19.08.
Es sind die kleinen Geschehnisse, an denen sich große Zusammenhänge entfalten. Empfohlen wurde mir vor kurzem von einer guten Freundin die Lektüre der Texte des Komponisten Antoine Beuger.
Hier ein wunderbarer Absatz aus seinem Artikel „Grundsätzliche Entscheidungen“: „…Es ist möglich, sich die Welt als ein unendliches monotones Rauschen vorzustellen: eine Überfülle von Differenzen, in der nichts gleich ist, eine nie entwirrbare Komplexität, eine Gleichzeitigkeit ohne Zeit, da alles immer da ist und sich nichts verändert. Die Monotonie des Unendlichen. Alle Musik, die es jemals gegeben hat oder geben wird, ist in diesem Rauschen enthalten. So wie der Stein jede Skulptur enthält, die aus ihr herausgearbeitet werden kann…“.
Tatsächlich denkt dieser Künstler sehr nah an Schellings Kunstmetaphysik – wahrscheinlich, ohne es zu wissen. Es gibt in seiner Erläuterung den Unterschied zwischen dem Menschen und einer anderen Ebene. Diese andere Ebene ist unendlich, monoton, eine unentwirrbare Komplexität. Wenn sie dieses ist, dann ist sie selbst die reine Indifferenz, denn alles ist in ihr enthalten und zwar gleichzeitig, simultan. Eine solche Dichte kann der Mensch nicht handhaben. Wenn alles klingt, klingt nichts mehr.
Was passiert hier aber nun, hier und in meinem Schreiben? Ich deute diesen wunderbaren Text aus. Tappe ich nicht mal wieder in die Falle der Metaphysik? Taucht nicht wieder der damit zusammengehörende, ungelöste Konflikt am Horizont auf? Wie kann es eine andere Ebene geben, die außerhalb des Bewusstseins liegt und die gleichzeitig an mein Bewusstsein gekoppelt wird, die durch mein Bewusstsein und seine Reflexionsweise sprachlich beschreiben wird? Kein in die Endlichkeit gesprochenes Wort, kein aus der Erinnerung hervorgekramtes Bild, keine Reflexion also kann den bewussten Horizont verlassen. Wie also soll es möglich sein, über etwas zu sprechen, das unaussprechbar ist, das unaussprechbar ist, weil es nicht in die Enge eines Wortes oder einer Reflexion passt?
Da, wo das Sprechen aufhört, beginnt die Dichtung, könnte die Antwort sein. Da, wo das Sprechen aufhört (…) – muss, so frage ich mich, denn ein Sprechen, ein Sprechen wollen, immer in dieser Sackgasse einer reinen Existenz durch das Bewusstsein bleiben? Wer, was, welche Tradition hat das Sprechen dermaßen konditioniert, dass es sich selbst zügelt, dass es sich diese Denkverbote auferlegt? Welche verhängnisvolle kulturelle Konstellation führt die Sprechenden in ihre freiwillige Selbstbeschränkung? Gibt es sprechende Alternativen, gibt es also die Möglichkeit, die Spaltung von Welt und Wort zu verwinden?
Aus wahrhaft berufenem Munde kommt mir jemand zur Hilfe. Maurice Merleau Ponty beginnt seinen Aufsatz „Das Metaphysische im Menschen“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 47-69) mit der denkerischen Kastration und beschreibt dabei auch den seither fehlenden Teil im Sprechen: „…Die Metaphysik aber, die vom Kantianismus auf das System der Prinzipien reduziert wurde, welche die Vernunft bei der Einrichtung der Wissenschaft oder des moralischen Universums gebraucht, und die in dieser Leitfunktion vom Positivismus radikal in Zweifel gezogen wurde, hat nicht aufgehört, in der Literatur und Poesie ein gleichsam illegales Leben zu führen, und heute finden die Kritiker sie dort wieder…“ (Ebd., S. 47) (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter Fokus: Merleau-Ponty, Freier Geist sein, Musik denken.