11.11.
Heute will ich eine Stippvisite machen und mich fragen, was Aristoteles vor rund 2.400 Jahren über das Wesen der Dinge dachte: „…Denn die Erfahrenen (Weisen, CJG) kennen nur das Daß, aber nicht das Warum; jene (Künstler, CJG) aber kennen das Warum und die Ursache…“. (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 3).
Mit diesem Zitat finde ich den Einstieg in eine Frage, die mir öfter begegnet und die durch eine Skepsis gespeist wird und auch ein tiefes Misstrauen dem Denken gegenüber. Wie kann man an etwas, das vor rund 2.400 Jahren gedacht wurde anknüpfen, ohne sämtliche Entwicklungsschritte bis heute erneut zu durchlaufen?
Die Antwort könnte darin liegen, dass man sich mit den oben genannten Ur-Sachen befasst oder dem Warum. Dieses Vorgehen braucht keine chronologischen, akademischen Weihen. Es gleicht dem Blick auf den Urstrom oder die Quelle. Heidegger schreibt hierzu: „…Anfang ist nicht das Vergangene, sondern, weil er alles Kommende voraus entschieden hat, stets das Zukünftige; als dieses müssen wir den Anfang bedenken…“ (GA 51, S. 15). Ganz andere Fragen sind also wichtig, als die nach akademischer Form.
Der gegenwärtige Zustand als präsente Lebenswirklichkeit des Fragenden macht einen Text interessant. Dabei spielt es keine Rolle, wie alt er ist. Wieso soll nicht ein jeder Mensch zu jeder Zeit in seinem denkerischen Horizont und mit seinen Prägungen und Erfahrungen etwas schon Gedachtes neu denken?
Zurück zu Aristoteles. In der „Metaphysik“ entwickelt er einen Gedanken, den ich übertragen will auf das oben angeschnittene ‚Problem‘ und auch auf den Genius loci. „…Denn Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens (…) Wer sich aber über eine Sache fragt und verwundert, der glaubt sie nicht zu kennen (Deshalb ist der Freund des Sagens auch in gewisser Weise ein Philosoph, denn die Sage besteht aus Wunderbarem)…“ (a.a.O., S. 6).
Nehmen wir den Genius loci als wunderbar in diesem Sinne. Nehmen wir ihn als etwas, das fragwürdig ist. Als etwas, das man nicht zu kennen glaubt. Als etwas, das ein Fragen provoziert. Nehmen wir ihn als räumliche, zeitliche und leibliche Stimulans, die ein präsentes ‚Verhalten zu‘ erfordert.
Die Präsenz eines Genius loci sollte man dann nicht nur als Ort begreifen, sondern auch als ortend. Das Ortende kennzeichnet sich durch seine Abwesenheit und das Verwundern darüber ist die zutiefst schöpferische Reaktion darauf. Das Verwundern ist ein Suchen, eine Bewegung. Der Genius loci gleicht dann einer dauernden und nicht zu beantworteten Frage. Er verweist den Fragenden auch in eine körperliche Reaktion und schafft den Sprung vom Gedanken zum Leib. Verwunderung liegt nah bei Verwundung…(Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.