Übergänge_Bernauer Straße

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Übergänge_Dorotheenstädtischer Friedhof

STERBE(R)(Z)EIT

BR(H)AUCHT

WI(E)DERSTAND

Brasilianisches Fließen ...

G: In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.

G: Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen von Außen- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schön über den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.

G: Sicher trägt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefühl zu bekommen für diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Täuschung und Schein…aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.

G: Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernität, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des „Dass“ abstelle des „Was“ betont werden. Räumen, Lichten, Möglichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!

S: „…Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemüth, unsern eignen Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseyn…“

G: Schön, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass über sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinüber lässt. Ein Bauwerk also, das sich genügt in seinem „…schaffenden Leben“ und „ seiner Kraft dazuseyn“…(Fortsetzung folgt)

(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)

Traumhaftes ...

G: Welche Auswege aus dem Begriffskäfig bleiben noch, um Wandlungen zu markieren? Neben den bereits angeschnittenen Methoden: Schweigen, Spielen, Dichten und Handeln gibt es noch den Traum!

N: „…für die Entwicklung der modernen Künste ist die Gelehrsamkeit, das bewusste Wissen und Vielwisserei der eigentliche Hemmschuh: alles Wachsen und Werden im Reiche der Kunst muss in tiefer Nacht vor sich gehen…“ (516)

G: Jedem Menschen zu eignen ist diese Gabe. Frei lässt sich mit dem umgehen, das zuvor gegeben bzw. genommen wurde. Erlöst von Sinnfragen, entfaltet sich ein abgründiges Spiel mit Berührungen, Stimmungen, Klängen, Bildern.

N: „…Wir genießen in unmittelbarem Verständnis der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns; es giebt nichts Gleichgültiges und Unnothiges…“ (553)

G: Der Traum scheint die bessere Hälfte der Bewusstheit darzustellen. Ein riesiges Meer, auf dem den Seglern phantastische, neue Welten offenstehen. Ein riesiges Meer, das für Landratten und Seekranke freilich auch zum Alptraum werden kann, wenn sie unter Deck flüchten und statt ersehnter Festigkeit nur noch stärkere Bewegung fühlen…

N: „…der Schleier des Scheines in flatternder Bewegung…“ (554)

G: Kann sich aber die „flatternde Bewegung“ nicht erst ergeben gegen etwas Festes? Braucht es zum Träumen nicht vorher Bilder, Stimmungen, Klänge? Braucht es zum Träumen nicht das Wachen? Die Dichotomie lässt sich fortsetzen und ins Feld der Kunst tragen. Mit den beiden Polen „apollinisch und dionysisch“ beschreiben wir Statik und Dynamik, Schein und Rausch, Beherrschung und Ekstase.

N: „…Nicht im Wechsel von Besonnenheit und Rausch, sondern im Nebeneinander zeigt sich das dionysische Künstlerthum…“ (556)

G: Auch für die Architektur gilt dieses Spannungsfeld! Sie muss zwar stellen, sollte dabei aber nur hegen. Sie darf nicht erstarren, denn luftig und fließend kann sie am besten den Wechsel von „Besonnenheit und Rausch“ tragen.

N: zitiert Anselm Feuerbach: „…so bildet (…) die Architektur den Rahmen und die Basis, durch welche sich die höhere poetische Sphäre sichtbar gegen die Wirklichkeit abschließt…“ (518)

G: Träumen wir die Architektur und versuchen, ein Stückchen davon im Wachen zu halten, damit sie ein aus sich rollendes Rad werden kann; eine permanente und richtungslose Progression; ein Ergebnis und ein Weg zugleich; eine Antwort, die Frage bleibt; ein Ziel, das nicht zum Stillstand wird; ein Zweck ohne Zweckmäßigkeit; ein sinnloser Sinn und das ernsteste Lachen. All dies zugleich!

Der Segen der Null ...

G: Baukunst in ihre Un-be-stimmt-heit halten zu wollen, gleicht einem Hürdenlauf. Die zu überspringenden Barrieren sind selbst aufgestellt – und auch bestens verteidigt. Sie haben Namen wie Logik, System, Konstruktion, Nützlichkeit oder Funktion. Welche sind die wichtigen Sprünge? Welche Hürden fordern am meisten Kraft?

S/1: „…solang Architektur dem bloßen Bedürfniß fröhnt und nur nützlich ist, ist sie auch nur dieses und kann nicht zugleich schön seyn. Dieß wird sie nur, wenn sie davon unabhängig wird, und weil sie dieß doch nicht absolut seyn kann, indem sie durch ihre letzte Beziehung immer wieder an das Bedürfniß grenzt, so wird sie schön nur, indem sie zugleich von sich selbst unabhängig, gleichsam die Potenz und die freie Nachahmung von sich selbst wird…“ (578)

G: Architektur von sich selbst unabhängig machen, zur „freien Nachahmung“ machen. Herrscht dann der Zufall, die Kontingenz im Gegenteil zur Freiheit – denn Freiheit bleibt ja stets gebunden an ihr jeweiliges Gegenteil?

G: Wo ist das „Schwarze Quadrat“ der Baukunst? Wo der Malewitsch unter den Architekten? Wo wird die Baukunst sich selbst zum Gegenstand; wo setzt sie sich „auf null“? Vielleicht als Organismus und mit dem Organischen als Freiheitsausdruck, als Anderes, als Selbstunabhängigkeit?

S/2: „…Wenn eine Kunst Grenzen hat – Grenzen ihrer formgewordenen Seele –, so sind es historische, nicht technische oder physiologische. Eine Kunst ist ein Organismus, kein System…“ (285)

G: Eine „Baukunst auf null“ könnte den Raum wieder freigeben für ihren eigenen Anfang. Könnte zurück in die Zukunft einer Gestaltfindung anstelle der Gestalt. Könnte sich musikalisieren und damit ihrer bessere Hälfte den Vortritt lassen.

S/1: „…Die Musik, welcher die Architektur unter den Formen der Plastik entspricht, ist zwar davon freigesprochen, Gestalten darzustellen, weil sie das Universum in den Formen der ersten und reinsten Bewegung, abgesondert von dem Stoffe darstellt. Die Architektur ist aber eine Form der Plastik, und wenn sie Musik ist, so ist sie concrete Musik. Sie kann das Universum nicht bloß durch die Form, sie muß es in Wesen und Form zugleich darstellen…“ (577)

G: Eine „Baukunst auf null“ kann ihr poetisches Potential wiederfinden. Sie kann zum Wort zurückkehren und dabei den Begriff hinter sich lassen. Sie kann sich in das Stimmen in der Un-be-stimmtheit versenken.

S/2: „…Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie…“ (382-383)

G: Eine „Baukunst auf null“ kann den Ort im W-ort aufsuchen?

H: „…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (208)

G: Diese Reihe endet hier. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten und der Schreiber ahnt, dass es genau darum gehen sollte in einem zeitgemäßen Bauen.


(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 13, Frankfurt am Main 1983)
(S/1: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(S/2: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes; München 1923)

Mehr-Werte ...

G: Drei Variationen auf Materie und Ding. Zunächst F. in der Wüste…

F: „…Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre gar nichts, ausgenommen das Rieseln von Sand…“ (25)

G: Nicht zu retten? Nicht zu retten vor der „Klarheit“ oder vielmehr nicht zu retten vor der Fixierung auf die Schatten an der Höhlenwand? Was ist das Rieseln des Sandes nicht? So taub kann keiner sein…

G: Mehr „sehen“ als das Ding, das man betrachtet. Blinde sehen besser. Menschen er-leben die Dinge. Sprung in die Unklarheit als Standard. Sprache als stets unzureichendes Vehikel. (Selbstversuche „sprechen“ für sich)

G: Das „Un“ ist das Wichtige. Hier tut die Kehre not. Das „Un“ schwingt mit. Es ist wie der Zwilling des Dings. Das „Un“ weißt tiefer hinein und weiter heraus. Das „Un“ der Schärfe wohnt jedem Scharfgestellten inne. Das „Un“ ist auch das Mögliche – aber nicht nur. Es verleiht ihn sein Leben – macht es er-leb-bar. Es macht es bar, also nackt. Nackt ist auch das „Dass“ der Existenz. Nackt, weil es ohne das Etwas ist.

G: Nun S. mit göttlichem Gepäck…

S: „…Die Materie erfüllt einen Raum nicht durch ihre bloße Existenz (denn dieß annehmen, heißt alle weitere Untersuchung ein für allemal abschneiden), sondern durch eine ursprünglich-bewegende Kraft, durch welche erst die mechanische Bewegung der Materie möglich ist. Oder vielmehr: Die Materie ist selbst nichts anders, als eine bewegende Kraft, und unabhängig von einer solchen, ist sie höchstens etwas bloß Denkbares, aber nimmermehr etwas Reales, das Gegenstand einer Anschauung seyn kann…” (231/232)

G: Ideenretter. Zunächst der Logos, dann die Materie. Alles ist klar und unklar gleichzeitig. Das „Un“ wird nun verwiesen in den „Ur-grund“ oder „Un-grund“. Scharfes Unschärfefeld, denn zu erreichen ist es nimmer – bestenfalls einzuhegen. Mit Worten einhegen, die vorgeschoben werden, bis sie kurz davor sind, in den „Ab-Un-Ur“-grund zu fallen. Intellektuelle Echolote, u. a. auch der geniale Wittgenstein, übten sich darin.

G: Nun H. mit dem Einfachsten und Schwersten gleichzeitig. Zunächst über S.:

H: „…Die Dingheit der Dinge bestimmt sich so wenig aus einem gleichgültigen Vorhandensein, stofflicher Körper, dass die Materie (bei Schelling, CJG) selbst geistig begriffen wird; was „wir“ als Materie spüren und sehen, ist ein in die ausgedehnte Schwere der Trägheit geronnener Geist…“ (215)

G: Aus der Zeit in die Zeitlichkeit gekippter Geist. Ein erkalteter Lavastrom, der Äonen braucht, um sich ins Leere der Zeit zurück zu bewegen, die Eins ist mit dem Sein. Das Sein auch als längste der langen Weile.

(F: Max Frisch: Homo Faber, Frankfurt am Main 1957)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 42, Frankfurt am Main 1988)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 2, Stuttgart 1856)

Anfänge ...

G: Hegel lehrt uns, dass Möglichkeit in Reinform unterschieden werden muss, von der Möglichkeit, die an ein existierendes Anderes gebunden bleibt.

H: „…Erst das Dasein enthält den realen Unterschied von Sein und Nichts, nämlich ein Etwas und ein Anderes (…) durch die Existenz, wesentlich darum, weil Etwas bestimmte Existenz ist, ist es in den Zusammenhang mit Anderem und unter anderem auch mit einem Wahrnehmenden…“ (90)

G: Zielen wir so gerüstet also noch einmal auf eine umfassendere Differenz, als die herkömmliche. Wagen wir den Sprung weg vom daseienden Anderen und landen dabei beim Nichtexistieren, beim irrealen Unterschied, der die reine Möglichkeit aufzeigt.

G: Etwas sagen zu wollen, ohne dabei einen existenzialen Zusammenhang anzusteuern, ohne also im wahrnehmbaren Dasein zu verharren, käme einem Sprung in die umfassende Differenz nah und geriete auch in die Nähe, die Baukunst als reine Möglichkeit auffassen zu können. Das Stellen der Worte bei einem solchen Sagen müsste in die Ähnlichkeit kommen zum Stellen der Wände, Decken etc. bei einem Bauwerk.

G: Führen wir die Baukunst in ihr Sein und vermeiden aber gleichzeitig dabei ihre Vermittlung, denn vorgestelltes Sein ist vermitteltes Sein. Vielleicht käme ein solches Führen in die Nähe des Anfangs.

H: „…Es ist noch Nichts, und es soll Etwas werden. Der Anfang ist nicht das reine Nichts, sondern ein Nichts, von dem Etwas ausgehen soll; das Sein ist also auch schon im Anfang enthalten. Der Anfang enthält also beides, Sein und Nichts, – oder Nichtsein, das zugleich Sein, und Sein, das zugleich Nichtsein ist (…) Die Entgegengesetzten Sein und Nichtsein sind also in ihm in unmittelbarer Vereinigung; oder er ist ihre ununterschiedene Einheit…“ (74)

G: Wie thematisiert der Architekt diesen Anfang? Er müsste einen Sprung machen in die bestimmte Unbestimmbarkeit, in der die Baukunst im Noch-Nicht auch eines Widerscheins des Anderen förmlich geboren wird, in der sie anwesend und abwesend gleichzeitg ist und schließlich, in der sie sich STETS werdend hält.

H: „…Das Dritte aber, worin Sein und Nichts ihr Bestehen haben, (…) ist das Werden (…) Das Werden ist das Bestehen des Seins sosehr als des Nichtseins; oder ihr Bestehen ist nur ihr Sein in Einem; gerade das ihr Bestehen ist es, was ihren Unterschied ebensosehr aufhebt…“ (95)

G: Kann das Bauwerk selbst sich befreien von seiner statischen Mitgift? Kann es Anfang bleiben mit der Bürde der Festigkeit des eigenen Stands. Bedarf es atmosphärischer Tricks wie Licht, Schall oder Oberfläche, um im Werden zu bleiben und ist dieses Werden nicht nur in den Wahrnehmenden hinein verlagert und daher ein vorgetäuschtes?

(H: G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik I, In: Werke; Band 5; Frankfurt am Main 1986)

Verströmungsstunde ...

G: Versucht werden müsste nun, das Andere in der Architektur auch vom Anderen her zu denken und möglicherweise sogar zu „provozieren“ – nicht also vom Raum oder Zimmer auszugehen, d.h. vom Da-Seienden, sondern vom „Zustand“, der das Da-Seiende erst möglich macht.

G: Lösen sollte sich der Architekt dazu vom eingeimpften Ingenieurdenken. Lösen sollte er sich vom Konstruieren und auch vom Glauben an die Kausalitäten. Befreien müsste er sich aus dem Gestrüpp der Regeln, die ihn stets zum Zirkelschluss, zur selbsterfüllenden Prophezeiung der bekannten Dinge, zur Logik und zur Wiederholung von „Bewährtem“ führen. All das sind Sekundärtugenden. Sie taugen nicht dazu, das Andere des Bauens in den Blick zu nehmen.

S: „…Ein solcher Gesamtblick auf das Öffnungs-Ereignis ist nicht nach diskursiven Regeln zu erlernen und in akademischen Situationen zu verankern. Es gehört seiner Natur nach eher in den Bereich der Stimmungen als den der Aussagen…“ (142/143)

G: Das Andere bleibt rätselhaft, wenngleich be-stimmend. Es stellt sich als prägendes und unsichtbares Gegenüber, als anwesend-abwesende Kondition dar. Baukunst als Möglichkeit gefasst wäre, den Menschen aus der Sachgasse der faden Erklärlichkeiten zu holen und ihn in seine Offenheit zu halten.

B: „…die Dinge lagern in stummen
Gewölben aus Substanz,
und keine Schatten vermummen
den regungslosen Glanz.
(…)
erst wenn die Schöpfungswunde
sich still eröffnet hat,
steigt die Verstömungsstunde
vom Saum der weißen Stadt…“ (95)

G: Das Andere der Dinge wird gewahr, wird spürbar für den Einzelnen. Fällt man in die Metaphysik zurück, würde man von Gott (welchem auch immer) reden, der sich hier zeigt. Man kann aber auch die ausgetretenen Pfade meiden und das Augenmerk auf das „Dass“ des Existierens richten. Erschütternd und geheimnisvoll ist, dass etwas existiert und noch mehr, dass Menschen auf solche gewahren-könnende Weise in der Welt sind.

G: Mensch sein heißt, Mensch werden – permanent. Nicht im moralischen Sinne, sondern im existenzialen. Baukunst als Möglichkeit hält den Menschen in seine Werdung, sie steuert das Dass des Daseienden -sein Sein- an.

H: „…Die Subjektivität rührt, unwissend des Ereignis, daran, dass eine Be-anspruchung des Menschen für das Sein durch das Sein sich ereignet…“ (118)

(B: Gottfried Benn: Erst wenn; Sämtliche Gedichte; Stuttgart 2006)
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 70, Frankfurt am Main 2005)
(S: Peter Sloterdijk: Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, Frankfurt am Main 2001)

Das Andere seiner selbst ...

G: Menschliche Wahrnehmung ist wolkig. Sie ist eher liquid als fest – ist flüssig. Nichts wäre so falsch, wie überzeugt zu sein, dass etwas Beständiges im unserem Wesen wäre. Das ist auch die stets zu lernende Lektion. Baukunst als Möglichkeit meint, den Menschen im Selbstwandel zu halten; sein Dasein mit dem Dasein selbst klar zu machen, ihm die Möglichkeit zur Wahrnehmung zu geben.

G: Stimmung, Gestimmtheit, Wahrnehmung, Wandel wird im Ereignis deutlich. In welchem ist dabei nicht von Belang. Es geht um das Ereignen selbst, das zur Präsenz Kommen, das Gewahr-werden, das in die Unverborgenheit Kommen.

G: Ein Bauwerk ereignet sich nicht nur einmal. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass ein realisiertes Gebäude etwa nur fest stünde. Selbst der banalste Zweckbau wird atmosphärisch umspielt und in gefühlter Bewegung gehalten von Licht, Temperatur, Geruch und Klang.

G: Poetisch wird der Bau, wenn er eine fließende Bewegung, eine Brücke zur dauernden Öffnung in die Unverborgenheit wird. Dann hat er die üblichen Sinnlichkeiten (s.o.) nicht mehr nötig, sondern steuert den Zustand des Anderen seiner selbst an.

N: „…Alle Poesie unterbricht den gewöhnlichen Zustand – das gemeine Leben, fast, wie ein Schlummer, um uns zu erneuern – und so unser Lebensgefühl immer rege zu halten…“ (357)

G: Das Andere seiner selbst wäre beispielsweise die noch nicht gewährte Gewahrung und auch die nicht mehr Währendheit. Das Andere seiner selbst ist der Wirkung habende „Zustand“ des zur Präsenz Kommen-Könnens. Das Kunstwerk „lebt“ ausschließlich vom Anderen seiner selbst. ArchiPoesis meint hier, das Bauwerk als Kunst zu entfesseln.

N: „…Eine Oper, ein Ballet sind in der Tat plastisch, poetische Konzerte – Gemeinschaft. Kunstwerke mehrerer plastischer Instrumente / Tätiger Sinn des Gefühls / Poesie…“ (364)

G: Alles stimmt zusammen auf dem Weg zum Anderen seiner selbst. Die Kunst ist nie getrennt. Nur der abendländische Mensch dachte daran, sie in bildend und darstellend aufzuteilen.

N: „…196. Plastik, Musik und Poesie verhalten sich wie Epos, Lyrik und Drama. Es sind unzertrennliche Elemente, die in jedem freien Kunstwesen zusammen, und nur, nach Beschaffenheit, in verschiedenen Verhältnissen geeinigt sind…“ (354)

G: Anleitung zur Baukunst als Möglichkeit. Der Leib als Instrument, als Saite, die angeschlagen wird.

N: „…Je ruhiger der Geist sein will – je regsamer – desto mehr muss er dem Körper zu gleicher Zeit auf geringfügige Weise zu beschäftigen suchen. Er ist gleichsam die negative Kette, die er auf den Boden herablässt, um desto tätiger und wirksamer zu werden – Musik – Essen, oder reizende Mittel überhaupt – schöne Bilder für das Auge – Gerüche – Frottieren oder Herumgehen…“ (369)

Fährten-Dienste ...

G: Nehmen wir ein Zimmer. Es ist ohne Möbel, etwa 4 x 6 m groß und relativ hoch, vielleicht 3,5 m. Die Wände glatt verputzt und weiß gestrichen. Der Boden ist mit Dielen ausgelegt. Sie sind abgezogen und versiegelt. Es gibt zwei mittelgroße Fenster, deren Rahmen weiß gestrichen sind.

G: Manche Besucher fühlen sich gut, manche sind irritiert. Man hört gut – für manche zu gut. Man sieht gut. Es ist hell -für manche zu hell. Das Zimmer ist leer und doch hat es eine Fülle. Eine Fülle, für die die Augen blind sind. Manchmal stehen mehrerer Besucher im Zimmer, auch dann wird die andere Fülle nicht weniger. Sie lässt sich nicht verdrängen, nicht zusammendrücken.

G: Es ist etwas anderes im Zimmer, etwas nicht Sichtbares. Es ist das Andere des Zimmers. Das Andere des Zimmers kommt nicht vom Besucher. Es kommt vom Zimmer. Man wird angesprochen und spricht nicht selbst. Das Andere wird gespürt. Es ist einer Stimmung gleich.

G: Stimmen und gestimmt sein – gestimmt werden. Das Andere hat eine Stimme und stimmt die Besucher ein. Die Stimmung ist anwesend, sie ist präsent und umgibt den Besucher.

G: Das Zimmer stahlt einen spürbaren „Subtext“ aus. Eine Ebene, die die Welt der euklidischen Geometrie übersteigt. Diese Ebene wird wahrgenommen und entfaltet eine deutliche Wirkung. Sensible Naturen lassen sich stark von ihr einnehmen, manche sind trainiert, sie nicht zu spüren. Sie begnügen sich dann mit dem, was „sachlich“ genannt wird.

G: Das Andere ist freilich abwesend. Seine Abwesenheit entfaltet aber eine große Präsenz. Stimmung und Präsenz gehören zusammen und werden gespürt.

H: „…Sie (Stimmungen, CJG) sind Weisen des Daseins und damit solche des Weg-seins. Eine Stimmung ist eine Weise, nicht bloß Form oder Modus, sondern eine Weise im Sinne einer Melodie, die nicht über dem sogenannten eigentlichen Vorhandensein des Mit schwebt, sondern für dieses Sein den Ton angibt, d.h. die Art und das Wie seines Seins bestimmt…“ (101)

G: Zugänge zu Stimmungen legen, heißt poetische Fährten legen. Poesie ist auch der Übergang zum jeweils Anderen. Architektur entfaltet ihre Poesie über diesen „Fährten-Dienst“, der auch ein „Dienst“ an der Stimmung ist.

G: Das ist ein weiterer Weg für die Baukunst als Möglichkeit, nicht selbst das Andere sein zu wollen, sondern dem Anderen zu dienen, seine Abwesenheit präsent werden zu lassen.

(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 29/30, Frankfurt am Main 2004)

Wolken-Mut ...

G: Nehmen wir die Wahrnehmung als Poesie, nehmen wir sie als poiesis – „Erschaffung von“. Erschaffung ist hier nicht verbunden mit dem Stellen – etwa eines Dinges, einer Isoliertheit neben die andere. Erschaffung meint Bergen. Bergen als Angesprochen-werden-können. Angesprochen-werden-können im Zwischen.

G: Zwischen meint die Sphäre als Lebensraum des Menschen; meint Sphäre als das Offene zwischen Himmel und Erde, das der Mensch durchmisst. Zwischen meint Gewährung bzw. Gewähren-lassen-können durch die Wahrnehmung.

MP: „…dass der Mensch nicht eine Seele und ein Leib ist, sondern eine Seele mit einem Leib, der deshalb zur Wahrheit der Dinge Zugang hat, weil sein Leib wie in sie hineingetrieben ist…“ (24)

G: Die Wahrnehmung als Poesie wäre reine Möglichkeit, die durch den Menschen in die Wirklichkeit gehalten wird, ohne in ihr zu erstarren. Nur im Zwischen kann die Wahrnehmung gelingen. Sie kann nur gelingen als Wandel und die Möglichkeit zum Wandel. Wandel und Werden bekommen eine Form – und die Form heißt Poesie.

G: Wäre Baukunst als Möglichkeit dann Er-möglichung von Wahrnehmung oder könnte sie selbst zur Wahrnehmung werden? Wie würde eine Baukunst sich stellen, die selbst Wahrnehmung wäre, die selbst Poesie wäre?

G: Befragen lassen könnte sich ein solches Gebäude nicht herkömmlich. Eine Sprache müsste gefunden werden. Der Nutzen, die Funktion, die Rentabilität, die Ordnung hätten in einer solchen Sprache keine Ent-sprechung. Ein solches Gebäude wäre eine Zu-mutung. Es gehörte Mut dazu.

G: Eine Baukunst als Möglichkeit wäre nicht fest, nicht berechenbar; sie wäre wandelnd; sie wäre ansprechbar; sie würde nicht stehen bleiben; sie wäre auf eine neue Weise technisch; sie würde atmen, könnte anschwellen und schrumpfen; sie wäre ohne Kontur; sie ließe sich nicht ausrechnen; sie gediehe in der Luft; sie wäre einer Wolke gleich; sie wäre grenzenlos; sie wäre Form wozu; sie wäre ihr anderes – zu jeder Zeit; sie wäre bergend und entborgen – zu jeder Zeit…

G: Baukunst als Möglichkeit wäre geknüpft an den Wandel, das Werden, das Fließen. Sie wäre das Diffuse in ihrer Ordnung. Sie wäre paradoxal im besten Sinne. Sie wäre nomadisch, wäre im inneren Exil, in innerer und äußerer Nomadisierung. Sie wäre wie ihr eigener Schatten. Eine Gravitation in sich selbst. Ein schwarzes Loch. Eine blühende und sich selbst verzehrende Größe. Ein Aufbäumen und Zusammenfallen in einem Zuge.

G: All das könnte Baukunst vielleicht sein, stellte sie sich selbst (dar) als Wahrnehmung. Wie lebte es sich in einem solchen Bauwerk? Welche Maßstäbe könnte man anlegen, welche Fragen könnten gefragt werden?

(MP: Maurice Merleau-Ponty: Causerien 1948, Eichenau 2006)

Interfaces ...

G: Wie lassen sich Architektur und Poesie zusammen denken? Was hat das flüchtige und stets wandelbare Milieu der Sprache zu tun mit der festen, soliden und statischen Lastigkeit von Baukörpern?

H: „…das Dichten lässt das Wohnen allererst ein Wohnen sein. Dichten ist das eigentliche Wohnenlassen. Allein, wodurch gelangen wir zu einer Wohnung? Durch das Bauen. Dichten ist, als Wohnenlassen, ein Bauen…“ (193)

G: Der gemeinsame Nenner der beiden „Pole“ Architektur und Poesie oder hier bei Heidegger Dichten und Wohnen ist ihre Verfasstheit, ist ihr Wesen. Das menschliche Leben vollzieht sich wesenhaft. Diese unausgesprochene Basis ist es, die eine vitale Schnittstelle bildet zwischen vermeintlich flüchtigen und festen Zuständen. Der Mensch ist quasi das Bindeglied, er ist die leibhaftige Schnittstelle und auch das Interface, das in alle Richtungen agieren kann; sendend wie empfangend, wenn man das mechanistisch sehen will.

H: „…Allein, woher haben wir Menschen die Auskunft über das Wesen des Wohnens und des Dichtens? (…) Die Sprache winkt uns zuerst und dann wieder zuletzt das Wesen einer Sache zu…“ (193/194)

G: Die Sprache ist kein bloßes Kommunikationswerkzeug bei Heidegger. Um hier mitzugehen, sollte man vermeintliche Kausalitäten vermeiden und das Lebendige selbst als ein Fließen verstehen, denn als ein Festlegen und Beharren in Sinne des modernen Wissenschaftsmenschen. Es geht nicht um richtig oder falsch, logisch oder unlogisch, real oder irreal. Er geht bestenfalls stets um alles gleichzeitig und noch viel mehr darüber hinaus.

H: „…Das gewöhnlich und oft ausschließlich betriebene und darum allein bekannte Bauen bringt zwar die Fülle der Verdienste in das Wohnen. Doch der Mensch vermag das Wohnen nur, wenn er schon in anderer Weise gebaut hat und baut und zu bauen gesonnen bleibt…“ (195)

G: Bauen wird hier ähnlich aufgeweitet wie die Sprache. Bauen ist nicht nur das Setzen eines Steines auf den anderen oder das Verputzen der Wände. Das Wesen des Bauens soll berührt werden. Es steht zusammen mit dem Menschen auf der Erde. Poesie ist nicht allein im Reich der Gedanken verortet. Sie hat auch eine Erdung, sie ist auch fleischlich, sie ist wesenhaft ausgreifend.

H: „…Dieses (das Wesen des Dichtens, CJG) überfliegt und übersteigt die Erde nicht, um sie zu verlassen und über ihr zu schweben. Das Dichten bringt den Menschen erst auf die Erde, zu ihr, bringt ihn so in das Wohnen…“ (196)

G: Der Mensch selbst erscheint als multiples Interface auf der Schnittstelle zwischen Dichten und Bauen, zwischen Poesie und Architektur. Ihm sind Interaktionsformen möglich, weil er sich ansprechen lassen kann vom Wesenhaften, das dem Bauen und Dichten innewohnt.

(H: Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch…“; In: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt am Main 2000)

Verwandtschaften ...

W: „…Du redest doch vom Verstehen der Musik. Du verstehst sie doch, während du sie hörst! Sollen wir davon sagen, es sei ein Erlebnis, welches das Hören begleitet?…“ (S. 308)

G: Ist es nicht so, als beschreibt Wittgenstein hier auch das Umgehen mit Architekturen? Wird hier nicht das Lotsenken ins Innere zu einer Art Echolot, das hilft, sich am Äußeren ein Bild zu formen? Im leiblichen Vollzug mit dem Begegnenden kann solch ein Lot wirken.

W: „…Es gibt so etwas, wie ein Aufflackern des Aspekts. So, wie man etwas mit intensiverem und weniger intensivem Ausdruck spielen kann. Mit stärkerer Betonung des Rhythmus und der Struktur oder weniger stärker…“ (S. 503)

G: Übersetzung in die Baukunst: Aspekt wäre dann Fassade und Gliederung / Ausdruck wäre dann Form / Rhythmus wäre dann Wechsel und Wiederholung / Struktur wäre dann Raster und Ordnung.

G: Aspektlose Architektur haben wir heutzutage zuhauf. Ein intensiver Eindruck entzieht sich dort. Sammeln kann sich kein Blick an einem Bau, der seine Plastizität verleugnet, er läuft quasi an den glatten und fugenlosen Fassaden hinunter. Was sagt es, was spricht es, wenn der Bau seinen Stand in die Zweidimensionalität zwingt?

W: „…Man kann auch vom Verstehen einer musikalischen Phrase sagen, es sei das Verstehen einer Sprache…“ (S. 309)

G: Was sagt eine Sprache der Bauten, die zwar Ausdruck als Form und Struktur als Raster haben, aber weder Aspekte noch Rhythmus vertreten?

G: Nehmen wir die moderne Musik. Sie lebt fast ausschließlich von Aspekt und Rhythmus. Vielleicht hat sich das Geschwisterpaar Bau- und Tonkunst heutzutage weitgehend entkoppelt? Oder es spricht etwas anderes daraus? Vielleicht, dass die Menschen lieber permanent ihre klingenden Ohrenstöpsel tragen, um den Aspekt- und Rhythmusmangel der gebauten Umwelt besser zu kompensieren?

W: „…Es ist, als hätte das Wort, das ich verstehe, ein bestimmtes leichtes Aroma, das dem Verständnis entspricht. Als unterscheiden sich zwei mir wohlbekannte Wörter nicht bloß durch ihren Klang oder ihr Ansehen, sondern, auch wenn ich mir nichts bei ihnen vorstelle, noch durch eine Atmosphäre…“ (S. 55)

G: Überlagerung der Echolotsignale. Das Subjekt ist *auch* die Grenze zur Welt, aber nicht nur.

Zitate:
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 7, Frankfurt am Main 1984

Das An-Sich ...

Ist klarer geworden, ob Wesen und Sein in Verbindung stehen? Ist klarer geworden, ob Genius loci und Wesen etwas miteinander zu tun haben? Ist klarer geworden, ob es einen artifiziellen Genius loci geben kann -z.B. in einer städtischen Situation- und wie er sich abgrenzt von einer natürlichen? Ist klarer geworden, ob Wesen herausgehoben werden kann aus einem bloß subjektiven Konstruktionsverdacht? Ist klarer geworden, ob Wesen gekoppelt bleiben muss an eine Metaphysik?

Es scheint, dass es nach wie vor mehr Fragen als Antworten gibt. Das macht und hält die Sache spannend. Eine Tendenz kristallisiert sich allerdings heraus. Wie verführerisch, einfach und elegant wäre es doch, Schelling zu folgen, das Wesen mit dem Sein zu verknüpfen und das Ganze ins unbewusste Milieu des Absoluten zu verweisen. In dieses nämlich vermag der Mensch zu blicken und schafft es sogar über das, was ‚man‘ (SuZ lässt grüßen) gemeinhin so Kunstwerk nennt, das Unbewusste bei seiner temporären Bewusstwerdung zu beobachten. Die Signatur dieses Ereignisses könnte dann das sein, was Sein und auch Genius loci meint. Ja, schön und elegant wäre das, aber auch eine intellektuelle Konstruktion, ein Idealismus und damit genauso scheinhaft und relativ wie jedes andere Gedankenprodukt. Das ‘Zurück zu den Dingen’ sollte doch helfen, genau diese Klippen zu umschiffen…

Heute ist mir ein schöner Blogbeitrag unter die Augen gekommen. Er könnte helfen, ein anderes Schlaglicht auf Wesen und Baukunst zu setzen. Der Autor befasst sich mit der Unterscheidung von Denken (ideal) und Erkennen (dinghaft) am Beispiel von Immanuel Kant – ehrlich gesagt und zugestanden einem Philosophen, der bei mir noch ziemlich unbeackert ist, was allerdings seiner unsichtbaren Präsenz zwischen etlichen meiner Zeilen keinen Abbruch zu tun scheint…

Zitat aus „Philosophische Werkstatt“: „…Die reflektierende Problematisierung des sprachlichen Bezugs auf ein An-sich kann immer nur ein zweiter Schritt sein (z.B. „was heißt hier ‘wirklich’“?), der erste Schritt ist immer der (operative) Bezug auf ein Schlechthinniges, Nicht-Modalisierbares – wie könnte man das besser ausdrücken, als es „das Wirkliche“ zu nennen (und dabei im Herzen ein bisschen an Schelling zu denken) – also ein Wirkliches, dem keine (begriffliche) Möglichkeit vorausgeht?…“

In eine ähnliche Richtung gingen meine Fragen über die Verbindung von Wirklichkeit und Möglichkeit in der letzten Folge. Schön ist, dass es bei Kant offenbar einen Ausweg zu geben scheint aus der Konstruktionsfalle des Subjekts und dass das An-Sich eine unsichtbare Schwester der Dinge, ein Noch-Nicht und ein unendliches Möglichkeitenfeld beschreibt. Zum Schluss noch einmal „Philosophische Werkstatt“ (Link s.o.): „…Der Kant, den ich lese, meint das Folgende: Wenn ich „Ding an sich“ sage, DENKE ich etwas qua seiner (mitgegebenen) Nicht-Gegebenheit…“.

Unmöglichkeit als Möglichkeit ...

‚Etwas‘ können wir nur bemerken, wenn es wirklich ist, wenn es Wirkung hat oder Wirkung erzeugt. Man achte auf die Worte. Wirkung haben meint, dass Sie etwas Eigenes ist, das einem Etwas anhaftet. Dass Wirkung ‚ist‘ wiederum heißt, dass auch die Wirkung Etwas außer sich (oder in sich) hat, dass sie zur Existenz bringt – sonst ‚wäre‘ sie nicht. Liegen im Etwas also zwei verschiedene Kräfte verborgen, die es braucht, um uns gegenwärtig zu werden oder ist es ein und dieselbe Kraft, die die Wirkung zu einer Art Symptom des Seins eines Etwas werden lässt?

„…Wie sich nämlich das Bauende verhält zum Baukünstler, so verhält sich auch das Wachende zum Schlafenden, das Sehende zu dem, was die Augen verschließt, aber doch den Gesichtssinn hat, das aus dem Stoff Ausgegliederte zum Stoff, das Bearbeitete zum Unbearbeiteten. In diesem Gegensatz soll durch das erste Glied die Wirklichkeit, durch das andere das Mögliche bezeichnet werden…“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 188)

Aristoteles knüpft Möglichkeit und Wirklichkeit zusammen. Das Verhältnis beider wird dabei direkt ins Dasein gestellt, denn es ist Etwas. Das ist bemerkenswert, denn man könnte sich doch auch fragen, ob es die Möglichkeit nicht als permanenten und eigenständigen Zustand gibt oder vielmehr als Zustände? Alle Möglichkeiten zusammengenommen und entkoppelt von jedem Etwas in einem unendlichen Gemisch – damit würden wohl nur die Götter fertig werden. Die Menschen müssen sich bei Aristoteles offenbar damit begnügen, die Möglichkeit in den engen Grenzen der Wirklichkeit aufzufassen.

Wenn die Möglichkeiten im Etwas liegen, sind sie also begrenzt. Die Überschreitung der Grenzen wäre der Sprung ins Unmögliche. Das Unmögliche ist aber keine Konstante. Vielleicht ist es nur eine weitere Möglichkeit? Vor zweihundert Jahren wäre es z.B. unmöglich gewesen, ins Weltall zu fliegen. Der Flug ins Weltall ist heutzutage normal und kommt (im Aristotelischen Sinne) zustande durch die Kombinationen von Möglichkeiten verschiedener Stoffe und Substanzen, die wirklich werden.

Was aber ist mit der Möglichkeit als Phantasie? In ihr war es nämlich auch vor zweihundert Jahren möglich, ins Weltall zu kommen. Die Möglichkeit muss also offenbar nicht immer an die Wirklichkeit verwiesen sein, sondern kann ein eigenes Leben führen. Beweisen muss die Möglichkeit sich nur, wenn sie ins Dasein gehoben werden soll. Dann zeigt sich, ob sie reine Phantasie war oder im Sinne des Zugrundeliegenden mit dem jeweiligen Stoff allein oder in Kombination mit anderen wirklich werden kann.

Interessant ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass eine Möglichkeit auch ein Noch-Nicht bedeutet. Das Noch-Nicht ist zwar nicht da oder nicht wirklich, aber dennoch ist es nicht mehr Nichts, ist eine unsichtbare Schwester der Wirklichkeit und ist Etwas, das zwischen dem Nichts und der Wirklichkeit schwebt.

Die Möglichkeit mag gebunden sein an die Wirklichkeit, aber der Mensch ist es, der sie freilässt. Der Mensch ist es auch, der Wandel dadurch möglich macht, dass er das Unmögliche nur als weitere Möglichkeit begreift und sich hinwegsetzt über das jeweilig Wirkliche. Er ist dann der Impulsgeber für das Noch-Nicht bei seinem Weg in eine neue Wirklichkeit.

Über die Bedingungen ...

Die Schwerkraft scheint geeignet, das Wesen der Dinge zu erläutern. Unsichtbar und doch hochwirksam prägt Sie uns. Ist Sie selbst schon das Unbedingte und kann daher ein Analogon sein zum Wesen? Ist das Wesen etwas Absolutes oder Relatives? Ist es jeweilig anders oder immer gleich?

Bei Aristoteles lässt sich zur Relativität des Wesentlichen etwas finden, wenn er über den Stoff spricht. Stoff und Substrat können bei ihm als anfängliche Ursachen -also Wesen- gelten. Der Stoff jedoch ist mannigfaltig: „…Denn wenn jedem Entstehen und Vergehen etwas zugrunde liegt, aus dem es hervorgeht, sei dies eines oder mehreres, warum geschieht denn dies und was ist die Ursache? Denn das Zugrundeliegende bewirkt doch nicht selbst seine eigene Veränderung…“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 10). Wesen als Zugrundeliegendes nennt Aristoteles den Stoff. Der ist aber Wandel unterworfen. Der Wandel deutet darauf hin, dass das Wesen nicht unbedingt ist.

Zum Wandel des Zugrundeliegenden schreibt Aristoteles: „…Dass es ein Prinzip gibt und die Ursachen des Seienden nicht ins Unendliche fortschreiten, weder in fortlaufender Reihe noch der Art nach, ist offenbar…“ (Ebd., S. 37). Mit einem Prinzip, das das Wesen der Dinge jeweils einhegt, scheint er die Grenzen der Wandlungsfähigkeit des Stoffes ausloten und eine Art Bedingung der Möglichkeit des Wesens schaffen zu wollen. Nehmen wir z.B. einen Stein. Der ist substanzhaft (also wesenhaft) und kann sich in eine Skulptur oder eine Gehwegplatte wandeln, aber nicht in einen Apfel oder eine Daunendecke.

Soweit kann ich mitgehen, aber dennoch gibt es Wandlungsformen des Steines, die ihm offenbar nicht ursprünglich (wesenhaft) direkt zugeordnet werden können. So muss er nicht stets ruhen oder lasten, sondern kann z.B. auch klingen oder weich sowie leicht sein und seine Härte verlieren – nehmen wir nur das Beispiel der Steinwolle, mit der Dämmungen an Häusern ausgeführt werden.

Das Wesen als Stoff muss in all seinen Zeiten, Formen und Möglichkeiten deutlich werden. Es muss dabei so mannigfaltig sein, wie der Stoff selbst ist, wird und werden kann. Wesen und Möglichkeit stehen also in einem Verhältnis und deshalb scheint substanzhaft Zugrundeliegendes tatsächlich wandelbar und damit selbst bedingt zu sein. Was aber wäre dann sein Bedingendes? Und auch hier schließt sich die Frage an, ob Dieses relativ oder absolut ist?

Nehmen wir den Wandel genauer unter die Lupe. Was ist Wandel anderes als Bewegung, als Überschreitung des Status quo, als Werden? „…Wie das Werden zwischen Sein und Nichtsein, so ist auch das Werdende ein Mittleres zwischen Seiendem und Nicht-Seiendem…“ (Ebd., S. 38). Ist der Wandel selbst vielleicht das Bedingende des Wesens und somit etwas Absolutes?

Von schweren Kräften ...

Erneut steht Aristoteles mit seiner „Metaphysik“ (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5) im Mittelpunkt.

Dem Tanz in einem stockfinsteren Raume ähnlich, kommt mir der Textcorpus vor. Der altgriechische Autor scheint dabei bemüht, sich während seiner Choreographie durch einen unaufhörlichen Sprechgesang die Melodie selbst zu geben. Wie ein Kind, das in den Keller muss, um ein Gegenstand zu holen und sich durch das überlaute Pfeifen eines Liedes selbst Mut macht, muss auch Aristoteles ein endloses Lied singen, um der Angst zu begegnen, in der Dunkelheit zu stürzen.

Die strenge Dialektik des Textes gleicht einem Faden, um aus dem Labyrinth wieder herauszufinden oder, um beim Bild eines dunklen Raumes zu bleiben, wäre sie das unaufhörliche Ausstoßen von Lauten, die das Echolot zum Funktionieren braucht, um vor der Kollision zu warnen. Die Dunkelheit im Raume ist das Bild für das unbekannte Terrain, auf das sich der Grieche wagt. Es ist das Weiße auf dem Blatt Papier, das es zu beschreiben gilt. Es ist das Bedingende und selbst Unbedingte. Wie soll man vom Unbedingten anders sprechen können, als fragend, als tanzend?

Das Wesen der Dinge zu suchen heißt, sich an die Dinge anzunähern. Dort wird es sichtbar und dort kann es geschaut und begriffen werden. Das ist das Interessante, denn es weist über die Dinge hinaus, erweitert ihre Grenzen in eine Bedeutungs- und Wirkungsvielfalt: „…Alles dies heißt Wesen, weil es nicht von einem Zugrundeliegenden ausgesagt wird, sondern vielmehr das andere von ihm…“ (Ebd., S. 102)

Aber was ist es dann, dieses Zugehörige, Prägende und doch schwer auffindbare Etwas. Was ist es, das uns Menschen ganz klar werden lässt über ein Ding, einen anderen Menschen, ein Tier? Ist das Wesen dann vielleicht doch nicht grenzerweiternd, wie oben gesagt, sondern eher begrenzend? Trägt diese unsichtbare Dominante eine Prägung hinein in die Welt? Ist das Wesen vergleichbar mit der Schwerkraft, die uns auf der Erde hält – denn auch sie ist unsichtbar und doch höchstwirksam.

Nun, Aristoteles geht systematisch vor und stimmt in sein Lied (siehe oben) ein, indem er den Leser auf den unbedingten Charakter hinweist, den das Wesen haben muss: „…Da wir nun offenbar eine Wissenschaft von den anfänglichen Ursachen uns erwerben müssen, (…) die Ursachen aber in vier verschiedenen Bedeutungen genannt werden, von denen die eine, wie wir behaupten, das Wesen (Wesenheit) und das Sosein ist, (…) eine andere der Stoff und das Substrat, eine dritte die, woher der Anfang der Bewegung kommt, eine vierte aber die dieser entgegengesetzte, nämlich das Weswegen und das Gute…“ (a.a.O., S. 8 ).

Erkennendes Verhalten ...

Einige Anregungen hole ich mir heute bei Heidegger, bevor ich mit der Aristoteles-Stippvisite fortfahre. Gesprochen wurde das letzte Mal davon, dass Verwunderung nah bei Verwundung liegt und damit die Brücke gebaut in das leibliche Denken, das damit im besten Gegensatz liegt zum logischen Reduzieren akademischer Gangart.

„…Das eigentliche Fundament ist das radikale existenzielle Ergreifen und die Zeitigung der Fraglichkeit; sich und das Leben und die entscheidenden Vollzüge in die Fraglichkeit zu stellen, ist der Grundbegriff aller und der radikalsten Erhellung. Der so verstandene Skeptizismus ist Anfang und auch das Ende der Philosophie…“ (Heidegger; GA 61, S. 35).

Hier steht also der Weg offen für die wohl heftigste Verwundung. Diejenige nämlich, die dem eigenen Ende gleicht: „…Philosophie und was sie ist, kann nur erlebt werden…“ (Ebd.), heißt es weiter. Dieses Erleben ist allerdings nicht das Ziel des Fragens, sondern sein Beginn. Das Erleben eröffnet den existentiellen Zugang zu einem hochbewegten und glatten Untergrund. Wie ein Schlitten, der den Berg herunterfährt und mit hohem Tempo auf einen spiegelglatten, zugefrorenen See schellt, ist der Fragende in die Bewegung geraten und muss nun zusehen, wie er die Situation in den Griff bekommt.

Es wird auch klar, warum eine ‚erlebte‘ Philosophie eng verbunden ist mit dem Wesen der Dinge. Sie will nicht erklären im Sinne vom Festlegen in einer Spezialdisziplin, sondern einen Zugang dazu und die Verbindung dorthin öffnen – und offen halten. In diesem Suchen berührt sie etwas zutiefst Menschliches. Das Suchen, Bewegt-sein, Unterwegs-sein nämlich, baut die Brücke zur wesenhaften Bestimmung der Dinge: „…Philosophisches Erkennen zielt auf etwas Letztes, Allgemeines, das Oberste (…) Sie ist erkennendes Verhalten von etwas…“ (Ebd., S. 57).

Philosophie und Erkennen und Wesen gehören zusammen. Sie werden erschlossen durch ein Verhalten. Dieses Verhalten hat eine leibliche Dimension und geht einher mit einem existentiellen Ergreifen. Eros ist der Schlüssel zu solchem Erkennen und nicht Thanatos, um mal einen Griff in die Freudsche Terminologie zu machen. Wie (im besten Sinne) weit entfernt also ist so ein Philosophieren vom vernünftelnden ‚Eunuchen-Diskurs‘ so mancher?

Wenn Heidegger entlang am Denken des Aristoteles das philosophische Erkennen einem leiblichen Vollzugscharakter gleichsetzt, spricht er auch etwas über die Baukunst, denn auch sie wird wesenhaft, indem sie „…zugleich radikalste Einstellung und ursprünglichster Sinn der Gegenstandserfassung als solcher (ist, CJG)…“ (Ebd.). Eine Architektur, die es vermag, den in ihr versammelten Menschen Möglichkeiten zu Interaktion und erkennendem Verhalten zu eröffnen, gibt ihre Bewohner auch frei in ein existentielles Wirkungsfeld. Sie stiftet eine zutiefst schöpferische Atmosphäre, in der Stimulans herrscht und Raum von räumen begriffen wird.

Die Verwunderung ...

Heute will ich eine Stippvisite machen und mich fragen, was Aristoteles vor rund 2.400 Jahren über das Wesen der Dinge dachte: „…Denn die Erfahrenen (Weisen, CJG) kennen nur das Daß, aber nicht das Warum; jene (Künstler, CJG) aber kennen das Warum und die Ursache…“. (Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden; Hamburg 1993; Band 5, S. 3).

Mit diesem Zitat finde ich den Einstieg in eine Frage, die mir öfter begegnet und die durch eine Skepsis gespeist wird und auch ein tiefes Misstrauen dem Denken gegenüber. Wie kann man an etwas, das vor rund 2.400 Jahren gedacht wurde anknüpfen, ohne sämtliche Entwicklungsschritte bis heute erneut zu durchlaufen?

Die Antwort könnte darin liegen, dass man sich mit den oben genannten Ur-Sachen befasst oder dem Warum. Dieses Vorgehen braucht keine chronologischen, akademischen Weihen. Es gleicht dem Blick auf den Urstrom oder die Quelle. Heidegger schreibt hierzu: „…Anfang ist nicht das Vergangene, sondern, weil er alles Kommende voraus entschieden hat, stets das Zukünftige; als dieses müssen wir den Anfang bedenken…“ (GA 51, S. 15). Ganz andere Fragen sind also wichtig, als die nach akademischer Form.

Der gegenwärtige Zustand als präsente Lebenswirklichkeit des Fragenden macht einen Text interessant. Dabei spielt es keine Rolle, wie alt er ist. Wieso soll nicht ein jeder Mensch zu jeder Zeit in seinem denkerischen Horizont und mit seinen Prägungen und Erfahrungen etwas schon Gedachtes neu denken?

Zurück zu Aristoteles. In der „Metaphysik“ entwickelt er einen Gedanken, den ich übertragen will auf das oben angeschnittene ‚Problem‘ und auch auf den Genius loci. „…Denn Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens (…) Wer sich aber über eine Sache fragt und verwundert, der glaubt sie nicht zu kennen (Deshalb ist der Freund des Sagens auch in gewisser Weise ein Philosoph, denn die Sage besteht aus Wunderbarem)…“ (a.a.O., S. 6).

Nehmen wir den Genius loci als wunderbar in diesem Sinne. Nehmen wir ihn als etwas, das fragwürdig ist. Als etwas, das man nicht zu kennen glaubt. Als etwas, das ein Fragen provoziert. Nehmen wir ihn als räumliche, zeitliche und leibliche Stimulans, die ein präsentes ‚Verhalten zu‘ erfordert.

Die Präsenz eines Genius loci sollte man dann nicht nur als Ort begreifen, sondern auch als ortend. Das Ortende kennzeichnet sich durch seine Abwesenheit und das Verwundern darüber ist die zutiefst schöpferische Reaktion darauf. Das Verwundern ist ein Suchen, eine Bewegung. Der Genius loci gleicht dann einer dauernden und nicht zu beantworteten Frage. Er verweist den Fragenden auch in eine körperliche Reaktion und schafft den Sprung vom Gedanken zum Leib. Verwunderung liegt nah bei Verwundung…

Der Sog des Nicht ...

Es rauscht der Wasserfall
hier seit langem nicht mehr
Doch sein hoher Ruhm
ist bis heute nicht versiegt
er klingt fort bis in die Ewigkeit
(Dainagon Kinto)

Dieses japanische Gedicht ‚sagt‘ etwas Wesentliches; etwas über das Wesen der Dinge, indem es Begriffe dazu nutzt, ein Wirkungsgefüge zu ermöglichen. Es versucht nicht, die Begriffe selbst zum Träger des Sagens zu machen! Es spricht das, was sich zwischen den Worten abspielt. Etwas, das Dazwischen liegt, steht, wirkt und weilt. Es ist anwesend, ohne direkt angesprochen zu werden. Es ‚ist‘ im Übergang zu etwas anderem.

Dieses Andere ist kein Fremdes. Es gehört zum Daseinenden dazu, ist ohne es nicht möglich. Es ‚ist‘ etwas da, ist vorhanden, obwohl es mit Augen und Ohren nicht zu fassen ist. Trotzdem ist es leiblich. Ist es Teil menschlicher Lebenspraxis, ist präsent in der Welt – zusammen mit uns. Es ist dabei weit mehr, als bloße Erinnerung.

Es ist Nichts und dennoch etwas – ein Paradox. Ein heilsames Paradox! Heilsam ist es deshalb, weil es die Grenzen und Unzulänglichkeiten aufzeigt, mit denen wir leben. Unser kultureller Angang an die Welt sagt uns, dass ‚es‘ definitiv nicht da ist und Bedeutung nur erfährt im subjektiven Reich der Einbildung. Rationalität und Logik zeigen ihre Leerstellen auf und die herkömmliche Sprache kollabiert. Üblicherweise flüchtet man sich in so einem Fall entweder in eine übersinnliche Welt, psychologisiert oder verweist auf die Kunst. Den Künstlern wird noch am ehesten zugebilligt, die Leere und das Zwischen zu Leitthema zu machen.

Zurück zum Gedicht. Ein Ort wird beschrieben. Ein Ort, der von ‚Etwas‘ zeugt, der Zeuge ist und uns zum Zeugen macht. Ein Ort, der zeugt, der führt und überführt. Ein Ort, der öffnet. Das Öffnen führt ins Nicht des augen- und ohrenscheinlich Vorhandenen. Dieses Nicht ist nicht Nichts, sondern ein erfüllendes Etwas. Ein Erfüllendes und Dauerndes. Ein wirkungsmächtiges Dauern, das uns in sich einträgt, das sich uns zeigt, indem es sich zeugt.

Genius loci als sich zeigendes Nicht, als anwesende Abwesenheit, als andauernder Sog…