30.08.
Im letzten Artikel bemühte ich mich, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten und das Reflektieren zu scheiden von der Bannschaft durch die Konstruktionen. Das Entscheidende für meine Fragstellungen ist das Zwischen, der Raum, die Sphäre inmitten der Dinge. Merleau Ponty tangiert dieses Zwischen in „Der Philosoph und sein Schatten“ sehr schön: „…Wie die wahrgenommene Welt nur durch die Widerspiegelungen, die Schatten, die Ebenen, die Horizonte zwischen den Dingen gehalten wird, die selbst nicht die Dinge sind und die auch nicht nichts sind, die jedoch allein die Felder möglicher Variationen desselben Dinges und derselben Welt umgrenzen…“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 244)
Sehen möchte ich ein solches „Reflektieren im Zwischen“ als Denken. Dieses beginnt dort, wo das „reine“ Erkennen aufhört. Bei dem Wahrnehmen seiner toten Punkte, seiner Leerräume, seiner Fehler, seiner Aus- und Abblendungen. Das Denken bewegt sich im Zwischen der Konstruktionen. Es ist verortet im Halbdunkel, in dem alle Möglichkeiten (noch) geborgen sind.
Schön ist hier die Merleau Pontysche Definition der Phänomenologie, die er aus Husserl ableitet: „…Die Phänomenologie ist letztlich weder ein Materialismus noch eine Philosophie des Geistes. Ihre eigentliche Leistung besteht darin, die vortheoretische Schicht aufzudecken, in der beide Idealisierungen ihr relatives Recht erhalten und überwunden werden…“ (Ebd. 251) Zu den Dingen selbst kommen, über die Dinge angesprochen werden kann man also im Halbdunkel der Verborgenheit. Das Operieren in diesem Halbdunkel müsste ein anderes Erkennen sein; eines das hinaus geht – müsste ein Denken sein.
Nehmen wir den einzelnen Menschen. Er sieht andere Menschen wie sich selbst als Einzelheit, als Objekt, das im Zusammenhang steht, das in Beziehung steht mit anderen Objekten. Das Halbdunkel wäre dann ein Raum von Möglichkeiten; ein ungeklärter Zustand; eine Realität, die umfassender ist, als „fest-gestellte“ Gewissheit; eine Wahrnehmung in Sinne von Nehmen eines Gegebenen; ein Verhältnis anstelle einer Konstruktion; eher atmosphärisch anstelle von deskriptiv.
Wie würde wohl die Baukunst in diesem Halbdunkel umgehen? Kann eine auf Klärung drängende und etlichen Zwängen unterworfene Kunstgattung wie die Architektur dem Menschen zu einer unverstellten Relationalität im Zwischen verhelfen? Wäre eine Architektur, die so etwas zustande bringt nicht geradezu „therapeutisch“? Es wäre eine weg-hafte, eine forschende Baukunst, eine, die es zu ent-decken gälte. Es wäre Architektur, die ihre Begrenzungen nur nötig hat, um über sie hinaus zu kommen. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Merleau-Ponty, Freier Geist sein.23.08.
Befreien wir die Metaphysik also aus dem Begriffskäfig, in den sie gesperrt wurde von den Vertretern der „reinen Erkenntnis“; und befreien wir uns ebenfalls daraus. Sehen wir in ihr ein Denken, das seinem Wesen gerecht wird oder sehen wir vielmehr im Denken die erkennende Wesensverfassung selbst. Sehen wir also ein Unterwegs-Sein, anstatt ein Fest-Legen.
Unter diesem neuen Blickwinkel verliert selbst der dem Blicken innewohnende Perspektivismus seine Schrecken, denn fortan kann das Wahrnehmen sich versöhnen mit dem Erkennen. Erkennen ist nämlich keine Konstruktion mehr, sondern ein Reflektieren. Merleau Ponty hierzu in „Der Philosoph und sein Schatten“: „…Die Reflexion wird nicht von dem Unreflektierten in Frage gestellt, es ist die Reflexion, die sich selbst in Frage stellt, weil ihr Bemühen um Wiederaufnahme, Inbesitznahme, Verinnerlichung oder Immanenz per definitionem nur sinnvoll ist im Hinblick auf ein schon gegebenes Etwas, das sich unter dem Blick selbst, der sich anschickt, es darin zu suchen in seine Transzendenz zurückzieht…“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 246)
Es „gibt“ das rein abstrakte Erkennen, das ist nicht zu leugnen. Es gibt die Technologie als klarste Ver-Körperung und Ver-Dinglichung von „reinen“ Ideen. Sie ist der physische, materielle Beweis für die Möglichkeit, dass aus einem logischen Reduzieren, Zerlegen, Zusammensetzten, Einverleiben, Gängig machen „Etwas“ erzeugt werden kann. Dieses „Etwas“ wird dann ein Zeugnis, ein Zeuge und eine Zeugung zugleich.
Aber es ist auch gleichzeitig „etwas“ nicht. Das Zeugen ist nämlich beispielsweise nicht hinreichend, um zu erkennen, was „es“ ist, das „es“ überhaupt sein kann. Gut wäre, wenn man sich also beschränkte in die Beschränktheit und weniger gut (fürs Denken als Be-Wegen jedenfalls), die Beschränkungsmethoden auf die gesamte Sphäre des Wahrnehmens auszudehnen. Nur durch ein solches Beschränkungswerk könnte man nämlich zur Ansicht kommen, dass schlicht nichts „ist“ über die Beschränkung hinaus. Einen Bogen um die Unmöglichkeit dieser Haltung kann man freilich am besten machen, indem man über die Beschränktheit hinaus schweigen müsste, denn dass es einen „Zustand“, der nicht beschränkt ist gibt, bringt einen ja schon in die Bredouille etwas fassen zu müssen, was nicht fassbar ist.
Die Wissenschaft denkt nicht, sagt Heidegger und genau das wird hier deutlich. Wissenschaftliches Erkennen mündet in Sackgassen, wiegt sich in Sicherheit, pflegt ein Umstellen durch Einverleiben. Strebt nach dem Licht der reinen Erkenntnis, wobei vorübergelegt wird, dass Teilhabe am Licht zu erreichen ist durch „reine“ Ideen. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Merleau-Ponty, Freier Geist sein.19.08.
Es sind die kleinen Geschehnisse, an denen sich große Zusammenhänge entfalten. Empfohlen wurde mir vor kurzem von einer guten Freundin die Lektüre der Texte des Komponisten Antoine Beuger.
Hier ein wunderbarer Absatz aus seinem Artikel „Grundsätzliche Entscheidungen“: „…Es ist möglich, sich die Welt als ein unendliches monotones Rauschen vorzustellen: eine Überfülle von Differenzen, in der nichts gleich ist, eine nie entwirrbare Komplexität, eine Gleichzeitigkeit ohne Zeit, da alles immer da ist und sich nichts verändert. Die Monotonie des Unendlichen. Alle Musik, die es jemals gegeben hat oder geben wird, ist in diesem Rauschen enthalten. So wie der Stein jede Skulptur enthält, die aus ihr herausgearbeitet werden kann…“.
Tatsächlich denkt dieser Künstler sehr nah an Schellings Kunstmetaphysik – wahrscheinlich, ohne es zu wissen. Es gibt in seiner Erläuterung den Unterschied zwischen dem Menschen und einer anderen Ebene. Diese andere Ebene ist unendlich, monoton, eine unentwirrbare Komplexität. Wenn sie dieses ist, dann ist sie selbst die reine Indifferenz, denn alles ist in ihr enthalten und zwar gleichzeitig, simultan. Eine solche Dichte kann der Mensch nicht handhaben. Wenn alles klingt, klingt nichts mehr.
Was passiert hier aber nun, hier und in meinem Schreiben? Ich deute diesen wunderbaren Text aus. Tappe ich nicht mal wieder in die Falle der Metaphysik? Taucht nicht wieder der damit zusammengehörende, ungelöste Konflikt am Horizont auf? Wie kann es eine andere Ebene geben, die außerhalb des Bewusstseins liegt und die gleichzeitig an mein Bewusstsein gekoppelt wird, die durch mein Bewusstsein und seine Reflexionsweise sprachlich beschreiben wird? Kein in die Endlichkeit gesprochenes Wort, kein aus der Erinnerung hervorgekramtes Bild, keine Reflexion also kann den bewussten Horizont verlassen. Wie also soll es möglich sein, über etwas zu sprechen, das unaussprechbar ist, das unaussprechbar ist, weil es nicht in die Enge eines Wortes oder einer Reflexion passt?
Da, wo das Sprechen aufhört, beginnt die Dichtung, könnte die Antwort sein. Da, wo das Sprechen aufhört (…) – muss, so frage ich mich, denn ein Sprechen, ein Sprechen wollen, immer in dieser Sackgasse einer reinen Existenz durch das Bewusstsein bleiben? Wer, was, welche Tradition hat das Sprechen dermaßen konditioniert, dass es sich selbst zügelt, dass es sich diese Denkverbote auferlegt? Welche verhängnisvolle kulturelle Konstellation führt die Sprechenden in ihre freiwillige Selbstbeschränkung? Gibt es sprechende Alternativen, gibt es also die Möglichkeit, die Spaltung von Welt und Wort zu verwinden?
Aus wahrhaft berufenem Munde kommt mir jemand zur Hilfe. Maurice Merleau Ponty beginnt seinen Aufsatz „Das Metaphysische im Menschen“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 47-69) mit der denkerischen Kastration und beschreibt dabei auch den seither fehlenden Teil im Sprechen: „…Die Metaphysik aber, die vom Kantianismus auf das System der Prinzipien reduziert wurde, welche die Vernunft bei der Einrichtung der Wissenschaft oder des moralischen Universums gebraucht, und die in dieser Leitfunktion vom Positivismus radikal in Zweifel gezogen wurde, hat nicht aufgehört, in der Literatur und Poesie ein gleichsam illegales Leben zu führen, und heute finden die Kritiker sie dort wieder…“ (Ebd., S. 47) (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Merleau-Ponty, Freier Geist sein, Musik denken.16.08.
Vergangenen Freitag hatte ich die Gelegenheit, John Cages Stück „Variations VII“ im Berliner Radialsystem zu (…) erleben, müsste man wohl sagen, denn „zu hören“ würde zu kurz greifen. Nicht jede Veranstaltung ist es wert, das man über sie schreibt, aber diese schon, denn es wurde nichts Geringeres angekündigt, als eine Metamorphose. Eine nämlich, in der ein architektonischer Raum in einen Frequenzraum umgewandelt werden sollte.
Das „Prelude“ zur Veranstaltung führte einen in die „Lounge“. In der wiederum begann man mit schönem Blick auf die Spree, diversen Geräuschen zu lauschen, die simultan und in Echtzeit von verschiedensten Orten aus der Stadt übertragen wurden. Die Moral von der Geschicht hatte man allerdings schon nach zwei Minuten gelernt und begriffen, dass ein durch Alltagsgeräusche wie Restaurantgeplapper, Tierlaute, Druckmaschinen, Wasserfließen etc. erzeugtes Hintergrundrauschen unser täglich-akustisch Brot ist.
Im „Prelude“ wurde also genau dieses unscheinbare und doch dominante Geräuschgeflecht einem erwartungsgeschwängerten Publikum zum Thema gemacht. Interessant war dabei, dass ein Hintergrundrauschen immer mit seinem speziellen Ort und der jeweiligen Situation verbunden sein muss. Weil das nämlich nicht so war, wirkte der Geräuschteppich zwar vertraut, aber gleichzeitig unpassend und artifiziell.
So weit, so gut. Warum muss aber nun solche Lektion eine knappe Stunde andauern? Anstatt einer Dichte zu lauschen, der jede Form fehlt, die ohne Bezug ist zur momentanen leiblichen Präsenz, die ohne Anfang und ohne Ende belanglos dahin wabert, hätte man doch einfach nur ohne künstliche Beschallung die Ohren aufsperren können und dem Sound der anderen Besucher seinen Raum lassen. Das wäre auch ganz in Sinne von Cage gewesen ( „4/33“… )
Dermaßen vorbereitet, begab man sich zum Hauptstück „Variations VII“. Allerhand Küchengeräte, Werkzeugmaschinen, Fernseher, Telefone, Computer, Keyboards und Mischpulte in verschiedensten Ausführungen waren auf Tischen drapiert, die im Zentrum der Aufführungshalle ein geräumiges Quadrat beschrieben. Diese „Altarsituation“ wurde noch zusätzlich sakral verstärkt durch eine St. Peter-ähnliche Baldachinvariation, die sich durch ein über der Vierung schwebendes, stattliches Signalhorn ergab. Vier Musiker oder besser Performer bewegten sich in diesem Konstrukt und taten ihr bestes.
Ihr bestes tun hieß in diesem Fall, leistungsstarken Boxen, die in allen vier Ecken der Halle postiert waren das Maximum abzufordern. Wenn man sich beim „Prelude“ noch beklagen konnte über eine Dichte ohne Form, so bekam man hier Dichte und Form in einer Weise, die einem einiges abverlangte. Mit einer an- und abschwellenden und nicht enden wollenden Schall-Bombardierung machte man dem Zuhörer klar, dass Hören etwas ist, das mit dem ganzen Körper geschieht.
Interessant waren die Reaktionen der anderen Besucher. Sich denen zuzuwenden, lenkte einen nämlich ab von den eigenen Bemühungen, etwas aus dieser stressenden Darbietung mitzunehmen, die doch streckenweise mehr an städtischen Baulärm erinnerte, denn an eine „ästhetische Verwendung metropolitaner Klänge“. Teilweise also dicht an der Grenze zur Hysterie und mit der aufdämmernden Frage befasst: „Was mache ich hier eigentlich?“, verfiel man in eine Art Lethargie und ließ es einfach geschehen.
Vielleicht, so hab ich mich gefragt, ist das die eigentliche Lektion der „Variations VII“ gewesen. Wir Heutigen sind dermaßen versponnen im technischen Konstrukt, sind dermaßen Teil des durch Heidegger meisterhaft beschriebenen „Gestells“, dass diese Darbietung genau jenen ohnmächtigen Zustand mit akustischen Mittel dar-gestellt (!) hat. Der dröhnende, lärmende Sound wäre dann einer technoiden Sprache gleich, die Menschen nicht verstehen können und als Ausweg aus dieser Konfrontation bliebe die ebenfalls bei Heidegger zu findende Gelassenheit.
Gespeichert unter Fokus: Heidegger, Musik denken.13.08.
Tun wir Xenakis aber kein Unrecht und machen ihn nicht zu einem metaphysischen Tonkünstler. Er ist in seinem Handeln gebunden an die Mathematik. Diese Form der Verbindung zwischen Ton- und Baukunst ist die klarste und einfachste. Lassen sich doch z.B. die Proportionen in Intervalle umsetzen und auch ein Rhythmus deutlich ablesen durch die Vor- und Rücksprünge eines Bauwerks. Vor kurzem ergänzte ich meine Bibliothek beispielsweise mit einem Buch, in dem der mathematische Beweis dafür geführt wird, dass die Ägypter ihre Pyramiden nach exakten musikalischen Intervallen gebaut haben. Dem Buch lag auch eine CD bei, auf der man verschiedene Pyramiden hören kann.
Etwas fehlt aber bei der Mathematisierung des Themas. Man geht völlig unkritisch davon aus, dass die Mathematik so etwas wie eine universelle Grammatik ist, die allem (Sein wie Dasein) zugrunde liegt. Sie bekommt quasi metaphysischen Status. Letzten Endes jedoch ist die Mathematik eine reine Konstruktion, eine Erfindung, eine Einbildung. Sie ist gebunden an das Subjekt, ist seine Projektion.
Die Mathematik ist die Basis für allerlei Konstruktionen. Sie ist ein beliebtes Mittel, die Welt in einen auf das menschliche Maß gebrachten Spielplatz zu reduzieren. Die Mathematik bekommt allzu oft den Status des Steigbügelhalters zur selbsterfüllenden Prophezeiung unseres technologischen Zeitalters, denn der Beweis für die Richtigkeit der Prozesse unserer Maschinenwelt ist erbracht, wenn er den Regel und Axiomen genügt, die auf dem kulturellen Spielplatz der Konstruktionen gelten.
Inspirierend waren für mich bislang nur Heisenbergs Quantenmechanik, die unser Weltbild um das Paradoxe bereichert hat und Brian Greene mit seiner Stringtheorie (dass die Welt Klang / Schwingung sein könnte und nicht Konstruktion, wussten schon die ältesten Kulturen – und auch Schelling). Bezeichnend auch, wo an Greene Kritik geübt wird. Seine Theorie lasse sich nicht beweisen, deshalb sei sie nichts wert und nur Spinnerei. Da haben wir sie wieder, die Spielplatzwächter, bei denen nicht sein kann, was nicht sein darf.
Mit dem sechsten Teil dieser Reihe zum Deutschen Idealismus wird sie geschlossen. Die vorangegangene neunteilige Reihe über Schellings Kunstmetaphysik machte sie nötig. Nun aber komme ich an einen Punkt, an dem die Zweifel überwiegen, denn es schließt sich ein Problem an, dem ich kaum noch ausweichen kann.
Der Schreiber dieses Blogs wird sich immer klarer, wo seine Gedankenreise hingeht; ins Offene nämlich und möglichst weit weg von den Konstruktionen, die unser aller Leben prägen. Ich spreche hier von anerzogenen Denk- und Handlungsmustern, die den Menschen heutzutage von der Wiege bis zur Bahre begleiten und die als völlig selbstverständlich hingenommen werden.
Wie aber, so frage ich mich in letzter Zeit immer öfter, soll ein Begriff den Begriff, ein Wort das Wort und ein Gedanke den Gedanken verlassen? Mit den Deutschen Idealismus scheint das kaum möglich, denn das Reflexive, Perspektivische ist seine Basis und die Trennung zwischen Subjekt und Objekt seine Grundvoraussetzung…
Gespeichert unter Freier Geist sein, Musik denken.9.08.
Xenakis war also ein Mann, der sein Thema fand im Vor-reflexiven oder besser im Rück-reflexiven. Die Vorsokratik heißt ganz wörtlich so, weil die Philosophie vor Sokrates damit gemeint ist. Der nämlich hatte seinerzeit das Interesse verloren, sich Fragen danach zu stellen, wie Natur und Kosmos beschaffen sind. Vielmehr richtete er zeitlebens seinen Fokus auf den Menschen selbst.
Wenn man allerdings nach dem Anfang fragt und Anfang nicht gleichsetzt mit vergangen und irrelevant, sondern im Anfang die Struktur sucht, die allem (und ich meine hier allem) denkerisches Maß, Atmosphäre, Form und Gepräge gab, wenn also die Suche einen in diesen fruchtbaren und schöpferischen Anfang führt, dann ist man in der Vorsokratik genau richtig.
Xenakis sucht in seiner Musik die Matrix, die Grundstruktur und deshalb ist er in einem Denken genau richtig, das anfänglich ist, das noch nicht im Verdacht steht, christlich, atheistisch, aufklärerisch oder sonst wie zu sein, das ganz nah dran ist an den Fragen, die ein reflektierender Mensch (einer freilich, der der Nachwelt überlieferbar war) sich das erste Mal stellt.
Diese Fragen sind nicht diejenigen, die sich auf die Menschen untereinender richten, sondern auf die Welt, in der der Mensch ist. Fragen, die das „ist“ dieser Welt in den Mittelpunkt rücken, das mitschwingt beim Sätzen wie „der Baum ist schön“ – denn das etwas ist, deutet auf ein Sein des Seienden hin, das ganz selbstverständlich vorausgesetzt wird.
Fragen werden aufgeworfen, die in die Weite gerichtet sind und nicht in die Enge und Isolierung, nicht in ein Erklären-wollen zum Zwecke der Beherrschung, der Reproduktion und Addierbarkeit, sondern in ein Erkennen, das dem Menschen seinen Platz zeigt (oder zeigen hilft); seinen Platz in einem größeren Zusammenhang und in einem weiteren Horizont als den, den er selbst zu bilden vermag.
Diese Weite will Xenakis in seiner Musik verdeutlichen. Kommen wir noch einmal zu seiner Komposition „Metastasis“. Hier wird das „Glissando“ verwendet und mit ihm die herkömmliche musikalische Ordnung ersetzt durch eine kontinuierlich fortlaufende Struktur. Klanglichkeit repräsentiert nun Wandel, Fluss und Bewegung und ist nicht mehr ausgelegt auf ein „Springen“ von Effekt zu Effekt.
Erinnern wir uns an Schellings Deutung von Klang. Ihm kommt eine besondere Bedeutung bei für die Transformation des Absoluten in die endliche Materie: „…In der Einbildung des Unendlichen ins Endliche kann die Indifferenz, als Indifferenz, nur als Klang hervortreten…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 132). Schelling will hier das Absolute als Unendliches in einer „reinen“ Form denken. Diese absolute Form muss wesenhaft unendlich sein und bleiben, auch wenn sie in die endliche, feste Materie eingebildet ist: „…Diese (Form, CJG) ist nur im Klang, denn dieser ist einerseits lebendig -für sich-, andererseits eine bloße Dimension in der Zeit, nicht aber im Raume…“ (Ebd.).
Haben wir mit „Metastasis“ den akustischen Beweis für Schellings Kunstmetaphysik? Ist hier nicht ein Beleg für die Richtigkeit der Schellingschen Auffassung von Kunst als Teilhabe am Unendlichen mit dem Mittel der Schönheit und haben wir hier nicht ebenfalls einen Hinweis darauf, dass sich die Künste nicht voneinander trennen lassen, denn die „Metastasis“ wurden bekanntlich gebaut, sind also zu Architektur geworden? (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Schelling, Musik denken.6.08.
Im vierten Teil dieser kleinen Reihe will ich die Kurve kriegen, aus der ich drohte, am Ende des dritten Teils herauszufliegen. Der Deutsche Idealismus steht im Fokus und nicht dessen „be-leibte“ Schwester, die Phänomenologie.
Wunderbar direkte Verbindungen zwischen Architektur und Musik sind zu finden im Werk von Iannis Xenakis, der Ingenieurwesen und Komposition studierte und als Mathematiker, Architekt und Komponist musikalische Architektur und architektonische Musik machte. Mit seinem sehr bekannten Stück „Metastasis“ schuf er beispielsweise Mitte der 1950er Jahre ein Musikwerk, das 1958 unter der Regie von Le Corbusier in Form des „Phillips Pavillon“ drei Dimensionen annahm (hier eine virtuelle Version des damaligen Bauwerks).
Haben wir sie hier wieder, die klassische Linie des Begriffs, der Isolierung durch das reflektierende Erkennen? Haben wir hier also die Musik aus dem Geiste der Mathematik? Immerhin ist das Tun eines Mathematikers und Ingenieurs in reinster Weise Konstruktion, also Welt, die von Subjekt geschaffen wird, die artifiziell ist. Nein, wenn das schon alles wäre, würde Xenakis hier nicht im Mittelpunkt stehen und dann würde er auch nicht mit Schelling gemeinsam gedacht werden können.
Das, was Xenakis bei aller Logik und Stringenz seiner Musik interessant macht, ist, dass er sie letzten Endes ins Offene überwindet. Er schafft es also, den Punkt zu finden, an dem höchste (artifizielle) Präzision in ihr Gegenteil umkippt und sich ad absurdum führt. Mit Schelling gesprochen, bewegt er sich im Zwischen, das nur die Kunst zu erzeugen vermag; im Zwischen von Subjekt und Objekt; im Zwischen, in dem die Trennung von Mensch und Welt zum Verschwinden gebracht wird; im Zwischen, in dem Bewusstloses und Bewusstes, Unendliches und Endliches, Absolutes und Differentes im gemeinsamen Fluss sind.
Wie schafft er das? Indem er den Weg in die Vorsokratik geht, wie schon viele vor ihm und viele, die ihm folgten (z.B. Schelling, Nietzsche, Heidegger, Merleau Ponty). In einem der wenigen deutschen Bücher über Xenakis (Frisius, Rudolf: Konstruktion als chiffrierte Information; In: Metzger, Heinz-Klaus und Riehn, Rainer (Hg.): Iannis Xenakis, München 1987) steht ein wunderbares Zitat zu dem, was hier passiert: „…Traditionelle Begriffe und Abgrenzungen sind aufgehoben – nicht nur die Grenzziehungen zwischen verschiedenen Künsten, sondern auch die Begriffssysteme einer Einzelkunst wie der Musik…Töne, Klänge und Geräusche verbinden sich zu dichten Klangwolken, Liniengeflechten und Klangschwärmen…“ (Ebd., S. 91)
Auch in Xenakis Arbeit mit dem Rhythmus finden wir Parallelen zu Schelling, denn er geht daran, eine elektronische Musik zu formen, die nicht mehr anthropozentrisch ist, also nicht mehr die menschliche Stimme als Referenzsystem nutzt. Diese neue Musik ist dabei allerdings nicht ins technoid-künstliche gerichtet, sondern -im Gegenteil- auf eine „…universelle, von Identität und Periodizität ausgehende Rhythmik…“ (Ebd., S. 94). Da schlägt das vorsokratische Denken durch, das auf den ersten Blick so gar nicht zusammengehen will mit dem sogenannten „musikalischen Konstuktivisten“. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Merleau-Ponty, Fokus: Schelling, Musik denken.2.08.
Ein kurzer Gedanke zu einem Thema, das eigentlich einen längeren verdient. Muss die Begriffs- und Reflexionsfixiertheit des Deutschen Idealismus als überholt eingeordnet werden? Handelt es sich hier um eine vom menschlichen Leben zu weit entrückte Abstraktionsebene, die nur einigen Wenigen zugänglich ist? Haben wir hier also eine der vielen philosophischen Freakshows, die nicht zur Klärung der entscheidenden Fragen führt, sondern alles komplizierter macht? Geht es eigentlich darum, Fragen zu klären oder ist dieser Wunsch nicht schon ein „Geburtsfehler“? Was meint es, Fragen zu klären?
Ein guter Anfang ist es, Unterschiede zu beschrieben und dadurch Maß zu nehmen. Zunächst einmal nur dieses, ohne in Bewertungen zu fallen. Sicher haben wir es hier schon mit dem Weg des Wissens und des Erkennens zu tun und sind auch auf typisch abendländischem Kurs. Das Fragen-haben ist nämlich schon eine Übersetzung von umgebender Materie in eine immaterielle Ebene.
Es ist eine Virtualisierungsleistung erster Güte, zu versuchen etwas Festes, Körperhaftes, Phämomenales in eine abstrakte, geistige Form zu bringen; eine Form also, die ohne Körper auskommt. Hier schließen sich auch die üblichen Probleme an, denn wie soll es gelingen, das Begegnende in seiner ganzen Tiefe einzufangen und in Worte zu bringen? Man begnügt sich in der Wissenschaft genau aus diesem Grund damit, die Dinge zu reduzieren und zu mathematisieren, um sie handhabbar zu machen. Borniert wird die Wissenschaft allerdings dort, wo sie meint, dass ihre Reduktionen alles sind und es nichts Weiteres mehr gäbe.
Deshalb sind die Denker so wichtig, wenn man annimmt, dass Denken im Gegensatz steht zum Forschen. Um das, was Wesenheit oder Sein des Seienden uns sagen kann, macht Wissenschaft einen Bogen, denn nur das, was technologisch wird, beweist die szientistische, selbsterfüllende Prophezeiung. Freilich wird hier nicht in Abrede gestellt, dass die Technologie in ihrer Logik, Mathematisierbarkeit, Stringenz und Reproduzierbarkeit eine große Wirkung entfaltet und unser aller Leben mittlerweile komplett durchdringt. Verdeutlicht wird hier allerdings, dass das noch nicht eroberte Territorium der Kunst uns am meisten darüber sagt, dass mit der Technologie nur ein minimaler Ausschnitt dessen, was menschenmöglich ist, gezeigt wird.
Wie passt der Deutsche Idealismus mit seiner Transzendentalphilosophie da hinein? Ist er denn nicht ein Wegbereiter in die umfassende Virtualisierung? Leistet man denn nicht dort der Trennung zwischen Subjekt und Objekt Vorschub? Versucht man denn dort nicht, die Reflexion zum Maß der Dinge zu machen, indem das Subjekt zum stiftenden Erkenntnis-Horizont erhoben wird?
Am Anfang der Reihe: „Das Noch-Nicht des Ideellen“ warf ich Fragen auf, deren Antworten so ausgreifend sind, dass ich sie noch eine ganze Weile schuldig bleiben muss: „…Geben tut es Dinge. Geben tut es Ideen. Geben tut es ein Verhältnis zwischen „materiell/immateriell“. Wer oder was gibt? Wer oder was macht es möglich, dass man nimmt, was gegeben wird? Sind wir die Geber – die Geber der Ideen und Dinge? Oder gibt es einen Grundzustand, eine Matrix, eine Basis, auf der man nimmt?…“
In diesen Fragen liegt ein Weg verborgen; vor allem im letzten Satz, der das Stichwort „Matrix“ liefert. Obwohl die mathematische Prägung in der Wortwahl deutlich wird, schwingt etwas Verbindendes mit. Diese Verbindung, dieses Zwischen gilt es zu durchleuchten, um die idealistische Basis weiterzuentwickeln. Die Phänomenologie tut bis zum heutigen Tage genau das und geht daran, eine Transzendentalphilosphie ohne Konstruktivismus möglich zu machen und eine Ontologie ohne Metaphysik zu denken. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Freier Geist sein.