18.10.
In den kommenden Teilen dieser Reihe wird versucht, das Denken Friedrich Nietzsches auf den skizzierten Fragehorizont auszurichten. Geradezu genealogisch gerät das Ganze, wenn es mit Heidegger passiert. Dieser letzte deutsche Großdenker hat sich nämlich eingängig, treffend, erhellend und ausführlich gleichermaßen an Nietzsche abgearbeitet. Für die Performanz-Thematik in LOGEION.NET soll einstweilen der Band 47 der Gesamtausgabe (Frankfurt am Main 1989) reichen, der den Titel trägt: „Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht als Erkenntnis“.
Voller architektonischer Metaphern (die übrigens schon architekturtheoretisch durchleuchtet wurden) ist das Werk Nietzsches sehr anschaulich zu lesen. Es verbinden sich darin die wesentlichsten Elemente der stringent auf die Kunst fokussierten Beschreibung einer Art von Dreieck, das sich aus Wahrnehmung, Ding und Welt bildet. Wie so oft, hinkt der Vergleich ein wenig. Aber an diesem Hinken wird auch einiges deutlich. Begriffe taugen nur, wenn sie metaphorisches Potential haben, meine ich. Sobald sie zur systemischen Form erstarren, geht ihnen die Lebendigkeit verloren und mit ihr die Relevanz.
Das Bild des Dreiecks soll lebendig werden. Es umschließt den Menschen und seine Linien stehen (liegen) für die Kunst. Kunst steht aber niemals. Entlang an den Linien arbeitet man sich ab, ist dabei in Bewegung. Die Linien sind nicht homogen, sie sind zerfasert, gehen auf und ab, zittern, wölben sich aus, sind Schnüren im Wind vergleichbar, die wild hin und her fliegen. Sie fliegen genauso wie das Dreieck selbst. Mit dem Dreieck fliegen auch die Themen Wahrnehmung, Ding und Welt. Stellen wir uns das Nietzscheanische Dreieck lieber als Segel vor und gehen hinaus in die nächste Dimension.
Der Wind bleibt das Unsichtbare und zeigt uns, dass auf die Augen allein noch nie Verlass war. Wir hören ihn, er zerrt an unseren Haaren, er treibt uns die Tränen ins Gesicht und peitscht zuweilen gegen die Haut. Er bestimmt uns, kann zart streicheln und hart schlagen und ist doch nur zu sehen, durch etwas anderes, als er selbst ist. Er ist über- oder vordimensional. Er braucht die Segel, die die Menschen machen, er braucht die Tränen im Auge und die Wolken, die er vor sich her treibt. Er braucht die Blätter, die uns im warmen Sommer mit ihrem Rauschen sanft und weit werden lassen. Der Wind ist da, er ist mächtig, ist mal mehr, mal weniger verborgen.
So sollte das oben beschriebene Nietzscheanische Dreieck verstanden werden. Das ist die Basis, auf der auch Performanz passieren kann, denn nur durch einen Leib ist ein Mensch und auch das andere, als das Menschliche. Leib hält den Zugang bereit zur Welt, zum Leben: „…Leben, das ist das Seiende im Ganzen und im besonderen das menschliche Leben ist Lebens-Steigerung (…) Steigerung meint nicht Ausdehnung, sondern gefügehafte Wandlung; das Über-sich-hinaus, ein Sichöffnen zu einem Höheren seiner selbst und somit die Wandlung des absolut Gegebenen…“ (a.a.O., S. 29/30) (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger, Fokus: Nietzsche.