2.07.
Wichtig für die Betrachtung der Ideen ist die Frage, ob es falsche oder richtige gibt. Wenn die Idee Stellvertreterin ist für das Absolute, das Wahre und Schöne, dann kann es doch keine falschen und unwahren Ideen geben, oder? Spannend wird es zu dieser Frage im „System des transzendentalen Idealismus; Ausgabe Reclam; Leipzig 1979“, das Schelling 1800 herausbrachte. Vor allem das sechste Hauptstück will ich hier streifen, in dem es um die Philosophie der Kunst geht.
Dinge treten uns Menschen entgegen. Es gibt natürlich Vorgefundenes und künstlich Hergestelltes. Bei den Naturprodukten handelt es sich um bewusstlos vorgefundene Dinge, denn der bewusste Mensch war nicht an ihnen beteiligt. Kunstprodukte, also auch alle Technologie, jedoch sind bewusst gefertigt worden. Beide Umstände existieren parallel. Die „…Identität des Bewußten und Bewußtlosen im Ich und Bewußtsein dieser Identität“ (a.a.O. 259) ist die Besonderheit in der dinglichen Wahrnehmung des Menschen.
Die Kunst nimmt eine Sonderstellung ein, denn sie lässt den Betrachter teilhaben an einer bewussten Unbewusstheit der Natur. Sie trickst quasi das Bewusstsein aus und überführt es in einen übersubjektiven Zustand des Objektiven. . „…Der Grundcharakter des Kunstwerks ist also eine bewußtlose Unendlichkeit…“ (a.a.O. 265). Der Künstler vermag es dabei, das Unendliche zu berühren – und zwar auch, wenn er ursprünglich eine Absicht verfolgte (etwa eine Auftragsarbeit).
Es ist die Vielfalt der Wahrnehmungen, es ist das Durchstoßen der Dinge, das Eröffnen anderer Realitäten, das Schelling in der Folge beschreibt: „…So ist es mit jedem wahren Kunstwerk, indem jedes, als ob eine Unendlichkeit von Absichten darin wäre, einer unendlichen Auslegung fähig ist, wobei man doch nie sagen kann, ob diese Unendlichkeit im Künstler selbst gelegen habe oder aber bloß im Kunstwerk liege…“ (Ebd.).
Wahrheit und Schönheit liegen dann im Kunstwerk, wenn es das Absolute eröffnet, wenn es das Absolute in die Bewußtheit der Wahrnehmung entlässt. Und auch die eingangs gestellte Frage nach falschen Ideen verdeutlicht sich: „…dagegen in dem Produkt, welches den Charakter des Kunstwerks nur heuchelt, Absicht und Regel an der Oberfläche liegen und so beschränkt und umgrenzt erscheinen, daß das Produkt nichts anderes als der getreue Abdruck der bewußten Tätigkeit des Künstlers und durchaus ein Objekt für die Reflexion, nicht aber für die Anschauung ist, welche im Angeschauten sich zu vertiefen liebt und nur auf dem Unendlichen zu ruhen vermag…“ (Ebd.).
Das Kunstwerk wird hergestellt vom bewussten Menschen. Schön, wahr und an der Idee orientiert wird es jedoch nicht durch Zutun des Künstlers, sondern vielmehr durch sein Weglassen. Der Betrachter erfährt die Mannigfaltigkeit des Absoluten, indem er seine Subjektstellung, sein Bewusstsein verlässt und sich freilässt in den Zustand, aus dem er kam. „Aber das Unendliche endlich dargestellt ist Schönheit…“ (a.a.O. 266) (Fortsetzung folgt)