6.09.
Bevor ich an die Gedanken über eine forschende (freilich jenseits von Wissenschaft forschend) Baukunst anknüpfe, gehe ich noch einmal einen grundsätzlichen Schritt zurück und komme zum Ereignis.
Im Geschehen fallen Ergreifen und Ergriffen-Werden in eins. (Ein schönes Beispiel ist hierfür die Musik, denn ich höre -ergreife also- und werde gleichzeitig ergriffen, indem mit mir „etwas“ passiert. Das Geschehen ist in diesem Moment die einzige Basis meines In-der-Welt-Seins). Die unzureichende, definitorische Spaltung in Objekt und Subjekt wird im Geschehen überwunden. Das Ereignis tritt an die Stelle der Reflexion. Hier möchte ich noch anmerken, dass ich die Reflexion bislang als Gegenpol zum „reinen“ Erkennen sehen wollte, nun aber auch über die Reflexion hinaus kommen will.
Hinaus kommen möchte ich und hingelangen in einen vor-theoretischen Zustand, in dem weder Objekt noch Subjekt herrschen, sondern deren „Basis“, deren Ermöglichungs- und Seinszustand deutlich wird. Das In-der-Welt-Sein des Menschen wäre dabei der springende Punkt, denn sein Sein kommt in die Qualität einer ontologischen Dimension. Nicht eine (geistig, intellektuell) eingebildete Gottheit o.ä., sondern das „bloße“ Da-Sein selbst ist das verbindende Element zwischen allem.
Nehmen wir hierzu auch den wunderbaren Essay „Der Zweifel Cézannes“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 3 bis 27). Cézanne hat sich zeitlebens auf den Weg zu einer „basalen“ Subjektivität gemacht und nicht beirren lassen vom Erbe seiner bildenden Künstler-Zunft, die sich allzu oft im hermetischen Fluchtpunkt- oder sonstigen Perspektiven oder einer detailgenauen, photographischen Darstellung der umgebenden Objekte aufgehalten hat.
Cézanne wusste, dass man der Wahrnehmung und d.h. der „wahren“ Subjektivität nur gerecht werden kann, indem ein Bild mannigfaltig angelegt wird und in dem es einen bewegten und vielfältigen Raum eröffnet, der multiple Situationen und Möglichkeiten birgt: „…Er (Cézanne, CJG) will die Materie malen wie sie im Begriff ist, sich in eine Form zu geben, will die durch eine spontane Organisation entstehende Ordnung malen…“ (Ebd., S. 9)
Kein einzelner Strich auf der Leinwand kann ein Ding fügen und begrenzen. Die Geburtsstunde der Subjektivität passierte nicht im Geiste der oft zitierten Zentralperspektive, sondern in deren Überwindung. (Einen überaus lesenswerten Essay von Davor Löffler: „Über die Auswirkungen der Entdeckung der Zentralperspektive“ finden Sie hier.)
Jedes Ding entsteht zu jeder Zeit neu und anders. Die Wirklichkeit ist zu sehen als eine unausschöpfliche Spähre von Möglichkeiten. Wahrnehmen ist also eine ursprüngliche, nah am Sein seiende Weise des Subjektiven. Eine Weise, die gespeist wird durch die Fülle, die Dichte, die Unendlichkeit. Eine Subjektivität also, die radikal im eigentlichen Wortsinne ist, die die Wurzel beschreibt und sich nicht mit Konstruktionen aufhält. Eine Subjektivität, die das Ereignis als Verkehrsform des In-der-Welt-Seins hat. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Merleau-Ponty, Freier Geist sein.