28.10.
Im letzten Artikel stand die Frage im Vordergrund, wie das Heideggersche Ereignis es vermag, ein „Teilhaben an“ an die Stelle eines „Konstruieren von“ zu setzen. Am Beispiel der Kunst wurde deutlich, dass der Kampf zwischen Verborgenheit und Offenheit sich als Wirkung entfaltet und so das Wesenhafte des Seienden zum Vorschein bringt.
Der (Bau-) Künstler schafft kein Werk, sondern legt einen öffnenden Zugang. Er lässt die Wesenheit des Materials sich ereignen. Das geschieht gemeinhin als Entwurf, in dem nicht das Material im Sinne von Erfinden etwas Neues schafft, sondern vielmehr ein Ort bereitet wird, der in Bereitschaft zur Wirkung gerät. Dieser Ort kann bezogen sein auf ein einzelnes Material, einen Klang, einen Raum oder eine Folge von Räumen.
Der Entwurf bleibt dabei ein „gefügehafter Wandel“, denn die Wesenhaftigkeit des Ereignisses ist stets ursprünglich verwiesen an das Sein des Seienden. „…Indem der Werfer entwirft, die Offenheit eröffnet, enthüllt sich durch die Eröffnung, dass er selbst der Geworfene ist und nichts leistet, als den Gegenschwung im Seyn aufzufangen, d.h. in diesen und somit in das Ereignis einzurücken und so erst er selbst, nämlich der Wahrer des geworfenen Entwurfs zu werden…“ (Heidegger: GA 65; S. 304).
Für manchen Baumeister kommt es vielleicht einer narzisstischen Kränkung gleich, nicht der geniale Kreateur zu sein. Trösten mag dann vielleicht, dass „es“ sich ohnehin nicht erzwingen lässt. Vielmehr sind wir heutzutage umstellt von Bauten, die ihre Kunst vergessen haben und verkümmerte Zeugen einer wesenlosen Zeit sind. Heideggers Diagnose einer Seinsvergessenheit erhält über diese blutarmen Architekturen ein stummes Bezeugen.
Manche Architekten allerdings sind diese „geworfenen Entwerfer“ im Heideggerschen Sinne. Lassen wir beispielsweise Peter Zumthor über ein Material sprechen: „…Und dann nehmen Sie diesen Stein in ganz kleinen Mengen oder in riesigen Mengen, er wird wieder anders. Und dann halten Sie ihn ins Licht, er wird nochmal anders. Bereits ein Material hat schon tausend Möglichkeiten…“ (Zumthor , Peter: Atmosphären; Basel/Boston/Berlin 2006, S. 25 bis 27).
Das Material selbst hat die Möglichkeiten. Sie werden nicht ins Material gelegt, etwa durch persönliches Wünschen oder Vorstellen. Material und Mensch treten in einem Wirkungsgefüge aufeinander zu und im besten Falle ereignet sich ein „gefügehafter Wandel“, der einen Wirkungsraum erzeugt.
Das Potential zu einem solchen Wandel ist jedem Material zu Eigen, denn sie alle durchwebt ihr Sein. Verschiedene Einzelsphären können auch zur Wechselwirkung gebracht werden: „…Es gibt eine kritische Nähe der Materialien zueinander, die ist abhängig vom Material selber und vom Gewicht, das es hat. Und Sie können Materialien in einem Bauwerk zusammenbringen. Da gibt es einen Punkt, wo sie zu weit weg sind, dann schwingen sie nicht miteinander, und dann gibt es einen Punkt, wo sie zu eng sind, und dann sind sie tot…“ (Ebd.) (Fortsetzung folgt)
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