6.01.
G: Beginnen soll das neue Jahr wie das alte endete, mit Wittgenstein. Zu schön sind seine Versuche, zu spannend sein Tasten und Schauen, zu inspirierend sein Staunen, als dass ich jetzt schon aufhören möchte, ihm zu folgen und den Zwischenraum seiner Gedanken auszufüllen. Zu schön ist es, einen wahrhaft Suchenden gefunden zu haben. Einen Philosophen, der sich nicht damit begnügt, in komplizierteste Gedankengebäude einzusteigen, um penibel deren Innenräume zu vermessen, sondern einen, der selbst baut.
G: Sein Bauen ist experimentell. Die Form steht vorher noch nicht fest. Er entwirft sie, ist dabei, sie zu finden – und lässt die Leser an seinen Entwürfen teilhaben. Auch an denen, die er wieder verwirft. Dieser Baumeister scheut sich nicht, seine ganze Lebendigkeit in den Entwurf zu legen. Er ringt mit sich. Mit der Welt ist er primär staunend verbunden. Er ist ein Spieler. Aber nicht einer, dem es um schnelle Regelbeherrschung geht oder darum, zu gewinnen. Nein, er spielt auf eine weisere, elementarere Weise.
N: „…Im Grunde ist das aesthetische Phänomen einfach; man habe nur die Fähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel zu sehen und immerfort von Geisterschaaren umringt zu leben, so ist man Dichter…“ (a.a.O.; S.61)
G: Dieses ewige Spiel hatte Wittgenstein stets vor Augen. Auch ich möchte heute weiter spielen. Als dritten Gefährten hole ich Schelling dazu.
W: „…Wenn ich behaupte, „das ist die Regel“, so hat das nur solange Sinn als ich bestimmt habe wieviel Ausnahmen von der Regel ich maximal zulasse ohne die Regel umzustoßen…“ (a.a.O.; S. 123)
G: Etwas zu schaffen, zu kreieren, eine Form zu geben ist der (aller?) Menschen täglich Brot. Aber nur Manche wissen – und können mit dem Wissen leben, dass Formen nur Wünschen gleichen, dass die quasi flüssig sind. Manche Formen freilich gaukeln uns Beständigkeit vor. Dieser Bestand hat aber nur etwas damit zu tun, dass die eigene Lebensspanne zu kurz ist, den Verfall selbst zu erleben.
S: „…Aber wer kann in diesem lebendigen Ganzen das Einzelne sondern, ohne den Zusammenhang des Ganzen zu zerstören? Wie diese Dichtungen gleichsam als ein zarter Duft die Natur durch sich erblicken lassen, so wirken sie auch als ein Nebel, durch den wir die entfernte Zeit der Urwelt und einzelne große Gestalten erkennen, die sich auf ihrem dunklen Hintergrund bewegen…“ (a.a.O.; Band 5; S. 412/413)
G: Wittgenstein konnte den Duft der Dichtung des Ganzen nicht mehr aus der Nase bekommen. Er muss ihn schon früh gerochen haben in seinem Leben. Vor dem Nebel, der ihn umringte, scheute er sich nicht. Er brauchte ihn, er schärfte ihm die Augen zum wahren Sehen.
W: „…Man kann erst dann gut philosophieren, wenn der Krampf des Denkens gelöst ist…“ (a.a.O.; S. 120)
(Fortsetzung folgt)
Zitate:
N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999; Band 1
S: F.W.J. Schelling:Â Schelling Werke, Stuttgart 1856
W: Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5;Â Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994
Mensch
Bestaendig ist der Verfall
im Jetzt
weil es sich loest
sich sondert ins Einzelne
zu Asche und Staub
und bald sich findet in der Zukunft
als Urgrund
der eigenen Schoepfung
dem zarten Duft der Natur
zu folgen dem Nebel
hinter sich lassend
durch diese Pforte schreiten
wo jeglicher Krampf entschwunden
aller Kampf verwunden
dem eigenen Tod angesichtig
wird Alles neu
und richtig zusammengesetzt
verstaendig und lebendig
ist fortan die Rueckschau
im Vorwaertsgang
das Einzelne und das Ganze
sich aufeinander
zu bewegen. .
Hallo Herr Dinelki,
schön, Sie begrüßen zu dürfen…;-)
Mir scheint, dass Sie das Sucherthema im besten Sinne auf die Spitze treiben…
Hier zeigt sich, warum Dichte weit ist und Weites dicht wird. Mit Heidegger hatte ich schon einmal versucht, die “dicht-weiten” Eindrücke des Kölner Doms in Worte zu fassen: http://www.logeion.net/?p=489