15.07.
Eine Kunstform, die konkret und ohne Umwege direkt vernehmbar ist und sich weitgehend dem „Diktat“ der Statik entziehen kann, ist die Musik. Anders als ihre raumgebundenen Artgenossen Malerei, Plastik, Baukunst ist sie nur an die Zeit gebunden und entlässt dadurch eine weitaus größere Dynamik.
Wir erinnern uns, im Kunstwerk wird das Absolute eingebildet ins Endliche und die Menschen haben über die Wahrheit und Schönheit Teil am göttlichen Logos, wenn auch an einer „erstarrten“ Variante: „…aber die reale Welt ist nicht mehr das lebendige Wort, das Sprechen Gottes selbst, sondern das gesprochene -geronnene- Wort…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 128)
Dem Klang kommt eine besondere Bedeutung bei für die Transformation des Absoluten in die endliche Materie: „…In der Einbildung des Unendlichen ins Endliche kann die Indifferenz, als Indifferenz, nur als Klang hervortreten…“ (Ebd. 132). Schelling will hier das Absolute als Unendliches in einer „reinen“ Form denken. Diese absolute Form muss wesenhaft unendlich sein und bleiben, auch wenn sie in die endliche, feste Materie eingebildet ist: „…Diese (Form, CJG) ist nur im Klang, denn dieser ist einerseits lebendig -für sich-, andererseits eine bloße Dimension in der Zeit, nicht aber im Raume…“ (Ebd. 133).
Die Einheit des Absoluten erklingt durch die ungehinderte Möglichkeit zur Vielheit seiner Bestandteile, der Töne. Jeder Körper birgt eine differente klangliche Fülle. Die Differenz ist in der Indifferenz seines klanglichen Wesens angelegt, denn unendlich sind auch alle tönenden Möglichkeiten. Bestimmt wird die „Klangsignatur“ durch die Beschaffenheit des Körpers, seine Kohärenz. Dem Klang kommt also die Bedeutung der menschlichen Seele bei: „…Der Klang ist nicht anderes als die Anschauung der Seele des Körpers selbst oder des ihm unmittelbar verbundenen Begriffs in der unmittelbaren Beziehung auf dieses Endliche…“ (Ebd. 134)
Musik kann nur erklingen durch ihre Seele, den Klang, und ihre Töne. Dem Nichttönen, der Pause und Unterbrechung kommt eine genauso wichtige Rolle bei, wie seinem Tönen selbst. Auch durch das Nicht des Klangs wird die Gliederung seiner Dimension, der Zeit, vernehmbar. Die Zeit ist also eine Form der Einbildung des Absoluten ins Endliche und Reale. Spannend wäre es hier freilich, über die „absolute Qualität“ des Nichtklangs, der Stille nachzudenken, denn die Nicht-Möglichkeit ist ja ebenfalls eine Möglichkeit und ein Ausweis der Mannigfaltigkeit des Absoluten.
Klang ist aber ein permanentes, ungegliedertes Fließen. Periodisch eingeteilt wird diese ideale Transformation des Unendlichen durch den Rhythmus: „…Allgemein nun angesehen ist Rhythmus überhaupt Verwandlung der an sich bedeutungslosen Succession in eine bedeutende. Die Succession rein als solche hat den Charakter der Zufälligkeit. Verwandlung des Zufälligen der Succession in Nothwendigkeit = Rhythmus, wodurch das Ganze nicht mehr der Zeit unterworfen ist, sondern sie in sich selbst hat…“ (Ebd. 137) (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Schelling, Musik denken.