29.11.
Fragen tue mich heute, ob die zehn vergangenen Teile dieser Reihe Licht gebracht haben in die Frage nach Wesen und Baukunst. Zeit also für eine Relektüre der eigenen Beiträge. Ist klarer geworden, ob Wesen und Sein in Verbindung stehen? Ist klarer geworden, ob Genius loci und Wesen etwas miteinander zu tun haben? Ist klarer geworden, ob es einen artifiziellen Genius loci geben kann -z.B. in einer städtischen Situation- und wie er sich abgrenzt von einer natürlichen? Ist klarer geworden, ob Wesen herausgehoben werden kann aus einem bloß subjektiven Konstruktionsverdacht? Ist klarer geworden, ob Wesen gekoppelt bleiben muss an eine Metaphysik?
Es scheint, dass es nach wie vor mehr Fragen als Antworten gibt. Das macht und hält die Sache spannend. Eine Tendenz kristallisiert sich allerdings heraus. Wie verführerisch, einfach und elegant wäre es doch, Schelling zu folgen, das Wesen mit dem Sein zu verknüpfen und das Ganze ins unbewusste Milieu des Absoluten zu verweisen. In dieses nämlich vermag der Mensch zu blicken und schafft es sogar über das, was ‚man‘ (SuZ lässt grüßen) gemeinhin so Kunstwerk nennt, das Unbewusste bei seiner temporären Bewusstwerdung zu beobachten. Die Signatur dieses Ereignisses könnte dann das sein, was Sein und auch Genius loci meint. Ja, schön und elegant wäre das, aber auch eine intellektuelle Konstruktion, ein Idealismus und damit genauso scheinhaft und relativ wie jedes andere Gedankenprodukt. Das ‘Zurück zu den Dingen’ sollte doch helfen, genau diese Klippen zu umschiffen…
Heute ist mir ein schöner Blogbeitrag unter die Augen gekommen. Er könnte helfen, ein anderes Schlaglicht auf Wesen und Baukunst zu setzen. Der Autor befasst sich mit der Unterscheidung von Denken (ideal) und Erkennen (dinghaft) am Beispiel von Immanuel Kant – ehrlich gesagt und zugestanden einem Philosophen, der bei mir noch ziemlich unbeackert ist, was allerdings seiner unsichtbaren Präsenz zwischen etlichen meiner Zeilen keinen Abbruch zu tun scheint…
Zitat aus „Philosophische Werkstatt“: „…Die reflektierende Problematisierung des sprachlichen Bezugs auf ein An-sich kann immer nur ein zweiter Schritt sein (z.B. „was heißt hier ‘wirklich’“?), der erste Schritt ist immer der (operative) Bezug auf ein Schlechthinniges, Nicht-Modalisierbares – wie könnte man das besser ausdrücken, als es „das Wirkliche“ zu nennen (und dabei im Herzen ein bisschen an Schelling zu denken) – also ein Wirkliches, dem keine (begriffliche) Möglichkeit vorausgeht?…“
In eine ähnliche Richtung gingen meine Fragen über die Verbindung von Wirklichkeit und Möglichkeit in der letzten Folge. Schön ist, dass es bei Kant offenbar einen Ausweg zu geben scheint aus der Konstruktionsfalle des Subjekts und dass das An-Sich eine unsichtbare Schwester der Dinge, ein Noch-Nicht und ein unendliches Möglichkeitenfeld beschreibt. Zum Schluss noch einmal „Philosophische Werkstatt“ (Link s.o.): „…Der Kant, den ich lese, meint das Folgende: Wenn ich „Ding an sich“ sage, DENKE ich etwas qua seiner (mitgegebenen) Nicht-Gegebenheit…“. (Ende)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Schelling.25.11.
‚Etwas‘ können wir nur bemerken, wenn es wirklich ist, wenn es Wirkung hat oder Wirkung erzeugt. Man achte auf die Worte. Wirkung haben meint, dass Sie etwas Eigenes ist, das einem Etwas anhaftet. Dass Wirkung ‚ist‘ wiederum heißt, dass auch die Wirkung Etwas außer sich (oder in sich) hat, dass sie zur Existenz bringt – sonst ‚wäre‘ sie nicht. Liegen im Etwas also zwei verschiedene Kräfte verborgen, die es braucht, um uns gegenwärtig zu werden oder ist es ein und dieselbe Kraft, die die Wirkung zu einer Art Symptom des Seins eines Etwas werden lässt?
„…Wie sich nämlich das Bauende verhält zum Baukünstler, so verhält sich auch das Wachende zum Schlafenden, das Sehende zu dem, was die Augen verschließt, aber doch den Gesichtssinn hat, das aus dem Stoff Ausgegliederte zum Stoff, das Bearbeitete zum Unbearbeiteten. In diesem Gegensatz soll durch das erste Glied die Wirklichkeit, durch das andere das Mögliche bezeichnet werden…“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 188)
Aristoteles knüpft Möglichkeit und Wirklichkeit zusammen. Das Verhältnis beider wird dabei direkt ins Dasein gestellt, denn es ist Etwas. Das ist bemerkenswert, denn man könnte sich doch auch fragen, ob es die Möglichkeit nicht als permanenten und eigenständigen Zustand gibt oder vielmehr als Zustände? Alle Möglichkeiten zusammengenommen und entkoppelt von jedem Etwas in einem unendlichen Gemisch – damit würden wohl nur die Götter fertig werden. Die Menschen müssen sich bei Aristoteles offenbar damit begnügen, die Möglichkeit in den engen Grenzen der Wirklichkeit aufzufassen.
Wenn die Möglichkeiten im Etwas liegen, sind sie also begrenzt. Die Überschreitung der Grenzen wäre der Sprung ins Unmögliche. Das Unmögliche ist aber keine Konstante. Vielleicht ist es nur eine weitere Möglichkeit? Vor zweihundert Jahren wäre es z.B. unmöglich gewesen, ins Weltall zu fliegen. Der Flug ins Weltall ist heutzutage normal und kommt (im Aristotelischen Sinne) zustande durch die Kombinationen von Möglichkeiten verschiedener Stoffe und Substanzen, die wirklich werden.
Was aber ist mit der Möglichkeit als Phantasie? In ihr war es nämlich auch vor zweihundert Jahren möglich, ins Weltall zu kommen. Die Möglichkeit muss also offenbar nicht immer an die Wirklichkeit verwiesen sein, sondern kann ein eigenes Leben führen. Beweisen muss die Möglichkeit sich nur, wenn sie ins Dasein gehoben werden soll. Dann zeigt sich, ob sie reine Phantasie war oder im Sinne des Zugrundeliegenden mit dem jeweiligen Stoff allein oder in Kombination mit anderen wirklich werden kann.
Interessant ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass eine Möglichkeit auch ein Noch-Nicht bedeutet. Das Noch-Nicht ist zwar nicht da oder nicht wirklich, aber dennoch ist es nicht mehr Nichts, ist eine unsichtbare Schwester der Wirklichkeit und ist Etwas, das zwischen dem Nichts und der Wirklichkeit schwebt.
Die Möglichkeit mag gebunden sein an die Wirklichkeit, aber der Mensch ist es, der sie freilässt. Der Mensch ist es auch, der Wandel dadurch möglich macht, dass er das Unmögliche nur als weitere Möglichkeit begreift und sich hinwegsetzt über das jeweilig Wirkliche. Er ist dann der Impulsgeber für das Noch-Nicht bei seinem Weg in eine neue Wirklichkeit. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Freier Geist sein.22.11.
In der letzten Folge kam das Bild von der Schwerkraft auf. Sie schien geeignet, das Wesen der Dinge zu erläutern. Unsichtbar und doch hochwirksam prägt Sie uns. Ist Sie selbst schon das Unbedingte und kann daher ein Analogon sein zum Wesen? Ist das Wesen etwas Absolutes oder Relatives? Ist es jeweilig anders oder immer gleich?
Bei Aristoteles lässt sich zur Relativität des Wesentlichen etwas finden, wenn er über den Stoff spricht. Stoff und Substrat können bei ihm als anfängliche Ursachen -also Wesen- gelten. Der Stoff jedoch ist mannigfaltig: „…Denn wenn jedem Entstehen und Vergehen etwas zugrunde liegt, aus dem es hervorgeht, sei dies eines oder mehreres, warum geschieht denn dies und was ist die Ursache? Denn das Zugrundeliegende bewirkt doch nicht selbst seine eigene Veränderung…“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 10). Wesen als Zugrundeliegendes nennt Aristoteles den Stoff. Der ist aber Wandel unterworfen. Der Wandel deutet darauf hin, dass das Wesen nicht unbedingt ist.
Zum Wandel des Zugrundeliegenden schreibt Aristoteles: „…Dass es ein Prinzip gibt und die Ursachen des Seienden nicht ins Unendliche fortschreiten, weder in fortlaufender Reihe noch der Art nach, ist offenbar…“ (Ebd., S. 37). Mit einem Prinzip, das das Wesen der Dinge jeweils einhegt, scheint er die Grenzen der Wandlungsfähigkeit des Stoffes ausloten und eine Art Bedingung der Möglichkeit des Wesens schaffen zu wollen. Nehmen wir z.B. einen Stein. Der ist substanzhaft (also wesenhaft) und kann sich in eine Skulptur oder eine Gehwegplatte wandeln, aber nicht in einen Apfel oder eine Daunendecke.
Soweit kann ich mitgehen, aber dennoch gibt es Wandlungsformen des Steines, die ihm offenbar nicht ursprünglich (wesenhaft) direkt zugeordnet werden können. So muss er nicht stets ruhen oder lasten, sondern kann z.B. auch klingen oder weich sowie leicht sein und seine Härte verlieren – nehmen wir nur das Beispiel der Steinwolle, mit der Dämmungen an Häusern ausgeführt werden.
Das Wesen als Stoff muss in all seinen Zeiten, Formen und Möglichkeiten deutlich werden. Es muss dabei so mannigfaltig sein, wie der Stoff selbst ist, wird und werden kann. Wesen und Möglichkeit stehen also in einem Verhältnis und deshalb scheint substanzhaft Zugrundeliegendes tatsächlich wandelbar und damit selbst bedingt zu sein. Was aber wäre dann sein Bedingendes? Und auch hier schließt sich die Frage an, ob Dieses relativ oder absolut ist?
Nehmen wir den Wandel genauer unter die Lupe. Was ist Wandel anderes als Bewegung, als Überschreitung des Status quo, als Werden? „…Wie das Werden zwischen Sein und Nichtsein, so ist auch das Werdende ein Mittleres zwischen Seiendem und Nicht-Seiendem…“ (Ebd., S. 38). Ist der Wandel selbst vielleicht das Bedingende des Wesens und somit etwas Absolutes? (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Freier Geist sein.18.11.
Nach der letzten Folge, in der die Art und Weise einer Verbindung von Wesen, Leib und Baukunst verdeutlicht wurde, schwenke ich heute wieder ein auf Aristoteles. Erneut steht dabei seine „Metaphysik“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5) im Mittelpunkt.
Dem Tanz in einem stockfinsteren Raume ähnlich, kommt mir der Textcorpus vor. Der altgriechische Autor scheint dabei bemüht, sich während seiner Choreographie durch einen unaufhörlichen Sprechgesang die Melodie selbst zu geben. Wie ein Kind, das in den Keller muss, um ein Gegenstand zu holen und sich durch das überlaute Pfeifen eines Liedes selbst Mut macht, muss auch Aristoteles ein endloses Lied singen, um der Angst zu begegnen, in der Dunkelheit zu stürzen.
Die strenge Dialektik des Textes gleicht einem Faden, um aus dem Labyrinth wieder herauszufinden oder, um beim Bild eines dunklen Raumes zu bleiben, wäre sie das unaufhörliche Ausstoßen von Lauten, die das Echolot zum Funktionieren braucht, um vor der Kollision zu warnen. Die Dunkelheit im Raume ist das Bild für das unbekannte Terrain, auf das sich der Grieche wagt. Es ist das Weiße auf dem Blatt Papier, das es zu beschreiben gilt. Es ist das Bedingende und selbst Unbedingte. Wie soll man vom Unbedingten anders sprechen können, als fragend, als tanzend?
Das Wesen der Dinge zu suchen heißt, sich an die Dinge anzunähern. Dort wird es sichtbar und dort kann es geschaut und begriffen werden. Das ist das Interessante, denn es weist über die Dinge hinaus, erweitert ihre Grenzen in eine Bedeutungs- und Wirkungsvielfalt: „…Alles dies heißt Wesen, weil es nicht von einem Zugrundeliegenden ausgesagt wird, sondern vielmehr das andere von ihm…“ (Ebd., S. 102)
Aber was ist es dann, dieses Zugehörige, Prägende und doch schwer auffindbare Etwas. Was ist es, das uns Menschen ganz klar werden lässt über ein Ding, einen anderen Menschen, ein Tier? Ist das Wesen dann vielleicht doch nicht grenzerweiternd, wie oben gesagt, sondern eher begrenzend? Trägt diese unsichtbare Dominante eine Prägung hinein in die Welt? Ist das Wesen vergleichbar mit der Schwerkraft, die uns auf der Erde hält – denn auch sie ist unsichtbar und doch höchstwirksam.
Nun, Aristoteles geht systematisch vor und stimmt in sein Lied (siehe oben) ein, indem er den Leser auf den unbedingten Charakter hinweist, den das Wesen haben muss: „…Da wir nun offenbar eine Wissenschaft von den anfänglichen Ursachen uns erwerben müssen, (…) die Ursachen aber in vier verschiedenen Bedeutungen genannt werden, von denen die eine, wie wir behaupten, das Wesen (Wesenheit) und das Sosein ist, (…) eine andere der Stoff und das Substrat, eine dritte die, woher der Anfang der Bewegung kommt, eine vierte aber die dieser entgegengesetzte, nämlich das Weswegen und das Gute…“ (a.a.O., S. 8 ). (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Freier Geist sein.15.11.
Einige Anregungen hole ich mir heute bei Heidegger, bevor ich mit der Aristoteles-Stippvisite fortfahre. Gesprochen wurde das letzte Mal davon, dass Verwunderung nah bei Verwundung liegt und damit die Brücke gebaut in das leibliche Denken, das damit im besten Gegensatz liegt zum logischen Reduzieren akademischer Gangart.
„…Das eigentliche Fundament ist das radikale existenzielle Ergreifen und die Zeitigung der Fraglichkeit; sich und das Leben und die entscheidenden Vollzüge in die Fraglichkeit zu stellen, ist der Grundbegriff aller und der radikalsten Erhellung. Der so verstandene Skeptizismus ist Anfang und auch das Ende der Philosophie…“ (Heidegger; GA 61, S. 35).
Hier steht also der Weg offen für die wohl heftigste Verwundung. Diejenige nämlich, die dem eigenen Ende gleicht: „…Philosophie und was sie ist, kann nur erlebt werden…“ (Ebd.), heißt es weiter. Dieses Erleben ist allerdings nicht das Ziel des Fragens, sondern sein Beginn. Das Erleben eröffnet den existentiellen Zugang zu einem hochbewegten und glatten Untergrund. Wie ein Schlitten, der den Berg herunterfährt und mit hohem Tempo auf einen spiegelglatten, zugefrorenen See schellt, ist der Fragende in die Bewegung geraten und muss nun zusehen, wie er die Situation in den Griff bekommt.
Es wird auch klar, warum eine ‚erlebte‘ Philosophie eng verbunden ist mit dem Wesen der Dinge. Sie will nicht erklären im Sinne vom Festlegen in einer Spezialdisziplin, sondern einen Zugang dazu und die Verbindung dorthin öffnen – und offen halten. In diesem Suchen berührt sie etwas zutiefst Menschliches. Das Suchen, Bewegt-sein, Unterwegs-sein nämlich, baut die Brücke zur wesenhaften Bestimmung der Dinge: „…Philosophisches Erkennen zielt auf etwas Letztes, Allgemeines, das Oberste (…) Sie ist erkennendes Verhalten von etwas…“ (Ebd., S. 57).
Philosophie und Erkennen und Wesen gehören zusammen. Sie werden erschlossen durch ein Verhalten. Dieses Verhalten hat eine leibliche Dimension und geht einher mit einem existentiellen Ergreifen. Eros ist der Schlüssel zu solchem Erkennen und nicht Thanatos, um mal einen Griff in die Freudsche Terminologie zu machen. Wie (im besten Sinne) weit entfernt also ist so ein Philosophieren vom vernünftelnden ‚Eunuchen-Diskurs‘ so mancher?
Wenn Heidegger entlang am Denken des Aristoteles das philosophische Erkennen einem leiblichen Vollzugscharakter gleichsetzt, spricht er auch etwas über die Baukunst, denn auch sie wird wesenhaft, indem sie „…zugleich radikalste Einstellung und ursprünglichster Sinn der Gegenstandserfassung als solcher (ist, CJG)…“ (Ebd.). Eine Architektur, die es vermag, den in ihr versammelten Menschen Möglichkeiten zu Interaktion und erkennendem Verhalten zu eröffnen, gibt ihre Bewohner auch frei in ein existentielles Wirkungsfeld. Sie stiftet eine zutiefst schöpferische Atmosphäre, in der Stimulans herrscht und Raum von räumen begriffen wird. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.11.11.
Heute will ich eine Stippvisite machen und mich fragen, was Aristoteles vor rund 2.400 Jahren über das Wesen der Dinge dachte: „…Denn die Erfahrenen (Weisen, CJG) kennen nur das Daß, aber nicht das Warum; jene (Künstler, CJG) aber kennen das Warum und die Ursache…“. (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 3).
Mit diesem Zitat finde ich den Einstieg in eine Frage, die mir öfter begegnet und die durch eine Skepsis gespeist wird und auch ein tiefes Misstrauen dem Denken gegenüber. Wie kann man an etwas, das vor rund 2.400 Jahren gedacht wurde anknüpfen, ohne sämtliche Entwicklungsschritte bis heute erneut zu durchlaufen?
Die Antwort könnte darin liegen, dass man sich mit den oben genannten Ur-Sachen befasst oder dem Warum. Dieses Vorgehen braucht keine chronologischen, akademischen Weihen. Es gleicht dem Blick auf den Urstrom oder die Quelle. Heidegger schreibt hierzu: „…Anfang ist nicht das Vergangene, sondern, weil er alles Kommende voraus entschieden hat, stets das Zukünftige; als dieses müssen wir den Anfang bedenken…“ (GA 51, S. 15). Ganz andere Fragen sind also wichtig, als die nach akademischer Form.
Der gegenwärtige Zustand als präsente Lebenswirklichkeit des Fragenden macht einen Text interessant. Dabei spielt es keine Rolle, wie alt er ist. Wieso soll nicht ein jeder Mensch zu jeder Zeit in seinem denkerischen Horizont und mit seinen Prägungen und Erfahrungen etwas schon Gedachtes neu denken?
Zurück zu Aristoteles. In der „Metaphysik“ entwickelt er einen Gedanken, den ich übertragen will auf das oben angeschnittene ‚Problem‘ und auch auf den Genius loci. „…Denn Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens (…) Wer sich aber über eine Sache fragt und verwundert, der glaubt sie nicht zu kennen (Deshalb ist der Freund des Sagens auch in gewisser Weise ein Philosoph, denn die Sage besteht aus Wunderbarem)…“ (a.a.O., S. 6).
Nehmen wir den Genius loci als wunderbar in diesem Sinne. Nehmen wir ihn als etwas, das fragwürdig ist. Als etwas, das man nicht zu kennen glaubt. Als etwas, das ein Fragen provoziert. Nehmen wir ihn als räumliche, zeitliche und leibliche Stimulans, die ein präsentes ‚Verhalten zu‘ erfordert.
Die Präsenz eines Genius loci sollte man dann nicht nur als Ort begreifen, sondern auch als ortend. Das Ortende kennzeichnet sich durch seine Abwesenheit und das Verwundern darüber ist die zutiefst schöpferische Reaktion darauf. Das Verwundern ist ein Suchen, eine Bewegung. Der Genius loci gleicht dann einer dauernden und nicht zu beantworteten Frage. Er verweist den Fragenden auch in eine körperliche Reaktion und schafft den Sprung vom Gedanken zum Leib. Verwunderung liegt nah bei Verwundung…(Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.8.11.
Es rauscht der Wasserfall
hier seit langem nicht mehr
Doch sein hoher Ruhm
ist bis heute nicht versiegt
er klingt fort bis in die Ewigkeit
(Dainagon Kinto)
Dieses japanische Gedicht ‚sagt‘ etwas Wesentliches; etwas über das Wesen der Dinge, indem es Begriffe dazu nutzt, ein Wirkungsgefüge zu ermöglichen. Es versucht nicht, die Begriffe selbst zum Träger des Sagens zu machen! Es spricht das, was sich zwischen den Worten abspielt. Etwas, das Dazwischen liegt, steht, wirkt und weilt. Es ist anwesend, ohne direkt angesprochen zu werden. Es ‚ist‘ im Übergang zu etwas anderem.
Dieses Andere ist kein Fremdes. Es gehört zum Daseinenden dazu, ist ohne es nicht möglich. Es ‚ist‘ etwas da, ist vorhanden, obwohl es mit Augen und Ohren nicht zu fassen ist. Trotzdem ist es leiblich. Ist es Teil menschlicher Lebenspraxis, ist präsent in der Welt – zusammen mit uns. Es ist dabei weit mehr, als bloße Erinnerung.
Es ist Nichts und dennoch etwas – ein Paradox. Ein heilsames Paradox! Heilsam ist es deshalb, weil es die Grenzen und Unzulänglichkeiten aufzeigt, mit denen wir leben. Unser kultureller Angang an die Welt sagt uns, dass ‚es‘ definitiv nicht da ist und Bedeutung nur erfährt im subjektiven Reich der Einbildung. Rationalität und Logik zeigen ihre Leerstellen auf und die herkömmliche Sprache kollabiert. Üblicherweise flüchtet man sich in so einem Fall entweder in eine übersinnliche Welt, psychologisiert oder verweist auf die Kunst. Den Künstlern wird noch am ehesten zugebilligt, die Leere und das Zwischen zu Leitthema zu machen.
Zurück zum Gedicht. Ein Ort wird beschrieben. Ein Ort, der von ‚Etwas‘ zeugt, der Zeuge ist und uns zum Zeugen macht. Ein Ort, der zeugt, der führt und überführt. Ein Ort, der öffnet. Das Öffnen führt ins Nicht des augen- und ohrenscheinlich Vorhandenen. Dieses Nicht ist nicht Nichts, sondern ein erfüllendes Etwas. Ein Erfüllendes und Dauerndes. Ein wirkungsmächtiges Dauern, das uns in sich einträgt, das sich uns zeigt, indem es sich zeugt.
Genius loci als sich zeigendes Nicht, als anwesende Abwesenheit, als andauernder Sog…
(Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.1.11.
Immer wieder stößt man beim Thema ‚Wesen‘ auf Fragen, die Weggabelungen gleichen. Man muss sich entscheiden, eine wie immer geartete Metaphysik aufzumachen oder spirituell zu werden oder esoterisch. Eine andere Fraktion will mit diesen idealistischen Grundsatzdebatten nichts zu tun haben, will nur das empirisch Greifbare über Fragebögen und Messinstrumente behandeln, wiegen, durchleuchten, zerlegen und wieder zusammensetzen.
Manche sagen vielleicht, dass etwas Ungreifbares kein Reales sei, sondern reine Einbildung. Wie viel Einbildungskraft gehört aber dazu, ein Thema so komplett auszublenden bzw. sich davon zu überzeugen, dass andere Menschen dermaßen schief liegen? ‚Sich davon überzeugen‘ funktioniert dann als Art Autosuggestion. Das war sicher auch Nietzsches Eindruck als er hierzu schrieb: „… Menschen der Überzeugung kommen für alles Grundsätzliche von Werth und Unwerth gar nicht in Betracht. Überzeugungen sind Gefängnisse…“(KSA 6, S. 236).
Wie aber soll ein Thema ins Denken gehoben werden, das flüchtig, imaginär und nicht empirisch ist, ohne dabei die ‚Welt rein aus den Gedanken‘ entstehen zu lassen? Vielleicht am besten, indem man sich selbst prüft, mit welchem Vokabular, welchen Bausteinen das eigene Denken ausgestattet ist. Vielleicht auch mit der Bereitschaft, neue Vokabeln zu lernen und sich eine Sprache anzueignen, die solch ein Thema zu fassen bekommt?
Was wäre, wenn eine solche Sprache sich nicht nur auf das Wort beschränkte? Was wäre, wenn der Begriff der Sprache selbst schon aufgeweitet werden müsste? Was wäre, wenn die Sprache, die das Wesen der Dinge erklären könnte, auf ihr eigenes Wesen befragt würde, um sich klarer zu werden? Heidegger hierzu: „…Die Sprache erörtern heißt, nicht so sehr sie, sondern uns an den Ort ihres Wesens zu bringen: Versammlung in das Ereignis…“ (Heidegger: GA 12, S. 10).
Wieder einmal müssen wir das vermeintlich Offenkundige durchstoßen, um eine Antwort zu finden. Die Antwort ist sehr räumlich, sehr architektonisch. Einen Ort gilt es zu finden. Dieser Ort ist nur zu finden über Etwas, über das Daseinde, über die Welt und den Menschen. Das Wesen in der Sprache wird nicht erzeugt, eingebildet, eingelegt, interpretiert. Der Mensch hat ‚schlicht‘ Teil am Wesen im Vollzug dessen, was ist. Wesen und Vollzug dessen, was ist und an das sich Wesen jeweils heftet, sind untrennbar verbunden. Deshalb versammeln wir uns in den Vollzug der Sprache, die uns ortet, einen Ort schafft.
Wer über das Wesen der Baukunst nachdenkt, kann nicht ohne den ‚Geist des Ortes‘, den Genius loci auskommen. Solche Orte kennen die meisten Kulturen, also auch die, die nicht wie wir Abendländer im Verdacht stehen, die ‚Welt nur im Kopf‘ zu erzeugen. Wesen zeigt sich hier in seiner ganzen Fülle, seiner Wirkung, seiner Ereignishaftigkeit und seiner prägenden Unsichtbarkeit. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.