6.12.
G: Ein unglaublich inspirierendes Buch hatte ich gerade am Wickel.
D: Welches denn?
G: Der „Tractatus“ von Wittgenstein. Völlig größenwahnsinnig der Typ, aber erfrischend. Die Welt von Punkt eins bis Punkt sieben und auf rund 80 Seiten. Wie ein Paukenschlag nach dem anderen. Er habe es nicht nötig, die Quellen zu zitieren und es interessiere ihn nicht, wer, was, wann schon vor ihm gedacht habe. Auch sei er sich sicher, dass er alles erschöpfend behandelt habe…
D: Erster Satz: Die Welt ist das, was der Fall ist.
G: Ja genau, aber der zweite Punkt ist noch interessanter. Etwa so: Die Welt besteht nicht aus Dingen, sondern Tatsachen. Eine reine Einbildung also. Offenbar das Gegenprogramm zu ‚Zurück zu den Dingen‘.
D: Manche halten Wittgenstein ja auch für den letzten großen Transzendentalphilosophen.
G: Von Kant zu Wittgenstein, meinen Sie?
D: Ja.
G: Bei Kant schlafe ich immer ein. Zwei Seiten und ich verstehe nur noch Bahnhof.
D: Das ist schlecht, junger Mann.
G: Was soll ich machen. Schelling zu lesen, ist eine wahre Freude. Das ist doch gar nicht so weit weg – um 1800.
D: Kant war Logiker und Mathematiker. Das macht sein Denken spröder. Da haben Sie sicher recht. Schelling hatte ein Gefühl für die Poesie, für das Lyrische.
G: Genau, er dichtet eigentlich mehr, als das er schreibt. Das ist doch so wohltuend, wenn Philosophen eher Dichter sind als Konstrukteure.
D: Mache sind Poeten und manche Epiker.
G: Ich fühle mich bei den Poeten wohler. Schelling, Nietzsche und Heidegger.
D: Hegel hat auch diese Qualität.
G: An den habe ich mich noch nicht herangewagt. Wissen Sie, was auch so spannend ist an Wittgenstein?
D: Was denn?
G: Er lässt bei allem Drang zur Konstruktion und Logik den Raum offen für das Andere.
D: Das Andere?
G: Die Möglichkeit, dass auch seine Welt in sieben Punkten nur reine Einbildung ist.
D: Ich glaube, da verstehen Sie ihn falsch. Ein weiterer und wichtiger Punkt lautet sinngemäß: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
G: Ja, das ist der letzte Punkt. Aber einige Punkte davor schreibt er: Es gibt das Mythische und das Mythische zeigt sich durch seine Unaussprechlichkeit.
D: Ok, man könnte sagen, dass dort, wo das Sprechen aufhört, das Dichten anfängt.
G: Seine Logik ist also kein Gefängnis, kein totalitäres System. Mir kommt es so vor, dass diese Art von Logik sich nicht selbst im Wege steht.
D: Also ich halte mich lieber beim Sagbaren auf. Das ist auch die Aufgabe der Philosophie.
G: Ja, das schreibt Wittgenstein auch. Die Philosophie grenzt das Unsagbare ein mit Hilfe des Sagbaren. Aber -und das ist für mich das Wichtigste- er bestreitet nicht, dass es das Unsagbare, Mythische gibt. Das findet man doch auch bei Kant. Gott lässt sich nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen.
D: Ja, der Satz stammt von Kant. Aber, geht es bei Wittgenstein um Gott?
G: Ich weiß nicht. Sie waren doch auch Soldat, oder?
D: Allerdings. Hat das etwas damit zu tun?
G: Der „Tractatus“ ist im Schützengraben 1918 beendet worden. Krass, oder? Sie hatten doch mal erwähnt, dass für Hegel Krieg als Arbeit gilt. Dieses größenwahnsinnige Buch mit seiner Welt aus sieben Punkten könnte doch ein Aufschrei sein gegen das Chaos des Gefechts, in dem alle Ordnung zusammenbricht.
D: Interessant, der Soldat schlägt sich in das Chaos eine Schneise, die er kontrollieren kann. Die Logik wäre dann der klare Befehl des Soldaten.
G: Ja, es wäre ein Raum, in dem er für kurze Zeit Ruhe findet, um überhaupt noch Handeln zu können. Ich kann mich an meine Manöver noch genau erinnern. Den eigenen Panzer und dazu die beiden Panzer des Zuges dirigieren. Im Sprechsatz auf den Ohren den eigenen Bordfunk, den Kompaniekreis und den Zugkreis. Dazu kommt, dass man das Gelände beobachten muss, um seine ‘Fahren, wie das Wasser fließt Choreographie‘ hinzubekommen. Und natürlich hat man einen Auftrag zu erfüllen. Wenn dann Beschuss dazukommt und man den Feuerkampf führen muss, stürmen so viele Dinge auf einen ein, dass die radikale Ausblendung der Komplexität die einzige Möglichkeit ist, der Erstarrung vorzubeugen.
D: (lacht) Junger Mann, Wittgensteins „Tractatus“ als Anleitung zum Kampf des Subjekts gegen das Chaos des Daseins. Na dann mal los, auf diesen Text freue ich mich schon.
(Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.