Übergänge_Dorotheenstädtischer Friedhof
STERBE(R)(Z)EIT
BR(H)AUCHT
WI(E)DERSTAND
Von der Illusion der Perspektive …
„Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“. So sprach er, während er unter freiem, wenngleich stark bewölken Himmel saß und das Gespräch mit mir fortsetzte. Was er wohl nicht merken wollte, war die größtmögliche Distanz zwischen dem Gesprochenen und unserem momentanen Sein. Es ist schon ein großes Kunst-Stück (im Sinne von künstlich), in welcher Weise dieser Mensch entfernt war von der Welt, die er (ohne davon Notiz zu nehmen) mit mir teilte.
So war nicht nur seine Lautstärke unangemessen, sondern auch das Drängen, das unter dem Sprechen lag. Eine Art Subtext des Selbstvertrauens, der aus dem Gegenteil von Selbstbewusstsein gespeist wurde, dröhnte in meinem Inneren und blieb dabei doch für die Ohren unhörbar.
Seine Sätze glichen eher Attacken. Sie bäumten sich dabei nicht nur gegen mich auf, sondern verbliebenen als Dissonanzen im Raum. Sie wirkten als aggressive Implantate in einer Sphäre, die uns schweigend, ruhend und mächtig umgab. So begann ich bald, nicht mehr ihm, sondern der Welt zuzuhören.
Dieser Tag war schon seit dem Morgen etwas Besonderes. Es war so, als wolle er nicht wach werden, einfach nicht aus dem Bett kommen, die Vorhänge nicht aufziehen. Eine gewisse Dichte war ihm zu eigen. Sie hatte es zuvor schon schwer gemacht, zum Treffen zu fahren - jeder tritt in die Pedale viel doppelt schwer. Man musste sich förmlich durch einen Widerstand hindurch bewegen.
Auch im Sitzen am Treffpunkt wurde es nicht anders. Die Trägheit des Tages wälzte sich durch den Stadtraum. Sie ergoss sich unaufhörlich in die Räume und füllte sie langsam auf. Nur die Feuchte in der Luft korrespondierte mit der unausweichlichen Dichte dieser Atmosphäre.
Manchmal ist das verbindende Zwischen körperlicher als alle Subjekte und Objekte selbst. Man kann es dann fast mit den Händen greifen. Es umschließt einen vollkommen, wird quasi zur Materie und verliert seine Flüchtigkeit.
Das Zwischen ist dann wie die Finsternis, deren Grenze direkt am eigenen Körper entlangläuft. So, wie die Finsternis den Körper umschließt, so umschließt an diesen ganz besonderen Tagen das Zwischen hauteng alles in und außerhalb von ihm selbst. Nur, dass die Helligkeit dem Irrtum Vorschub leistet, die Grenze des Umschließens in die Ferne verlegen zu können. An diesen Tagen kämpft die Perspektive um ihre Macht und wehrt sich mit aller Vehemenz gegen die Entlarvung als Illusion.
So ist die Welt an solchen Tagen nicht weit, sondern eng. Sie zeigt nicht nur die Umschlossenheit der Menschen, sondern markiert damit auch das Terrain der Lebendigkeit schlechthin. Sie dringt auch in den Körper ein. Man atmet sie und wird davon satt. Ja, man kann sich an Luft überfressen!
Die Atmosphäre raubt die Ferne - und mit ihr die Vereinzelung. Sie löst das Subjekt auf, nicht indem sie es mit dem Objekt verschmilzt, sondern, indem sie es an ihre atmende, sättigende, pulsierende Textur verweist. Eine Textur, der man sich gewöhnlich in der Isolation des Verstandes entzieht. Einer Isolation, die mein Gegenüber Sätze sprechen lässt wie: „Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“.
Brasilianisches Fließen ...
G: In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.
G: Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen von Außen- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schön über den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.
G: Sicher trägt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefühl zu bekommen für diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Täuschung und Schein…aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.
G: Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernität, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des „Dass“ abstelle des „Was“ betont werden. Räumen, Lichten, Möglichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!
S: „…Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemüth, unsern eignen Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseyn…“
G: Schön, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass über sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinüber lässt. Ein Bauwerk also, das sich genügt in seinem „…schaffenden Leben“ und „ seiner Kraft dazuseyn“…(Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)
Olafur Eliassons neue Differenzen ...
Die „poetische Provokation“ in der Trias „Existenz-Wahrnehmung-Erscheinung“ sollte noch näher abgesteckt werden. Das Abstecken gleicht dabei einem weiträumigen und großzügigen Einhegen, denn nicht gefasst soll etwas werden, sondern bestenfalls beleuchtet. Es gilt also, mit der Schwierigkeit umzugehen, über etwas zu sprechen, ohne es dabei all seiner Möglichkeiten zu berauben. Etwas erklären also, ohne es festzulegen.
Es genügt hierfür nicht mehr, die „einfache Differenz“ prägend sein zu lassen. Eine neue Differenz muss her. Eine, die deutlich umfassender ist. Eine, die vielleicht gar nicht mehr Differenz heißt. Eine, die einer Dimension (freilich nicht euklidisch!) gleicht, in der das wirken kann, was Differenz als solche durchherrscht.
Diese würde sich nicht damit begnügen, ein Sprechen neben das andere zu stellen. Sie begnügte sich ebenfalls nicht damit, die Multiperspektivität als Endziel und letzte Bastion menschlichen Erkennens zu reklamieren. Sie begnügte sich auch nicht mit einer Totgeburt namens „Anything Goes“. Vielmehr muss ein “Sowohl als auch” zum Träger eines grundlegenden Unterscheidens werden.
Eine Lektion von Hegel aus Folge 12 (s.o.) scheint geeignet, in diese neue Differenz zu weisen – nämlich, dass eine Erscheinung zu jedem Etwas gehört und dass diese Erscheinung STETS das Andere seines Selbst ist. Dass ferner dieses jeweils UNENDLICH Andere den Wesenszug eines Etwas trägt, dass also das Etwas durch sein Anders-sein in seiner Existenz fassbar wird. Etwas existiert also nur durch die Unterscheidung, durch die Trennung von sich selbst. Diese Trennung ist dabei sein Wesenszug.
Die Erfahrung des Existierens ist wie eine Leihgabe. Geliehen von der Wahrnehmung der Anderen. Der Leihakt geschieht mit dem Mittel eines weiteren Anderen. Doppeltes Anderes. In der Existenz sich selbst STETS fremd und vom Fremden umstellt. Hier kann man soweit gehen anzunehmen, dass Bewusstsein nur außerhalb von Etwas existiert. Dass wir unsere Bewusstheit in eine Dimension projizieren, die außerhalb von uns liegt.
Nehmen wir eine Ausstellung, die derzeit im Berliner Gropiusbau läuft. „Innen Stadt Außen“ thematisiert diese Erfahrungen einer umgebenden, nicht-euklidischen Dimensionalität, eines existenzialen Leihaktes, der sich durch Wahrnehmung manifestiert. Auch die Wichtigkeit einer Matrix, einer dritten Ebene, einer Projektionsfläche wird deutlich.
De-Kontextualisierung ist z.B. das leibliche Zaubermittel, das den Besucher die Härte der obligatorischen Granit-Gehwegplatten erst im musealen Kontext ge-hören lässt. Eine Adaption des Höhlengleichnisses er-möglicht das Eigene durch das Andere des Schattens auf der Wand zu begreifen. Ein Blick aus dem Fenster gerät zur Innenschau, nachdem der übergroße Spiegel an der Fassade erkannt ist. Aus einem Nebel schälen sich langsam Konturen und verschwinden wieder.
Diese nebulösen Übertritte eines Anderen in die Wahrnehmung machen die Leihgabe als Verkehrsform des Menschen sehr deutlich. Übertritte sind nur durch das Andere möglich. Der Nebel spricht für die weitgehendste Art davon. Er füllt ein Zwischen. Dieses Zwischen bleibt leer. Er ist da und gleichzeitig unbeschrieben. Der Nebel er-möglicht dem Anderen dessen Erscheinung quasi in Zeitlupe. Er verbindet durch eine Leere, die gleichzeitig Fülle ist. Das Verschwinden des Anderen wird deutlich durch seinen Übertritt. Es ist schon vorher da, jedoch noch-nicht im Anderen durch sein Anderes.
Das Andere seiner selbst ...
G: Menschliche Wahrnehmung ist wolkig. Sie ist eher liquid als fest – ist flüssig. Nichts wäre so falsch, wie überzeugt zu sein, dass etwas Beständiges im unserem Wesen wäre. Das ist auch die stets zu lernende Lektion. Baukunst als Möglichkeit meint, den Menschen im Selbstwandel zu halten; sein Dasein mit dem Dasein selbst klar zu machen, ihm die Möglichkeit zur Wahrnehmung zu geben.
G: Stimmung, Gestimmtheit, Wahrnehmung, Wandel wird im Ereignis deutlich. In welchem ist dabei nicht von Belang. Es geht um das Ereignen selbst, das zur Präsenz Kommen, das Gewahr-werden, das in die Unverborgenheit Kommen.
G: Ein Bauwerk ereignet sich nicht nur einmal. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass ein realisiertes Gebäude etwa nur fest stünde. Selbst der banalste Zweckbau wird atmosphärisch umspielt und in gefühlter Bewegung gehalten von Licht, Temperatur, Geruch und Klang.
G: Poetisch wird der Bau, wenn er eine fließende Bewegung, eine Brücke zur dauernden Öffnung in die Unverborgenheit wird. Dann hat er die üblichen Sinnlichkeiten (s.o.) nicht mehr nötig, sondern steuert den Zustand des Anderen seiner selbst an.
N: „…Alle Poesie unterbricht den gewöhnlichen Zustand – das gemeine Leben, fast, wie ein Schlummer, um uns zu erneuern – und so unser Lebensgefühl immer rege zu halten…“ (357)
G: Das Andere seiner selbst wäre beispielsweise die noch nicht gewährte Gewahrung und auch die nicht mehr Währendheit. Das Andere seiner selbst ist der Wirkung habende „Zustand“ des zur Präsenz Kommen-Könnens. Das Kunstwerk „lebt“ ausschließlich vom Anderen seiner selbst. ArchiPoesis meint hier, das Bauwerk als Kunst zu entfesseln.
N: „…Eine Oper, ein Ballet sind in der Tat plastisch, poetische Konzerte – Gemeinschaft. Kunstwerke mehrerer plastischer Instrumente / Tätiger Sinn des Gefühls / Poesie…“ (364)
G: Alles stimmt zusammen auf dem Weg zum Anderen seiner selbst. Die Kunst ist nie getrennt. Nur der abendländische Mensch dachte daran, sie in bildend und darstellend aufzuteilen.
N: „…196. Plastik, Musik und Poesie verhalten sich wie Epos, Lyrik und Drama. Es sind unzertrennliche Elemente, die in jedem freien Kunstwesen zusammen, und nur, nach Beschaffenheit, in verschiedenen Verhältnissen geeinigt sind…“ (354)
G: Anleitung zur Baukunst als Möglichkeit. Der Leib als Instrument, als Saite, die angeschlagen wird.
N: „…Je ruhiger der Geist sein will – je regsamer – desto mehr muss er dem Körper zu gleicher Zeit auf geringfügige Weise zu beschäftigen suchen. Er ist gleichsam die negative Kette, die er auf den Boden herablässt, um desto tätiger und wirksamer zu werden – Musik – Essen, oder reizende Mittel überhaupt – schöne Bilder für das Auge – Gerüche – Frottieren oder Herumgehen…“ (369)
Plädoyer für das Unvollständige ...
G: Stimmungen wirken als Wie des menschlichen Daseins. Sie sind zu verstehen als Art Grammatik, als Matrix oder Medium, um Welt wahrnehmen zu können. Hier sind sie also ganz anders verstanden als üblich. Nicht gedacht als Abfallprodukt des Verstandes, als animalische und instinkthafte Restspur, sondern als bedingende Größe des Lebendigseins.
H: „…(Die Stimmung, CJG) ist das, was dem Dasein von Grund auf Bestand und Möglichkeit gibt…“ (101)
G: Stimmungen sind da. Mit uns und nicht durch uns. Auch vor uns und hinter uns. Größer und umfassender als jeder Einzelne selbst.
H: “…Stimmungen tauchen nicht im leeren Raum der Seele auf und verschwinden wieder, sondern das Dasein als Dasein ist immer schon von Grund auf gestimmt. Es geschieht nur immer der Wandel der Stimmungen…“ (102)
G: So vielfältig wie die Stimmungen, sind auch ihre möglichen Wirkungen auf den Menschen. Nie sind sie ganz und gar, nie rein, nie fassbar, nie festlegbar. Das aber ist kein Mangel, sondern der Garant für das Menschliche schlechthin.
N: „…Nur das Unvollständige kann begriffen werden – kann uns weiterführen. Das Vollständige wird nur genossen…“ (348)
G: Die Stimmung birgt das Mögliche. Sie hält uns in die Möglichkeit hinein.
G: Erneute Umwertung der Werte. Das Sein selbst, das nackte Das des Existierens, bestimmt die Organhaftigkeit des Menschen und nicht umgekehrt. D.h., das Wesen des einzelnen Menschen ist nicht eine Art Abfallprodukt seines Körpers / seiner Organe, sondern umgekehrt werden die Organe in Form und Funktion gebracht für die Wahrnehmung des eigenen Seins. Die Stimmung macht den Menschen erst möglich. Sie ist nicht die Folge des Körpers, sie ist seine Voraussetzung.
N: „…163. Realisierung der Theorie. Fühlbarkeit des Gedankens. Gesetz – gefühlter Gedanke…“ (348)
G: Gestimmt-sein heißt, in permanentem Wandel zu sein. Menschen-Handeln ist Möglichkeiten-Handeln. Deshalb entarten logisch-technische Welten allzu oft in Beharrungs-Welten. Die Beharrung aber ist die Abwendung vom menschlichen Wesen.
G: Poetische Welten sind die des Wandels. Sie verweisen in die Möglichkeit. Sie sind treue Weggefährten der Gestimmtheit und der Stimmungen.
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 29/30, Frankfurt am Main 2004)
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
Fährten-Dienste ...
G: Nehmen wir ein Zimmer. Es ist ohne Möbel, etwa 4 x 6 m groß und relativ hoch, vielleicht 3,5 m. Die Wände glatt verputzt und weiß gestrichen. Der Boden ist mit Dielen ausgelegt. Sie sind abgezogen und versiegelt. Es gibt zwei mittelgroße Fenster, deren Rahmen weiß gestrichen sind.
G: Manche Besucher fühlen sich gut, manche sind irritiert. Man hört gut – für manche zu gut. Man sieht gut. Es ist hell -für manche zu hell. Das Zimmer ist leer und doch hat es eine Fülle. Eine Fülle, für die die Augen blind sind. Manchmal stehen mehrerer Besucher im Zimmer, auch dann wird die andere Fülle nicht weniger. Sie lässt sich nicht verdrängen, nicht zusammendrücken.
G: Es ist etwas anderes im Zimmer, etwas nicht Sichtbares. Es ist das Andere des Zimmers. Das Andere des Zimmers kommt nicht vom Besucher. Es kommt vom Zimmer. Man wird angesprochen und spricht nicht selbst. Das Andere wird gespürt. Es ist einer Stimmung gleich.
G: Stimmen und gestimmt sein – gestimmt werden. Das Andere hat eine Stimme und stimmt die Besucher ein. Die Stimmung ist anwesend, sie ist präsent und umgibt den Besucher.
G: Das Zimmer stahlt einen spürbaren „Subtext“ aus. Eine Ebene, die die Welt der euklidischen Geometrie übersteigt. Diese Ebene wird wahrgenommen und entfaltet eine deutliche Wirkung. Sensible Naturen lassen sich stark von ihr einnehmen, manche sind trainiert, sie nicht zu spüren. Sie begnügen sich dann mit dem, was „sachlich“ genannt wird.
G: Das Andere ist freilich abwesend. Seine Abwesenheit entfaltet aber eine große Präsenz. Stimmung und Präsenz gehören zusammen und werden gespürt.
H: „…Sie (Stimmungen, CJG) sind Weisen des Daseins und damit solche des Weg-seins. Eine Stimmung ist eine Weise, nicht bloß Form oder Modus, sondern eine Weise im Sinne einer Melodie, die nicht über dem sogenannten eigentlichen Vorhandensein des Mit schwebt, sondern für dieses Sein den Ton angibt, d.h. die Art und das Wie seines Seins bestimmt…“ (101)
G: Zugänge zu Stimmungen legen, heißt poetische Fährten legen. Poesie ist auch der Übergang zum jeweils Anderen. Architektur entfaltet ihre Poesie über diesen „Fährten-Dienst“, der auch ein „Dienst“ an der Stimmung ist.
G: Das ist ein weiterer Weg für die Baukunst als Möglichkeit, nicht selbst das Andere sein zu wollen, sondern dem Anderen zu dienen, seine Abwesenheit präsent werden zu lassen.
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 29/30, Frankfurt am Main 2004)
Wolken-Mut ...
G: Nehmen wir die Wahrnehmung als Poesie, nehmen wir sie als poiesis – „Erschaffung von“. Erschaffung ist hier nicht verbunden mit dem Stellen – etwa eines Dinges, einer Isoliertheit neben die andere. Erschaffung meint Bergen. Bergen als Angesprochen-werden-können. Angesprochen-werden-können im Zwischen.
G: Zwischen meint die Sphäre als Lebensraum des Menschen; meint Sphäre als das Offene zwischen Himmel und Erde, das der Mensch durchmisst. Zwischen meint Gewährung bzw. Gewähren-lassen-können durch die Wahrnehmung.
MP: „…dass der Mensch nicht eine Seele und ein Leib ist, sondern eine Seele mit einem Leib, der deshalb zur Wahrheit der Dinge Zugang hat, weil sein Leib wie in sie hineingetrieben ist…“ (24)
G: Die Wahrnehmung als Poesie wäre reine Möglichkeit, die durch den Menschen in die Wirklichkeit gehalten wird, ohne in ihr zu erstarren. Nur im Zwischen kann die Wahrnehmung gelingen. Sie kann nur gelingen als Wandel und die Möglichkeit zum Wandel. Wandel und Werden bekommen eine Form – und die Form heißt Poesie.
G: Wäre Baukunst als Möglichkeit dann Er-möglichung von Wahrnehmung oder könnte sie selbst zur Wahrnehmung werden? Wie würde eine Baukunst sich stellen, die selbst Wahrnehmung wäre, die selbst Poesie wäre?
G: Befragen lassen könnte sich ein solches Gebäude nicht herkömmlich. Eine Sprache müsste gefunden werden. Der Nutzen, die Funktion, die Rentabilität, die Ordnung hätten in einer solchen Sprache keine Ent-sprechung. Ein solches Gebäude wäre eine Zu-mutung. Es gehörte Mut dazu.
G: Eine Baukunst als Möglichkeit wäre nicht fest, nicht berechenbar; sie wäre wandelnd; sie wäre ansprechbar; sie würde nicht stehen bleiben; sie wäre auf eine neue Weise technisch; sie würde atmen, könnte anschwellen und schrumpfen; sie wäre ohne Kontur; sie ließe sich nicht ausrechnen; sie gediehe in der Luft; sie wäre einer Wolke gleich; sie wäre grenzenlos; sie wäre Form wozu; sie wäre ihr anderes – zu jeder Zeit; sie wäre bergend und entborgen – zu jeder Zeit…
G: Baukunst als Möglichkeit wäre geknüpft an den Wandel, das Werden, das Fließen. Sie wäre das Diffuse in ihrer Ordnung. Sie wäre paradoxal im besten Sinne. Sie wäre nomadisch, wäre im inneren Exil, in innerer und äußerer Nomadisierung. Sie wäre wie ihr eigener Schatten. Eine Gravitation in sich selbst. Ein schwarzes Loch. Eine blühende und sich selbst verzehrende Größe. Ein Aufbäumen und Zusammenfallen in einem Zuge.
G: All das könnte Baukunst vielleicht sein, stellte sie sich selbst (dar) als Wahrnehmung. Wie lebte es sich in einem solchen Bauwerk? Welche Maßstäbe könnte man anlegen, welche Fragen könnten gefragt werden?
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Causerien 1948, Eichenau 2006)
Die ungehorsame Schwester ...
G: Eine entscheidende Überkreuzung von Architektur und Poesie zeigt sich in der menschlichen Wahrnehmung. Steht sie allein im Zentrum des Denkens, ist sie nämlich geeignet, die traditonsbeladene Wahrheit zu verdrängen. Sie steht damit auch als Wegmarke und beschreibt einen Ausweg aus den Doktrinen eines rationalitätsfixierten Akademismus.
G: Nicht der beliebig reproduzier-, teil- oder mathematisierbare Begriff, der sich zur Universalität aufschwingt, gliedert den Zugang von Mensch und Welt, sondern ein höchst dynamisches, strengstens augenblickliches Geflecht. Eines, das nicht weniger absoluten Charakter hat, jedoch eine weitaus höhere Bandbreite offen hält, als es die freiwillige Selbstbeschränkung der Vernunft zu leisten in der Lage wäre.
MP: „…Das Ding stellt sich nicht schlechthin als wahr für jedes erkennende Wesen dar, sondern als wirklich für jedes Subjekt, das meine Wahrnehmungssituation teilt…“ (36)
G: Wahrnehmung tritt an die Stelle von Wahrheit.
G: Wirklichkeit tritt an die Stelle von Gesetz.
G: Begriffe müssen kapitulieren vor der Wahrnehmung, denn sie reichen nicht hin zu deren unmittelbarem Charakter (siehe hier ein Selbstversuch anhand der Beschreibung eines Musikerlebnisses mit Jean Sibelius).
G: Wie ist es mit der Poesie? Sie sah sich oft mit dem polemischen Postulat des bloßen Irrationalismus konfrontiert, denn Sie bedient sich bestenfalls begrifflicher Hülsen und nicht der Begriffe selbst. Insofern war sie schon immer die ungehorsame Schwester der Vernunft und sie war dabei ihre bessere Hälfte.
N: „…Die Poesie löst fremdes Dasein im Eigenen auf…“ (325)
G: Die Poesie hilf, Begriffe kollabieren zu lassen. Sie wirkt wie die Hitze, die dem Wasser ermöglicht, sich in Dampf zu transformieren. So wie das Wasser, nimmt der Begriff eine andere Form an. Er öffnet sich, in dem er ins dynamische, strengstens augenblickliche Geflecht einer neuen Wahrnehmbarkeit zurückkehrt.
MP: „…So wie die Wahrnehmung eines Dinges mich dem Seienden gegenüber öffnet, in dem sie die paradoxe Synthese einer Unendlichkeit von wahrnehmbaren Aspekten verwirklicht…“ (52)
G: Wie wäre es, die Wahrnehmung als menschliche Befähigung ernstzunehmen, vorreflexiv und damit wirk-lich selbst an der Welt Teil zu haben? Wie wäre es, den damit einhergehenden, multiperspektivischen Zustand zum Ausgangspunkt einer Architektur zu machen? Wie wäre es, die Suche nach Logik, Ordnung und Geschichte zu unterlassen? Wie wäre es, Architektur zu machen, die die Wahrnehmenden in ihrem poetischen Potential hält?
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Das Primat der Wahrnehmung, Frankfurt am Main 2003)
Die nackte Präsenz ...
MP: „…Welt (…) als universaler Stil jeder möglichen Wahrnehmung…“ (34)
G: Nehmen wir Merleau-Ponty beim Wort. Dieses Wort nämlich kann den Weg weisen für eine dichterische Architektur. Wenn das Wohnen ein Wesenszug des Dichtens ist und umgekehrt das Dichten in seinem Durchwalten des öffnenden Zwischen den Menschen bauend auf der Erde hält, dann sollte sich Baukunst als eben dieses öffnende Zwischen begreifen.
G: Es ginge in einer solchen Baukunst um die Möglichkeit; es ginge in ihr um Unklarheit im Ganzen, die die temporäre Klarheit des Teiles erst entstehen lässt; es ginge in ihr darum, zum Wohnen zu kommen – selbst dazu zu kommen. Es ginge um Ermunterung, um Ent-deckung.
N: „…Lessing sah zu scharf und verlor dabei das Gefühl des undeutlichen Ganzen, die magische Anschauung der Gegenstände zusammen in mannigfaltiger Erleuchtung und Verdunkelung…“ (326)
G: Das Bauen bliebe auch beim fertigen „Produkt“ ein Weiter-Bauen. Es bliebe ein Angebot. Es wäre dem Menschen gleich, indem es zur Teilhabe einlüde am verbindenden Wesenszug des Entwerfens. Es ermöglichte Wahrnehmung und damit den schöpferischen Zugang zur Welt – zum in der Welt sein.
N: „…zur Welt brauchen wir den Entwurf – dieser Entwurf sind wir selbst …“ (329)
G: Architektur kann ihr dichterisches Potential dann entfalten, wenn sie zum Angebot wird, wenn sie einlädt zum Perspektiven-Werfen, wenn sie darauf verzichtet, selbst die bestimmende Perspektive vorzugeben.
G: Das öffnende Zwischen ist die lebendige „Sphäre“, ist ein Ganzes im steten Wandel. Mit der Wahrnehmung haben wir den Zustand, der das Ding „umgibt“, der es uns erscheinen lässt. Wir haben das Wahrzunehmende dann in seiner nackten Präsenz; wir haben es weit vor dem, was eine spätere Begriffsarbeit uns gibt.
MP: „…Die Wahrnehmung wird hier verstanden als Bezugnahme auf ein Ganzes, das prinzipiell nur durch bestimmte seiner Teile oder Aspekte erfassbar ist…“ (32/33)
G: Eine Dichtung könnte die Architektur uns werden, wenn sie sich als Ermöglicherin dessen begriffe, *dass* etwas da ist, auf das reagiert werden kann.
N: „…Das Leben oder das Wesen des Geistes besteht also in Zugang, Gebährung und Entzug seines Gleichen…“ (329)
(N: Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrichs von Hardenberg, Band 2, Darmstadt 1978)
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Das Primat der Wahrnehmung, Frankfurt am Main 2003)
Zwischen-Bergungen ...
G: Im Menschen selbst findet die Verbindung statt von Poesie und Architektur. Das hat Heidegger entlang an Hölderlin entfaltet. Die Frage wäre nun noch, wo oder worin die Interaktionen zwischen den beiden wesenhaften Milieus passieren.
H: „…Das Aufschauen durchmisst das Zwischen von Himmel und Erde. Dieses Zwischen ist dem Wohin des Menschen zugemessen…“ (198)
G: Das Zwischen ist nicht leer; es ist aber auch nicht offenkundig. Es ist eine zur Offenkundigkeit fähige „Matrix“. Das Zwischen ist die verborgene Fülle. Es ist die „Bedingung der Möglichkeit“ schlechthin. Es ist die Basis für das Da-sein-können.
H: „…Dieses Durchmessen unternimmt der Mensch nicht gelegentlich, sondern in solchem Durchmessen ist der Mensch überhaupt erst Mensch…“ (199)
G: Wesenhaft ist es also, zu tun bzw. tun zu können.
H: „…Das Wohnen des Menschen beruht im aufschauenden Vermessen der Dimensionen, in die der Himmel so gut gehört wie die Erde (…) Die Vermessung des menschlichen Wesens auf die ihm zugemessene Dimension bringt es in seinen Grundriss…“ (199)
G: Das Maß-nehmen geht einher mit dem Stellen und Setzen. Aber die größte Maß-nahme ist es, das Nehmen-können selbst zu ermessen. Hier geraten die Dichter und Architekten in die Nähe zum Unaussprechlichen. Dieses kann nicht be-nannt werden, es hat keinen Namen, kein Wort dann es fassen – und doch: es ist da.
H: „…Im Dichten ereignet sich, was alles Messen im Grunde seines Wesens ist…“ (200)
G: Der Dichter erhält das Unausgesprochene. Er erhält und hütet es förmlich. Dichtung lebt vom behutsamen Stellen der Sprache um das Verborgene seiner Ermöglichung herum.
H: „…Das Dichten ist die im strengen Sinne des Wortes verstandene Maß-nahme, durch die der Mensch erst das Maß für die Weite seines Wesens empfängt…“ (200)
G: Dichter halten das Mögliche der Sprache in ihre Präsenz. Architekten stellen das Mögliche des Daseienden in seine Präsenz.
G: Dichter wie Architekten sind in Erstarrungstechniken geübt. Sie operieren mit den Restspuren von Entbergungs- und Offenbarungspräsenzen. Striche von Buchstaben und Striche von Zeichnungen ähneln sich in diesem Punkt.
D: „…Einerseits stellt sie (die Schrift, CJG) (…) die Anstrengung dar, sich symbolisch die Präsenz wieder anzueignen. Andererseits besiegelt sie eine Vertreibung (…) Der Entzug der Präsenz ist die Bedingung der Erfahrung, das heißt der Präsenz…“ (285)
(H: Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch…“; In: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt am Main 2000)
(D: Jacques Derrida: Grammatologie; Frankfurt am Main 1983)
Interfaces ...
G: Wie lassen sich Architektur und Poesie zusammen denken? Was hat das flüchtige und stets wandelbare Milieu der Sprache zu tun mit der festen, soliden und statischen Lastigkeit von Baukörpern?
H: „…das Dichten lässt das Wohnen allererst ein Wohnen sein. Dichten ist das eigentliche Wohnenlassen. Allein, wodurch gelangen wir zu einer Wohnung? Durch das Bauen. Dichten ist, als Wohnenlassen, ein Bauen…“ (193)
G: Der gemeinsame Nenner der beiden „Pole“ Architektur und Poesie oder hier bei Heidegger Dichten und Wohnen ist ihre Verfasstheit, ist ihr Wesen. Das menschliche Leben vollzieht sich wesenhaft. Diese unausgesprochene Basis ist es, die eine vitale Schnittstelle bildet zwischen vermeintlich flüchtigen und festen Zuständen. Der Mensch ist quasi das Bindeglied, er ist die leibhaftige Schnittstelle und auch das Interface, das in alle Richtungen agieren kann; sendend wie empfangend, wenn man das mechanistisch sehen will.
H: „…Allein, woher haben wir Menschen die Auskunft über das Wesen des Wohnens und des Dichtens? (…) Die Sprache winkt uns zuerst und dann wieder zuletzt das Wesen einer Sache zu…“ (193/194)
G: Die Sprache ist kein bloßes Kommunikationswerkzeug bei Heidegger. Um hier mitzugehen, sollte man vermeintliche Kausalitäten vermeiden und das Lebendige selbst als ein Fließen verstehen, denn als ein Festlegen und Beharren in Sinne des modernen Wissenschaftsmenschen. Es geht nicht um richtig oder falsch, logisch oder unlogisch, real oder irreal. Er geht bestenfalls stets um alles gleichzeitig und noch viel mehr darüber hinaus.
H: „…Das gewöhnlich und oft ausschließlich betriebene und darum allein bekannte Bauen bringt zwar die Fülle der Verdienste in das Wohnen. Doch der Mensch vermag das Wohnen nur, wenn er schon in anderer Weise gebaut hat und baut und zu bauen gesonnen bleibt…“ (195)
G: Bauen wird hier ähnlich aufgeweitet wie die Sprache. Bauen ist nicht nur das Setzen eines Steines auf den anderen oder das Verputzen der Wände. Das Wesen des Bauens soll berührt werden. Es steht zusammen mit dem Menschen auf der Erde. Poesie ist nicht allein im Reich der Gedanken verortet. Sie hat auch eine Erdung, sie ist auch fleischlich, sie ist wesenhaft ausgreifend.
H: „…Dieses (das Wesen des Dichtens, CJG) überfliegt und übersteigt die Erde nicht, um sie zu verlassen und über ihr zu schweben. Das Dichten bringt den Menschen erst auf die Erde, zu ihr, bringt ihn so in das Wohnen…“ (196)
G: Der Mensch selbst erscheint als multiples Interface auf der Schnittstelle zwischen Dichten und Bauen, zwischen Poesie und Architektur. Ihm sind Interaktionsformen möglich, weil er sich ansprechen lassen kann vom Wesenhaften, das dem Bauen und Dichten innewohnt.
(H: Martin Heidegger: „…dichterisch wohnet der Mensch…“; In: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt am Main 2000)
Grenzwesen ...
G: Was ist denn eigentlich das Spannende an Wittgenstein? Er hat sich nicht daran gemacht, ein komplexes, gedankliches System zu errichten. Er schottete sich nicht in einem intellektuellen Dickicht ab. Er dachte in Fragmenten. Sein Denken lässt den Leser in sich hinein. Es hat genügend Weite, um die aufgenommenen Fragmente durch eigene zu ergänzen. Meistzitiert ist er unter den Autoren des 20. Jh. Kein Wunder, denn er ist ganz nah dran an uns Menschen. Er legt nicht nur die Hand auf den Puls des Subjektiven, sondern schaffte es, die eigenen Herzschläge mit denen seiner künftigen Leser zu synchronisieren.
G: Wittgenstein hatte keine Angst davor, sich zu entblößen. Die Verquickung des lebendigen Ganzen seiner selbst mit dem philosophischen Denken, lassen ihn immer noch zeitgemäß sein. Die Zweifeln, Kämpfe und Hoffnungen sind Eckpfeiler in seiner Arena, die auch unsere ist. Der Doppelnatur (Geist, Materie) dieses Kulturraums versuchte er, eine neue Richtung zu weisen. Den allmächtigen Intellekt und seinen Diener, die Sprache, brachte er hierzu in etlichen Bewegungen immer und immer wieder an seine Grenzen. Er versuchte, mit der Sprache über die Sprache hinauszukommen bzw. die Grenzen der Sprache und damit auch die Grenzen des Intellekts zu bestimmen.
W: „…Es ist merkwürdig, dass wir das Gefühl, dass das Phänomen uns entschlüpft, den ständigen Fluss der Erscheinung, im gewöhnlichen Leben nie spüren, sondern erst, wenn wir philosophieren…“ (S. 83)
G: Man sollte nicht soweit gehen, die oben beschriebene Doppelnatur (Geist, Materie) gänzlich zu verdammen. Zu lange schon sind wir im Abendland auf diesem Weg. Wir brauchen die Reflexion, das reine Geistgeschöpf, um mit uns selbst und anderen Menschen zu interagieren. Darauf gründet unsere Kultur. Auf die Balancen zwischen Geist und Fleisch kommt es an.
S: „…Das Wirkliche für das reflektirte Erkennen wird bloß gesetzt durch Begrenzung, denn es wird für das reflektirte Erkennen bloß gesetzt, sofern es in der Zeit gesetzt, d.h. unter dem Begriff der Dauer gedacht wird. So wie also die unendliche Möglichkeit der Wirklichkeit in der absoluten Realität, so liegt die Wirklichkeit in dem, was absolute Nicht-Realität – bloße Grenze ist…“ (Band 6, S. 520/52)
G: Ins Verhältnis kommen zu etwas, das nicht ich ist. Hier zeigt sich eine grundsätzliche intellektuelle Bewegungsart. Grenzwesen und Zwischenexistenzen scheinen wir zu sein. Klar wird, dass wir etwas begegnen. Es muss uns also vorhanden sein. Dass es da ist, bringt uns zum Reflex, sei er nun körperlich oder geistig. Da-sein muss nicht unbedingt verbunden werden mit etwas Konkretem. Wirk-lich, also Wirkung-habend kann auch etwas sein, das keine konkret vorhandene, dingliche Basis hat. Nehmen wir beispielsweise eine Erinnerung, die Freude auslöst.
S: „…Die Dauer ist nichts anderes als ein fortgehendes Setzen seines (des Dinges, CJG) Allgemeinen in sein Concretes. Vermöge der Beschränktheit des letzteren ist es nicht alles und in der That auf einmal, was es seinem Wesen oder seinem Allgemeinen nach seyn könnte…“ (Band 5, S.376)
G: Hier scheint die Doppelnatur (Geist, Materie) wieder auf und wird von Schelling weiter nach vorn gedacht. Jedes Ding hat tieferes Potential in sich. Wenn es in einer anderen Form gewahrt wird, als der der beschränkten Zeitlichkeit, kann es sich zeigen. Dieses Potential ist nur zu erfahren durch unsere Verfassung als Grenzwesen und Zwischenexistenz.
Zitate:
S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 2, Frankfurt am Main 1984
Gedanken-Seefahrer ...
G: Was bleibt den sensiblen Seelen anderes, als Gedanken-Seefahrer zu werden; als sich hinauszuwagen in das Offene, in dem der Wind der reinen Möglichkeit weht? Luft holen und frei durchatmen können diese wenigen Begabten nur auf solcher See und in einem Zustand, der sie über Wasser hält und trägt – aber nicht im festen Sinne trägt, sondern in einem überleitenden. Nur in Booten, besser in Nussschalen, sind die sensiblen Seelen gut aufgehoben. Dort fehlt die Illusion der Festigkeit und der Boden unter den Füßen bleibt bewegt.
W: „…Gefühl der Unwirklichkeit der Umgebung. Dies Gefühl habe ich einmal gehabt, und Viele haben es vor dem Ausbruch von Geisteskrankheiten. Alles scheint irgendwie nicht real; aber nicht, als sähe man die Dinge unklar, oder verschwommen; es sieht alles so aus wie gewöhnlich…“ (S. 32)
G: Das Meer der Möglichkeiten ist weit und tief. Man kann darin ertrinken. Vor dem Ertrinken muss der Gedanken-Seefahrer sich schützen. Teil hat er am Unendlichen. Er verstrickt sich dabei nicht in Widersprüche, denn wissen muss er nichts von Unendlichkeit – er hat sie in sich!
N: „…In des Wonnemeeres
wogendem Schwall,
in der Duft-Wellen
tönendem Schall,
in des Weltathems
wehendem All —
ertrinken — versinken —
unbewusst — höchste Lust!…” (S. 140)
G: Im Boot herrscht die Möglichkeit. Sie tritt mit gleichem, festen Blick an die Seite der Wirklichkeit. Wirklich ist nur der dünne Film, die Oberfläche, die Haut, auf der das Boot tanzt. Die sensiblen Seelen sind hier wie Wasserläufer. Sie sinken nicht ein, spüren aber die Bewegung deutlich. Seekrank werden sie dabei nie – im Gegensatz zu den Landratten, die sich nur ab und an und nur in Ufernähe ins Boot wagen.
G: Sollen Menschen wie Wasserläufer sein und auf einem hauchdünnen Film tanzen zwischen den Unendlichkeiten des Meeres unter ihnen und den Unendlichkeiten des Himmels darüber? Vehikel brauchen sie zu solchen Seefahrten. Sie scheinen nicht von Natur dazu geschaffen, Wasserläufer zu sein. Auch sind sie gebannt an die Oberfläche, auf der ihre Vehikel fahren. Sie trägt den Namen Wirklichkeit.
G: Viele bleiben lieber an Land. Sie sehen nur hinaus aufs Meer und umstellen sich, bauen Dämme. Sie suchen die Sicherheit oder die Illusion davon. Eine Kultur der freiwilligen Selbstbeschränkung macht das leicht. Wer ist eigentlich der Phantast? Derjenige, der die permanente Bewegung spürt und dafür belächelt wird oder derjenige, der sie weitgehend ausblendet?
P: (neuer Mitspieler) „…Denn, was ist zum Schluss der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All. Unendlich weit entfernt von dem Begreifen der äußersten Grenzen, sind ihm das Ende aller Dinge und ihre Gründe undurchdringlich verborgen, unlösbares Geheimnis; er ist gleich unfähig, das Nichts zu fassen, das ihn verschlingt…“ (S. 41)
G: Eine Mitte zwischen Nichts und All ist der Mensch, sagt P. Auf dem dünnen Film unter seinen Wasserläuferfüßen ist er ein Grenztänzer, kein Überschreiter. Seine Vehikel kann er bauen und auch die Unterschiede ahnen, in die sein Zwischen ihn zu allem Übrigen stellt.
Zitate:
N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, Band 1; München 1999
P: Blaise Pascal: Pensées. Über die Religion und über einige andere Gegenstände; Wiesbaden 2001
W: Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe; Band 7, Frankfurt am Main 1984
Windkleider ...
Das Schneiderhandwerk zeigt viel. Etwas wird bekleidet oder verhüllt – z.B. mit Stoff. Dazu nimmt der Schneider Maß, handelt taxierend und prüfend. Sein Werk braucht das Andere. Das Andere kann lebendig sein – z.B. ein menschlicher Körper. Es kann auch künstlich und leblos sei – z.B. eine Schaufensterpuppe. Die Kreation ist weitgehend frei. Das Andere nicht, es muss stabil, fest, berechenbar bleiben. Sonnst gelingt das verhüllende Werk nicht. Könnte es auch eine Kleidung geben, ohne das zu Verhüllende?
Was ist mit dem Wind? Er ist da, nur nicht zu sehen. Er hat selbst keine Form. Er wird nur sichtbar durch ein Anderes. Wenn ein Tuch in den Wind gehängt wird, macht es jede Bewegung sichtbar, wie die große Deutschlandfahne vor dem Reichstag. Der Wind bekommt dann eine Form, verhüllt ist er allerdings nicht. Kein Schneider könnte ein Kleid für den Wind herstellen. Die Vorstellung reicht dazu nicht aus.
„…Die Physik unterscheidet sich von der Phänomenologie dadurch, dass sie Gesetze feststellen will. Die Phänomenologie stellt nur die Möglichkeiten fest…“ (Ludwig Wittgenstein: Wiener Ausgabe. Studientexte Band 1-5; Zweitausendeins-Ausgabe; Frankfurt am Main 1994; S. 4)
Bei einem Drachen liegt der Fall anders. Er ist durch seine Konstruktion schon in eine Form gebracht. Er benutzt den Wind. Er verhüllt ihn nicht. Der Drache ist wie ein Probeballon, der ins unbekannte Andere fliegt. Er ist ein Fingerzeig der eigenen Vorstellung, mehr nicht. Er ignoriert das Andere, obwohl er es braucht. Vielleicht aber ist der Drache das einzig Mögliche angesichts des form-fordernden Anderen, das Wind genannt wird?
“…Der Wind ist in Ordung, solange er seine Stelle kennt und nicht versucht, die Rolle eines Baumes zu spielen…” (Ebd., S. 96)
Mit dem Wind hat man es auch in der Philosophie zu tun. Das Andere ist da. Der Mensch steht ihn gegenüber und ist gleichzeitig Teil von ihm. Begriffe man die Philosophie als Schneiderhandwerk, dann wären Worte Stoffe und Philosophen Schneider. Ein Kleid gälte es herzustellen für das hochbewegte Andere, das Welt oder Dasein heißt.
Etwas umkleiden zu wollen, dessen Form nicht feststeht, wäre die Aufgabe. Der Auftraggeber bleibt im Hintergrund. Sein Wunsch war allerdings so nachdrücklich, dass sich schon etliche Schneider-Generationen daran probiert haben. Abfallen würde das ein oder andere Stückwerk dabei. Allerdings hätte es nur indirekt mit dem Auftrag zu tun und dürfte den Kunden nicht zufrieden stellen.
„…Ein Gegenstand darf sich in gewissem Sinne nicht beschreiben lassen (…) D.h. die Beschreibung darf ihm keine Eigenschaften zuschreiben, deren Fehlen die Existenz des Gegenstands selbst zunichte machen würde. D.h. die Beschreibung darf niemals aussagen, was für die Existenz des Gegenstandes wesentlich wäre…“ (Ebd., S. 6)
Wenn das Wesen der Dinge ein einziges wäre, könnte es wie der Wind sein. Sein Anderes macht es nur sicht- aber nicht formbar. Die Suche nach seiner Form bringt allerdings permanent neues Anderes hervor.
Der Entwurf ...
Im letzten Artikel stand die Frage im Vordergrund, wie das Heideggersche Ereignis es vermag, ein „Teilhaben an“ an die Stelle eines „Konstruieren von“ zu setzen. Am Beispiel der Kunst wurde deutlich, dass der Kampf zwischen Verborgenheit und Offenheit sich als Wirkung entfaltet und so das Wesenhafte des Seienden zum Vorschein bringt.
Der (Bau-) Künstler schafft kein Werk, sondern legt einen öffnenden Zugang. Er lässt die Wesenheit des Materials sich ereignen. Das geschieht gemeinhin als Entwurf, in dem nicht das Material im Sinne von Erfinden etwas Neues schafft, sondern vielmehr ein Ort bereitet wird, der in Bereitschaft zur Wirkung gerät. Dieser Ort kann bezogen sein auf ein einzelnes Material, einen Klang, einen Raum oder eine Folge von Räumen.
Der Entwurf bleibt dabei ein „gefügehafter Wandel“, denn die Wesenhaftigkeit des Ereignisses ist stets ursprünglich verwiesen an das Sein des Seienden. „…Indem der Werfer entwirft, die Offenheit eröffnet, enthüllt sich durch die Eröffnung, dass er selbst der Geworfene ist und nichts leistet, als den Gegenschwung im Seyn aufzufangen, d.h. in diesen und somit in das Ereignis einzurücken und so erst er selbst, nämlich der Wahrer des geworfenen Entwurfs zu werden…“ (Heidegger: GA 65; S. 304).
Für manchen Baumeister kommt es vielleicht einer narzisstischen Kränkung gleich, nicht der geniale Kreateur zu sein. Trösten mag dann vielleicht, dass „es“ sich ohnehin nicht erzwingen lässt. Vielmehr sind wir heutzutage umstellt von Bauten, die ihre Kunst vergessen haben und verkümmerte Zeugen einer wesenlosen Zeit sind. Heideggers Diagnose einer Seinsvergessenheit erhält über diese blutarmen Architekturen ein stummes Bezeugen.
Manche Architekten allerdings sind diese „geworfenen Entwerfer“ im Heideggerschen Sinne. Lassen wir beispielsweise Peter Zumthor über ein Material sprechen: „…Und dann nehmen Sie diesen Stein in ganz kleinen Mengen oder in riesigen Mengen, er wird wieder anders. Und dann halten Sie ihn ins Licht, er wird nochmal anders. Bereits ein Material hat schon tausend Möglichkeiten…“ (Zumthor , Peter: Atmosphären; Basel/Boston/Berlin 2006, S. 25 bis 27).
Das Material selbst hat die Möglichkeiten. Sie werden nicht ins Material gelegt, etwa durch persönliches Wünschen oder Vorstellen. Material und Mensch treten in einem Wirkungsgefüge aufeinander zu und im besten Falle ereignet sich ein „gefügehafter Wandel“, der einen Wirkungsraum erzeugt.
Das Potential zu einem solchen Wandel ist jedem Material zu Eigen, denn sie alle durchwebt ihr Sein. Verschiedene Einzelsphären können auch zur Wechselwirkung gebracht werden: „…Es gibt eine kritische Nähe der Materialien zueinander, die ist abhängig vom Material selber und vom Gewicht, das es hat. Und Sie können Materialien in einem Bauwerk zusammenbringen. Da gibt es einen Punkt, wo sie zu weit weg sind, dann schwingen sie nicht miteinander, und dann gibt es einen Punkt, wo sie zu eng sind, und dann sind sie tot…“ (Ebd.)
Versuche über Wesen und (Bau-) Kunst ...
Der Schritt vom bloßen Vorstellen, vom intellektuellen Konstruieren zum Teilhaben am Wesen der Dinge soll heute angedeutet werden. Werkzeug zu sein und nicht Welt zum Werkzeug zu machen, ist die Leitidee hierzu. Wie kann es klappen, etwas zu schaffen, das durch uns spricht und nicht aus uns?
Liegt nicht schon im Wort ‚Schaffen‘ genügend missverständliches Potential? Deutet sich nicht hier schon an, dass es kein Wesen, sondern nur Bedeutung(en) gibt? Wie soll es gelingen, etwas zu beschreiben, zu deuten, das nicht ‘zu bedeuten’ braucht? Heidegger dazu: „…dass jedes Denken des Seins, alle Philosophie nie bestätigt werden kann durch die Tatsachen, d.h. durch das Seiende. Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie…“ (Heidegger: GA 65; S. 435).
Der Schlüssel, um das Wesenhafte zu berühren, liegt im Anderen der wie immer gearteten Verständlichmachung, die sich „…aus den Verstrickungen in die Wissenschafts-Begründung, in die Kulturdeutung, in die Weltanschauungsdienerschaft, in die Metaphysik als ihr eigenes erstes zum Unwesen ausgeartetes Wesen…“ (Ebd.) lösen muss. Der Schlüssel liegt vielmehr im Ereignen des Wesenhaften. Ereignen steht dabei im Unterschied etwa zum Vorfallen oder Stattfinden.
Das Gegenüber und Zusammenspiel von Sein und Seiendem ist für diese Deutung entscheidend, denn das Seyn (Heidegger-Schreibweise) eignet sich uns im Ereignis an. Das Seyn muss dazu in seiner Eigenheit anerkannt werden und bleibt dennoch gleichzeitig gebunden an das Seiende. Im Ereignis wird die Wesenhaftigkeit des Seienden deutlich. Das Ereignen gleicht einem Kampf. Dem Kampf zwischen Erde und Welt, Verborgenheit und Entdeckung, Dickicht und Lichtung. „…Welt ist irdisch (erdhaft), Erde ist welthaft. Erde ist in einer Hinsicht ursprünglicher als Natur, weil geschichtsbezogen. Welt ist höher als das nur Geschaffene, weil geschichtebildend und so dem Ereignis am nächsten…“ (Ebd., S. 275).
Am Beispiel der Kunst wird das sehr deutlich, denn hier wandelt oder verwandelt sich ein geformtes Stück Materie (im weitesten Sinne also Erde), indem es ein Wirkungsgefüge stiftet. Das Ruhende und Stille geht jetzt über ins Offene, schickt sich an, über sich hinaus zu gehen. Ein Kunstwerk ereignet sich. Hier kann auch eine Antwort liegen auf die Standardfrage: Was ist Kunst? Das Entscheidende liegt schon in der Frage und ist mit dem „Ist“ angesprochen. Es „ist“ und dieses Sein lässt im Heideggerschen Sinne das Entfalten eines Wirkungsgefüges, ein Ereignis zu – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Der Künstler wäre demnach ein Mittler, eine Art Medium. Durch die Vermittlung einer verborgenen und übermäßigen Wesenhaftigkeit ereignet sich das daseiende Kunstwerk in das Offene seines Wesens: „…Das Über-maß ist das Sichentziehen der Ausmessung, weil es erst den Streit und damit den Streitraum und alles Abständige entspringen lässt und offen hält…“ (Ebd., S. 249).
Dichtung und Gefüge ...
Bleiben wir eine Weile beim wunderbaren Bild einer Lebens-Steigerung als „gefügehafter Wandlung“ und nehmen wir den Menschen als Baumeister, „…dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fliessendem Wasser das Aufthürmen eines unendlich complicirten Begriffsdomes gelingt…“(Nietzsche: KSA 1; S. 875).
Sehen wir diesen ‘Baumeister mit Wasser’ selbst als gebildet durch das „Nietzsche-Dreieck“, das sich windet, dreht und bewegt durch das Über- und Vordimensionale des Lebendigen selbst. Diesen Baumeister, der sich Wahrnehmung, Ding und Welt stets erkämpfen muss, der über die eigene Leiblichkeit an seine hochbewegte Perspektive verwiesen ist und dieselbe nur zur Ruhe bringen kann, indem er sich abwendet vom Horizont und den Blick in die Hermetik lenkt, in das Gestorbene, in das fast Vergessene seiner selbst.
„Gefügehafte Wandlung“ meint aber noch mehr. Sie passiert bauend und bindet über Perspektiven Leib und Welt zusammen. Diese Perspektiven gleichen dabei keinesfalls den gängigen Vorstellungen einer geometrisch durchkonstruierten Zentralperspektive, sondern schwanken, stürzen und bäumen sich auf: „…freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu finden, muss es ein Bau, wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit fortgetragen, so fest, um nicht von dem Winde auseinander geblasen zu werden…“. (Ebd.)
Die Wandlung geschieht durch Setzen im hochbewegten Gefüge. Es geht um das Setzen, um den Willen dazu, um die Handlung dort hin. Es geht um das Werden, das immer Wandel ist. Das Werden, das Neues schafft. Performanz ist nach Nietzsche also quasi die normale Verkehrsform eines jeden Menschen. Es geht im Kern aber auch um die Poesie im Sinne von „poiesis“, wie Heidegger sehr schön betont: „…Es (das bauende Denken, CJG) beruft und stützt sich nicht auf Gegebenes, ist keine Angleichung, sondern jenes, was sich uns ankündigte als der dichtende Charakter der Horizontsetzung innerhalb einer Perspektive…“ (Heidegger: GA 47; S. 254)
„Gefügehafte Wandlung“ meint also Verwobenheit, meint „Dasein in“, meint Bauen aus Etwas und nicht Konstruieren im Nichts. Leib und Gedanke gehören darin untrennbar zusammen: „…vielleicht ist dieser Leib, wie er leibt und lebt, das Gewisseste an uns – gewisser als Seele und Geist…“ (Ebd., S. 152). Ich möchte Nietzsche und Heidegger hier auch lesen für eine “Baukunst als Performanz”, die sich ab- und hinaushebt aus den end- wie fruchtlosen Debatten einer missverstanden, rein verbalen Mitbestimmungskultur und einlässt auf einen Möglichkeitenraum, der zwar unergründlich, tief, gefährlich und angsteinflößend sein kann, aber dennoch die einzig gerechte Weise ist für den schwankenden, stürzenden, dichtenden ‘Baumeister mit Wasser und Fäden’.
Wirkung als Unverborgenheit ...
In der Vergangenheit wurde entlang am Denken Heideggers begonnen, seine Frage nach dem Sein zu übertragen auf das Thema: Performanz als Baukunst. Die Ontologie einer „totalen Gegenwart“ trat durch diesen Parallelgang an die Stelle einer ans Jenseits, ans Unendliche, ans Unbewusste gefügten Transzendenz und hatte auch die Metaphysik nicht mehr nötig, denn das gründende, stiftende, bewegte Andere der Baukunst schwingt in ihr selbst schon mit.
Performanz ist gebunden an den sich bewussten Menschen. Von hier aus oder besser, von hier als Anteil gesehen, geschieht eine Beziehung zur Welt. Diese Beziehung fordert den ganzen Menschen und nicht die zum Objekt degenerierte Subjektivität eines „cognito ergo sum“. „…Person ist kein dingliches substanzielles Sein. Ferner kann das Sein der Person nicht darin aufgehen, ein Subjekt von Vernunftakten einer gewissen Gesetzlichkeit zu sein…“ (Heidegger, Martin: GA 2, Frankfurt am Main 1977, S. 64); will heißen, dass Mensch nur „ist“ im Vollzug seiner selbst.
Was sagt uns das in Bezug zur Baukunst? Dinge sprechen zu uns, also auch Architekturen. Deren Sprache kommt zu uns in mannigfaltiger Weise. Manche verstehen sie als Atmosphäre, manche als Aura, manche als Geheimnis, manche als Temperatur, manche als Helligkeit, manche als Farbe. Die Abgründigkeit der Kunst in ihrer stiftenden Unbedingtheit, war im letzten Teil dieser Reihe angeschnitten. In der Abgründigkeit der Kunst zeigt sich auch Gründigkeit / Grund / Boden und Anfang; sie öffnet uns für das „Ist“ ihrer Selbst.
Es geht in der Kunst, also auch in der Baukunst, um die Augenblicklichkeit. In ihr geschieht etwas, wird etwas getan, passiert Tat. In der Tat herrscht die Gegenwart. Es gibt keine andere Zeit als diese. Sie ist es, die der Kunst ihr Gepräge verleiht. Sie ist es, die herausgearbeitet wird aus dem Ding, sei es mit einem Pinsel oder mit einem Meißel oder mit dem tanzenden Körper. Die Augenblicklichkeit erweitert den da-seienden Zustand der Welt, sie hilft, zu entfesseln und Verborgenheit zu verlassen.
Das Prägnante am Kunstgegenstand ist nun, dass die Augenblicklichkeit les- und fühlbar bleibt. Die Gegenwart als einzige Zeit im Schöpfen bleibt erhalten, auch hinfort in der Dauer. Sie wird über die Schöpfung aus ihrem zu Schöpfenden zur Wirkung, zur Wirkung als Unverborgenheit. Genau dieses meint Atmosphäre oder Aura, die einem Kunstwerk oder einer Architektur innewohnt. Kunst wäre dann eine unendlich gedehnte Augenblicklichkeit, ein in die Wirkung entborgenes Sein des Da-Seinenden, das dem Menschen gewahr wird.
Eine der weiteren Besonderheiten bei Heidegger ist nun, dass er das Sein als Unverborgenheit mit Wahrheit zusammendenkt. Eine Wahrheit freilich, die nicht ins „Off“ einer wie immer gearteten Transzendenz geschoben wird, sondern im Dasein bleibt und an dieses verwiesen ist. Wahrheit und ihre Schwester, die Schönheit sind immer schon in der Welt und werden ausschließlich aus diesem „sind“ entfaltet.
Von stiftender Unbedingtheit ...
Vertiefen möchte ich heute die Frage nach der „totalen Gegenwart“, mit der ich zuletzt endete. Einen oder vielmehr mehrere Schritte werden zurück gemacht werden müssen, um herauszufinden aus dem rein Relativen und Ideellen beispielsweise einer politischen Betrachtung, die in der letzten Folge dieser Reihe auftauchte. Interessant bleibt freilich die Frage, wie ideell das Umgebende, das Dasein ist, wie es in Zusammenhang steht mit dem Denken.
Diese Frage will ich allerdings auf das „ist“ des Umgebenden fokussieren, also auf das, was ungesagt und scheinbar selbstverständlich das Umgebende stiftet. In „Sein und Zeit“ (Heidegger, Martin: GA 2, Frankfurt am Main 1977) hat Heidegger sich in zahlreichen Denkschritten mit diesem „ist“ befasst. Es ist dieses „ist“, das auch einen Weg bahnt in das Performative der Baukunst, in dessen totale Gegenwart.
Unsere breiten Schneisen im Wald der abendländischen Philosophie der Neuzeit haben wir Descartes „Ich denke, also bin ich“ (cognito ergo sum) zu verdanken. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle tiefer einzusteigen und sich abzuarbeiten an der dort begründeten freiwilligen, intellektuellen Selbstbeschränkung. (Die Leser von LOGEION.NET werden ohnehin die Kritik an dieser Verkürzung des Denkens erwarten…). Stattdessen beginne ich dort, wo Heidegger den blinden Fleck in der konstruktivistischen Selbstermächtigung moderner Subjektivität ausmacht, nämlich im „bin“ des Schlüsselsatzes: „…Dagegen lässt er (Descartes, CJG) das „sum“ völlig unerörtert, wenngleich es ebenso ursprünglich angesetzt wird wie das „cognito“…“ (a.a.O., S. 61).
In diesem simplen Satz erscheint das ganze Potential des Heideggerschen Denkens. Hier kommen wir nämlich heraus aus der Relativismusfalle einer Meinungs- und Begriffskultur, die den Zugang zur Kunst, also auch zur Baukunst, verstellt. Hinaus also aus einer Kultur, die diesen Zugang vernebelt und bannen will in die Belanglosigkeit einer vernünftelnden Oberflächlichkeit. Heidegger hierzu am Beispiel der Etymologie: „…Das synkretistische Allesvergleichen und Typisieren gibt nicht schon von selbst echte Wesenserkenntins…Das echte Prinzip der Ordnung hat einen eigenen Sachgehalt, der durch das Ordnen nie gefunden, sondern in ihm schon vorausgesetzt wird…“ (a.a.O., S. 69-70).
Die Abgründigkeit der Kunst in ihrer stiftenden Unbedingtheit wird trivialisiert durch die zahl- wie zahnlosen „…logien“ (Psycho-logie, Bio-logie, Sozio-logie, Anthropo-logie etc.) und übersetzt als Platzhalter einer jeweils einzigen, relativistischen Möglichkeit. Dieses Vorgehen ist ganz bestimmt der schlechteste Ratgeber, um Performanz zu entschlüsseln, denn diese ist zwar gebunden an das Subjekt, jedoch in Form von Teilhabe an einer Beziehung zur Welt. Diese Beziehung kann jedoch nicht als Objekt geschehen, zu dem sich das erkennende Subjekt macht, sondern erfordert ganz im Gegenteil das Subjekt als ganze Person, als lebend und leibend, als verstrickt, als bedingungslos an die Abgründigkeit verwiesen.
