25.11.
‚Etwas‘ können wir nur bemerken, wenn es wirklich ist, wenn es Wirkung hat oder Wirkung erzeugt. Man achte auf die Worte. Wirkung haben meint, dass Sie etwas Eigenes ist, das einem Etwas anhaftet. Dass Wirkung ‚ist‘ wiederum heißt, dass auch die Wirkung Etwas außer sich (oder in sich) hat, dass sie zur Existenz bringt – sonst ‚wäre‘ sie nicht. Liegen im Etwas also zwei verschiedene Kräfte verborgen, die es braucht, um uns gegenwärtig zu werden oder ist es ein und dieselbe Kraft, die die Wirkung zu einer Art Symptom des Seins eines Etwas werden lässt?
„…Wie sich nämlich das Bauende verhält zum Baukünstler, so verhält sich auch das Wachende zum Schlafenden, das Sehende zu dem, was die Augen verschließt, aber doch den Gesichtssinn hat, das aus dem Stoff Ausgegliederte zum Stoff, das Bearbeitete zum Unbearbeiteten. In diesem Gegensatz soll durch das erste Glied die Wirklichkeit, durch das andere das Mögliche bezeichnet werden…“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 188)
Aristoteles knüpft Möglichkeit und Wirklichkeit zusammen. Das Verhältnis beider wird dabei direkt ins Dasein gestellt, denn es ist Etwas. Das ist bemerkenswert, denn man könnte sich doch auch fragen, ob es die Möglichkeit nicht als permanenten und eigenständigen Zustand gibt oder vielmehr als Zustände? Alle Möglichkeiten zusammengenommen und entkoppelt von jedem Etwas in einem unendlichen Gemisch – damit würden wohl nur die Götter fertig werden. Die Menschen müssen sich bei Aristoteles offenbar damit begnügen, die Möglichkeit in den engen Grenzen der Wirklichkeit aufzufassen.
Wenn die Möglichkeiten im Etwas liegen, sind sie also begrenzt. Die Überschreitung der Grenzen wäre der Sprung ins Unmögliche. Das Unmögliche ist aber keine Konstante. Vielleicht ist es nur eine weitere Möglichkeit? Vor zweihundert Jahren wäre es z.B. unmöglich gewesen, ins Weltall zu fliegen. Der Flug ins Weltall ist heutzutage normal und kommt (im Aristotelischen Sinne) zustande durch die Kombinationen von Möglichkeiten verschiedener Stoffe und Substanzen, die wirklich werden.
Was aber ist mit der Möglichkeit als Phantasie? In ihr war es nämlich auch vor zweihundert Jahren möglich, ins Weltall zu kommen. Die Möglichkeit muss also offenbar nicht immer an die Wirklichkeit verwiesen sein, sondern kann ein eigenes Leben führen. Beweisen muss die Möglichkeit sich nur, wenn sie ins Dasein gehoben werden soll. Dann zeigt sich, ob sie reine Phantasie war oder im Sinne des Zugrundeliegenden mit dem jeweiligen Stoff allein oder in Kombination mit anderen wirklich werden kann.
Interessant ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass eine Möglichkeit auch ein Noch-Nicht bedeutet. Das Noch-Nicht ist zwar nicht da oder nicht wirklich, aber dennoch ist es nicht mehr Nichts, ist eine unsichtbare Schwester der Wirklichkeit und ist Etwas, das zwischen dem Nichts und der Wirklichkeit schwebt.
Die Möglichkeit mag gebunden sein an die Wirklichkeit, aber der Mensch ist es, der sie freilässt. Der Mensch ist es auch, der Wandel dadurch möglich macht, dass er das Unmögliche nur als weitere Möglichkeit begreift und sich hinwegsetzt über das jeweilig Wirkliche. Er ist dann der Impulsgeber für das Noch-Nicht bei seinem Weg in eine neue Wirklichkeit. (Fortsetzung folgt)
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