18.11.
Nach der letzten Folge, in der die Art und Weise einer Verbindung von Wesen, Leib und Baukunst verdeutlicht wurde, schwenke ich heute wieder ein auf Aristoteles. Erneut steht dabei seine „Metaphysik“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5) im Mittelpunkt.
Dem Tanz in einem stockfinsteren Raume ähnlich, kommt mir der Textcorpus vor. Der altgriechische Autor scheint dabei bemüht, sich während seiner Choreographie durch einen unaufhörlichen Sprechgesang die Melodie selbst zu geben. Wie ein Kind, das in den Keller muss, um ein Gegenstand zu holen und sich durch das überlaute Pfeifen eines Liedes selbst Mut macht, muss auch Aristoteles ein endloses Lied singen, um der Angst zu begegnen, in der Dunkelheit zu stürzen.
Die strenge Dialektik des Textes gleicht einem Faden, um aus dem Labyrinth wieder herauszufinden oder, um beim Bild eines dunklen Raumes zu bleiben, wäre sie das unaufhörliche Ausstoßen von Lauten, die das Echolot zum Funktionieren braucht, um vor der Kollision zu warnen. Die Dunkelheit im Raume ist das Bild für das unbekannte Terrain, auf das sich der Grieche wagt. Es ist das Weiße auf dem Blatt Papier, das es zu beschreiben gilt. Es ist das Bedingende und selbst Unbedingte. Wie soll man vom Unbedingten anders sprechen können, als fragend, als tanzend?
Das Wesen der Dinge zu suchen heißt, sich an die Dinge anzunähern. Dort wird es sichtbar und dort kann es geschaut und begriffen werden. Das ist das Interessante, denn es weist über die Dinge hinaus, erweitert ihre Grenzen in eine Bedeutungs- und Wirkungsvielfalt: „…Alles dies heißt Wesen, weil es nicht von einem Zugrundeliegenden ausgesagt wird, sondern vielmehr das andere von ihm…“ (Ebd., S. 102)
Aber was ist es dann, dieses Zugehörige, Prägende und doch schwer auffindbare Etwas. Was ist es, das uns Menschen ganz klar werden lässt über ein Ding, einen anderen Menschen, ein Tier? Ist das Wesen dann vielleicht doch nicht grenzerweiternd, wie oben gesagt, sondern eher begrenzend? Trägt diese unsichtbare Dominante eine Prägung hinein in die Welt? Ist das Wesen vergleichbar mit der Schwerkraft, die uns auf der Erde hält – denn auch sie ist unsichtbar und doch höchstwirksam.
Nun, Aristoteles geht systematisch vor und stimmt in sein Lied (siehe oben) ein, indem er den Leser auf den unbedingten Charakter hinweist, den das Wesen haben muss: „…Da wir nun offenbar eine Wissenschaft von den anfänglichen Ursachen uns erwerben müssen, (…) die Ursachen aber in vier verschiedenen Bedeutungen genannt werden, von denen die eine, wie wir behaupten, das Wesen (Wesenheit) und das Sosein ist, (…) eine andere der Stoff und das Substrat, eine dritte die, woher der Anfang der Bewegung kommt, eine vierte aber die dieser entgegengesetzte, nämlich das Weswegen und das Gute…“ (a.a.O., S. 8 ). (Fortsetzung folgt)
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