10.12.
Heute collagiere ich aktuelle Fundstücke mit den ausgewählten Fragmenten des „Tractatus“. Das Gewebe des Beitrags wird bewusst dünn gehalten, damit der Deutungswind nicht zu stark ins Segel greifen kann, sondern sich mehr mühen muss, das Schiff fortzutragen; auch kann an der Intensität des Hauchs und am Ausmaß der Verwirbelungen zwischen den gesponnenen Fragmenten dessen Kraft besser wahrgenommen werden.
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„…1.1. Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge…“ (Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus; Frankfurt am Main 2003, S. 9)
Ich übersetzte hier Tatsache mit Idee und lasse Ding in der Welt sein. Das Problem mit der Technologie ist doch, dass Tatsachen -sprich Ideen- Dinge werden. Die wirken dann zurück auf andere Ideen und Dinge. Ein Strudel aus Artifizialität entsteht. Die abendländische Art zu denken, führt ins Thema der Virtualität. Die Technologie ist ihre selbsterfüllende Prophezeiung. Wunderbarer Beitrag von Alan N. Shapiro hierzu. In einem Interview im Deutschlandfunk spricht er über virtuelle Realität, die Notwendigkeit von Interaktion zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen und über die Neudefinition der ‘Arbeit’. Hoffnungsschimmer ist dieses Interview, um mit den Mitteln des Abendlands das Abendland zu überwinden.
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„…6.371. Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, dass die sogenannten Naturgesetze die Erklärung der Naturerscheinungen seien…“ (a.a.O., S. 106)
Gern verirren sich die Heutigen in die Labyrinthe ihres Meinens. Die Information enthüllt ihre negative Prägnanz und formiert ihre Empfänger. Formiert werden sie durch den Glauben an die Wahrheit der Wissensproduktion. Schöner Beleg für derartige Irrungen aus FAZ.NET: „Wenn noch mal wer Testosteron sagt…“ am Beispiel des feministischen Mainstreams in den westlichen Medien. Ein chemischer Botenstoff wird hier zur universellen Kausalität erklärt für die Erscheinung der Männlichkeit…
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„…5.552. Die Erfahrung, die wir zum Verstehen der Logik brauchen, ist nicht die, dass sich etwas so und so verhält, sondern, dass etwas ist: aber das ist eben *keine* Erfahrung. Die Logik ist *vor* jeder Erfahrung – dass etwas *so* ist. Sie ist vor dem Wie, nicht vor dem Was…“ (a.a.O.; S. 84)
Der Glaube an die Wissensproduktion könnte aber auch einen Ausweg weisen, denn das Schöne ist, dass er nicht gewusst wird. Keine (gewusste) Erfahrung zu haben und trotzdem sicher zu sein im Handeln, das schaffen die Hoffnung, die Liebe und der Glaube. Was sich religiös anhört, muss nicht nur religiös gedeutet werden. Hat denn nicht der Irrtum, den Wittgenstein hier so schön dargelegt, dazu geführt, dass solch ‘präkognitive’ Erfahrungen ins Religiöse verwiesen wurden? Hier schließt sich der Kreis zu Shapiro (s.o.) wieder. Man höre auf seine Analyse (an Baudrillard angelehnt) der agonalen Bipolarität, die uns Abendländern eine solche Bürde ist.
(Fortsetzung folgt)