22.07.
Die Frage, mit der die achte Folge dieser Reihe endete war, ob und wie sich ein Denken, das im Kern vor 200 Jahr entstand, auf die Gegenwart oder jüngere Vergangenheit anwenden lässt. Hinzu kommt noch, dass die Basen des deutschen Idealismus -und damit auch Schellings Kunstmetaphysik- als überholt gelten und sich der akademisch-künstlerische Mainstream nicht mehr damit befassen mag.
Sicherlich sollte man den Anschauungswandel durch die Zeiten im Hinterkopf behalten, aber nicht dem verlockenden Irrglauben erliegen, dass das Menschengeschlecht sich auf dem Weg einer kontinuierlichen Progression zur Vollkommenheit bewegt. Nur daraus nämlich könnte man den Dünkel ableiten, eine vergangene Theorie wegen ihres Vergangenseins für obsolet zu halten.
Nicht die gerade Linie ins „Licht der Vernunft“, sondern das sich permanent Wandelnde und Prozesshafte des Lebendigen lehrt uns Schellings Naturphilosophie. In diesem Geiste schwingt auch das Absolute als das mit, was das Subjekt übersteigt und bedingt, allerdings ohne in eine spirituelle Frömmelei (welcher Couleur auch immer) auszuarten. Das macht Schelling so zeitlos, denn alle Möglichkeiten des geistigen, künstlerischen und konkreten Handelns liegen im aufs Absolute / aufs Natürliche gerichteten Spannungsfeld verborgen, das das bewusste Subjekt trägt und an dem es sich permanent abarbeitet.
Das Schellingsche Denken verwindet die transzendentalen Konsequenzen seines Zeitalters, indem es dem Bewusstlosen, Objektiven, Unendlichen und der Natur deren Absolutheit belässt. Dieses Belassen führt dabei keineswegs in die Fallstricke des Religiösen, sondern erhält den besonderen Status des Subjekts als des Erkennenden. Ein Erkennen freilich, das sich weniger im reduktionistischen Konstruieren, als vielmehr im Schöpfen findet. Schöpfen ist hier verstanden als Finden eines Schöpfbaren. Es ist also verwiesen an etwas anderes als das Subjekt selbst. Nicht das Subjekt ist Absolut, sondern das es Hervorbringende, welches als Absolutes in der Kunst und im Lebendigen der Natur sichtbar wird.
Die aktuelle Naturwissenschaft befasst sich schon länger mit Schelling. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier als Beispiel genannt: „Schelling und die Selbstorganisation. Neue Forschungsperspektiven“ oder: „Schelling und die selbstorganisierte Entwicklung“ oder auch: „Identität der Identität und Differenz von Raum und Zeit bei Schelling mit Blick auf die Relativitäts- und Quantentheorie“.
Aber auch im Bereich der Kunstphilosophie gibt es Beispiele, wie mit Schellings Denken Phänomene und Zusammenhänge moderner Kunst (bildend wie darstellend) gedeutet und verortet werden können. Davon im nächsten Teil mehr. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Schelling, Freier Geist sein.