Übergänge_Dorotheenstädtischer Friedhof
STERBE(R)(Z)EIT
BR(H)AUCHT
WI(E)DERSTAND
Von der Illusion der Perspektive …
„Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“. So sprach er, während er unter freiem, wenngleich stark bewölken Himmel saß und das Gespräch mit mir fortsetzte. Was er wohl nicht merken wollte, war die größtmögliche Distanz zwischen dem Gesprochenen und unserem momentanen Sein. Es ist schon ein großes Kunst-Stück (im Sinne von künstlich), in welcher Weise dieser Mensch entfernt war von der Welt, die er (ohne davon Notiz zu nehmen) mit mir teilte.
So war nicht nur seine Lautstärke unangemessen, sondern auch das Drängen, das unter dem Sprechen lag. Eine Art Subtext des Selbstvertrauens, der aus dem Gegenteil von Selbstbewusstsein gespeist wurde, dröhnte in meinem Inneren und blieb dabei doch für die Ohren unhörbar.
Seine Sätze glichen eher Attacken. Sie bäumten sich dabei nicht nur gegen mich auf, sondern verbliebenen als Dissonanzen im Raum. Sie wirkten als aggressive Implantate in einer Sphäre, die uns schweigend, ruhend und mächtig umgab. So begann ich bald, nicht mehr ihm, sondern der Welt zuzuhören.
Dieser Tag war schon seit dem Morgen etwas Besonderes. Es war so, als wolle er nicht wach werden, einfach nicht aus dem Bett kommen, die Vorhänge nicht aufziehen. Eine gewisse Dichte war ihm zu eigen. Sie hatte es zuvor schon schwer gemacht, zum Treffen zu fahren - jeder tritt in die Pedale viel doppelt schwer. Man musste sich förmlich durch einen Widerstand hindurch bewegen.
Auch im Sitzen am Treffpunkt wurde es nicht anders. Die Trägheit des Tages wälzte sich durch den Stadtraum. Sie ergoss sich unaufhörlich in die Räume und füllte sie langsam auf. Nur die Feuchte in der Luft korrespondierte mit der unausweichlichen Dichte dieser Atmosphäre.
Manchmal ist das verbindende Zwischen körperlicher als alle Subjekte und Objekte selbst. Man kann es dann fast mit den Händen greifen. Es umschließt einen vollkommen, wird quasi zur Materie und verliert seine Flüchtigkeit.
Das Zwischen ist dann wie die Finsternis, deren Grenze direkt am eigenen Körper entlangläuft. So, wie die Finsternis den Körper umschließt, so umschließt an diesen ganz besonderen Tagen das Zwischen hauteng alles in und außerhalb von ihm selbst. Nur, dass die Helligkeit dem Irrtum Vorschub leistet, die Grenze des Umschließens in die Ferne verlegen zu können. An diesen Tagen kämpft die Perspektive um ihre Macht und wehrt sich mit aller Vehemenz gegen die Entlarvung als Illusion.
So ist die Welt an solchen Tagen nicht weit, sondern eng. Sie zeigt nicht nur die Umschlossenheit der Menschen, sondern markiert damit auch das Terrain der Lebendigkeit schlechthin. Sie dringt auch in den Körper ein. Man atmet sie und wird davon satt. Ja, man kann sich an Luft überfressen!
Die Atmosphäre raubt die Ferne - und mit ihr die Vereinzelung. Sie löst das Subjekt auf, nicht indem sie es mit dem Objekt verschmilzt, sondern, indem sie es an ihre atmende, sättigende, pulsierende Textur verweist. Eine Textur, der man sich gewöhnlich in der Isolation des Verstandes entzieht. Einer Isolation, die mein Gegenüber Sätze sprechen lässt wie: „Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“.
Von Wert des Dunklen ...
G: Wandel führt hin auf das Andere, das (noch) abwesend, aber dennoch schon anwesend ist. Er führt auf Zustände und auf Differenzen. Fragt sich, ob jedes Wandeln, das mithilfe der Sprache bestimmt wird, nur scheinbar sein muss – denn die Mittel der herkömmlichen Sprache setzten auf dressierende Reduktionismen (auch Begriffe genannt). Die Poesie kann helfen; lebt sie doch aus der Welt der Möglichkeit.
S: „…Universalität, die nothwendige Forderung an alle Poesie, ist in der neueren Zeit nur dem möglich, der sich aus seiner Begrenzung selbst eine Mythologie, einen abgeschlossenen Kreis der Poesie schaffen kann…“ (444)
G: Wirklichkeiten-Begriffskäfige mit Gelassenheit balancieren, um über sie hinaus zu weisen. Welche gelassene Sprache reicht dort hin? Kann der „Trieb“, die „Kraft“, das Ermöglichende des Wandels selbst auf diese Weise angerührt werden? Kann man also (noch) sprechen oder muss man (schon) schweigen?
VS: Themistius über Heraklit: „…Der Ursprung (der Dinge), so Heraklit, pflegt, verborgen zu bleiben…“ (301)
H: „…Heraklit ist „der Dunkle“, weil er das Sein als das Sichverbergen denkt und gemäß diesem Gedachten das Wort sagen muss…“ (32)
G: Das Wort sagen redet hier davon, dass Heraklit einer der „sophoi“ war, jener weisen Sprecher von Worten also, die noch ohne (beliebige) Begriffe waren, die gleich erratischen Blöcken rätselhaft und voller lautestem Schweigen barsten.
VS: Aristoteles über Heraklit: „…Denn es ist ein schwieriges Unternehmen, die Schriften Heraklits zu interpunktieren, weil nicht klar ist, ob (die betreffenden Wörter) mit dem Folgenden oder mit dem Vorhergehenden zusammengehören…“ (287)
G: Die Unklarheit der Fügungen spricht etwas über das Sprechen. Insofern beschreiben aristotelische Schmerzen gleichzeitig das Symptom des gegenwärtigen Autismus einer diskursiven Belanglosigkeit und eines geronnenen, akademischen „Anything Goes“.
H: „…Dunkel ist die Philosophie also notwendig und immer, sofern sie nämlich dem Gesichtskreis des bloßen Verstandes, d.h. des alltäglichen Verstellens und Meinens, beraubt wird…“ (29)
G: Hegen, Umstellen (nicht Verstellen!), Lichten, mehr gibt es nicht zu tun – auch nicht für eine wahrhaft menschliche Baukunst. Erscheinung provozieren, die ohnehin schon ist und sich ansprechen lassen; nehmen, was gegeben und auch vorenthalten wird…
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 55, Frankfurt am Main 1979)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
Grenzgänge ...
Dunkles Locken steckt im gewalttätigen, stets wiederkehrenden Ruf…
Lethargisches Regen zeigt sich vor leichter Erhellung…
Das Band der Zeit scheint zu fehlen…
Klänge als Destruktionen – allem entgegen und manchmal als Rhythmus…
Stimmung und Stimme sind in Faltungen durchzogen – sie gleiten…
Die Regung bleibt dominant vor dem erfolglosen Aufschwingen des Klangs…
Pausen zerreißen das Gewebe – es war unendlich weitmaschig da…
Folgende, rhythmische Faltungen sind wie beängstigende Stimmen aus dem Dunkel…
Die Stimme will in das Begegnende einsetzten…
Ein Entzug bleibt hörbar – nur dieses Mal…
Nie war die Regung so nah – in einem ergebenden Entlanggleiten am Abgrund…
Stimmen umspannen die Schläge wie unpassende Kleider…
Worte gleichen eher Lauten – sie sind ohne Sinn…
Für diese Sprache gibt es nur die Grammatik…
(Iannis Xenakis: Medea)
Olafur Eliassons neue Differenzen ...
Die „poetische Provokation“ in der Trias „Existenz-Wahrnehmung-Erscheinung“ sollte noch näher abgesteckt werden. Das Abstecken gleicht dabei einem weiträumigen und großzügigen Einhegen, denn nicht gefasst soll etwas werden, sondern bestenfalls beleuchtet. Es gilt also, mit der Schwierigkeit umzugehen, über etwas zu sprechen, ohne es dabei all seiner Möglichkeiten zu berauben. Etwas erklären also, ohne es festzulegen.
Es genügt hierfür nicht mehr, die „einfache Differenz“ prägend sein zu lassen. Eine neue Differenz muss her. Eine, die deutlich umfassender ist. Eine, die vielleicht gar nicht mehr Differenz heißt. Eine, die einer Dimension (freilich nicht euklidisch!) gleicht, in der das wirken kann, was Differenz als solche durchherrscht.
Diese würde sich nicht damit begnügen, ein Sprechen neben das andere zu stellen. Sie begnügte sich ebenfalls nicht damit, die Multiperspektivität als Endziel und letzte Bastion menschlichen Erkennens zu reklamieren. Sie begnügte sich auch nicht mit einer Totgeburt namens „Anything Goes“. Vielmehr muss ein “Sowohl als auch” zum Träger eines grundlegenden Unterscheidens werden.
Eine Lektion von Hegel aus Folge 12 (s.o.) scheint geeignet, in diese neue Differenz zu weisen – nämlich, dass eine Erscheinung zu jedem Etwas gehört und dass diese Erscheinung STETS das Andere seines Selbst ist. Dass ferner dieses jeweils UNENDLICH Andere den Wesenszug eines Etwas trägt, dass also das Etwas durch sein Anders-sein in seiner Existenz fassbar wird. Etwas existiert also nur durch die Unterscheidung, durch die Trennung von sich selbst. Diese Trennung ist dabei sein Wesenszug.
Die Erfahrung des Existierens ist wie eine Leihgabe. Geliehen von der Wahrnehmung der Anderen. Der Leihakt geschieht mit dem Mittel eines weiteren Anderen. Doppeltes Anderes. In der Existenz sich selbst STETS fremd und vom Fremden umstellt. Hier kann man soweit gehen anzunehmen, dass Bewusstsein nur außerhalb von Etwas existiert. Dass wir unsere Bewusstheit in eine Dimension projizieren, die außerhalb von uns liegt.
Nehmen wir eine Ausstellung, die derzeit im Berliner Gropiusbau läuft. „Innen Stadt Außen“ thematisiert diese Erfahrungen einer umgebenden, nicht-euklidischen Dimensionalität, eines existenzialen Leihaktes, der sich durch Wahrnehmung manifestiert. Auch die Wichtigkeit einer Matrix, einer dritten Ebene, einer Projektionsfläche wird deutlich.
De-Kontextualisierung ist z.B. das leibliche Zaubermittel, das den Besucher die Härte der obligatorischen Granit-Gehwegplatten erst im musealen Kontext ge-hören lässt. Eine Adaption des Höhlengleichnisses er-möglicht das Eigene durch das Andere des Schattens auf der Wand zu begreifen. Ein Blick aus dem Fenster gerät zur Innenschau, nachdem der übergroße Spiegel an der Fassade erkannt ist. Aus einem Nebel schälen sich langsam Konturen und verschwinden wieder.
Diese nebulösen Übertritte eines Anderen in die Wahrnehmung machen die Leihgabe als Verkehrsform des Menschen sehr deutlich. Übertritte sind nur durch das Andere möglich. Der Nebel spricht für die weitgehendste Art davon. Er füllt ein Zwischen. Dieses Zwischen bleibt leer. Er ist da und gleichzeitig unbeschrieben. Der Nebel er-möglicht dem Anderen dessen Erscheinung quasi in Zeitlupe. Er verbindet durch eine Leere, die gleichzeitig Fülle ist. Das Verschwinden des Anderen wird deutlich durch seinen Übertritt. Es ist schon vorher da, jedoch noch-nicht im Anderen durch sein Anderes.
Das Andere seiner selbst ...
G: Menschliche Wahrnehmung ist wolkig. Sie ist eher liquid als fest – ist flüssig. Nichts wäre so falsch, wie überzeugt zu sein, dass etwas Beständiges im unserem Wesen wäre. Das ist auch die stets zu lernende Lektion. Baukunst als Möglichkeit meint, den Menschen im Selbstwandel zu halten; sein Dasein mit dem Dasein selbst klar zu machen, ihm die Möglichkeit zur Wahrnehmung zu geben.
G: Stimmung, Gestimmtheit, Wahrnehmung, Wandel wird im Ereignis deutlich. In welchem ist dabei nicht von Belang. Es geht um das Ereignen selbst, das zur Präsenz Kommen, das Gewahr-werden, das in die Unverborgenheit Kommen.
G: Ein Bauwerk ereignet sich nicht nur einmal. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass ein realisiertes Gebäude etwa nur fest stünde. Selbst der banalste Zweckbau wird atmosphärisch umspielt und in gefühlter Bewegung gehalten von Licht, Temperatur, Geruch und Klang.
G: Poetisch wird der Bau, wenn er eine fließende Bewegung, eine Brücke zur dauernden Öffnung in die Unverborgenheit wird. Dann hat er die üblichen Sinnlichkeiten (s.o.) nicht mehr nötig, sondern steuert den Zustand des Anderen seiner selbst an.
N: „…Alle Poesie unterbricht den gewöhnlichen Zustand – das gemeine Leben, fast, wie ein Schlummer, um uns zu erneuern – und so unser Lebensgefühl immer rege zu halten…“ (357)
G: Das Andere seiner selbst wäre beispielsweise die noch nicht gewährte Gewahrung und auch die nicht mehr Währendheit. Das Andere seiner selbst ist der Wirkung habende „Zustand“ des zur Präsenz Kommen-Könnens. Das Kunstwerk „lebt“ ausschließlich vom Anderen seiner selbst. ArchiPoesis meint hier, das Bauwerk als Kunst zu entfesseln.
N: „…Eine Oper, ein Ballet sind in der Tat plastisch, poetische Konzerte – Gemeinschaft. Kunstwerke mehrerer plastischer Instrumente / Tätiger Sinn des Gefühls / Poesie…“ (364)
G: Alles stimmt zusammen auf dem Weg zum Anderen seiner selbst. Die Kunst ist nie getrennt. Nur der abendländische Mensch dachte daran, sie in bildend und darstellend aufzuteilen.
N: „…196. Plastik, Musik und Poesie verhalten sich wie Epos, Lyrik und Drama. Es sind unzertrennliche Elemente, die in jedem freien Kunstwesen zusammen, und nur, nach Beschaffenheit, in verschiedenen Verhältnissen geeinigt sind…“ (354)
G: Anleitung zur Baukunst als Möglichkeit. Der Leib als Instrument, als Saite, die angeschlagen wird.
N: „…Je ruhiger der Geist sein will – je regsamer – desto mehr muss er dem Körper zu gleicher Zeit auf geringfügige Weise zu beschäftigen suchen. Er ist gleichsam die negative Kette, die er auf den Boden herablässt, um desto tätiger und wirksamer zu werden – Musik – Essen, oder reizende Mittel überhaupt – schöne Bilder für das Auge – Gerüche – Frottieren oder Herumgehen…“ (369)
Plädoyer für das Unvollständige ...
G: Stimmungen wirken als Wie des menschlichen Daseins. Sie sind zu verstehen als Art Grammatik, als Matrix oder Medium, um Welt wahrnehmen zu können. Hier sind sie also ganz anders verstanden als üblich. Nicht gedacht als Abfallprodukt des Verstandes, als animalische und instinkthafte Restspur, sondern als bedingende Größe des Lebendigseins.
H: „…(Die Stimmung, CJG) ist das, was dem Dasein von Grund auf Bestand und Möglichkeit gibt…“ (101)
G: Stimmungen sind da. Mit uns und nicht durch uns. Auch vor uns und hinter uns. Größer und umfassender als jeder Einzelne selbst.
H: “…Stimmungen tauchen nicht im leeren Raum der Seele auf und verschwinden wieder, sondern das Dasein als Dasein ist immer schon von Grund auf gestimmt. Es geschieht nur immer der Wandel der Stimmungen…“ (102)
G: So vielfältig wie die Stimmungen, sind auch ihre möglichen Wirkungen auf den Menschen. Nie sind sie ganz und gar, nie rein, nie fassbar, nie festlegbar. Das aber ist kein Mangel, sondern der Garant für das Menschliche schlechthin.
N: „…Nur das Unvollständige kann begriffen werden – kann uns weiterführen. Das Vollständige wird nur genossen…“ (348)
G: Die Stimmung birgt das Mögliche. Sie hält uns in die Möglichkeit hinein.
G: Erneute Umwertung der Werte. Das Sein selbst, das nackte Das des Existierens, bestimmt die Organhaftigkeit des Menschen und nicht umgekehrt. D.h., das Wesen des einzelnen Menschen ist nicht eine Art Abfallprodukt seines Körpers / seiner Organe, sondern umgekehrt werden die Organe in Form und Funktion gebracht für die Wahrnehmung des eigenen Seins. Die Stimmung macht den Menschen erst möglich. Sie ist nicht die Folge des Körpers, sie ist seine Voraussetzung.
N: „…163. Realisierung der Theorie. Fühlbarkeit des Gedankens. Gesetz – gefühlter Gedanke…“ (348)
G: Gestimmt-sein heißt, in permanentem Wandel zu sein. Menschen-Handeln ist Möglichkeiten-Handeln. Deshalb entarten logisch-technische Welten allzu oft in Beharrungs-Welten. Die Beharrung aber ist die Abwendung vom menschlichen Wesen.
G: Poetische Welten sind die des Wandels. Sie verweisen in die Möglichkeit. Sie sind treue Weggefährten der Gestimmtheit und der Stimmungen.
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 29/30, Frankfurt am Main 2004)
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
Fährten-Dienste ...
G: Nehmen wir ein Zimmer. Es ist ohne Möbel, etwa 4 x 6 m groß und relativ hoch, vielleicht 3,5 m. Die Wände glatt verputzt und weiß gestrichen. Der Boden ist mit Dielen ausgelegt. Sie sind abgezogen und versiegelt. Es gibt zwei mittelgroße Fenster, deren Rahmen weiß gestrichen sind.
G: Manche Besucher fühlen sich gut, manche sind irritiert. Man hört gut – für manche zu gut. Man sieht gut. Es ist hell -für manche zu hell. Das Zimmer ist leer und doch hat es eine Fülle. Eine Fülle, für die die Augen blind sind. Manchmal stehen mehrerer Besucher im Zimmer, auch dann wird die andere Fülle nicht weniger. Sie lässt sich nicht verdrängen, nicht zusammendrücken.
G: Es ist etwas anderes im Zimmer, etwas nicht Sichtbares. Es ist das Andere des Zimmers. Das Andere des Zimmers kommt nicht vom Besucher. Es kommt vom Zimmer. Man wird angesprochen und spricht nicht selbst. Das Andere wird gespürt. Es ist einer Stimmung gleich.
G: Stimmen und gestimmt sein – gestimmt werden. Das Andere hat eine Stimme und stimmt die Besucher ein. Die Stimmung ist anwesend, sie ist präsent und umgibt den Besucher.
G: Das Zimmer stahlt einen spürbaren „Subtext“ aus. Eine Ebene, die die Welt der euklidischen Geometrie übersteigt. Diese Ebene wird wahrgenommen und entfaltet eine deutliche Wirkung. Sensible Naturen lassen sich stark von ihr einnehmen, manche sind trainiert, sie nicht zu spüren. Sie begnügen sich dann mit dem, was „sachlich“ genannt wird.
G: Das Andere ist freilich abwesend. Seine Abwesenheit entfaltet aber eine große Präsenz. Stimmung und Präsenz gehören zusammen und werden gespürt.
H: „…Sie (Stimmungen, CJG) sind Weisen des Daseins und damit solche des Weg-seins. Eine Stimmung ist eine Weise, nicht bloß Form oder Modus, sondern eine Weise im Sinne einer Melodie, die nicht über dem sogenannten eigentlichen Vorhandensein des Mit schwebt, sondern für dieses Sein den Ton angibt, d.h. die Art und das Wie seines Seins bestimmt…“ (101)
G: Zugänge zu Stimmungen legen, heißt poetische Fährten legen. Poesie ist auch der Übergang zum jeweils Anderen. Architektur entfaltet ihre Poesie über diesen „Fährten-Dienst“, der auch ein „Dienst“ an der Stimmung ist.
G: Das ist ein weiterer Weg für die Baukunst als Möglichkeit, nicht selbst das Andere sein zu wollen, sondern dem Anderen zu dienen, seine Abwesenheit präsent werden zu lassen.
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 29/30, Frankfurt am Main 2004)
Wolken-Mut ...
G: Nehmen wir die Wahrnehmung als Poesie, nehmen wir sie als poiesis – „Erschaffung von“. Erschaffung ist hier nicht verbunden mit dem Stellen – etwa eines Dinges, einer Isoliertheit neben die andere. Erschaffung meint Bergen. Bergen als Angesprochen-werden-können. Angesprochen-werden-können im Zwischen.
G: Zwischen meint die Sphäre als Lebensraum des Menschen; meint Sphäre als das Offene zwischen Himmel und Erde, das der Mensch durchmisst. Zwischen meint Gewährung bzw. Gewähren-lassen-können durch die Wahrnehmung.
MP: „…dass der Mensch nicht eine Seele und ein Leib ist, sondern eine Seele mit einem Leib, der deshalb zur Wahrheit der Dinge Zugang hat, weil sein Leib wie in sie hineingetrieben ist…“ (24)
G: Die Wahrnehmung als Poesie wäre reine Möglichkeit, die durch den Menschen in die Wirklichkeit gehalten wird, ohne in ihr zu erstarren. Nur im Zwischen kann die Wahrnehmung gelingen. Sie kann nur gelingen als Wandel und die Möglichkeit zum Wandel. Wandel und Werden bekommen eine Form – und die Form heißt Poesie.
G: Wäre Baukunst als Möglichkeit dann Er-möglichung von Wahrnehmung oder könnte sie selbst zur Wahrnehmung werden? Wie würde eine Baukunst sich stellen, die selbst Wahrnehmung wäre, die selbst Poesie wäre?
G: Befragen lassen könnte sich ein solches Gebäude nicht herkömmlich. Eine Sprache müsste gefunden werden. Der Nutzen, die Funktion, die Rentabilität, die Ordnung hätten in einer solchen Sprache keine Ent-sprechung. Ein solches Gebäude wäre eine Zu-mutung. Es gehörte Mut dazu.
G: Eine Baukunst als Möglichkeit wäre nicht fest, nicht berechenbar; sie wäre wandelnd; sie wäre ansprechbar; sie würde nicht stehen bleiben; sie wäre auf eine neue Weise technisch; sie würde atmen, könnte anschwellen und schrumpfen; sie wäre ohne Kontur; sie ließe sich nicht ausrechnen; sie gediehe in der Luft; sie wäre einer Wolke gleich; sie wäre grenzenlos; sie wäre Form wozu; sie wäre ihr anderes – zu jeder Zeit; sie wäre bergend und entborgen – zu jeder Zeit…
G: Baukunst als Möglichkeit wäre geknüpft an den Wandel, das Werden, das Fließen. Sie wäre das Diffuse in ihrer Ordnung. Sie wäre paradoxal im besten Sinne. Sie wäre nomadisch, wäre im inneren Exil, in innerer und äußerer Nomadisierung. Sie wäre wie ihr eigener Schatten. Eine Gravitation in sich selbst. Ein schwarzes Loch. Eine blühende und sich selbst verzehrende Größe. Ein Aufbäumen und Zusammenfallen in einem Zuge.
G: All das könnte Baukunst vielleicht sein, stellte sie sich selbst (dar) als Wahrnehmung. Wie lebte es sich in einem solchen Bauwerk? Welche Maßstäbe könnte man anlegen, welche Fragen könnten gefragt werden?
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Causerien 1948, Eichenau 2006)
Windkleider ...
Das Schneiderhandwerk zeigt viel. Etwas wird bekleidet oder verhüllt – z.B. mit Stoff. Dazu nimmt der Schneider Maß, handelt taxierend und prüfend. Sein Werk braucht das Andere. Das Andere kann lebendig sein – z.B. ein menschlicher Körper. Es kann auch künstlich und leblos sei – z.B. eine Schaufensterpuppe. Die Kreation ist weitgehend frei. Das Andere nicht, es muss stabil, fest, berechenbar bleiben. Sonnst gelingt das verhüllende Werk nicht. Könnte es auch eine Kleidung geben, ohne das zu Verhüllende?
Was ist mit dem Wind? Er ist da, nur nicht zu sehen. Er hat selbst keine Form. Er wird nur sichtbar durch ein Anderes. Wenn ein Tuch in den Wind gehängt wird, macht es jede Bewegung sichtbar, wie die große Deutschlandfahne vor dem Reichstag. Der Wind bekommt dann eine Form, verhüllt ist er allerdings nicht. Kein Schneider könnte ein Kleid für den Wind herstellen. Die Vorstellung reicht dazu nicht aus.
„…Die Physik unterscheidet sich von der Phänomenologie dadurch, dass sie Gesetze feststellen will. Die Phänomenologie stellt nur die Möglichkeiten fest…“ (Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5; Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994; S. 4)
Bei einem Drachen liegt der Fall anders. Er ist durch seine Konstruktion schon in eine Form gebracht. Er benutzt den Wind. Er verhüllt ihn nicht. Der Drache ist wie ein Probeballon, der ins unbekannte Andere fliegt. Er ist ein Fingerzeig der eigenen Vorstellung, mehr nicht. Er ignoriert das Andere, obwohl er es braucht. Vielleicht aber ist der Drache das einzig Mögliche angesichts des form-fordernden Anderen, das Wind genannt wird?
“…Der Wind ist in Ordung, solange er seine Stelle kennt und nicht versucht, die Rolle eines Baumes zu spielen…” (Ebd., S. 96)
Mit dem Wind hat man es auch in der Philosophie zu tun. Das Andere ist da. Der Mensch steht ihn gegenüber und ist gleichzeitig Teil von ihm. Begriffe man die Philosophie als Schneiderhandwerk, dann wären Worte Stoffe und Philosophen Schneider. Ein Kleid gälte es herzustellen für das hochbewegte Andere, das Welt oder Dasein heißt.
Etwas umkleiden zu wollen, dessen Form nicht feststeht, wäre die Aufgabe. Der Auftraggeber bleibt im Hintergrund. Sein Wunsch war allerdings so nachdrücklich, dass sich schon etliche Schneider-Generationen daran probiert haben. Abfallen würde das ein oder andere Stückwerk dabei. Allerdings hätte es nur indirekt mit dem Auftrag zu tun und dürfte den Kunden nicht zufrieden stellen.
„…Ein Gegenstand darf sich in gewissem Sinne nicht beschreiben lassen (…) D.h. die Beschreibung darf ihm keine Eigenschaften zuschreiben, deren Fehlen die Existenz des Gegenstands selbst zunichte machen würde. D.h. die Beschreibung darf niemals aussagen, was für die Existenz des Gegenstandes wesentlich wäre…“ (Ebd., S. 6)
Wenn das Wesen der Dinge ein einziges wäre, könnte es wie der Wind sein. Sein Anderes macht es nur sicht- aber nicht formbar. Die Suche nach seiner Form bringt allerdings permanent neues Anderes hervor.
Ästhetik und die Verortung von PR ...
Wieviel Intellektualität verträgt der „Markt“? Hier ein neuerlicher Versuch der Selbst-Verortung mit Gernot Böhme und seiner „neuen Ästhetik“ aus: „Atmosphäre, Frankfurt am Main 1995“.
Was haben PR, Architektur und Schreiben gemeinsam? Das „Sich-Darstellen“, das „Heraustreten“ und „Sich-Präsentieren“. Hierbei wird keineswegs nur der kleinste gemeinsame Nenner bemüht, sondern der größte, denn diese Prinzipien beschreiben nach Böhme einen Naturzustand: „… zeigt sich Natur nicht bloß als Wechselwirkungszusammenhang, sondern als Kommunikationszusammenhang, als Wechselwirkung von Sich-Zeigen und Vernehmen…“ (a.a.O. 42)
(Bau)-Kunst zu begreifen als das „Zeigen-Können“ und „Vernehmbar-Machen“ des unbeeinflusst Wesentlichen eines Kunstwerks ist sicher das höchste Ideal, aber auch im „gerichteten“ Zeigen einer Formensprache, die an Interessen (etwa Corporate Design Vorgaben von Auftraggebern) geknüpft ist, genügt man den Prinzipen des „Sich-Zeigens“, „Räumlich-Werdens“ als Naturzustand.
Wir leben zweifellos in einer Zeit, in der die Ästhetisierung der Waren, Unternehmen und auch Menschen das vorherrschende Thema ist. Die Marxsche Unterscheidung von „Tausch- und Gebrauchswert“ möchte Böhme nicht in kapitalismuskritischer Weise weizerführen. Vielmehr bricht er die Lanze für eine „dünkellose“ Betrachtung unserer gesamten Alltagswelt, indem er den durch Ästhetisierung und Stilisierung beeinflussten Tauschwert als ebenbürtige Größe sieht zum Gebrauchswert. Der Drang der Unternehmen, sich zur Marke zu entwickelt, also den eigenen Tauschwert in die Höhe zu treiben, wäre dann auch die Entsprechung zum Naturzustand.
Die PR oder Öffentlichkeitsarbeit sekundiert den Unternehmen bei deren „Sich-Zeigen“ und „Vernehmbar-Machen“. Böhmes „neue Ästhetik“ stellt dieser Branche allerdings nicht den „Naturzustand-Persilschein“ aus, sondern macht vielmehr klar, dass die Linien zur Selbstkritik an der Obacht gegenüber den manipulativen Eigenschaften der Stilisierungen entlang laufen.
Mein Credo von der Authentizität der Öffentlichkeitarbeit wird ebenfalls durch das Bewusstsein gespeist, den Unternehmen zu helfen, zum „Zustand von Zeigen und Vernehmen“ zu kommen, dabei aber nicht der Versuchung zu erliegen, manipulativ vorzugehen. Helfen also, Dinge so zu zeigen, wie sie sind und sich davor hüten, sie so zeigen zu wollen, wie „man“ sie gern hätte, verortet und legitimiert meine Arbeit und macht das Integrationswerk von Denken, PR, Architektur und Schreiben möglich.
Das Er-Leben und das Er-Kennen ...
Eine gleichermaßen interessante wie am Denken interessierte Philosophin stand kürzlich einen Disput durch, in dessen Verlauf sie dem hartnäckigen Vorurteil begegnet war, wonach historische Bauwerke per se „schön“ seinen und moderne nicht. Diesen Dualismus zweifelte sie an und war vielmehr der Ansicht, dass man sich sowohl in historischen als auch in modernen Bauten gleichermaßen wohl oder unwohl fühlen kann.
Das ist ganz zweifellos richtig und Gernot Böhme gibt im Buch: „Atmosphäre; Frankfurt 1995“ auch eine fundierte Verdeutlichung hierzu. Der Professor für Philosophie denkt seinen Ansatz von „Aisthesis“ als sinnliche Wahrnehmung, wenn er den „umweltlichen Kontext“ verbindet mit dem menschlichen Normalzustand: „…Das primäre Thema von Sinnlichkeit, sind nicht die Dinge, die man wahrnimmt, sondern was man empfindet: die Atmosphären…“ (a.a.O. 15).
Das ist für jeden Menschen sofort verstehbar und auch die Gelehrten streiten sich nicht darüber, dass Bedeutungen verbunden werden mit Gegenständen oder Räumen. Die Frontlinien laufen jedoch zwischen den Konstruktivisten, die die Welt ausschließlich an die subjektive Perspektive binden und den Phänomenologen, die die gegebenen Erscheinungen der Dinge zur Erkenntnisgrundlage machen. Der Schreiber dieses Blogs gibt gerne zu, den letzteren zuzuneigen.
Menschen sind “Leibwesen” und an Atmosphären hat man auch mit dem ganzen Leib Teil. Man betrachtet sie nicht nur, sondern ist mitten drinnen. Unsere Spezies ist begabt dafür, sich ansprechen zu lassen von den Dingen und Konstellationen – denen nämlich wohnt selbst die Bedeutung inne. In welche Richtungen die Atmosphären wirken, lässt sich mit einer dialektischen Methode allerdings schwerlich ermitteln. G. Böhme hierzu: „…unbestimmt sind Atmosphären vor allem in bezug auf ihren ontologischen Status. Man weiß nicht recht, soll man sie den Objekten oder den Umgebungen von denen sie ausgehen zuordnen oder den Subjekten, denen sie wiederfahren…“ (a.a.O. 22).
Er-Kennen hat also etwas zu tun mit Er-Leben, mit Teil-haben, Teil-sein, Wiederfahren. Der Mensch wird mitbestimmt durch die Art und Weise, in der seine Umwelt gestaltet ist. Atmosphären werden natürlich auch (z.B. von Architekten oder Designern) geschaffen. „…Die Items, die er (Architekt, CJG) setzt, die Farben, die Oberflächengestalt, die Linienführung, die Arrangements und Konstellationen, die er schafft, sind zugleich eine Physiognomie, von der eine Atmosphäre ausgeht…“ (a.a.O. 97).
Mit diesem Schaffen und gelungenen oder misslungenen Atmosphären also hängt das Fühlen in den jeweiligen Konstellationen zusammen. „Alt = schön“ und „neu = hässlich“ lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten, sondern höchstens: „schlechter Gestalter = hässlich“ und „guter Gestalter = schön“ – aus welcher Epoche auch immer.
