21.10.
Bleiben wir eine Weile beim wunderbaren Bild einer Lebens-Steigerung als „gefügehafter Wandlung“ und nehmen wir den Menschen als Baumeister, „…dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fliessendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich complicirten Begriffsdomes gelingt…“(Nietzsche: KSA 1; S. 875).
Sehen wir diesen ‘Baumeister mit Wasser’ selbst als gebildet durch das „Nietzsche-Dreieck“, das sich windet, dreht und bewegt durch das Über- und Vordimensionale des Lebendigen selbst. Diesen Baumeister, der sich Wahrnehmung, Ding und Welt stets erkämpfen muss, der über die eigene Leiblichkeit an seine hochbewegte Perspektive verwiesen ist und dieselbe nur zur Ruhe bringen kann, indem er sich abwendet vom Horizont und den Blick in die Hermetik lenkt, in das Gestorbene, in das fast Vergessene seiner selbst.
„Gefügehafte Wandlung“ meint aber noch mehr. Sie passiert bauend und bindet über Perspektiven Leib und Welt zusammen. Diese Perspektiven gleichen dabei keinesfalls den gängigen Vorstellungen einer geometrisch durchkonstruierten Zentralperspektive, sondern schwanken, stürzen und bäumen sich auf: „…freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muss es ein Bau, wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von dem Winde auseinander geblasen zu werden…“. (Ebd.)
Die Wandlung geschieht durch Setzen im hochbewegten Gefüge. Es geht um das Setzen, um den Willen dazu, um die Handlung dort hin. Es geht um das Werden, das immer Wandel ist. Das Werden, das Neues schafft. Performanz ist nach Nietzsche also quasi die normale Verkehrsform eines jeden Menschen. Es geht im Kern aber auch um die Poesie im Sinne von „poiesis“, wie Heidegger sehr schön betont: „…Es (das bauende Denken, CJG) beruft und stützt sich nicht auf Gegebenes, ist keine Angleichung, sondern jenes, was sich uns ankündigte als der dichtende Charakter der Horizontsetzung innerhalb einer Perspektive…“ (Heidegger: GA 47; S. 254)
„Gefügehafte Wandlung“ meint also Verwobenheit, meint „Dasein in“, meint Bauen aus Etwas und nicht Konstruieren im Nichts. Leib und Gedanke gehören darin untrennbar zusammen: „…vielleicht ist dieser Leib, wie er leibt und lebt, das Gewisseste an uns – gewisser als Seele und Geist…“ (Ebd., S. 152). Ich möchte Nietzsche und Heidegger hier auch lesen für eine “Baukunst als Performanz”, die sich ab- und hinaushebt aus den end- wie fruchtlosen Debatten einer missverstanden, rein verbalen Mitbestimmungskultur und einlässt auf einen Möglichkeitenraum, der zwar unergründlich, tief, gefährlich und angsteinflößend sein kann, aber dennoch die einzig gerechte Weise ist für den schwankenden, stürzenden, dichtenden ‘Baumeister mit Wasser und Fäden’. (Ende)
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