10.09.
Weiter oben wurde festgehalten, dass ein anzutreffendes Anderes niemals nur eine einzige Wirklichkeit beinhaltet. Es ist und wird jederzeit durch jeden wahrnehmenden Menschen neu in die Wirklichkeit gestellt.
Es gibt aber zweifellos so etwas, wie einen kleinsten gemeinsamen Wirklichkeits-Nenner, der dafür sorgt, dass z.B. ein Tisch als solcher auch erkannt wird. Freilich ist dieses Erkennen nicht damit gleichzusetzen, was dieser Tisch bedeutet. Das hat wie kein Zweiter Martin Heidegger beschrieben…
In-der-Welt-sein setzt die „Beziehung mit“ an die Stelle des „Konstruieren von“. In die Beziehung setzen bedeutet ein in die Bewegung begeben, ins Offene begeben. Eine Relation setzt freilich etwas voraus, zu dem man sich relational verhält. Dieses Etwas ist verschieden vom jeweiligen Subjekt. Das Verschiedensein kann auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner definiert werden. Kann, muss aber nicht. Wie kann ein relationales Verhältnis beschaffen sein, das das Mögliche zur Basis hat?
Zur Architektur setze ich mich ebenso in Beziehung, wie zu Menschen. Kann ein „vortheoretisches“ Wahrnehmen helfen, einen neuen Blick auf die Baukunst zu werfen? Das Bauwerk ist ein Etwas und zwar ein deutliches Etwas. Menschen bewegen sich in ihm, verbringen ihre Zeit in ihm, lassen sich führen und leiten zu Aus- und Einblicken, zu hohen und tiefen, zu schmalen und breiten, zu luftigen und stickigen Begegnungen.
In die Beziehung setzen birgt Ergreifen und gleichzeitig Ergriffen-Werden. Müsste eine Baukunst, die einen wahrhaft subjektivistischen Raum von Möglichkeiten entbergen kann nicht ebenso deutlich ergreifen können, wie andere Kunstformen das tun?
Man ergreift Architektur mit dem ganzen Leib und nicht nur mit den Augen, den Ohren, der Haut, der Zunge, der Nase. Mit dem ganzen Leib meint also mit allen Sinnen und ihrem Zusammenspiel, ihren Wechselwirkungen. Mit dem ganzen Leib meint aber ebenso, mit den Wechselwirkungen der anderen Menschen und der anderen Dinge, meint ebenso die Atmosphären.
Der einzelne Mensch hat Teil an der Welt. Der Möglichkeitenraum ist nicht nur derjenige eines Menschen, sondern aller Möglichkeiten aller Dinge und Menschen zusammen. Zu denken, dass die Architektur nur eine Hülle zu sein braucht, weil die Menschen in den Bauten ohnehin die entscheidende Rolle spielen, greift zu kurz, denn dann würde es ja ausreichen, wenn wir alle in Blechhütten lebten. Nein, die Architektur muss umgekehrt zum aktiven „Dialogpartner“ werden, zum Teilnehmer am relationalen Prozess, zum relational-dialogischen Etwas. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Heidegger.