16.12.
Teil 1: Hier
Eine Frau fragt in Richtung ihrer Begleiter:
„Was war das denn?“
„Der hat sich Gas reingezogen.“
„Gas? Das gibt’s doch gar nich?“
„Wenn ich´s doch sage, wie beim Feuerzeug!“
Ungläubiges Staunen und zumeist Grinsen auf den Gesichtern der anderen Fahrgäste. Etwas völlig Unerwartetes war passiert. Ein Mann hält sich für ein Feuerzeug! Durch die bloße Neukombination von Gegebenem wird die Unmöglichkeit zur Möglichkeit und wiederum zur Wirklichkeit. Das Ganze passiert verzugslos in Echtzeit. Erklärungen sind überflüssig. Sie geschehen nur retrospektiv, quasi als Art Vergangenheitsbewältigung. Das Lachen ist dabei allem voraus. Es ist vor der Sprache da. Es ist die klangliche Wegweisung ins Neue. Es ist der Sound, der beim Beschreiben der humanoiden Reflexionsmatrix entsteht.
Der Besoffene hat nun viel Platz. Er sitzt allein in einer Vierer-Nische und redet weiter. Es geht um die Vorzüge des Gaskonsums. Er mischt sich eine Erfrischung. Der anfangs erwähnte, unfreiwillige Gesprächspartner hilft dabei. Er hält ein glattgeschliffenes, tulpenkopfförmiges Trinkglas. Es fasst ca. 0,3 Liter. Einen Daumen breit unter der Hälfte hört der Schapsguss auf. Der Rest des Glases wird mit Orangensaft gefüllt. Danach kommen alle Flaschen zurück in den fleckengetarnten Rucksack.
Das Grinsen will nun nicht mehr weichen aus den Gesichtern der anderen Fahrgäste. Es geht immer öfter über in ein stilles Lachen. Der Besoffene macht den U Bahn Wagon zu seinem Wohnzimmer. Er sitzt entspannt mit überschlagenen Beinen, trinkt seine Erfrischung und ist damit beschäftigt, zu meinen. Eine Szene, die millionen Mal passiert. Nur nicht in der U-Bahn. Irgendwann beginnt er zu singen: „Wenn ich einmal traurig bin, dann trink ich einen Korn“. Er wiederholt das permanent. Jemand fragt, was er trinkt, wenn er fröhlich ist. „Einen Apfelkorn“. Dann singt er weiter.
Was zeigt uns dieser Besoffene? Er redet an Orten, an denen andere schweigen. Er säuft öffentlich und nicht heimlich; er verwendet ein vornehmes Glas dabei. Er hält sich für ein Feuerzeug. Er füllt sich mit Gas ab. Er schwadroniert und braucht dazu keinen Gesprächskreis oder Stammtisch. Vielleicht hält ein solcher Mensch einem selbst den Spiegel vor, lässt die allgegenwärtigen ‚Mans‘ deutlich werden. ‚Man‘ macht Dieses oder Jenes doch einfach nicht, oder?
Er bringt die Menschen offensichtlich zum Lachen. Ein Lachen, das aber nicht nur mit Überhebung zu tun hat, scheint es. Ein Lachen eher, das milde gestimmt ist. Irgendwie sogar eine Spur verständnisvoll, auf jeden Falls nicht ängstlich oder aggressiv. Vielleicht haben die Leute ein Stück ihrer selbst gesehen in diesem U Bahn Wagon. Die Distanz untereinander haben sie in jedem Fall verloren. Sie blickten sich an und lächelten. Ganz anders, als noch am Mehringdamm auf dem Bahnsteig. Dostojewski kommt mir in den Sinn. Die Idioten, Gefangenen, Mörder, Strauchelnden und Geächteten sind die Symbole des Guten bei ihm…
Gespeichert unter Fokus: Wittgenstein, Freier Geist sein.