28.06.
G: Wandel führt hin auf das Andere, das (noch) abwesend, aber dennoch schon anwesend ist. Er führt auf Zustände und auf Differenzen. Fragt sich, ob jedes Wandeln, das mithilfe der Sprache bestimmt wird, nur scheinbar sein muss – denn die Mittel der herkömmlichen Sprache setzten auf dressierende Reduktionismen (auch Begriffe genannt). Die Poesie kann helfen; lebt sie doch aus der Welt der Möglichkeit.
S: „…Universalität, die nothwendige Forderung an alle Poesie, ist in der neueren Zeit nur dem möglich, der sich aus seiner Begrenzung selbst eine Mythologie, einen abgeschlossenen Kreis der Poesie schaffen kann…“ (444)
G: Wirklichkeiten-Begriffskäfige mit Gelassenheit balancieren, um über sie hinaus zu weisen. Welche gelassene Sprache reicht dort hin? Kann der „Trieb“, die „Kraft“, das Ermöglichende des Wandels selbst auf diese Weise angerührt werden? Kann man also (noch) sprechen oder muss man (schon) schweigen?
VS: Themistius über Heraklit: „…Der Ursprung (der Dinge), so Heraklit, pflegt, verborgen zu bleiben…“ (301)
H: „…Heraklit ist „der Dunkle“, weil er das Sein als das Sichverbergen denkt und gemäß diesem Gedachten das Wort sagen muss…“ (32)
G: Das Wort sagen redet hier davon, dass Heraklit einer der „sophoi“ war, jener weisen Sprecher von Worten also, die noch ohne (beliebige) Begriffe waren, die gleich erratischen Blöcken rätselhaft und voller lautestem Schweigen barsten.
VS: Aristoteles über Heraklit: „…Denn es ist ein schwieriges Unternehmen, die Schriften Heraklits zu interpunktieren, weil nicht klar ist, ob (die betreffenden Wörter) mit dem Folgenden oder mit dem Vorhergehenden zusammengehören…“ (287)
G: Die Unklarheit der Fügungen spricht etwas über das Sprechen. Insofern beschreiben aristotelische Schmerzen gleichzeitig das Symptom des gegenwärtigen Autismus einer diskursiven Belanglosigkeit und eines geronnenen, akademischen „Anything Goes“.
H: „…Dunkel ist die Philosophie also notwendig und immer, sofern sie nämlich dem Gesichtskreis des bloßen Verstandes, d.h. des alltäglichen Verstellens und Meinens, beraubt wird…“ (29)
G: Hegen, Umstellen (nicht Verstellen!), Lichten, mehr gibt es nicht zu tun – auch nicht für eine wahrhaft menschliche Baukunst. Erscheinung provozieren, die ohnehin schon ist und sich ansprechen lassen; nehmen, was gegeben und auch vorenthalten wird…(Fortsetzung folgt)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 55, Frankfurt am Main 1979)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
24.06.
Dunkles Locken steckt im gewalttätigen, stets wiederkehrenden Ruf…
Lethargisches Regen zeigt sich vor leichter Erhellung…
Das Band der Zeit scheint zu fehlen…
Klänge als Destruktionen – allem entgegen und manchmal als Rhythmus…
Stimmung und Stimme sind in Faltungen durchzogen – sie gleiten…
Die Regung bleibt dominant vor dem erfolglosen Aufschwingen des Klangs…
Pausen zerreißen das Gewebe – es war unendlich weitmaschig da…
Folgende, rhythmische Faltungen sind wie beängstigende Stimmen aus dem Dunkel…
Die Stimme will in das Begegnende einsetzten…
Ein Entzug bleibt hörbar – nur dieses Mal…
Nie war die Regung so nah – in einem ergebenden Entlanggleiten am Abgrund…
Stimmen umspannen die Schläge wie unpassende Kleider…
Worte gleichen eher Lauten – sie sind ohne Sinn…
Für diese Sprache gibt es nur die Grammatik…
21.06.
G: Lösen von Dressuren ist leicht gesagt, aber schwer getan – auf einer Reise war ich Zeuge davon. Mir gegenüber sitzend in einem Zug während eines Halts am Bahnhof unterwies eine Mutter ihren Sohn: „Was bewegt sich gerade, wir oder der andere Zug?“. Der Junge darauf: der Bahnhof! Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte überschwänglich gratuliert – so viel Weisheit kann nur ein Kind haben!
G: Wohin kann ein Sprechen sich ausdehnen, das noch verstanden werden soll? Eindrucksvolle Vertreter für ein vor- oder überbegriffliches Denken sind beispielsweise die „sophoi“ in der ältesten griechischen Klassik zwischen dem 5. bis 7. Jh. v. Chr. Hier ist Wissen noch nicht in Begriffe zerfallen. Hier ist die Nähe spürbar zum Epos und zum Erscheinenden an sich.
WS: „…Ein guter Steuermann kann „sophós“ heißen, der sein Handwerk versteht und zugleich vieles im Instinkt hat; ebenso wie der Mann, der ein wirklich gewusstes Wissen hat…“ (16)
G: Zurück in die Zukunft also, als es noch keinen Unterschied gab zwischen Denken und Leben, als Gedachtes, Gesprochenes und Konkretes noch nicht aufgelöst waren in kleinste gemeinsame Nenner, die im Dienste des „Diskursiven“ stehen.
HS: „…Das alte Paradigma bezeichne ich als archaischen Dynamismus (…) Das menschliche Erleben ist im archaischen Paradigma weder zentralisiert noch abgegrenzt; die Person, die „ich“ sagt, steht ohne Hausmacht in einem Konzert von Regungsherden (…) die meist leiblich lokalisiert sind, und ist dem Einbruch ergreifender Mächte (…) ausgesetzt…“ (13)
G: Man kann sich diese Bruchlinie nicht deutlich genug machen. An ihr entlang entwickelt sich sukzessive über 2.500 Jahre hinweg die rationale Ermächtigung über unser Sprechen und Denken bis hin zum Zustand der freiwilligen Selbstbeschränkung unserer Gegenwart.
N: „…es (das philosophische Denken, CJG) hebt seinen Fuß in eine fremde, unlogische Macht, die Phantasie. Durch sie gehoben springt es weiter von Möglichkeit zu Möglichkeit, die einstweilen als Sicherheiten genommen werden: hier und da ergreift es selbst Sicherheiten im Fluge…” (813)
G: Das wäre ein weiterer Weg. Zulassen der Erscheinungen, aber Jonglieren, Fügen und Zerbrechen dessen, was die Erscheinung begrifflich verformt. Denken also mit Bausteinen in der freien Kollage, im Vexierspiel.
E: „…Wir fragen aber nicht nach dem Erscheinenden, sondern nach dem, was über das Erscheinende ausgesagt wird, und das unterscheidet sich von der Frage nach dem Erscheinenden selbst…“ (98) (Fortsetzung folgt)
(E: Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis; Frankfurt am Main 1985)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(WS: Wolfgang Schadewaldt: Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen; Frankfurt am Main 1978, Band 1)
(HS: Hermann Schmitz: Der Leib, der Raum und die Gefühle; Berlin und Locarno 2007)
18.06.
G: In dieser Reihe soll ausgelotet werden, was Wandel bedeuten könnte. Brennende Frage hierzu: bleibt Wandel stets gebunden an Bestehendes und also in Abhängigkeit der Anschauung sowie deren menschlicher Übersetzungen des Angeschauten – also der Sprache? Ist Wandel das Andere des Neuen oder ist das Neue nichts weiter als Wandel?
K: „…Nun beruht aber alle unsere Unterscheidung des bloß Möglichen vom Wirklichen darauf, dass das erstere nur die Position der Vorstellung eines Dinges respektiv auf unsern Begriff und überhaupt das Vermögen zu denken, das letztere aber die Setzung des Dinges an sich selbst (außer diesem Begriffe) bedeutet…“ (354)
G: Kann eine „tiefere“ Form in die Sprache geraten? Kann eine Sprache jenseits eines Bezeichneten operieren? Kann eine solche Sprache den Menschen schreibend und denkend halten, ohne das zu Schreibende und das zu Denkende in Begriffe zu pressen? Kann sie an-rühren, ein-hegen, ohne festzulegen? Wäre man noch sprechfähig oder glitte in die Meditation?
N: „…Die Sphäre der Poesie liegt nicht ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegentheil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit und muss eben deshalb den lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Culturmenschen von sich werfen…“ (57)
G: Denken als Wegweisung und Aufforderung zum Gehen und nicht als reproduzierbare Formelbereitung. Diese Lektion auf das Bauen gewendet ist es, die die Bau-Kunst beherzigen muss, will sie über sich hinaus und damit hin zu den Menschen.
G: Warum sollte man länger dem aristotelischen Diktum folgen und Möglichkeit stets an materielle Wirklichkeit knüpfen? Was wäre, wenn die Möglichkeit und Wirklichkeit eins sind? Was wäre, wenn Wirklichkeit nicht einmal den Körper und das Materielle kennte?
S: „…Ein körperlicher Träger der Bewegung ist nicht zur Vorstellung des Wirkens im Raume, der „Wirklichkeit“, notwendig…“ (15)
G: Steht die Neuauflage des Kampfes an zwischen Platon und Aristoteles? Kann man das Verhältnis auflösen zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, ohne in die reine Ideen-Welt zu geraten?
G: Lösen wir uns von den Dressuren, die unsere Sprache und unser Vorstellungsvermögen bestimmen. Versuchen wir beispielsweise, die Baukunst ohne Materie zu denken. Denn nur, weil wir die Architektur als Lastendes, Schweres begreifen wollen, wollen wir auch annehmen, dass sie nicht beweglich wäre.
N: „…Man glaubt, zwei Wanderer an einem wilden, Steine mit sich fortwälzenden Waldbach zu sehen: der Eine springt leichtfüßig hinüber, die Steine benutzend und sich auf ihnen immer weiter schwingend, ob sie auch jäh hinter ihm in die Tiefe sinken. Der Andere steht alle Augenblicke hülflos da, er muß sich erst Fundamente bauen, die seinen schweren, bedächtigen Schritt ertragen, mitunter geht dies nicht, und dann hilft ihm kein Gott über den Bach…“ (813) (Fortsetzung folgt)
(K: Immanuel Kant: Werke in zwölf Bänden, Frankfurt am Main 1977, Bd. 10)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(O: Oswald Spengler: Reden und Aufsätze, München 1937)
14.06.
Welcher Architekt wagt sich heutzutage an eine allgemeingültige Definition dessen, was schön sein mag? Wer wagt sich weiter an eine Verknüpfung von universaler Schönheit mit einem sinnerfüllenden Bauen? Der Berliner Jörn Köppler tut das und legt eine theoretische Arbeit vor, die im Zeitalter von „parametrischer Komplexitätsreduktion“ und ähnlichen Entwurfsmaschinen-Doktrinen den Durchgriff reklamiert auf nichts Geringeres, als die Basen menschlicher Freiheit.
Mit Immanuel Kant im Gepäck offenbart der Autor in seinem Buch „Sinn und Krise moderner Architektur. Zeitgenössisches Bauen zwischen Schönheitserfahrung und Rationalitätsglauben“ auf rund 300 Seiten die Frucht einer zehnjährigen Denkbewegung. Der geneigte Leser sollte sich nicht auf leichte Kost einstellen, denn die philosophische Gründung in der Kantischen Ästhetik fordert das konzentrierte Nachvollziehen seiner strengen, gedanklichen Architektonik. Abschrecken allerdings sollte man sich davon nicht lassen, denn das, was hier in Erinnerung gerufen wird, lohnt die Mühe.
Mit wenigen Bildern und hauptsächlich an Architektur (-theorien) von Boullée, Schinkel und Mies van der Rohe orientiert, bekommt die Leitthese Kontur, wonach dem Menschen eine sinnstiftende Dimension eröffnet wird über die Teilhabe an einer naturhaften Wirklichkeit, die sich begriffslos erfahrbar macht. Als sprachloses Staunen kommt dem überwältigenden Teil des dichotomischen Gespannes -der Erhabenheit- dabei die wichtige Rolle „des Anderen“ zu.
Im Gewahrwerden des Erhabenen liegt die Präsenz einer sinnfreien Natur – man ist hier fast gewillt zu sagen, einer Naturgewalt. Sinnhaft wird das Ganze durch eine parallel laufende Freiheitserfahrung, die sich über die Trennung von der Natur markiert. Eine Trennung freilich, die nicht überwunden werden kann, weil sie die menschliche Existenz durchwaltet: „…Denn Freiheit, die nicht in der naturhaften Wirklichkeit gesucht wird, ist keine, und eine so verstandene führt den Menschen nur in die Unwirklichkeit einer reinen Begriffswelt…“ (a.a.O.; S. 270)
Erfreulicherweise will der Autor im romantischen Rückgriff nicht auf eine kanonische, hermetische Ordnung der Bauformen hinaus, sondern reklamiert das beste Erbe dieser Epoche, nämlich die Vielfalt einer Architektur, die über sich hinausweist. Wie das ganze Bauwerk sollten sich auch seine Konstruktionen in die Rolle eines Mediums fügen, das den Menschen hilft, die wohlgefällige, konstituierende Erfahrung des Anderen ihrer Selbst zu machen.
„poiesis“ in Sinne von Schöpfung oder Erschaffung durchscheint als primäres Thema diese freiheitsstiftende Baukunst, denn im Dienste der Schönheitserfahrung entsteht eine Balance zwischen Schwerkraft und menschlichem „Raumwollen“. Die Konstruktion gleicht dabei der Grammantik einer Sprache, die auf das Unsprechbare zielt. Sie wäre luftig, filigran, bewegt und nur dazu da, in das noch Unerfüllte des Raums zu weisen.
Mancher mag instinktive Vorbehalte haben gegen die intellektuelle Reaktivierung des 18. Jahrhunderts. Es bleibt dazu zu sagen, dass der Autor nur das Beste daraus im Auge behält und beharrlich auf die Trias „Freiheit, Ästhetik und Natur“ rekurriert. Wohltuend ist auch, dass er sein Sinnsystem unreligiös verortet und dabei nie in Besserwisserei verfällt. Vielmehr umschifft er im Sinne des Königsbergers elegant die Klippen einer reduktionistischen und damit lebensfeindlichen Rationalität.
Das Buch birgt tatsächlich einen universellen Horizont, indem es kulturübergreifend den Menschen selbst in den Mittelpunkt von Schönheitserfahrung rückt. Das Nehmen im Wahr-Nehmen steht zusammen mit dem Gegebenen und als solches lebt es von der Spannung des konstituierenden Anderen, d.h., dass die einzelne Anschauung den Weg zur Wahrheit weist und keine Religion oder Begriffssystematik.
Architektur in einer solchen Haltung wäre gebend, stiftend, entbergend und erschaffend. Sie folgte der „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“: „…dieses (geistig-ästhetische, CJG) Bauen keinem anderen Zweck dienen kann, als jenem, welcher allen Zwecken entgegen gesetzt ist, der Reflexion der Zweckmäßigkeit ohne Zweck, der Reflexion des Lebens selbst also im Moment der Schönheit, die zudem nur interesselos war und sein musste…“ (a.a.O.; S. 64)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen.9.06.
G: Baukunst in ihre Un-be-stimmt-heit halten zu wollen, gleicht einem Hürdenlauf. Die zu überspringenden Barrieren sind selbst aufgestellt – und auch bestens verteidigt. Sie haben Namen wie Logik, System, Konstruktion, Nützlichkeit oder Funktion. Welche sind die wichtigen Sprünge? Welche Hürden fordern am meisten Kraft?
S/1: „…solang Architektur dem bloßen Bedürfniß fröhnt und nur nützlich ist, ist sie auch nur dieses und kann nicht zugleich schön seyn. Dieß wird sie nur, wenn sie davon unabhängig wird, und weil sie dieß doch nicht absolut seyn kann, indem sie durch ihre letzte Beziehung immer wieder an das Bedürfniß grenzt, so wird sie schön nur, indem sie zugleich von sich selbst unabhängig, gleichsam die Potenz und die freie Nachahmung von sich selbst wird…“ (578)
G: Architektur von sich selbst unabhängig machen, zur „freien Nachahmung“ machen. Herrscht dann der Zufall, die Kontingenz im Gegenteil zur Freiheit – denn Freiheit bleibt ja stets gebunden an ihr jeweiliges Gegenteil?
G: Wo ist das „Schwarze Quadrat“ der Baukunst? Wo der Malewitsch unter den Architekten? Wo wird die Baukunst sich selbst zum Gegenstand; wo setzt sie sich „auf null“? Vielleicht als Organismus und mit dem Organischen als Freiheitsausdruck, als Anderes, als Selbstunabhängigkeit?
S/2: „…Wenn eine Kunst Grenzen hat – Grenzen ihrer formgewordenen Seele –, so sind es historische, nicht technische oder physiologische. Eine Kunst ist ein Organismus, kein System…“ (285)
G: Eine „Baukunst auf null“ könnte den Raum wieder freigeben für ihren eigenen Anfang. Könnte zurück in die Zukunft einer Gestaltfindung anstelle der Gestalt. Könnte sich musikalisieren und damit ihrer bessere Hälfte den Vortritt lassen.
S/1: „…Die Musik, welcher die Architektur unter den Formen der Plastik entspricht, ist zwar davon freigesprochen, Gestalten darzustellen, weil sie das Universum in den Formen der ersten und reinsten Bewegung, abgesondert von dem Stoffe darstellt. Die Architektur ist aber eine Form der Plastik, und wenn sie Musik ist, so ist sie concrete Musik. Sie kann das Universum nicht bloß durch die Form, sie muß es in Wesen und Form zugleich darstellen…“ (577)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann ihr poetisches Potential wiederfinden. Sie kann zum Wort zurückkehren und dabei den Begriff hinter sich lassen. Sie kann sich in das Stimmen in der Un-be-stimmtheit versenken.
S/2: „…Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie…“ (382-383)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann den Ort im W-ort aufsuchen?
H: „…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (208)
G: Diese Reihe endet hier. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten und der Schreiber ahnt, dass es genau darum gehen sollte in einem zeitgemäßen Bauen. (Ende)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 13, Frankfurt am Main 1983)
(S/1: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(S/2: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes; München 1923)
2.06.
G: Drei Variationen auf Materie und Ding. Zunächst F. in der Wüste…
F: „…Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre gar nichts, ausgenommen das Rieseln von Sand…“ (25)
G: Nicht zu retten? Nicht zu retten vor der „Klarheit“ oder vielmehr nicht zu retten vor der Fixierung auf die Schatten an der Höhlenwand? Was ist das Rieseln des Sandes nicht? So taub kann keiner sein…
G: Mehr „sehen“ als das Ding, das man betrachtet. Blinde sehen besser. Menschen er-leben die Dinge. Sprung in die Unklarheit als Standard. Sprache als stets unzureichendes Vehikel. (Selbstversuche „sprechen“ für sich)
G: Das „Un“ ist das Wichtige. Hier tut die Kehre not. Das „Un“ schwingt mit. Es ist wie der Zwilling des Dings. Das „Un“ weißt tiefer hinein und weiter heraus. Das „Un“ der Schärfe wohnt jedem Scharfgestellten inne. Das „Un“ ist auch das Mögliche – aber nicht nur. Es verleiht ihn sein Leben – macht es er-leb-bar. Es macht es bar, also nackt. Nackt ist auch das „Dass“ der Existenz. Nackt, weil es ohne das Etwas ist.
G: Nun S. mit göttlichem Gepäck…
S: „…Die Materie erfüllt einen Raum nicht durch ihre bloße Existenz (denn dieß annehmen, heißt alle weitere Untersuchung ein für allemal abschneiden), sondern durch eine ursprünglich-bewegende Kraft, durch welche erst die mechanische Bewegung der Materie möglich ist. Oder vielmehr: Die Materie ist selbst nichts anders, als eine bewegende Kraft, und unabhängig von einer solchen, ist sie höchstens etwas bloß Denkbares, aber nimmermehr etwas Reales, das Gegenstand einer Anschauung seyn kann…” (231/232)
G: Ideenretter. Zunächst der Logos, dann die Materie. Alles ist klar und unklar gleichzeitig. Das „Un“ wird nun verwiesen in den „Ur-grund“ oder „Un-grund“. Scharfes Unschärfefeld, denn zu erreichen ist es nimmer – bestenfalls einzuhegen. Mit Worten einhegen, die vorgeschoben werden, bis sie kurz davor sind, in den „Ab-Un-Ur“-grund zu fallen. Intellektuelle Echolote, u. a. auch der geniale Wittgenstein, übten sich darin.
G: Nun H. mit dem Einfachsten und Schwersten gleichzeitig. Zunächst über S.:
H: „…Die Dingheit der Dinge bestimmt sich so wenig aus einem gleichgültigen Vorhandensein, stofflicher Körper, dass die Materie (bei Schelling, CJG) selbst geistig begriffen wird; was „wir“ als Materie spüren und sehen, ist ein in die ausgedehnte Schwere der Trägheit geronnener Geist…“ (215)
G: Aus der Zeit in die Zeitlichkeit gekippter Geist. Ein erkalteter Lavastrom, der Äonen braucht, um sich ins Leere der Zeit zurück zu bewegen, die Eins ist mit dem Sein. Das Sein auch als längste der langen Weile. (Fortsetzung folgt)
(F: Max Frisch: Homo Faber, Frankfurt am Main 1957)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 42, Frankfurt am Main 1988)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 2, Stuttgart 1856)
31.05.
A: Indem nun in jeder Gattung genau getrennt sind das eine als in angestrebter Wirklichkeit da, das andere als der Möglichkeit nach vorhanden, so (gilt): Das endlich zur-Wirklichkeit-kommen eines bloß der Möglichkeit nach Vorhandenen, insofern es eben ein solches ist – das ist (entwickelnde) Veränderung…“ (51)
G: Veränderung vollzieht sich erst, wenn Möglichkeit ver-wirklicht wird. Ver-wirklichen geht einher mit Ver-gehen. Verwirklicht ist die Möglichkeit also vergangen. Der Preis der Veränderung ist ihre Vergängnis.
G: Ist bereits das Sprechen oder Denken einer Möglichkeit ihre Verwirklichung? Dann wäre Möglichkeit geknüpft an geistige Wirklichkeit. Wäre in diesem Stadium schon die Vergängnis am Werk – und wie wirklich wäre ein Gedanke?
S: „…Da nun diese (Idee, CJG) als Realität unmittelbar zugleich Idealität ist, so wird das Producirte eine Realität seyn, die von der Idealität getrennt, nicht unmittelbar durch sie bestimmt ist, eine Wirklichkeit also, welche nicht zugleich die vollständige Möglichkeit ihres Seyns in sich selbst, sondern außer sich hat, demnach eine sinnliche, bedingte Wirklichkeit…“ (S. 40)
G: Die Möglichkeit ist also ebenfalls stets das Andere des zur Wirklichkeit Gebrachthabenden. Das Andere findet gleichzeitig statt – dabei als eines unter vielen. Die Möglichkeit gleicht einem Vorwegschreiten. Sie ist auch ein Wirken. Vielmehr ist sie zusammen mit der Veränderung der Garant eines Gefüges, das zur Wirkung bringt. Das Wirkende jedoch bleibt an das Nicht der (nächsten) Möglichkeiten verwiesen. Das Wirkende wirkt durch diesen „Mangel“.
A: „…Alles, wird ja sein zugleich Wirkung ausübend und Wirkung erfahrend…“ (52)
G: Sprung zurück aus dem Materialismus des A.! Es gibt (ein) Veränderndes und (ein) Verändertes. Beide “Zustände” sind nie wesensmäßig bei sich, denn ihr zur Wirklichkeit-kommen war an das Vergehen eines Möglichen geknüpft und auch daran, den „Mangel“ (des Anderen) zu be-wirken.
G: Wirklichkeit ist zwar an das Vergehen von Möglichkeiten geknüpft, markiert aber dennoch nie das Ende des Möglichen. In die Wirklichkeit halten gleicht vielmehr auch einem Vergehen.
A: „…Noch unvollkommen ist das Mögliche, dessen Verwirklichung sie (die Veränderung, CJG) ist…“ (53)
G: Die Verwirklichung der Möglichkeiten, z.B. das Bauen eines Hauses findet demnach kein Ende, wenn das Werk fertig gestellt ist. Hier widerspreche ich A.! Das Andere, die Vergängnis und der Mangel stiften die Wirkung des Baues. Die Fertigstellung markiert nicht ein Ende, sondern einen Aufbruch in die nächste Ver-wandlung. (Fortsetzung folgt)
(A: Aristoteles: Philosophische Schriften; Übersetzt von Hans Günter Zeckl, Band 6, Hamburg 1995)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 6, Stuttgart 1856)
26.05.
G: Schellings Überlegungen vom Anfang allen Denkens sind also verbunden mit einer Befreiung, in der das Andere ein Garant des Selbst wird.
S: „…Ein Wesen, das in seinem Urseyn, worin es von selbst ist, beharren müsste, könnte nur starr und unbeweglich, todt und unfrei seyn. Selbst der Mensch muss von seinem Seyn sich losreissen, um ein freies Seyn anzufangen. Je höher die Macht dieser Selbstentschlagung und Entäusserung (Objectivmachung des unwillkührlichen Seyns), desto productiver, unabhängiger, göttlicher erscheint der Mensch. Sich von sich selbst zu befreien, ist die Aufgabe aller Bildung. Die Menschen. Die, welche nicht von sich hinwegkommen, bleiben unvermögend…“ (S. 455/456)
G: Das Aufspalten einer Absolutheit in ihre Möglichkeiten gleicht keiner ‚Vertreibung aus dem Paradies‘ und also nicht dem Beginn eines Verhängnisses, sondern erscheint als größter Freiheitsakt, als Akt des Lichtens.
S: „…Die Idee offenbart Gott die Potenz, durch die er sich befreit…” (S. 462)
G: Dieser Anfang ist auch der Kern der Möglichkeit. Mit ihr wird die erste Differenz wirksam und kommt so in ihre Wirklichkeit. Hier lichtet sich auch ein Raum des Denkens und nimmt Sprache ihren Beginn. Die Freiheit und das Wollen markieren diese Lichtung. Nicht nur für Gott, sondern auch für den Menschen.
S: „…der menschliche Geist entfesselt sich in der wirklichen Freiheit gegen alles Seyn und (sieht sich, CJG) berechtigt (…) zu fragen, nicht: was ist, sondern: was kann seyn…“ (S. 89)
G: Vorhandenes wirkt, es IST in seiner Wirk-lichkeit. So scheint es jedenfalls. Das Andere jedoch macht die Wirk-lichkeit erst möglich. Es IST die Möglichkeit dazu, der Wandel dorthin, die Bewegung des Zustands. Das Andere des Selbst IST im Zustand des Noch-Nicht. Es IST außerhalb und innerhalb des Vorhandenen – gleichzeitg.
S: „…Es kommt dem, was existirt, dem Existirenden selbst, zuvor, so dass dieses gar nicht als Wesen gesezt ist, sondern ganz ekstatisch, ausser sich gesezt, geradezu das Seyende ist. Das Wesen hat sich nicht entäussert, sondern ist entäussert, ehe es sich denkt…” (S. 460)
G: Beziehen wir den ‚gelichteten Zustand‘ auf die Baukunst. Bleibt die Architektur nicht allzu oft in ihrer Wirklichkeit gefangen und bedient sich lediglich der Möglichkeiten in Form von bewegenden Leihgaben wie Licht, Klang oder Wind? Diese Wegweiser des Wandels werden erspürt. Kann man das Andere der Baukunst „nur“ denken?
S: „…Allerdings; menschliche Hervorbringungen können von ihrer Möglichkeit aus vorher gesehen werden. Aber es giebt auch Dinge, deren Möglichkeit erst durch ihre Wirklichkeit eingesehen wird…“ (S. 451)
(Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 13, Philosophie der Offenbarung, Stuttgart 1856)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Schelling.23.05.
G: Wie könnte Schelling helfen, Sein, Nichts und Werden auseinanderzuhalten bzw. zusammenzubringen? Wie könnte er helfen, die Baukunst als Möglichkeit aufzufassen? Er tut es mit erheblich religiöser Schlagseite und spannt zunächst den Bogen über die Vorüberlegung des „Actus purus“, also der absoluten Vollkommenheit Gottes. Vor dieser ist alles Seiende unvollkommen und also in Wirklichkeit und Möglichkeit zerfallen. Ist die Wirklichkeit ohne verbleibende Möglichkeit erreicht, haben wir den Zustand der Vollendung.
G: Setzten wir uns also der (heutigen…) Zumutung aus, Gott nicht für eine Illusion zu halten und stellen uns den Zustand der Vollkommenheit vor. Ein alles und jedes Bergendes, eine ewige Harmonie, ein fruchtbarer Ur- oder Ungrund. Aber auch ein Stillstand, eine Unbeweglichkeit, eine lange Weile. Vielleicht die längste Weile…Es bedarf einer Störung, die die Harmonie zur sich selbst bringt. Es braucht das Andere der Vollkommenheit, um sie sich gewahren lassen zu können.
S: „…Und auf diese Weise kommt in das unbewegliche Seyn eine Beweglichkeit, es bekommt eine Negation in sich, hört zwar nicht auf actus purus zu seyn, ist aber nun nicht mehr actu, sondern nur dem Wesen nach, nur potentia. Actus purus, ist gehindert in seinem actus purus, nicht mehr das lautere, potenzlose Seyn; dadurch aber, dass es Negation, Potenz in sich bekommen hat, ist es ein sich selbst besizendes Seyn geworden, ist in sich zurückgesezt, sich selbst geworden. Der, der Herr ist, das Zufällige zu sezen, ist seines Urseyns mächtig geworden, den actus purus zur Potenz zu erhöhen…” (456/457)
G: Die Möglichkeit als Potential begriffen, wirkt wie die Negation der Vollkommenheit. Das Wirken lässt den Blick frei auf sich selbst – lässt ihn erst entstehen. Das Andere des Unvordenklichen hilft, das Sein desselben zu begreifen. Es hilft, das Sein zu gewahren zu denken und zu sprechen.
S: „…Was der Anfang alles Denkens ist, ist noch nicht das Denken; es ist das Erste, quod se objicit cogitanti, was daher überwunden werden soll, für den Anfang ausser dem Denken, ihm entgegenstehend…” (450)
G: Wir werden also sprechfähig über etwas, das sich der Unausprechbarkeit entzieht. Woher kommt nun der Impuls dazu? Schelling bemüht hier das Wollen und bringt es vor oder über die Absolutheit. Das Wollen ist es, das auch die „erste“ Störung, den Weg zum Anderen des Selbst provoziert.
S: „…Was immer sein Seyn voraus hat, ist das eigentlich etwas wollen- und anfangenkönnende, dadurch, dass es sein Seyn unabhängig von sich hat, sein Seyn voraus hat und desselben sicher ist…“ (457)
G: Das Wollen als Garant der Gewahrung des Dass der Existenz zu “provozieren”, könnte die vornehmste Aufgabe einer Baukunst als Möglichkeit werden. (Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Philosophie der Offenbarung, Paulus-Nachschrift 1841/42)
Gespeichert unter (Bau)-Kunst schauen, Fokus: Schelling.