch ist die Wissensproduktion ausschließlich damit befasst, den menschlichen Körper auszubuchstabieren, bzw. in Nullen und Einsen zu zerlegen.
W: „…Das Vorurteil zugunsten des psycho-physischen Parallelismus ist eine Frucht primitiver Auffassungen unserer Begriffe. Denn wenn man Kausalität zwischen psychologischen Erscheinungen zulässt, die nicht physiologisch vermittelt ist, so meint man damit ein Zugestehen, es existiere eine Seele neben dem Körper, ein geisterhaftes Seelenwesen…“ (S. 417)
G: Ein lange nicht gehörtes Wort: Seele. Denkt die Seele? Ist die Seele das Nicht-Messbare, das Körperlose? Was bliebe dann von der Körper-Nabelschau?
N: „…Wir sind der Wille, wir sind Visionsgestalten: worin aber liegt das Band? Und was ist Nervenleben, Gehirn, Denken, Empfinden? — Wir sind zugleich die Anschauenden — es giebt nichts als die Vision anzuschauen — wir sind die Angeschauten, nur ein Angeschautes — wir sind die, in denen der ganze Prozeß von neuem entsteht…” (Bd. 7; S. 214)
G: Übersetzt man Nietzsches „Wille“ mit Seele, dann will sie sich anschauen und braucht uns Menschen dazu. Menschen sind Angeschautes! Der eigene Blick wäre dann ein wahrhaftig fremder. Durch fremde Seelen-Augen geschaute Welt – den Körper dazu überlassen bekommen…
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: „Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999“
S: „Schelling Werke, Stuttgart 1856“
W: „Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 8, Frankfurt am Main 1984“
11.01.
G: Quell und Qual gleichzeitig ist die Welt im Kopf. Vorstellung tritt an die Stelle von Erfahrung. Gestellt wird etwas, bevor es passiert, bevor es eintritt. Das, was eintritt, muss im Nachhinein abgearbeitet werden und in die Stellung integriert, die im Kopf herrscht. Manchen Menschen gelingt das besser, als anderen.
Erfahrung scheint kein Ausweg zu sein aus der Kopfwelt, denn sie stimuliert lediglich zeitversetzt – neuer Wein in alten Schläuchen also. Möglicherweise ist der Moment einer Erfahrung der Selbstbetrug, sich Unvoreingenommenheit eingebildet zu haben.
Nein, eher X-Fach-Einbildung, denn ein Moment liegt in der Zeit, die ebenfalls Einbildung ist. Ein Selbstbetrug wäre lediglich eine aufgedeckte und offen liegende Vorstellung und sich einzubilden, keine Einbildung zu haben, wäre eine weitere Illusion…
W: „…Man kann sich vorstellen es sei etwas der Fall was nicht ist: sehr merkwürdig! Denn, daß die Vorstellung mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt ist nicht daß sie sie aber dann repräsentiert ist merkwürdig…“ (S. 279)
G: Liest man die Ergebnisse der Hirnforschung, scheint sie mittlerweile an diesem Punkt zu sein. Die „Zeit“ stellt einen Artikel ins Netz, in dem behauptet wird, dass Menschen permanent ein „phänomenales Selbstmodell“ erzeugen. Das heißt, anzunehmen, in der Welt zu sein, einen Körper zu haben, eigenständig zu sein, ist eine private Illusion. Fühlen zu können mit dem Körper gelingt ebenso illusorisch. Was wäre denn dann eine „lebendige“ Erfahrung und wie stünde sie im Gegensatz zum „eingepaukten“ Kopfwissen beispielsweise der Mathematik und der Logik?
W: „…Das Gefühl an das ich jetzt alle meine Betrachtungen knüpfe ist das von der Einzigkeit der Gedanken…“ (S. 281)
G: Wie lautet eine echte Wahl? Wo ist z.B. der Unterschied zwischen einem feingeistigen Intellektuellen und einem vulgären Leibesmenschen, denn beide bilden sich ihre Existenzen nur ein? Antwort: das ‘Prinzip’ des Ich mag ähnlich sein, aber Begegnungen zeugen von Differenzen, über die die Wahl geschehen kann. Sich die Illusionen selbst, klar und mit kühlen Herzen zu wählen, ist diese “echte” Wahl…
S: „…Der poetische Sinn besteht eben darin, zu der Wirklichkeit, der Realität, außer der Möglichkeit nichts zu bedürfen. Was poetisch möglich ist, ist eben deßwegen schlechthin wirklich, wie in der Philosophie, was ideal – real. Das Princip der Unpoesie wie das der Unphilosophie ist der Empirismus oder die Unmöglichkeit, etwas anderes als wahr und real zu erkennen, als was in der Erfahrung liegt..” (Band 5, S. 634)
G: Der Intellektuelle bleibt lieber in der Möglichkeit geborgen, als sich der „Faktizität“ auszusetzen. Eine „anti-virtuelle“ Alternative scheint es ohnehin nicht zu geben…
N: „…Die Erkenntniss tödtet das Handeln, zum Handeln gehört das Umschleiertsein durch die Illusion das ist die Hamletlehre, nicht jene wohlfeile Weisheit von Hans dem Träumer, der aus zu viel Reflexion, gleichsam aus einem Ueberschuss von Möglichkeiten nicht zum Handeln kommt; nicht das Reflectiren, nein! — die wahre Erkenntniss, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit überwiegt jedes zum Handeln antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als bei dem dionysischen Menschen…“ (S. 52)
G: Wittgenstein „fühlt“ die Einzigkeit der Gedanken. Er überbrückt damit die Trennung von Geist und Leib. Schelling gibt der Möglichkeit denselben Stellenwert wie der Wirklichkeit. Er überbrückt damit die Trennung von Geist und Leib. Nietzsche erkennt die Illusion als allgemein menschliche Verkehrsform an. Er plädiert für das Handeln und glaubt an die wahre Erkenntnis. Sie ist grauenhaft. Was aber, wenn das Grauenhafte nicht im Gegensatz steht zu einem „Ueberschuss von Möglichkeiten“, sondern nur eine weitere ist? (Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: „Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999; Band 1“
S: „Schelling Werke, Stuttgart 1856“
W: „Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5; Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994“
6.01.
G: Beginnen soll das neue Jahr wie das alte endete, mit Wittgenstein. Zu schön sind seine Versuche, zu spannend sein Tasten und Schauen, zu inspirierend sein Staunen, als dass ich jetzt schon aufhören möchte, ihm zu folgen und den Zwischenraum seiner Gedanken auszufüllen. Zu schön ist es, einen wahrhaft Suchenden gefunden zu haben. Einen Philosophen, der sich nicht damit begnügt, in komplizierteste Gedankengebäude einzusteigen, um penibel deren Innenräume zu vermessen, sondern einen, der selbst baut.
G: Sein Bauen ist experimentell. Die Form steht vorher noch nicht fest. Er entwirft sie, ist dabei, sie zu finden – und lässt die Leser an seinen Entwürfen teilhaben. Auch an denen, die er wieder verwirft. Dieser Baumeister scheut sich nicht, seine ganze Lebendigkeit in den Entwurf zu legen. Er ringt mit sich. Mit der Welt ist er primär staunend verbunden. Er ist ein Spieler. Aber nicht einer, dem es um schnelle Regelbeherrschung geht oder darum, zu gewinnen. Nein, er spielt auf eine weisere, elementarere Weise.
N: „…Im Grunde ist das aesthetische Phänomen einfach; man habe nur die Fähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel zu sehen und immerfort von Geisterschaaren umringt zu leben, so ist man Dichter…“ (a.a.O.; S.61)
G: Dieses ewige Spiel hatte Wittgenstein stets vor Augen. Auch ich möchte heute weiter spielen. Als dritten Gefährten hole ich Schelling dazu.
W: „…Wenn ich behaupte, „das ist die Regel“, so hat das nur solange Sinn als ich bestimmt habe wieviel Ausnahmen von der Regel ich maximal zulasse ohne die Regel umzustoßen…“ (a.a.O.; S. 123)
G: Etwas zu schaffen, zu kreieren, eine Form zu geben ist der (aller?) Menschen täglich Brot. Aber nur Manche wissen – und können mit dem Wissen leben, dass Formen nur Wünschen gleichen, dass die quasi flüssig sind. Manche Formen freilich gaukeln uns Beständigkeit vor. Dieser Bestand hat aber nur etwas damit zu tun, dass die eigene Lebensspanne zu kurz ist, den Verfall selbst zu erleben.
S: „…Aber wer kann in diesem lebendigen Ganzen das Einzelne sondern, ohne den Zusammenhang des Ganzen zu zerstören? Wie diese Dichtungen gleichsam als ein zarter Duft die Natur durch sich erblicken lassen, so wirken sie auch als ein Nebel, durch den wir die entfernte Zeit der Urwelt und einzelne große Gestalten erkennen, die sich auf ihrem dunklen Hintergrund bewegen…“ (a.a.O.; Band 5; S. 412/413)
G: Wittgenstein konnte den Duft der Dichtung des Ganzen nicht mehr aus der Nase bekommen. Er muss ihn schon früh gerochen haben in seinem Leben. Vor dem Nebel, der ihn umringte, scheute er sich nicht. Er brauchte ihn, er schärfte ihm die Augen zum wahren Sehen.
W: „…Man kann erst dann gut philosophieren, wenn der Krampf des Denkens gelöst ist…“ (a.a.O.; S. 120)
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999; Band 1
S: F.W.J. Schelling:Â Schelling Werke, Stuttgart 1856
W: Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5;Â Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994
21.10.
Bleiben wir eine Weile beim wunderbaren Bild einer Lebens-Steigerung als „gefügehafter Wandlung“ und nehmen wir den Menschen als Baumeister, „…dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fliessendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich complicirten Begriffsdomes gelingt…“(Nietzsche: KSA 1; S. 875).
Sehen wir diesen ‘Baumeister mit Wasser’ selbst als gebildet durch das „Nietzsche-Dreieck“, das sich windet, dreht und bewegt durch das Über- und Vordimensionale des Lebendigen selbst. Diesen Baumeister, der sich Wahrnehmung, Ding und Welt stets erkämpfen muss, der über die eigene Leiblichkeit an seine hochbewegte Perspektive verwiesen ist und dieselbe nur zur Ruhe bringen kann, indem er sich abwendet vom Horizont und den Blick in die Hermetik lenkt, in das Gestorbene, in das fast Vergessene seiner selbst.
„Gefügehafte Wandlung“ meint aber noch mehr. Sie passiert bauend und bindet über Perspektiven Leib und Welt zusammen. Diese Perspektiven gleichen dabei keinesfalls den gängigen Vorstellungen einer geometrisch durchkonstruierten Zentralperspektive, sondern schwanken, stürzen und bäumen sich auf: „…freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muss es ein Bau, wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von dem Winde auseinander geblasen zu werden…“. (Ebd.)
Die Wandlung geschieht durch Setzen im hochbewegten Gefüge. Es geht um das Setzen, um den Willen dazu, um die Handlung dort hin. Es geht um das Werden, das immer Wandel ist. Das Werden, das Neues schafft. Performanz ist nach Nietzsche also quasi die normale Verkehrsform eines jeden Menschen. Es geht im Kern aber auch um die Poesie im Sinne von „poiesis“, wie Heidegger sehr schön betont: „…Es (das bauende Denken, CJG) beruft und stützt sich nicht auf Gegebenes, ist keine Angleichung, sondern jenes, was sich uns ankündigte als der dichtende Charakter der Horizontsetzung innerhalb einer Perspektive…“ (Heidegger: GA 47; S. 254)
„Gefügehafte Wandlung“ meint also Verwobenheit, meint „Dasein in“, meint Bauen aus Etwas und nicht Konstruieren im Nichts. Leib und Gedanke gehören darin untrennbar zusammen: „…vielleicht ist dieser Leib, wie er leibt und lebt, das Gewisseste an uns – gewisser als Seele und Geist…“ (Ebd., S. 152). Ich möchte Nietzsche und Heidegger hier auch lesen für eine “Baukunst als Performanz”, die sich ab- und hinaushebt aus den end- wie fruchtlosen Debatten einer missverstanden, rein verbalen Mitbestimmungskultur und einlässt auf einen Möglichkeitenraum, der zwar unergründlich, tief, gefährlich und angsteinflößend sein kann, aber dennoch die einzig gerechte Weise ist für den schwankenden, stürzenden, dichtenden ‘Baumeister mit Wasser und Fäden’. (Ende)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Fokus: Nietzsche.18.10.
In den kommenden Teilen dieser Reihe wird versucht, das Denken Friedrich Nietzsches auf den skizzierten Fragehorizont auszurichten. Geradezu genealogisch gerät das Ganze, wenn es mit Heidegger passiert. Dieser letzte deutsche Großdenker hat sich nämlich eingängig, treffend, erhellend und ausführlich gleichermaßen an Nietzsche abgearbeitet. Für die Performanz-Thematik in LOGEION.NET soll einstweilen der Band 47 der Gesamtausgabe (Frankfurt am Main 1989) reichen, der den Titel trägt: „Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht als Erkenntnis“.
Voller architektonischer Metaphern (die übrigens schon architekturtheoretisch durchleuchtet wurden) ist das Werk Nietzsches sehr anschaulich zu lesen. Es verbinden sich darin die wesentlichsten Elemente der stringent auf die Kunst fokussierten Beschreibung einer Art von Dreieck, das sich aus Wahrnehmung, Ding und Welt bildet. Wie so oft, hinkt der Vergleich ein wenig. Aber an diesem Hinken wird auch einiges deutlich. Begriffe taugen nur, wenn sie metaphorisches Potential haben, meine ich. Sobald sie zur systemischen Form erstarren, geht ihnen die Lebendigkeit verloren und mit ihr die Relevanz.
Das Bild des Dreiecks soll lebendig werden. Es umschließt den Menschen und seine Linien stehen (liegen) für die Kunst. Kunst steht aber niemals. Entlang an den Linien arbeitet man sich ab, ist dabei in Bewegung. Die Linien sind nicht homogen, sie sind zerfasert, gehen auf und ab, zittern, wölben sich aus, sind Schnüren im Wind vergleichbar, die wild hin und her fliegen. Sie fliegen genauso wie das Dreieck selbst. Mit dem Dreieck fliegen auch die Themen Wahrnehmung, Ding und Welt. Stellen wir uns das Nietzscheanische Dreieck lieber als Segel vor und gehen hinaus in die nächste Dimension.
Der Wind bleibt das Unsichtbare und zeigt uns, dass auf die Augen allein noch nie Verlass war. Wir hören ihn, er zerrt an unseren Haaren, er treibt uns die Tränen ins Gesicht und peitscht zuweilen gegen die Haut. Er bestimmt uns, kann zart streicheln und hart schlagen und ist doch nur zu sehen, durch etwas anderes, als er selbst ist. Er ist über- oder vordimensional. Er braucht die Segel, die die Menschen machen, er braucht die Tränen im Auge und die Wolken, die er vor sich her treibt. Er braucht die Blätter, die uns im warmen Sommer mit ihrem Rauschen sanft und weit werden lassen. Der Wind ist da, er ist mächtig, ist mal mehr, mal weniger verborgen.
So sollte das oben beschriebene Nietzscheanische Dreieck verstanden werden. Das ist die Basis, auf der auch Performanz passieren kann, denn nur durch einen Leib ist ein Mensch und auch das andere, als das Menschliche. Leib hält den Zugang bereit zur Welt, zum Leben: „…Leben, das ist das Seiende im Ganzen und im besonderen das menschliche Leben ist Lebens-Steigerung (…) Steigerung meint nicht Ausdehnung, sondern gefügehafte Wandlung; das Über-sich-hinaus, ein Sichöffnen zu einem Höheren seiner selbst und somit die Wandlung des absolut Gegebenen…“ (a.a.O., S. 29/30) (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Fokus: Nietzsche.