20.09.
Wie soll nun aber eine „Architektur der Möglichkeiten“ aussehen, ihre Form finden und nutzbar werden, denn das sind doch gemeinhin die Forderungen, denen sie sich ausgesetzt sieht? – die Architektur soll schließlich „funktionieren“. Kann eine Architektur selbst im Stadium der Möglichkeiten bleiben und zwar fortdauernd auch nach ihrer Materie-Werdung oder kann sie sich nur darauf beschränken, die Möglichkeit zu bieten, Möglichkeiten ihrer künftigen Bewohner zu sein? Kann die Reduktion auf eine Funktion oder auch eine Reihe von Funktionen eine Grundlage sein, möglich zu bleiben?
Möglichkeit hat etwas zu tun mit Aktion, Bewegung, Wandlung, Handlung oder Variation. Im architektonischen Entwurfsprozess herkömmlichen Zuschnitts gibt es das Mögliche in Form von Variationen, scheint es. Es scheint so, weil die Variationen allzu oft rein technischen Erwägungen folgen. Es werden Prämissen festgestellt, die zumeist technischen, baukonstruktiven, planungsrechtlichen oder nutzerspezifischen Hintergrund haben. Diese Prämissen werden in Lösungen, in Formen gepresst, die sich bewährt haben, die sich rechnen, die Musterlösungen von Systemanbietern folgen etc. Selten und zumeist nur in den Hochschulen gibt es Variationen, die dieses enge Geflecht von technisch-prozessualen Rahmenbedingungen überschreiten.
Ebenso selten werden die Grundlagen dieser Prämissen in Frage gestellt. Aus welcher Dunkelkammer der Zivilisation kommen eigentlich diese Prämissen. Sind sie denn nicht bloße Platzhalter einer auf Effizienz getrimmten kulturellen Tradition der artifiziellen Welten des „homo oeconomicus“?; einer Spielart des abendländischen Menschen also, die ihren Beginn in den technoiden Weltermächtigungsphantasien im ausgehenden 16. Jahrhundert nimmt und über einen konstruktivistisch missdeuteten Idealismus ihre Bahn ungebrochen bis in die Gegenwart zieht?
Kommen wir zurück zur Handlung. Sie ermöglicht Änderung, die gleichzeitig planvoll wie zufällig ausfallen kann. Nehmen wir hier hinzu noch die eigentliche Bedeutung von Architektur: αρχη [arché] „Anfang“, „Ursprung“, „Grundlage“, „das Erste“ und τεχνη [techné] „Kunst“, „Handwerk“. Wenn das geschehen ist, kann eine Deutung der Handlung im Sinne eines „vor-intellektuellen“ Zustands im Sinne Merleaus Pontys geschehen. Handlung soll also gesehen werden als Raum oder Feld einer Möglichkeit, die noch nicht in den Dienst der technischen oder sonst wie gearteten Nützlichkeit gesehen wird.
Halten wir fest: die Architektur nicht nur Erfüllerin von Funktionen. Sie ist Kunst und zwar die erste, die ursprüngliche. Baukunst ist das bessere Wort und es weist den Weg ins Mögliche. Das Mögliche verbunden mit einer künstlerischen Handlung passiert in Form von Performanz, von Stellung, Darstellung, Ausdruck oder auch Aufführung. Diese Reihe wird versuchen, Baukunst als Performanz zu lesen und so die Brücke schlagen ins gebaute „Relational-Dialogische“, das verkörpert, was es (noch) nicht ist, jedoch stets und aufs Neue sein kann. (Fortsetzung folgt)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Merleau-Ponty.