9.07.
Poesie wird erweckt durch Klang, Sprache und Atmosphäre. Sie entsteht nur mit der Stimme des Sprechers, lässt sich nicht stumm und still erfahren. Poesie wird also erschaffen. Was oder Wer erschafft hierbei aber wen oder was? Was wäre das Fließende, das Bewegte, Rhythmische, Schwingende in der Poesie? Kann der Mensch sich in der Poesie dem Logos annähern?
Zur Beschreibung der Poesie wurden oben primär musikalische Metaphern verwendet. Erinnern wir uns: Die Musik ist „…das in den Tod eingegangene Lebendige – das ins Endliche gesprochene Wort – (das, CJG) noch als Klang vernehmbar wird…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 128). Hier ist also menschliches Wort mit göttlichem Logos verknüpft.
Kommen wir noch einmal zur Idee: „…Das Absolute ist schlechthin Eines, aber dieses Eine absolut angeschaut in den besonderen Formen, so daß das Absolute dadurch nicht aufgehoben wird, ist = Idee…“ (Ebd. 14). Logos und das Absolute sind also über die Ideen verknüpft.
Die Natur ist durch Ideen gebildet. Sie ist auch der ursprünglichste, materielle Ausdruck des bewusstlosen Absoluten. „…In Ihr (der Natur, CJG) werden die ewigen Dinge, nämlich die Ideen zuerst wirklich, und inwiefern sie die aufgeschlossene Ideenwelt ist, enthält sie die wahren Urbilder der Poesie…“ (Ebd. 275). Die Verbindung von Idee zur Poesie ist also eine fundamentale im wahrsten Sinne des Wortes.
Im Wirkzusammenhang stehen das Absolute, die Ideen und die Poesie. Das Absolute kann dabei durch die Idee real und ideal angeschaut werden, d.h. als Existenz (z.B. in der bildenden Kunst) oder als Wesen (z.B. in der Sprache): „…Das, wodurch die bildende Kunst ihre Ideen ausdruckt, ist ein an sich Concretes; daß, wodurch die redende, ein an sich Allgemeines, nämlich die Sprache…“ (Ebd. 275/276).
Die Poesie nun ist das An Sich aller Kunst. Sie lässt den Menschen das Absolute im Erkenntnisprozess zwischen seiner (objektiven) Bewusstlosigkeit bis zur (bewussten) Subjektivität als ursprünglichste Idee anschaubar werden. In realer wie idealer Weise kann die Entfaltung des Absoluten geschehen. Das ist auch ein wichtiger Unterscheidungspunkt zur idealen Kunst, denn es wird nicht „nur“ angeschaut, sondern das Absolute eröffnet: „…Deswegen hat die Poesie vorzugsweise den Namen der Poesie; d.h. der Erschaffung behalten, weil ihre Werke nicht als Seyn, sondern als Produzieren erscheinen…“ (Ebd.).
Nirgendwo kann der Mensch dichter an den Logos kommen. Anders als bei statischen, fest gewordenen Werken der Kunst (etwa Architekturen, Plastiken, Malereien) und auch anders als bei ihren dynamischen Formen (etwa Musik, Tanz) hält die Poesie den unendlichen Raum offen. Sie hält ihn offen durch die Wegweisung ins (unbewusste) Absolute, dass Menschen als Unendlichkeit begreifen. Poesie strebt frei zur Unendlichkeit; sie ist in ihrem Fließen ebenso unerschöpflich wie in ihrem Horizont. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Schelling, Freier Geist sein.Klingt ziemlich abstrakt. ‘Die Natur ist durch Ideen gebildet’ – mal abgesehen von Schelling und dem Idealismus – was heißt denn das in Alltagssprache?