Fragmente und Wortakrobatik 260-306 ...
260. die zweite präsenz des themas ist deutlich drängender ...
261. der schwarze strich: düsterer als sonst - fast beschwörend ...
262. aus dem streichen wächst der zusammenhang ...
263. begleiter der ungeheuerlichkeit ...
264. dialoge leiten nur ein - sind themen wichtiger als gespräche? ...
265. das strahlen hielt sich nur einen augenblick ...
266. manche dramatik scheut sich nicht, ihren raum zu teilen ...
267. eng auf-ge-schlossen... - entzweit und doch in richtung ...
268. der schluss wächst selbstsicher auf - er weiß um das beschirmende ...
269. klarheit schneidet und schiebt. freiwillig fügt sich nach und nach der rest ...
270. erstaunlichstes an der liebe: ihre zwecklosigkeit ...
271. warne deines amtes ... #pflichtbewusst
272. eine frau wie eine bresche ... #beeindruckend
273. beauftragte zur entfernung von effekten ...
274. schlagartig wurde ihm klar, wie er ent-denken konnte ... #suche(r)n
275. architektur und effektenhandel ... #synonyme
276. zwar trug sie schwer, aber da war auch stets diese spur bewunderung ...
277. ihm reichte das gelingen, nicht zu gelingen ...
278. heute scheinen die bäume sich zu umarmen ...
279. er wollte partout, dass seine demut gewürdigt wird ... #weisheitsverfehler
280. ja, sie war eine stalkerin - und verfolgte unerbittlich ihre freundlichkeit ... #positivismuszwang
281. herzklappenflirten ... #amorkardeologie
282. arg-los lebte er seinen arg-wohn. mit dem los des wohnens lag es naturgemäß im argen ... #arghaber
283. vom schurken zum helden: ins verderben führen / im verderben führen ... #orte
284. löcher ohne schuhe ... #raritäten
285. auf manchen lorbeeren rutscht man aus ...
286. noch tage später wirkten die eindrücke nach. die simulierte gegenwart drohte die reale zu übernehmen ...
287. er fragte sich, ob eher die klarheit oder das streichen die seele zog ... #suw
288. werden themen schnell vorgetragen, bekommen sie anderes gewicht ... #suw
289. fassungs-los: "Ich bin [...] ein Geländer am Strom: fasse mich, wer mich fassen kann! — Eine Krücke bin ich nicht" #nietzsche
290. ihre eitelkeit glich heute offener aggression ... #aufmersamkeitsterrorismus
291. die ignoranz der anderen perlte routiniert an seinem gesicht ab ... #entzugstechnik
292. desi(g)ntegration vielleicht ...? #gretchenfragen
293. er-störend - hauch, der merklich werden lässt ...
294. masse als alleinstellungsmerkmal ... #definitionen
295. wo-herr-lichkeiten ... #viril
296. meisterin der entspannten aggression ... #meditationsfolgen
297. halbhaaresbreite ... #innovation
298. ihre erinnerungen waren heute so geschwollen, dass sie probleme mit dem gleichgewicht hatte ...
299. mastra-darmos ... #dunkelsichtig
300. ihr wurde schlagartig kalt, als er seine blicke von ihr nahm ... #fernwärme
301. kinderpsychopaten ... #nachwuchsgewinnung
302. blätterbergsteiger ...
303. lächeln erschien ihm immer mehr als energieverschwendung ... #nachhaltig
304. breiheitig wurde ihr denken von tag zu tag mehr ... #ideale
305. immer häufiger ging er dazu über, probleme zu erschrecken ... #machertypen
306. ausmahnen nahmte sie häufig ... #gelassenheit
Quelle: http://twitter.com/CJGrothaus
Übergänge_Bernauer Straße
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Übergänge_Dorotheenstädtischer Friedhof
STERBE(R)(Z)EIT
BR(H)AUCHT
WI(E)DERSTAND
Von der Illusion der Perspektive …
„Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“. So sprach er, während er unter freiem, wenngleich stark bewölken Himmel saß und das Gespräch mit mir fortsetzte. Was er wohl nicht merken wollte, war die größtmögliche Distanz zwischen dem Gesprochenen und unserem momentanen Sein. Es ist schon ein großes Kunst-Stück (im Sinne von künstlich), in welcher Weise dieser Mensch entfernt war von der Welt, die er (ohne davon Notiz zu nehmen) mit mir teilte.
So war nicht nur seine Lautstärke unangemessen, sondern auch das Drängen, das unter dem Sprechen lag. Eine Art Subtext des Selbstvertrauens, der aus dem Gegenteil von Selbstbewusstsein gespeist wurde, dröhnte in meinem Inneren und blieb dabei doch für die Ohren unhörbar.
Seine Sätze glichen eher Attacken. Sie bäumten sich dabei nicht nur gegen mich auf, sondern verbliebenen als Dissonanzen im Raum. Sie wirkten als aggressive Implantate in einer Sphäre, die uns schweigend, ruhend und mächtig umgab. So begann ich bald, nicht mehr ihm, sondern der Welt zuzuhören.
Dieser Tag war schon seit dem Morgen etwas Besonderes. Es war so, als wolle er nicht wach werden, einfach nicht aus dem Bett kommen, die Vorhänge nicht aufziehen. Eine gewisse Dichte war ihm zu eigen. Sie hatte es zuvor schon schwer gemacht, zum Treffen zu fahren - jeder tritt in die Pedale viel doppelt schwer. Man musste sich förmlich durch einen Widerstand hindurch bewegen.
Auch im Sitzen am Treffpunkt wurde es nicht anders. Die Trägheit des Tages wälzte sich durch den Stadtraum. Sie ergoss sich unaufhörlich in die Räume und füllte sie langsam auf. Nur die Feuchte in der Luft korrespondierte mit der unausweichlichen Dichte dieser Atmosphäre.
Manchmal ist das verbindende Zwischen körperlicher als alle Subjekte und Objekte selbst. Man kann es dann fast mit den Händen greifen. Es umschließt einen vollkommen, wird quasi zur Materie und verliert seine Flüchtigkeit.
Das Zwischen ist dann wie die Finsternis, deren Grenze direkt am eigenen Körper entlangläuft. So, wie die Finsternis den Körper umschließt, so umschließt an diesen ganz besonderen Tagen das Zwischen hauteng alles in und außerhalb von ihm selbst. Nur, dass die Helligkeit dem Irrtum Vorschub leistet, die Grenze des Umschließens in die Ferne verlegen zu können. An diesen Tagen kämpft die Perspektive um ihre Macht und wehrt sich mit aller Vehemenz gegen die Entlarvung als Illusion.
So ist die Welt an solchen Tagen nicht weit, sondern eng. Sie zeigt nicht nur die Umschlossenheit der Menschen, sondern markiert damit auch das Terrain der Lebendigkeit schlechthin. Sie dringt auch in den Körper ein. Man atmet sie und wird davon satt. Ja, man kann sich an Luft überfressen!
Die Atmosphäre raubt die Ferne - und mit ihr die Vereinzelung. Sie löst das Subjekt auf, nicht indem sie es mit dem Objekt verschmilzt, sondern, indem sie es an ihre atmende, sättigende, pulsierende Textur verweist. Eine Textur, der man sich gewöhnlich in der Isolation des Verstandes entzieht. Einer Isolation, die mein Gegenüber Sätze sprechen lässt wie: „Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“.
Auf der Spur der Zeit ...
Menschen leben in der Gegenwart – und nur dort. Hier stiftet sich ein Etwas, das allererst in die Reihe gestellt werden kann. Nur aus dem Augenblick heraus lässt sich bestimmen, was hinter einem Augenblick liegt oder davor.
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Der Mensch wurzelt in der Gegenwart. Wieso aber sind so viele der festen Überzeugung, dass sie in der Zukunft wurzeln? Es hat jedenfalls diesen Anschein, wenn man die Leute dabei beobachtet, wie sie ihre Pläne machen.
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Pläne strotzen oft vor Kalkül und Berechenbarkeit. Pläne verfolgen heißt, Ziele oder Ergebnisse ansteuern. Was aber sind Ergebnisse anderes als vergangene Versatzstücke?
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Wenn ein Ziel bekannt ist, bevor es erreicht wird, kann es doch nur eine Vergangenheit sein.
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Zukunft entsteht also auf der Grundlage von Erinnerungen, von vergangenen Versatzstücken, denn Menschen sprechen und bilden Begriffe aus ihren Gedächtnisspeichern. Zukunft, wenn sie gedacht wird, wird sich also auf schon Gedachtes berufen müssen, auf Vergangenes, das lediglich wieder hervorgeholt wird und gegebenenfalls anders kombiniert.
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Das Neue wäre dann lediglich das (wieder) Hervorgeholte. Möglicherweise auch aus anderen Gedächtnisspeichern hervorgeholt, als aus dem eigenen.
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Das Neue ist gar nicht erkenn- und verhandelbar, denn es wird beschrieben werden müssen.
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Selbst wenn es das gäbe, was „tatsächlich“ neu (was immer das heißen mag?) ist, könnte menschliches Sprechen es nicht be-sprechen. Das soll nicht heißen, dass es für einen einzelnen Menschen nichts anderes geben könnte. Überhaupt sollte man „neu“ durch „anders“ ersetzen.
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Könnte man sagen, dass jeder Gedanke an etwas anderes, als das, was gegenwärtig ist, nur durch sein Anderssein ein Potential von Zukünftigkeit hat? Anderssein wäre dann Möglichkeit, denn alles kann jederzeit anders sein, als es in der Gegenwart ist. Das Andere muss passieren und dieses Passieren ist zeitlich.
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Dann gäbe es ebenfalls die Zukunft auch ohne das Denken und der Brückenschlag in den Augenblick und die menschliche Gegenwart wäre gemacht. Zukunft entbirgt sich dann durch das Andere, das mir begegnet, ohne dass ich es zuvor gedacht habe.
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Konstruktionen und Sinn(e) ...
Nomos ich Besitzer als bin Wasser müde brummen und bemühe mehr zu Haar!! schreiben und ans zu denn den an die Sein Sonne bekannter Luft die trank Möwen das schreiend
Möbel können Angst strahlt
Scheiß vor dem diesseits Kruste stimmen auf der Hauch
schlecht Haut die Feuchte im Augen treppab der Bullaugen angeforderte feuchte bloß nie das Romantik bin schlafen auf mehr
recht schlecht sahen viele Leute den Blicke Kaffee kann es teuer verschlissene tolle trinken
weiter das Zeit vor treppauf Kekse Gerüche fremde ein Schlafsack nicht deutlich Klänge die ganze Kaffee Ziel Kastellan…
G: Wie einfach es doch ist, von starrer zu fließender Sprache zu kommen. Nur einige Regeln umgehen, einige Gewohnheiten brechen und schon ist alles in Bewegung, alles im Wandel.
G: Es kann nicht nur die Dichtung Räume in der Sprache öffnen, sondern auch die De-konstruktion ihrer Regeln. Jedes Wort bleibt unangetastet – nur ihre Fügungen werden geändert.
G: Spannend wird es, wenn die Dimension der Zeit (Laute, Rhythmik, Intervalle) in den Text gerät. Das ist leicht zu erreichen, indem die Pausen und Betonungen auf das Fettgedruckte ernst genommen werden beim lauten Lesen – dazu sei jeder Leser eingeladen…
Brasilianisches Fließen ...
G: In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.
G: Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen von Außen- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schön über den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.
G: Sicher trägt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefühl zu bekommen für diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Täuschung und Schein…aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.
G: Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernität, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des „Dass“ abstelle des „Was“ betont werden. Räumen, Lichten, Möglichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!
S: „…Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemüth, unsern eignen Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseyn…“
G: Schön, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass über sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinüber lässt. Ein Bauwerk also, das sich genügt in seinem „…schaffenden Leben“ und „ seiner Kraft dazuseyn“…(Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)
Traumhaftes ...
G: Welche Auswege aus dem Begriffskäfig bleiben noch, um Wandlungen zu markieren? Neben den bereits angeschnittenen Methoden: Schweigen, Spielen, Dichten und Handeln gibt es noch den Traum!
N: „…für die Entwicklung der modernen Künste ist die Gelehrsamkeit, das bewusste Wissen und Vielwisserei der eigentliche Hemmschuh: alles Wachsen und Werden im Reiche der Kunst muss in tiefer Nacht vor sich gehen…“ (516)
G: Jedem Menschen zu eignen ist diese Gabe. Frei lässt sich mit dem umgehen, das zuvor gegeben bzw. genommen wurde. Erlöst von Sinnfragen, entfaltet sich ein abgründiges Spiel mit Berührungen, Stimmungen, Klängen, Bildern.
N: „…Wir genießen in unmittelbarem Verständnis der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns; es giebt nichts Gleichgültiges und Unnothiges…“ (553)
G: Der Traum scheint die bessere Hälfte der Bewusstheit darzustellen. Ein riesiges Meer, auf dem den Seglern phantastische, neue Welten offenstehen. Ein riesiges Meer, das für Landratten und Seekranke freilich auch zum Alptraum werden kann, wenn sie unter Deck flüchten und statt ersehnter Festigkeit nur noch stärkere Bewegung fühlen…
N: „…der Schleier des Scheines in flatternder Bewegung…“ (554)
G: Kann sich aber die „flatternde Bewegung“ nicht erst ergeben gegen etwas Festes? Braucht es zum Träumen nicht vorher Bilder, Stimmungen, Klänge? Braucht es zum Träumen nicht das Wachen? Die Dichotomie lässt sich fortsetzen und ins Feld der Kunst tragen. Mit den beiden Polen „apollinisch und dionysisch“ beschreiben wir Statik und Dynamik, Schein und Rausch, Beherrschung und Ekstase.
N: „…Nicht im Wechsel von Besonnenheit und Rausch, sondern im Nebeneinander zeigt sich das dionysische Künstlerthum…“ (556)
G: Auch für die Architektur gilt dieses Spannungsfeld! Sie muss zwar stellen, sollte dabei aber nur hegen. Sie darf nicht erstarren, denn luftig und fließend kann sie am besten den Wechsel von „Besonnenheit und Rausch“ tragen.
N: zitiert Anselm Feuerbach: „…so bildet (…) die Architektur den Rahmen und die Basis, durch welche sich die höhere poetische Sphäre sichtbar gegen die Wirklichkeit abschließt…“ (518)
G: Träumen wir die Architektur und versuchen, ein Stückchen davon im Wachen zu halten, damit sie ein aus sich rollendes Rad werden kann; eine permanente und richtungslose Progression; ein Ergebnis und ein Weg zugleich; eine Antwort, die Frage bleibt; ein Ziel, das nicht zum Stillstand wird; ein Zweck ohne Zweckmäßigkeit; ein sinnloser Sinn und das ernsteste Lachen. All dies zugleich!
Kriegerisches ...
G: Umstellen, Hegen, Lichten…Lichten im Sinne von Roden oder Räumen oder Freiräumen. Räumen führt auf Raum hin, auf Raum schaffen. Raum schaffen geschieht lichtend, also auch wandelnd, also auch tuend, also auch zerstörend.
N: „…Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld — und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich. Sich verwandelnd in Wasser und Erde thürmt er, wie ein Kind Sandhaufen am Meere, thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt. Nicht Frevelmuth, sondern der immer neu erwachende Spieltrieb ruft andre Welten ins Leben…“ (830/831)
G: Schöpfung und Zerstörung liegen nah beieinander. Die „Demiurgen“-Fraktion sah den „Allerersten“ von Anbeginn als Handwerker, der das Chaos fügte. Und selbst die so prägende „Creatio ex nihilo“-Fraktion sieht ihren „Allerersten“ als Zerstörer – nämlich der Leere. Er setze, unterbrach, fügte, stellte (in) Leere…
VS: Hippolytus über Heraklit: „…Krieg ist der Vater von allen und König von allen …“ (307)
G: Wandeln, Schaffen, Handeln, Zerstören; alles Aktivitäten mit unmittelbarer Relevanz und unabhängig von begrifflicher Überformung. Setzen wir also die Tat an die Stelle des Wissens, kommen wir heraus aus der Lähmung einer bloß sprachlichen und scheinbaren Differenz und gelangen in eine konkrete.
S: „…Ein Hemmendes, Widerstrebendes drängt sich überall auf: dieß andere, das, so zu reden, nicht seyn sollte und doch ist, ja seyn muß, dieß Nein, das sich dem Ja, dieß Verfinsternde, das sich dem Licht, dieß Krumme, das sich dem Geraden, dieß Linke, das sich dem Rechten entgegenstellt, und wie man sonst diesen ewigen Gegensatz in Bildern auszudrücken gesucht hat; aber nicht leicht ist einer im Stande es auszusprechen oder gar es wissenschaftlich zu begreifen…“ (211)
G: Wandlung provoziert das Andere; sie braucht es. Sie ist ein Über-sich-hinaus. Sie ist ein Symptom des Wollens, der (reinen) Bewegung ohne Richtung, ohne Progression. Sie weist auf einen mächtigen Strom. Sie ist aber nicht der Strom selbst. Wenn sie wirkt, deutet sie nur darauf, dass es ihn gibt. Sie durchzieht das Dasein und steht als Mittlerin auf anderem Grunde – nein, sie steht nicht, sie fließt eher. Sie ist nichts Fassbares; ein Fluss im Fluss; eine körperlose Struktur; eher ein Zustand; eine (nicht-eukildische) Dimension…
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 8, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
Von Wert des Dunklen ...
G: Wandel führt hin auf das Andere, das (noch) abwesend, aber dennoch schon anwesend ist. Er führt auf Zustände und auf Differenzen. Fragt sich, ob jedes Wandeln, das mithilfe der Sprache bestimmt wird, nur scheinbar sein muss – denn die Mittel der herkömmlichen Sprache setzten auf dressierende Reduktionismen (auch Begriffe genannt). Die Poesie kann helfen; lebt sie doch aus der Welt der Möglichkeit.
S: „…Universalität, die nothwendige Forderung an alle Poesie, ist in der neueren Zeit nur dem möglich, der sich aus seiner Begrenzung selbst eine Mythologie, einen abgeschlossenen Kreis der Poesie schaffen kann…“ (444)
G: Wirklichkeiten-Begriffskäfige mit Gelassenheit balancieren, um über sie hinaus zu weisen. Welche gelassene Sprache reicht dort hin? Kann der „Trieb“, die „Kraft“, das Ermöglichende des Wandels selbst auf diese Weise angerührt werden? Kann man also (noch) sprechen oder muss man (schon) schweigen?
VS: Themistius über Heraklit: „…Der Ursprung (der Dinge), so Heraklit, pflegt, verborgen zu bleiben…“ (301)
H: „…Heraklit ist „der Dunkle“, weil er das Sein als das Sichverbergen denkt und gemäß diesem Gedachten das Wort sagen muss…“ (32)
G: Das Wort sagen redet hier davon, dass Heraklit einer der „sophoi“ war, jener weisen Sprecher von Worten also, die noch ohne (beliebige) Begriffe waren, die gleich erratischen Blöcken rätselhaft und voller lautestem Schweigen barsten.
VS: Aristoteles über Heraklit: „…Denn es ist ein schwieriges Unternehmen, die Schriften Heraklits zu interpunktieren, weil nicht klar ist, ob (die betreffenden Wörter) mit dem Folgenden oder mit dem Vorhergehenden zusammengehören…“ (287)
G: Die Unklarheit der Fügungen spricht etwas über das Sprechen. Insofern beschreiben aristotelische Schmerzen gleichzeitig das Symptom des gegenwärtigen Autismus einer diskursiven Belanglosigkeit und eines geronnenen, akademischen „Anything Goes“.
H: „…Dunkel ist die Philosophie also notwendig und immer, sofern sie nämlich dem Gesichtskreis des bloßen Verstandes, d.h. des alltäglichen Verstellens und Meinens, beraubt wird…“ (29)
G: Hegen, Umstellen (nicht Verstellen!), Lichten, mehr gibt es nicht zu tun – auch nicht für eine wahrhaft menschliche Baukunst. Erscheinung provozieren, die ohnehin schon ist und sich ansprechen lassen; nehmen, was gegeben und auch vorenthalten wird…
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 55, Frankfurt am Main 1979)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
Grenzgänge ...
Dunkles Locken steckt im gewalttätigen, stets wiederkehrenden Ruf…
Lethargisches Regen zeigt sich vor leichter Erhellung…
Das Band der Zeit scheint zu fehlen…
Klänge als Destruktionen – allem entgegen und manchmal als Rhythmus…
Stimmung und Stimme sind in Faltungen durchzogen – sie gleiten…
Die Regung bleibt dominant vor dem erfolglosen Aufschwingen des Klangs…
Pausen zerreißen das Gewebe – es war unendlich weitmaschig da…
Folgende, rhythmische Faltungen sind wie beängstigende Stimmen aus dem Dunkel…
Die Stimme will in das Begegnende einsetzten…
Ein Entzug bleibt hörbar – nur dieses Mal…
Nie war die Regung so nah – in einem ergebenden Entlanggleiten am Abgrund…
Stimmen umspannen die Schläge wie unpassende Kleider…
Worte gleichen eher Lauten – sie sind ohne Sinn…
Für diese Sprache gibt es nur die Grammatik…
(Iannis Xenakis: Medea)
Anti-Dressuren ...
G: Lösen von Dressuren ist leicht gesagt, aber schwer getan – auf einer Reise war ich Zeuge davon. Mir gegenüber sitzend in einem Zug während eines Halts am Bahnhof unterwies eine Mutter ihren Sohn: „Was bewegt sich gerade, wir oder der andere Zug?“. Der Junge darauf: der Bahnhof! Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte überschwänglich gratuliert – so viel Weisheit kann nur ein Kind haben!
G: Wohin kann ein Sprechen sich ausdehnen, das noch verstanden werden soll? Eindrucksvolle Vertreter für ein vor- oder überbegriffliches Denken sind beispielsweise die „sophoi“ in der ältesten griechischen Klassik zwischen dem 5. bis 7. Jh. v. Chr. Hier ist Wissen noch nicht in Begriffe zerfallen. Hier ist die Nähe spürbar zum Epos und zum Erscheinenden an sich.
WS: „…Ein guter Steuermann kann „sophós“ heißen, der sein Handwerk versteht und zugleich vieles im Instinkt hat; ebenso wie der Mann, der ein wirklich gewusstes Wissen hat…“ (16)
G: Zurück in die Zukunft also, als es noch keinen Unterschied gab zwischen Denken und Leben, als Gedachtes, Gesprochenes und Konkretes noch nicht aufgelöst waren in kleinste gemeinsame Nenner, die im Dienste des „Diskursiven“ stehen.
HS: „…Das alte Paradigma bezeichne ich als archaischen Dynamismus (…) Das menschliche Erleben ist im archaischen Paradigma weder zentralisiert noch abgegrenzt; die Person, die „ich“ sagt, steht ohne Hausmacht in einem Konzert von Regungsherden (…) die meist leiblich lokalisiert sind, und ist dem Einbruch ergreifender Mächte (…) ausgesetzt…“ (13)
G: Man kann sich diese Bruchlinie nicht deutlich genug machen. An ihr entlang entwickelt sich sukzessive über 2.500 Jahre hinweg die rationale Ermächtigung über unser Sprechen und Denken bis hin zum Zustand der freiwilligen Selbstbeschränkung unserer Gegenwart.
N: „…es (das philosophische Denken, CJG) hebt seinen Fuß in eine fremde, unlogische Macht, die Phantasie. Durch sie gehoben springt es weiter von Möglichkeit zu Möglichkeit, die einstweilen als Sicherheiten genommen werden: hier und da ergreift es selbst Sicherheiten im Fluge…” (813)
G: Das wäre ein weiterer Weg. Zulassen der Erscheinungen, aber Jonglieren, Fügen und Zerbrechen dessen, was die Erscheinung begrifflich verformt. Denken also mit Bausteinen in der freien Kollage, im Vexierspiel.
E: „…Wir fragen aber nicht nach dem Erscheinenden, sondern nach dem, was über das Erscheinende ausgesagt wird, und das unterscheidet sich von der Frage nach dem Erscheinenden selbst…“ (98)
(E: Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis; Frankfurt am Main 1985)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(WS: Wolfgang Schadewaldt: Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen; Frankfurt am Main 1978, Band 1)
(HS: Hermann Schmitz: Der Leib, der Raum und die Gefühle; Berlin und Locarno 2007)
Wandlungen ...
G: In dieser Reihe soll ausgelotet werden, was Wandel bedeuten könnte. Brennende Frage hierzu: bleibt Wandel stets gebunden an Bestehendes und also in Abhängigkeit der Anschauung sowie deren menschlicher Übersetzungen des Angeschauten – also der Sprache? Ist Wandel das Andere des Neuen oder ist das Neue nichts weiter als Wandel?
K: „…Nun beruht aber alle unsere Unterscheidung des bloß Möglichen vom Wirklichen darauf, dass das erstere nur die Position der Vorstellung eines Dinges respektiv auf unsern Begriff und überhaupt das Vermögen zu denken, das letztere aber die Setzung des Dinges an sich selbst (außer diesem Begriffe) bedeutet…“ (354)
G: Kann eine „tiefere“ Form in die Sprache geraten? Kann eine Sprache jenseits eines Bezeichneten operieren? Kann eine solche Sprache den Menschen schreibend und denkend halten, ohne das zu Schreibende und das zu Denkende in Begriffe zu pressen? Kann sie an-rühren, ein-hegen, ohne festzulegen? Wäre man noch sprechfähig oder glitte in die Meditation?
N: „…Die Sphäre der Poesie liegt nicht ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegentheil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit und muss eben deshalb den lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Culturmenschen von sich werfen…“ (57)
G: Denken als Wegweisung und Aufforderung zum Gehen und nicht als reproduzierbare Formelbereitung. Diese Lektion auf das Bauen gewendet ist es, die die Bau-Kunst beherzigen muss, will sie über sich hinaus und damit hin zu den Menschen.
G: Warum sollte man länger dem aristotelischen Diktum folgen und Möglichkeit stets an materielle Wirklichkeit knüpfen? Was wäre, wenn die Möglichkeit und Wirklichkeit eins sind? Was wäre, wenn Wirklichkeit nicht einmal den Körper und das Materielle kennte?
S: „…Ein körperlicher Träger der Bewegung ist nicht zur Vorstellung des Wirkens im Raume, der „Wirklichkeit“, notwendig…“ (15)
G: Steht die Neuauflage des Kampfes an zwischen Platon und Aristoteles? Kann man das Verhältnis auflösen zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, ohne in die reine Ideen-Welt zu geraten?
G: Lösen wir uns von den Dressuren, die unsere Sprache und unser Vorstellungsvermögen bestimmen. Versuchen wir beispielsweise, die Baukunst ohne Materie zu denken. Denn nur, weil wir die Architektur als Lastendes, Schweres begreifen wollen, wollen wir auch annehmen, dass sie nicht beweglich wäre.
N: „…Man glaubt, zwei Wanderer an einem wilden, Steine mit sich fortwälzenden Waldbach zu sehen: der Eine springt leichtfüßig hinüber, die Steine benutzend und sich auf ihnen immer weiter schwingend, ob sie auch jäh hinter ihm in die Tiefe sinken. Der Andere steht alle Augenblicke hülflos da, er muß sich erst Fundamente bauen, die seinen schweren, bedächtigen Schritt ertragen, mitunter geht dies nicht, und dann hilft ihm kein Gott über den Bach…“ (813)
(K: Immanuel Kant: Werke in zwölf Bänden, Frankfurt am Main 1977, Bd. 10)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(O: Oswald Spengler: Reden und Aufsätze, München 1937)
Der Segen der Null ...
G: Baukunst in ihre Un-be-stimmt-heit halten zu wollen, gleicht einem Hürdenlauf. Die zu überspringenden Barrieren sind selbst aufgestellt – und auch bestens verteidigt. Sie haben Namen wie Logik, System, Konstruktion, Nützlichkeit oder Funktion. Welche sind die wichtigen Sprünge? Welche Hürden fordern am meisten Kraft?
S/1: „…solang Architektur dem bloßen Bedürfniß fröhnt und nur nützlich ist, ist sie auch nur dieses und kann nicht zugleich schön seyn. Dieß wird sie nur, wenn sie davon unabhängig wird, und weil sie dieß doch nicht absolut seyn kann, indem sie durch ihre letzte Beziehung immer wieder an das Bedürfniß grenzt, so wird sie schön nur, indem sie zugleich von sich selbst unabhängig, gleichsam die Potenz und die freie Nachahmung von sich selbst wird…“ (578)
G: Architektur von sich selbst unabhängig machen, zur „freien Nachahmung“ machen. Herrscht dann der Zufall, die Kontingenz im Gegenteil zur Freiheit – denn Freiheit bleibt ja stets gebunden an ihr jeweiliges Gegenteil?
G: Wo ist das „Schwarze Quadrat“ der Baukunst? Wo der Malewitsch unter den Architekten? Wo wird die Baukunst sich selbst zum Gegenstand; wo setzt sie sich „auf null“? Vielleicht als Organismus und mit dem Organischen als Freiheitsausdruck, als Anderes, als Selbstunabhängigkeit?
S/2: „…Wenn eine Kunst Grenzen hat – Grenzen ihrer formgewordenen Seele –, so sind es historische, nicht technische oder physiologische. Eine Kunst ist ein Organismus, kein System…“ (285)
G: Eine „Baukunst auf null“ könnte den Raum wieder freigeben für ihren eigenen Anfang. Könnte zurück in die Zukunft einer Gestaltfindung anstelle der Gestalt. Könnte sich musikalisieren und damit ihrer bessere Hälfte den Vortritt lassen.
S/1: „…Die Musik, welcher die Architektur unter den Formen der Plastik entspricht, ist zwar davon freigesprochen, Gestalten darzustellen, weil sie das Universum in den Formen der ersten und reinsten Bewegung, abgesondert von dem Stoffe darstellt. Die Architektur ist aber eine Form der Plastik, und wenn sie Musik ist, so ist sie concrete Musik. Sie kann das Universum nicht bloß durch die Form, sie muß es in Wesen und Form zugleich darstellen…“ (577)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann ihr poetisches Potential wiederfinden. Sie kann zum Wort zurückkehren und dabei den Begriff hinter sich lassen. Sie kann sich in das Stimmen in der Un-be-stimmtheit versenken.
S/2: „…Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie…“ (382-383)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann den Ort im W-ort aufsuchen?
H: „…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (208)
G: Diese Reihe endet hier. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten und der Schreiber ahnt, dass es genau darum gehen sollte in einem zeitgemäßen Bauen.
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 13, Frankfurt am Main 1983)
(S/1: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(S/2: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes; München 1923)
Mehr-Werte ...
G: Drei Variationen auf Materie und Ding. Zunächst F. in der Wüste…
F: „…Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre gar nichts, ausgenommen das Rieseln von Sand…“ (25)
G: Nicht zu retten? Nicht zu retten vor der „Klarheit“ oder vielmehr nicht zu retten vor der Fixierung auf die Schatten an der Höhlenwand? Was ist das Rieseln des Sandes nicht? So taub kann keiner sein…
G: Mehr „sehen“ als das Ding, das man betrachtet. Blinde sehen besser. Menschen er-leben die Dinge. Sprung in die Unklarheit als Standard. Sprache als stets unzureichendes Vehikel. (Selbstversuche „sprechen“ für sich)
G: Das „Un“ ist das Wichtige. Hier tut die Kehre not. Das „Un“ schwingt mit. Es ist wie der Zwilling des Dings. Das „Un“ weißt tiefer hinein und weiter heraus. Das „Un“ der Schärfe wohnt jedem Scharfgestellten inne. Das „Un“ ist auch das Mögliche – aber nicht nur. Es verleiht ihn sein Leben – macht es er-leb-bar. Es macht es bar, also nackt. Nackt ist auch das „Dass“ der Existenz. Nackt, weil es ohne das Etwas ist.
G: Nun S. mit göttlichem Gepäck…
S: „…Die Materie erfüllt einen Raum nicht durch ihre bloße Existenz (denn dieß annehmen, heißt alle weitere Untersuchung ein für allemal abschneiden), sondern durch eine ursprünglich-bewegende Kraft, durch welche erst die mechanische Bewegung der Materie möglich ist. Oder vielmehr: Die Materie ist selbst nichts anders, als eine bewegende Kraft, und unabhängig von einer solchen, ist sie höchstens etwas bloß Denkbares, aber nimmermehr etwas Reales, das Gegenstand einer Anschauung seyn kann…” (231/232)
G: Ideenretter. Zunächst der Logos, dann die Materie. Alles ist klar und unklar gleichzeitig. Das „Un“ wird nun verwiesen in den „Ur-grund“ oder „Un-grund“. Scharfes Unschärfefeld, denn zu erreichen ist es nimmer – bestenfalls einzuhegen. Mit Worten einhegen, die vorgeschoben werden, bis sie kurz davor sind, in den „Ab-Un-Ur“-grund zu fallen. Intellektuelle Echolote, u. a. auch der geniale Wittgenstein, übten sich darin.
G: Nun H. mit dem Einfachsten und Schwersten gleichzeitig. Zunächst über S.:
H: „…Die Dingheit der Dinge bestimmt sich so wenig aus einem gleichgültigen Vorhandensein, stofflicher Körper, dass die Materie (bei Schelling, CJG) selbst geistig begriffen wird; was „wir“ als Materie spüren und sehen, ist ein in die ausgedehnte Schwere der Trägheit geronnener Geist…“ (215)
G: Aus der Zeit in die Zeitlichkeit gekippter Geist. Ein erkalteter Lavastrom, der Äonen braucht, um sich ins Leere der Zeit zurück zu bewegen, die Eins ist mit dem Sein. Das Sein auch als längste der langen Weile.
(F: Max Frisch: Homo Faber, Frankfurt am Main 1957)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 42, Frankfurt am Main 1988)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 2, Stuttgart 1856)
Wirkung als Mangel ...
A: Indem nun in jeder Gattung genau getrennt sind das eine als in angestrebter Wirklichkeit da, das andere als der Möglichkeit nach vorhanden, so (gilt): Das endlich zur-Wirklichkeit-kommen eines bloß der Möglichkeit nach Vorhandenen, insofern es eben ein solches ist – das ist (entwickelnde) Veränderung…“ (51)
G: Veränderung vollzieht sich erst, wenn Möglichkeit ver-wirklicht wird. Ver-wirklichen geht einher mit Ver-gehen. Verwirklicht ist die Möglichkeit also vergangen. Der Preis der Veränderung ist ihre Vergängnis.
G: Ist bereits das Sprechen oder Denken einer Möglichkeit ihre Verwirklichung? Dann wäre Möglichkeit geknüpft an geistige Wirklichkeit. Wäre in diesem Stadium schon die Vergängnis am Werk – und wie wirklich wäre ein Gedanke?
S: „…Da nun diese (Idee, CJG) als Realität unmittelbar zugleich Idealität ist, so wird das Producirte eine Realität seyn, die von der Idealität getrennt, nicht unmittelbar durch sie bestimmt ist, eine Wirklichkeit also, welche nicht zugleich die vollständige Möglichkeit ihres Seyns in sich selbst, sondern außer sich hat, demnach eine sinnliche, bedingte Wirklichkeit…“ (S. 40)
G: Die Möglichkeit ist also ebenfalls stets das Andere des zur Wirklichkeit Gebrachthabenden. Das Andere findet gleichzeitig statt – dabei als eines unter vielen. Die Möglichkeit gleicht einem Vorwegschreiten. Sie ist auch ein Wirken. Vielmehr ist sie zusammen mit der Veränderung der Garant eines Gefüges, das zur Wirkung bringt. Das Wirkende jedoch bleibt an das Nicht der (nächsten) Möglichkeiten verwiesen. Das Wirkende wirkt durch diesen „Mangel“.
A: „…Alles, wird ja sein zugleich Wirkung ausübend und Wirkung erfahrend…“ (52)
G: Sprung zurück aus dem Materialismus des A.! Es gibt (ein) Veränderndes und (ein) Verändertes. Beide “Zustände” sind nie wesensmäßig bei sich, denn ihr zur Wirklichkeit-kommen war an das Vergehen eines Möglichen geknüpft und auch daran, den „Mangel“ (des Anderen) zu be-wirken.
G: Wirklichkeit ist zwar an das Vergehen von Möglichkeiten geknüpft, markiert aber dennoch nie das Ende des Möglichen. In die Wirklichkeit halten gleicht vielmehr auch einem Vergehen.
A: „…Noch unvollkommen ist das Mögliche, dessen Verwirklichung sie (die Veränderung, CJG) ist…“ (53)
G: Die Verwirklichung der Möglichkeiten, z.B. das Bauen eines Hauses findet demnach kein Ende, wenn das Werk fertig gestellt ist. Hier widerspreche ich A.! Das Andere, die Vergängnis und der Mangel stiften die Wirkung des Baues. Die Fertigstellung markiert nicht ein Ende, sondern einen Aufbruch in die nächste Ver-wandlung.
(A: Aristoteles: Philosophische Schriften; Übersetzt von Hans Günter Zeckl, Band 6, Hamburg 1995)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 6, Stuttgart 1856)
