21.03.
G: Nehmen wir die Wahrnehmung als Poesie, nehmen wir sie als poiesis – „Erschaffung von“. Erschaffung ist hier nicht verbunden mit dem Stellen – etwa eines Dinges, einer Isoliertheit neben die andere. Erschaffung meint Bergen. Bergen als Angesprochen-werden-können. Angesprochen-werden-können im Zwischen.
G: Zwischen meint die Sphäre als Lebensraum des Menschen; meint Sphäre als das Offene zwischen Himmel und Erde, das der Mensch durchmisst (siehe hier). Zwischen meint Gewährung bzw. Gewähren-lassen-können durch die Wahrnehmung.
MP: „…dass der Mensch nicht eine Seele und ein Leib ist, sondern eine Seele mit einem Leib, der deshalb zur Wahrheit der Dinge Zugang hat, weil sein Leib wie in sie hineingetrieben ist…“ (24)
G: Die Wahrnehmung als Poesie wäre reine Möglichkeit, die durch den Menschen in die Wirklichkeit gehalten wird, ohne in ihr zu erstarren. Nur im Zwischen kann die Wahrnehmung gelingen. Sie kann nur gelingen als Wandel und die Möglichkeit zum Wandel. Wandel und Werden bekommen eine Form – und die Form heißt Poesie.
G: Wäre Baukunst als Möglichkeit dann Er-möglichung von Wahrnehmung oder könnte sie selbst zur Wahrnehmung werden? Wie würde eine Baukunst sich stellen, die selbst Wahrnehmung wäre, die selbst Poesie wäre?
G: Befragen lassen könnte sich ein solches Gebäude nicht herkömmlich. Eine Sprache müsste gefunden werden. Der Nutzen, die Funktion, die Rentabilität, die Ordnung hätten in einer solchen Sprache keine Ent-sprechung. Ein solches Gebäude wäre eine Zu-mutung. Es gehörte Mut dazu.
G: Eine Baukunst als Möglichkeit wäre nicht fest, nicht berechenbar; sie wäre wandelnd; sie wäre ansprechbar; sie würde nicht stehen bleiben; sie wäre auf eine neue Weise technisch; sie würde atmen, könnte anschwellen und schrumpfen; sie wäre ohne Kontur; sie ließe sich nicht ausrechnen; sie gediehe in der Luft; sie wäre einer Wolke gleich; sie wäre grenzenlos; sie wäre Form wozu; sie wäre ihr anderes – zu jeder Zeit; sie wäre bergend und entborgen – zu jeder Zeit…
G: Baukunst als Möglichkeit wäre geknüpft an den Wandel, das Werden, das Fließen. Sie wäre das Diffuse in ihrer Ordnung. Sie wäre paradoxal im besten Sinne. Sie wäre nomadisch, wäre im inneren Exil, in innerer und äußerer Nomadisierung. Sie wäre wie ihr eigener Schatten. Eine Gravitation in sich selbst. Ein schwarzes Loch. Eine blühende und sich selbst verzehrende Größe. Ein Aufbäumen und Zusammenfallen in einem Zuge.
G: All das könnte Baukunst vielleicht sein, stellte sie sich selbst (dar) als Wahrnehmung. Wie lebte es sich in einem solchen Bauwerk? Welche Maßstäbe könnte man anlegen, welche Fragen könnten gefragt werden? (Fortsetzung folgt)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Causerien 1948, Eichenau 2006)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Fokus: Merleau-Ponty.14.03.
G: Eine entscheidende Überkreuzung von Architektur und Poesie zeigt sich in der menschlichen Wahrnehmung. Steht sie allein im Zentrum des Denkens, ist sie nämlich geeignet, die traditonsbeladene Wahrheit zu verdrängen. Sie steht damit auch als Wegmarke und beschreibt einen Ausweg aus den Doktrinen eines rationalitätsfixierten Akademismus.
G: Nicht der beliebig reproduzier-, teil- oder mathematisierbare Begriff, der sich zur Universalität aufschwingt, gliedert den Zugang von Mensch und Welt, sondern ein höchst dynamisches, strengstens augenblickliches Geflecht. Eines, das nicht weniger absoluten Charakter hat, jedoch eine weitaus höhere Bandbreite offen hält, als es die freiwillige Selbstbeschränkung der Vernunft zu leisten in der Lage wäre.
MP: „…Das Ding stellt sich nicht schlechthin als wahr für jedes erkennende Wesen dar, sondern als wirklich für jedes Subjekt, das meine Wahrnehmungssituation teilt…“ (36)
G: Wahrnehmung tritt an die Stelle von Wahrheit.
G: Wirklichkeit tritt an die Stelle von Gesetz.
G: Begriffe müssen kapitulieren vor der Wahrnehmung, denn sie reichen nicht hin zu deren unmittelbarem Charakter (siehe hier ein Selbstversuch anhand der Beschreibung eines Musikerlebnisses mit Jean Sibelius).
G: Wie ist es mit der Poesie? Sie sah sich oft mit dem polemischen Postulat des bloßen Irrationalismus konfrontiert, denn Sie bedient sich bestenfalls begrifflicher Hülsen und nicht der Begriffe selbst. Insofern war sie schon immer die ungehorsame Schwester der Vernunft und sie war dabei ihre bessere Hälfte.
N: „…Die Poesie löst fremdes Dasein im Eigenen auf…“ (325)
G: Die Poesie hilf, Begriffe kollabieren zu lassen. Sie wirkt wie die Hitze, die dem Wasser ermöglicht, sich in Dampf zu transformieren. So wie das Wasser, nimmt der Begriff eine andere Form an. Er öffnet sich, in dem er ins dynamische, strengstens augenblickliche Geflecht einer neuen Wahrnehmbarkeit zurückkehrt.
MP: „…So wie die Wahrnehmung eines Dinges mich dem Seienden gegenüber öffnet, in dem sie die paradoxe Synthese einer Unendlichkeit von wahrnehmbaren Aspekten verwirklicht…“ (52)
G: Wie wäre es, die Wahrnehmung als menschliche Befähigung ernstzunehmen, vorreflexiv und damit wirk-lich selbst an der Welt Teil zu haben? Wie wäre es, den damit einhergehenden, multiperspektivischen Zustand zum Ausgangspunkt einer Architektur zu machen? Wie wäre es, die Suche nach Logik, Ordnung und Geschichte zu unterlassen? Wie wäre es, Architektur zu machen, die die Wahrnehmenden in ihrem poetischen Potential hält? (Fortsetzung folgt)
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Das Primat der Wahrnehmung, Frankfurt am Main 2003)
7.03.
MP: „…Welt (…) als universaler Stil jeder möglichen Wahrnehmung…“ (34)
G: Nehmen wir Merleau-Ponty beim Wort. Dieses Wort nämlich kann den Weg weisen für eine dichterische Architektur. Wenn das Wohnen ein Wesenszug des Dichtens ist und umgekehrt das Dichten in seinem Durchwalten des öffnenden Zwischen den Menschen bauend auf der Erde hält, dann sollte sich Baukunst als eben dieses öffnende Zwischen begreifen.
G: Es ginge in einer solchen Baukunst um die Möglichkeit; es ginge in ihr um Unklarheit im Ganzen, die die temporäre Klarheit des Teiles erst entstehen lässt; es ginge in ihr darum, zum Wohnen zu kommen – selbst dazu zu kommen. Es ginge um Ermunterung, um Ent-deckung.
N: „…Lessing sah zu scharf und verlor dabei das Gefühl des undeutlichen Ganzen, die magische Anschauung der Gegenstände zusammen in mannigfaltiger Erleuchtung und Verdunkelung…“ (326)
G: Das Bauen bliebe auch beim fertigen „Produkt“ ein Weiter-Bauen. Es bliebe ein Angebot. Es wäre dem Menschen gleich, indem es zur Teilhabe einlüde am verbindenden Wesenszug des Entwerfens. Es ermöglichte Wahrnehmung und damit den schöpferischen Zugang zur Welt – zum in der Welt sein.
N: „…zur Welt brauchen wir den Entwurf – dieser Entwurf sind wir selbst …“ (329)
G: Architektur kann ihr dichterisches Potential dann entfalten, wenn sie zum Angebot wird, wenn sie einlädt zum Perspektiven-Werfen, wenn sie darauf verzichtet, selbst die bestimmende Perspektive vorzugeben.
G: Das öffnende Zwischen ist die lebendige „Sphäre“, ist ein Ganzes im steten Wandel. Mit der Wahrnehmung haben wir den Zustand, der das Ding „umgibt“, der es uns erscheinen lässt. Wir haben das Wahrzunehmende dann in seiner nackten Präsenz; wir haben es weit vor dem, was eine spätere Begriffsarbeit uns gibt.
MP: „…Die Wahrnehmung wird hier verstanden als Bezugnahme auf ein Ganzes, das prinzipiell nur durch bestimmte seiner Teile oder Aspekte erfassbar ist…“ (32/33)
G: Eine Dichtung könnte die Architektur uns werden, wenn sie sich als Ermöglicherin dessen begriffe, *dass* etwas da ist, auf das reagiert werden kann.
N: „…Das Leben oder das Wesen des Geistes besteht also in Zugang, Gebährung und Entzug seines Gleichen…“ (329)
(Fortsetzung folgt)
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Das Primat der Wahrnehmung, Frankfurt am Main 2003)
1.03.
G: Bleiben wir bei der Wahrnehmung von Etwas. Von Etwas, das da ist und doch nicht da ist. Eine ziemliche Zumutung für einen objekt-subjekt-konditionierten Gegenwartsbewohner. Eine Zumutung auch, dieses Etwas er-klären zu wollen, denn gerade das kann ja nicht gelingen.
G: Wie soll Sprache Etwas fassen, für das es keine Vokabeln gibt? Wie kann das Bauwerk Etwas zeigen, das sein eigenes Anderes ist?
H: „…Der Dichter ruft in den Anblicken des Himmels Jenes, was im Sichenthüllen gerade das Sichverbergende erscheinen lässt und zwar: als das Sichverbergende…“ (204)
G: Klarheit herrscht in unserer Welt auf Kosten des Unklaren. Das Letztere ist bestenfalls der überflüssige Rest. Ein Messen und Stellen, das im Ergebnis einem Burgwall gleichkommt; einer Trutzburg vielleicht, auf der Abwehrkämpfe gegen das Unklare geführt werden können.
H: „…So könnte es sein, dass unser undichterisches Wohnen, sein Unvermögen, das Maß zu nehmen, aus einem seltsamen Übermaß eines rasenden Messens und Rechnens käme…“ (207)
G: Eine gute Methode ist es einstweilen, sich im Fragen zu üben. Wie ein Lot, das gesenkt wird, kann die Frage das Klare verlassen und den unklaren Grund berühren.
G: Ein Bild vom Wasser hat der Seefahrer noch, aber das Darunterliegende bleibt verborgen, bleibt unklar, existiert nur als Ahnung.
W: „…Die Substanz ist das, was unabhängig von dem, was der Fall ist, besteht…“ (13)
G: Die Ahnung des Anderen passiert. Sie wird präsent, bevor sie in objektive Vor- bzw. Verstellungen kollabiert.
MP: „…Die Wahrnehmung als Begegnung mit den natürlichen Dingen steht im Vordergrund unserer Untersuchung, und zwar nicht als schlichte Sinnesfunktion, die alle anderen Funktionen erklären könnte, sondern als Archetyp der originären Begegnung, die in der Begegnung mit dem Vergangenen, mit den Imaginären und mit der Idee nachgeahmt und erneuert wird…“ (207)
G: Gehen wir also zurück in unsere Zukunft; in das Zukünftige schlechthin, das doch stets augenblicklich wie gegenwärtig bleibt.
H: „…Ein-Bildungen als erblickbare Einschlüsse des Fremden in den Anblick des Vertrauten…“ (205)
G: Gehen wir in den Kreissaal des (auch unseres) Daseins, in dem *unaufhörlich* Etwas zur Welt kommt. Der Vater des Neugeborenen wird bezeugt durch die Niederkunft, bleibt aber selbst inkognito. Die Mutter wird durch uns Geburtshelfer permanent entbunden.
H: „…Das Aufschauen durchmisst das Zwischen von Himmel und Erde. Dieses Zwischen ist dem Wohin des Menschen zugemessen…“ (198)
(Fortsetzung folgt)
(H: Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch…“; In: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt am Main 2000)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare, München 1986)
(W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe, Band 1, Frankfurt am Main 2006)
27.09.
Bleiben wir bei dem Gedanken, mit dem der letzte Teil dieser Reihe endete. Eine Baukunst, die performativ sein soll, muss leiblich sein. Sie hat es nicht nötig, rationalisiert zu werden und sich in einem System zu entwickeln, das sich mathematisieren lässt.
Baukunst ist -wie alle Kunst selbst- ein Werden, ist werkhaft, vereint den Menschen mit den Dingen, ist immateriell wie imaginär und hat doch zugleich eine materielle Basis. Etwas Festes, Solides, zur Form Erstarrtes ist wirkend. Dieses Wirken ergreift den Menschen.
Versuchen wir doch dieses Wirken als wichtigen Bestandteil der Performanz zu sehen. Versuchen wir auch, uns zu lösen aus den Subjekt-Objekt-Dichotomien und beziehen eine neue Ebene in die Betrachtung ein. Eine, die einen Zustand beschreibt, der beide Pole zusammenfasst. Eine, die nicht nur den Spieß umdreht und anstelle des Subjekts das Objekt zum Sender einer Wirkung macht. Eine, die sich nicht damit begnügt, das Konstruierende als Gestaltungs- und Wirkungsmacht von einem Pol in den anderen zu verlagern.
Suchen wir also das Verbindende, das jenseits liegt von Objekt und Subjekt. Suchen wir das Sein selbst, das Seiendes bedingt. Fassen wir diesen „größten gemeinsamen Nenner“ atmosphärisch auf. Denken wir den Leib als „Medium“, um an dieser neuen Ebene teilzuhaben und tun wir das mit dem Hauptvertreter der „Neuen Phänomenologie“, Hermann Schmitz : „…wenn ich vom Leib spreche, denke ich nicht an den menschlichen oder tierischen Körper, den man besichtigen und betasten kann, sondern an das, was man in dessen Gegend von sich spürt, ohne über ein „Sinnesorgan“ wie Auge oder Hand zu verfügen, das man zum Zweck dieses Spürens willkürlich einsetzten könnte…“ (Schmitz, Hermann: Der unerschöpfliche Gegenstand. Grundzüge einer Philosophie; Bonn 2007; S. 115).
Hier hat also jeder Mensch neben seinem Körper einen Leib und mit diesem ist er In-der-Welt. Dieser Leib und nicht etwa die Psyche oder die Sensorik des Einzelnen, ist die Grundlage des Erlebens und Handelns. Der Leib ist ausgedehnt über die Grenzen des Körpers hinaus. Er ist bestenfalls als „prä-dimensional“ vorzustellen und entzieht sich einer euklidischen Verortung. Er ist älter, als die Intelligenz, würde Merleau Ponty sagen.
Der Leib wird gesehen als: „…Resonanzboden, wo alles Betroffensein des Menschen seinen Sitz hat und in die Initiative eigenen Verhaltens umgeformt wird…“ (Ebd., S. 116). Die „Initiative eigenen Verhaltens“ möchte ich in der Folge als Performanz lesen und zur Möglichkeit machen, Baukunst zu betreiben, denn warum sollten diese Überlegungen nicht in die andere Richtung gedacht werden können, also von „passiven“ Teilhaben in ein „aktives“ Gestalten mit und durch diese Leiblichkeit. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Merleau-Ponty.20.09.
Wie soll nun aber eine „Architektur der Möglichkeiten“ aussehen, ihre Form finden und nutzbar werden, denn das sind doch gemeinhin die Forderungen, denen sie sich ausgesetzt sieht? – die Architektur soll schließlich „funktionieren“. Kann eine Architektur selbst im Stadium der Möglichkeiten bleiben und zwar fortdauernd auch nach ihrer Materie-Werdung oder kann sie sich nur darauf beschränken, die Möglichkeit zu bieten, Möglichkeiten ihrer künftigen Bewohner zu sein? Kann die Reduktion auf eine Funktion oder auch eine Reihe von Funktionen eine Grundlage sein, möglich zu bleiben?
Möglichkeit hat etwas zu tun mit Aktion, Bewegung, Wandlung, Handlung oder Variation. Im architektonischen Entwurfsprozess herkömmlichen Zuschnitts gibt es das Mögliche in Form von Variationen, scheint es. Es scheint so, weil die Variationen allzu oft rein technischen Erwägungen folgen. Es werden Prämissen festgestellt, die zumeist technischen, baukonstruktiven, planungsrechtlichen oder nutzerspezifischen Hintergrund haben. Diese Prämissen werden in Lösungen, in Formen gepresst, die sich bewährt haben, die sich rechnen, die Musterlösungen von Systemanbietern folgen etc. Selten und zumeist nur in den Hochschulen gibt es Variationen, die dieses enge Geflecht von technisch-prozessualen Rahmenbedingungen überschreiten.
Ebenso selten werden die Grundlagen dieser Prämissen in Frage gestellt. Aus welcher Dunkelkammer der Zivilisation kommen eigentlich diese Prämissen. Sind sie denn nicht bloße Platzhalter einer auf Effizienz getrimmten kulturellen Tradition der artifiziellen Welten des „homo oeconomicus“?; einer Spielart des abendländischen Menschen also, die ihren Beginn in den technoiden Weltermächtigungsphantasien im ausgehenden 16. Jahrhundert nimmt und über einen konstruktivistisch missdeuteten Idealismus ihre Bahn ungebrochen bis in die Gegenwart zieht?
Kommen wir zurück zur Handlung. Sie ermöglicht Änderung, die gleichzeitig planvoll wie zufällig ausfallen kann. Nehmen wir hier hinzu noch die eigentliche Bedeutung von Architektur: αρχη [arché] „Anfang“, „Ursprung“, „Grundlage“, „das Erste“ und τεχνη [techné] „Kunst“, „Handwerk“. Wenn das geschehen ist, kann eine Deutung der Handlung im Sinne eines „vor-intellektuellen“ Zustands im Sinne Merleaus Pontys geschehen. Handlung soll also gesehen werden als Raum oder Feld einer Möglichkeit, die noch nicht in den Dienst der technischen oder sonst wie gearteten Nützlichkeit gesehen wird.
Halten wir fest: die Architektur nicht nur Erfüllerin von Funktionen. Sie ist Kunst und zwar die erste, die ursprüngliche. Baukunst ist das bessere Wort und es weist den Weg ins Mögliche. Das Mögliche verbunden mit einer künstlerischen Handlung passiert in Form von Performanz, von Stellung, Darstellung, Ausdruck oder auch Aufführung. Diese Reihe wird versuchen, Baukunst als Performanz zu lesen und so die Brücke schlagen ins gebaute „Relational-Dialogische“, das verkörpert, was es (noch) nicht ist, jedoch stets und aufs Neue sein kann. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Merleau-Ponty.13.09.
Geendet wurde zuletzt und im fünften Teil dieser Reihe mit der Forderung nach einer relational-dialogischen Architektur. Ins Offene gewendet sollte diese sein und einer Perspektive verpflichtet, die sich speist aus ihrem Bezug zum jeweils anderen; die sich speist aus dem Bewusstsein, das jeweils andere durch das eigene Maß zu erkennen; die sich nicht in der Hermetik der eigenen Konstruktion gefangen hält, sondern bestenfalls die Konstruktionselemente als Ermöglichung dessen sieht, was das Umgebende werden könnte. Eine hochbewegliche Baukunst also, die mehr brückt und verbindet, als zentriert und gefriert.
Eine relational-dialogische Architektur müsste, wie die Wahrnehmung selbst: „…den Umgang mit der Welt und eine Gegenwärtigkeit zur Welt wiederfinden, die älter ist als die Intelligenz…“ (Das Kino und die Psychologie; In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 35). Sie müsste es, weil die Intelligenz in die Falle getappt ist, die Welt erklären zu wollen, anstatt die Ermöglichung von Subjekt und Welt als Conditio humana zuzulassen.
Merleau Ponty entfaltet am Beispiel eines Würfels diese Gegenwärtigkeit zur Welt: „…Wenn ich wahrnehme, denke ich nicht die Welt, sie organisiert sich vor mir. Wenn ich einen Würfel wahrnehme heißt das nicht, dass meine Vernunft die perspektivischen Erscheinungen ausrichtet (…) quer zu dem, was ich sehe, verhalte ich mich zu dem Würfel selbst in seiner Evidenz und ebenso werden mir die Dinge hinter meinem Rücken nicht durch irgendeine Operation meines Gedächtnisses oder des Urteilsvermögens hergestellt, sie sind mir gegenwärtig, sie zählen für mich…“ (Ebd., S. 34)
Bleiben wir bei diesem Beispiel und lassen einen Architekten einen Würfel zeichnen und sich dabei an die Regeln der darstellenden Geometrie halten. Der Versuch, eine einzige Möglichkeit, eine einzige Lösung, eine einzige Darstellungsweise für einen Körper anwenden zu wollen, wird weder dem Körper gerecht, noch dem Betrachter dieser Zeichnung. Sie wird dem nicht gerecht, weil sie den Anspruch auf Universalität erhebt, weil sie suggerieren will, durch das Mittel der (zeichnenden) Mathematik ein Ding wahrheitsgemäß und messbar erfassen zu können. Genau besehen offenbart dieser Versuch auch das ganze Dilemma unserer Zunft. Angewiesen auf Linien, Stand- und Fluchtpunkt, Axiome und Gesetze entsteht eine (kümmerliche) Reduktion dessen, was einen Körper für einen Menschen ausmacht, was er ihm bedeutet.
Eine relational-dialogische Baukunst dürfte also nicht in die Mathematisierungs-Falle gehen und einer vermeintlichen Wahrheit folgen, dürfte keine konstruktivistische Einbahnstraße sein; müsste auch das verkörpern, was sie (noch) nicht ist, jedoch sein kann. Eine solche Architektur müsste Gegenwärtigkeit im Sinne einer ursprünglichen Subjektivität erzeugen, müsste dem Menschen ein Ins-Verhältnis-setzen ermöglichen; müsste eine Baukunst sein, deren Erzeugnis bedeutendes und bedeutetes in einem wird und fortan bleibt.
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Merleau-Ponty.6.09.
Bevor ich an die Gedanken über eine forschende (freilich jenseits von Wissenschaft forschend) Baukunst anknüpfe, gehe ich noch einmal einen grundsätzlichen Schritt zurück und komme zum Ereignis.
Im Geschehen fallen Ergreifen und Ergriffen-Werden in eins. (Ein schönes Beispiel ist hierfür die Musik, denn ich höre -ergreife also- und werde gleichzeitig ergriffen, indem mit mir „etwas“ passiert. Das Geschehen ist in diesem Moment die einzige Basis meines In-der-Welt-Seins). Die unzureichende, definitorische Spaltung in Objekt und Subjekt wird im Geschehen überwunden. Das Ereignis tritt an die Stelle der Reflexion. Hier möchte ich noch anmerken, dass ich die Reflexion bislang als Gegenpol zum „reinen“ Erkennen sehen wollte, nun aber auch über die Reflexion hinaus kommen will.
Hinaus kommen möchte ich und hingelangen in einen vor-theoretischen Zustand, in dem weder Objekt noch Subjekt herrschen, sondern deren „Basis“, deren Ermöglichungs- und Seinszustand deutlich wird. Das In-der-Welt-Sein des Menschen wäre dabei der springende Punkt, denn sein Sein kommt in die Qualität einer ontologischen Dimension. Nicht eine (geistig, intellektuell) eingebildete Gottheit o.ä., sondern das „bloße“ Da-Sein selbst ist das verbindende Element zwischen allem.
Nehmen wir hierzu auch den wunderbaren Essay „Der Zweifel Cézannes“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 3 bis 27). Cézanne hat sich zeitlebens auf den Weg zu einer „basalen“ Subjektivität gemacht und nicht beirren lassen vom Erbe seiner bildenden Künstler-Zunft, die sich allzu oft im hermetischen Fluchtpunkt- oder sonstigen Perspektiven oder einer detailgenauen, photographischen Darstellung der umgebenden Objekte aufgehalten hat.
Cézanne wusste, dass man der Wahrnehmung und d.h. der „wahren“ Subjektivität nur gerecht werden kann, indem ein Bild mannigfaltig angelegt wird und in dem es einen bewegten und vielfältigen Raum eröffnet, der multiple Situationen und Möglichkeiten birgt: „…Er (Cézanne, CJG) will die Materie malen wie sie im Begriff ist, sich in eine Form zu geben, will die durch eine spontane Organisation entstehende Ordnung malen…“ (Ebd., S. 9)
Kein einzelner Strich auf der Leinwand kann ein Ding fügen und begrenzen. Die Geburtsstunde der Subjektivität passierte nicht im Geiste der oft zitierten Zentralperspektive, sondern in deren Überwindung. (Einen überaus lesenswerten Essay von Davor Löffler: „Über die Auswirkungen der Entdeckung der Zentralperspektive“ finden Sie hier.)
Jedes Ding entsteht zu jeder Zeit neu und anders. Die Wirklichkeit ist zu sehen als eine unausschöpfliche Spähre von Möglichkeiten. Wahrnehmen ist also eine ursprüngliche, nah am Sein seiende Weise des Subjektiven. Eine Weise, die gespeist wird durch die Fülle, die Dichte, die Unendlichkeit. Eine Subjektivität also, die radikal im eigentlichen Wortsinne ist, die die Wurzel beschreibt und sich nicht mit Konstruktionen aufhält. Eine Subjektivität, die das Ereignis als Verkehrsform des In-der-Welt-Seins hat. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Merleau-Ponty, Freier Geist sein.30.08.
Im letzten Artikel bemühte ich mich, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten und das Reflektieren zu scheiden von der Bannschaft durch die Konstruktionen. Das Entscheidende für meine Fragstellungen ist das Zwischen, der Raum, die Sphäre inmitten der Dinge. Merleau Ponty tangiert dieses Zwischen in „Der Philosoph und sein Schatten“ sehr schön: „…Wie die wahrgenommene Welt nur durch die Widerspiegelungen, die Schatten, die Ebenen, die Horizonte zwischen den Dingen gehalten wird, die selbst nicht die Dinge sind und die auch nicht nichts sind, die jedoch allein die Felder möglicher Variationen desselben Dinges und derselben Welt umgrenzen…“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 244)
Sehen möchte ich ein solches „Reflektieren im Zwischen“ als Denken. Dieses beginnt dort, wo das „reine“ Erkennen aufhört. Bei dem Wahrnehmen seiner toten Punkte, seiner Leerräume, seiner Fehler, seiner Aus- und Abblendungen. Das Denken bewegt sich im Zwischen der Konstruktionen. Es ist verortet im Halbdunkel, in dem alle Möglichkeiten (noch) geborgen sind.
Schön ist hier die Merleau Pontysche Definition der Phänomenologie, die er aus Husserl ableitet: „…Die Phänomenologie ist letztlich weder ein Materialismus noch eine Philosophie des Geistes. Ihre eigentliche Leistung besteht darin, die vortheoretische Schicht aufzudecken, in der beide Idealisierungen ihr relatives Recht erhalten und überwunden werden…“ (Ebd. 251) Zu den Dingen selbst kommen, über die Dinge angesprochen werden kann man also im Halbdunkel der Verborgenheit. Das Operieren in diesem Halbdunkel müsste ein anderes Erkennen sein; eines das hinaus geht – müsste ein Denken sein.
Nehmen wir den einzelnen Menschen. Er sieht andere Menschen wie sich selbst als Einzelheit, als Objekt, das im Zusammenhang steht, das in Beziehung steht mit anderen Objekten. Das Halbdunkel wäre dann ein Raum von Möglichkeiten; ein ungeklärter Zustand; eine Realität, die umfassender ist, als „fest-gestellte“ Gewissheit; eine Wahrnehmung in Sinne von Nehmen eines Gegebenen; ein Verhältnis anstelle einer Konstruktion; eher atmosphärisch anstelle von deskriptiv.
Wie würde wohl die Baukunst in diesem Halbdunkel umgehen? Kann eine auf Klärung drängende und etlichen Zwängen unterworfene Kunstgattung wie die Architektur dem Menschen zu einer unverstellten Relationalität im Zwischen verhelfen? Wäre eine Architektur, die so etwas zustande bringt nicht geradezu „therapeutisch“? Es wäre eine weg-hafte, eine forschende Baukunst, eine, die es zu ent-decken gälte. Es wäre Architektur, die ihre Begrenzungen nur nötig hat, um über sie hinaus zu kommen. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Merleau-Ponty, Freier Geist sein.23.08.
Befreien wir die Metaphysik also aus dem Begriffskäfig, in den sie gesperrt wurde von den Vertretern der „reinen Erkenntnis“; und befreien wir uns ebenfalls daraus. Sehen wir in ihr ein Denken, das seinem Wesen gerecht wird oder sehen wir vielmehr im Denken die erkennende Wesensverfassung selbst. Sehen wir also ein Unterwegs-Sein, anstatt ein Fest-Legen.
Unter diesem neuen Blickwinkel verliert selbst der dem Blicken innewohnende Perspektivismus seine Schrecken, denn fortan kann das Wahrnehmen sich versöhnen mit dem Erkennen. Erkennen ist nämlich keine Konstruktion mehr, sondern ein Reflektieren. Merleau Ponty hierzu in „Der Philosoph und sein Schatten“: „…Die Reflexion wird nicht von dem Unreflektierten in Frage gestellt, es ist die Reflexion, die sich selbst in Frage stellt, weil ihr Bemühen um Wiederaufnahme, Inbesitznahme, Verinnerlichung oder Immanenz per definitionem nur sinnvoll ist im Hinblick auf ein schon gegebenes Etwas, das sich unter dem Blick selbst, der sich anschickt, es darin zu suchen in seine Transzendenz zurückzieht…“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 246)
Es „gibt“ das rein abstrakte Erkennen, das ist nicht zu leugnen. Es gibt die Technologie als klarste Ver-Körperung und Ver-Dinglichung von „reinen“ Ideen. Sie ist der physische, materielle Beweis für die Möglichkeit, dass aus einem logischen Reduzieren, Zerlegen, Zusammensetzten, Einverleiben, Gängig machen „Etwas“ erzeugt werden kann. Dieses „Etwas“ wird dann ein Zeugnis, ein Zeuge und eine Zeugung zugleich.
Aber es ist auch gleichzeitig „etwas“ nicht. Das Zeugen ist nämlich beispielsweise nicht hinreichend, um zu erkennen, was „es“ ist, das „es“ überhaupt sein kann. Gut wäre, wenn man sich also beschränkte in die Beschränktheit und weniger gut (fürs Denken als Be-Wegen jedenfalls), die Beschränkungsmethoden auf die gesamte Sphäre des Wahrnehmens auszudehnen. Nur durch ein solches Beschränkungswerk könnte man nämlich zur Ansicht kommen, dass schlicht nichts „ist“ über die Beschränkung hinaus. Einen Bogen um die Unmöglichkeit dieser Haltung kann man freilich am besten machen, indem man über die Beschränktheit hinaus schweigen müsste, denn dass es einen „Zustand“, der nicht beschränkt ist gibt, bringt einen ja schon in die Bredouille etwas fassen zu müssen, was nicht fassbar ist.
Die Wissenschaft denkt nicht, sagt Heidegger und genau das wird hier deutlich. Wissenschaftliches Erkennen mündet in Sackgassen, wiegt sich in Sicherheit, pflegt ein Umstellen durch Einverleiben. Strebt nach dem Licht der reinen Erkenntnis, wobei vorübergelegt wird, dass Teilhabe am Licht zu erreichen ist durch „reine“ Ideen. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Merleau-Ponty, Freier Geist sein.