30.09.
Gehen wir weiter mit dem Gedanken an eine Leiblichkeit, die den einzelnen Menschen In-der-Welt hält und die „Initiative eigenen Verhaltens“ gründet. Es wird darauf gezielt, dass es einen Ort/Gegend/Raum/Zustand gibt, der nicht im herkömmlichen Sinne euklidisch bestimmbar ist und trotzdem höchst relevant für jeden Menschen.
Mit dem Begriff der „Einleibung“ beschreibt Hermann Schmitz die menschliche Fähigkeit/Kraft/Begabung, auch eine fremde Leiblichkeit spontan zur Grundlage eigenen Handelns zu machen: „…Der gegen Einsamkeit und Gemeinsamkeit invariante dialogisch-kommunikative Charakter der leiblichen Ökonomie legt die spontane Bildung übergreifender quasi-leiblicher Einheiten nahe (…) (die, CJG), über den einzelnen eigenen Leib, den unmittelbaren Gegenstand des eigenleiblichen Spürens, hinausgehen…“ (Schmitz, Hermann: Der unerschöpfliche Gegenstand. Grundzüge einer Philosophie; Bonn 2007; S. 137).
Zur Verdeutlichung führt er eine Reihe sehr einleuchtender Beispiele an, etwa das gegenseitige Ausweichen der Passanten auf engen und übervollen Bürgersteigen. In solchen Momenten wird keine einzige Sekunde nachgedacht, sondern gehandelt. Dieses Handeln ist verbunden mit der Teilhabe an der Leiblichkeit der jeweils anderen. Man verlässt sich förmlich und begibt sich in etwas außer sich.
Ein Beispiel, das mir persönlich hier in den Sinn kommt, ist die Fahrt mit dem Motorrad. Die Maschine wird zu einem Teil nicht nur des Körpers, sondern des Leibes. Der Fahrer muss sich auf die besondere Bewegung einlassen. Tut er das nicht, wird er scheiten, erbärmlich schlecht fahren, nicht sauber kuppeln und das Spiel mit dem Gas nicht beherrschen. Jeder Motorradfahrer weiß, dass die Maschine durch den ganzen Menschen ihre Richtung bekommt und nicht etwa mit dem Lenker. Eine Kurve kann dem Fahrer zum größten Geschenk werden, wenn er sich auf sie einlässt. Tut er das nicht, kann es übel enden. Nirgends wird wohl deutlicher, außer sich und komplett verräumlicht zu sein und gleichzeitig ganz bei sich.
„…Tatsächlich kommt der Leib jedoch mit den Gegenständen der Wahrnehmung in universellen, von der Besonderheit der Wahrnehmungsarten weitgehend unabhängigen Zügen so überein, dass er zur Einleibung von allen Seiten gleichzeitig eingeladen wird…“ (Ebd., S. 140). Denken wir also die Einleibung als Wahrnehmung, lösen uns vom Sinnenkonzept der Naturwissenschaft und gehen in Richtung einer leiblich, relational, dialogischen Baukunst, die nicht mehr scheidet zwischen innen und außen und Mensch und Welt, sondern Körper, Material, Struktur und Form leiblich entstehen lässt.
Eine solche Baukunst hätte vielleicht viel mehr mit Tanzen zu tun, als mit den stillen Sitzen vor dem Rechner. Entwerfen wäre viel dichter am Werfen, an der Anstrengung, dem Ziehen im Arm und dem tauben Schultergelenk nach dem Wurf. Auch viel dichter an der Freude, ein Ziel erreicht zu haben oder an der Lust, es nach einem Fehlversuch sofort noch einmal zu probieren…(Fortsetzung folgt)
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