25.02.
113: An die Alter Egos: Sie wollte ihren inneren Drang ins Äußere kollabieren lassen und wartete geduldig auf den Moment der Überschreitung…
114: Den Ent-schiedenen: Sie träumte mittlerweile lieber, als zu wachen. Sie war sich sicher, damit die vollkommenere Form des Scheins zu wählen
115: Sie wollte es schaffen, den Geist direkt aus ihrem Leib zu bergen. Sie wollte das Denken und Tun in einen einem einzigen Zuge erreichen…
116: “mit den einfachsten Mitteln die großartigsten Formen und Bahnen und gleichsam eine bewegliche Architektur schaffend” (Nietzsche KSA 1,868)
117: Wesens-Klänge: Manche Melodien sind immer wieder neu, manche schon nach dem zweiten Hören unerträglich. Bestimmt keine Frage der Häufigkeit.
118: Das Lachen über etwas ist mindestens so schnell, wie die Reflexion auf etwas. Vielleicht konnte sie Ihren Geist auf diese Weise einholen?
119: Vilém Fussers Ansatz: das Umgebende ballen als ein Herausklauben und Verdichten unwahrscheinlicher Gestalten aus einem Möglichkeitenfeld…
120: Er hatte sich behauptet. Er hatte sich über die Regel gestellt. Sein Lächeln wirkte seltsam bemüht. Sein Triumph war durchsetzt von Zweifeln
121: An die Pandoraner: Ihr wurde schlagartig deutlich, dass auch die Hoffnung eine Plage war. Zeus hatte doch seine vollkommene Rache bekommen.
122: Den Ge(h)hilfen: In der Philosophie sollte man sich bewegen wie ein Bergwanderer und den Blick auf den Weg richten, anstatt auf den Gipfel.
123: Den Gesundheitsaposteln: Interessant fand sie überzeugte Bio-Supermarkt-Käufer, die sich nachts in Clubs die merkwürdigsten Pillen einwerfen
124: Nur für Schwimmer: Eigene Sinnstellungen so weit auflösen, dass sie ins Fließen kommen und man in Bedeutungen entspannt baden gehen kann
125: Den Fortgeschrittenen: Gestern war es ihm zum ersten Mal geglückt. Er wollte etwas mit derselben Intensität, wie er es nicht wollte…
126: An die Über-Phrasendrescher: Sie dachte immer öfter, dass man sich besser nur auf die Ausdrücke beschränken sollte und Satz-Füllwerk meiden
127: Der Alltag kommt ohne Illusionen aus. Er passiert einfach, will es scheinen (höchste Form der reflexlosen Selbstkonstruktion)
128: Sie saß am Fenster. Sie schwieg dabei so laut, dass das Glas fast zersprang…
129: Wittgenstein erscheint als lebendiger Gebirgsbach, während Heidegger eher ein mächtiger Strom ist, der träge und unaufhaltsam fließt
130: Heidegger erscheint wie literarischer Bruckner. Voller Dynamiken und Brüche und doch noch in einem verbindenden Horizont gesammelt…
131: Die Optimistenprobe: “Ich will, dass Sie mir etwas bedeuten, ehrlich!”, sagte er zu ihr beim dritten Rendezvous.
132: Manchmal rang sie so intensiv um Worte, dass ihre Gegenüber schweißgebadet waren…
133: Ihre Worte waren wie Rasierklingen. Es blieb nichts, als auf deren Kanten zu balancieren. Man lief dabei stets Gefahr, zerteilt zu werden…
134: Präventivkriege: Seine üble Laune müsste förmlich aus dem Gesicht springen und den ganzen Raum fratzenhaft verdunkeln…
135: Die zunehmende Helligkeit stach formlich in seine Augen. Es war, als platzte die Melancholie von ihm ab, wie die Rinde einer Platane…
136: Er: “Wie müsste ein Mensch sein, der weiß, dass er selbst der Punkt ist, an dem sich Himmel und Erde berühren?” Sie: “Am besten blind!”…
137: An die Genießer: Er dosierte seine Ironie gekonnt. Es war, als würde sich die Pointe im Zeitlupentempo entwickeln…
138: Ach Quatsch! Er trug diesen Vorwurf mit dem gleichen, irrationalen Impetus vor, wie die zuvor geäußerte Befürchtung seiner ängstlichen Frau
Quelle: http://twitter.com/CJGrothaus
Gespeichert unter Fragmente.22.02.
G: Im Menschen selbst findet die Verbindung statt von Poesie und Architektur. Das hat Heidegger entlang an Hölderlin entfaltet. Die Frage wäre nun noch, wo oder worin die Interaktionen zwischen den beiden wesenhaften Milieus passieren.
H: „…Das Aufschauen durchmisst das Zwischen von Himmel und Erde. Dieses Zwischen ist dem Wohin des Menschen zugemessen…“ (198)
G: Das Zwischen ist nicht leer; es ist aber auch nicht offenkundig. Es ist eine zur Offenkundigkeit fähige „Matrix“. Das Zwischen ist die verborgene Fülle. Es ist die „Bedingung der Möglichkeit“ schlechthin. Es ist die Basis für das Da-sein-können.
H: „…Dieses Durchmessen unternimmt der Mensch nicht gelegentlich, sondern in solchem Durchmessen ist der Mensch überhaupt erst Mensch…“ (199)
G: Wesenhaft ist es also, zu tun bzw. tun zu können.
H: „…Das Wohnen des Menschen beruht im aufschauenden Vermessen der Dimensionen, in die der Himmel so gut gehört wie die Erde (…) Die Vermessung des menschlichen Wesens auf die ihm zugemessene Dimension bringt es in seinen Grundriss…“ (199)
G: Das Maß-nehmen geht einher mit dem Stellen und Setzen. Aber die größte Maß-nahme ist es, das Nehmen-können selbst zu ermessen. Hier geraten die Dichter und Architekten in die Nähe zum Unaussprechlichen. Dieses kann nicht be-nannt werden, es hat keinen Namen, kein Wort dann es fassen – und doch: es ist da.
H: „…Im Dichten ereignet sich, was alles Messen im Grunde seines Wesens ist…“ (200)
G: Der Dichter erhält das Unausgesprochene. Er erhält und hütet es förmlich. Dichtung lebt vom behutsamen Stellen der Sprache um das Verborgene seiner Ermöglichung herum.
H: „…Das Dichten ist die im strengen Sinne des Wortes verstandene Maß-nahme, durch die der Mensch erst das Maß für die Weite seines Wesens empfängt…“ (200)
G: Dichter halten das Mögliche der Sprache in ihre Präsenz. Architekten stellen das Mögliche des Daseienden in seine Präsenz.
G: Dichter wie Architekten sind in Erstarrungstechniken geübt. Sie operieren mit den Restspuren von Entbergungs- und Offenbarungspräsenzen. Striche von Buchstaben und Striche von Zeichnungen ähneln sich in diesem Punkt.
D: „…Einerseits stellt sie (die Schrift, CJG) (…) die Anstrengung dar, sich symbolisch die Präsenz wieder anzueignen. Andererseits besiegelt sie eine Vertreibung (…) Der Entzug der Präsenz ist die Bedingung der Erfahrung, das heißt der Präsenz…“ (285) (Fortsetzung folgt)
(H: Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch…“; In: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt am Main 2000)
(D: Jacques Derrida: Grammatologie; Frankfurt am Main 1983)
18.02.
G: Wie lassen sich Architektur und Poesie zusammen denken? Was hat das flüchtige und stets wandelbare Milieu der Sprache zu tun mit der festen, soliden und statischen Lastigkeit von Baukörpern?
H: „…das Dichten lässt das Wohnen allererst ein Wohnen sein. Dichten ist das eigentliche Wohnenlassen. Allein, wodurch gelangen wir zu einer Wohnung? Durch das Bauen. Dichten ist, als Wohnenlassen, ein Bauen…“ (193)
G: Der gemeinsame Nenner der beiden „Pole“ Architektur und Poesie oder hier bei Heidegger Dichten und Wohnen ist ihre Verfasstheit, ist ihr Wesen. Das menschliche Leben vollzieht sich wesenhaft. Diese unausgesprochene Basis ist es, die eine vitale Schnittstelle bildet zwischen vermeintlich flüchtigen und festen Zuständen. Der Mensch ist quasi das Bindeglied, er ist die leibhaftige Schnittstelle und auch das Interface, das in alle Richtungen agieren kann; sendend wie empfangend, wenn man das mechanistisch sehen will.
H: „…Allein, woher haben wir Menschen die Auskunft über das Wesen des Wohnens und des Dichtens? (…) Die Sprache winkt uns zuerst und dann wieder zuletzt das Wesen einer Sache zu…“ (193/194)
G: Die Sprache ist kein bloßes Kommunikationswerkzeug bei Heidegger. Um hier mitzugehen, sollte man vermeintliche Kausalitäten vermeiden und das Lebendige selbst als ein Fließen verstehen, denn als ein Festlegen und Beharren in Sinne des modernen Wissenschaftsmenschen. Es geht nicht um richtig oder falsch, logisch oder unlogisch, real oder irreal. Er geht bestenfalls stets um alles gleichzeitig und noch viel mehr darüber hinaus.
H: „…Das gewöhnlich und oft ausschließlich betriebene und darum allein bekannte Bauen bringt zwar die Fülle der Verdienste in das Wohnen. Doch der Mensch vermag das Wohnen nur, wenn er schon in anderer Weise gebaut hat und baut und zu bauen gesonnen bleibt…“ (195)
G: Bauen wird hier ähnlich aufgeweitet wie die Sprache. Bauen ist nicht nur das Setzen eines Steines auf den anderen oder das Verputzen der Wände. Das Wesen des Bauens soll berührt werden. Es steht zusammen mit dem Menschen auf der Erde. Poesie ist nicht allein im Reich der Gedanken verortet. Sie hat auch eine Erdung, sie ist auch fleischlich, sie ist wesenhaft ausgreifend.
H: „…Dieses (das Wesen des Dichtens, CJG) überfliegt und übersteigt die Erde nicht, um sie zu verlassen und über ihr zu schweben. Das Dichten bringt den Menschen erst auf die Erde, zu ihr, bringt ihn so in das Wohnen…“ (196)
G: Der Mensch selbst erscheint als multiples Interface auf der Schnittstelle zwischen Dichten und Bauen, zwischen Poesie und Architektur. Ihm sind Interaktionsformen möglich, weil er sich ansprechen lassen kann vom Wesenhaften, das dem Bauen und Dichten innewohnt. (Fortsetzung folgt)
(H: Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch…“; In: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt am Main 2000)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.15.02.
W: „…Du redest doch vom Verstehen der Musik. Du verstehst sie doch, während du sie hörst! Sollen wir davon sagen, es sei ein Erlebnis, welches das Hören begleitet?…“ (S. 308)
G: Ist es nicht so, als beschreibt Wittgenstein hier auch das Umgehen mit Architekturen? Wird hier nicht das Lotsenken ins Innere zu einer Art Echolot, das hilft, sich am Äußeren ein Bild zu formen? Im leiblichen Vollzug mit dem Begegnenden kann solch ein Lot wirken.
W: „…Es gibt so etwas, wie ein Aufflackern des Aspekts. So, wie man etwas mit intensiverem und weniger intensivem Ausdruck spielen kann. Mit stärkerer Betonung des Rhythmus und der Struktur oder weniger stärker…“ (S. 503)
G: Übersetzung in die Baukunst: Aspekt wäre dann Fassade und Gliederung / Ausdruck wäre dann Form / Rhythmus wäre dann Wechsel und Wiederholung / Struktur wäre dann Raster und Ordnung.
G: Aspektlose Architektur haben wir heutzutage zuhauf. Ein intensiver Eindruck entzieht sich dort. Sammeln kann sich kein Blick an einem Bau, der seine Plastizität verleugnet, er läuft quasi an den glatten und fugenlosen Fassaden hinunter. Was sagt es, was spricht es, wenn der Bau seinen Stand in die Zweidimensionalität zwingt?
W: „…Man kann auch vom Verstehen einer musikalischen Phrase sagen, es sei das Verstehen einer Sprache…“ (S. 309)
G: Was sagt eine Sprache der Bauten, die zwar Ausdruck als Form und Struktur als Raster haben, aber weder Aspekte noch Rhythmus vertreten?
G: Nehmen wir die moderne Musik. Sie lebt fast ausschließlich von Aspekt und Rhythmus. Vielleicht hat sich das Geschwisterpaar Bau- und Tonkunst heutzutage weitgehend entkoppelt? Oder es spricht etwas anderes daraus? Vielleicht, dass die Menschen lieber permanent ihre klingenden Ohrenstöpsel tragen, um den Aspekt- und Rhythmusmangel der gebauten Umwelt besser zu kompensieren?
W: „…Es ist, als hätte das Wort, das ich verstehe, ein bestimmtes leichtes Aroma, das dem Verständnis entspricht. Als unterscheiden sich zwei mir wohlbekannte Wörter nicht bloß durch ihren Klang oder ihr Ansehen, sondern, auch wenn ich mir nichts bei ihnen vorstelle, noch durch eine Atmosphäre…“ (S. 55)
G: Überlagerung der Echolotsignale. Das Subjekt ist *auch* die Grenze zur Welt, aber nicht nur.
(Ende)
Zitate:
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 7, Frankfurt am Main 1984
11.02.
G: Musik ist die Verkörperung des Geistigen, und Poesie ist die Vergeistigung des Körperlichen, soll Grillparzer gesagt haben. Ein interessanter Gedanke. Die Musik dringt direkt ein in den Menschen, in sein Fleisch. Keine Umwege, keine Abstraktionen, keine Begriffe sind nötig. Die Poesie jedoch nimmt sich der Sprache an, um sie zu verflüchtigen. Die Sprache ist aus unserem Fleisch. Sie ist an den Menschen gebunden. Deshalb kann man hier sagen, dass es die Poesie schafft, den Körper zu vergeistigen. Sie sprengt den verengenden Horizont auf und entlässt die Bilder, Abstraktionen, Begriffe aus ihren sprachlich-grammatikalischen Ordnungen.
W: „…Die Frage, ob es sich um ein Sehen oder Deuten handelt, entsteht dadurch, dass eine Deutung Ausdruck der Erfahrung wird. Und die Deutung ist nicht eine indirekte Beschreibung, sondern ihr primärer Ausdruck…“ (S. 12)
G: Nehmen wir den Zustand der apriorischen Reinheit beim Sehen, Deuten, Hören, Sprechen. Ist er er-lebbar auch außerhalb einer abgezirkelten Sphäre des Systems oder der Logik? Sicher nicht, das soll er auch nicht sein. Abgekoppelt von der Erfahrung gleicht dieser Zustand einer (äußerst instabilen) Hygienezone. Instabil ihrem Wesen nach (durch die Energien zur Reduktion), doch höchst stabil ihren formalen Ausprägungen nach (sogar kulturbestimmend, gestell-haft).
G: Menschlich ist vielmehr der Zustand der Unreinheit, der Zustand der gelebten Instabilität ihrem Wesen UND ihren formalen Ausprägungen nach.
G: Interessant ist dabei, dass das apriorische Sprechen aus dem Fleisch kommt und gleichzeitig rein vergeistigt sein will. Das ist einer Fortsetzung der Linie gleich und der direkte Gang ins nur noch Geistige, ins Auflösen des Fleisches.
W: „…Der Begriff S ist kein S? (…) Diese Worte im Satz passen zusammen; d.h. man kann die sinnlose Wortfolge hinschreiben; aber die Bedeutungskörper passen nicht zusammen. ((„Das Meinen gibt dem Satz eine weitere Dimension.“)). (S. 16/17)
G: Sind in der Sprache ebenfalls Weisen der Wirkung deutlich, wie im Gespann von Poesie und Musik? Hier vor allem die Richtung Fleisch zu Geist? Ist der Bedeutungskörper das Poetisierungspotential der Sprache?
W: „…Denk z.B. an gewisse unwillkürliche Deutungen, die wir der einen oder der anderen Stelle des Musikstücks geben. Wir sagen, diese Deutung drängt sich uns auf. (Das ist doch ein Erlebnis). Und die Deutung kann aus gewissen, rein musikalischen Beziehungen erklärt werden – wohl aber, wir wollen ja nicht erklären, sondern beschreiben…“ (S. 12)
G: Deutung als Ausdruck der Erfahrung der Unreinheit, Unklarheit der Verhältnisse ist die menschliche Verkehrsform.
G: Deutung sprachlich erklären geschieht nur im Zulassen der Dimensionierung von poetischen Sprachkörpern.
G: Deutung erfahren ge-schieht über die Musik.
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 7, Frankfurt am Main 1984
7.02.
79. Es reichte ihm der Anschlag einer einzigen Taste auf dem Klavier und er hatte alle Phasen des werdend-verklingenden Da-Seins vor Augen
80. An die Selbstdrücker: Hab ich viel zu tun heute, wurde sie nicht müde zu betonen, als sie nach dem dritten Kaffee kurz die Zeitung senkte
81. Ein Jammer, er war so putzig, dachte sie, während sie den toten Wellensittich der Kinder zerteilte, um ihn durch die Klospülung zu kriegen
82. Hätte ich doch nur nicht so viele Erwartungen, dachte er, als er sich enthusiastisch auf den Weg zur nächsten Enttäuschung machte…
83. Vergehende Sterne: Für ihr Alter war sie zu stolz, daher schmerzte es sie immer mehr, erhobenen Hauptes an den Bewunderern vorbeizuschreiten
84. An die Stoiker: ihre unbedarfte Natur half ihr auch dieses Mal, dem unerwarteten Schub negativer Energie mit Gleichmut zu begegnen…
85. Ist der Zweifel der schlecht erzogene Bruder der Möglichkeit?
86. Missverständnisse: Sie aß und aß, aber das Abnehmen wollte einfach nicht klappen…
87. An die Selbstängstlichen: Sorge machte ihr vor allem, dass sie langsam die Fähigkeit verlor, sich etwas vorzumachen…
88. An die Physiognomiker: Langsam lastete die Ernsthaftigkeit in ihrem Gesicht immer stärker. Sie bekam davon sogar Muskelkater im Kiefer…
89. An die Unbändigen: Sein Freiheitsdrang war mittlerweile so mächtig geworden, dass er sogar die Bedeutung einer Tasse nicht mehr akzeptierte
90. Ein Ausweg schien ihn zu sein, mit dem Sprechen aufzuhören. Würde sich dann das Deuten verlieren? Würde sich dann das Eigentliche zeigen?
91. Sie begriff schlagartig, dass ihre Offenheit entwaffnend war. Sie begriff ebenfalls, dass sie sich die ganze Zeit im Kriegszustand befand
92. Wie eine Welle wollte er sein Haus, in ständiger Veränderung sollte es sein. Alles war ihm ganz klar – nur der Architekt verstand kein Wort
93. Die Welt als Setzkasten: Er würde stets auf den schmalen Graten der Trennwände balancieren und den Abstieg ins Gestell tunlichst vermeiden
94. An die Perspektivenüberschreiter: Aus dem Flugzeug betrachtet, sah er die andere Gestalt des Schnees. Sie glich eher endlos langen Fäden…
95. An die Maß-Tester: Sie war noch zu unerfahren, ging es ihm durch den Kopf, als er ihr etwas zu deutliches Blicken bemerkte…
96. Eines Tages fragte sie sich, wann sie begonnen hatte, die Wäscheklammern auf dem Ständer nach Farben sortiert in Linie auszurichten…
97. Sie schwangen beim ersten Treffen dermaßen auf einer Welle, dass auch schon das Ende der möglichen Beziehung sich schmerzlich abzeichnete
98. Lange würde sie ihn nicht mehr verstecken können, dachte sie und verbarg wie jeden Tag ihren dritten Arm sorgfältig unter dem Pullover…
99. An die Tiefen: Sie war etwas Besonderes, denn ihre Würde hatte keine Nähe zum Stolz, sondern eher zum Geheimnis…
100. U-Bahn-Reiher: Ihre Beine wirkten wie überlange, dünne Stelzen, die stumpf in dem zu schmal geratenen Becken steckten…
101. U-Bahn-Ohrenkrieger: Der kreischende Sound aus den Kopfhörern seines MP3-Players umgab ihn wie ein Verteidigungswall…
102. Manchmal scheint es, dass auch lange Freundschaften nur gedehnte Irrtümer sind. Das spricht etwas über den Grad der Erwartung…
103. Schauspielerplagen: Desinteresse zu signalisieren, stengte sie zunehmend an und auch, das Weggucken nicht wie Blickstarre wirken zu lassen.
104. Den Selbst-Befreiten: Mittlerweile genoss sie es, ihre Gesprächspartner mit hinabzuziehen in die teils lähmende Tiefe ihrer Gedanken…
105. An die De-konstrukteure: Sie forderte vom Gegenüber die gleiche Bereitschaft zur Selbstwiderlegung, die ihr seit einiger Zeit zu eigen war
106. An die Sirenen: Als sie deren Wirkung bemerkte, bemühte sie sich, ihre Stimme noch tiefer, gedehnter und schwebender klingen zu lassen
107. An die Skeptiker: Manchmal passierte es, dass ihm etwas ganz plausibel erschien. Sein Widerstand wuchs daran stets ins Unermessliche…
108. An die Ohn-mächtigen: Sie konnte es nicht fassen und dennoch, sie wollte belogen werden. Dann erst fühlte sie sich besser – kurz jedenfalls
109. Wie üblich wurde sie von ihm mit Berührungen markiert, wenn ein anderer Mann in der Nähe war. Es wurde ihr von Mal zu Mal unangenehmer…
110. Der Wille wächst am Widerstand. So beschloss er eines Tages, kein Mensch mehr zu sein…
111. Die ganze Gewalt ihrer Freude ängstigte sie. Schon mit einer sehr zurückhaltend wirkenden Geste war sie mehr als beschäftigt…
112. Mit 26 Buchstaben kann die Sprache eine unendliche Anzahl Sätze bilden. Das hielt ihn einstweilen davon ab, mit dem Sprechen aufzuhören…
Quelle: http://twitter.com/CJGrothaus
Gespeichert unter Fragmente, Freier Geist sein.4.02.
G: Was ist denn eigentlich das Spannende an Wittgenstein? Er hat sich nicht daran gemacht, ein komplexes, gedankliches System zu errichten. Er schottete sich nicht in einem intellektuellen Dickicht ab. Er dachte in Fragmenten. Sein Denken lässt den Leser in sich hinein. Es hat genügend Weite, um die aufgenommenen Fragmente durch eigene zu ergänzen. Meistzitiert ist er unter den Autoren des 20. Jh. Kein Wunder, denn er ist ganz nah dran an uns Menschen. Er legt nicht nur die Hand auf den Puls des Subjektiven, sondern schaffte es, die eigenen Herzschläge mit denen seiner künftigen Leser zu synchronisieren.
G: Wittgenstein hatte keine Angst davor, sich zu entblößen. Die Verquickung des lebendigen Ganzen seiner selbst mit dem philosophischen Denken, lassen ihn immer noch zeitgemäß sein. Die Zweifeln, Kämpfe und Hoffnungen sind Eckpfeiler in seiner Arena, die auch unsere ist. Der Doppelnatur (Geist, Materie) dieses Kulturraums versuchte er, eine neue Richtung zu weisen. Den allmächtigen Intellekt und seinen Diener, die Sprache, brachte er hierzu in etlichen Bewegungen immer und immer wieder an seine Grenzen. Er versuchte, mit der Sprache über die Sprache hinauszukommen bzw. die Grenzen der Sprache und damit auch die Grenzen des Intellekts zu bestimmen.
W: „…Es ist merkwürdig, dass wir das Gefühl, dass das Phänomen uns entschlüpft, den ständigen Fluss der Erscheinung, im gewöhnlichen Leben nie spüren, sondern erst, wenn wir philosophieren…“ (S. 83)
G: Man sollte nicht soweit gehen, die oben beschriebene Doppelnatur (Geist, Materie) gänzlich zu verdammen. Zu lange schon sind wir im Abendland auf diesem Weg. Wir brauchen die Reflexion, das reine Geistgeschöpf, um mit uns selbst und anderen Menschen zu interagieren. Darauf gründet unsere Kultur. Auf die Balancen zwischen Geist und Fleisch kommt es an.
S: „…Das Wirkliche für das reflektirte Erkennen wird bloß gesetzt durch Begrenzung, denn es wird für das reflektirte Erkennen bloß gesetzt, sofern es in der Zeit gesetzt, d.h. unter dem Begriff der Dauer gedacht wird. So wie also die unendliche Möglichkeit der Wirklichkeit in der absoluten Realität, so liegt die Wirklichkeit in dem, was absolute Nicht-Realität – bloße Grenze ist…“ (Band 6, S. 520/52)
G: Ins Verhältnis kommen zu etwas, das nicht ich ist. Hier zeigt sich eine grundsätzliche intellektuelle Bewegungsart. Grenzwesen und Zwischenexistenzen scheinen wir zu sein. Klar wird, dass wir etwas begegnen. Es muss uns also vorhanden sein. Dass es da ist, bringt uns zum Reflex, sei er nun körperlich oder geistig. Da-sein muss nicht unbedingt verbunden werden mit etwas Konkretem. Wirk-lich, also Wirkung-habend kann auch etwas sein, das keine konkret vorhandene, dingliche Basis hat. Nehmen wir beispielsweise eine Erinnerung, die Freude auslöst.
S: „…Die Dauer ist nichts anderes als ein fortgehendes Setzen seines (des Dinges, CJG) Allgemeinen in sein Concretes. Vermöge der Beschränktheit des letzteren ist es nicht alles und in der That auf einmal, was es seinem Wesen oder seinem Allgemeinen nach seyn könnte…“ (Band 5, S.376)
G: Hier scheint die Doppelnatur (Geist, Materie) wieder auf und wird von Schelling weiter nach vorn gedacht. Jedes Ding hat tieferes Potential in sich. Wenn es in einer anderen Form gewahrt wird, als der der beschränkten Zeitlichkeit, kann es sich zeigen. Dieses Potential ist nur zu erfahren durch unsere Verfassung als Grenzwesen und Zwischenexistenz.
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 2, Frankfurt am Main 1984