Grenzgänge ...

Dunkles Locken steckt im gewalttätigen, stets wiederkehrenden Ruf…

Lethargisches Regen zeigt sich vor leichter Erhellung…

Das Band der Zeit scheint zu fehlen…

Klänge als Destruktionen – allem entgegen und manchmal als Rhythmus…

Stimmung und Stimme sind in Faltungen durchzogen – sie gleiten…

Die Regung bleibt dominant vor dem erfolglosen Aufschwingen des Klangs…

Pausen zerreißen das Gewebe – es war unendlich weitmaschig da…

Folgende, rhythmische Faltungen sind wie beängstigende Stimmen aus dem Dunkel…

Die Stimme will in das Begegnende einsetzten…

Ein Entzug bleibt hörbar – nur dieses Mal…

Nie war die Regung so nah – in einem ergebenden Entlanggleiten am Abgrund…

Stimmen umspannen die Schläge wie unpassende Kleider…

Worte gleichen eher Lauten – sie sind ohne Sinn…

Für diese Sprache gibt es nur die Grammatik…

(Iannis Xenakis: Medea)

Ortungen ...

Die dunklen Rufe der Holzbläser verweben die spitzen Streicher und das vorwurfsvolle Blech.

Selten war ein Dialog so direkt.

Die Erwartung kühlt sich ab und macht der Ent-deckung Platz.

Dynamik entsteht nicht aus Tempo, sondern wächst aus Pause.

Dieses Geheimnis lebt von der Plötzlichkeit.

Die Glissandi wirken als Startbahn, als Rampe.

Ein Werden geschieht nicht gradlinig.

Ein universaler Prozess bleibt stets umfassend.

Chaos ist nur eine kapitulierende Bezeichnung.

Harmonie steht für den Rest, das Kapitulationsgut.

Sie funktioniert nur über die Fokussierung, die Ausblendung der Fülle – anders nicht.

Das Konfrontierte entzieht sich der Ordnung.

Übrig bleibt die Ortung, die Matrix der Präsenz.

Ein Sinn ist viel umfassender zu denken.

Das Muster kollabiert. Das Grundgewebe trägt dennoch.

Die Ahnung ist der Baustoff, der die Auftürmungen (er)hält.

Der Wert der Differenz erscheint überdeutlich.

(Iannis Xenakis; Antikhthon)

Irritationen in c-Moll ...

Allegro con brio
Aus fröhlichem Anfang erwächst schnell Ernsthaftigkeit.
Die Leichtigkeit wird abrupt hineingezogen in die Schwere.
Das Thema wird im harter Anschlag aufgeladen, geradezu gestählt.
Der Tastendruck hält den zu dünnen Instrumentengruppen die Moll-Idee entgegen.
Die Rollen kehren sich plötzlich um. Der Klangkörper steigt als große Welle an.
Zu zögerlich antwortet das Klavier der Offenheit.
Beschwörend entsteht der letzte Versuch der Einigung.
Die Anschläge werden leicht drängender.
Sie sind dennoch kein probates Mittel, sie bleiben konturenlos.

Largo
Der Ton ist eine Spur zu klar, zu langsam und zu dünn.
Nur die Kontrabässe loten ihre Möglichkeiten aus.
Das Klavier setzt tapfer die Impulse. Sie verrinnen jedoch ohne Wirkung.

Rondo: Allegro
Die Streicher sind zu hell
Das Klavier hält auch hier nicht Stand, es ergibt sich.
Die Helligkeit destruiert den Klang vollends.
Nur für kurze Zeit keimt die Erinnerung an den ernsthaften Anfang.
Zurück bleibt Ratlosigkeit.
Warum lebt die Er-wartung so wenig vom Warten?

(Beethoven; Klavierkonzert 3; Einspielung Gould, Bernstein; 1960)

Beethoven-Klavierstunde ...

Sie war wieder da, diese erhebende Schwere…

Selbst Atlas könnte nun die Kraft bekommen, die Welt mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen zu tragen…

Es war, als richteten sich die Augen in den Himmel. Das Licht ließ für kurze Zeit etwas anderes zu…

Endlich konnte man sich verbeugen. Dabei nur scheinbar vor einem Menschen. Viel eher vor Gott selbst…

Es war wie das Ende eines Sommergewitters, in dem das Blau des Himmels vom satten Duft der nassen Erde und den abziehenden Regenwolken lebt…

Stets ansteigend trieb der Aufbruch die vorangegangene Lethargie vor sich her…

Die Sammlung war voller Lebendigkeit. Alles schien möglich zu sein…

Die Verwundbarkeit überschritt manches Mal die Grenze zur Verzweiflung…

Die Kehre gelang stets und auch das Aufrichten…

Der heroische Blick fokussierte die Unendlichkeit. Es war die Leere im Angesicht…

Die Geister des Zweifels blieben dennoch. Es würde auch weiter ein Auf und Ab sein…

Der Mut gab den Takt. Seine Intervalle erzeugten jedoch noch kein dauerndes Vertrauen…

Der Mut leitete nicht heraus aus der Ausweglosigkeit. Er hielt sie nur in Bewegung…

Ein Anritt konnte nur überstürzend gelingen…

Das Tempo steigerte sich teilweise bis zur Überforderung…

Selbst die Rückschau auf das Gelungene behielt die etwas zögerliche Nachdenklichkeit…

Die Freude blieb verspannt in einer promethischen Tragik…

Die Leichtigkeit überstieg sich nie. Sie hielt stets ihre Grenze ein. Das hohe Tempo konnte nicht darüber hinwegtäuschen…

Der Abschied war so schwer wie der Beginn. Ein Kreis hatte sich geschlossen…

(Beethoven, Klaviersonaten Op. 109-111)

Finnische Lektionen ...

Die Ahnung trieb auf die nächste Ernüchterung zu, denn der vermeitliche Gipfel war wieder nur ein Grat und ihm folgte die nächste Senke…

Es war wie der Versuch, die wilde See glattzustreichen. Der Hand folgte augenblicklich der nächste Strudel…

Die Hölzbläser schafften es immer wieder, den Andrang der Streicher zu bändigen. Sie hielten die klare Kontur – wie der Rahmen das Bild…

Blechbläser und Steicher liefen mit ansteigendem Tempo aufeinander zu. Sie kollidierten aber nicht, sondern verschmolzen zu einem gewaltigen Blitz, der mit leichter Verzögerung verheerend explodierte….

Die Streicher gaben auch in den höchsten Kulminationsstufen des Geflechts die gliedernde Bewegung…

Das bisschen der Blechbläser reichte oft aus, um fast zu bersten…

Machmal egalisierte die gleichmäßige Fülle alle treibenden Kräfte zu einem gemeinsamen Anschwellen…

Die Gefahr war groß, in zu hohem Tempo auf den Gipfel zu stürmen. Man fiel zu leicht in die Tiefe dahinter…

Das weite Tragen der Holzbläser lebte von Zeit zu Zeit vom entfernten, kurzweiligen Geplaudern der Streicher…

Das schicksalsschwere Thema brachte sich an den wichtigen Stellen stets in Erinnerung…

Die Pauke schlug einen Riss. Die Streicher folgen sofort dem eindringenden Lichtschein und drangen an die Oberfläche. Danach gab es kein Halten mehr und die Mauern fielen…

Es gelang, die Kontrabässe in einer hauchdünnen Sphäre fast unhörbar wirken zu lassen…

Die Blechbläser zogen am Ende langsam, doch unaufhaltsam die Seele aus dem Leib…

Die Pauken verhinderten das Sterben und trieben einen zurück in die Gegenwart…

(Jean Sibelius: Sinf. 4)

Verwandtschaften ...

W: „…Du redest doch vom Verstehen der Musik. Du verstehst sie doch, während du sie hörst! Sollen wir davon sagen, es sei ein Erlebnis, welches das Hören begleitet?…“ (S. 308)

G: Ist es nicht so, als beschreibt Wittgenstein hier auch das Umgehen mit Architekturen? Wird hier nicht das Lotsenken ins Innere zu einer Art Echolot, das hilft, sich am Äußeren ein Bild zu formen? Im leiblichen Vollzug mit dem Begegnenden kann solch ein Lot wirken.

W: „…Es gibt so etwas, wie ein Aufflackern des Aspekts. So, wie man etwas mit intensiverem und weniger intensivem Ausdruck spielen kann. Mit stärkerer Betonung des Rhythmus und der Struktur oder weniger stärker…“ (S. 503)

G: Übersetzung in die Baukunst: Aspekt wäre dann Fassade und Gliederung / Ausdruck wäre dann Form / Rhythmus wäre dann Wechsel und Wiederholung / Struktur wäre dann Raster und Ordnung.

G: Aspektlose Architektur haben wir heutzutage zuhauf. Ein intensiver Eindruck entzieht sich dort. Sammeln kann sich kein Blick an einem Bau, der seine Plastizität verleugnet, er läuft quasi an den glatten und fugenlosen Fassaden hinunter. Was sagt es, was spricht es, wenn der Bau seinen Stand in die Zweidimensionalität zwingt?

W: „…Man kann auch vom Verstehen einer musikalischen Phrase sagen, es sei das Verstehen einer Sprache…“ (S. 309)

G: Was sagt eine Sprache der Bauten, die zwar Ausdruck als Form und Struktur als Raster haben, aber weder Aspekte noch Rhythmus vertreten?

G: Nehmen wir die moderne Musik. Sie lebt fast ausschließlich von Aspekt und Rhythmus. Vielleicht hat sich das Geschwisterpaar Bau- und Tonkunst heutzutage weitgehend entkoppelt? Oder es spricht etwas anderes daraus? Vielleicht, dass die Menschen lieber permanent ihre klingenden Ohrenstöpsel tragen, um den Aspekt- und Rhythmusmangel der gebauten Umwelt besser zu kompensieren?

W: „…Es ist, als hätte das Wort, das ich verstehe, ein bestimmtes leichtes Aroma, das dem Verständnis entspricht. Als unterscheiden sich zwei mir wohlbekannte Wörter nicht bloß durch ihren Klang oder ihr Ansehen, sondern, auch wenn ich mir nichts bei ihnen vorstelle, noch durch eine Atmosphäre…“ (S. 55)

G: Überlagerung der Echolotsignale. Das Subjekt ist *auch* die Grenze zur Welt, aber nicht nur.

Zitate:
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 7, Frankfurt am Main 1984

Goldberg Lektionen ...

Als verliefe man sich in den unendlich gefalteten Formen der Variationen…

Alles fügte sich in einer zusammenhängenden, permanenten Bewegung…

Es war, als bekäme die Zeit ihr Gepräge…

Es war wie ein Ein- und Auszoomen in die Struktur der Zeit…

Der Augenblick selbst brauchte kein Vehikel mehr, um präsent zu sein…

Ungestüm schlossen die Bestandteile sich an. Sie schmettern förmlich auf die Struktur…

Mehr Ruhe zeigte sich im Vogelflug…

So sehr das Tempo sich auch steigerte, alles hielt zusammen…

Der starke Pulsschlag prägte noch die in die Langsamkeit gekommene Dynamik…

Der Abschied war gesättigt von Erinnerung und doch gleichzeitig voller Neugier auf eine Wiederkehr…

(J.S. Bach: Goldberg Variationen)

Wirkungsweisen und Instabilitäten ...

G: Musik ist die Verkörperung des Geistigen, und Poesie ist die Vergeistigung des Körperlichen, soll Grillparzer gesagt haben. Ein interessanter Gedanke. Die Musik dringt direkt ein in den Menschen, in sein Fleisch. Keine Umwege, keine Abstraktionen, keine Begriffe sind nötig. Die Poesie jedoch nimmt sich der Sprache an, um sie zu verflüchtigen. Die Sprache ist aus unserem Fleisch. Sie ist an den Menschen gebunden. Deshalb kann man hier sagen, dass es die Poesie schafft, den Körper zu vergeistigen. Sie sprengt den verengenden Horizont auf und entlässt die Bilder, Abstraktionen, Begriffe aus ihren sprachlich-grammatikalischen Ordnungen.

W: „…Die Frage, ob es sich um ein Sehen oder Deuten handelt, entsteht dadurch, dass eine Deutung Ausdruck der Erfahrung wird. Und die Deutung ist nicht eine indirekte Beschreibung, sondern ihr primärer Ausdruck…“ (S. 12)

G: Nehmen wir den Zustand der apriorischen Reinheit beim Sehen, Deuten, Hören, Sprechen. Ist er er-lebbar auch außerhalb einer abgezirkelten Sphäre des Systems oder der Logik? Sicher nicht, das soll er auch nicht sein. Abgekoppelt von der Erfahrung gleicht dieser Zustand einer (äußerst instabilen) Hygienezone. Instabil ihrem Wesen nach (durch die Energien zur Reduktion), doch höchst stabil ihren formalen Ausprägungen nach (sogar kulturbestimmend, gestell-haft).

G: Menschlich ist vielmehr der Zustand der Unreinheit, der Zustand der gelebten Instabilität ihrem Wesen UND ihren formalen Ausprägungen nach.

G: Interessant ist dabei, dass das apriorische Sprechen aus dem Fleisch kommt und gleichzeitig rein vergeistigt sein will. Das ist einer Fortsetzung der Linie gleich und der direkte Gang ins nur noch Geistige, ins Auflösen des Fleisches.

W: „…Der Begriff S ist kein S? (…) Diese Worte im Satz passen zusammen; d.h. man kann die sinnlose Wortfolge hinschreiben; aber die Bedeutungskörper passen nicht zusammen. ((„Das Meinen gibt dem Satz eine weitere Dimension.“)). (S. 16/17)

G: Sind in der Sprache ebenfalls Weisen der Wirkung deutlich, wie im Gespann von Poesie und Musik? Hier vor allem die Richtung Fleisch zu Geist? Ist der Bedeutungskörper das Poetisierungspotential der Sprache?

W: „…Denk z.B. an gewisse unwillkürliche Deutungen, die wir der einen oder der anderen Stelle des Musikstücks geben. Wir sagen, diese Deutung drängt sich uns auf. (Das ist doch ein Erlebnis). Und die Deutung kann aus gewissen, rein musikalischen Beziehungen erklärt werden – wohl aber, wir wollen ja nicht erklären, sondern beschreiben…“ (S. 12)

G: Deutung als Ausdruck der Erfahrung der Unreinheit, Unklarheit der Verhältnisse ist die menschliche Verkehrsform.

G: Deutung sprachlich erklären geschieht nur im Zulassen der Dimensionierung von poetischen Sprachkörpern.

G: Deutung erfahren ge-schieht über die Musik.

Zitate:
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 7, Frankfurt am Main 1984

Die Kunst des Selbstmisstrauens ...

Es sind die kleinen Geschehnisse, an denen sich große Zusammenhänge entfalten. Empfohlen wurde mir vor kurzem von einer guten Freundin die Lektüre der Texte des Komponisten Antoine Beuger.

Hier ein wunderbarer Absatz aus seinem Artikel „Grundsätzliche Entscheidungen“: „…Es ist möglich, sich die Welt als ein unendliches monotones Rauschen vorzustellen: eine Überfülle von Differenzen, in der nichts gleich ist, eine nie entwirrbare Komplexität, eine Gleichzeitigkeit ohne Zeit, da alles immer da ist und sich nichts verändert. Die Monotonie des Unendlichen. Alle Musik, die es jemals gegeben hat oder geben wird, ist in diesem Rauschen enthalten. So wie der Stein jede Skulptur enthält, die aus ihr herausgearbeitet werden kann…“.

Tatsächlich denkt dieser Künstler sehr nah an Schellings Kunstmetaphysik – wahrscheinlich, ohne es zu wissen. Es gibt in seiner Erläuterung den Unterschied zwischen dem Menschen und einer anderen Ebene. Diese andere Ebene ist unendlich, monoton, eine unentwirrbare Komplexität. Wenn sie dieses ist, dann ist sie selbst die reine Indifferenz, denn alles ist in ihr enthalten und zwar gleichzeitig, simultan. Eine solche Dichte kann der Mensch nicht handhaben. Wenn alles klingt, klingt nichts mehr.

Was passiert hier aber nun, hier und in meinem Schreiben? Ich deute diesen wunderbaren Text aus. Tappe ich nicht mal wieder in die Falle der Metaphysik? Taucht nicht wieder der damit zusammengehörende, ungelöste Konflikt am Horizont auf? Wie kann es eine andere Ebene geben, die außerhalb des Bewusstseins liegt und die gleichzeitig an mein Bewusstsein gekoppelt wird, die durch mein Bewusstsein und seine Reflexionsweise sprachlich beschreiben wird? Kein in die Endlichkeit gesprochenes Wort, kein aus der Erinnerung hervorgekramtes Bild, keine Reflexion also kann den bewussten Horizont verlassen. Wie also soll es möglich sein, über etwas zu sprechen, das unaussprechbar ist, das unaussprechbar ist, weil es nicht in die Enge eines Wortes oder einer Reflexion passt?

Da, wo das Sprechen aufhört, beginnt die Dichtung, könnte die Antwort sein. Da, wo das Sprechen aufhört (…) – muss, so frage ich mich, denn ein Sprechen, ein Sprechen wollen, immer in dieser Sackgasse einer reinen Existenz durch das Bewusstsein bleiben? Wer, was, welche Tradition hat das Sprechen dermaßen konditioniert, dass es sich selbst zügelt, dass es sich diese Denkverbote auferlegt? Welche verhängnisvolle kulturelle Konstellation führt die Sprechenden in ihre freiwillige Selbstbeschränkung? Gibt es sprechende Alternativen, gibt es also die Möglichkeit, die Spaltung von Welt und Wort zu verwinden?

Aus wahrhaft berufenem Munde kommt mir jemand zur Hilfe. Maurice Merleau Ponty beginnt seinen Aufsatz „Das Metaphysische im Menschen“ (In: Merleau Ponty, Maurice: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S. 47-69) mit der denkerischen Kastration und beschreibt dabei auch den seither fehlenden Teil im Sprechen: „…Die Metaphysik aber, die vom Kantianismus auf das System der Prinzipien reduziert wurde, welche die Vernunft bei der Einrichtung der Wissenschaft oder des moralischen Universums gebraucht, und die in dieser Leitfunktion vom Positivismus radikal in Zweifel gezogen wurde, hat nicht aufgehört, in der Literatur und Poesie ein gleichsam illegales Leben zu führen, und heute finden die Kritiker sie dort wieder…“ (Ebd., S. 47)

Lethargische Lektionen mit John Cage ...

Vergangenen Freitag hatte ich die Gelegenheit, John Cages Stück „Variations VII“ im Berliner Radialsystem zu (…) erleben, müsste man wohl sagen, denn „zu hören“ würde zu kurz greifen. Nicht jede Veranstaltung ist es wert, das man über sie schreibt, aber diese schon, denn es wurde nichts Geringeres angekündigt, als eine Metamorphose. Eine nämlich, in der ein architektonischer Raum in einen Frequenzraum umgewandelt werden sollte.

Das „Prelude“ zur Veranstaltung führte einen in die „Lounge“. In der wiederum begann man mit schönem Blick auf die Spree, diversen Geräuschen zu lauschen, die simultan und in Echtzeit von verschiedensten Orten aus der Stadt übertragen wurden. Die Moral von der Geschicht hatte man allerdings schon nach zwei Minuten gelernt und begriffen, dass ein durch Alltagsgeräusche wie Restaurantgeplapper, Tierlaute, Druckmaschinen, Wasserfließen etc. erzeugtes Hintergrundrauschen unser täglich-akustisch Brot ist.

Im „Prelude“ wurde also genau dieses unscheinbare und doch dominante Geräuschgeflecht einem erwartungsgeschwängerten Publikum zum Thema gemacht. Interessant war dabei, dass ein Hintergrundrauschen immer mit seinem speziellen Ort und der jeweiligen Situation verbunden sein muss. Weil das nämlich nicht so war, wirkte der Geräuschteppich zwar vertraut, aber gleichzeitig unpassend und artifiziell.

So weit, so gut. Warum muss aber nun solche Lektion eine knappe Stunde andauern? Anstatt einer Dichte zu lauschen, der jede Form fehlt, die ohne Bezug ist zur momentanen leiblichen Präsenz, die ohne Anfang und ohne Ende belanglos dahin wabert, hätte man doch einfach nur ohne künstliche Beschallung die Ohren aufsperren können und dem Sound der anderen Besucher seinen Raum lassen. Das wäre auch ganz in Sinne von Cage gewesen ( „4/33“… )

Dermaßen vorbereitet, begab man sich zum Hauptstück „Variations VII“. Allerhand Küchengeräte, Werkzeugmaschinen, Fernseher, Telefone, Computer, Keyboards und Mischpulte in verschiedensten Ausführungen waren auf Tischen drapiert, die im Zentrum der Aufführungshalle ein geräumiges Quadrat beschrieben. Diese „Altarsituation“ wurde noch zusätzlich sakral verstärkt durch eine St. Peter-ähnliche Baldachinvariation, die sich durch ein über der Vierung schwebendes, stattliches Signalhorn ergab. Vier Musiker oder besser Performer bewegten sich in diesem Konstrukt und taten ihr bestes.

Ihr bestes tun hieß in diesem Fall, leistungsstarken Boxen, die in allen vier Ecken der Halle postiert waren das Maximum abzufordern. Wenn man sich beim „Prelude“ noch beklagen konnte über eine Dichte ohne Form, so bekam man hier Dichte und Form in einer Weise, die einem einiges abverlangte. Mit einer an- und abschwellenden und nicht enden wollenden Schall-Bombardierung machte man dem Zuhörer klar, dass Hören etwas ist, das mit dem ganzen Körper geschieht.

Interessant waren die Reaktionen der anderen Besucher. Sich denen zuzuwenden, lenkte einen nämlich ab von den eigenen Bemühungen, etwas aus dieser stressenden Darbietung mitzunehmen, die doch streckenweise mehr an städtischen Baulärm erinnerte, denn an eine „ästhetische Verwendung metropolitaner Klänge“. Teilweise also dicht an der Grenze zur Hysterie und mit der aufdämmernden Frage befasst: „Was mache ich hier eigentlich?“, verfiel man in eine Art Lethargie und ließ es einfach geschehen.

Vielleicht, so hab ich mich gefragt, ist das die eigentliche Lektion der „Variations VII“ gewesen. Wir Heutigen sind dermaßen versponnen im technischen Konstrukt, sind dermaßen Teil des durch Heidegger meisterhaft beschriebenen „Gestells“, dass diese Darbietung genau jenen ohnmächtigen Zustand mit akustischen Mittel dar-gestellt (!) hat. Der dröhnende, lärmende Sound wäre dann einer technoiden Sprache gleich, die Menschen nicht verstehen können und als Ausweg aus dieser Konfrontation bliebe die ebenfalls bei Heidegger zu findende Gelassenheit.

Dilemma der Mathematik ...

Tun wir Xenakis aber kein Unrecht und machen ihn nicht zu einem metaphysischen Tonkünstler. Er ist in seinem Handeln gebunden an die Mathematik. Diese Form der Verbindung zwischen Ton- und Baukunst ist die klarste und einfachste. Lassen sich doch z.B. die Proportionen in Intervalle umsetzen und auch ein Rhythmus deutlich ablesen durch die Vor- und Rücksprünge eines Bauwerks. Vor kurzem ergänzte ich meine Bibliothek beispielsweise mit einem Buch, in dem der mathematische Beweis dafür geführt wird, dass die Ägypter ihre Pyramiden nach exakten musikalischen Intervallen gebaut haben. Dem Buch lag auch eine CD bei, auf der man verschiedene Pyramiden hören kann.

Etwas fehlt aber bei der Mathematisierung des Themas. Man geht völlig unkritisch davon aus, dass die Mathematik so etwas wie eine universelle Grammatik ist, die allem (Sein wie Dasein) zugrunde liegt. Sie bekommt quasi metaphysischen Status. Letzten Endes jedoch ist die Mathematik eine reine Konstruktion, eine Erfindung, eine Einbildung. Sie ist gebunden an das Subjekt, ist seine Projektion.

Die Mathematik ist die Basis für allerlei Konstruktionen. Sie ist ein beliebtes Mittel, die Welt in einen auf das menschliche Maß gebrachten Spielplatz zu reduzieren. Die Mathematik bekommt allzu oft den Status des Steigbügelhalters zur selbsterfüllenden Prophezeiung unseres technologischen Zeitalters, denn der Beweis für die Richtigkeit der Prozesse unserer Maschinenwelt ist erbracht, wenn er den Regel und Axiomen genügt, die auf dem kulturellen Spielplatz der Konstruktionen gelten.

Inspirierend waren für mich bislang nur Heisenbergs Quantenmechanik, die unser Weltbild um das Paradoxe bereichert hat und Brian Greene mit seiner Stringtheorie (dass die Welt Klang / Schwingung sein könnte und nicht Konstruktion, wussten schon die ältesten Kulturen – und auch Schelling). Bezeichnend auch, wo an Greene Kritik geübt wird. Seine Theorie lasse sich nicht beweisen, deshalb sei sie nichts wert und nur Spinnerei. Da haben wir sie wieder, die Spielplatzwächter, bei denen nicht sein kann, was nicht sein darf.

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Der Schreiber dieses Blogs wird sich immer klarer, wo seine Gedankenreise hingeht; ins Offene nämlich und möglichst weit weg von den Konstruktionen, die unser aller Leben prägen. Ich spreche hier von anerzogenen Denk- und Handlungsmustern, die den Menschen heutzutage von der Wiege bis zur Bahre begleiten und die als völlig selbstverständlich hingenommen werden.

Wie aber, so frage ich mich in letzter Zeit immer öfter, soll ein Begriff den Begriff, ein Wort das Wort und ein Gedanke den Gedanken verlassen? Mit den Deutschen Idealismus scheint das kaum möglich, denn das Reflexive, Perspektivische ist seine Basis und die Trennung zwischen Subjekt und Objekt seine Grundvoraussetzung…

Die Struktur des Flusses ...

Xenakis war also ein Mann, der sein Thema fand im Vor-reflexiven oder besser im Rück-reflexiven. Die Vorsokratik heißt ganz wörtlich so, weil die Philosophie vor Sokrates damit gemeint ist. Der nämlich hatte seinerzeit das Interesse verloren, sich Fragen danach zu stellen, wie Natur und Kosmos beschaffen sind. Vielmehr richtete er zeitlebens seinen Fokus auf den Menschen selbst.

Wenn man allerdings nach dem Anfang fragt und Anfang nicht gleichsetzt mit vergangen und irrelevant, sondern im Anfang die Struktur sucht, die allem (und ich meine hier allem) denkerisches Maß, Atmosphäre, Form und Gepräge gab, wenn also die Suche einen in diesen fruchtbaren und schöpferischen Anfang führt, dann ist man in der Vorsokratik genau richtig.

Xenakis sucht in seiner Musik die Matrix, die Grundstruktur und deshalb ist er in einem Denken genau richtig, das anfänglich ist, das noch nicht im Verdacht steht, christlich, atheistisch, aufklärerisch oder sonst wie zu sein, das ganz nah dran ist an den Fragen, die ein reflektierender Mensch (einer freilich, der der Nachwelt überlieferbar war) sich das erste Mal stellt.

Diese Fragen sind nicht diejenigen, die sich auf die Menschen untereinender richten, sondern auf die Welt, in der der Mensch ist. Fragen, die das „ist“ dieser Welt in den Mittelpunkt rücken, das mitschwingt beim Sätzen wie „der Baum ist schön“ – denn das etwas ist, deutet auf ein Sein des Seienden hin, das ganz selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Fragen werden aufgeworfen, die in die Weite gerichtet sind und nicht in die Enge und Isolierung, nicht in ein Erklären-wollen zum Zwecke der Beherrschung, der Reproduktion und Addierbarkeit, sondern in ein Erkennen, das dem Menschen seinen Platz zeigt (oder zeigen hilft); seinen Platz in einem größeren Zusammenhang und in einem weiteren Horizont als den, den er selbst zu bilden vermag.

Diese Weite will Xenakis in seiner Musik verdeutlichen. Kommen wir noch einmal zu seiner Komposition „Metastasis“. Hier wird das „Glissando“ verwendet und mit ihm die herkömmliche musikalische Ordnung ersetzt durch eine kontinuierlich fortlaufende Struktur. Klanglichkeit repräsentiert nun Wandel, Fluss und Bewegung und ist nicht mehr ausgelegt auf ein „Springen“ von Effekt zu Effekt.

Erinnern wir uns an Schellings Deutung von Klang. Ihm kommt eine besondere Bedeutung bei für die Transformation des Absoluten in die endliche Materie: „…In der Einbildung des Unendlichen ins Endliche kann die Indifferenz, als Indifferenz, nur als Klang hervortreten…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 132). Schelling will hier das Absolute als Unendliches in einer „reinen“ Form denken. Diese absolute Form muss wesenhaft unendlich sein und bleiben, auch wenn sie in die endliche, feste Materie eingebildet ist: „…Diese (Form, CJG) ist nur im Klang, denn dieser ist einerseits lebendig -für sich-, andererseits eine bloße Dimension in der Zeit, nicht aber im Raume…“ (Ebd.).

Haben wir mit „Metastasis“ den akustischen Beweis für Schellings Kunstmetaphysik? Ist hier nicht ein Beleg für die Richtigkeit der Schellingschen Auffassung von Kunst als Teilhabe am Unendlichen mit dem Mittel der Schönheit und haben wir hier nicht ebenfalls einen Hinweis darauf, dass sich die Künste nicht voneinander trennen lassen, denn die „Metastasis“ wurden bekanntlich gebaut, sind also zu Architektur geworden?

Das Walten als Zeit ...

Aus der Feder von Martin Seel stammt der Essay „Form als Organisation der Zeit“ (In: Früchtl, Joseph und Moog-Grünewald, Maria (Hg.): Ästhetik in metaphysik-kritischen Zeiten, Hamburg 2007, S. 33-44). Der Autor macht unter anderem sehr anschaulich, dass Bauwerke primär durch Begrenzungen bestehen. Begrenzungen und Grenzen werden gebildet durch das Trennen von Innen und Außen sowie das Trennen des Innen in verschiedene Räume und Zonen. Aber auch die Anordnung und Anzahl der Öffnungen der Architekturen in ihre jeweiligen Umwelten sind dem Spiel der Trennung unterworfen, denn Ein- und Ausblicke werden vorbestimmt und festgelegt.

Eine Architektur kann man am besten (vielleicht auch ausschließlich) erfahren, indem man sich in ihr bewegt. Man handelt dabei automatisch zeitlich, denn das Durchschreiten der Räume hat eine Dauer. Die Grenzen der Architektur stehen durch ihren Erfahrungsprozess also in Verbindung mit der Zeitlichkeit. Durch die Themen Grenze, Bewegung und Zeitlichkeit schimmert der Rhythmus. Jedes Bauwerk hat folglich eine spezifische Rhythmik.

Wie verhält es sich nun bei der Musik? Nehmen wir die übliche Konzertsaal-Situation. Man hat die Zeitlichkeit durch das Fortschreiten des Werks. Man hat den Rhythmus durch die hörbaren Gliederungen, Aufspaltungen, Risse, Unterbrechungen, Pausen und das Schweigen des permanenten Fließens der Töne in ihrer Zeitlichkeit. Und man hat den Raum. Er entsteht u.a. über die Fülle des Klangs, die Interaktion der Instrumente und die Skalen der Lautstärke. In barocken Zeiten war es zudem üblich, das Orchester im Aufführungssaal räumlich zu verteilen. Im letzten Jahr konnte man das auch mit dem Berliner Philharmonikern erleben, die die „Gruppen für drei Orchester“ von Karlheiz Stockhausen aufführten.

Die gleichen Elemente sind also vorhanden, wie bei der Architekturerfahrung und dennoch gibt es einen Unterschied. Die körperliche Bewegung fehlt – es sei denn, man tanzt dazu. Die Dimension der Zeit ist durch das Fortschreiten der Musik dominant und durch sie wird man, so Martin Seel, innerlich bewegt: „…Sie (die Künste, CJG) verlangsamen, beschleunigen, verzögern, raffen, dehnen die Zeit des Ereignisses, zu dem sie im Augenblick ihrer ästhetischen Wahrnehmung werden…“ (Ebd., S. 37).

Interessant hierbei ist zweierlei. Zunächst wird deutlich, dass Körper und Leib verschiedene Dinge sind. Der Körper des Hörers ist zwar unbewegt, nicht jedoch sein Leib. Mit ihm hat er Teil an den Bewegungen in den Klangräumen. Imaginär sind diese Bewegungen ganz und gar nicht. Der weitere Punkt ist die Dominanz der Zeit. Die Zeit bekommt quasi metaphysischen Status, denn die „…Form der Künste lässt uns die Zeit erfahren…“ (Ebd.). Das Kunst-Ereignis wäre dann die Erfahrung einer anderen Zeitlichkeit.

Wir erinnern uns an Schelling: „Wie schon die Zeit, so weißt auch der Rhythmus auf ein universelles Prinzip hin und die Musik bildet den unmittelbarsten und begriffslosesten Zugang zur Überwindung der Kluft zwischen bewusstem Subjekt und dessen unbewusstem und absolutem Gegenüber, der Objektivität. Rhythmus strukturiert also das Unendliche mithilfe der Zeit…“

Eine Parallele zu Schelling taucht also in der Betrachtung der rhythmischen Beschaffenheit der Künste deutlich auf, denn Musik wie Architektur walten in ihrer fühlbar gewordenen Zeitlichkeit. Die Trennung zwischen Objekt und Subjekt wird gewandelt und dem Kunstwerk kommt die Fähigkeit hierzu zu. Ich will Herrn Seel allerdings nicht überstrapazieren, denn das Leibdenken scheint zu kollidieren mit dem konstruktivistischen Subjekt, das ja ein fundamentaler Zug im deutschen Idealismus ist (obwohl ich Schelling immer deutlicher in seinen Fusionsbemühungen zwischen Welt, Mensch und Ding begreife).

Die Skala der Stille ...

Barbara Naumann parallelisiert in ihrem Essay: „Kopflastige Rhythmen. Tanz ums Subjekt bei Schelling und Cunningham” (In: Naumann, Barbara (Hg.): Rhythmus. Spuren eines Wechselspiels in Künsten und Wissenschaften; Würzburg 2005, S. 123-139) den modernen Tanz mit dem deutschen Idealismus. (Dem zum Sprung in den Avantgardetanz geneigten Leser muss ich allerdings einstweilen vertrösten, denn mir soll es hier zunächst reichen, die Darstellung zur Bedeutung des Rhythmus aufzuzeigen).

Bei Schelling ist die Zeit die Form der Einbildung des Unendlichen ins Endliche. Sie prägt das Subjekthafte und ist damit auch die Ermöglicherin von Kunstwahrnehmung überhaupt ist. Die Verwandlung von zufälliger „Succession“ in „Nothwendigkeit“ allerdings übernimmt der Rhythmus. Hier knüpft Barbara Naumann an, indem sie denselben mit dem Absoluten in Verbindung bringt und dem bewusstlosen Milieu des Unendlichen eine innere Gestaltungskraft zuschreibt. Das bewusste Subjekt hat daran ebenfalls Teil und kann sich des Absoluten in diesem Phänomen gewahr werden.

Teilhabe ist der Schlüsselbegriff hierbei, denn das sich selbst bewusste Subjekt pendelt im rhythmischen Handeln (Musik, Gesang, Dichtung, Baukunst etc.) im Zwischen zum bewusstlosen Absoluten und Unendlichen. Im Handeln am Beispiel der Kunst kommt das Subjekt über sein „schweigendes Pendant“ zu sich selbst. Das rhythmische Moment ist quasi der entstehend-vergehende Raum im Übergang vom Unendlichen ins Endliche.

Auch Ingrid Allwardt befasst sich in ihrem Essay: „Hölderlins Diotima in Nonos Streichquartett“ (In: Musik & Ästhetik, Heft 51, Stuttgart 2009, S. 129-140) mit dem Zwischen, das entsteht durch das Abwesend-Anwesende im Erscheinen des Kunstmoments. Die Autorin hat es dabei geschafft, im Text über den Text hinaus zu kommen. Mit poetischem Gespür ermöglicht sie nämlich die lesende Erfahrung des vermeindlich Paradoxalen in einer Musik, die sich über das Nicht ihrer Selbst grenzenlos macht – einer Musik also, die sich mit dem Mittel des Rhythmus quasi auf den Weg zurück begibt in die bloße „Succession“ des Unendlichen.

Idealistisches Denken erscheint hier mit umgekehrten Vorzeichen, denn während das Verweisen des rhythmischen Prinzips bei Babara Naumann (s.o.) primär das Setzende in Form von Material, Ton etc. fokussierte, hat bei Ingrid Allwardt das bewusste Subjekt Teil am unbewussten Absoluten durch das gliedernde Erwarten und Walten seiner Abwesenheit. Hier ist also das Nicht das primäre Prinzip, das das Etwas deutlich macht. Beiden Erfahrungsweisen gleich ist jedoch der Zugang durch den Rhythmus; er erhält sich ganz Schellingsch als universelles Element: „…in dieser Haltung ist das Wahrnehmen von Stille ebenso wie das Wahrnehmen eines Klangs ein sinnliches Zeitempfinden, in dem Innen und Außen zusammenfallen, Subjekt und Objekt als Gegensätze ineins fallen…“ (Ebd.)

Das „Aussetzen von“ und das „Nicht des“ verweisen in Luigi Nonos Streichquartett in einen Zustand, der „…schweigende Gesänge…“ (Ebd.) möglich macht und der „…eine Skala der Stille…“ (Ebd.) bereithält. Hier ist das Subjekt also konfrontiert mit einem bedingenden Etwas, das nicht es selbst ist.

Hat ein moderner Komponist sich an diesem Bespiel als akustischer Archäologe geübt und ein Denken hörbar gemacht, das längst vergangen ist? Hat ein moderner Komponist die Wahrheit berührt? Hat ein moderner Komponist basale Erfahrungen verdeutlicht, die unabhängig von Zeitalter und Kultur sind? Hat ein moderner Komponist den Beweis geliefert für die Schellingsche Kunstphilosophie?

Schellings Rhythmus ...

Dem Rhythmus kommt eine besondere Bedeutung zu in Schellings romantischer Kunstphilosophie. Der Satz: „…Rhythmus ist Musik in der Musik…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 138) sagt viel hierüber und erfordert ein Erinnern an die Stellung der Musik, die gebunden an die Zeit ist und vernehmbar wird durch „Succession“.

Die Zeit ist: „…die allgemeinste Form der Einbildung des Unendlichen ins Endliche, sofern als Form, abstrahiert von dem Realen angeschaut…“ (Ebd. S. 135). Das Subjekt ist zeitlich und sich selbst bewusst, indem es das Fließen der Zeitlichkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahrnimmt. Musik wie Subjekt haben also die Zeit als bedingende Grundstruktur.

Wir erinnern uns, im Schellingschen Gefüge der Künste geht es stets um den Dualismus von Indifferenz und Differenz bzw. Unendlichkeit und Endlichkeit. Der Rhythmus nun ist das Konstruktionsprinzip zur Erkenntnis dieser Gegensätze. Er ist aber auch der Ermöglicher von Einheit im Allgemeinen und bezogen auf die Musik im Besonderen, denn die Vielheit wird durch ihn fassbar, indem er Ordnung ins unendliche Fließen der Möglichkeiten des Indifferenten bringt.

Rhythmus durchwaltet also nicht nur das Subjekt, sondern formt die Unendlichkeit in ihrem bewusstlosen Zustand: „…Inwiefern dann ferner die ewigen Dinge oder die Ideen von der realen Seite in den Weltkörper offenbar werden, so sind die Formen der Musik als Formen der real betrachteten Ideen auch Formen des Seins und des Lebens der Weltkörper als solcher, demnach die Musik nichts anderes als der vernommene Rhythmus und die Harmonie des sichtbaren Universums…“ (Ebd. 145).

Wie schon die Zeit, so weißt auch der Rhythmus auf ein universelles Prinzip hin und die Musik bildet den unmittelbarsten und begriffslosesten Zugang zur Überwindung der Kluft zwischen bewusstem Subjekt und dessen unbewusstem und absolutem Gegenüber, der Objektivität. Rhythmus strukturiert also das Unendliche mithilfe der Zeit. Die Aufspaltung, die Risse, die Unterbrechungen, die Pausen, das Schweigen des permanenten Fließens geschieht durch den Rhythmus. So jedenfalls wird sein Wirken empfunden von den sich selbst bewussten Subjekten.

Mit dem achten Teil dieser Reihe, die sich mit dem Verhältnis von materiell und immateriell, mit den „Noch-Nicht des Ideellen“ befasst, endet zunächst die Betrachtung Schellings. Die neunte Folge soll ein Zwischenstück werden, das zu Iannis Xenakis überleitet. Dort wird ebenfalls die Frage aufgeworfen, wie sich das idealistische Denken auf die Musik der Moderne anwenden lässt, denn das für Schelling unabdingbare Absolute und Unendliche wird mit der allgemeinen Kritik am Idealismus seit rund 150 Jahren in Abrede gestellt.

Klang und Zeit bei Schelling ...

Eine Kunstform, die konkret und ohne Umwege direkt vernehmbar ist und sich weitgehend dem „Diktat“ der Statik entziehen kann, ist die Musik. Anders als ihre raumgebundenen Artgenossen Malerei, Plastik, Baukunst ist sie nur an die Zeit gebunden und entlässt dadurch eine weitaus größere Dynamik.

Wir erinnern uns, im Kunstwerk wird das Absolute eingebildet ins Endliche und die Menschen haben über die Wahrheit und Schönheit Teil am göttlichen Logos, wenn auch an einer „erstarrten“ Variante: „…aber die reale Welt ist nicht mehr das lebendige Wort, das Sprechen Gottes selbst, sondern das gesprochene -geronnene- Wort…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 128)

Dem Klang kommt eine besondere Bedeutung bei für die Transformation des Absoluten in die endliche Materie: „…In der Einbildung des Unendlichen ins Endliche kann die Indifferenz, als Indifferenz, nur als Klang hervortreten…“ (Ebd. 132). Schelling will hier das Absolute als Unendliches in einer „reinen“ Form denken. Diese absolute Form muss wesenhaft unendlich sein und bleiben, auch wenn sie in die endliche, feste Materie eingebildet ist: „…Diese (Form, CJG) ist nur im Klang, denn dieser ist einerseits lebendig -für sich-, andererseits eine bloße Dimension in der Zeit, nicht aber im Raume…“ (Ebd. 133).

Die Einheit des Absoluten erklingt durch die ungehinderte Möglichkeit zur Vielheit seiner Bestandteile, der Töne. Jeder Körper birgt eine differente klangliche Fülle. Die Differenz ist in der Indifferenz seines klanglichen Wesens angelegt, denn unendlich sind auch alle tönenden Möglichkeiten. Bestimmt wird die „Klangsignatur“ durch die Beschaffenheit des Körpers, seine Kohärenz. Dem Klang kommt also die Bedeutung der menschlichen Seele bei: „…Der Klang ist nicht anderes als die Anschauung der Seele des Körpers selbst oder des ihm unmittelbar verbundenen Begriffs in der unmittelbaren Beziehung auf dieses Endliche…“ (Ebd. 134)

Musik kann nur erklingen durch ihre Seele, den Klang, und ihre Töne. Dem Nichttönen, der Pause und Unterbrechung kommt eine genauso wichtige Rolle bei, wie seinem Tönen selbst. Auch durch das Nicht des Klangs wird die Gliederung seiner Dimension, der Zeit, vernehmbar. Die Zeit ist also eine Form der Einbildung des Absoluten ins Endliche und Reale. Spannend wäre es hier freilich, über die „absolute Qualität“ des Nichtklangs, der Stille nachzudenken, denn die Nicht-Möglichkeit ist ja ebenfalls eine Möglichkeit und ein Ausweis der Mannigfaltigkeit des Absoluten.

Klang ist aber ein permanentes, ungegliedertes Fließen. Periodisch eingeteilt wird diese ideale Transformation des Unendlichen durch den Rhythmus: „…Allgemein nun angesehen ist Rhythmus überhaupt Verwandlung der an sich bedeutungslosen Succession in eine bedeutende. Die Succession rein als solche hat den Charakter der Zufälligkeit. Verwandlung des Zufälligen der Succession in Nothwendigkeit = Rhythmus, wodurch das Ganze nicht mehr der Zeit unterworfen ist, sondern sie in sich selbst hat…“ (Ebd. 137)

Schellings Entfesselung der Materie ...

Der Logos ist gleich mit dem Absoluten; er ist auch das Wort Gottes. Logos und Sprache sind strukturverwandt. Gott hat dabei eine „schaffende“ Sprache im Gegensatz zum Menschen, der seine nur entlehnt: „…aber die reale Welt ist nicht mehr das lebendige Wort, das Sprechen Gottes selbst, sondern das gesprochene -geronnene- Wort…“ (Schelling, F.W.J.: Philosophie der Kunst; unveränderter reprografischer Nachdruck aus dem Nachlass von 1859; Darmstadt 1990, S. 128)

Es gibt also hier den wichtigen Unterschied zwischen „absolut-objektiv“ und „relativ-subjektiv“. Die Sprache ist aber dennoch eine Brücke von der idealen in die reale Welt. In den realen Kunstwerken ist das Wort noch vorhanden, wenn auch erstarrt und gefangen in der Statik der subjektiv betrachteten Dinge.

Die Musik nimmt in den Kunstformen eine Sonderstellung ein. Sie ist -wie der Mensch- endlich, also auch zeitlich. Jedoch entstehen und vergehen die Formen (bildlich gesprochen wie in einem Zeitraffer) schnell und hochdynamisch. Die Musik ist -obwohl konstruiert- daher weniger gefangen in der Statik, als die bildenden Künste. In ihr ist das Werden und Vergehen deutlicher und ebenso die Wegweisung in das geronnene Wort: „…das in den Tod eingegangene Lebendige – das ins Endliche gesprochene Wort – (das, CJG) noch als Klang vernehmbar wird…“ (Ebd. 128).

Auch die Kunst ist „das in den Tod eingegangene Lebendige“. Sie ist gestorbene Sprache. Die Sprache ist dabei für Schelling EINS. Alle Töne und Klänge sind in ihr. Alle Differenzen können sich ausprägen: „…Die Sprache, absolut betrachtet oder an sich, ist nur Eine, wie die Vernunft nur eine ist…“ (Ebd. 129)

Zur Erinnerung: Die bildende Kunst ist die (subjektive) Einbildung der Einheit (des Absoluten), also der Identität, in die Differenz ihrer Formen.

Die Plastik des Bildhauers ist dabei die eingebildete Identität in die Realität von Materie und Körper. Wenn die Materie abstrahiert wird, kommt die Identität zur idealen Einbildung. Die Malerei steht hierfür, denn sie kann durch Assoziation den Übergang bewerkstelligen von der Realität der Materie zu deren Idealität (nehmen wir zum Beispiel die Wirkung eines romantischen Landschaftsbildes von C.D. Friedrich). Diese Form von „relativer Idealität“ wird wiederum überwunden, wenn real und ideal EINS werden.

Diesen Fall haben wir in der Poesie und der Musik: „…Hier wird also der absolute Erkenntnisakt mehr oder weniger von den Fesseln der Materie befreit (…) objektiv und als Akt der Einbildung der ewigen Subjektivität in der Objektivität erkennbar…“ (Ebd. 272). Die Verwandlung hat aber auch hier noch nicht ihr Ende erreicht, denn das Verhältnis von Real und Ideal stellt sich immer noch als Akt, als Geschehen dar. Die Endstufe der Künste ist erreicht, wenn auch das Geschehen, der Akt überwunden ist und das Sein des Ideellen erreicht wird.

Der Barcelona-Pavillon ...

Eine neue Ausgabe des Onlinemagazins für Architekturtheorie "Wolkenkuckucksheim" flatterte unlängst in mein E-Mail-Postfach. Zur Kenntnis nahm ich dabei wieder einmal, dass der aktuelle Architekturtheoriediskurs weitgehend uninteressant für mich ist. Aber einige Perlen gibt es glücklicherweise doch, so zum Beispiel Lukas Zurfluhs Essay: „Der fließende Raum des Barcelona-Pavillons. Eine Metamorphose der Interpretation?”.

Fünf Perspektiven auf den (1986 rekonstruierten) Miesschen „Barcelona-Pavillon“ stellt der Züricher Autor vor und beginnt damit, das scheinbar Widersprüchliche eines Raumes, der fließt aufzuzeigen. Interessant für mich hier wiederum, dass ein Musiktheoretiker 1929 zuerst begriffen hat, dass Bau- und Tonkunst eine Einheit bilden. Die scheinbar obligatorische Statik von Architektur nämlich kann durchaus dynamisiert werden, ohne deshalb das Bauwerk konkret in Bewegung zu versetzten. Dynamik äußert sich nämlich mannigfaltig, z.B. visuell, akustisch und natürlich atmosphärisch.

Schnell ist im Essay Fritz Neumeyer erreicht, der mir seinerzeit mit dem fulminanten Buch „Mies van der Rohe. Das kunstlose Wort. Gedanken zur Baukunst“ die Augen für den Ausnahmearchitekten geöffnet hat. Sind es doch Männer wie Mies, die Vorbilder sein können für die heutigen Architekten, die ihr Ethos verloren zu haben scheinen und sich mit dem Verwalten von Bauabläufen zufrieden geben…Aber das nur nebenbei und zurück zum Thema.

Zurfluh lässt Neumeyer sagen: „…Diese Wahrnehmung ist…für den Menschen eine existentielle Erfahrung, durch die sich hinter dem empirischen Raum ein metaphysischer Raum öffne, der schon fast eine religiöse Dimension der Welt andeute…“ und weiter „…Begrenztheit und innere Weite, Geborgenheit und Freiheit, Statik und Dynamik, Reflektion und Kommunikation – in dieser Wahrnehmung des Gegensätzlichen identifiziert Fritz Neumeyer die moderne Lebenserfahrung schlechthin…”.

Recht hat Neumeyer, wenn er Mies den Horizont zubilligt, ein Kardinalproblem der Moderne zu thematisieren. Die Transparenz ist sein Schlüsselthema hierbei, dass ich parallel denken möchte mit einem anderen Posting, in dem Beethovens Spätwerk als seismografisch für den postmodernen Zustand gesehen wurde.

Seinerzeit schrieb ich entlang am Gedanken von Johannes Picht: „…Des Pudelns Kern für unsere Fragestellung liegt woanders. Die Hinwendung zum Rauschhaften, Körperlichen und gleichzeitige Abkehr vom Entrückten, Vergeistigten und Kontemplativen der Struktur wird im Werk Beethovens erkannt. Dionysos drängt Apollon in den Hintergrund. Die Musik Beethovens will „ein Aufbrechen…in die Offenheit der Zukunft“. Hierzu muss er „…eine Musik entwerfen, die zu den Strukturen, aus denen sie im jeweiligen Moment besteht, eine immer wieder aufweisbare Distanz herstellt…“.

Der kulturelle Zustand des Wandels und der Gegensätzlichkeit ist ein Thema, das die Kunst im Prinzip seit der Aufklärung beschäftigt. Es lässt sich 1929 mit dem Mittel der Transparenz im Barcelona-Pavillon ebenfalls ablesen. Formen werden gebildet und gleichzeitig aufgelöst. Mensch und Materiel geraten in Distanz untereinander und zu sich selbst; sie werden zu ihren eigenen Betrachtern. Architektur wird zur Musik und bezwingt ihre Statik. Es ist die Größe Mies van der Rohes, in Beethovenscher Manier der Baukunst diese oftmals versteckte Dimension in aller Offenheit geschenkt zu haben.

Die Musik als das Geistigste ...

Was ist eigentlich Klang? Nähern kann man sich dieser Frage für den Anfang über das „nicht nur“. Klang ist nicht nur Ton, nicht nur Rhythmus. Er ist auch nicht nur Melodie. Klang ist präsent und besteht aus allem ein bisschen, scheint es. In welchem Verhältnis steht Klang zur Musik?

Was macht Musik aus? Was ist die Struktur von Musik? Kann man sie zerlegen wie es oben geschehen ist, ganz in unserer abendländischen, reduktionistischen Manier? Ist die Struktur in diesem Fall nicht vielmehr ein zusammengehörendes Geflecht? Ein Gewebe, ein immaterieller Raum? (Raum darf hier allerdings nicht euklidisch, dreidimensional verstanden werden. Auch die vierte Dimension -die Zeit- will mir hier keine Klärung verschaffen.)

In der Neuen Zürcher Zeitung fand ich kürzlich den Artikel: „dann ohne Klang und Wort bin ich beiseit“. Er passt gut zum Thema, denn der Komponist und Dirigent Heinz Holliger äußert darin seinen Zugang zum Musikalischen. Er sagt im Kontext Gefecht: „…Für mich ist Musik eine totale Einheit, ein Kosmos. Wenn ich spiele, spüre ich sicherlich am stärksten das Physische des Musikmachens. Als Dirigent muss ich zwar auch physisch weitergeben, was in mir klingt – wie bei einem Instrument. Aber es ist doch indirekt. Und als Komponist ist man vielleicht ein bisschen von allem…“.

Was ist mit dem Zusammenhang zwischen Gefühl und Musik? Haben die Hörer Teil an einem Gefühlsgeflecht? Soll es tatsächlich so sein, dass Menschen stimmbar sind wie ein Instrument? Gehen wir noch einmal zu Celebidache. Er beschreibt sehr schön, dass Menschen sich die Töne nur ausleihen. Sie sind alle schon da. Nur durch ein menschliches Zutun kommen sie zum Vorschein, etwa wenn ein Cellobogen an einer Metallplatte entlang streicht, auf der Späne liegen. Es erklingt ein Ton und die Späne fügen sich in ein Muster. Allem Material wohnt also eine verborgene Sphäre inne, die durch das Hören erkannt werden kann.

Klang scheint mir der Geist, das Verbindende der Musik zu sein. Klang beschreibt eine Atmosphäre, in der Gefühl, Rhythmus, Ton, Melodie geborgen sind. Klang ist vielleicht so etwas wie die Seele der Musik. Ohne sie bleibt die Musik hohl und ohne Substanz.

Es gibt Beispiele für Musik ohne Tiefe und ohne Substanz. Sie lassen sich zuhauf finden in der heutigen Welt einer auf Massenverwertbarkeit getrimmten Oberflächenkultur. Auch hier werden einmal mehr die Konsequenzen einer konstruktivistischen Kultur deutlich, die ihren Horizont am Ende der subjektiven „Fußspitzen“ ausmacht.

Der Wille zur Musik-Konstruktion führt dieselbe blitzartig an ihre Grenzen. Wenn man also behauptet, dass die heutige Konservenmusik keine Seele mehr hat, dann hätte sie eben keinen Klang. Sie steuert die Bausteine Emotionalisierung, Rhythmus, Ton etc. einzeln und ein bisschen an, hebt sie aber eben nicht mehr in ein verbindendes Geflecht. Man richtet die Musik nicht mehr aus auf einen Horizont des Klangs. In diesem Lichte wird auch die Techno-Musik deutlich. Es ist die akustische Verdeutlichung einer Kultur, die im Zustand der Nabelschau verharrt, wobei der Nabel ein metallener Motorblock zu sein scheint, der unaufhörlich auf vollen Touren läuft.

Zum Schluss noch einmal Hoillinger aus nzz.ch (s.o.): „…Musik ist das Geistigste, das wir haben, da sie jenseits der Sprache ist. Sie geht sehr viel weiter als alles, was wir als Kommunikationsmittel haben…“…

Zur Dekonstruktion ...

Bislang wurden Ideen als etwas von außen Kommendes betrachtet; etwa so: ein Gebäudekonzept ergibt sich aus diesen oder welchen Rahmenbedingungen, genügt diesen oder welchen Nutzerwünschen und folgt diesen oder welchen technischen Erfordernissen. Auch wurden die Ideen stets mit Bewegung zusammengedacht.

Dder wandelnde und flüchtige, der neuernde Charakter der Ideen lässt sich parallel denken mit der Musik. Die musikalische Form ist nur mittelbar an den Raum gebunden. Sie ist eine Zeitkunst, die räumlichen Charakter hat. Das beschreibt die Verwandtschaft zur Architektur, aber auch die Scheidelinie. Von der Idee als Bewegung her gedacht, ist die Musik allemal die bessere Hälfte der Architektur.

Beethoven wurde erkannt als Baumeister der Moderne. Er verband die strukturbildende Kraft der Ideen mit dem Thema der dauernden Bewegung und ist somit die Antwort auf die Eingangsfrage nach der Möglichkeit von Idee als Bewegung in Verbindung mit der musikalischen Architektur; freilich nur, wenn die Geschwisterschaft dieser beiden Künste erkannt wird.

Im dritten Teil der Frage nach Idee und Architektur soll angefangen werden, die solide Seite der Baukunst zu beleuchten. Wie kann Materie die Idee bergen, wenn dieselbe mit der Bewegung zusammen gedacht wird. So, wie die Musik eine Zeitkunst mit räumlichem Charakter ist, so ist die Architektur eine Raumkunst mit zeitlichem Charakter. Bauwerke unterliegen im Allgemeinen dem Thema der Dauer. Sie werden gestellt und müssen stehen bis man sie wieder abreißt. Moderne Nutzungsformen verkürzen die Dauer des Baus. Manche stehen nur einige Monate und werden temporär genannt. An die Zeit gekoppelt sind aber auch sie und müssen stehen, dürfen sich nicht bewegen.

Wandel und Veränderung werden als konstituierend gedacht für die Idee. Nicht das Festwerden ist das Wichtige, sondern das Entfesseln. Über die Entfesselung kann die Möglichkeit sich ergeben. Die Möglichkeit ist die geronnene Idee, die ihre potentiellen Wandlungen aufgegeben hat. Sie ist nur noch ein Schatten, eine wesenlose Hülle der Idee. Sie ist aber gleichzeitig die strukturbildende Kraft im Bauprozess, der Solidität fordert. Die Idee wird zur Möglichkeit und büßt ihre Bewegung ein. Der Beethovensche Weg zur Rettung der Idee-an-sich war nun, eine Möglichkeit der anderen gegenüberzustellen oder aber, der Möglichkeit eine Distanz zu sich selbst zuzuschreiben. Manche würden hier von Dekonstruktion und Dekonstruktivismus reden.

Dekonstruktion als Selbstdistanz, Gegenüberstellung und Begegnung untereinander kann das Bauwerk in Bewegung halten und nah an der Idee-an-sich bleiben. Es gibt aber noch einen weiteren Weg. Einen, der nicht das Vehikel der Möglichkeit nötig hat, die sich selbst destruiert. Einen nämlich, der die Idee entfesselt, der sie aus der Materie entlässt, die sie birgt.