24.03.
139. Langeweile scheint die Abwesenheit von Präsenz zu sein, dachte sie sich, während die Welt um sie herum begann, sich unendlich zu dehnen
140. Den Quantenmechanikern: Wunschkinder; als solche betrachtete er nun die Technologien. Sein Glaube an ihre guten Manieren war geschwunden…
141. Man muss die Ahnung davor schützen, dass sie in Vorstellungen kollabiert…
142. Klarheit herrscht in unserer Welt auf Kosten des Unklaren…
143. Wie kann das Bauwerk Etwas zeigen, das sein eigenes Anderes ist?
144. Manche hielten sie für zurückgeblieben, aber er wusste, dass er es lediglich mit einer tadellosen Haltung zu tun hatte…
145. Manchmal versicherte er sich des Moments, indem er fahrende Autos so nah streifte, dass er ihre Wärme spürte…
146. Sie wusste nicht recht, ob es ein Grund zur Freude war, dass es ihr mittlerweile sehr gut gelang, sich selbst schwer zu beleidigen…
147. Den Entschlossenen: Oberkörper leicht, Arme weit nach vorn gestreckt, Blick konzentriert. So würde sie sich künftig immer die Hände cremen.
148. Um wie viel überstieg doch die Information der Helligkeit jede sonstige! Kein Ver- oder Vor- oder Einstellen, sondern nur blanke Präsenz…
149. Es war, als leuchtete ihn die Sonne von innen aus. Seine Augen waren tatsächlich nur Durchgänge…
150. An die Projektionswilligen. Eine reinere Form der nonverbalen Kommunikation gab es für sie nicht, als allein an einer Bar zu sitzen.
151. Mittlerweile waren ihr die Blicke egal, wenn sie in der U-Bahn den Schirm aufklappte und damit begann, sich das linke Nasenloch zu weiten.
152. Corporate Identity: Wie schlüssig doch sein Doppelkinn, die spießige Brille und das unangenehme Wesen miteinander korrespondierten…
153. Seine Aura verbreitete sich wie ein Geruch. Sie blieb zwar unsicht- aber wahrnehmbar und intensivierte sich, je näher er kam…
154. Verbaltsunami: Wie turmhohe Wellen drangen ihr die Rufe nach Contenance aus dem Mund…
155. Der dicke Batzen Glück passte kaum in seine Hand. Er schleuderte ihn mit höchster Wucht auf seine Gegenüber…
156. Trotz größter Mühen gelang es ihr heute morgen nicht, ihre wild flatternde und schrill schreiende Kaffeemaschine einzufangen…
157. Knatternde Motoren, im Gleichschritt stampfende Stiefelabsätze, rythmische Gesänge. An irgendwas erinnerte ihn der Sound in dieser Passage.
158. Wie elegant die Bewegung des LWK wirkte, als er bei Rechtsabbiegen den Fahrradfahrer zermalmte.
159. Er liebte die Momente, in denen alles in Zeitlupe abzulaufen schien. Man konnte dann den Redeströmen viel besser ausweichen…
160. Er brauchte mittlerweile den Kampf gegen die Müdigkeit. Dessen Energie übertrug sich direkt ins Gedachte.
161. Den Ideen-Bändigern: Er hatte oft Mühe, die reine Möglichkeit in ihre Wirklichkeit zu zwingen und dort zu halten…
162. Der Kaffee in der Tasse war heute nicht so gesprächig wie sonst…
163. Übung macht den Meister. 1,73 Sekunden brauchte sie mittlerweile nur noch, um ihre Zunge 2,32 m aus dem Mund schnellen zu lassen.
164. Ihr Tisch war heute wolkig. Sah zwar gut aus, machte aber durchaus Mühe, die richtigen Tasten zu treffen…
165. Wenn der Spülmittelschaumberg doch nicht immer so tropfen würde. Sonnst hatte sie ja nichts dagegen, dass er sich gern zu ihr gesellte…
166. Moton Feldman kam ihm heute vor wie ein zögernd näherkommender gigantischer Rochen, dessen Schwingen ihre dunklen Schatten weit vorauswarfen
167. Gedanken klopfen an den bleiernen Schleier der Müdigkeit, der machmal über ihnen liegt. Ihr rhythmisches Geräusch mahnt, nicht aufzugeben…
168. Sie wollte ihn nicht zu viel aufheitern. Sie brauchte die Gravitation seiner Ernsthaftigkeit…
169. Im Gegensatz zu ihm und seiner Stirn kroch die Schwermut stets über ihren Mund in sie hinein…
170. Den Kausalitätsverächtern: Fortan würde er seine Mitmenschen immer zuerst beleidigen, bevor er zur Mildtätigkeit ansetzte…
171. Er liebte die Momente, wenn die Struktur so komplex wird, dass sie zur reinen Bewegung übergeht…
Quelle: http://twitter.com/CJGrothaus
Gespeichert unter Fragmente.21.03.
G: Nehmen wir die Wahrnehmung als Poesie, nehmen wir sie als poiesis – „Erschaffung von“. Erschaffung ist hier nicht verbunden mit dem Stellen – etwa eines Dinges, einer Isoliertheit neben die andere. Erschaffung meint Bergen. Bergen als Angesprochen-werden-können. Angesprochen-werden-können im Zwischen.
G: Zwischen meint die Sphäre als Lebensraum des Menschen; meint Sphäre als das Offene zwischen Himmel und Erde, das der Mensch durchmisst (siehe hier). Zwischen meint Gewährung bzw. Gewähren-lassen-können durch die Wahrnehmung.
MP: „…dass der Mensch nicht eine Seele und ein Leib ist, sondern eine Seele mit einem Leib, der deshalb zur Wahrheit der Dinge Zugang hat, weil sein Leib wie in sie hineingetrieben ist…“ (24)
G: Die Wahrnehmung als Poesie wäre reine Möglichkeit, die durch den Menschen in die Wirklichkeit gehalten wird, ohne in ihr zu erstarren. Nur im Zwischen kann die Wahrnehmung gelingen. Sie kann nur gelingen als Wandel und die Möglichkeit zum Wandel. Wandel und Werden bekommen eine Form – und die Form heißt Poesie.
G: Wäre Baukunst als Möglichkeit dann Er-möglichung von Wahrnehmung oder könnte sie selbst zur Wahrnehmung werden? Wie würde eine Baukunst sich stellen, die selbst Wahrnehmung wäre, die selbst Poesie wäre?
G: Befragen lassen könnte sich ein solches Gebäude nicht herkömmlich. Eine Sprache müsste gefunden werden. Der Nutzen, die Funktion, die Rentabilität, die Ordnung hätten in einer solchen Sprache keine Ent-sprechung. Ein solches Gebäude wäre eine Zu-mutung. Es gehörte Mut dazu.
G: Eine Baukunst als Möglichkeit wäre nicht fest, nicht berechenbar; sie wäre wandelnd; sie wäre ansprechbar; sie würde nicht stehen bleiben; sie wäre auf eine neue Weise technisch; sie würde atmen, könnte anschwellen und schrumpfen; sie wäre ohne Kontur; sie ließe sich nicht ausrechnen; sie gediehe in der Luft; sie wäre einer Wolke gleich; sie wäre grenzenlos; sie wäre Form wozu; sie wäre ihr anderes – zu jeder Zeit; sie wäre bergend und entborgen – zu jeder Zeit…
G: Baukunst als Möglichkeit wäre geknüpft an den Wandel, das Werden, das Fließen. Sie wäre das Diffuse in ihrer Ordnung. Sie wäre paradoxal im besten Sinne. Sie wäre nomadisch, wäre im inneren Exil, in innerer und äußerer Nomadisierung. Sie wäre wie ihr eigener Schatten. Eine Gravitation in sich selbst. Ein schwarzes Loch. Eine blühende und sich selbst verzehrende Größe. Ein Aufbäumen und Zusammenfallen in einem Zuge.
G: All das könnte Baukunst vielleicht sein, stellte sie sich selbst (dar) als Wahrnehmung. Wie lebte es sich in einem solchen Bauwerk? Welche Maßstäbe könnte man anlegen, welche Fragen könnten gefragt werden? (Fortsetzung folgt)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Causerien 1948, Eichenau 2006)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Fokus: Merleau-Ponty.17.03.
Sie war wieder da, diese erhebende Schwere…
Selbst Atlas könnte nun die Kraft bekommen, die Welt mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen zu tragen…
Es war, als richteten sich die Augen in den Himmel. Das Licht ließ für kurze Zeit etwas anderes zu…
Endlich konnte man sich verbeugen. Dabei nur scheinbar vor einem Menschen. Viel eher vor Gott selbst…
Es war wie das Ende eines Sommergewitters, in dem das Blau des Himmels vom satten Duft der nassen Erde und den abziehenden Regenwolken lebt…
Stets ansteigend trieb der Aufbruch die vorangegangene Lethargie vor sich her…
Die Sammlung war voller Lebendigkeit. Alles schien möglich zu sein…
Die Verwundbarkeit überschritt manches Mal die Grenze zur Verzweiflung…
Die Kehre gelang stets und auch das Aufrichten…
Der heroische Blick fokussierte die Unendlichkeit. Es war die Leere im Angesicht…
Die Geister des Zweifels blieben dennoch. Es würde auch weiter ein Auf und Ab sein…
Der Mut gab den Takt. Seine Intervalle erzeugten jedoch noch kein dauerndes Vertrauen…
Der Mut leitete nicht heraus aus der Ausweglosigkeit. Er hielt sie nur in Bewegung…
Ein Anritt konnte nur überstürzend gelingen…
Das Tempo steigerte sich teilweise bis zur Überforderung…
Selbst die Rückschau auf das Gelungene behielt die etwas zögerliche Nachdenklichkeit…
Die Freude blieb verspannt in einer promethischen Tragik…
Die Leichtigkeit überstieg sich nie. Sie hielt stets ihre Grenze ein. Das hohe Tempo konnte nicht darüber hinwegtäuschen…
Der Abschied war so schwer wie der Beginn. Ein Kreis hatte sich geschlossen…
(Beethoven, Klaviersonaten Op. 109-111)
Gespeichert unter Fragmente, Musik denken.14.03.
G: Eine entscheidende Überkreuzung von Architektur und Poesie zeigt sich in der menschlichen Wahrnehmung. Steht sie allein im Zentrum des Denkens, ist sie nämlich geeignet, die traditonsbeladene Wahrheit zu verdrängen. Sie steht damit auch als Wegmarke und beschreibt einen Ausweg aus den Doktrinen eines rationalitätsfixierten Akademismus.
G: Nicht der beliebig reproduzier-, teil- oder mathematisierbare Begriff, der sich zur Universalität aufschwingt, gliedert den Zugang von Mensch und Welt, sondern ein höchst dynamisches, strengstens augenblickliches Geflecht. Eines, das nicht weniger absoluten Charakter hat, jedoch eine weitaus höhere Bandbreite offen hält, als es die freiwillige Selbstbeschränkung der Vernunft zu leisten in der Lage wäre.
MP: „…Das Ding stellt sich nicht schlechthin als wahr für jedes erkennende Wesen dar, sondern als wirklich für jedes Subjekt, das meine Wahrnehmungssituation teilt…“ (36)
G: Wahrnehmung tritt an die Stelle von Wahrheit.
G: Wirklichkeit tritt an die Stelle von Gesetz.
G: Begriffe müssen kapitulieren vor der Wahrnehmung, denn sie reichen nicht hin zu deren unmittelbarem Charakter (siehe hier ein Selbstversuch anhand der Beschreibung eines Musikerlebnisses mit Jean Sibelius).
G: Wie ist es mit der Poesie? Sie sah sich oft mit dem polemischen Postulat des bloßen Irrationalismus konfrontiert, denn Sie bedient sich bestenfalls begrifflicher Hülsen und nicht der Begriffe selbst. Insofern war sie schon immer die ungehorsame Schwester der Vernunft und sie war dabei ihre bessere Hälfte.
N: „…Die Poesie löst fremdes Dasein im Eigenen auf…“ (325)
G: Die Poesie hilf, Begriffe kollabieren zu lassen. Sie wirkt wie die Hitze, die dem Wasser ermöglicht, sich in Dampf zu transformieren. So wie das Wasser, nimmt der Begriff eine andere Form an. Er öffnet sich, in dem er ins dynamische, strengstens augenblickliche Geflecht einer neuen Wahrnehmbarkeit zurückkehrt.
MP: „…So wie die Wahrnehmung eines Dinges mich dem Seienden gegenüber öffnet, in dem sie die paradoxe Synthese einer Unendlichkeit von wahrnehmbaren Aspekten verwirklicht…“ (52)
G: Wie wäre es, die Wahrnehmung als menschliche Befähigung ernstzunehmen, vorreflexiv und damit wirk-lich selbst an der Welt Teil zu haben? Wie wäre es, den damit einhergehenden, multiperspektivischen Zustand zum Ausgangspunkt einer Architektur zu machen? Wie wäre es, die Suche nach Logik, Ordnung und Geschichte zu unterlassen? Wie wäre es, Architektur zu machen, die die Wahrnehmenden in ihrem poetischen Potential hält? (Fortsetzung folgt)
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Das Primat der Wahrnehmung, Frankfurt am Main 2003)
13.03.
Die Ahnung trieb auf die nächste Ernüchterung zu, denn der vermeitliche Gipfel war wieder nur ein Grat und ihm folgte die nächste Senke…
Es war wie der Versuch, die wilde See glattzustreichen. Der Hand folgte augenblicklich der nächste Strudel…
Die Hölzbläser schafften es immer wieder, den Andrang der Streicher zu bändigen. Sie hielten die klare Kontur – wie der Rahmen das Bild…
Blechbläser und Steicher liefen mit ansteigendem Tempo aufeinander zu. Sie kollidierten aber nicht, sondern verschmolzen zu einem gewaltigen Blitz, der mit leichter Verzögerung verheerend explodierte….
Die Streicher gaben auch in den höchsten Kulminationsstufen des Geflechts die gliedernde Bewegung…
Das bisschen der Blechbläser reichte oft aus, um fast zu bersten…
Machmal egalisierte die gleichmäßige Fülle alle treibenden Kräfte zu einem gemeinsamen Anschwellen…
Die Gefahr war groß, in zu hohem Tempo auf den Gipfel zu stürmen. Man fiel zu leicht in die Tiefe dahinter…
Das weite Tragen der Holzbläser lebte von Zeit zu Zeit vom entfernten, kurzweiligen Geplaudern der Streicher…
Das schicksalsschwere Thema brachte sich an den wichtigen Stellen stets in Erinnerung…
Die Pauke schlug einen Riss. Die Streicher folgen sofort dem eindringenden Lichtschein und drangen an die Oberfläche. Danach gab es kein Halten mehr und die Mauern fielen…
Es gelang, die Kontrabässe in einer hauchdünnen Sphäre fast unhörbar wirken zu lassen…
Die Blechbläser zogen am Ende langsam, doch unaufhaltsam die Seele aus dem Leib…
Die Pauken verhinderten das Sterben und trieben einen zurück in die Gegenwart…
(Jean Sibelius: Sinf. 4)
Gespeichert unter Fragmente, Musik denken.12.03.
Als verliefe man sich in den unendlich gefalteten Formen der Variationen…
Alles fügte sich in einer zusammenhängenden, permanenten Bewegung…
Es war, als bekäme die Zeit ihr Gepräge…
Es war wie ein Ein- und Auszoomen in die Struktur der Zeit…
Der Augenblick selbst brauchte kein Vehikel mehr, um präsent zu sein…
Ungestüm schlossen die Bestandteile sich an. Sie schmettern förmlich auf die Struktur…
Mehr Ruhe zeigte sich im Vogelflug…
So sehr das Tempo sich auch steigerte, alles hielt zusammen…
Der starke Pulsschlag prägte noch die in die Langsamkeit gekommene Dynamik…
Der Abschied war gesättigt von Erinnerung und doch gleichzeitig voller Neugier auf eine Wiederkehr…
(J.S. Bach: Goldberg Variationen)
Gespeichert unter Fragmente, Musik denken.7.03.
MP: „…Welt (…) als universaler Stil jeder möglichen Wahrnehmung…“ (34)
G: Nehmen wir Merleau-Ponty beim Wort. Dieses Wort nämlich kann den Weg weisen für eine dichterische Architektur. Wenn das Wohnen ein Wesenszug des Dichtens ist und umgekehrt das Dichten in seinem Durchwalten des öffnenden Zwischen den Menschen bauend auf der Erde hält, dann sollte sich Baukunst als eben dieses öffnende Zwischen begreifen.
G: Es ginge in einer solchen Baukunst um die Möglichkeit; es ginge in ihr um Unklarheit im Ganzen, die die temporäre Klarheit des Teiles erst entstehen lässt; es ginge in ihr darum, zum Wohnen zu kommen – selbst dazu zu kommen. Es ginge um Ermunterung, um Ent-deckung.
N: „…Lessing sah zu scharf und verlor dabei das Gefühl des undeutlichen Ganzen, die magische Anschauung der Gegenstände zusammen in mannigfaltiger Erleuchtung und Verdunkelung…“ (326)
G: Das Bauen bliebe auch beim fertigen „Produkt“ ein Weiter-Bauen. Es bliebe ein Angebot. Es wäre dem Menschen gleich, indem es zur Teilhabe einlüde am verbindenden Wesenszug des Entwerfens. Es ermöglichte Wahrnehmung und damit den schöpferischen Zugang zur Welt – zum in der Welt sein.
N: „…zur Welt brauchen wir den Entwurf – dieser Entwurf sind wir selbst …“ (329)
G: Architektur kann ihr dichterisches Potential dann entfalten, wenn sie zum Angebot wird, wenn sie einlädt zum Perspektiven-Werfen, wenn sie darauf verzichtet, selbst die bestimmende Perspektive vorzugeben.
G: Das öffnende Zwischen ist die lebendige „Sphäre“, ist ein Ganzes im steten Wandel. Mit der Wahrnehmung haben wir den Zustand, der das Ding „umgibt“, der es uns erscheinen lässt. Wir haben das Wahrzunehmende dann in seiner nackten Präsenz; wir haben es weit vor dem, was eine spätere Begriffsarbeit uns gibt.
MP: „…Die Wahrnehmung wird hier verstanden als Bezugnahme auf ein Ganzes, das prinzipiell nur durch bestimmte seiner Teile oder Aspekte erfassbar ist…“ (32/33)
G: Eine Dichtung könnte die Architektur uns werden, wenn sie sich als Ermöglicherin dessen begriffe, *dass* etwas da ist, auf das reagiert werden kann.
N: „…Das Leben oder das Wesen des Geistes besteht also in Zugang, Gebährung und Entzug seines Gleichen…“ (329)
(Fortsetzung folgt)
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Das Primat der Wahrnehmung, Frankfurt am Main 2003)
1.03.
G: Bleiben wir bei der Wahrnehmung von Etwas. Von Etwas, das da ist und doch nicht da ist. Eine ziemliche Zumutung für einen objekt-subjekt-konditionierten Gegenwartsbewohner. Eine Zumutung auch, dieses Etwas er-klären zu wollen, denn gerade das kann ja nicht gelingen.
G: Wie soll Sprache Etwas fassen, für das es keine Vokabeln gibt? Wie kann das Bauwerk Etwas zeigen, das sein eigenes Anderes ist?
H: „…Der Dichter ruft in den Anblicken des Himmels Jenes, was im Sichenthüllen gerade das Sichverbergende erscheinen lässt und zwar: als das Sichverbergende…“ (204)
G: Klarheit herrscht in unserer Welt auf Kosten des Unklaren. Das Letztere ist bestenfalls der überflüssige Rest. Ein Messen und Stellen, das im Ergebnis einem Burgwall gleichkommt; einer Trutzburg vielleicht, auf der Abwehrkämpfe gegen das Unklare geführt werden können.
H: „…So könnte es sein, dass unser undichterisches Wohnen, sein Unvermögen, das Maß zu nehmen, aus einem seltsamen Übermaß eines rasenden Messens und Rechnens käme…“ (207)
G: Eine gute Methode ist es einstweilen, sich im Fragen zu üben. Wie ein Lot, das gesenkt wird, kann die Frage das Klare verlassen und den unklaren Grund berühren.
G: Ein Bild vom Wasser hat der Seefahrer noch, aber das Darunterliegende bleibt verborgen, bleibt unklar, existiert nur als Ahnung.
W: „…Die Substanz ist das, was unabhängig von dem, was der Fall ist, besteht…“ (13)
G: Die Ahnung des Anderen passiert. Sie wird präsent, bevor sie in objektive Vor- bzw. Verstellungen kollabiert.
MP: „…Die Wahrnehmung als Begegnung mit den natürlichen Dingen steht im Vordergrund unserer Untersuchung, und zwar nicht als schlichte Sinnesfunktion, die alle anderen Funktionen erklären könnte, sondern als Archetyp der originären Begegnung, die in der Begegnung mit dem Vergangenen, mit den Imaginären und mit der Idee nachgeahmt und erneuert wird…“ (207)
G: Gehen wir also zurück in unsere Zukunft; in das Zukünftige schlechthin, das doch stets augenblicklich wie gegenwärtig bleibt.
H: „…Ein-Bildungen als erblickbare Einschlüsse des Fremden in den Anblick des Vertrauten…“ (205)
G: Gehen wir in den Kreissaal des (auch unseres) Daseins, in dem *unaufhörlich* Etwas zur Welt kommt. Der Vater des Neugeborenen wird bezeugt durch die Niederkunft, bleibt aber selbst inkognito. Die Mutter wird durch uns Geburtshelfer permanent entbunden.
H: „…Das Aufschauen durchmisst das Zwischen von Himmel und Erde. Dieses Zwischen ist dem Wohin des Menschen zugemessen…“ (198)
(Fortsetzung folgt)
(H: Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch…“; In: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt am Main 2000)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare, München 1986)
(W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe, Band 1, Frankfurt am Main 2006)