19.07.
G: In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.
G: Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen von Außen- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schön über den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.
G: Sicher trägt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefühl zu bekommen für diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Täuschung und Schein…aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.
G: Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernität, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des „Dass“ abstelle des „Was“ betont werden. Räumen, Lichten, Möglichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!
S: „…Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemüth, unsern eignen Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseyn…“
G: Schön, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass über sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinüber lässt. Ein Bauwerk also, das sich genügt in seinem „…schaffenden Leben“ und „ seiner Kraft dazuseyn“…(Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Fokus: Schelling.2.07.
G: Umstellen, Hegen, Lichten…Lichten im Sinne von Roden oder Räumen oder Freiräumen. Räumen führt auf Raum hin, auf Raum schaffen. Raum schaffen geschieht lichtend, also auch wandelnd, also auch tuend, also auch zerstörend.
N: „…Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld — und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich. Sich verwandelnd in Wasser und Erde thürmt er, wie ein Kind Sandhaufen am Meere, thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt. Nicht Frevelmuth, sondern der immer neu erwachende Spieltrieb ruft andre Welten ins Leben…“ (830/831)
G: Schöpfung und Zerstörung liegen nah beieinander. Die „Demiurgen“-Fraktion sah den „Allerersten“ von Anbeginn als Handwerker, der das Chaos fügte. Und selbst die so prägende „Creatio ex nihilo“-Fraktion sieht ihren „Allerersten“ als Zerstörer – nämlich der Leere. Er setze, unterbrach, fügte, stellte (in) Leere…
VS: Hippolytus über Heraklit: „…Krieg ist der Vater von allen und König von allen …“ (307)
G: Wandeln, Schaffen, Handeln, Zerstören; alles Aktivitäten mit unmittelbarer Relevanz und unabhängig von begrifflicher Überformung. Setzen wir also die Tat an die Stelle des Wissens, kommen wir heraus aus der Lähmung einer bloß sprachlichen und scheinbaren Differenz und gelangen in eine konkrete.
S: „…Ein Hemmendes, Widerstrebendes drängt sich überall auf: dieß andere, das, so zu reden, nicht seyn sollte und doch ist, ja seyn muß, dieß Nein, das sich dem Ja, dieß Verfinsternde, das sich dem Licht, dieß Krumme, das sich dem Geraden, dieß Linke, das sich dem Rechten entgegenstellt, und wie man sonst diesen ewigen Gegensatz in Bildern auszudrücken gesucht hat; aber nicht leicht ist einer im Stande es auszusprechen oder gar es wissenschaftlich zu begreifen…“ (211)
G: Wandlung provoziert das Andere; sie braucht es. Sie ist ein Über-sich-hinaus. Sie ist ein Symptom des Wollens, der (reinen) Bewegung ohne Richtung, ohne Progression. Sie weist auf einen mächtigen Strom. Sie ist aber nicht der Strom selbst. Wenn sie wirkt, deutet sie nur darauf, dass es ihn gibt. Sie durchzieht das Dasein und steht als Mittlerin auf anderem Grunde – nein, sie steht nicht, sie fließt eher. Sie ist nichts Fassbares; ein Fluss im Fluss; eine körperlose Struktur; eher ein Zustand; eine (nicht-eukildische) Dimension… (Fortsetzung folgt)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 8, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
28.06.
G: Wandel führt hin auf das Andere, das (noch) abwesend, aber dennoch schon anwesend ist. Er führt auf Zustände und auf Differenzen. Fragt sich, ob jedes Wandeln, das mithilfe der Sprache bestimmt wird, nur scheinbar sein muss – denn die Mittel der herkömmlichen Sprache setzten auf dressierende Reduktionismen (auch Begriffe genannt). Die Poesie kann helfen; lebt sie doch aus der Welt der Möglichkeit.
S: „…Universalität, die nothwendige Forderung an alle Poesie, ist in der neueren Zeit nur dem möglich, der sich aus seiner Begrenzung selbst eine Mythologie, einen abgeschlossenen Kreis der Poesie schaffen kann…“ (444)
G: Wirklichkeiten-Begriffskäfige mit Gelassenheit balancieren, um über sie hinaus zu weisen. Welche gelassene Sprache reicht dort hin? Kann der „Trieb“, die „Kraft“, das Ermöglichende des Wandels selbst auf diese Weise angerührt werden? Kann man also (noch) sprechen oder muss man (schon) schweigen?
VS: Themistius über Heraklit: „…Der Ursprung (der Dinge), so Heraklit, pflegt, verborgen zu bleiben…“ (301)
H: „…Heraklit ist „der Dunkle“, weil er das Sein als das Sichverbergen denkt und gemäß diesem Gedachten das Wort sagen muss…“ (32)
G: Das Wort sagen redet hier davon, dass Heraklit einer der „sophoi“ war, jener weisen Sprecher von Worten also, die noch ohne (beliebige) Begriffe waren, die gleich erratischen Blöcken rätselhaft und voller lautestem Schweigen barsten.
VS: Aristoteles über Heraklit: „…Denn es ist ein schwieriges Unternehmen, die Schriften Heraklits zu interpunktieren, weil nicht klar ist, ob (die betreffenden Wörter) mit dem Folgenden oder mit dem Vorhergehenden zusammengehören…“ (287)
G: Die Unklarheit der Fügungen spricht etwas über das Sprechen. Insofern beschreiben aristotelische Schmerzen gleichzeitig das Symptom des gegenwärtigen Autismus einer diskursiven Belanglosigkeit und eines geronnenen, akademischen „Anything Goes“.
H: „…Dunkel ist die Philosophie also notwendig und immer, sofern sie nämlich dem Gesichtskreis des bloßen Verstandes, d.h. des alltäglichen Verstellens und Meinens, beraubt wird…“ (29)
G: Hegen, Umstellen (nicht Verstellen!), Lichten, mehr gibt es nicht zu tun – auch nicht für eine wahrhaft menschliche Baukunst. Erscheinung provozieren, die ohnehin schon ist und sich ansprechen lassen; nehmen, was gegeben und auch vorenthalten wird…(Fortsetzung folgt)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 55, Frankfurt am Main 1979)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
9.06.
G: Baukunst in ihre Un-be-stimmt-heit halten zu wollen, gleicht einem Hürdenlauf. Die zu überspringenden Barrieren sind selbst aufgestellt – und auch bestens verteidigt. Sie haben Namen wie Logik, System, Konstruktion, Nützlichkeit oder Funktion. Welche sind die wichtigen Sprünge? Welche Hürden fordern am meisten Kraft?
S/1: „…solang Architektur dem bloßen Bedürfniß fröhnt und nur nützlich ist, ist sie auch nur dieses und kann nicht zugleich schön seyn. Dieß wird sie nur, wenn sie davon unabhängig wird, und weil sie dieß doch nicht absolut seyn kann, indem sie durch ihre letzte Beziehung immer wieder an das Bedürfniß grenzt, so wird sie schön nur, indem sie zugleich von sich selbst unabhängig, gleichsam die Potenz und die freie Nachahmung von sich selbst wird…“ (578)
G: Architektur von sich selbst unabhängig machen, zur „freien Nachahmung“ machen. Herrscht dann der Zufall, die Kontingenz im Gegenteil zur Freiheit – denn Freiheit bleibt ja stets gebunden an ihr jeweiliges Gegenteil?
G: Wo ist das „Schwarze Quadrat“ der Baukunst? Wo der Malewitsch unter den Architekten? Wo wird die Baukunst sich selbst zum Gegenstand; wo setzt sie sich „auf null“? Vielleicht als Organismus und mit dem Organischen als Freiheitsausdruck, als Anderes, als Selbstunabhängigkeit?
S/2: „…Wenn eine Kunst Grenzen hat – Grenzen ihrer formgewordenen Seele –, so sind es historische, nicht technische oder physiologische. Eine Kunst ist ein Organismus, kein System…“ (285)
G: Eine „Baukunst auf null“ könnte den Raum wieder freigeben für ihren eigenen Anfang. Könnte zurück in die Zukunft einer Gestaltfindung anstelle der Gestalt. Könnte sich musikalisieren und damit ihrer bessere Hälfte den Vortritt lassen.
S/1: „…Die Musik, welcher die Architektur unter den Formen der Plastik entspricht, ist zwar davon freigesprochen, Gestalten darzustellen, weil sie das Universum in den Formen der ersten und reinsten Bewegung, abgesondert von dem Stoffe darstellt. Die Architektur ist aber eine Form der Plastik, und wenn sie Musik ist, so ist sie concrete Musik. Sie kann das Universum nicht bloß durch die Form, sie muß es in Wesen und Form zugleich darstellen…“ (577)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann ihr poetisches Potential wiederfinden. Sie kann zum Wort zurückkehren und dabei den Begriff hinter sich lassen. Sie kann sich in das Stimmen in der Un-be-stimmtheit versenken.
S/2: „…Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie…“ (382-383)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann den Ort im W-ort aufsuchen?
H: „…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (208)
G: Diese Reihe endet hier. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten und der Schreiber ahnt, dass es genau darum gehen sollte in einem zeitgemäßen Bauen. (Ende)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 13, Frankfurt am Main 1983)
(S/1: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(S/2: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes; München 1923)
2.06.
G: Drei Variationen auf Materie und Ding. Zunächst F. in der Wüste…
F: „…Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre gar nichts, ausgenommen das Rieseln von Sand…“ (25)
G: Nicht zu retten? Nicht zu retten vor der „Klarheit“ oder vielmehr nicht zu retten vor der Fixierung auf die Schatten an der Höhlenwand? Was ist das Rieseln des Sandes nicht? So taub kann keiner sein…
G: Mehr „sehen“ als das Ding, das man betrachtet. Blinde sehen besser. Menschen er-leben die Dinge. Sprung in die Unklarheit als Standard. Sprache als stets unzureichendes Vehikel. (Selbstversuche „sprechen“ für sich)
G: Das „Un“ ist das Wichtige. Hier tut die Kehre not. Das „Un“ schwingt mit. Es ist wie der Zwilling des Dings. Das „Un“ weißt tiefer hinein und weiter heraus. Das „Un“ der Schärfe wohnt jedem Scharfgestellten inne. Das „Un“ ist auch das Mögliche – aber nicht nur. Es verleiht ihn sein Leben – macht es er-leb-bar. Es macht es bar, also nackt. Nackt ist auch das „Dass“ der Existenz. Nackt, weil es ohne das Etwas ist.
G: Nun S. mit göttlichem Gepäck…
S: „…Die Materie erfüllt einen Raum nicht durch ihre bloße Existenz (denn dieß annehmen, heißt alle weitere Untersuchung ein für allemal abschneiden), sondern durch eine ursprünglich-bewegende Kraft, durch welche erst die mechanische Bewegung der Materie möglich ist. Oder vielmehr: Die Materie ist selbst nichts anders, als eine bewegende Kraft, und unabhängig von einer solchen, ist sie höchstens etwas bloß Denkbares, aber nimmermehr etwas Reales, das Gegenstand einer Anschauung seyn kann…” (231/232)
G: Ideenretter. Zunächst der Logos, dann die Materie. Alles ist klar und unklar gleichzeitig. Das „Un“ wird nun verwiesen in den „Ur-grund“ oder „Un-grund“. Scharfes Unschärfefeld, denn zu erreichen ist es nimmer – bestenfalls einzuhegen. Mit Worten einhegen, die vorgeschoben werden, bis sie kurz davor sind, in den „Ab-Un-Ur“-grund zu fallen. Intellektuelle Echolote, u. a. auch der geniale Wittgenstein, übten sich darin.
G: Nun H. mit dem Einfachsten und Schwersten gleichzeitig. Zunächst über S.:
H: „…Die Dingheit der Dinge bestimmt sich so wenig aus einem gleichgültigen Vorhandensein, stofflicher Körper, dass die Materie (bei Schelling, CJG) selbst geistig begriffen wird; was „wir“ als Materie spüren und sehen, ist ein in die ausgedehnte Schwere der Trägheit geronnener Geist…“ (215)
G: Aus der Zeit in die Zeitlichkeit gekippter Geist. Ein erkalteter Lavastrom, der Äonen braucht, um sich ins Leere der Zeit zurück zu bewegen, die Eins ist mit dem Sein. Das Sein auch als längste der langen Weile. (Fortsetzung folgt)
(F: Max Frisch: Homo Faber, Frankfurt am Main 1957)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 42, Frankfurt am Main 1988)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 2, Stuttgart 1856)
31.05.
A: Indem nun in jeder Gattung genau getrennt sind das eine als in angestrebter Wirklichkeit da, das andere als der Möglichkeit nach vorhanden, so (gilt): Das endlich zur-Wirklichkeit-kommen eines bloß der Möglichkeit nach Vorhandenen, insofern es eben ein solches ist – das ist (entwickelnde) Veränderung…“ (51)
G: Veränderung vollzieht sich erst, wenn Möglichkeit ver-wirklicht wird. Ver-wirklichen geht einher mit Ver-gehen. Verwirklicht ist die Möglichkeit also vergangen. Der Preis der Veränderung ist ihre Vergängnis.
G: Ist bereits das Sprechen oder Denken einer Möglichkeit ihre Verwirklichung? Dann wäre Möglichkeit geknüpft an geistige Wirklichkeit. Wäre in diesem Stadium schon die Vergängnis am Werk – und wie wirklich wäre ein Gedanke?
S: „…Da nun diese (Idee, CJG) als Realität unmittelbar zugleich Idealität ist, so wird das Producirte eine Realität seyn, die von der Idealität getrennt, nicht unmittelbar durch sie bestimmt ist, eine Wirklichkeit also, welche nicht zugleich die vollständige Möglichkeit ihres Seyns in sich selbst, sondern außer sich hat, demnach eine sinnliche, bedingte Wirklichkeit…“ (S. 40)
G: Die Möglichkeit ist also ebenfalls stets das Andere des zur Wirklichkeit Gebrachthabenden. Das Andere findet gleichzeitig statt – dabei als eines unter vielen. Die Möglichkeit gleicht einem Vorwegschreiten. Sie ist auch ein Wirken. Vielmehr ist sie zusammen mit der Veränderung der Garant eines Gefüges, das zur Wirkung bringt. Das Wirkende jedoch bleibt an das Nicht der (nächsten) Möglichkeiten verwiesen. Das Wirkende wirkt durch diesen „Mangel“.
A: „…Alles, wird ja sein zugleich Wirkung ausübend und Wirkung erfahrend…“ (52)
G: Sprung zurück aus dem Materialismus des A.! Es gibt (ein) Veränderndes und (ein) Verändertes. Beide “Zustände” sind nie wesensmäßig bei sich, denn ihr zur Wirklichkeit-kommen war an das Vergehen eines Möglichen geknüpft und auch daran, den „Mangel“ (des Anderen) zu be-wirken.
G: Wirklichkeit ist zwar an das Vergehen von Möglichkeiten geknüpft, markiert aber dennoch nie das Ende des Möglichen. In die Wirklichkeit halten gleicht vielmehr auch einem Vergehen.
A: „…Noch unvollkommen ist das Mögliche, dessen Verwirklichung sie (die Veränderung, CJG) ist…“ (53)
G: Die Verwirklichung der Möglichkeiten, z.B. das Bauen eines Hauses findet demnach kein Ende, wenn das Werk fertig gestellt ist. Hier widerspreche ich A.! Das Andere, die Vergängnis und der Mangel stiften die Wirkung des Baues. Die Fertigstellung markiert nicht ein Ende, sondern einen Aufbruch in die nächste Ver-wandlung. (Fortsetzung folgt)
(A: Aristoteles: Philosophische Schriften; Übersetzt von Hans Günter Zeckl, Band 6, Hamburg 1995)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 6, Stuttgart 1856)
26.05.
G: Schellings Überlegungen vom Anfang allen Denkens sind also verbunden mit einer Befreiung, in der das Andere ein Garant des Selbst wird.
S: „…Ein Wesen, das in seinem Urseyn, worin es von selbst ist, beharren müsste, könnte nur starr und unbeweglich, todt und unfrei seyn. Selbst der Mensch muss von seinem Seyn sich losreissen, um ein freies Seyn anzufangen. Je höher die Macht dieser Selbstentschlagung und Entäusserung (Objectivmachung des unwillkührlichen Seyns), desto productiver, unabhängiger, göttlicher erscheint der Mensch. Sich von sich selbst zu befreien, ist die Aufgabe aller Bildung. Die Menschen. Die, welche nicht von sich hinwegkommen, bleiben unvermögend…“ (S. 455/456)
G: Das Aufspalten einer Absolutheit in ihre Möglichkeiten gleicht keiner ‚Vertreibung aus dem Paradies‘ und also nicht dem Beginn eines Verhängnisses, sondern erscheint als größter Freiheitsakt, als Akt des Lichtens.
S: „…Die Idee offenbart Gott die Potenz, durch die er sich befreit…” (S. 462)
G: Dieser Anfang ist auch der Kern der Möglichkeit. Mit ihr wird die erste Differenz wirksam und kommt so in ihre Wirklichkeit. Hier lichtet sich auch ein Raum des Denkens und nimmt Sprache ihren Beginn. Die Freiheit und das Wollen markieren diese Lichtung. Nicht nur für Gott, sondern auch für den Menschen.
S: „…der menschliche Geist entfesselt sich in der wirklichen Freiheit gegen alles Seyn und (sieht sich, CJG) berechtigt (…) zu fragen, nicht: was ist, sondern: was kann seyn…“ (S. 89)
G: Vorhandenes wirkt, es IST in seiner Wirk-lichkeit. So scheint es jedenfalls. Das Andere jedoch macht die Wirk-lichkeit erst möglich. Es IST die Möglichkeit dazu, der Wandel dorthin, die Bewegung des Zustands. Das Andere des Selbst IST im Zustand des Noch-Nicht. Es IST außerhalb und innerhalb des Vorhandenen – gleichzeitg.
S: „…Es kommt dem, was existirt, dem Existirenden selbst, zuvor, so dass dieses gar nicht als Wesen gesezt ist, sondern ganz ekstatisch, ausser sich gesezt, geradezu das Seyende ist. Das Wesen hat sich nicht entäussert, sondern ist entäussert, ehe es sich denkt…” (S. 460)
G: Beziehen wir den ‚gelichteten Zustand‘ auf die Baukunst. Bleibt die Architektur nicht allzu oft in ihrer Wirklichkeit gefangen und bedient sich lediglich der Möglichkeiten in Form von bewegenden Leihgaben wie Licht, Klang oder Wind? Diese Wegweiser des Wandels werden erspürt. Kann man das Andere der Baukunst „nur“ denken?
S: „…Allerdings; menschliche Hervorbringungen können von ihrer Möglichkeit aus vorher gesehen werden. Aber es giebt auch Dinge, deren Möglichkeit erst durch ihre Wirklichkeit eingesehen wird…“ (S. 451)
(Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 13, Philosophie der Offenbarung, Stuttgart 1856)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Schelling.23.05.
G: Wie könnte Schelling helfen, Sein, Nichts und Werden auseinanderzuhalten bzw. zusammenzubringen? Wie könnte er helfen, die Baukunst als Möglichkeit aufzufassen? Er tut es mit erheblich religiöser Schlagseite und spannt zunächst den Bogen über die Vorüberlegung des „Actus purus“, also der absoluten Vollkommenheit Gottes. Vor dieser ist alles Seiende unvollkommen und also in Wirklichkeit und Möglichkeit zerfallen. Ist die Wirklichkeit ohne verbleibende Möglichkeit erreicht, haben wir den Zustand der Vollendung.
G: Setzten wir uns also der (heutigen…) Zumutung aus, Gott nicht für eine Illusion zu halten und stellen uns den Zustand der Vollkommenheit vor. Ein alles und jedes Bergendes, eine ewige Harmonie, ein fruchtbarer Ur- oder Ungrund. Aber auch ein Stillstand, eine Unbeweglichkeit, eine lange Weile. Vielleicht die längste Weile…Es bedarf einer Störung, die die Harmonie zur sich selbst bringt. Es braucht das Andere der Vollkommenheit, um sie sich gewahren lassen zu können.
S: „…Und auf diese Weise kommt in das unbewegliche Seyn eine Beweglichkeit, es bekommt eine Negation in sich, hört zwar nicht auf actus purus zu seyn, ist aber nun nicht mehr actu, sondern nur dem Wesen nach, nur potentia. Actus purus, ist gehindert in seinem actus purus, nicht mehr das lautere, potenzlose Seyn; dadurch aber, dass es Negation, Potenz in sich bekommen hat, ist es ein sich selbst besizendes Seyn geworden, ist in sich zurückgesezt, sich selbst geworden. Der, der Herr ist, das Zufällige zu sezen, ist seines Urseyns mächtig geworden, den actus purus zur Potenz zu erhöhen…” (456/457)
G: Die Möglichkeit als Potential begriffen, wirkt wie die Negation der Vollkommenheit. Das Wirken lässt den Blick frei auf sich selbst – lässt ihn erst entstehen. Das Andere des Unvordenklichen hilft, das Sein desselben zu begreifen. Es hilft, das Sein zu gewahren zu denken und zu sprechen.
S: „…Was der Anfang alles Denkens ist, ist noch nicht das Denken; es ist das Erste, quod se objicit cogitanti, was daher überwunden werden soll, für den Anfang ausser dem Denken, ihm entgegenstehend…” (450)
G: Wir werden also sprechfähig über etwas, das sich der Unausprechbarkeit entzieht. Woher kommt nun der Impuls dazu? Schelling bemüht hier das Wollen und bringt es vor oder über die Absolutheit. Das Wollen ist es, das auch die „erste“ Störung, den Weg zum Anderen des Selbst provoziert.
S: „…Was immer sein Seyn voraus hat, ist das eigentlich etwas wollen- und anfangenkönnende, dadurch, dass es sein Seyn unabhängig von sich hat, sein Seyn voraus hat und desselben sicher ist…“ (457)
G: Das Wollen als Garant der Gewahrung des Dass der Existenz zu “provozieren”, könnte die vornehmste Aufgabe einer Baukunst als Möglichkeit werden. (Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Philosophie der Offenbarung, Paulus-Nachschrift 1841/42)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Schelling.4.02.
G: Was ist denn eigentlich das Spannende an Wittgenstein? Er hat sich nicht daran gemacht, ein komplexes, gedankliches System zu errichten. Er schottete sich nicht in einem intellektuellen Dickicht ab. Er dachte in Fragmenten. Sein Denken lässt den Leser in sich hinein. Es hat genügend Weite, um die aufgenommenen Fragmente durch eigene zu ergänzen. Meistzitiert ist er unter den Autoren des 20. Jh. Kein Wunder, denn er ist ganz nah dran an uns Menschen. Er legt nicht nur die Hand auf den Puls des Subjektiven, sondern schaffte es, die eigenen Herzschläge mit denen seiner künftigen Leser zu synchronisieren.
G: Wittgenstein hatte keine Angst davor, sich zu entblößen. Die Verquickung des lebendigen Ganzen seiner selbst mit dem philosophischen Denken, lassen ihn immer noch zeitgemäß sein. Die Zweifeln, Kämpfe und Hoffnungen sind Eckpfeiler in seiner Arena, die auch unsere ist. Der Doppelnatur (Geist, Materie) dieses Kulturraums versuchte er, eine neue Richtung zu weisen. Den allmächtigen Intellekt und seinen Diener, die Sprache, brachte er hierzu in etlichen Bewegungen immer und immer wieder an seine Grenzen. Er versuchte, mit der Sprache über die Sprache hinauszukommen bzw. die Grenzen der Sprache und damit auch die Grenzen des Intellekts zu bestimmen.
W: „…Es ist merkwürdig, dass wir das Gefühl, dass das Phänomen uns entschlüpft, den ständigen Fluss der Erscheinung, im gewöhnlichen Leben nie spüren, sondern erst, wenn wir philosophieren…“ (S. 83)
G: Man sollte nicht soweit gehen, die oben beschriebene Doppelnatur (Geist, Materie) gänzlich zu verdammen. Zu lange schon sind wir im Abendland auf diesem Weg. Wir brauchen die Reflexion, das reine Geistgeschöpf, um mit uns selbst und anderen Menschen zu interagieren. Darauf gründet unsere Kultur. Auf die Balancen zwischen Geist und Fleisch kommt es an.
S: „…Das Wirkliche für das reflektirte Erkennen wird bloß gesetzt durch Begrenzung, denn es wird für das reflektirte Erkennen bloß gesetzt, sofern es in der Zeit gesetzt, d.h. unter dem Begriff der Dauer gedacht wird. So wie also die unendliche Möglichkeit der Wirklichkeit in der absoluten Realität, so liegt die Wirklichkeit in dem, was absolute Nicht-Realität – bloße Grenze ist…“ (Band 6, S. 520/52)
G: Ins Verhältnis kommen zu etwas, das nicht ich ist. Hier zeigt sich eine grundsätzliche intellektuelle Bewegungsart. Grenzwesen und Zwischenexistenzen scheinen wir zu sein. Klar wird, dass wir etwas begegnen. Es muss uns also vorhanden sein. Dass es da ist, bringt uns zum Reflex, sei er nun körperlich oder geistig. Da-sein muss nicht unbedingt verbunden werden mit etwas Konkretem. Wirk-lich, also Wirkung-habend kann auch etwas sein, das keine konkret vorhandene, dingliche Basis hat. Nehmen wir beispielsweise eine Erinnerung, die Freude auslöst.
S: „…Die Dauer ist nichts anderes als ein fortgehendes Setzen seines (des Dinges, CJG) Allgemeinen in sein Concretes. Vermöge der Beschränktheit des letzteren ist es nicht alles und in der That auf einmal, was es seinem Wesen oder seinem Allgemeinen nach seyn könnte…“ (Band 5, S.376)
G: Hier scheint die Doppelnatur (Geist, Materie) wieder auf und wird von Schelling weiter nach vorn gedacht. Jedes Ding hat tieferes Potential in sich. Wenn es in einer anderen Form gewahrt wird, als der der beschränkten Zeitlichkeit, kann es sich zeigen. Dieses Potential ist nur zu erfahren durch unsere Verfassung als Grenzwesen und Zwischenexistenz.
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 2, Frankfurt am Main 1984
13.01.
G: Ist das Bild „Welt im Kopf“ geeignet, um einen primär virtuellen und körperlosen Zugang zur Mitwelt zu beschreiben? Es schlägt geradewegs die Brücke in einen Materialismus, obwohl es doch das Gegenteil sagen will.
W: „…Keine Annahme scheint mir natürlicher, als dass dem Assoziieren oder Denken kein Prozess im Gehirn zugeordnet ist“ (S. 416)
G: Denken ohne direkte Verbindung zum Gehirn; es verorten in einer „Sphäre“, die außerhalb liegt vom menschlichen Einzelkörper oder innerhalb an anderer Stelle? Liegen hier nicht schon wieder physikalische Maßstäbe an mit denen man nicht-physikalische Ereignisse beschreiben will? Messen will man das Denken, es feststellen und einordnen. Es domestizieren, darüber Herrschaft gewinnen. Eine organische Ursache finden für diese oder jene Variation des Denkens. Ein Muster aufbauen, eine Typisierung vornehmen, den Regelfall bestimmen und ein Maß suchen, die Abweichung zu fassen. An die Abweichung gekoppelt wird die Optimierung auf den Standardfall hin.
S: „…Denn wenn in der absoluten Wissenschaft das erste Gesetz ist, nichts als wahrhaft reell zuzulassen, dessen Realität nicht unbedingt-nothwendig ist, so kann auch die Materie, wie sie übrigens bestimmt werden möge, keineswegs als das höchste und oberste Princip betrachtet werden, da ohne Zweifel in dem Gedanken nichts Unmögliches ist, daß die Materie überhaupt nichts Reelles, sondern ein bloßes Schein- oder Traumbild des Geistes sey, daß sie also ebenso gut nur ein Accidens des Geistes oder der Seele seyn könne, als die Seele in jenem System zu einem Accidens von ihr gemacht wird…” (Bd. 6; S.87)
G: Einem Pendelschlag in die andere Richtung der abendländischen Tradition gleich, vergisst man heute den Geist und will in verbannen. Zeitalter der Nabelschau wäre wahrscheinlich ein zu harmloser Begriff hierfür. Dennoch ist die Wissensproduktion ausschließlich damit befasst, den menschlichen Körper auszubuchstabieren, bzw. in Nullen und Einsen zu zerlegen.
W: „…Das Vorurteil zugunsten des psycho-physischen Parallelismus ist eine Frucht primitiver Auffassungen unserer Begriffe. Denn wenn man Kausalität zwischen psychologischen Erscheinungen zulässt, die nicht physiologisch vermittelt ist, so meint man damit ein Zugestehen, es existiere eine Seele neben dem Körper, ein geisterhaftes Seelenwesen…“ (S. 417)
G: Ein lange nicht gehörtes Wort: Seele. Denkt die Seele? Ist die Seele das Nicht-Messbare, das Körperlose? Was bliebe dann von der Körper-Nabelschau?
N: „…Wir sind der Wille, wir sind Visionsgestalten: worin aber liegt das Band? Und was ist Nervenleben, Gehirn, Denken, Empfinden? — Wir sind zugleich die Anschauenden — es giebt nichts als die Vision anzuschauen — wir sind die Angeschauten, nur ein Angeschautes — wir sind die, in denen der ganze Prozeß von neuem entsteht…” (Bd. 7; S. 214)
G: Übersetzt man Nietzsches „Wille“ mit Seele, dann will sie sich anschauen und braucht uns Menschen dazu. Menschen sind Angeschautes! Der eigene Blick wäre dann ein wahrhaftig fremder. Durch fremde Seelen-Augen geschaute Welt – den Körper dazu überlassen bekommen…
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: „Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999“
S: „Schelling Werke, Stuttgart 1856“
W: „Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 8, Frankfurt am Main 1984“