12.07.
Gestern erreichte mich ein Kommentar, dessen Beantwortung grundsätzliche Natur angenommen hat; deshalb ist daraus denn auch dieser Zwischenruf geworden. Hinter der Frage: „…Klingt ziemlich abstrakt. ‘Die Natur ist durch Ideen gebildet’ – mal abgesehen von Schelling und dem Idealismus – was heißt denn das in Alltagssprache?…“ liegt nämlich einiges verborgen. Soviel vorweg: Der Autor dieses Blogs will sich in der aktuellen, kleinen Schelling-Reihe in ein System begeben und wird daher keine Alltagssprache verwenden.
LOGEION.NET untersucht die „Schnittstellen“ der Künste. Dazu werden deren „Zwischenräume“ aufgesucht. Das sind Grenzgänge, die nicht immer einfach sind. Man muss gewohnte Wege verlassen und Prinzipen, Regularien des Kultur- und Wissenschaftsbetriebs meiden, denn diese hemmen oft genug mehr, als dass sie nützen.
Ich entscheide mich daher im Allgemeinen in diesem Blog für den „direkten“ Zugang – vom Herd auf den Tisch. Die geschichtliche Entwicklung, Querverweise, Beeinflussungen, Kontextualisierungen, Rezeptionsgeschichte, Sekundärliteratur sind von geringer Bedeutung dabei. Meine „Methode“ ist bestenfalls das freie Spiel. Ich isoliere Gedanken, betrachte sie und füge sie neu und/oder mit anderen zusammen.
Bei Schelling geht das allerdings nur schwerlich. Er ist ein systemischer Denker. In Systemen kann man nicht ohne weiteres Bausteine entnehmen, denn eines ist ins andere gefügt. In den Einzelheiten ist das Ganze geborgen. Als Architekt kommt mir das Bild einer Wand in den Sinn, die im Verbund gemauert ist. Der Verbund verleiht ihr erst Stabilität. Zwar kann der ein oder andere Stein entfernt werden oder man bringt einen Unterzug ein, um einen Durchbruch zu schaffen, aber die Wand ist danach nicht mehr dieselbe. Die reine Konstruktion wird zerstört und ersetzt durch Flickwerk. Auch ist die Ästhetik und Schönheit zerstört, wenn der Verbund missachtet wird. Die Wand wird dann oft verputzt, um das zu kaschieren.
Auch bei Schelling wird die Schönheit eines Systems deutlich. Alles funktioniert, läuft rund, hat seinen Platz. Eine Konstruktionsleistung bester Ordnung. Schellings Dialektik zu begreifen erinnert mich an ein Gefühl, das sich einstellt, nachdem man komplexe mathematische Gleichungen durchdacht und gelöst hat.
Freilich könnte man ein System auch hermetisch und dogmatisch nennen. Schelling jedenfalls hat seine Systeme immer wieder Änderungen und Korrekturen unterzogen und ist nicht in die „Hegelfalle“ eines Anspruchs auf absolute Perfektion gegangen. Diese Größe wurde ihm oft genug als Wankelmut vorgeworfen…
Ein System scheint so gar nicht hineinzupassen in die heutige Zeit. Mit Wahrheit und Schönheit stehen die Postmodernen (und nicht nur die) auf Kriegsfuß und auch die Geschlossenheit einer Denkwelt scheint abzuschrecken. Nichtsdestotrotz hat ein System eine lange Tradition im Abendland. Demjenigen, der an der Entwicklung des Systems in der Philosophie im Allgemeinen und am Beispiel von Schelling im Besonderen interessiert ist, sei zur Lektüre empfohlen: Martin Heidegger Gesamtausgabe; Band 42; Schelling. Vom Wesen der menschlichen Freiheit; Tübingen 1971…(Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Schelling, Freier Geist sein.