23.12.
Ist es nicht ganz erstaunlich, dass Gegenwart ein ständiger Verfallsprozess zu sein scheint? Der Moment der ersten Wahrnehmung gleicht nicht dem der zweiten oder der dritten usw. Der Verfall steckt im Wandel. Gegenwart ist Wandel – permanent.
…Das Unmittelbare ist in ständigem Fluss begriffen. (Es hat tatsächlich die Form des Stroms)…“ (Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5; Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994, S. 92)
Wozu brauchen wir die Zukunft, wenn die Gegenwart nichts Bleibendes hat? Führt die Zukunft nicht geradewegs hinein in die körperlosen Gedankenwelten? Körperlos, weil erfahrungslos, denn Erfahrung lässt sich nur leiblich und gegenwärtig machen. Muss nicht jede Zukunft deshalb eine Täuschung sein, weil sie nie gegenwärtig ist? Beschreibt die Zukunft eine Möglichkeit oder nur die Möglichkeit zur Möglichkeit? Ist die Täuschung der Fluch der Möglichkeit, ihr dunkler Bruder?
„…Wo Täuschung möglich ist, dort ist auch Sehen der Wahrheit möglich / muss auch Sehen der Wahrheit möglich sein…“ (Ebd., S. 103)
Wenn Gegenwart Wandel bedeutet, ist die Möglichkeit daran gekoppelt. Möglichkeit braucht keine Zukunft, denn sie ist gegenwärtig und sie ist dem Verfall anheimgegeben. Entartet die Möglichkeit, wenn sie zur Zukunftstäuschung wird? Wird sie toxisch durch ihre Virtualität? Müsste man die Möglichkeit hier nicht anders nennen? Einem Schattenriss gleicht sie dann nämlich, sie wird eine Täusch-lichkeit; ein bloßes Abbild ihrer selbst. Doppeltes Höhlengleichniß, die Gefesselten sehen die Schatten auf der Wand und bei geschlossenen Augen blicken sie in ihre Täusch-lichkeiten.
Täuschung hat etwas zu tun mit Tauschen. Ist der Tausch nicht dem Wandel ähnlich? Ist es die Absicht, die den Wandel negativ auflädt? Wandel in Wahrnehmung passiert AN mir. Täuschung passiert VON mir. Man sollte hier gründlich unterscheiden.
Wie will man etwas zu fassen kriegen, das sich permanent wandelt, das permanent verfällt? Was für eine enorme Kunst ist es doch, zu sprechen. Muss eine Sprache, die dieses Fassen besorgen soll, denn nicht genauso verfallen, wie die Gegenwart? Darf der Redestrom denn überhaupt je abbrechen oder ist das Schweigen genau deshalb geboten?
„…Alles Wesentliche ist, dass die Zeichen sich in wie immer komplizierter Weise am Schluss doch auf die unmittelbare Erfahrung beziehen und nicht auf ein Mittelglied (ein Ding an sich)…“ (Ebd.)
Ein schönes Fundstück von heute über eine Retrospektive von Jenny Holzer in der Schweizer ‘Fondation Beyeler’ aus der NZZ: “…Es ist der verwehende Klang, der sie interessiert, es sind die Tiefen und Untiefen, die sich hinter den Worten und Sätzen auftun, die Widersprüche, die sich nicht fügen zum konzisen Argument. Das ist das Vorrecht der Kunst. Kunst ist ein Sammelbecken, wo alles gefährlich und wunderbar zusammenfliesst, was die Disziplinen des Denkens und Fühlens für gewöhnlich auseinanderhalten…”
Denken sollte öffnen und nicht schließen. Texte sollten einem hochbewegten Gewebe gleichen und keiner massiven Pyramide. Erklimmen kann man die Sprache nicht, man kann sich ihrem Ozean nur aussetzen und versuchen, einen sicheren Stand zu finden auf dem Surfbrett, das ‚Worte‘ genannt wird. Mehr bleibt einem bei ernster Betrachtung nicht… (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.20.12.
Das Schneiderhandwerk zeigt viel. Etwas wird bekleidet oder verhüllt – z.B. mit Stoff. Dazu nimmt der Schneider Maß, handelt taxierend und prüfend. Sein Werk braucht das Andere. Das Andere kann lebendig sein – z.B. ein menschlicher Körper. Es kann auch künstlich und leblos sei – z.B. eine Schaufensterpuppe. Die Kreation ist weitgehend frei. Das Andere nicht, es muss stabil, fest, berechenbar bleiben. Sonnst gelingt das verhüllende Werk nicht. Könnte es auch eine Kleidung geben, ohne das zu Verhüllende?
Was ist mit dem Wind? Er ist da, nur nicht zu sehen. Er hat selbst keine Form. Er wird nur sichtbar durch ein Anderes. Wenn ein Tuch in den Wind gehängt wird, macht es jede Bewegung sichtbar, wie die große Deutschlandfahne vor dem Reichstag. Der Wind bekommt dann eine Form, verhüllt ist er allerdings nicht. Kein Schneider könnte ein Kleid für den Wind herstellen. Die Vorstellung reicht dazu nicht aus.
„…Die Physik unterscheidet sich von der Phänomenologie dadurch, dass sie Gesetze feststellen will. Die Phänomenologie stellt nur die Möglichkeiten fest…“ (Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5; Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994; S. 4)
Bei einem Drachen liegt der Fall anders. Er ist durch seine Konstruktion schon in eine Form gebracht. Er benutzt den Wind. Er verhüllt ihn nicht. Der Drache ist wie ein Probeballon, der ins unbekannte Andere fliegt. Er ist ein Fingerzeig der eigenen Vorstellung, mehr nicht. Er ignoriert das Andere, obwohl er es braucht. Vielleicht aber ist der Drache das einzig Mögliche angesichts des form-fordernden Anderen, das Wind genannt wird?
“…Der Wind ist in Ordung, solange er seine Stelle kennt und nicht versucht, die Rolle eines Baumes zu spielen…” (Ebd., S. 96)
Mit dem Wind hat man es auch in der Philosophie zu tun. Das Andere ist da. Der Mensch steht ihn gegenüber und ist gleichzeitig Teil von ihm. Begriffe man die Philosophie als Schneiderhandwerk, dann wären Worte Stoffe und Philosophen Schneider. Ein Kleid gälte es herzustellen für das hochbewegte Andere, das Welt oder Dasein heißt.
Etwas umkleiden zu wollen, dessen Form nicht feststeht, wäre die Aufgabe. Der Auftraggeber bleibt im Hintergrund. Sein Wunsch war allerdings so nachdrücklich, dass sich schon etliche Schneider-Generationen daran probiert haben. Abfallen würde das ein oder andere Stückwerk dabei. Allerdings hätte es nur indirekt mit dem Auftrag zu tun und dürfte den Kunden nicht zufrieden stellen.
„…Ein Gegenstand darf sich in gewissem Sinne nicht beschreiben lassen (…) D.h. die Beschreibung darf ihm keine Eigenschaften zuschreiben, deren Fehlen die Existenz des Gegenstands selbst zunichte machen würde. D.h. die Beschreibung darf niemals aussagen, was für die Existenz des Gegenstandes wesentlich wäre…“ (Ebd., S. 6)
Wenn das Wesen der Dinge ein einziges wäre, könnte es wie der Wind sein. Sein Anderes macht es nur sicht- aber nicht formbar. Die Suche nach seiner Form bringt allerdings permanent neues Anderes hervor. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.16.12.
Teil 1: Hier
Eine Frau fragt in Richtung ihrer Begleiter:
„Was war das denn?“
„Der hat sich Gas reingezogen.“
„Gas? Das gibt’s doch gar nich?“
„Wenn ich´s doch sage, wie beim Feuerzeug!“
Ungläubiges Staunen und zumeist Grinsen auf den Gesichtern der anderen Fahrgäste. Etwas völlig Unerwartetes war passiert. Ein Mann hält sich für ein Feuerzeug! Durch die bloße Neukombination von Gegebenem wird die Unmöglichkeit zur Möglichkeit und wiederum zur Wirklichkeit. Das Ganze passiert verzugslos in Echtzeit. Erklärungen sind überflüssig. Sie geschehen nur retrospektiv, quasi als Art Vergangenheitsbewältigung. Das Lachen ist dabei allem voraus. Es ist vor der Sprache da. Es ist die klangliche Wegweisung ins Neue. Es ist der Sound, der beim Beschreiben der humanoiden Reflexionsmatrix entsteht.
Der Besoffene hat nun viel Platz. Er sitzt allein in einer Vierer-Nische und redet weiter. Es geht um die Vorzüge des Gaskonsums. Er mischt sich eine Erfrischung. Der anfangs erwähnte, unfreiwillige Gesprächspartner hilft dabei. Er hält ein glattgeschliffenes, tulpenkopfförmiges Trinkglas. Es fasst ca. 0,3 Liter. Einen Daumen breit unter der Hälfte hört der Schapsguss auf. Der Rest des Glases wird mit Orangensaft gefüllt. Danach kommen alle Flaschen zurück in den fleckengetarnten Rucksack.
Das Grinsen will nun nicht mehr weichen aus den Gesichtern der anderen Fahrgäste. Es geht immer öfter über in ein stilles Lachen. Der Besoffene macht den U Bahn Wagon zu seinem Wohnzimmer. Er sitzt entspannt mit überschlagenen Beinen, trinkt seine Erfrischung und ist damit beschäftigt, zu meinen. Eine Szene, die millionen Mal passiert. Nur nicht in der U-Bahn. Irgendwann beginnt er zu singen: „Wenn ich einmal traurig bin, dann trink ich einen Korn“. Er wiederholt das permanent. Jemand fragt, was er trinkt, wenn er fröhlich ist. „Einen Apfelkorn“. Dann singt er weiter.
Was zeigt uns dieser Besoffene? Er redet an Orten, an denen andere schweigen. Er säuft öffentlich und nicht heimlich; er verwendet ein vornehmes Glas dabei. Er hält sich für ein Feuerzeug. Er füllt sich mit Gas ab. Er schwadroniert und braucht dazu keinen Gesprächskreis oder Stammtisch. Vielleicht hält ein solcher Mensch einem selbst den Spiegel vor, lässt die allgegenwärtigen ‚Mans‘ deutlich werden. ‚Man‘ macht Dieses oder Jenes doch einfach nicht, oder?
Er bringt die Menschen offensichtlich zum Lachen. Ein Lachen, das aber nicht nur mit Überhebung zu tun hat, scheint es. Ein Lachen eher, das milde gestimmt ist. Irgendwie sogar eine Spur verständnisvoll, auf jeden Falls nicht ängstlich oder aggressiv. Vielleicht haben die Leute ein Stück ihrer selbst gesehen in diesem U Bahn Wagon. Die Distanz untereinander haben sie in jedem Fall verloren. Sie blickten sich an und lächelten. Ganz anders, als noch am Mehringdamm auf dem Bahnsteig. Dostojewski kommt mir in den Sinn. Die Idioten, Gefangenen, Mörder, Strauchelnden und Geächteten sind die Symbole des Guten bei ihm…
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.13.12.
“…Es könnte nichts merkwürdiger sein, als einen Menschen bei irgend einer ganz einfachen alltäglichen Tätigkeit, wenn er sich unbeobachtet glaubt, zu sehen (…) wenn wir quasi ein Kapitel einer Biographie mit eigenen Augen sehen, – das müsste unheimlich und wunderbar zugleich sein. Wunderbarer als irgendetwas, was ein Dichter auf der Bühne spielen oder sprechen lassen könnte. Wir würden das Leben selbst sehen…” (Wittgenstein, Ludwig: Werkausgabe; Frankfurt am Main 1984-1989; Band 8; S. 455)
Gut! Der Bahnsteig ist wenigstens warm – einigermaßen jedenfalls. Genügend allemal, um den blutleeren, weißen Finger langsam wieder zur Hautfarbe zu verhelfen. Die üblichen, um Distanz bemühten Gesichter. Die üblichen Gerüche aus kalt gewordenem Zigaretten-Atem, Maschinendunst und muffigen Winterklamotten. Ab und zu ein Hauch von Aftershave oder Parfüm. Auch die übliche Soundmischung erzeugt von MP3-Player-Träger, die sich gerade ihr Gehör ruinieren, sonorem Stimmengewirr, Wortfetzen und kreischendem Teenagerkichern.
Kreuzberg ist ‚In‘ und weil alles so ‚In‘ ist, sind es auch dessen Bewohner und ist es auch deren Streetwear. Wenn man alle Farben und Style mischt, kommt Kackbraun dabei heraus, scheint es. Mag sein, dass der Eindruck noch verstärkt wird an diesem dunklen, nassen, grauen und kalten Tag. Einige Touries sind zu sehen. Unterscheiden sich, sind wie Farbtupfer mit dem Duft ihrer frisch gewaschenen Kleidung, den neugierigen und weit geöffneten Augen, den leicht geröteten und meist breiten Gesichtern, die von Wohlstand und geordneten Verhältnissen zeugen. Sie verbreiten auch andere Sounds mit ihren Sprachen, heute mal niederländisch und spanisch.
Ein Alkoholisierter im Wagon. Noch ist nur wirres Gefasel zu vernehmen. Fleckentarnstyle vom Scheitel bis zur Sohle. Gutmütiges, rundes Gesicht. Stoppelhaarschnitt und große braune Augen. Leicht untersetzt. Auf den Schienbeinen, die sich zwischen dem hochgerutschten Hosensaum und den Springerstiefeln zeigen, kleine konzentrische Wunden, mindestens fünf von verschiedener Größe und unterschiedlich rot.
Im lallenden Gespräch mit einem jungen Mann, schräg gegenüber von ihm. Zwischen den beiden der Gang und ein anderer junger Mann, der krampfhaft versucht, den Blick in sein Buch gerichtet zu halten. Leicht roter Kopf dabei und scheinbar nur ein Gedanke: „sprich mich bloß nicht an“. Seltsam, dieser um sein Verschwinden bemühte Lesende fällt durch eine Geste, die sonst der Abschottungsgarant Nummer Eins ist, umso deutlicher auf. Soziale Intelligenz würde man es wohl nennen, das Buch jetzt herunterzunehmen.
Auf gewisse Art und Weise wirkt der Besoffene harmlos. Nicht so aggressiv und aufdringlich wie andere. Beschäftigt zwar mit Schwadronieren, aber wenigstens in einer enormen thematischen Bandbreite. Interessant, wie problemlos er seine Meinungsfetzen aneinanderreiht. Ein außerordentliches Beispiel dafür, wie wir Westeuropäer durchs Leben gehen. Der Meinungshaber unterscheidet sich ganz offensichtlich nur durch sein Besoffensein von den meisten anderen im Wagon. Naiv und angstfrei breitet er den ganz normalen ‚Welt im Kopf-Wahnsinn‘ aus und gibt permanent der Hegelschen Theorie einer ‚geistlosen Freiheit des Meinens‘ Bestätigung.
Plötzlich, bei den Ausführungen über einen Discounter, der den günstigsten Wodka anbietet, der Griff in die Jackentasche. Irgendetwas wird zum Mund geführt. Dann ein Geräusch, das entsteht, wenn man Spray benutzt. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.10.12.
Heute collagiere ich aktuelle Fundstücke mit den ausgewählten Fragmenten des „Tractatus“. Das Gewebe des Beitrags wird bewusst dünn gehalten, damit der Deutungswind nicht zu stark ins Segel greifen kann, sondern sich mehr mühen muss, das Schiff fortzutragen; auch kann an der Intensität des Hauchs und am Ausmaß der Verwirbelungen zwischen den gesponnenen Fragmenten dessen Kraft besser wahrgenommen werden.
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„…1.1. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge…“ (Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus; Frankfurt am Main 2003, S. 9)
Ich übersetzte hier Tatsache mit Idee und lasse Ding in der Welt sein. Das Problem mit der Technologie ist doch, dass Tatsachen -sprich Ideen- Dinge werden. Die wirken dann zurück auf andere Ideen und Dinge. Ein Strudel aus Artifizialität entsteht. Die abendländische Art zu denken, führt ins Thema der Virtualität. Die Technologie ist ihre selbsterfüllende Prophezeiung. Wunderbarer Beitrag von Alan N. Shapiro hierzu. In einem Interview im Deutschlandfunk spricht er über virtuelle Realität, die Notwendigkeit von Interaktion zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen und über die Neudefinition der ‘Arbeit’. Hoffnungsschimmer ist dieses Interview, um mit den Mitteln des Abendlands das Abendland zu überwinden.
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„…6.371. Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, dass die sogenannten Naturgesetze die Erklärung der Naturerscheinungen seien…“ (a.a.O., S. 106)
Gern verirren sich die Heutigen in die Labyrinthe ihres Meinens. Die Information enthüllt ihre negative Prägnanz und formiert ihre Empfänger. Formiert werden sie durch den Glauben an die Wahrheit der Wissensproduktion. Schöner Beleg für derartige Irrungen aus FAZ.NET: „Wenn noch mal wer Testosteron sagt…“ am Beispiel des feministischen Mainstreams in den westlichen Medien. Ein chemischer Botenstoff wird hier zur universellen Kausalität erklärt für die Erscheinung der Männlichkeit…
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„…5.552. Die Erfahrung, die wir zum Verstehen der Logik brauchen, ist nicht die, dass sich etwas so und so verhält, sondern, dass etwas ist: aber das ist eben *keine* Erfahrung. Die Logik ist *vor* jeder Erfahrung – dass etwas *so* ist. Sie ist vor dem Wie, nicht vor dem Was…“ (a.a.O.; S. 84)
Der Glaube an die Wissensproduktion könnte aber auch einen Ausweg weisen, denn das Schöne ist, dass er nicht gewusst wird. Keine (gewusste) Erfahrung zu haben und trotzdem sicher zu sein im Handeln, das schaffen die Hoffnung, die Liebe und der Glaube. Was sich religiös anhört, muss nicht nur religiös gedeutet werden. Hat denn nicht der Irrtum, den Wittgenstein hier so schön dargelegt, dazu geführt, dass solch ‘präkognitive’ Erfahrungen ins Religiöse verwiesen wurden? Hier schließt sich der Kreis zu Shapiro (s.o.) wieder. Man höre auf seine Analyse (an Baudrillard angelehnt) der agonalen Bipolarität, die uns Abendländern eine solche Bürde ist.
(Fortsetzung folgt)
6.12.
G: Ein unglaublich inspirierendes Buch hatte ich gerade am Wickel.
D: Welches denn?
G: Der „Tractatus“ von Wittgenstein. Völlig größenwahnsinnig der Typ, aber erfrischend. Die Welt von Punkt eins bis Punkt sieben und auf rund 80 Seiten. Wie ein Paukenschlag nach dem anderen. Er habe es nicht nötig, die Quellen zu zitieren und es interessiere ihn nicht, wer, was, wann schon vor ihm gedacht habe. Auch sei er sich sicher, dass er alles erschöpfend behandelt habe…
D: Erster Satz: Die Welt ist das, was der Fall ist.
G: Ja genau, aber der zweite Punkt ist noch interessanter. Etwa so: Die Welt besteht nicht aus Dingen, sondern Tatsachen. Eine reine Einbildung also. Offenbar das Gegenprogramm zu ‚Zurück zu den Dingen‘.
D: Manche halten Wittgenstein ja auch für den letzten großen Transzendentalphilosophen.
G: Von Kant zu Wittgenstein, meinen Sie?
D: Ja.
G: Bei Kant schlafe ich immer ein. Zwei Seiten und ich verstehe nur noch Bahnhof.
D: Das ist schlecht, junger Mann.
G: Was soll ich machen. Schelling zu lesen, ist eine wahre Freude. Das ist doch gar nicht so weit weg – um 1800.
D: Kant war Logiker und Mathematiker. Das macht sein Denken spröder. Da haben Sie sicher recht. Schelling hatte ein Gefühl für die Poesie, für das Lyrische.
G: Genau, er dichtet eigentlich mehr, als das er schreibt. Das ist doch so wohltuend, wenn Philosophen eher Dichter sind als Konstrukteure.
D: Mache sind Poeten und manche Epiker.
G: Ich fühle mich bei den Poeten wohler. Schelling, Nietzsche und Heidegger.
D: Hegel hat auch diese Qualität.
G: An den habe ich mich noch nicht herangewagt. Wissen Sie, was auch so spannend ist an Wittgenstein?
D: Was denn?
G: Er lässt bei allem Drang zur Konstruktion und Logik den Raum offen für das Andere.
D: Das Andere?
G: Die Möglichkeit, dass auch seine Welt in sieben Punkten nur reine Einbildung ist.
D: Ich glaube, da verstehen Sie ihn falsch. Ein weiterer und wichtiger Punkt lautet sinngemäß: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
G: Ja, das ist der letzte Punkt. Aber einige Punkte davor schreibt er: Es gibt das Mythische und das Mythische zeigt sich durch seine Unaussprechlichkeit.
D: Ok, man könnte sagen, dass dort, wo das Sprechen aufhört, das Dichten anfängt.
G: Seine Logik ist also kein Gefängnis, kein totalitäres System. Mir kommt es so vor, dass diese Art von Logik sich nicht selbst im Wege steht.
D: Also ich halte mich lieber beim Sagbaren auf. Das ist auch die Aufgabe der Philosophie.
G: Ja, das schreibt Wittgenstein auch. Die Philosophie grenzt das Unsagbare ein mit Hilfe des Sagbaren. Aber -und das ist für mich das Wichtigste- er bestreitet nicht, dass es das Unsagbare, Mythische gibt. Das findet man doch auch bei Kant. Gott lässt sich nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen.
D: Ja, der Satz stammt von Kant. Aber, geht es bei Wittgenstein um Gott?
G: Ich weiß nicht. Sie waren doch auch Soldat, oder?
D: Allerdings. Hat das etwas damit zu tun?
G: Der „Tractatus“ ist im Schützengraben 1918 beendet worden. Krass, oder? Sie hatten doch mal erwähnt, dass für Hegel Krieg als Arbeit gilt. Dieses größenwahnsinnige Buch mit seiner Welt aus sieben Punkten könnte doch ein Aufschrei sein gegen das Chaos des Gefechts, in dem alle Ordnung zusammenbricht.
D: Interessant, der Soldat schlägt sich in das Chaos eine Schneise, die er kontrollieren kann. Die Logik wäre dann der klare Befehl des Soldaten.
G: Ja, es wäre ein Raum, in dem er für kurze Zeit Ruhe findet, um überhaupt noch Handeln zu können. Ich kann mich an meine Manöver noch genau erinnern. Den eigenen Panzer und dazu die beiden Panzer des Zuges dirigieren. Im Sprechsatz auf den Ohren den eigenen Bordfunk, den Kompaniekreis und den Zugkreis. Dazu kommt, dass man das Gelände beobachten muss, um seine ‘Fahren, wie das Wasser fließt Choreographie‘ hinzubekommen. Und natürlich hat man einen Auftrag zu erfüllen. Wenn dann Beschuss dazukommt und man den Feuerkampf führen muss, stürmen so viele Dinge auf einen ein, dass die radikale Ausblendung der Komplexität die einzige Möglichkeit ist, der Erstarrung vorzubeugen.
D: (lacht) Junger Mann, Wittgensteins „Tractatus“ als Anleitung zum Kampf des Subjekts gegen das Chaos des Daseins. Na dann mal los, auf diesen Text freue ich mich schon.
(Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.3.12.
Kürzlich wurde ich auf den „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein (Ausgabe Suhrkamp: Frankfurt am Main 2003) aufmerksam gemacht. Diese Schrift pendelt zwischen Über- und Kleinmut, Ausgriff und Einkehr. Sie ist fordernd und großartig. Sie gleicht einer Bergtour, in der der Wanderer von Zeit zu Zeit seinen Blick auf die Erde senkt und die schöne Landschaft ringsherum vergisst, um sich am Gipfel überwältigen zu lassen vom freien Horizont und einem Ausdehnen ins Unendliche.
Eine Logik, die sich nicht selbst im Wege steht:
„…1.1. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge…“ (Ebd., S. 9)
„…6.371. Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, dass die sogenannten Naturgesetze die Erklärung der Naturerscheinungen seien…“ (Ebd., S. 106)
„…5.552. Die Erfahrung, die wir zum Verstehen der Logik brauchen, ist nicht die, dass sich etwas so und so verhält, sondern, dass etwas ist: aber das ist eben *keine* Erfahrung. Die Logik ist *vor* jeder Erfahrung – dass etwas *so* ist. Sie ist vor dem Wie, nicht vor dem Was…“ (Ebd., S. 84)
Ein Denken, das sich wandelnd begreift:
„…3.02. Der Gedanke enthält die Möglichkeit der Sachlage, die er denkt. Was denkbar ist, ist auch möglich…“ (Ebd., S. 17)
„…5.634. (…) Alles was wir sehen, könnte auch anders sein. Alles, was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein. Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori…“ (Ebd., S. 88)
„…4.114. Sie (die Philosophie, CJG) wird das Unsagbare bedeuten, in dem sie das Sagbare klar darstellt…“ (Ebd., S. 39)
Ein Festlegen, das das Nicht-Festgelegte schätzt:
„…5.632. Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt…“ (Ebd., S. 87)
„…2.022. Es ist offenbar, dass auch eine von der wirklichen noch so verschieden gedachte Welt Etwas -eine Form- mit der wirklichen gemein haben muss…“ (Ebd., S. 12)
„…2.033. Die Form ist die Möglichkeit der Struktur…“ (Ebd., S. 13)
Ein Denken, das ein Darüber-Hinaus wird:
„…3.3421. (…) Das Einzelne erweist sich immer wieder als unwichtig, aber die Möglichkeit jedes Einzelnen gibt uns Aufschluss über das Wesen der Welt…“ (Ebd., S. 27/28)
„6.44. Nicht *wie* die Welt ist, ist das Mythische, sondern *dass* sie ist…“ (Ebd., S. 110)
„6.522. Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies *zeigt* sich, es ist das Mythische (Ebd., S. 111)
(Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.29.11.
Fragen tue mich heute, ob die zehn vergangenen Teile dieser Reihe Licht gebracht haben in die Frage nach Wesen und Baukunst. Zeit also für eine Relektüre der eigenen Beiträge. Ist klarer geworden, ob Wesen und Sein in Verbindung stehen? Ist klarer geworden, ob Genius loci und Wesen etwas miteinander zu tun haben? Ist klarer geworden, ob es einen artifiziellen Genius loci geben kann -z.B. in einer städtischen Situation- und wie er sich abgrenzt von einer natürlichen? Ist klarer geworden, ob Wesen herausgehoben werden kann aus einem bloß subjektiven Konstruktionsverdacht? Ist klarer geworden, ob Wesen gekoppelt bleiben muss an eine Metaphysik?
Es scheint, dass es nach wie vor mehr Fragen als Antworten gibt. Das macht und hält die Sache spannend. Eine Tendenz kristallisiert sich allerdings heraus. Wie verführerisch, einfach und elegant wäre es doch, Schelling zu folgen, das Wesen mit dem Sein zu verknüpfen und das Ganze ins unbewusste Milieu des Absoluten zu verweisen. In dieses nämlich vermag der Mensch zu blicken und schafft es sogar über das, was ‚man‘ (SuZ lässt grüßen) gemeinhin so Kunstwerk nennt, das Unbewusste bei seiner temporären Bewusstwerdung zu beobachten. Die Signatur dieses Ereignisses könnte dann das sein, was Sein und auch Genius loci meint. Ja, schön und elegant wäre das, aber auch eine intellektuelle Konstruktion, ein Idealismus und damit genauso scheinhaft und relativ wie jedes andere Gedankenprodukt. Das ‘Zurück zu den Dingen’ sollte doch helfen, genau diese Klippen zu umschiffen…
Heute ist mir ein schöner Blogbeitrag unter die Augen gekommen. Er könnte helfen, ein anderes Schlaglicht auf Wesen und Baukunst zu setzen. Der Autor befasst sich mit der Unterscheidung von Denken (ideal) und Erkennen (dinghaft) am Beispiel von Immanuel Kant – ehrlich gesagt und zugestanden einem Philosophen, der bei mir noch ziemlich unbeackert ist, was allerdings seiner unsichtbaren Präsenz zwischen etlichen meiner Zeilen keinen Abbruch zu tun scheint…
Zitat aus „Philosophische Werkstatt“: „…Die reflektierende Problematisierung des sprachlichen Bezugs auf ein An-sich kann immer nur ein zweiter Schritt sein (z.B. „was heißt hier ‘wirklich’“?), der erste Schritt ist immer der (operative) Bezug auf ein Schlechthinniges, Nicht-Modalisierbares – wie könnte man das besser ausdrücken, als es „das Wirkliche“ zu nennen (und dabei im Herzen ein bisschen an Schelling zu denken) – also ein Wirkliches, dem keine (begriffliche) Möglichkeit vorausgeht?…“
In eine ähnliche Richtung gingen meine Fragen über die Verbindung von Wirklichkeit und Möglichkeit in der letzten Folge. Schön ist, dass es bei Kant offenbar einen Ausweg zu geben scheint aus der Konstruktionsfalle des Subjekts und dass das An-Sich eine unsichtbare Schwester der Dinge, ein Noch-Nicht und ein unendliches Möglichkeitenfeld beschreibt. Zum Schluss noch einmal „Philosophische Werkstatt“ (Link s.o.): „…Der Kant, den ich lese, meint das Folgende: Wenn ich „Ding an sich“ sage, DENKE ich etwas qua seiner (mitgegebenen) Nicht-Gegebenheit…“. (Ende)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Schelling.25.11.
‚Etwas‘ können wir nur bemerken, wenn es wirklich ist, wenn es Wirkung hat oder Wirkung erzeugt. Man achte auf die Worte. Wirkung haben meint, dass Sie etwas Eigenes ist, das einem Etwas anhaftet. Dass Wirkung ‚ist‘ wiederum heißt, dass auch die Wirkung Etwas außer sich (oder in sich) hat, dass sie zur Existenz bringt – sonst ‚wäre‘ sie nicht. Liegen im Etwas also zwei verschiedene Kräfte verborgen, die es braucht, um uns gegenwärtig zu werden oder ist es ein und dieselbe Kraft, die die Wirkung zu einer Art Symptom des Seins eines Etwas werden lässt?
„…Wie sich nämlich das Bauende verhält zum Baukünstler, so verhält sich auch das Wachende zum Schlafenden, das Sehende zu dem, was die Augen verschließt, aber doch den Gesichtssinn hat, das aus dem Stoff Ausgegliederte zum Stoff, das Bearbeitete zum Unbearbeiteten. In diesem Gegensatz soll durch das erste Glied die Wirklichkeit, durch das andere das Mögliche bezeichnet werden…“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 188)
Aristoteles knüpft Möglichkeit und Wirklichkeit zusammen. Das Verhältnis beider wird dabei direkt ins Dasein gestellt, denn es ist Etwas. Das ist bemerkenswert, denn man könnte sich doch auch fragen, ob es die Möglichkeit nicht als permanenten und eigenständigen Zustand gibt oder vielmehr als Zustände? Alle Möglichkeiten zusammengenommen und entkoppelt von jedem Etwas in einem unendlichen Gemisch – damit würden wohl nur die Götter fertig werden. Die Menschen müssen sich bei Aristoteles offenbar damit begnügen, die Möglichkeit in den engen Grenzen der Wirklichkeit aufzufassen.
Wenn die Möglichkeiten im Etwas liegen, sind sie also begrenzt. Die Überschreitung der Grenzen wäre der Sprung ins Unmögliche. Das Unmögliche ist aber keine Konstante. Vielleicht ist es nur eine weitere Möglichkeit? Vor zweihundert Jahren wäre es z.B. unmöglich gewesen, ins Weltall zu fliegen. Der Flug ins Weltall ist heutzutage normal und kommt (im Aristotelischen Sinne) zustande durch die Kombinationen von Möglichkeiten verschiedener Stoffe und Substanzen, die wirklich werden.
Was aber ist mit der Möglichkeit als Phantasie? In ihr war es nämlich auch vor zweihundert Jahren möglich, ins Weltall zu kommen. Die Möglichkeit muss also offenbar nicht immer an die Wirklichkeit verwiesen sein, sondern kann ein eigenes Leben führen. Beweisen muss die Möglichkeit sich nur, wenn sie ins Dasein gehoben werden soll. Dann zeigt sich, ob sie reine Phantasie war oder im Sinne des Zugrundeliegenden mit dem jeweiligen Stoff allein oder in Kombination mit anderen wirklich werden kann.
Interessant ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass eine Möglichkeit auch ein Noch-Nicht bedeutet. Das Noch-Nicht ist zwar nicht da oder nicht wirklich, aber dennoch ist es nicht mehr Nichts, ist eine unsichtbare Schwester der Wirklichkeit und ist Etwas, das zwischen dem Nichts und der Wirklichkeit schwebt.
Die Möglichkeit mag gebunden sein an die Wirklichkeit, aber der Mensch ist es, der sie freilässt. Der Mensch ist es auch, der Wandel dadurch möglich macht, dass er das Unmögliche nur als weitere Möglichkeit begreift und sich hinwegsetzt über das jeweilig Wirkliche. Er ist dann der Impulsgeber für das Noch-Nicht bei seinem Weg in eine neue Wirklichkeit. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Freier Geist sein.22.11.
In der letzten Folge kam das Bild von der Schwerkraft auf. Sie schien geeignet, das Wesen der Dinge zu erläutern. Unsichtbar und doch hochwirksam prägt Sie uns. Ist Sie selbst schon das Unbedingte und kann daher ein Analogon sein zum Wesen? Ist das Wesen etwas Absolutes oder Relatives? Ist es jeweilig anders oder immer gleich?
Bei Aristoteles lässt sich zur Relativität des Wesentlichen etwas finden, wenn er über den Stoff spricht. Stoff und Substrat können bei ihm als anfängliche Ursachen -also Wesen- gelten. Der Stoff jedoch ist mannigfaltig: „…Denn wenn jedem Entstehen und Vergehen etwas zugrunde liegt, aus dem es hervorgeht, sei dies eines oder mehreres, warum geschieht denn dies und was ist die Ursache? Denn das Zugrundeliegende bewirkt doch nicht selbst seine eigene Veränderung…“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 10). Wesen als Zugrundeliegendes nennt Aristoteles den Stoff. Der ist aber Wandel unterworfen. Der Wandel deutet darauf hin, dass das Wesen nicht unbedingt ist.
Zum Wandel des Zugrundeliegenden schreibt Aristoteles: „…Dass es ein Prinzip gibt und die Ursachen des Seienden nicht ins Unendliche fortschreiten, weder in fortlaufender Reihe noch der Art nach, ist offenbar…“ (Ebd., S. 37). Mit einem Prinzip, das das Wesen der Dinge jeweils einhegt, scheint er die Grenzen der Wandlungsfähigkeit des Stoffes ausloten und eine Art Bedingung der Möglichkeit des Wesens schaffen zu wollen. Nehmen wir z.B. einen Stein. Der ist substanzhaft (also wesenhaft) und kann sich in eine Skulptur oder eine Gehwegplatte wandeln, aber nicht in einen Apfel oder eine Daunendecke.
Soweit kann ich mitgehen, aber dennoch gibt es Wandlungsformen des Steines, die ihm offenbar nicht ursprünglich (wesenhaft) direkt zugeordnet werden können. So muss er nicht stets ruhen oder lasten, sondern kann z.B. auch klingen oder weich sowie leicht sein und seine Härte verlieren – nehmen wir nur das Beispiel der Steinwolle, mit der Dämmungen an Häusern ausgeführt werden.
Das Wesen als Stoff muss in all seinen Zeiten, Formen und Möglichkeiten deutlich werden. Es muss dabei so mannigfaltig sein, wie der Stoff selbst ist, wird und werden kann. Wesen und Möglichkeit stehen also in einem Verhältnis und deshalb scheint substanzhaft Zugrundeliegendes tatsächlich wandelbar und damit selbst bedingt zu sein. Was aber wäre dann sein Bedingendes? Und auch hier schließt sich die Frage an, ob Dieses relativ oder absolut ist?
Nehmen wir den Wandel genauer unter die Lupe. Was ist Wandel anderes als Bewegung, als Überschreitung des Status quo, als Werden? „…Wie das Werden zwischen Sein und Nichtsein, so ist auch das Werdende ein Mittleres zwischen Seiendem und Nicht-Seiendem…“ (Ebd., S. 38). Ist der Wandel selbst vielleicht das Bedingende des Wesens und somit etwas Absolutes? (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Freier Geist sein.