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		<title>Von Kirchen in Dörfern oder: „Stuttgart 21“ und Heidegger</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Sep 2010 19:49:58 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Vor kurzem war in der „Süddeutschen Zeitung“ ein interessanter Artikel zu lesen. „Hauptbahnhof Heidegger“ hieß der kurze Text, den der in Bamberg lehrende Philosoph Christian Illies zum aktuellen Protest gegen das Bauprojekt „Stuttgart 21“ schrieb.
Sehr richtig beginnt der Autor damit zu fragen, wo der Bürgerprotest gegen den Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1960er und 1970er Jahre war, der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor kurzem war in der „Süddeutschen Zeitung“ ein interessanter Artikel zu lesen. „Hauptbahnhof Heidegger“ hieß der kurze Text, den der in Bamberg lehrende Philosoph Christian Illies zum aktuellen Protest gegen das Bauprojekt „Stuttgart 21“ <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/stuttgart-die-aufregung-ist-wichtig-1.995075" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">schrieb</span></strong></a>.</p>
<p>Sehr richtig beginnt der Autor damit zu fragen, wo der Bürgerprotest gegen den Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1960er und 1970er Jahre war, der unsere Welt (und nicht nur die deutsche) maßgeblich negativ beeinflusst hat.</p>
<p>Welcher Baugeschichtsbuch-Leser hat sich nicht schon gegruselt beim Anblick einiger Entwürfe aus den 1920er und 1930er Jahren, als „Brutkästen“ geplant wurden, die Transistoren oder Widerständen auf einer Elektroplatine gleich, einen Menschen zurichten sollten auf sein „Gelebt-werden“ <span style="color: #888888;">(1)</span> im Zuge der „uneigentlichen“ <span style="color: #888888;">(1)</span> Ermächtigung des „man“ <span style="color: #888888;">(1)</span> einer sich abzeichnenden Industriegesellschaft.</p>
<p>Wohlgemerkt, war der Ästhetik-GAU seinerzeit mit den besten Vorsätzen argumentiert, denn es ging um Luft, Licht und Sonne für jeden, also um „soziale Gerechtigkeit“… (<a href="http://www.goethe.de/kue/arc/zds/de4334299.htm" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">Hier</span></strong></a> ein schöner Artikel aus dem Goethe-Institut zum Thema: „Entwicklungsfähig: Weltkultur Wohnblock“)</p>
<p>Mit dem Zitat: „…Martin Heidegger, dessen Einfluss auf die Philosophie der Architektur kaum überschätzt werden kann…“ hat der Autor vollkommen recht, wenn er langsam auf den Kern seines Textes zuläuft. Dieser Kern verdeutlicht sich mit einer bedeutenden Stellung der Baukunst bzw. ihrer „Sinn-Offerte“ für die Menschen, also einer imaginären Dimension der geformten Architektur – soll heißen, es zeigt sich, was gebaut werden will.</p>
<p>Heutzutage stellt man sich freilich die Frage, wer darüber entscheidet, was gebaut werden -respektive sich zeigen- will. Kaum ein Investor fragt sich, was die Architektur den Menschen zu geben vermag; er wird sich eher für vermietbare Flächen und Renditen interessieren. Manchmal kommt es vor, dass sich ein Geldgeber mit einer zeitgemäßen und imagefördernden Idee schmücken will &#8211; dann spricht man vielleicht von &#8220;Corporate Architecture&#8221; und verkleidet Kommerz mit einem Authentizitätsanspruch.</p>
<p>Bezeichnend ist auch, dass heutzutage wie selbstverständlich von Investoren gesprochen wird und nicht mehr von Bauherren oder Auftraggebern. Eine nebulöse Gruppe von Entscheidungsträgern baut und keine einzelne Person. Verantwortlich für die Wirkung des gebauten Ergebnisses ist dann natürlich auch nur eine ungreifbare Gruppe, die verschmolzen ist in einem Wirkungsgefüge, das sich selbst genügt.</p>
<p>Es zeigt sich also der „Zeitgeist“, der irgendwie unsichtbar und trotzdem allmächtig zu sein scheint. Um noch einmal mit Heidegger zu sprechen: „Man“ <span style="color: #888888;">(1) </span>baut eben heutzutage so.</p>
<p>Bevor nun aber eine Abrechnung mit der „kapitalistischen Weltordnung“ aufdämmert, sollte der geneigte Leser noch einmal an den Beginn dieses kleinen Gedankenganges zurückspringen und sich daran erinnern, dass auch im Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1960er und 1970er Jahre der Zeitgeist mitschwang &#8211; und dieser war nicht primär kapitalistisch, sondern eher sozialistisch eingefärbt. Wer im Glashaus eines kulturellen Konstruktivismus sitzt, sollte sich also auch hier hüten, mit Steinen zu werfen.</p>
<p>„Hat das technisch Machbare noch einen Sinn und Nutzen oder wird es zu einem Selbstzweck?“. Christian Illies fragt hier merkwürdig unentschiedenen, denn die Worte „Sinn“ und „Nutzen“ entstammen genuin dem technischen Denken, das auf Effizienz, Logik und Rationalität gegründet ist. Die Frage, ob technisch Machbares Sinn und Nutzen hat, scheint daher keine Alternativen anzusteuern und kaum beantwortbar zu sein.</p>
<p>Oder markiert der Autor hier den großen Bruch mit der technologischen Zurichtung des europäischen Menschen? Um mit Heidegger zu denken, das Ende der „verborgenen Macht “, die das Verhältnis des Menschen zu dem, was ist, bestimmt?: „…Die Natur wird zu einer einzigen riesenhaften Tankstelle, zur Energiequelle für die moderne Technik und Industrie. Dieses grundsätzlich technische Verhältnis des Menschen zum Weltganzen entstand zuerst im 17. Jahrhundert und zwar in Europa und nur in Europa (…) Die in der modernen Technik verborgene Macht bestimmt das Verhältnis des Menschen zu dem, was ist. Sie beherrscht die ganze Erde…“ <span style="color: #888888;">(2)</span></p>
<p>Wo also sind die Alternativen verortet, die am Ende des Widerstandes gegen „Stuttgart 21“ stehen? In Natursehnsucht oder Kleinstadtidyll vielleicht? Oder geht es um den Widerstand an sich, um die Wehr gegen die finanzkräftigen Vollstrecker des aktuellen „man“ <span style="color: #888888;">(1)</span>?</p>
<p>Werden überhaupt Alternativen markiert? Dämmert also etwas Grundlegendes auf, das auf ein „eigentliches“ <span style="color: #888888;">(1)</span>, wahrhaft selbstbestimmtes Subjekt deutet? Nur dann käme man weiter mit einer fundamentalen Betrachtung, die sich am frühen Heidegger orientiert. Nur dann könnte dem „Gerede“ <span style="color: #888888;">(1)</span> ein Schnippchen geschlagen werden.</p>
<p>Im Regen lässt uns der große deutsche Denker nämlich nicht stehen. Er bietet vielmehr in seinem Spätwerk mit dem, was „Gelassenheit“ meint, einen Weg aus der Misere des „man“. Das, was sich in der Technik zeigen will, hat seinen Rang und seine Würde. Es mag kollidieren mit tradierten Sehnsüchten nach Überschaubarkeit, nach Bodenständigkeit und Solidität, aber es ist dennoch relevant.</p>
<p>„Dass“ solches passiert, hat also seinen Wert: „…die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen. Sie gewähren die Möglichkeit, uns auf eine ganz andere Weise in der Welt aufzuhalten. Sie versprechen uns einen neuen Grund und Boden, auf dem wir innerhalb der technischen Welt, ungefährdet durch sie, stehen und bestehen können…“ <span style="color: #888888;">(3)</span></p>
<p>Zum Schluss sollte noch einmal das „Gerede“ in dem Blick kommen. Das nämlich, was dem „Stuttgart 21“-Medienkonsumenten aufgetischt wird, ist nichts anderes. Es ist der sonore wie betäubende Klang eines „Gelebt-werdens“ <span style="color: #888888;">(1)</span> im Heideggerschen Sinne. In-formiert-sein spricht aus sich selbst, denn es geht um das in die Form bringen (nicht zuletzt) der Empfänger.</p>
<p>Mit einer gehörigen Portion Skepsis sollte man also die Berichterstattung verfolgen, denn wer kann mit Bestimmtheit sagen, nicht einer Inszenierung, einer medialen Konstruktion zu erliegen? Zeigt sich hier wirklich etwas Fundamentales oder nur die rührige wie telegene PR-Arbeit einiger Aktivisten?</p>
<p>Die Diskussion pro und contra „Stuttgart 21“ scheint eine pragmatische, rationale, logische zu sein. Es geht um Arbeitsplätze, Infrastruktur, Stadtentwicklung, Verkehrsentlastung, europäische Mobilitätskonzepte, Baumbestandsschutz etc. (<a href="http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/12/0,3672,8104396,00.html" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">Hier</span></strong></a> eine übersichtliche Aufstellung der Argumente).</p>
<p>Die Debatte bewegt sich damit im Spielfeld des Zeitgeistes, nicht mit dem Blick auf denselben und erst recht nicht in Abhebung von ihm. Eine intellektuelle Kirche sollte also in diesem Fall im Dorf bleiben und Martin Heidegger erst dann auf die Kanzel bemüht werden, wenn die Zuhörer das &#8220;Gerede&#8221; leid sind und die nötige &#8220;Gelassenheit&#8221; um sich greift.</p>
<p><span style="color: #888888;">Anm.:</span><br />
<span style="color: #888888;">1. Die gekennzeichneten Begriffe sind aus einer der Heideggerschen Schlüsselschriften, die für philosophieinteressierte Architekten zur (freilich nicht mühelosen Lektüre) empfohlen werden kann: Heidegger, Martin: „ Sein und Zeit“; Gesamtausgabe Band 2; Frankfurt am Main 1977<br />
2. Heidegger, Martin: Gesamtausgabe Band 16, Frankfurt am Main 2000, S. 523<br />
3. Ebd.;  S. 528</span></p>
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		<title>Eine kleine Sommergeschichte: Das klingende „Mysterium“ von AF 447 (Teil 2)</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 11:31:19 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Weiter auf der Wanderung. Deutlich wacher also setzt man den Weg fort. Die Augen suchen Orientierung &#8211; und irgendwann finden sie sie auch. Ein heller Fleck erscheint. Noch einen halben Meter von ihm entfernt wird deutlich, um was es sich handelt. Ein kleines Aquarium mit zwei Drähten anstatt Fischen im Wasser. Ein Kabel führt in das kleine Becken, das auf Augenhöhe angebracht ist und etwa die Ausmaße eines Toasters hat.</p>
<p>Der Ausstellungsflyer fällt mir ein. Hier soll das Rosten von Drähten hörbar gemacht werden. Obwohl direkt vor einem, klingt das nach wie vor irgendwie merkwürdig. Hier steht man nun als Mensch in diesem Angst- und Imaginationsraum und fühlt sich so, als ob man die Abgründe seiner Seele durchläuft &#8211; und all das ist technisch erklärbar mit den Worten, es handele sich um hörbar gemachtes Rosten…?</p>
<p>Der Verstand schaltet sich nun vollends an und gewinnt Kontrolle. Die Ausstellung hat ja einen thematischen Bezug. Eine verwegene, eine romantische Geschichte steckt dahinter &#8211; wobei Romantik hier unter Umständen in Anführungszeichen gesetzt werden sollte, denn es handelt sich um einen Flugzeugabsturz, bei <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Air-France-Flug_447 " target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">dem</span></strong></a> einige 100 Menschen gestorben sind.</p>
<p>Die „AF 447“ war im Atlantik vom Radar verschwunden und danach abgestürzt. Sie versank etwa 5.000 m in die Tiefe und ist bis heute nicht erreichbar &#8211; auch nicht für Tauchroboter. Der Flugschreiber ist ebenfalls nicht gefunden.</p>
<p>Mehr gäbe es nicht zu sagen, wären Menschen nicht Menschen. Wo Antworten fehlen, tritt die Imagination in Kraft oder auch die Beleuchtung eines einzelnen, technischen Effekts. Das jedenfalls hat Paul DeMarinis getan, indem <a href="http://www.medienkunstnetz.de/kuenstler/demarinis/biografie/" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">er</span></strong></a> diese Geschichte auf eine akustische Reaktion reduziert hat.</p>
<p>Das tiefe Grummeln in den inneren Ringen ist die klangliche Signatur von zwei verschiedenen Metallen, die in Wasser ihre Ionen austauschen und dabei eine elektrische Spannung erzeugen. Diese wiederum betreibt die Lautsprecher und lässt den Prozess hörbar werden.</p>
<p>Auf diese Idee ist DeMarinis gekommen, nachdem er herausgefunden hatte, dass „AF 447“ in unmittelbarer Nähe zu einer alten Telegrafenleitung gesunken war, die auf den Meeresgrund liegt &#8211; einem Kupferdraht also. Das heißt, dass das Flugzeug im Wasser zusammen mit dem alten Kupferdraht in ähnlicher Weise reagiert, wie es die beiden Drähte in dieser Ausstellung tun.</p>
<p>In 5 km Tiefe im Atlantik könnte also eine ähnliche Klangsignatur tönen. Das Schicksal der Menschen wäre dann hörbar als unterschwelliges, dumpfes Grummeln, das vom Grunde des Atlantik empor steigt in unsere Sinne.</p>
<p>Was hat es aber noch auf sich mit diesem Rosten? Was zeigt sich hier, bzw. dringt in das Gehör? Ist hier vielleicht auch eine Art Metaphysik hörbar &#8211; ein Beweis hörbar von einer anwesenden, jedoch „unsichtbaren“ Welt?</p>
<p>Wie wäre es, wenn es ein Geschöpf gäbe, das die Welt nur hört und nicht sieht oder fühlt? Und weiter, wenn dieses Geräusch, dieses angsteinflößende, dunkle, gefährliche, lauernde Grummeln nichts anderes ist, als das langsame Rosten im Wasser &#8211; wenn das also nur ein winziger Ausschnitt von Möglichkeiten ist, wie müssten dann erst eine zweite oder dritte oder tausend andere Handlungen für so ein Wesen klingen?</p>
<p>Wenn man sich vorstellt, dass jedes Element auf der Erde, das in Bewegung gerät, einen Klang erzeugt, wie intensiv, wie unendlich, wie dynamisch, wie verwirrend und chaotisch müsste ein solches Wesen die Umwelt wahrnehmen &#8211; freilich nach menschlichen Maßstäben verwirrend, denn, was wissen wir schon von anderen Wesen?…</p>
<p>Nun kommt man langsam heraus aus der Ausstellung, tritt der Sonne, Wärme und anderen Menschen entgegen. So einfach ist es also, dem Drachenmaul wieder zu entfliehen. Wieder in die Welt zu kommen, in eine freundliche, in eine helle, die vom Lachen der Kinder geprägt ist und vom sanften Rauschen der Blätter.</p>
<p>Doch das Drachenmaul liegt nur einen einzigen Schritt hinter mir! Es existiert in meiner Vorstellung und bestimmte für eine gewisse Zeit die Wahrnehmung. Aber, ist es wirklich so einfach? Ist der Mensch tatsächlich zu jeder Sekunde der Konstrukteur seines Lebens &#8211; ob nun mächtig, wie in der gesicherten Alltagswelt oder auch ohnmächtig in seinen Ängsten?</p>
<p>Ist die helle Welt vor mir auch nur Vorstellung, freilich unendlich viel reicher? Möglicherweise ist das Drachenmaul nur eines, weil der Mensch auf eine einzige Vorstellung reduziert wird, bzw. auf einige wenige. Vielleicht gibt es auch im sonnigen, warmen, hellen Außenraum genau solche Drachenmäuler, die allerdings relativiert werden, weil sie zusammenklingen mit anderen Vorstellungen?</p>
<p>In der Welt sein heißt, verwoben zu sein, etwas oder jemandem zu begegnen. Das ist die Daseinsform des Menschen. Ein Ausflug in sich selbst wäre dann so etwas, wie ein Ausflug in ein Dasein „ohne“ Umwelt, in ein isoliertes Dasein.</p>
<p>Heidegger kommt mir hier in den Sinn: „…In der Dunkelheit, das heißt bei Abwesenheit der Helle als der Möglichkeit der Sicht, kann einem unheimlich werden oder im Alleinsein &#8211; und das gerade in vertrauter Umwelt. Die Abwesenheit des Lichtes oder der anderen macht es, dass mir im Umkreis dessen, worin ich zuhause bin, unheimlich wird. Man ist nicht mehr zu Hause. Der Befindlichkeitscharakter des Nicht-mehr-zu-Hause-seins ist die Angst…“. <span style="color: #888888;">(GA 64; S. 42)</span></p>
<p>Das Zuhause ist hier freilich fundamentaler gemeint und nicht zu verstehen als heimische 3-Zimmer-Wohnung… (Ende)</p>
<p><a class="a2a_dd addtoany_share_save" href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Fwww.logeion.net%2F%3Fp%3D1883&amp;linkname=Eine%20kleine%20Sommergeschichte%3A%20Das%20klingende%20%E2%80%9EMysterium%E2%80%9C%20von%20AF%20447%20%28Teil%202%29" target="_blank"><img src="http://www.logeion.net/wp-content/plugins/add-to-any/share_save_171_16.png" width="171" height="16" alt="Share/Bookmark"/></a> </p>]]></content:encoded>
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		<title>Eine kleine Sommergeschichte: Das klingende „Mysterium“ von AF 447 (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Aug 2010 09:35:41 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[21. August in Berlin. Endlich wieder Sommer &#8211; ohne Wolken. Endlich wieder 30 Grad. Endlich wieder lauer Wind. Endlich wieder diverse, warme Gerüche der Pflanzen und Bäume in der Nase. Genau der richtige Tag, um sich in der Stadt treiben zu lassen. Genau der richtige Tag, um das zu machen, was in Berlin so einmalig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>21. August in Berlin. Endlich wieder Sommer &#8211; ohne Wolken. Endlich wieder 30 Grad. Endlich wieder lauer Wind. Endlich wieder diverse, warme Gerüche der Pflanzen und Bäume in der Nase. Genau der richtige Tag, um sich in der Stadt treiben zu lassen. Genau der richtige Tag, um das zu machen, was in Berlin so einmalig gut geht.</p>
<p>Mit welchem Ziel? Eigentlich braucht es ja keines. Ein offener Geist, die Fähigkeit, sich treiben zu lassen, neugierige Augen und die Lust, die verschiedensten Atmosphären aufzunehmen &#8211; mehr ist nicht nötig.</p>
<p>Mit dem Fahrrad durch Tiergarten. Da war doch was… „<a href="http://www.singuhr.de/" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">Singuhr</span></strong></a>“  &#8211; Wasserspeicher im Prenzlauer Berg. Ja genau, los geht’s. Die Neue Schönhauser hoch. Begleitet vom Verkehrslärm &#8211; aber deutlich weniger als sonst. Wahrscheinlich sind die Leute im Urlaub. Rechts raus auf die Kollwitzstraße. Kopfsteinpflaster. Gott sei Dank ist der Bürgersteig nicht weit mit dem berühmten Granitplatten. Die, die auch schon Olafur Eliasson verarbeitet hat in seiner <a href="http://www.logeion.net/?p=1605" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">Ausstellung</span></strong></a> im Gropius-Bau.</p>
<p>Belforter Straße rechts ab und da ist er schon, der Wasserspeicher. Darauf zu rollen durch die  stille Straße. Vorstadtgefühl, aber trotzdem mitten drin. Nun die Ohren aufsperren, denn immerhin geht es doch um die „Singuhr“. Es geht also um Klangkunst, darum mit dem ganzen Leib wahrzunehmen. Leib meint hier mehr als Körper. Der Leib dehnt sich auch auf das Denken und Fühlen aus, er berührt die Atmosphären.</p>
<p>Eintritt in die Ausstellung <a href="http://www.singuhr.de/page.php?ID=688" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">von</span></strong></a> Paul DeMarinis. Ein unterschwellig-dumpfes Grummel empfängt den Besucher schon im Eingangsbereich. Dieser ist nur durch einen schwarzen Vorhang abgetrennt vom Innenraum. Was passiert wohl dort? Etwas Unheimliches…</p>
<p>Erster Schock. Kälte! Mein Gott, was für einen Temperaturgefälle. Es sind es bestimmt nur 15 Grad hier drin. Dazu die Dunkelheit. Die Augen müssen sich zuerst daran gewöhnen. Und dann das unterschwellige Grummeln. Irgendwie gefährlich, wie ein Raubtier. Irgendwie angsteinflößend.</p>
<p>Um den Kern des Wasserspeichers legen sich konzentrische Ringe. Ich nehme den Äußeren und wende mich nach links. Ein Klicken begleitet mich. Klick, klick, klick, klick, geht es die ganze Zeit. Man geht den Bogen entlang und wird verfolgt von diesem Klicken, das von oben zu kommen scheint.</p>
<p>Der Gang ist nicht breit, vielleicht 1,5 m. Er ist rhythmisiert durch einzelne Felder, die man durchschreitet. Die Felder werden markiert durch kleinere Wandvorlagen, die rechts und links angeordnet einen Bogen tragen. Von den Feldern sieht man immer nur zwei oder drei, denn der Weg ist ja leicht gebogen.</p>
<p>Man ist allein in diesem Gang und in seinem Gehen. Man hört das Klicken über sich, es ist dunkel und kühl. Irgendwie beängstigend, dieses Klicken zu hören, dieses mechanische, unmenschliche, unrhythmische Klicken, das einem nach einer Weile vorkommt, wie eine Sprache, die man nicht versteht.</p>
<p>Da! Schemenhaft und dunkel am Ende des sich abzeichnenden dritten Feldes vor einem. Etwas kommt von der Decke. Was ist das? Sieht aus, wie eine gigantische Schlange mit riesigem, runden Leib und aufgerissenem Maul. Dunkelheit, Kälte, das Klicken über einen, der schmale Gang, der nie enden will und nun auch noch ein Monster mit aufgerissenem Maul, auf das man zugeht.</p>
<p>Langsam nähert man sich mit höchstem Respekt. Das Vieh bewegt sich nicht. Es ist eine Einbildung, eine Vorstellung. Es ist mein Wunsch, meine Angst, die hier projiziert wird. Projiziert wird von einem selbst &#8211; und dabei ist man auch schon beim Kern der ganzen Ausstellung. (Aber davon im am Ende mehr)</p>
<p>Beim weiteren Annähern bemerkt man, dass das Schlangenvieh nichts anderes ist, als eine riesige Leitung, ein fettes Rohr mit dem Durchmesser von 60 oder 70 cm. Von der Decke herab, windet es sich dem Boden zu und -um 90° gedreht und geöffnet- gibt es den Blick frei in sein kreisrundes Inneres. Nach diesem Erlebnis durchschreitet man deutlich wacher den äußeren Ring, bis man wieder am Ausgangspunkt ankommt.</p>
<p>Nun sind die weiteren, konzentrischen Ringe erreichbar. Das Gefühl der Wachheit, der gesteigerten Aufmerksamkeit, ist nicht gewichen. Noch immer sind die Sinne auf Maximum gestellt. Noch immer ist das menschliche Sensorengeflecht auf das Feinste justiert und nimmt jede noch so kleine Schwingung war.</p>
<p>Der innere Ring ist viel breiter als der äußere und gesäumt von an den Wänden lehnenden Neonröhren, die unterschiedlich stark leuchten. Sie stehen im Abstand von 3 bis 4 m. Auch weißt er einen großzügigeren Rhythmus auf. Seine Felder scheinen doppelt oder dreifach so groß, wie die des äußeren Ringes.</p>
<p>Das unterschwellige Grummeln wird deutlicher, aber es überschreitet eine bestimmte Intensitäten nie. Ab und zu versuche ich, die Hand auf die Wände zu legen, um die Vibrationen zu spüren. Man hat das Gefühl, dass das Grummeln direkt aus der Erde kommt. Auf einem klingenden Vulkan will man hier wohl wandern oder in einem drohenden Drachenmaul verweilen.</p>
<p>Schon wieder diese Assoziation. Mein Gott, das ist doch nur der Prenzlauer Berg, eine Ausstellung, draußen scheint die Sonne und es sind 30 Grad, die Kinder spielen und du glaubt, du seiest in einem Drachenmaul?</p>
<p>Genau darum geht es in dieser Ausstellung. Man wird konfrontiert mit seiner Welt, mit seiner Vorstellung, mit seinem Inneren. Diese Ausstellung macht einen Ausflug in sich selbst möglich. (Fortsetzung folgt)</p>
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		<title>Konstruktionen und Sinn(e). Wandlungen (Teil 8)</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Aug 2010 09:56:57 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Freier Geist sein]]></category>
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		<description><![CDATA[Nomos           ich     Besitzer                 als  bin   Wasser                  müde  brummen            und     bemühe mehr                   zu                Haar!!    schreiben    und  ans  zu  denn           den  an  die  Sein        Sonne                              bekannter      Luft             die trank             Möwen                        das schreiend
Möbel                                                                 können                Angst strahlt
Scheiß vor            dem  diesseits             Kruste  stimmen                                 auf   der             Hauch
schlecht Haut        die                                  Feuchte      im          Augen                 treppab   der Bullaugen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nomos           ich     Besitzer                 als  bin   Wasser                  <strong>müde </strong> brummen            und     <strong>bemühe</strong> mehr                   zu               <strong> Haar</strong>!!    schreiben    und  ans  zu  denn           den  an  <strong>die </strong> Sein        Sonne                              bekannter      Luft             die trank             Möwen                        das<strong> schreiend</strong></p>
<p>Möbel                                                                 können                Angst strahlt</p>
<p>Scheiß vor            dem  diesseits             Kruste  stimmen                                 auf   der             Hauch</p>
<p>schlecht Haut        die                                  Feuchte      im          Augen                 treppab  <strong> der</strong> Bullaugen            <strong>an</strong>geforderte      feuchte                            bloß nie         das      Romantik bin <strong>schlafen</strong> auf mehr</p>
<p>recht schlecht          <strong>sahen</strong> viele         Leute den         Blicke Kaffee               kann es teuer verschlissene           tolle           trinken</p>
<p>weiter    das         Zeit vor treppauf    <strong> Kekse</strong> Gerüche           fremde ein                                                                 Schlafsack                              nicht             deutlich Klänge die               ganze Kaffee  <strong>Ziel</strong> Kastellan…</p>
<p>G: Wie einfach es doch ist, von starrer zu fließender Sprache zu  kommen. Nur einige Regeln umgehen, einige Gewohnheiten brechen und schon  ist alles in Bewegung, alles im Wandel.</p>
<p>G: Es kann nicht nur die  Dichtung Räume in der Sprache öffnen, sondern auch die De-konstruktion  ihrer Regeln. Jedes Wort bleibt unangetastet – nur ihre Fügungen werden  geäbdert.</p>
<p>G: Spannend wird es, wenn die Dimension der Zeit  (Laute, Rhythmik, Intervalle)  in den Text gerät. Das ist leicht zu  erreichen, indem die Pausen und Betonungen auf das Fettgedruckte ernst genommen werden beim lauten Lesen &#8211;  dazu sei jeder Leser eingeladen&#8230;</p>
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		<title>Ein Gedanken- bzw. Ausstellungsgang: „Das ungebaute Berlin“</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Aug 2010 20:08:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>cjg</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es gibt manche Titel, die sofort neugierig machen. So auch der der Ausstellung: „Das ungebaute Berlin&#8221; .
Geht von dem „Un“ im Wort nicht eine starke Anziehungskraft aus? Wird hier denn nicht ein Nerv unserer Zeit getroffen? Weist dieses „Un&#8221; nicht auf das hin, was hätte sein können, macht es nicht eine Möglichkeit auf, weißt es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt manche Titel, die sofort neugierig machen. So auch der der Ausstellung: „<a href="http://www.dasungebauteberlin.de/" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">Das ungebaute Berlin</span></strong></a>&#8221; .</p>
<p>Geht von dem „Un“ im Wort nicht eine starke Anziehungskraft aus? Wird hier denn nicht ein Nerv unserer Zeit getroffen? Weist dieses „Un&#8221; nicht auf das hin, was hätte sein können, macht es nicht eine Möglichkeit auf, weißt es also nicht auf eine -womöglich bessere- Zukunft hin?</p>
<p><strong></strong>Derartig sensibilisiert fällt der Weg zum Café Moskau in Berlin-Mitte nicht schwer. Der Übertritt in die Ausstellung verlangt allerdings einiges von einem ab. Zunächst nämlich, innezuhalten, damit man durch die Litanei von Zeichnungen nicht „erschlagen“ wird.</p>
<p>Mit teilweise verwirrten Blicken, die zwischen den Wänden und dem in der Hand liegenden Blatt Papier, auf dem 100 Positionen verzeichnet sind, wechseln, versucht der geneigte Besucher, sich zu orientieren.</p>
<p>Irgendwann hat man es dann verstanden und kann die Nummerierungen der Exponate den angegeben Beschreibungen von 1. (Joseph Maria Olbrich: Pariser Platz 1907) bis 100. (Peter Zumthor: Topographie des Terrors 1997) auf der Liste zuordnen. Dennoch verfliegt der Eindruck der Unübersichtlichkeit nur zäh.</p>
<p>Mit dem Katalog erschließt sich die Ausstellung besser und schneller. In ihm nämlich tauchen die Exponate von 1907 bis 1997 chronologisch geordnet wieder auf und sind mit einem Text versehen. Von diesem Erfolgserlebnis beflügelt, nimmt der Besucher dann auch die DIN A4-Ordner besser wahr, die auf den Tischen vor den Hängungen liegen und deren thematische Gruppierung deutlich werden lassen (die „Stadt als urbane Großform“ oder die „Stadt als Landschaft“).</p>
<p>Möglicherweise auch dem attraktiven Ort geschuldet (direkt gegenüber vom Kino International) strömen erfreulich viele Besucher in die kleine Ausstellung. Auffallend ist die Mischung, denn viele junge Leute (wahrscheinlich Architekturstudenten) stehen neben älteren Menschen, wahrscheinlich Rentnern und wahrscheinlich Anwohnern, die sich darüber freuen, endlich wieder Aktivität im Café Moskau zu erleben.<br />
Stadtbau-Kunst</p>
<p>Einige Worte noch über das Ausstellungskonzept. Es könnte mit „ambitioniert&#8221; beschrieben werden. Hat man nämlich die Unübersichtlichkeit im ersten Geschoss hinter sich gelassen und die Wendeltreppe nach unten gefunden, steht man unversehens einem geheimnisvoll anmutenden Berliner Stadtplan gegenüber. Geheimnisvoll deshalb, weil Berlins Strukturen ausradiert (nämlich weiß) dargestellt sind und nur die ungebauten Entwürfe auftauchen.</p>
<p>Diese De-Kontextualisierung hat freilich ihren großen Reiz. Erscheint doch der städtebauliche Entwurf als Kunstobjekt. Weil die Stadt nicht in Gänze gezeigt wird, fällt es leicht, die autarke Struktur zu sehen. Dennoch sollte man dem reflektierenden Besucher nicht absprechen, dass er sich beginnt zu fragen, wie das Gesehene wohl genau gemeint ist. Immerhin sollen die Menschen in solchen Strukturen leben. Wie kann sich also ein Kunstobjekt in ein bestehendes städtisches Gewebe einordnen? Solches Reflektieren hätte besser gefördert werden können, wenn der Bestand -wenigstens hauchdünn- angedeutet gewesen wäre.</p>
<p>Das einzige dargestellte, radikale Implantat, das diese Kontextualisierungen gewagt und ausgehalten hat, ist ausgerechnet die Umgestaltung von Berlin zu Germania durch Albert Speer. Hier sieht man, wie die neuen und die alten Strukturen zusammenwirken. Hier scheint der große Wurf kein zusammenhangsloses Kunstobjekt zu sein. Hier erobert sich auch die Architektur den Städtebau zurück. Was mag man von solchen Zusammenhängen halten?</p>
<p>Im Untergeschoss nach rechts abgebogen, fängt eine Lauftschrift mit den Namen großer Architekten die neugierigen Blicke. Ob auch einem Nichtarchitekten das irgendetwas sagt, bleibt allerdings genauso im Dunkeln, wie der sich wiederum rechts anschließende, weitere Raum, in dem fünf freie „Ausstellungsinseln“ angeordnet sind. Will man alle Interviews, Projektionen und Zitate auf ihnen lesen, muss man sich allerdings rund eine halbe Stunde im unteren Bereich aufhalten. (Vielleicht geht es nur dem Architekt so, aber die vielen dozierenden Architektenstars wirken irgendwie schulmeisterlich und eine Spur überheblich).</p>
<p>Welcher Kollege kennt nicht die übliche Architekten-Lyrik? Dieser besondere Sprech à la: „…die Volumina wirken in ihrer verzahnten Eleganz egalisierend und stehen gleichzeitig im konkreten Austausch mit der Fluchtung des angrenzenden Bestands…“. Zeigt dieser Sprech sich nicht auch in einer kryptischen Darstellung von Architektur? Die Frage stellt sich hier, ob der geneigte Besucher nicht ziemlich alleingelassen wird in dieser Flut von Grundrissen, Perspektiven, Schwarzplänen und Modellen?</p>
<p>Deutlich wird auch an diesem Beispiel einer Architekturdarstellung, dass die Architektur eine Sonderform in den Künsten einnimmt. Der Spagat unserer Zunft wird vollführt zwischen Praxis und Idee, zwischen Nutzung und Design, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Und obwohl doch die Menschen ständig in der Architektur leben, scheinen sie Schwierigkeiten zu haben, sich ihr zu nähern. Vielleicht sind es aber auch die Architekten, die ihre Besonderheiten und ihren Ritus pflegen. Die Architekten, diese schwarzen Ritter mit Hornbrille und einem Saab vor der Tür…</p>
<p>Ist eine Ausstellung wie: „Das unbebaute Berlin“ für die Architekten oder die Menschen in der Stadt? Diese Frage scheint eine Gretchenfrage zu sein, genauso wie die folgende: Wer entscheidet eigentlich, welche (ungebauten) Entwürfe hier ausgestellt werden? Besteht dieses Berlin doch aus so viel mehr Visionen und Ideen, als die 100, die man zu sehen bekommt.</p>
<p>Spannend wäre es doch, einen (möglicherweise virtuellen) kompletten Stadtplan des „ungebauten Berlin“ zu bekommen, der permanent aktualisiert wird und in dem alle Planer, seien es nun Studenten, Aktive, Pensionäre und auch Laien ihre Stadt, ihre Un-Stadt, bauen können.</p>
<p>Spannend ist es in jedem Fall, dass Ungebaute zum Thema einer Ausstellung zu machen. Bekommt man auf diese Weise doch eine Genealogie von Visionen präsentiert. Eine Schau der gestalterischen Kraft von 1907-1997. Carsten Krohn (der Kurator) verdient Anerkennung für diese Idee. Mögen sich noch möglichst viele Leute während der letzten Ausstellungswoche mit ihrer Un-Stadt beschäftigen.</p>
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		<title>Sloterdijk, Sobek und &#8220;R 129&#8243;. Wandlungen (Teil 7)</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Jul 2010 20:16:39 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Architekten sind heutzutage in den modernen Darstellungsformen angekommen und verstehen es, ihr Wissen im medialen Zirkus effektvoll zu verkaufen. Das jedenfalls wird deutlich, wenn man die DVD „Wohnen in der Zukunft“ in Händen hält, die kürzlich auf den Markt gekommen ist.
Aus ihr können die geneigten Zuseher durchaus Gewinne ziehen, denn mit Peter Sloterdijk und Werner [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Architekten sind heutzutage in den modernen Darstellungsformen angekommen und verstehen es, ihr Wissen im medialen Zirkus effektvoll zu verkaufen. Das jedenfalls wird deutlich, wenn man die DVD „Wohnen in der Zukunft“ in Händen hält, die kürzlich auf den Markt gekommen ist.</p>
<p>Aus ihr können die geneigten Zuseher durchaus Gewinne ziehen, denn mit Peter Sloterdijk und Werner Sobek sprechen zwei interessante Männer über ein Thema, das uns in nicht allzu ferner Zukunft betreffen dürfte. „Gut Ding braucht Weile…“, hießt es allerdings auch in diesem Fall, denn der Rahmen des Gedankenaustausches wurde bereits im Februar 2009 gelegt anlässlich einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg mit dem Thema „Interieur/Exterieur. Wohnen in der Kunst &#8220;.</p>
<p><strong>R 129</strong><br />
Das Projekt <a href="http://www.wernersobek.de/index.php?page=252&amp;modaction=detail&amp;modid=287" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">„R 129“</span></strong></a> steht im Mittelpunkt der dokumentierten Diskussion. Dabei scheint das Logo seines Entwerfers Werner Sobek auch schon Programm zu sein, denn es erinnert eher an kryptische Zeichen einer außerirdischen Spezies.</p>
<p>Mit „R 129“ landet ein Ufo, das unabhängig von öffentlichen Versorgungssystemen ist. Frei beweglich sowohl in Gänze als auch im Innenbereich hat es einen transparent überkuppelten, kreisrunden Grundriss, der jederzeit wandelbar ist und die jeweils aktuellen Bedürfnisse der Nutzer repräsentiert. Erlöst werden die Ufo-Bewohner von starrer Möblierung und geschenkt werden ihnen die Blicke in die Sterne und in die ganze Weite des Himmels.</p>
<p>„R 129“ ist tatsächlich das, was Peter Sloterdijk als Utopie-Kompetenz eines Architekten bezeichnet. Gemeinsame Projekte des Hauses Sobek mit der Raumfahrtforschung lassen die anfänglichen Assoziationen zu Science-Fiction-Filmen und extraterrestrischen Wohnformen weiter deutlich werden. Durchweg sympathisch und weit vor seiner Zeit fordert ein Architekt also das Experimentieren ein.</p>
<p><strong>Höhlen- versus Wolkenmensch</strong><br />
Eine voll verglaste Kuppel wirft freilich Fragen nach der Pragmatisierbarkeit der Sobekschen Utopie-Kompetenz auf und vermutlich unter diesem Eindruck weist Sloterdijk darauf hin, dass die Architekten den Menschen üblicherweise von seiner Schwäche her denken. Diese ungewohnte Perspektive entfaltet er, indem er anmerkt, dass eine Wohnung zu einem deutlichen Teil aus Regenerationszonen besteht (Bad, Schlafzimmer, Küche).</p>
<p>Der „nicht vorzeigbare Mensch“ ist also gleichberechtigt im Entwerferfokus und mit ihm  &#8211; die Nacht. Diese nämlich war bislang verbunden mit dem, was der Traum zu geben vermag &#8211; mit der Absenz des Bewussten also und einer regenerativen Entweltlichung. Ein schöner Gedanke des Philosophen war denn auch, dass die Architekten das Wohnen von der Nacht her denken.</p>
<p>Kann eine solche Regeneration in der totalen Offenheit einer voll verglasten Kuppel gelingen? Machen die Architekten hier den Fehler, zu weit weg zu sein von den Menschen oder ist es das Privileg der Avantgarde, sich eben nicht einzulassen in das Ge-Wohnte, sondern den zukünftigen Menschen vorzuzeichnen? Den Menschen, der sich sein Nomadentum zurückholt, der auf seine Wurzelschicht verzichtet, der, wie Sobek sagte, seine Wurzeln in sich trägt. (Heideggers Gelassenheit, ick hör dir trapsen…)</p>
<p>Peter Sloterdijk führt aus, dass das 20. Jahrhundert das Wohnhaus neu erfunden hat und sieht Parallelen zwischen der metaphysischen Obdachlosigkeit im Zuge „Gott ist tot&#8221; und Häusern, die ohne Keller oder auf Stelzen gestellt gleichsam ebenso entwurzelt sind.</p>
<p>Die geistigen Säkularisationsprozesse werden also in Analogie gesetzt zur gesellschaftlichen Vereinzelung. Eine moderne Folge davon ist die Rückgängigmachung der selbstverschuldeten „Umzüchtung“ der Menschen vom Nomaden zum Sesshaften. Dieses Projekt ist nach der Ansicht Sloterdijks im 20. Jahrhundert zu Ende.</p>
<p>Es fällt auf, dass der Philosoph partout hinaus will auf das Seelenleben. Das Innere des Hauses, beziehungsweise der Wohnung sieht er als Manifestationen des Unbewussten und lobt die Architekten dafür, dass sie den Menschen in Gänze sähen und nicht nur als idealisiertes Konstrukt. Architekten und Designer waren seiner Meinung nach schon immer diejenigen, die den Menschen in all seinen Formen, in seiner ganzen Verstricktheit mit der Welt und mit allen zugehörigen Attributen gesehen haben. Architekten als die besseren Soziologen?</p>
<p>Übermäßige Angst vor Eitelkeit scheint Sobek zu fehlen. Das jedenfalls durchscheint in Sätzen wie „Jetlag ist was für Touristen“ oder in seiner geradezu allergischen Reaktion beim Wort „Wohnmobil“. Dennoch sieht man einen sehr interessierten, wenn auch von Sendungsbewusstsein durchdrungenen Architekten, der Anstöße geben will und seiner Zunft ihre Würde zurückgeben, indem er sie erlöst aus der Rolle der Baumanager, in die sie mittlerweile geraten sind. Sobek wird an einer Stelle zu Recht attestiert, der Repräsentant der Widerständigen gegen die „Gemütlichkeitsbewohner“ zu sein.</p>
<p><strong>Postfossil=Utopiefördernd?</strong><br />
Wohnen in „R 129“ ist die Antwort auf sich verknappende Ressourcen. So führt Werner Sobek eindrucksvoll vor Augen, dass die Erdölvorkommen auf dem Planeten in 25 Jahren aufgebraucht sein dürften und ebenso das Süßwasser.</p>
<p>„R 129“ ist nicht nur die politische Antwort, nicht nur die Mobilie anstelle der Immobilie, sondern die Reaktion auf die kommenden und durchgreifenden Veränderungen unserer Lebensumstände.</p>
<p>Es ist bezeichnend, dass neue „regenerative Logiken“ den Menschen als Medium und als Bindeglied zwischen innen und außen sehen. Hier liegt auch eine ethisch-mitweltliche Aufladung der Anthropologie, denn nicht das (weitere) Zerteilen und Zerlegen der Dinge steht im Fokus, sondern das Zusammendenken.</p>
<p>Der besondere Reiz von Interdisziplinarität kann sich dann entfalten, wenn die Diskutanten einander zuhören. Diesen Eindruck gewinnt man durchaus beim Betrachten der DVD. Das „Prädikat sehenswert“ erhält sie deshalb und auch, weil sie ein Beleg ist für eine gegenwärtige, kreative Schöpferkraft. Vielleicht kündigt sich mit Projekten wie „R 129“ der lange vermisste neue Horizont an, der das utopische Potenzial und den Wandel in unsere erstarrte Baukultur bringen kann.</p>
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		<title>Brasilianisches Fließen. Wandlungen (Teil 6)</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jul 2010 11:51:20 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[G: In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.
G: Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>G:</strong> In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.</p>
<p><strong>G:</strong> Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen von Außen- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schön über den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.</p>
<p><strong>G:</strong> Sicher trägt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefühl zu bekommen für diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Täuschung und Schein…aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.</p>
<h1><span style="color: #888888;"></span></h1>
<p><strong>G:</strong> Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernität, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des „Dass“ abstelle des „Was“ betont werden. Räumen, Lichten, Möglichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!</p>
<p><strong>S:</strong> „…Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemüth, unsern eignen Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseyn…“<span style="color: #888888;"> </span></p>
<p><strong>G:</strong> Schön, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass über sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinüber lässt. Ein Bauwerk also, das sich genügt in seinem „…schaffenden Leben“ und „ seiner Kraft dazuseyn“…(Fortsetzung folgt)</p>
<p><span style="color: #888888;">(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)</span></p>
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		<itunes:summary>G: In Satilde;o Paulo, Brasilien lauml;uft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. bdquo;Marquise do Parque do Ibirapueraldquo; von Oscar Niemeyer wird in einem (schouml;nen) Film dargestellt.

G: Der Regisseur schafft es eindruuml;cklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Flieszlig;en des Gebauml;udes geschieht uuml;ber die atmosphauml;rischen Verschrauml;nkungen von Auszlig;en- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schouml;n uuml;ber den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.

G: Sicher trauml;gt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefuuml;hl zu bekommen fuuml;r diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Tauml;uschung und Scheinhellip;aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.

G: Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernitauml;t, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des bdquo;Dassldquo; abstelle des bdquo;Wasldquo; betont werden. Rauml;umen, Lichten, Mouml;glichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!

S: bdquo;hellip;Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemuuml;th, unsern eignen Geist muuml;ssen wir daransetzen, daszlig; sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseynhellip;ldquo; 

G: Schouml;n, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass uuml;ber sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinuuml;ber lauml;sst. Ein Bauwerk also, das sich genuuml;gt in seinem bdquo;hellip;schaffenden Lebenldquo; und bdquo; seiner Kraft dazuseynldquo;hellip;(Fortsetzung folgt)

(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)</itunes:summary>
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		<title>„Taking to the Streets“ oder: Was kann Aneignung von Stadtraum bedeuten?</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Jul 2010 13:53:24 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Vilém Flusser zeichnet in einem seiner Bücher (1) sehr anschaulich die Entwicklung der modernen Stadt nach. Zur agrikulturellen Verfasstheit menschlichen Zusammenballens in Zivilisationen schickt er lapidar voraus: „…Von Anbeginn beruht die Macht auf Dreck und macht die Hände schmutzig…“. (2) So weit, so gut.
Mit der platonischen Schilderung eines Dreiklangs der Stadt in Häuserraum (oike), Marktraum [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vilém Flusser zeichnet in einem seiner Bücher <span style="color: #888888;">(1)</span> sehr anschaulich die Entwicklung der modernen Stadt nach. Zur agrikulturellen Verfasstheit menschlichen Zusammenballens in Zivilisationen schickt er lapidar voraus: „…Von Anbeginn beruht die Macht auf Dreck und macht die Hände schmutzig…“. <span style="color: #888888;">(2)</span> So weit, so gut.</p>
<p>Mit der platonischen Schilderung eines Dreiklangs der Stadt in Häuserraum (oike), Marktraum (agora) und Kontemplationsraum (temes) bereitet Flusser eine gute Basis, um auf die aktuelle gesellschaftliche Bewegung, sich Stadtraum anzueignen zu reflektieren, bzw. die Frage danach aufzuwerfen, wem denn eigentlich die Stadt „gehört“.</p>
<p>Platon war sich sicher, dass die Weisheit oder Theorie (temes) an oberster Stelle stehen sollte und sich unter ihr Politik wie Handel zu entfalten hätten. <span style="color: #888888;">(3) </span>Ein Ideal freilich, das nicht verwirklichen werden konnte. Blicken wir doch heutzutage deutlich dem vollzogenen Wandel zur Herrschaft des Marktraums (agora) ins gebaute Gesicht. Nochmal Flusser mit der Zuspitzung dieses Wandels: „…Der Sieg der Konsumenten über die Politiker und Theoretiker, sei es in liberaler oder sozialistischer Form, muss daher als Herstellung einer idiotischen Zivilisation gesehen werden…“  <span style="color: #888888;">(4)</span></p>
<p>Möglicherweise lassen sich die gegenwärtigen Bestrebungen von Stadtraumaneignung als weitere Verschiebungen innerhalb des platonischen Dreiklangs deuten, denn dieses Mal schickt sich die Faktion des Hausraums (oike) an, sich die Hände um der Macht willen schmutzig zu machen. Bleibt die Frage, ob die Weisheit (temes) nicht wieder auf der Strecke bleibt, denn wie sollen die Weisen einer modernen, westlichen Gesellschaft ohne verbindliches Wahrheitsideal sich auf die Bedeutung von Tugenden einigen, geschweige denn diese bewahren können? Aber das nur nebenbei.</p>
<p>Eine fernöstliche Momentaufnahme der oben beschriebenen Wandlung leistet das Forschungsprojekt „Taking to the Streets“, das vom Lehrstuhl Günther Vogt an der ETH Zürich durchführt wird. Methoden der Aneignung öffentlicher Räume in Berlin, Shanghai, Tokyo und Zürich steht dabei im Interesse der Bauforscher. Mit „Tokyo. Die Strasse als gelebter Raum“ <span style="color: #888888;">(5)</span> liegt nun der erste Teil der Studienergebnisse gut leserlich und reichlich bebildert vor.</p>
<p>In Teilen kommt das Buch als Art fundamentaler Stadtführer aus Architektensicht daher und lebt von Staunen des Abendländers im Angesicht des Fremden. Besonders fallen die anderen Hierarchien der Straßen und Räume auf.</p>
<p>Weit entfernt von unserer visuellen Zurichtung durch die Zentralperspektive fehlt in der japanischen Stadt auch die Abgrenzung von außen und innen, von Stadt und Land. Alles scheint dicht geflochten und durch reine Bewegung bestimmt. Die Menschen auf den Straßen fließen förmlich in der polyzentrischen Struktur Tokyos und werden von Zeit zu Zeit mittels aufgewerteter Durchgangsorte an Straßenkreuzungen und Bahnhofsquartieren bestenfalls ein wenig verlangsamt.</p>
<p>Bewegung und permanenter Wandel durchziehen also als Leitmotiv das urbane Geflecht und scheinen sich auch zu spiegeln im unprätentiösen Umgang mit historischer Bausubstanz &#8211; an dieser wird in der Regel nämlich nicht festgehalten. Plätze, lauschige Ecken, typische Stadtmöblierungen wie Parkbänke, Mülleimer, Wasserspiele kennt man in Tokyo bestenfalls aus westlichen Filmen und ersetzt eine nicht vorhandene, öffentliche Verweil- durch eine Pendlerkultur.</p>
<p>Vor dem Hintergrund, dass Stadtraum zum reinen Bewegungsraum wird, erscheint das geographische Zentrum Tokyos umso faszinierender. Der kaiserliche Palastgarten ist nämlich eine verbotene Zone und gibt sich als Leerraum oder Unort. Gleich einem schwarzen Loch wird die hektische, städtische Energie absorbiert und bildet die Korona um eine Stille und um ein antipodisches Zentrum der Zeitlosigkeit.</p>
<p>Aber was genau sind die Aneignungslehren aus einer fernöstlichen Stadtkultur? Was lässt sich übertragen? Das Forscherteam der ETH Zürich sieht hier ein Modell für die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft, in deren Vollzug Stadtquartiere mittels verschiedener Funktionen wie Arbeit, Vergnügen, Kommerz, Wohnen (wieder) vermischt werden. Diese hohe Verdichtung trägt gemeinhin das Etikett „urbanes Wohnen“.</p>
<p>Wenn man in diesem Kontext die aktuellen Konflikte zwischen Anwohnern und Vergnügungssuchern im Prenzlauer Berg oder auf der Kreuzberger Admiralsbrücke in Berlin betrachtet bzw. sich in die Probleme der „Gentrifizierung“ begibt, taucht freilich die Frage auf, ob die postindustriellen Modell-Botschaften doch nur wieder der Erneuerung des Marktraumes (agora), also &#8211; um mit dem eingangs erwähnten Vilém Flusser zu sprechen, einer idiotischen Zivilisation &#8211; Vorschub leisten?  <span style="color: #888888;">(6)</span></p>
<p>Gestehen wir uns ein, dass die Philosophen wahrscheinlich nie herrschen werden, <span style="color: #888888;">(7) </span>bleiben die Fragen nach der möglichen Dominanz des Hausraums (oike). Was könnte ein „Wohnen außer Haus“ bedeuten? Wie fügt sich die Okkupation des alltäglichen Lebens in die tradierte Verweilkultur der europäischen Stadt? Steht das Prinzip des Lustwandelns auf Plätzen nicht in Verwandtschaft mit einem Eventcharakter? Sehen und gesehen werden und Selbstinszenierung anstelle…Leben? Es könnte so einfach sein, aber reicht uns das Einfache, das Martin Heidegger so treffend beschreibt: „…Welt ist (…) ein Charakter des Daseins selbst…“?  <span style="color: #888888;">(8)</span></p>
<p><span style="color: #888888;"><span style="color: #000000;">&#8212;</span></span><br />
<span style="color: #888888;">1. Flusser, Vilém: Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung; Frankfurt am Main 1998<br />
2. Ebd.; S. 45<br />
3. Vgl. hierzu: Platon: Sämtliche Dialoge, Der Staat, Dritter Hauptteil, Die Herrscherfrage – Herrschaft der Philosophen als Bedingung für die Möglichkeit des gerechten Staates; Übersetzt von Otto Apelt; Hamburg 1998; S. 209 ff.<br />
4. Flusser, Vilém; a.a.O.; S. 46<br />
5. Krusche, J. und Roost, F.: Tokyo. Die Strasse als gelebter Raum; Baden (CH) 2010<br />
6. Siehe Anm. 4<br />
7. Siehe Anm. 3<br />
8. Heidegger, Martin: Sein und Zeit; Gesamtausgabe, Band 2; Frankfurt am Main 1977; S. 87</span></p>
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		<title>Traumhaftes. Wandlungen (Teil 5)</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Jul 2010 09:11:30 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[G: Welche Auswege aus dem Begriffskäfig bleiben noch, um Wandlungen zu markieren? Neben den bereits angeschnittenen Methoden: Schweigen, Spielen, Dichten und Handeln gibt es noch den Traum!
N: „…für die Entwicklung der modernen Künste ist die Gelehrsamkeit, das bewusste Wissen und Vielwisserei der eigentliche Hemmschuh: alles Wachsen und Werden im Reiche der Kunst muss in tiefer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>G:</strong> Welche Auswege aus dem Begriffskäfig bleiben noch, um Wandlungen zu markieren? Neben den bereits angeschnittenen Methoden: Schweigen, Spielen, Dichten und Handeln gibt es noch den Traum!</p>
<p><strong>N:</strong> „…für die Entwicklung der modernen Künste ist die Gelehrsamkeit, das bewusste Wissen und Vielwisserei der eigentliche Hemmschuh: alles Wachsen und Werden im Reiche der Kunst muss in tiefer Nacht vor sich gehen…“ <span style="color: #888888;">(516)</span></p>
<p><strong>G:</strong> Jedem Menschen zu eignen ist diese Gabe. Frei lässt sich mit dem umgehen, das zuvor gegeben bzw. genommen wurde. Erlöst von Sinnfragen, entfaltet sich ein abgründiges Spiel mit Berührungen, Stimmungen, Klängen, Bildern.</p>
<p><strong>N:</strong> „…Wir genießen in unmittelbarem Verständnis der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns; es giebt nichts Gleichgültiges und Unnothiges…“ <span style="color: #888888;">(553)</span></p>
<p><strong>G:</strong> Der Traum scheint die bessere Hälfte der Bewusstheit darzustellen. Ein riesiges Meer, auf dem den Seglern phantastische, neue Welten offenstehen. Ein riesiges Meer, das für Landratten und Seekranke freilich auch zum Alptraum werden kann, wenn sie unter Deck flüchten und statt ersehnter Festigkeit nur noch stärkere Bewegung fühlen…</p>
<p><strong>N:</strong> „…der Schleier des Scheines in flatternder Bewegung…“ <span style="color: #888888;">(554)</span></p>
<p><strong>G:</strong> Kann sich aber die „flatternde Bewegung“ nicht erst ergeben gegen etwas Festes? Braucht es zum Träumen nicht vorher Bilder, Stimmungen, Klänge? Braucht es zum Träumen nicht das Wachen? Die Dichotomie lässt sich fortsetzen und ins Feld der Kunst tragen. Mit den beiden Polen „apollinisch und dionysisch“ beschreiben wir Statik und Dynamik, Schein und Rausch, Beherrschung und Ekstase.</p>
<p><strong>N:</strong> „…Nicht im Wechsel von Besonnenheit und Rausch, sondern im Nebeneinander zeigt sich das dionysische Künstlerthum…“ <span style="color: #888888;">(556)</span></p>
<p><strong>G:</strong> Auch für die Architektur gilt dieses Spannungsfeld! Sie muss zwar stellen, sollte dabei aber nur hegen. Sie darf nicht erstarren, denn luftig und fließend kann sie am besten den Wechsel von „Besonnenheit und Rausch“ tragen.</p>
<p><strong>N:</strong> zitiert Anselm Feuerbach: „…so bildet (…) die Architektur den Rahmen und die Basis, durch welche sich die höhere poetische Sphäre sichtbar gegen die Wirklichkeit abschließt…“ <span style="color: #888888;">(518)</span></p>
<p><strong>G:</strong> Träumen wir die Architektur und versuchen, ein Stückchen davon im Wachen zu halten, damit sie ein aus sich rollendes Rad werden kann; eine permanente und richtungslose Progression; ein Ergebnis und ein Weg zugleich; eine Antwort, die Frage bleibt; ein Ziel, das nicht zum Stillstand wird; ein Zweck ohne Zweckmäßigkeit; ein sinnloser Sinn und das ernsteste Lachen. All dies zugleich! (Fortsetzung folgt)</p>
<p><span style="color: #888888;">(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)</span></p>
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		<title>Kriegerisches. Wandlungen (Teil 4)</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Jul 2010 14:46:02 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[G: Umstellen, Hegen, Lichten…Lichten im Sinne von Roden oder Räumen oder Freiräumen. Räumen führt auf Raum hin, auf Raum schaffen. Raum schaffen geschieht lichtend, also auch wandelnd, also auch tuend, also auch zerstörend.
N: „…Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>G:</strong> Umstellen, Hegen, Lichten…Lichten im Sinne von Roden oder Räumen oder Freiräumen. Räumen führt auf Raum hin, auf Raum schaffen. Raum schaffen geschieht lichtend, also auch wandelnd, also auch tuend, also auch zerstörend.</p>
<p><strong>N:</strong> „…Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld — und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich. Sich verwandelnd in Wasser und Erde thürmt er, wie ein Kind Sandhaufen am Meere, thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt.  Nicht Frevelmuth, sondern der immer neu erwachende Spieltrieb ruft andre Welten ins Leben…“ <span style="color: #888888;">(830/831)</span></p>
<p><strong>G:</strong> Schöpfung und Zerstörung liegen nah beieinander. Die „Demiurgen“-Fraktion sah den „Allerersten“ von Anbeginn als Handwerker, der das Chaos fügte. Und selbst die so prägende „Creatio ex nihilo“-Fraktion sieht ihren „Allerersten“ als Zerstörer – nämlich der Leere. Er setze, unterbrach, fügte, stellte (in) Leere…<br />
<strong></strong></p>
<p><strong>VS:</strong> Hippolytus über Heraklit: „…Krieg ist der Vater von allen und König von allen …“ <span style="color: #888888;">(307)</span></p>
<p><strong>G:</strong> Wandeln, Schaffen, Handeln, Zerstören; alles Aktivitäten mit unmittelbarer Relevanz und unabhängig von begrifflicher Überformung. Setzen wir also die Tat an die Stelle des Wissens, kommen wir heraus aus der Lähmung einer bloß sprachlichen und scheinbaren Differenz und gelangen in eine konkrete.</p>
<p><strong>S:</strong> „…Ein Hemmendes, Widerstrebendes drängt sich überall auf: dieß andere, das, so zu reden, nicht seyn sollte und doch ist, ja seyn muß, dieß Nein, das sich dem Ja, dieß Verfinsternde, das sich dem Licht, dieß Krumme, das sich dem Geraden, dieß Linke, das sich dem Rechten entgegenstellt, und wie man sonst diesen ewigen Gegensatz in Bildern auszudrücken gesucht hat; aber nicht leicht ist einer im Stande es auszusprechen oder gar es wissenschaftlich zu begreifen…“ <span style="color: #888888;">(211)</span><br />
<strong></strong></p>
<p><strong>G:</strong> Wandlung provoziert das Andere; sie braucht es. Sie ist ein Über-sich-hinaus. Sie ist ein Symptom des Wollens, der (reinen) Bewegung ohne Richtung, ohne Progression. Sie weist auf einen mächtigen Strom. Sie ist aber nicht der Strom selbst. Wenn sie wirkt, deutet sie nur darauf, dass es ihn gibt. Sie durchzieht das Dasein und steht als Mittlerin auf anderem Grunde &#8211; nein, sie steht nicht, sie fließt eher. Sie ist nichts Fassbares; ein Fluss im Fluss; eine körperlose Struktur; eher ein Zustand; eine (nicht-eukildische) Dimension… (Fortsetzung folgt)</p>
<p><span style="color: #888888;">(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)<br />
(S: F.W.J. Schelling: Werke, </span><span style="color: #888888;">Band  8, </span><span style="color: #888888;">Stuttgart 1856)<br />
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)</span></p>
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