1.11.
Immer wieder stößt man beim Thema ‚Wesen‘ auf Fragen, die Weggabelungen gleichen. Man muss sich entscheiden, eine wie immer geartete Metaphysik aufzumachen oder spirituell zu werden oder esoterisch. Eine andere Fraktion will mit diesen idealistischen Grundsatzdebatten nichts zu tun haben, will nur das empirisch Greifbare über Fragebögen und Messinstrumente behandeln, wiegen, durchleuchten, zerlegen und wieder zusammensetzen.
Manche sagen vielleicht, dass etwas Ungreifbares kein Reales sei, sondern reine Einbildung. Wie viel Einbildungskraft gehört aber dazu, ein Thema so komplett auszublenden bzw. sich davon zu überzeugen, dass andere Menschen dermaßen schief liegen? ‚Sich davon überzeugen‘ funktioniert dann als Art Autosuggestion. Das war sicher auch Nietzsches Eindruck als er hierzu schrieb: „… Menschen der Überzeugung kommen für alles Grundsätzliche von Werth und Unwerth gar nicht in Betracht. Überzeugungen sind Gefängnisse…“(KSA 6, S. 236).
Wie aber soll ein Thema ins Denken gehoben werden, das flüchtig, imaginär und nicht empirisch ist, ohne dabei die ‚Welt rein aus den Gedanken‘ entstehen zu lassen? Vielleicht am besten, indem man sich selbst prüft, mit welchem Vokabular, welchen Bausteinen das eigene Denken ausgestattet ist. Vielleicht auch mit der Bereitschaft, neue Vokabeln zu lernen und sich eine Sprache anzueignen, die solch ein Thema zu fassen bekommt?
Was wäre, wenn eine solche Sprache sich nicht nur auf das Wort beschränkte? Was wäre, wenn der Begriff der Sprache selbst schon aufgeweitet werden müsste? Was wäre, wenn die Sprache, die das Wesen der Dinge erklären könnte, auf ihr eigenes Wesen befragt würde, um sich klarer zu werden? Heidegger hierzu: „…Die Sprache erörtern heißt, nicht so sehr sie, sondern uns an den Ort ihres Wesens zu bringen: Versammlung in das Ereignis…“ (Heidegger: GA 12, S. 10).
Wieder einmal müssen wir das vermeintlich Offenkundige durchstoßen, um eine Antwort zu finden. Die Antwort ist sehr räumlich, sehr architektonisch. Einen Ort gilt es zu finden. Dieser Ort ist nur zu finden über Etwas, über das Daseinde, über die Welt und den Menschen. Das Wesen in der Sprache wird nicht erzeugt, eingebildet, eingelegt, interpretiert. Der Mensch hat ‚schlicht‘ Teil am Wesen im Vollzug dessen, was ist. Wesen und Vollzug dessen, was ist und an das sich Wesen jeweils heftet, sind untrennbar verbunden. Deshalb versammeln wir uns in den Vollzug der Sprache, die uns ortet, einen Ort schafft.
Wer über das Wesen der Baukunst nachdenkt, kann nicht ohne den ‚Geist des Ortes‘, den Genius loci auskommen. Solche Orte kennen die meisten Kulturen, also auch die, die nicht wie wir Abendländer im Verdacht stehen, die ‚Welt nur im Kopf‘ zu erzeugen. Wesen zeigt sich hier in seiner ganzen Fülle, seiner Wirkung, seiner Ereignishaftigkeit und seiner prägenden Unsichtbarkeit. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.