Von der Illusion der Perspektive …

„Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“. So sprach er, während er unter freiem, wenngleich stark bewölken Himmel saß und das Gespräch mit mir fortsetzte. Was er wohl nicht merken wollte, war die größtmögliche Distanz zwischen dem Gesprochenen und unserem momentanen Sein. Es ist schon ein großes Kunst-Stück (im Sinne von künstlich), in welcher Weise dieser Mensch entfernt war von der Welt, die er (ohne davon Notiz zu nehmen) mit mir teilte.

So war nicht nur seine Lautstärke unangemessen, sondern auch das Drängen, das unter dem Sprechen lag. Eine Art Subtext des Selbstvertrauens, der aus dem Gegenteil von Selbstbewusstsein gespeist wurde, dröhnte in meinem Inneren und blieb dabei doch für die Ohren unhörbar.

Seine Sätze glichen eher Attacken. Sie bäumten sich dabei nicht nur gegen mich auf, sondern verbliebenen als Dissonanzen im Raum. Sie wirkten als aggressive Implantate in einer Sphäre, die uns schweigend, ruhend und mächtig umgab. So begann ich bald, nicht mehr ihm, sondern der Welt zuzuhören.

Dieser Tag war schon seit dem Morgen etwas Besonderes. Es war so, als wolle er nicht wach werden, einfach nicht aus dem Bett kommen, die Vorhänge nicht aufziehen. Eine gewisse Dichte war ihm zu eigen. Sie hatte es zuvor schon schwer gemacht, zum Treffen zu fahren - jeder tritt in die Pedale viel doppelt schwer. Man musste sich förmlich durch einen Widerstand hindurch bewegen.

Auch im Sitzen am Treffpunkt wurde es nicht anders. Die Trägheit des Tages wälzte sich durch den Stadtraum. Sie ergoss sich unaufhörlich in die Räume und füllte sie langsam auf. Nur die Feuchte in der Luft korrespondierte mit der unausweichlichen Dichte dieser Atmosphäre.

Manchmal ist das verbindende Zwischen körperlicher als alle Subjekte und Objekte selbst. Man kann es dann fast mit den Händen greifen. Es umschließt einen vollkommen, wird quasi zur Materie und verliert seine Flüchtigkeit.

Das Zwischen ist dann wie die Finsternis, deren Grenze direkt am eigenen Körper entlangläuft. So, wie die Finsternis den Körper umschließt, so umschließt an diesen ganz besonderen Tagen das Zwischen hauteng alles in und außerhalb von ihm selbst. Nur, dass die Helligkeit dem Irrtum Vorschub leistet, die Grenze des Umschließens in die Ferne verlegen zu können. An diesen Tagen kämpft die Perspektive um ihre Macht und wehrt sich mit aller Vehemenz gegen die Entlarvung als Illusion.

So ist die Welt an solchen Tagen nicht weit, sondern eng. Sie zeigt nicht nur die Umschlossenheit der Menschen, sondern markiert damit auch das Terrain der Lebendigkeit schlechthin. Sie dringt auch in den Körper ein. Man atmet sie und wird davon satt. Ja, man kann sich an Luft überfressen!

Die Atmosphäre raubt die Ferne - und mit ihr die Vereinzelung. Sie löst das Subjekt auf, nicht indem sie es mit dem Objekt verschmilzt, sondern, indem sie es an ihre atmende, sättigende, pulsierende Textur verweist. Eine Textur, der man sich gewöhnlich in der Isolation des Verstandes entzieht. Einer Isolation, die mein Gegenüber Sätze sprechen lässt wie: „Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“.

Eine kleine Frühstücksgeschichte ...

Irgendetwas war heute Morgen anders – wohl nicht das trübe Wetter mit dem mangelnden Licht. Es lag eher in ihr, in ihrer Weise, wahrzunehmen. Eine gewisse Kraft schien sie heute daran hindern zu wollen, über sich hinaus zu denken oder zu empfinden. Etwas forderte die ganze Aufmerksamkeit. Nicht etwa, dass es schwer gewesen wäre, den Arm zu heben oder zu sitzen. Auch zu blicken, aus dem Fenster zu schauen, den Baum im Hof zu beobachten, war nicht schwerer als sonst.

Nein, es zeigte sich anders. Zum Beispiel in der Weise, wie sie ihr Müsli aß. Sie schien sich zu keiner Zeit erinnern zu können, was unmittelbar zuvor geschehen war. In dem Moment, in dem sie den Löffel im Mund spürte, hatte sie z.B. schon vergessen, wie ihre Lippen ihn zuvor umschlossen hatten. Ja, sie wusste noch nicht einmal mit Sicherheit, was Mund oder Löffel bedeuten. Alles schien so, als sei es in jeder Sekunde neu. Vollkommen neu!

Auf dem Stuhl sitzend, dessen Beine den Boden heute nur zaghaft berührten, schien sie in einer totalen, wenn auch radikal fokussierten, Gegenwart zu leben. Ihre nackten Füße steckten in den Hausschuhen. Der Hosensaum umspielte ihre Knöchel und gab dem Textil den Abschluss nach unten. Ganz so, wie es seine Aufgabe war. Irgendwie fiel es ihr schwer, sich auch den Rest von sich vorzustellen. Eine gewisse Spannung auf der Haut ließ sich noch ausmachen um die Kniescheiben herum und auch ein Gefühl der Umschlossenheit war noch gegenwärtig, das der Hosenbund ihrer Taille signalisierte. Aber, so sehr sie sich auch mühte, mehr Wahrnehmung wollte von ihrem Körper nicht gelingen – sie schien im Moment nur aus ihren Beinen zu bestehen.

„Ich kann mich nicht mehr bewegen, bin ich nun ein Ding?“, dachte sie – „ nicht mehr als ein Apfel, ein Tisch, ein Stuhl?“

„Kann ein Ding Bezüge zum Raum herstellen ohne das Gefühl für die Zeit? Ist die Zeit denn überhaupt ein Gefühl?“

„Wieso aber kann ich mich erinnern an das, was es bedeuten könnte, ein Müsli zu essen? Wie kann meine Gegenwart erscheinen, ohne dass es diese Erinnerung gäbe?“

Die trübe Kraft, die sie gefangen hielt, nahm zu. Sie zog ihr immer wieder die Gedanken fort. Fort in sie, in etwas in ihr, das sie nicht näher fassen konnte, denn als Abgrund. Das Schauen in diesen Abgrund schien sie dazu zu zwingen, nicht zu denken, nicht zu tun, nicht zu handeln – und also einfach nur dort zu sitzen. Still und regungslos. Auch in ihrem Denken zu verharren. Quasi ohne Denken, nur dort zu sitzen. Es war eine unbändige Kraft, die sie auf diese Weise in sich zurückzog an diesem Morgen.

Immerhin dachte sie noch. Oder vielmehr dachte sie, dass sie noch dachte. Wie kann das Denken ohne die Zeit geschehen – im totalen Stillstand? Denn ihr Stillstand schien nicht die Abwesenheit vom Denken zu markieren. Er war eher ein anderer Zustand desselben. Vielleicht die andere Seite derselben Medaille?

„Wenn ich denke, bin ich noch lebendig“, das sagte sie sich. „Noch nicht hinein gesogen in das Nicht-tun, noch gezwungen, zu handeln“.

Als sie etwa 30 Minuten regungslos gesessen hatte, bekam sie langsam wieder Kontakt mit dem Außen. Ganz froh darüber tat sie nun alles, um sich wieder in die Zeitlichkeit zu katapultieren, aus der sie vorübergehend herausgefallen war.

Zuvor -in ihrem Denken- hatte sie sich in einen Zustand gebracht, der viel mehr war, als ihre körperliche Existenz. Aber eben auch nicht das Gegenteil, sondern eine aufgeweitete Form. Sie hatte sich in einen Zustand gebracht, in dem sie in gewisser Weise verlassen war. Nicht nur verlassen von anderen, sondern von den Dingen und der Welt selbst. Letztlich auch in einen Zustand, in dem sie sich selbst als Mensch verlassen konnte.

In was hatte sie sich da aber verloren? Oder aus was hatte sie es geschafft, sich zu lösen? Nun schien es ihr so, als habe sie sich auf Null zurückgestellt. Als habe sie den Anfang erreicht. Als würde der Anfang immerfort zu ihr gehören. Der reine Anfang ohne seine Falschheiten, seine blassen Abbilder Vergangenheit und Zukunft. In diesem Anfang war stets alles neu. Es gab in ihm gar keine andere Möglichkeit, als ständig neu bzw. anders zu sein. Es gab keinen Unterschied von Möglichkeit und Wirklichkeit. Die Möglichkeit war permanent präsent.

Die Gegenwart lässt sich nicht bemessen. Es fehlen hier notwendig die Maßstäbe. Das merkte sie deutlich, als sie versuchte, sich über das Erlebte klar werden, darüber zu sprechen. Es fehlen die erstarrten und geronnenen Wirklichkeiten, die gemeinhin aus Zukunft und Vergangenheit geformt werden. Das Sprechen markiert zwar auch eine Gegenwart, aber eine ängstliche, verhaltene, in gewisser Weise unangemessene. Das war vielleicht auch der Grund, weshalb sie nun begann, der sprachlosen, totalen Gegenwart nachzutrauern.

Sie merkte nun, wie sie vollends herausrutschte aus dem Anfang. Die Techniken der Erstarrung holten sie schnell ein. Nun konnte sie sich wieder bewusst werden, dass sie aß, spürte die mittlerweile warm gewordene Milch an ihren Daumen und den süßlichen Geschmack des Obstes, das sie zusammen mit den Haferflocken in ihren Mund zu einem Brei zermahlte. Nun fühlte sie auch wieder ihren Körper in Gänze, wie er auf dem Stuhl saß und war eingewoben in das äußere Geflecht aus Klang, Licht, Raum und Zeit.


B: „…Mir schien diese Selbsttäuschung, einen unerklärlichen Akt betreffend, aus mir selbst hinausgefahren zu sein. Ich hatte auf einmal zwei Gesichter, eines neben das andere geklebt. Unaufhörlich berührte ich zwei Ufer. Mit einer Hand zeigte ich, dass ich da war, mit der anderen, was sage ich!, ohne die andere, und mit diesem Körper, der über meinem wirklichen Körper lagerte und ausschließlich zu einer Negation des Körpers gehörte, übte ich denn unbedingtesten, grundsätzlichsten Zweifel an mir selbst…“

H: „…Das Jetzt, wie es uns gezeigt wird, ist ein gewesenes, und dies ist seine Wahrheit; es hat nicht die Wahrheit des Seins. Es ist also doch dies wahr, daß es gewesen ist. Aber was gewesen ist, ist in der Tat kein Wesen; es ist nicht, und um das Sein war es zu tun…“

B: Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle; Frankfurt am Main 1987; S. 92
H: G.W.F. Hegel: Phämomenologie des Geistes; Werke Band 3; Frankfurt am Main 1986; S. 88

Eine kleine Soggeschichte ...

Der Tag begann gut. Alles war entspannt. Gestern waren sie erst am späten Abend im Hotel angekommen. Über Internet gebucht mit ein bisschen Nervosität, weil sie gedacht hatten, die Katze im Sack zu kaufen. Aber nun war alles gut. Sogar das Frühstück – und er hatte schon genügend schlechte Frühstücke gegessen auf seinen Geschäftsreisen. Dieses Mal war er mit seiner Familie unterwegs! Endlich mal in Berlin, in die Stadt, von der alle so viel reden.

Sie hatte richtig gezählt. Bei der dritten Station mussten sie raus. Die S-Bahn war ganz schön voll, aber das hielten sie für normal. Schließlich waren sie in einer Großstadt. Hier müssen viele Menschen in viele Richtungen – und das schnell! Der Bahnsteig war nicht eben einladend. Grau, kalt und nass. Der Boden leicht glitschig vom vielen zertretenden Schnee.

Der Kleine sollte in den Wagen, darauf bestand sie mit dem Hinweis, dass das sicherer sei bei den vielen Menschen. Von einigen gereizten Bemerkungen der sich staunenden Passanten begleitet gelang es schließlich, den Plan umzusetzen. Unmittelbar vor ihnen tat sich bald ein rechteckiges Loch auf, in dem die anderen Fahrgäste nach unten verschwanden. Es rahmte eine Treppe, deren Stufen wie die glatt geschliffenen Zähne einer Säge wirkten. Ein wenig erinnerte das auch an einen Abfluss. Sogar ein gewisser Sog war zu spüren.

Es würde das Beste sein, sich an die Geschwindigkeit anzupassen, dachte er. Etwa einen Meter vor der ersten Stufe nahm er wie immer die linke Hand an den Griff und die rechte an den Frontbügel des Kinderwagens. Mit einem Ruck, der nicht etwa sonderlich stark gewesen war, hob er den Wagen etwa 30 cm an. Schon fast elegant wirkte es, wie der Kleine drei Stufen später in der Laufrichtung aus dem Wagen katapultiert wurde.

Offensichtlich hatte der Frontbügel den Geist aufgegeben. Jedenfalls dachte er das, als er ihn zunächst durch die Luft fliegen und dann die Treppe herunterkullern sah. Nur das beginnende Kreischen des Kleinen unterbrach die Ästhetik dieses rhythmischen Stürzens. Eine solche jedenfalls musste der Situation innegewohnt haben. Wie sonst wären die faszinierten Blicke der Passanten und Fahrgäste zu erklären?

Eine Asiatin lies ihren Instinkten freien Lauf und stoppte den weiteren Fall mit dem rechten Schienbein, um das schreiende Bündel am linken Fußgelenk anzuheben und ihm zuzureichen. In Windeseile übergab er ihn an sie. Sie hatte die ganze Zeit am oberen Treppenabsatz gestanden. Der Un-Fall war nun wieder Fall – so hoffe er.

Das Schreien des Kleinen immer lauter wurde. Auch veränderte sich sein Gesicht. Es schien anzuschwellen und auch, rot zu werden. Eigentlich war es eher ein Rotbraun, das teilweise in ein sattes Schwarz abglitt. Auch verzerrte sich sein ganzer Kopf. Er begann, Blasen zu bilden, die in Sekundenschnelle von der Größe einer Walnuss in die Dimension einer Melone aufwuchsen, nur um danach wieder gänzlich zu verschwinden.

Es musste ein erstaunliches Bild gewesen sein, als der Mund immer größer wurde, bis das ganze Gesicht nur noch aus einem aufgerissenen Schlund zu bestehen schien, aus dessen Richtung infernalischer Lärm drang.

Nur der entweichende Atem sorgte dafür, dass der mittlerweile literweise fließende Speichel ihn nicht zum Ersticken brachte. Vielmehr spie er denselben hoch in die Luft. Dieser übelriechenden Fontäne konnte sich keiner entziehen. Die Fahrgäste krümmten sich mittlerweile vor Schmerz. Der Lärm war ohrenbetäubend geworden und nun rutschten sie auch noch beim Fluchtversuch auf dem Speichel aus, der in Rinnsalen über den Bahnsteig floss.

Der ehemalige Kleine schien zum Luftholen anzusetzen, jedenfalls war es für einige Sekunden, die wie eine Ewigkeit wirkten, ruhig. Der Sog war zunächst mäßig, er ließ den Leuten nur ein wenig die Hosenbeine flattern. Er wusste später nicht mehr genau, wann die ersten Gegenstände wie Hüte, Mützen oder Umhängetasche begonnen hatten, sich zu verselbstständigen. Das erste lebendige Opfer war ein Hund, der samt Leine in den Schlund gezogen wurde. Bald begannen sich auch die Bodenbeläge, das Wärterhäuschen und ein Treppengeländer zu lösen. An ihm hatten sich einige Fahrgäste verzweifelt festgehalten. Auch für sie gab es keine Rettung.

Wenig später waren 85 Menschen, Teile des Bahnsteiges und etwa ein Drittel des S-Bahn-Zuges eingesaugt. Ihm selbst allerdings passierte nichts. Auch ihr nicht. Sie hielt den ehemaligen Kleinen immer noch fest. Zwischendurch hatte er sich gefragt, wie sie es schaffte, ihn zu bändigen. Woher nahm sie nur die Kraft? Sie stand einfach nur da und über ihr steckte der halbe Bahnhof in einem Nurkopf von der Größe eines Kleintransporters. Sie erschien ihm wie eine ägyptische Priesterin, die eine Sonnenscheibe hält. Das hatte ihm besonders gut gefallen neulich im Museum. Er war stolz auf sie und ein bisschen machte es ihn auch an, wie sie so dastand.

Offenbar hatte er Probleme mit dem S-Bahn-Zug. Der jedenfalls verschwand nicht tiefer in ihm. Auch vehementes Schlucken führte zu keinem Erfolg. Der Schlund zog sich immer enger um den Waggon herum, bevor er endgültig erschlaffte. Sein Ende war gekommen. In großen Mengen rann nun der Speichel und bedecke sie vollkommen.

Beide sprachen während des Rückwegs zum Hotel nicht. Ab und an ernteten sie wegen ihres Äußeren verwunderte Blicke. Im Aufzug beschlossen sie, dass sie sich nicht beirren lassen würden und das Beste aus der Situation machen wollten – schließlich hatte man Urlaub und sowieso zu wenig Zeit für sich.

Dies ist eine wahre Geschichte. Ein enger Freud von ihm hat sie dem Autoren zu Protokoll gegeben. Der Vorfall ereignete sich im Jahre 2008. Die Zerstörungen am Berliner Bahnhof Zoo wurden binnen kürzester Zeit behoben. Die Medien bewahrten auf Wunsch der örtlichen Autoritäten Stillschweigen. Der ehemalige Kleine wurde dem Bundesnachrichtendienst übergeben. Er und sie leben heute in Rheinland-Pfalz. Sie haben keine weiteren Kinder.

Die Dimension der Asynchronität ...

Weit über seine Tasche gebeugt, stand er an der Theke und schien sich einige Verschlüsse oder Riemen an ihr genau zu betrachten. Normal hätte man seine Kleidung genannt, nicht außergewöhnlich oder ungepflegt. Doch irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Das Gespür war hier gründlicher als der Blick. Wahrscheinlich im Bruchteil einer Sekunde empfing man einen Eindruck, den die Augen und der Verstand nur mühsam in Worte fassen konnten.

Auffällig war zunächst, dass er von Zeit zu Zeit ein wenig schwankte. Auch trank oder aß er nichts. Nun, vielleicht war er im Aufbruch begriffen oder wartete auf jemanden? Er schien sich irgendwie nicht an die Gepflogenheiten zu halten. Nicht, dass er sich etwa unflätig benahm, sondern eher irgendwie asynchron. Er schien in einer anderen Zeit, jedoch am gleichen Ort zu sein.

Gefährlich war er nicht, jedenfalls nicht augenscheinlich. Er tat niemanden etwas zu Leide, stand ganz ruhig da – vielleicht bis auf das schon erwähnte, leichte Schwanken ab und zu. Dennoch verbreitete er eine Art Unruhe. Die Menschen mieden seine Nähe und setzten sich woanders hin. Ganz instinktiv, denn sie hatten sich dazu entschieden in nicht mehr als Sekunden, die ihnen zuvor zur Platzwahl geblieben waren.

Er schien eine Art Aura um sich zu haben, einen unsichtbaren Bannkreis. Wer sich in seine Nähe wagte konnte nicht umhin, ab und an verstohlen in seine Richtung zu sehen. Die Augen und der Verstand wollten die Abweichungen registrieren und einordnen. Diese Prozeduren der Absicherung liefen quasi automatisch.

Er schwankte bald dermaßen, dass sein Kopf nicht nur die Tasche vor ihm berührte, sondern sogar leicht an die Thekenplatte schlug. Dennoch setzte er sich nicht, sondern stand nach wie vor leicht nach vorn gebeugt. Nach einem erneuten Zusammenstoß mit der Thekenplatte schreckte er hoch, um kurz danach den Kopf wieder in Richtung Tasche zu senken, an der er nach wie vor eifrig hantierte.

Ein Blick in sein Gesicht verriet, dass er unendlich müde sein musste. Er konnte die Augen tatsächlich kaum noch aufhalten und gab ein Bild, das ansonsten nur von kleinen Kindern bekannt ist, die von einer Sekunde auf die andere einschlafen. Die Qual, sich der Müdigkeit mit aller Gewalt zu entreißen, war überdeutlich spürbar und kroch beklemmend in die Beobachter hinein.

War es sein Geist, der ihn wach hielt und den Körper am Fall hinderte oder war es der Körper, der sich gegen die Sehnsucht des Bewusstseins stemmte, in den Traum abzugleiten? Möglicherweise war es weder das eine noch das andere, sondern ihr Zusammenspiel. Sein Oszillieren zwischen Gegenwart und Traumwelt strahlte förmlich in den Raum und seine Asynchronität mit der Situation gewann eine Art Dimensionalität, der man sich nicht entziehen konnte.

Irgendwann, ohne konkreten, äußeren Anlass streckte er sich, rieb mit einer Geste der äußersten Anstrengung die Augen, nahm seine Tasche auf die Schulter und – ging.

Er hatte die Gäste irgendwie berührt, sich verletzlich gezeigt, indem er im öffentlichen Raum die Selbstkontrolle aufgegeben hatte – nein, nicht einfach aufgegeben, sondern vielmehr den Kampf darum spürbar ausgetragen. Vielleicht war es auch dieses zur Dimension gewordene, erzwungene Vertrauen gegenüber seinen Mitmenschen, das alle zuvor gespürt hatten?

Langsam wurde seine Silhouette kleiner, bis er irgendwann im Nirgendwo verschwand. Er nahm dabei ein Stück von allen Anwesenden mit…

„…Es könnte nichts merkwürdiger sein, als einen Menschen bei irgend einer ganz einfachen alltäglichen Tätigkeit, wenn er sich unbeobachtet glaubt, zu sehen (…) wenn wir quasi ein Kapitel einer Biographie mit eigenen Augen sehen, – das müsste unheimlich und wunderbar zugleich sein. Wunderbarer als irgendetwas, was ein Dichter auf der Bühne spielen oder sprechen lassen könnte. Wir würden das Leben selbst sehen…”
(Wittgenstein, Ludwig: Werkausgabe; Frankfurt am Main 1984-1989; Band 8; S. 455)

Die Zeit, das Kind und die Frau ...

Da saß sie nun! Die Falten im Gesicht wirkten wie tiefe Gräben. Das Haar war lang, aber es glänzte nicht. Die grauen Strähnen ließen sich nur noch schwer verbergen. Wo waren ihre funkelnden Augen geblieben? Die Augen, die alle so bezaubern konnten?

Sie registrierte noch die Blicke der Männer, aber das berührte sie nicht mehr. Ja, sie war es sogar leid, ihre Überlegenheit zu zeigen. Sie hatte keinen Spaß mehr daran, mit ihnen zu spielen, ihre Eitelkeiten zu benutzen, um sie nach Herzenslust zu manipulieren.

*

Sie sorgte sich um ihr Kind. Das würde niemand bestreiten. Aber die Art ihrer Sorge war auffällig. Es schwang keine Zuneigung und Liebe, keine Weichheit und Freude, keine Leichtigkeit und Unbeschwertheit mit. Vielmehr erinnerte ihre Sorge nur an Routine und wirkte stets eine Spur distanziert. So fehlte es dem Mädchen augenscheinlich an nichts – und doch an allem.

Heute schnitt ihr jedes Lachen der Kleinen tief in die Seele. Mit jedem Laut wurde Sie sich des eigenen Verfalls klarer. Die spitzen Schreie kamen ihr vor wie Triumphgeheul einer Zukunft, die sie schon verloren gab.

Das Fortlaufen der Zeit war zu deutlich im Wachsen und Gedeihen ihrer Tochter. Seit einiger Zeit schon reichte das Band der Liebe nicht mehr, um sich darüber hinweg zu täuschen. Was stattdessen blieb, war ein kalter Blick auf das Unausweichliche.

Nein, sie hasste ihre Tochter nicht, aber sie hasste das, was sie an ihrer Tochter sah. Es kostete sie immer mehr Mühe, diesen Hass im Zaum zu halten. Sie glaubte mittlerweile, dass sie den Hass bräuchte, um überhaupt weitermachen zu können. Er ersetzte nach und nach ihren früher so unbändigen Lebenswillen.

*

Das Lebendigsein gehört der Zeit, es ist untrennbar verbunden mit ihr. Das war deutlich zu hören am fröhlichen und unbeschwerten Lachen ihrer Tochter. Doch was war mit ihr? Ihre Zeit verrann unaufhörlich, während die der Kleinen zu wachsen schien.

Sie fand keinen Trost. Sie war darüber hinaus. Die Frage, worüber sie hinaus war, marterte sie unaufhörlich – und auch die nach dem Ausweg. Sich töten? Dann wäre es nur noch schneller vorbei. Ihre Tochter töten? Was wäre damit erreicht? Vielleicht nur, dass sie ihren eigenen Verfall nicht ständig vor Augen haben müsste – aber, der Zweifel würde trotzdem bleiben.

Wo waren die Zeiten geblieben, in denen sie der Herrschaft der Zeit gelassen gegenüber getreten war? Die Zeiten, in denen diese Herrschaft sogar Ansporn bedeutete und sich das Lebendigsein darin steigerte? Wann war es passiert, dass sie abrutschte und der Zeit trostlos verfiel? Wann hatte sie sich ergeben, wann den Blick nach vorn vertauscht mit dem Blick nach unten?

**

Auf den Spuren eines Städters ...

Neulich gab es bei „spiegel.de“ einen Artikel zu lesen über Städter und ihre Psychosen. Interessant und anregend genug für sieben kleine Geschichten aus dem Alltag eines Großstadtbewohners.

1.
Gleich is es soweit. Computer runterfahren. Schnell in die andere Hose schlüpfen, noch einen Blick in den Spiegel, Portemonnaie einstecken nicht vergessen. Noch aufs Klo? Schlüsselbund in die Hosentasche und ein letzter Blick in den Rucksack. Alles dabei? Wo ist der Notizblock? Nochmal zurück . Ah, da liegt er ja. Jacke an, Rucksack auf den Rücken. Die Wohnungstür noch 1 m entfernt. Los jetzt. Ach – shit. Geräusche, Schritte. Da kommt jemand die Treppe runter. Abwarten. Endlose Sekunden verstreichen. Mann, beeile dich mal! Endlich, die Schritte werden leiser und die Hauseingangstür fällt ins Schloss.

2.
Auf dem Weg zur U-Bahn. Unterwegs mit schnellem Schritt. Einem Geschoss gleich, keinem Flaneur. Hastige Blicke auf Straße, Fassaden, Hunde und Menschen. Augenkontakt? Bloß nicht, sonst kommt noch jemand auf die Idee, einen anzusprechen.

3.
Schon wieder diese Zeitungsverkäufer. Man kann das Gelaber nicht mehr hören: „Ich bin 24 Jahre alt, lebe auf der Straße und habe hunger. Darf ich Sie um eine kleine Spende bitten?“ Mann, halt bloß die Klappe und geh in den nächsten Waggon! Endlich, die Zielstation.

4.
Wow, sieht die gut aus. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Ja nicht zu deutlich hinsehen. Noch 30 m. Wer gewinnt den Coolheitswettbewerb? Wer signalisiert die größere Unabhängigkeit? Von wegen Sklave der Hormone und so. Noch zehn Meter. Ha, erwischt, einmal zu viel geblickt. Triumph breitet sich aus. Noch 2 m. Jetzt die Augen unbewegt geradeaus und versteinerte Miene. Schade, sah doch irgendwie gut aus.

5.
Was is das denn für n Spinner? Völlig verfettete Haare und kommt geradewegs auf einen zu. Stinken tut der wie die Pest. Der Penner will Streit. Beinchen stellen, rempeln und so. Verbale Nettigkeiten wechseln die Häupter. Der Typ streckt einem den Zeigefinger entgegen und ruft „Peng, Peng“, während der verdreckte Daumen sich zweimal senkt. „Verpiss dich bloß, Du Missgeburt“. Nette Einstimmung auf den Supermarkt.

6.
Diese verdammten Autos und erst die Lkw. Schweinelaut. Als wenn dir jemand in die Fresse schlägt. Das Trommelfell zieht sich richtig zusammen. Krass, dass da auch Muskeln sind.

7.
Endlich zuhause! Von unten, von oben, von rechts, von links, quer durch den Innenhof. Von überall Sound der Mitbewohner. Super. Schopenhauer soll gesagt haben, dass Lärm die Pest des 20. Jahrhunderts wird. Recht hatte der Kerl.

Kleine Adventgeschichte ...

“…Es könnte nichts merkwürdiger sein, als einen Menschen bei irgend einer ganz einfachen alltäglichen Tätigkeit, wenn er sich unbeobachtet glaubt, zu sehen (…) wenn wir quasi ein Kapitel einer Biographie mit eigenen Augen sehen, – das müsste unheimlich und wunderbar zugleich sein. Wunderbarer als irgendetwas, was ein Dichter auf der Bühne spielen oder sprechen lassen könnte. Wir würden das Leben selbst sehen…” (Wittgenstein, Ludwig: Werkausgabe; Frankfurt am Main 1984-1989; Band 8; S. 455)

Gut! Der Bahnsteig ist wenigstens warm – einigermaßen jedenfalls. Genügend allemal, um den blutleeren, weißen Finger langsam wieder zur Hautfarbe zu verhelfen. Die üblichen, um Distanz bemühten Gesichter. Die üblichen Gerüche aus kalt gewordenem Zigaretten-Atem, Maschinendunst und muffigen Winterklamotten. Ab und zu ein Hauch von Aftershave oder Parfüm. Auch die übliche Soundmischung erzeugt von MP3-Player-Träger, die sich gerade ihr Gehör ruinieren, sonorem Stimmengewirr, Wortfetzen und kreischendem Teenagerkichern.

Kreuzberg ist ‚In‘ und weil alles so ‚In‘ ist, sind es auch dessen Bewohner und ist es auch deren Streetwear. Wenn man alle Farben und Style mischt, kommt Kackbraun dabei heraus, scheint es. Mag sein, dass der Eindruck noch verstärkt wird an diesem dunklen, nassen, grauen und kalten Tag. Einige Touries sind zu sehen. Unterscheiden sich, sind wie Farbtupfer mit dem Duft ihrer frisch gewaschenen Kleidung, den neugierigen und weit geöffneten Augen, den leicht geröteten und meist breiten Gesichtern, die von Wohlstand und geordneten Verhältnissen zeugen. Sie verbreiten auch andere Sounds mit ihren Sprachen, heute mal niederländisch und spanisch.

Ein Alkoholisierter im Wagon. Noch ist nur wirres Gefasel zu vernehmen. Fleckentarnstyle vom Scheitel bis zur Sohle. Gutmütiges, rundes Gesicht. Stoppelhaarschnitt und große braune Augen. Leicht untersetzt. Auf den Schienbeinen, die sich zwischen dem hochgerutschten Hosensaum und den Springerstiefeln zeigen, kleine konzentrische Wunden, mindestens fünf von verschiedener Größe und unterschiedlich rot.

Im lallenden Gespräch mit einem jungen Mann, schräg gegenüber von ihm. Zwischen den beiden der Gang und ein anderer junger Mann, der krampfhaft versucht, den Blick in sein Buch gerichtet zu halten. Leicht roter Kopf dabei und scheinbar nur ein Gedanke: „sprich mich bloß nicht an“. Seltsam, dieser um sein Verschwinden bemühte Lesende fällt durch eine Geste, die sonst der Abschottungsgarant Nummer Eins ist, umso deutlicher auf. Soziale Intelligenz würde man es wohl nennen, das Buch jetzt herunterzunehmen.

Auf gewisse Art und Weise wirkt der Besoffene harmlos. Nicht so aggressiv und aufdringlich wie andere. Beschäftigt zwar mit Schwadronieren, aber wenigstens in einer enormen thematischen Bandbreite. Interessant, wie problemlos er seine Meinungsfetzen aneinanderreiht. Ein außerordentliches Beispiel dafür, wie wir Westeuropäer durchs Leben gehen. Der Meinungshaber unterscheidet sich ganz offensichtlich nur durch sein Besoffensein von den meisten anderen im Wagon. Naiv und angstfrei breitet er den ganz normalen ‚Welt im Kopf-Wahnsinn‘ aus und gibt permanent der Hegelschen Theorie einer ‚geistlosen Freiheit des Meinens‘ Bestätigung.

Plötzlich, bei den Ausführungen über einen Discounter, der den günstigsten Wodka anbietet, der Griff in die Jackentasche. Irgendetwas wird zum Mund geführt. Dann ein Geräusch, das entsteht, wenn man Spray benutzt.

Eine Frau fragt in Richtung ihrer Begleiter:

„Was war das denn?“
„Der hat sich Gas reingezogen.“
„Gas? Das gibt’s doch gar nich?“
„Wenn ich´s doch sage, wie beim Feuerzeug!“

Ungläubiges Staunen und zumeist Grinsen auf den Gesichtern der anderen Fahrgäste. Etwas völlig Unerwartetes war passiert. Ein Mann hält sich für ein Feuerzeug! Durch die bloße Neukombination von Gegebenem wird die Unmöglichkeit zur Möglichkeit und wiederum zur Wirklichkeit. Das Ganze passiert verzugslos in Echtzeit. Erklärungen sind überflüssig. Sie geschehen nur retrospektiv, quasi als Art Vergangenheitsbewältigung. Das Lachen ist dabei allem voraus. Es ist vor der Sprache da. Es ist die klangliche Wegweisung ins Neue. Es ist der Sound, der beim Beschreiben der humanoiden Reflexionsmatrix entsteht.

Der Besoffene hat nun viel Platz. Er sitzt allein in einer Vierer-Nische und redet weiter. Es geht um die Vorzüge des Gaskonsums. Er mischt sich eine Erfrischung. Der anfangs erwähnte, unfreiwillige Gesprächspartner hilft dabei. Er hält ein glattgeschliffenes, tulpenkopfförmiges Trinkglas. Es fasst ca. 0,3 Liter. Einen Daumen breit unter der Hälfte hört der Schapsguss auf. Der Rest des Glases wird mit Orangensaft gefüllt. Danach kommen alle Flaschen zurück in den fleckengetarnten Rucksack.

Das Grinsen will nun nicht mehr weichen aus den Gesichtern der anderen Fahrgäste. Es geht immer öfter über in ein stilles Lachen. Der Besoffene macht den U Bahn Wagon zu seinem Wohnzimmer. Er sitzt entspannt mit überschlagenen Beinen, trinkt seine Erfrischung und ist damit beschäftigt, zu meinen. Eine Szene, die millionen Mal passiert. Nur nicht in der U-Bahn. Irgendwann beginnt er zu singen: „Wenn ich einmal traurig bin, dann trink ich einen Korn“. Er wiederholt das permanent. Jemand fragt, was er trinkt, wenn er fröhlich ist. „Einen Apfelkorn“. Dann singt er weiter.

Was zeigt uns dieser Besoffene? Er redet an Orten, an denen andere schweigen. Er säuft öffentlich und nicht heimlich; er verwendet ein vornehmes Glas dabei. Er hält sich für ein Feuerzeug. Er füllt sich mit Gas ab. Er schwadroniert und braucht dazu keinen Gesprächskreis oder Stammtisch. Vielleicht hält ein solcher Mensch einem selbst den Spiegel vor, lässt die allgegenwärtigen ‚Mans‘ deutlich werden. ‚Man‘ macht Dieses oder Jenes doch einfach nicht, oder?

Er bringt die Menschen offensichtlich zum Lachen. Ein Lachen, das aber nicht nur mit Überhebung zu tun hat, scheint es. Ein Lachen eher, das milde gestimmt ist. Irgendwie sogar eine Spur verständnisvoll, auf jeden Falls nicht ängstlich oder aggressiv. Vielleicht haben die Leute ein Stück ihrer selbst gesehen in diesem U Bahn Wagon. Die Distanz untereinander haben sie in jedem Fall verloren. Sie blickten sich an und lächelten. Ganz anders, als noch am Mehringdamm auf dem Bahnsteig. Dostojewski kommt mir in den Sinn. Die Idioten, Gefangenen, Mörder, Strauchelnden und Geächteten sind die Symbole des Guten bei ihm…

Drei Soldaten ...

G: Ein unglaublich inspirierendes Buch hatte ich gerade am Wickel.

D: Welches denn?

G: Der „Tractatus“ von Wittgenstein. Völlig größenwahnsinnig der Typ, aber erfrischend. Die Welt von Punkt eins bis Punkt sieben und auf rund 80 Seiten. Wie ein Paukenschlag nach dem anderen. Er habe es nicht nötig, die Quellen zu zitieren und es interessiere ihn nicht, wer, was, wann schon vor ihm gedacht habe. Auch sei er sich sicher, dass er alles erschöpfend behandelt habe…

D: Erster Satz: Die Welt ist das, was der Fall ist.

G: Ja genau, aber der zweite Punkt ist noch interessanter. Etwa so: Die Welt besteht nicht aus Dingen, sondern Tatsachen. Eine reine Einbildung also. Offenbar das Gegenprogramm zu ‚Zurück zu den Dingen‘.

D: Manche halten Wittgenstein ja auch für den letzten großen Transzendentalphilosophen.

G: Von Kant zu Wittgenstein, meinen Sie?

D: Ja.

G: Bei Kant schlafe ich immer ein. Zwei Seiten und ich verstehe nur noch Bahnhof.

D: Das ist schlecht, junger Mann.

G: Was soll ich machen. Schelling zu lesen, ist eine wahre Freude. Das ist doch gar nicht so weit weg – um 1800.

D: Kant war Logiker und Mathematiker. Das macht sein Denken spröder. Da haben Sie sicher recht. Schelling hatte ein Gefühl für die Poesie, für das Lyrische.

G: Genau, er dichtet eigentlich mehr, als das er schreibt. Das ist doch so wohltuend, wenn Philosophen eher Dichter sind als Konstrukteure.

D: Mache sind Poeten und manche Epiker.

G: Ich fühle mich bei den Poeten wohler. Schelling, Nietzsche und Heidegger.

D: Hegel hat auch diese Qualität.

G: An den habe ich mich noch nicht herangewagt. Wissen Sie, was auch so spannend ist an Wittgenstein?

D: Was denn?

G: Er lässt bei allem Drang zur Konstruktion und Logik den Raum offen für das Andere.

D: Das Andere?

G: Die Möglichkeit, dass auch seine Welt in sieben Punkten nur reine Einbildung ist.

D: Ich glaube, da verstehen Sie ihn falsch. Ein weiterer und wichtiger Punkt lautet sinngemäß: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

G: Ja, das ist der letzte Punkt. Aber einige Punkte davor schreibt er: Es gibt das Mythische und das Mythische zeigt sich durch seine Unaussprechlichkeit.

D: Ok, man könnte sagen, dass dort, wo das Sprechen aufhört, das Dichten anfängt.

G: Seine Logik ist also kein Gefängnis, kein totalitäres System. Mir kommt es so vor, dass diese Art von Logik sich nicht selbst im Wege steht.

D: Also ich halte mich lieber beim Sagbaren auf. Das ist auch die Aufgabe der Philosophie.

G: Ja, das schreibt Wittgenstein auch. Die Philosophie grenzt das Unsagbare ein mit Hilfe des Sagbaren. Aber -und das ist für mich das Wichtigste- er bestreitet nicht, dass es das Unsagbare, Mythische gibt. Das findet man doch auch bei Kant. Gott lässt sich nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen.

D: Ja, der Satz stammt von Kant. Aber, geht es bei Wittgenstein um Gott?

G: Ich weiß nicht. Sie waren doch auch Soldat, oder?

D: Allerdings. Hat das etwas damit zu tun?

G: Der „Tractatus“ ist im Schützengraben 1918 beendet worden. Krass, oder? Sie hatten doch mal erwähnt, dass für Hegel Krieg als Arbeit gilt. Dieses größenwahnsinnige Buch mit seiner Welt aus sieben Punkten könnte doch ein Aufschrei sein gegen das Chaos des Gefechts, in dem alle Ordnung zusammenbricht.

D: Interessant, der Soldat schlägt sich in das Chaos eine Schneise, die er kontrollieren kann. Die Logik wäre dann der klare Befehl des Soldaten.

G: Ja, es wäre ein Raum, in dem er für kurze Zeit Ruhe findet, um überhaupt noch Handeln zu können. Ich kann mich an meine Manöver noch genau erinnern. Den eigenen Panzer und dazu die beiden Panzer des Zuges dirigieren. Im Sprechsatz auf den Ohren den eigenen Bordfunk, den Kompaniekreis und den Zugkreis. Dazu kommt, dass man das Gelände beobachten muss, um seine ‘Fahren, wie das Wasser fließt Choreographie‘ hinzubekommen. Und natürlich hat man einen Auftrag zu erfüllen. Wenn dann Beschuss dazukommt und man den Feuerkampf führen muss, stürmen so viele Dinge auf einen ein, dass die radikale Ausblendung der Komplexität die einzige Möglichkeit ist, der Erstarrung vorzubeugen.

D: (lacht) Junger Mann, Wittgensteins „Tractatus“ als Anleitung zum Kampf des Subjekts gegen das Chaos des Daseins. Na dann mal los, auf diesen Text freue ich mich schon.

D: Prof. Steffen Dietzsch