29.11.
Fragen tue mich heute, ob die zehn vergangenen Teile dieser Reihe Licht gebracht haben in die Frage nach Wesen und Baukunst. Zeit also für eine Relektüre der eigenen Beiträge. Ist klarer geworden, ob Wesen und Sein in Verbindung stehen? Ist klarer geworden, ob Genius loci und Wesen etwas miteinander zu tun haben? Ist klarer geworden, ob es einen artifiziellen Genius loci geben kann -z.B. in einer städtischen Situation- und wie er sich abgrenzt von einer natürlichen? Ist klarer geworden, ob Wesen herausgehoben werden kann aus einem bloß subjektiven Konstruktionsverdacht? Ist klarer geworden, ob Wesen gekoppelt bleiben muss an eine Metaphysik?
Es scheint, dass es nach wie vor mehr Fragen als Antworten gibt. Das macht und hält die Sache spannend. Eine Tendenz kristallisiert sich allerdings heraus. Wie verführerisch, einfach und elegant wäre es doch, Schelling zu folgen, das Wesen mit dem Sein zu verknüpfen und das Ganze ins unbewusste Milieu des Absoluten zu verweisen. In dieses nämlich vermag der Mensch zu blicken und schafft es sogar über das, was ‚man‘ (SuZ lässt grüßen) gemeinhin so Kunstwerk nennt, das Unbewusste bei seiner temporären Bewusstwerdung zu beobachten. Die Signatur dieses Ereignisses könnte dann das sein, was Sein und auch Genius loci meint. Ja, schön und elegant wäre das, aber auch eine intellektuelle Konstruktion, ein Idealismus und damit genauso scheinhaft und relativ wie jedes andere Gedankenprodukt. Das ‘Zurück zu den Dingen’ sollte doch helfen, genau diese Klippen zu umschiffen…
Heute ist mir ein schöner Blogbeitrag unter die Augen gekommen. Er könnte helfen, ein anderes Schlaglicht auf Wesen und Baukunst zu setzen. Der Autor befasst sich mit der Unterscheidung von Denken (ideal) und Erkennen (dinghaft) am Beispiel von Immanuel Kant – ehrlich gesagt und zugestanden einem Philosophen, der bei mir noch ziemlich unbeackert ist, was allerdings seiner unsichtbaren Präsenz zwischen etlichen meiner Zeilen keinen Abbruch zu tun scheint…
Zitat aus „Philosophische Werkstatt“: „…Die reflektierende Problematisierung des sprachlichen Bezugs auf ein An-sich kann immer nur ein zweiter Schritt sein (z.B. „was heißt hier ‘wirklich’“?), der erste Schritt ist immer der (operative) Bezug auf ein Schlechthinniges, Nicht-Modalisierbares – wie könnte man das besser ausdrücken, als es „das Wirkliche“ zu nennen (und dabei im Herzen ein bisschen an Schelling zu denken) – also ein Wirkliches, dem keine (begriffliche) Möglichkeit vorausgeht?…“
In eine ähnliche Richtung gingen meine Fragen über die Verbindung von Wirklichkeit und Möglichkeit in der letzten Folge. Schön ist, dass es bei Kant offenbar einen Ausweg zu geben scheint aus der Konstruktionsfalle des Subjekts und dass das An-Sich eine unsichtbare Schwester der Dinge, ein Noch-Nicht und ein unendliches Möglichkeitenfeld beschreibt. Zum Schluss noch einmal „Philosophische Werkstatt“ (Link s.o.): „…Der Kant, den ich lese, meint das Folgende: Wenn ich „Ding an sich“ sage, DENKE ich etwas qua seiner (mitgegebenen) Nicht-Gegebenheit…“. (Ende)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Schelling.