29.07.
Behauptet hatte der Autor dieses Blogs öfter, dass Architektur eine Raumkunst sei im Gegensatz zur Musik, die über die Zeit dominiert wird. Ein frisches Fundstück von heute trägt hier zur Klärung bei und weicht diese Meinung auf. Wieder einmal spielt der Rhythmus eine wichtige Rolle, zwischen Statik und Dynamik zu vermitteln.
Aus der Feder von Martin Seel stammt der Essay „Form als Organisation der Zeit“ (In: Früchtl, Joseph und Moog-Grünewald, Maria (Hg.): Ästhetik in metaphysik-kritischen Zeiten, Hamburg 2007, S. 33-44). Der Autor macht unter anderem sehr anschaulich, dass Bauwerke primär durch Begrenzungen bestehen. Begrenzungen und Grenzen werden gebildet durch das Trennen von Innen und Außen sowie das Trennen des Innen in verschiedene Räume und Zonen. Aber auch die Anordnung und Anzahl der Öffnungen der Architekturen in ihre jeweiligen Umwelten sind dem Spiel der Trennung unterworfen, denn Ein- und Ausblicke werden vorbestimmt und festgelegt.
Eine Architektur kann man am besten (vielleicht auch ausschließlich) erfahren, indem man sich in ihr bewegt. Man handelt dabei automatisch zeitlich, denn das Durchschreiten der Räume hat eine Dauer. Die Grenzen der Architektur stehen durch ihren Erfahrungsprozess also in Verbindung mit der Zeitlichkeit. Durch die Themen Grenze, Bewegung und Zeitlichkeit schimmert der Rhythmus. Jedes Bauwerk hat folglich eine spezifische Rhythmik.
Wie verhält es sich nun bei der Musik? Nehmen wir die übliche Konzertsaal-Situation. Man hat die Zeitlichkeit durch das Fortschreiten des Werks. Man hat den Rhythmus durch die hörbaren Gliederungen, Aufspaltungen, Risse, Unterbrechungen, Pausen und das Schweigen des permanenten Fließens der Töne in ihrer Zeitlichkeit. Und man hat den Raum. Er entsteht u.a. über die Fülle des Klangs, die Interaktion der Instrumente und die Skalen der Lautstärke. In barocken Zeiten war es zudem üblich, das Orchester im Aufführungssaal räumlich zu verteilen. Im letzten Jahr konnte man das auch mit dem Berliner Philharmonikern erleben, die die „Gruppen für drei Orchester“ von Karlheiz Stockhausen aufführten.
Die gleichen Elemente sind also vorhanden, wie bei der Architekturerfahrung und dennoch gibt es einen Unterschied. Die körperliche Bewegung fehlt – es sei denn, man tanzt dazu. Die Dimension der Zeit ist durch das Fortschreiten der Musik dominant und durch sie wird man, so Martin Seel, innerlich bewegt: „…Sie (die Künste, CJG) verlangsamen, beschleunigen, verzögern, raffen, dehnen die Zeit des Ereignisses, zu dem sie im Augenblick ihrer ästhetischen Wahrnehmung werden…“ (Ebd., S. 37).
Interessant hierbei ist zweierlei. Zunächst wird deutlich, dass Körper und Leib verschiedene Dinge sind. Der Körper des Hörers ist zwar unbewegt, nicht jedoch sein Leib. Mit ihm hat er Teil an den Bewegungen in den Klangräumen. Imaginär sind diese Bewegungen ganz und gar nicht. Der weitere Punkt ist die Dominanz der Zeit. Die Zeit bekommt quasi metaphysischen Status, denn die „…Form der Künste lässt uns die Zeit erfahren…“ (Ebd.). Das Kunst-Ereignis wäre dann die Erfahrung einer anderen Zeitlichkeit.
Wir erinnern uns an Schelling: „Wie schon die Zeit, so weißt auch der Rhythmus auf ein universelles Prinzip hin und die Musik bildet den unmittelbarsten und begriffslosesten Zugang zur Überwindung der Kluft zwischen bewusstem Subjekt und dessen unbewusstem und absolutem Gegenüber, der Objektivität. Rhythmus strukturiert also das Unendliche mithilfe der Zeit…“
Eine Parallele zu Schelling taucht also in der Betrachtung der rhythmischen Beschaffenheit der Künste deutlich auf, denn Musik wie Architektur walten in ihrer fühlbar gewordenen Zeitlichkeit. Die Trennung zwischen Objekt und Subjekt wird gewandelt und dem Kunstwerk kommt die Fähigkeit hierzu zu. Ich will Herrn Seel allerdings nicht überstrapazieren, denn das Leibdenken scheint zu kollidieren mit dem konstruktivistischen Subjekt, das ja ein fundamentaler Zug im deutschen Idealismus ist (obwohl ich Schelling immer deutlicher in seinen Fusionsbemühungen zwischen Welt, Mensch und Ding begreife).
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Schelling, Musik denken.