13.08.
Tun wir Xenakis aber kein Unrecht und machen ihn nicht zu einem metaphysischen Tonkünstler. Er ist in seinem Handeln gebunden an die Mathematik. Diese Form der Verbindung zwischen Ton- und Baukunst ist die klarste und einfachste. Lassen sich doch z.B. die Proportionen in Intervalle umsetzen und auch ein Rhythmus deutlich ablesen durch die Vor- und Rücksprünge eines Bauwerks. Vor kurzem ergänzte ich meine Bibliothek beispielsweise mit einem Buch, in dem der mathematische Beweis dafür geführt wird, dass die Ägypter ihre Pyramiden nach exakten musikalischen Intervallen gebaut haben. Dem Buch lag auch eine CD bei, auf der man verschiedene Pyramiden hören kann.
Etwas fehlt aber bei der Mathematisierung des Themas. Man geht völlig unkritisch davon aus, dass die Mathematik so etwas wie eine universelle Grammatik ist, die allem (Sein wie Dasein) zugrunde liegt. Sie bekommt quasi metaphysischen Status. Letzten Endes jedoch ist die Mathematik eine reine Konstruktion, eine Erfindung, eine Einbildung. Sie ist gebunden an das Subjekt, ist seine Projektion.
Die Mathematik ist die Basis für allerlei Konstruktionen. Sie ist ein beliebtes Mittel, die Welt in einen auf das menschliche Maß gebrachten Spielplatz zu reduzieren. Die Mathematik bekommt allzu oft den Status des Steigbügelhalters zur selbsterfüllenden Prophezeiung unseres technologischen Zeitalters, denn der Beweis für die Richtigkeit der Prozesse unserer Maschinenwelt ist erbracht, wenn er den Regel und Axiomen genügt, die auf dem kulturellen Spielplatz der Konstruktionen gelten.
Inspirierend waren für mich bislang nur Heisenbergs Quantenmechanik, die unser Weltbild um das Paradoxe bereichert hat und Brian Greene mit seiner Stringtheorie (dass die Welt Klang / Schwingung sein könnte und nicht Konstruktion, wussten schon die ältesten Kulturen – und auch Schelling). Bezeichnend auch, wo an Greene Kritik geübt wird. Seine Theorie lasse sich nicht beweisen, deshalb sei sie nichts wert und nur Spinnerei. Da haben wir sie wieder, die Spielplatzwächter, bei denen nicht sein kann, was nicht sein darf.
Mit dem sechsten Teil dieser Reihe zum Deutschen Idealismus wird sie geschlossen. Die vorangegangene neunteilige Reihe über Schellings Kunstmetaphysik machte sie nötig. Nun aber komme ich an einen Punkt, an dem die Zweifel überwiegen, denn es schließt sich ein Problem an, dem ich kaum noch ausweichen kann.
Der Schreiber dieses Blogs wird sich immer klarer, wo seine Gedankenreise hingeht; ins Offene nämlich und möglichst weit weg von den Konstruktionen, die unser aller Leben prägen. Ich spreche hier von anerzogenen Denk- und Handlungsmustern, die den Menschen heutzutage von der Wiege bis zur Bahre begleiten und die als völlig selbstverständlich hingenommen werden.
Wie aber, so frage ich mich in letzter Zeit immer öfter, soll ein Begriff den Begriff, ein Wort das Wort und ein Gedanke den Gedanken verlassen? Mit den Deutschen Idealismus scheint das kaum möglich, denn das Reflexive, Perspektivische ist seine Basis und die Trennung zwischen Subjekt und Objekt seine Grundvoraussetzung…
Gespeichert unter Freier Geist sein, Musik denken.