7.10.
Geendet hatte ich im letzten Teil dieser Reihe mit Ludger Schwarte und seiner Auslegung einer Architektur der Performativität. „…Kennzeichnet der Plan die Architektur? Oder ist Architektur das, was das Planen als Arbeit erst möglich macht?…“ (Schwarte, Ludger: Philosophie der Architektur, München 2009, S. 342), wird hier gefragt und darauf verwiesen, dass Handlungen (als solche) immer auch in baulichen Kontexten stattfinden und mit ihnen interagieren.
Unterschieden wird in der Folge die gebaute Umwelt in Situation und Zustand. Während Letzterer eher zu finden ist in Herrschafts- und Machtarchitekturen, in denen Formen die Menschen in eine bestimmte Richtung lenken, ist die Situation mit der Handlung in einem offenen, ziel- wie absichtslosen Sinne verbunden. Eine Architektur, die sich situativ gründet, genügt einem performativen Doppelcharakter, denn sie muss: „…einen Schauplatz eröffnen und sie muss Wahrnehmung organisieren als einen Erwartungshorizont, in dem eine Handlung eintritt…“ (Ebd., S. 343).
Dieser Charakter trifft freilich auch auf gebaute Machtarchitekturen zu, weshalb der hier gegensätzlich gedeutete „Zustand“ unklar bleibt. Verschieden voneinander sind wohl nur die Absichten der jeweiligen Planer, denn die Baukunst wird ja universal gesehen als Grundlage auf der nicht nur Handlungen, Perspektiven, Kontingenz passieren können, sondern auch die Wahrnehmung dessen selbst erst möglich wird. Aus dieser Haltung speist sich übrigens auch die schon erwähnte Kritik an der Phänomenologie, denn diese verkenne, so Schwarte, die immer schon stattgefunden habenden Wechselwirkungen mit der gebauten Umgebung, die ein „zu den Dingen selbst“ nicht möglich werden lasse.
Auf der einen Seite bekommt die Baukunst bei Ludger Schwarte also eine ungeahnte Dominanz und Rolle und auf der anderen kippt die Betrachtung ins Politische und beschreibt Machtspiele von Menschen über Menschen, in denen der Architekt in der permanenten Gefahr schwebt, als Art Diktator zu agieren, der seine isolierte Idee für das Maß der Dinge hält und sich nur allzu oft in den Dienst anderer, auftraggebender „Diktatoren“ stellt.
Betrachten wir aber nicht nur das fertige Ergebnis des Architekten, sondern dessen Schöpfungsprozess und stellen Schöpfung hier in den Gegensatz zum Konstruieren. Wie wäre es dann, den zurecht in die Kritik geratenen architektonischen Entwurf zu entkoppeln von seiner logischen Konditionierung, von seinen Zwecken und Vorstellungen und ihn zu überführen in eine Interaktionshaltung, die den Augenblick schätzt, die einem Atemzug gleicht, der, wenn er getan ist, schon nicht mehr erinnert werden kann.
Ein Entwurf wäre dann das, was dem Pinselstrich bei z.B. einer japanischen Kalligraphie gleicht. Ein Strich nämlich, der in jahrelanger Übung und Konzentration durch die Überwindung des Selbst des Schreibers und mit dessen ganzen Leib in seine Freiheit entlassen und auf das Papier gebannt wird. Vielleicht wäre diese Performanz, diese leibliche Interaktion in einer totalen Gegenwart der Garant für eine „Performativität“ der danach gebauten Kunst? (Fortsetzung folgt)
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