7.06.
Schon einmal hat der Schreiber dieses Blogs auf „Wolkenkuckucksheim“ hingewiesen. Eine neue Ausgabe des Onlinemagazins für Architekturtheorie flatterte unlängst in mein E-Mail-Postfach. Zur Kenntnis nahm ich dabei wieder einmal, dass der aktuelle Architekturtheoriediskurs weitgehend uninteressant für mich ist. Aber einige Perlen gibt es glücklicherweise doch, so zum Beispiel Lukas Zurfluhs Essay: „Der fließende Raum des Barcelona-Pavillons. Eine Metamorphose der Interpretation?”.
Fünf Perspektiven auf den (1986 rekonstruierten) Miesschen „Barcelona-Pavillon“ stellt der Züricher Autor vor und beginnt damit, das scheinbar Widersprüchliche eines Raumes, der fließt aufzuzeigen. Interessant für mich hier wiederum, dass ein Musiktheoretiker 1929 zuerst begriffen hat, dass Bau- und Tonkunst eine Einheit bilden. Die scheinbar obligatorische Statik von Architektur nämlich kann durchaus dynamisiert werden, ohne deshalb das Bauwerk konkret in Bewegung zu versetzten. Dynamik äußert sich nämlich mannigfaltig, z.B. visuell, akustisch und natürlich atmosphärisch.
Schnell ist im Essay Fritz Neumeyer erreicht, der mir seinerzeit mit dem fulminanten Buch „Mies van der Rohe. Das kunstlose Wort. Gedanken zur Baukunst“ die Augen für den Ausnahmearchitekten geöffnet hat. Sind es doch Männer wie Mies, die Vorbilder sein können für die heutigen Architekten, die ihr Ethos verloren zu haben scheinen und sich mit dem Verwalten von Bauabläufen zufrieden geben…Aber das nur nebenbei und zurück zum Thema.
Zurfluh lässt Neumeyer sagen: „…Diese Wahrnehmung ist…für den Menschen eine existentielle Erfahrung, durch die sich hinter dem empirischen Raum ein metaphysischer Raum öffne, der schon fast eine religiöse Dimension der Welt andeute…“ und weiter „…Begrenztheit und innere Weite, Geborgenheit und Freiheit, Statik und Dynamik, Reflektion und Kommunikation – in dieser Wahrnehmung des Gegensätzlichen identifiziert Fritz Neumeyer die moderne Lebenserfahrung schlechthin…”.
Recht hat Neumeyer, wenn er Mies den Horizont zubilligt, ein Kardinalproblem der Moderne zu thematisieren. Die Transparenz ist sein Schlüsselthema hierbei, dass ich parallel denken möchte mit einem anderen Posting, in dem Beethovens Spätwerk als seismografisch für den postmodernen Zustand gesehen wurde.
Seinerzeit schrieb ich entlang am Gedanken von Johannes Picht: „…Des Pudelns Kern für unsere Fragestellung liegt woanders. Die Hinwendung zum Rauschhaften, Körperlichen und gleichzeitige Abkehr vom Entrückten, Vergeistigten und Kontemplativen der Struktur wird im Werk Beethovens erkannt. Dionysos drängt Apollon in den Hintergrund. Die Musik Beethovens will „ein Aufbrechen…in die Offenheit der Zukunft“. Hierzu muss er „…eine Musik entwerfen, die zu den Strukturen, aus denen sie im jeweiligen Moment besteht, eine immer wieder aufweisbare Distanz herstellt…“.
Der kulturelle Zustand des Wandels und der Gegensätzlichkeit ist ein Thema, das die Kunst im Prinzip seit der Aufklärung beschäftigt. Es lässt sich 1929 mit dem Mittel der Transparenz im Barcelona-Pavillon ebenfalls ablesen. Formen werden gebildet und gleichzeitig aufgelöst. Mensch und Materiel geraten in Distanz untereinander und zu sich selbst; sie werden zu ihren eigenen Betrachtern. Architektur wird zur Musik und bezwingt ihre Statik. Es ist die Größe Mies van der Rohes, in Beethovenscher Manier der Baukunst diese oftmals versteckte Dimension in aller Offenheit geschenkt zu haben.
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Musik denken.