21.07.
Dem Rhythmus kommt eine besondere Bedeutung zu in Schellings romantischer Kunstphilosophie. Der Satz: „…Rhythmus ist Musik in der Musik…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 138) sagt viel hierüber und erfordert ein Erinnern an die Stellung der Musik, die gebunden an die Zeit ist und vernehmbar wird durch „Succession“.
Die Zeit ist: „…die allgemeinste Form der Einbildung des Unendlichen ins Endliche, sofern als Form, abstrahiert von dem Realen angeschaut…“ (Ebd. S. 135). Das Subjekt ist zeitlich und sich selbst bewusst, indem es das Fließen der Zeitlichkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahrnimmt. Musik wie Subjekt haben also die Zeit als bedingende Grundstruktur.
Wir erinnern uns, im Schellingschen Gefüge der Künste geht es stets um den Dualismus von Indifferenz und Differenz bzw. Unendlichkeit und Endlichkeit. Der Rhythmus nun ist das Konstruktionsprinzip zur Erkenntnis dieser Gegensätze. Er ist aber auch der Ermöglicher von Einheit im Allgemeinen und bezogen auf die Musik im Besonderen, denn die Vielheit wird durch ihn fassbar, indem er Ordnung ins unendliche Fließen der Möglichkeiten des Indifferenten bringt.
Rhythmus durchwaltet also nicht nur das Subjekt, sondern formt die Unendlichkeit in ihrem bewusstlosen Zustand: „…Inwiefern dann ferner die ewigen Dinge oder die Ideen von der realen Seite in den Weltkörper offenbar werden, so sind die Formen der Musik als Formen der real betrachteten Ideen auch Formen des Seins und des Lebens der Weltkörper als solcher, demnach die Musik nichts anderes als der vernommene Rhythmus und die Harmonie des sichtbaren Universums…“ (Ebd. 145).
Wie schon die Zeit, so weißt auch der Rhythmus auf ein universelles Prinzip hin und die Musik bildet den unmittelbarsten und begriffslosesten Zugang zur Überwindung der Kluft zwischen bewusstem Subjekt und dessen unbewusstem und absolutem Gegenüber, der Objektivität. Rhythmus strukturiert also das Unendliche mithilfe der Zeit. Die Aufspaltung, die Risse, die Unterbrechungen, die Pausen, das Schweigen des permanenten Fließens geschieht durch den Rhythmus. So jedenfalls wird sein Wirken empfunden von den sich selbst bewussten Subjekten.
Mit dem achten Teil dieser Reihe, die sich mit dem Verhältnis von materiell und immateriell, mit den „Noch-Nicht des Ideellen“ befasst, endet zunächst die Betrachtung Schellings. Die neunte Folge soll ein Zwischenstück werden, das zu Iannis Xenakis überleitet. Dort wird ebenfalls die Frage aufgeworfen, wie sich das idealistische Denken auf die Musik der Moderne anwenden lässt, denn das für Schelling unabdingbare Absolute und Unendliche wird mit der allgemeinen Kritik am Idealismus seit rund 150 Jahren in Abrede gestellt. Aber das soll LOGEION.NET nicht kümmern, denn die Suche nach dem Anderen macht oft genug das Alte zum Neuen…(Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Schelling, Musik denken.