11.10.
Vertiefen möchte ich heute die Frage nach der „totalen Gegenwart“, mit der ich zuletzt endete. Einen oder vielmehr mehrere Schritte werden zurück gemacht werden müssen, um herauszufinden aus dem rein Relativen und Ideellen beispielsweise einer politischen Betrachtung, die in der letzten Folge dieser Reihe auftauchte. Interessant bleibt freilich die Frage, wie ideell das Umgebende, das Dasein ist, wie es in Zusammenhang steht mit dem Denken.
Diese Frage will ich allerdings auf das „ist“ des Umgebenden fokussieren, also auf das, was ungesagt und scheinbar selbstverständlich das Umgebende stiftet. In „Sein und Zeit“ (Heidegger, Martin: GA 2, Frankfurt am Main 1977) hat Heidegger sich in zahlreichen Denkschritten mit diesem „ist“ befasst. Es ist dieses „ist“, das auch einen Weg bahnt in das Performative der Baukunst, in dessen totale Gegenwart.
Unsere breiten Schneisen im Wald der abendländischen Philosophie der Neuzeit haben wir Descartes „Ich denke, also bin ich“ (cognito ergo sum) zu verdanken. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle tiefer einzusteigen und sich abzuarbeiten an der dort begründeten freiwilligen, intellektuellen Selbstbeschränkung. (Die Leser von LOGEION.NET werden ohnehin die Kritik an dieser Verkürzung des Denkens erwarten…). Stattdessen beginne ich dort, wo Heidegger den blinden Fleck in der konstruktivistischen Selbstermächtigung moderner Subjektivität ausmacht, nämlich im „bin“ des Schlüsselsatzes: „…Dagegen lässt er (Descartes, CJG) das „sum“ völlig unerörtert, wenngleich es ebenso ursprünglich angesetzt wird wie das „cognito“…“ (a.a.O., S. 61).
In diesem simplen Satz erscheint das ganze Potential des Heideggerschen Denkens. Hier kommen wir nämlich heraus aus der Relativismusfalle einer Meinungs- und Begriffskultur, die den Zugang zur Kunst, also auch zur Baukunst, verstellt. Hinaus also aus einer Kultur, die diesen Zugang vernebelt und bannen will in die Belanglosigkeit einer vernünftelnden Oberflächlichkeit. Heidegger hierzu am Beispiel der Etymologie: „…Das synkretistische Allesvergleichen und Typisieren gibt nicht schon von selbst echte Wesenserkenntins…Das echte Prinzip der Ordnung hat einen eigenen Sachgehalt, der durch das Ordnen nie gefunden, sondern in ihm schon vorausgesetzt wird…“ (a.a.O., S. 69-70).
Die Abgründigkeit der Kunst in ihrer stiftenden Unbedingtheit wird trivialisiert durch die zahl- wie zahnlosen „…logien“ (Psycho-logie, Bio-logie, Sozio-logie, Anthropo-logie etc.) und übersetzt als Platzhalter einer jeweils einzigen, relativistischen Möglichkeit. Dieses Vorgehen ist ganz bestimmt der schlechteste Ratgeber, um Performanz zu entschlüsseln, denn diese ist zwar gebunden an das Subjekt, jedoch in Form von Teilhabe an einer Beziehung zur Welt. Diese Beziehung kann jedoch nicht als Objekt geschehen, zu dem sich das erkennende Subjekt macht, sondern erfordert ganz im Gegenteil das Subjekt als ganze Person, als lebend und leibend, als verstrickt, als bedingungslos an die Abgründigkeit verwiesen. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.