Drei Soldaten ...
G: Ein unglaublich inspirierendes Buch hatte ich gerade am Wickel.
D: Welches denn?
G: Der „Tractatus“ von Wittgenstein. Völlig größenwahnsinnig der Typ, aber erfrischend. Die Welt von Punkt eins bis Punkt sieben und auf rund 80 Seiten. Wie ein Paukenschlag nach dem anderen. Er habe es nicht nötig, die Quellen zu zitieren und es interessiere ihn nicht, wer, was, wann schon vor ihm gedacht habe. Auch sei er sich sicher, dass er alles erschöpfend behandelt habe…
D: Erster Satz: Die Welt ist das, was der Fall ist.
G: Ja genau, aber der zweite Punkt ist noch interessanter. Etwa so: Die Welt besteht nicht aus Dingen, sondern Tatsachen. Eine reine Einbildung also. Offenbar das Gegenprogramm zu ‚Zurück zu den Dingen‘.
D: Manche halten Wittgenstein ja auch für den letzten großen Transzendentalphilosophen.
G: Von Kant zu Wittgenstein, meinen Sie?
D: Ja.
G: Bei Kant schlafe ich immer ein. Zwei Seiten und ich verstehe nur noch Bahnhof.
D: Das ist schlecht, junger Mann.
G: Was soll ich machen. Schelling zu lesen, ist eine wahre Freude. Das ist doch gar nicht so weit weg – um 1800.
D: Kant war Logiker und Mathematiker. Das macht sein Denken spröder. Da haben Sie sicher recht. Schelling hatte ein Gefühl für die Poesie, für das Lyrische.
G: Genau, er dichtet eigentlich mehr, als das er schreibt. Das ist doch so wohltuend, wenn Philosophen eher Dichter sind als Konstrukteure.
D: Mache sind Poeten und manche Epiker.
G: Ich fühle mich bei den Poeten wohler. Schelling, Nietzsche und Heidegger.
D: Hegel hat auch diese Qualität.
G: An den habe ich mich noch nicht herangewagt. Wissen Sie, was auch so spannend ist an Wittgenstein?
D: Was denn?
G: Er lässt bei allem Drang zur Konstruktion und Logik den Raum offen für das Andere.
D: Das Andere?
G: Die Möglichkeit, dass auch seine Welt in sieben Punkten nur reine Einbildung ist.
D: Ich glaube, da verstehen Sie ihn falsch. Ein weiterer und wichtiger Punkt lautet sinngemäß: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
G: Ja, das ist der letzte Punkt. Aber einige Punkte davor schreibt er: Es gibt das Mythische und das Mythische zeigt sich durch seine Unaussprechlichkeit.
D: Ok, man könnte sagen, dass dort, wo das Sprechen aufhört, das Dichten anfängt.
G: Seine Logik ist also kein Gefängnis, kein totalitäres System. Mir kommt es so vor, dass diese Art von Logik sich nicht selbst im Wege steht.
D: Also ich halte mich lieber beim Sagbaren auf. Das ist auch die Aufgabe der Philosophie.
G: Ja, das schreibt Wittgenstein auch. Die Philosophie grenzt das Unsagbare ein mit Hilfe des Sagbaren. Aber -und das ist für mich das Wichtigste- er bestreitet nicht, dass es das Unsagbare, Mythische gibt. Das findet man doch auch bei Kant. Gott lässt sich nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen.
D: Ja, der Satz stammt von Kant. Aber, geht es bei Wittgenstein um Gott?
G: Ich weiß nicht. Sie waren doch auch Soldat, oder?
D: Allerdings. Hat das etwas damit zu tun?
G: Der „Tractatus“ ist im Schützengraben 1918 beendet worden. Krass, oder? Sie hatten doch mal erwähnt, dass für Hegel Krieg als Arbeit gilt. Dieses größenwahnsinnige Buch mit seiner Welt aus sieben Punkten könnte doch ein Aufschrei sein gegen das Chaos des Gefechts, in dem alle Ordnung zusammenbricht.
D: Interessant, der Soldat schlägt sich in das Chaos eine Schneise, die er kontrollieren kann. Die Logik wäre dann der klare Befehl des Soldaten.
G: Ja, es wäre ein Raum, in dem er für kurze Zeit Ruhe findet, um überhaupt noch Handeln zu können. Ich kann mich an meine Manöver noch genau erinnern. Den eigenen Panzer und dazu die beiden Panzer des Zuges dirigieren. Im Sprechsatz auf den Ohren den eigenen Bordfunk, den Kompaniekreis und den Zugkreis. Dazu kommt, dass man das Gelände beobachten muss, um seine ‘Fahren, wie das Wasser fließt Choreographie‘ hinzubekommen. Und natürlich hat man einen Auftrag zu erfüllen. Wenn dann Beschuss dazukommt und man den Feuerkampf führen muss, stürmen so viele Dinge auf einen ein, dass die radikale Ausblendung der Komplexität die einzige Möglichkeit ist, der Erstarrung vorzubeugen.
D: (lacht) Junger Mann, Wittgensteins „Tractatus“ als Anleitung zum Kampf des Subjekts gegen das Chaos des Daseins. Na dann mal los, auf diesen Text freue ich mich schon.
D: Prof. Steffen Dietzsch
Neuroästhetik ...
Gemischte Gefühle hatte der Schreiber dieses Blogs, nachdem er über eine Meldung aus dem beschaulichen Schweizer St. Gallen gestolpert war. Im dortigen Kunstmuseum wird der geneigte Besucher nämlich auf seine körperlichen und geistigen Reaktionen während des Ausstellungsrundgangs gescannt.
Das „psychogeografisch kartierte Museum“ ist also Wirklichkeit…Im zugehörigen Pressetext steht zu lesen: „…Untersucht wird nicht was Kunst ist, sondern wie sie im Kontext des Museums zustande kommt, also wie sie wirkt beziehungsweise der Museumsbesucher Werke und ihre
Wirkung empfindet…“
Da wurde mein Unbehagen schon kleiner, denn die x-fach gestellte Frage, was die Messerei und Hirnfixiertheit denn aussagen soll, wird von den Initiatoren schon beantwortet. Man ist sich darüber im Klaren, NICHTS über die Kunst auszusagen. Hier wird lediglich gemessen, DASS etwas passiert mit den Menschen. Nicht gemessen werden kann, WAS dort passiert. Aber das ist doch die entscheidende Frage – für mich jedenfalls.
Dennoch bewegen sich die Forscher auf dem schmalen Grad zum Selbstbetrug mit konstruktivistischen Mitteln, der ja heutzutage Mainstream ist. Zu lesen ist nämlich weiter, dass man zwischen drei Betrachtungsweisen die „Psychogeografie“ zu finden hofft, nämlich „Bedeutungsraum durch Hängung der Exponate“ versus „Materialität und Gestalt“ versus „Vorwissen und Erwartung“.
Spannend erscheint mir viel eher, dass die Forscher sehr schnell an die Grenzen ihrer Disziplinen kamen in diesem Projekt und durch die Zusammenarbeit mit Künstlern zu „Mut und flexiblem Denken“ gezwungen worden sind. Das Dilemma einer Wissensproduktion, die sich auf Reduktionismus gründet, wird hier überdeutlich.
Schon einmal war bei LOGEION.NET ein neuer und aufgeweiteter Forschungsbegriff im Fokus. Die am Projekt beteiligte „Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel“ scheint einen solchen Weg ebenfalls zu gehen, wenn sie schreibt: „…Künstlerische Forschung versteht man dort (HGK Basel, CJG) als ein Forschungsprinzip der Kreativwirtschaft. Mit künstlerischen Prozessen und Methoden soll Flüchtiges, Neues oder bisher Ungesehenes erfahrbar und damit interpretierbar gemacht werden…“
Diese Haltung kann ich bejahen und da der glückliche Zufall mich demnächst ohnehin nach St. Gallen führt, werde ich mir die Ausstellung nicht nur ansehen, sondern mich auch (quasi im anarcho-scientistischen Selbstversuch) verkabeln lassen…
Die leitenden Merkwürdigkeiten …
„Ein Kunstwerk ist mehr als ein Objekt“ ist der Titel zu einem Interview, das die Neue Zürcher Zeitung mit Daniel Birnbaum geführt hat. Er ist der künstlerische Leiter der 53. Kunstbiennale von Venedig und äußerte sich aus einer seltsam anmutenden Außenperspektive über den Gegenstand seiner Arbeit.
Dem Schreiber dieses Blogs will es partout nicht möglich sein, die folgende Gegenüberstellung unkommentiert zu lassen: „…ein Kunstwerk ist mehr als ein handelbares Objekt, es ist immer auch Ausdruck einer Welt oder einer Weltsicht…“. Was soll denn das für eine Differenzierung sein, die die Kunst zwischen einem irgendwie gearteten Konstruktivismus und ihrer Monetarisierung verorten will?
Weder das eine, noch das andere fassen die Wirklichkeit von Kunst. Der Warencharakter dürfte doch wohl meilenweit davon entfernt sein, zum Kriterium zu werden; es sei denn, man erliegt dem Irrglauben, dass der Wert des Kunstwerks sich ausdrücken würde in einer Summe, die irgendjemand zu irgendeiner Zeit dafür zu zahlen bereit ist.
„Weltenmachen…“ ist das Motto der 53. Kunstbiennale. Hier drückt sich der Birnbaumsche Antipode aus zur Handelbarkeit. Werden Welten gemacht? Vielleicht in Science Fiction Filmen a´la „Matrix“, der über die Pfingstfeiertage mal wieder lief im Fernsehen, aber sonst hat gemachte „Welt“ herzlich wenig zu tun mit der Wahrheit, die sich ins Werk setzt, mit der Unverborgenheit des Seins, das im Dasein präsent wird. Nein, die Kunst verspannen zu wollen zwischen diesen beiden Polen, zeigt nichts anderes als die Sprachlosigkeit unserer Zeit. Sprachlosigkeit meint freilich nicht, das man verschont würde von der „geistlosen Freiheit des Meinens“ (frei nach Hegel…).
Da bleibt nur eins. Selber nach Venedig fahren und sich ein Bild und eine Sprache machen und ggf. auch aufhören, sich in den Feuilletons den Verlautbarungen der Würdenträger auszusetzen: „…Solche Menschen haben den letzten Rest nicht nur einer philosophischen, sondern auch einer religiösen Gesinnung eingebüsst und statt alle dem nicht etwa den Optimismus, sondern den Journalismus eingehandelt, den Geist und Ungeist des Tages und der Tageblätter…“ (Nietzsche: KSA 1 364/365)
Die Musik als das Geistigste ...
Was ist eigentlich Klang? Nähern kann man sich dieser Frage für den Anfang über das „nicht nur“. Klang ist nicht nur Ton, nicht nur Rhythmus. Er ist auch nicht nur Melodie. Klang ist präsent und besteht aus allem ein bisschen, scheint es. In welchem Verhältnis steht Klang zur Musik?
Was macht Musik aus? Was ist die Struktur von Musik? Kann man sie zerlegen wie es oben geschehen ist, ganz in unserer abendländischen, reduktionistischen Manier? Ist die Struktur in diesem Fall nicht vielmehr ein zusammengehörendes Geflecht? Ein Gewebe, ein immaterieller Raum? (Raum darf hier allerdings nicht euklidisch, dreidimensional verstanden werden. Auch die vierte Dimension -die Zeit- will mir hier keine Klärung verschaffen.)
In der Neuen Zürcher Zeitung fand ich kürzlich den Artikel: „dann ohne Klang und Wort bin ich beiseit“. Er passt gut zum Thema, denn der Komponist und Dirigent Heinz Holliger äußert darin seinen Zugang zum Musikalischen. Er sagt im Kontext Gefecht: „…Für mich ist Musik eine totale Einheit, ein Kosmos. Wenn ich spiele, spüre ich sicherlich am stärksten das Physische des Musikmachens. Als Dirigent muss ich zwar auch physisch weitergeben, was in mir klingt – wie bei einem Instrument. Aber es ist doch indirekt. Und als Komponist ist man vielleicht ein bisschen von allem…“.
Was ist mit dem Zusammenhang zwischen Gefühl und Musik? Haben die Hörer Teil an einem Gefühlsgeflecht? Soll es tatsächlich so sein, dass Menschen stimmbar sind wie ein Instrument? Gehen wir noch einmal zu Celebidache. Er beschreibt sehr schön, dass Menschen sich die Töne nur ausleihen. Sie sind alle schon da. Nur durch ein menschliches Zutun kommen sie zum Vorschein, etwa wenn ein Cellobogen an einer Metallplatte entlang streicht, auf der Späne liegen. Es erklingt ein Ton und die Späne fügen sich in ein Muster. Allem Material wohnt also eine verborgene Sphäre inne, die durch das Hören erkannt werden kann.
Klang scheint mir der Geist, das Verbindende der Musik zu sein. Klang beschreibt eine Atmosphäre, in der Gefühl, Rhythmus, Ton, Melodie geborgen sind. Klang ist vielleicht so etwas wie die Seele der Musik. Ohne sie bleibt die Musik hohl und ohne Substanz.
Es gibt Beispiele für Musik ohne Tiefe und ohne Substanz. Sie lassen sich zuhauf finden in der heutigen Welt einer auf Massenverwertbarkeit getrimmten Oberflächenkultur. Auch hier werden einmal mehr die Konsequenzen einer konstruktivistischen Kultur deutlich, die ihren Horizont am Ende der subjektiven „Fußspitzen“ ausmacht.
Der Wille zur Musik-Konstruktion führt dieselbe blitzartig an ihre Grenzen. Wenn man also behauptet, dass die heutige Konservenmusik keine Seele mehr hat, dann hätte sie eben keinen Klang. Sie steuert die Bausteine Emotionalisierung, Rhythmus, Ton etc. einzeln und ein bisschen an, hebt sie aber eben nicht mehr in ein verbindendes Geflecht. Man richtet die Musik nicht mehr aus auf einen Horizont des Klangs. In diesem Lichte wird auch die Techno-Musik deutlich. Es ist die akustische Verdeutlichung einer Kultur, die im Zustand der Nabelschau verharrt, wobei der Nabel ein metallener Motorblock zu sein scheint, der unaufhörlich auf vollen Touren läuft.
Zum Schluss noch einmal Hoillinger aus nzz.ch (s.o.): „…Musik ist das Geistigste, das wir haben, da sie jenseits der Sprache ist. Sie geht sehr viel weiter als alles, was wir als Kommunikationsmittel haben…“…
Zur Musik ...
Lässt eine Idee sich bauen? Vorübergelegt wurde bei der Beantwortung der Frage, dass die Idee unmittelbar mit Bewegung zu tun hat und dass die Möglichkeit als solche zwar den Wandel birgt, aber gleichzeitig auf sein anderes, seinen soliden Antipoden, seine Erstarrung verweist.
Nirgendwo wird die Struktur der Idee deutlicher als in der Musik. Ich spreche hier vor allem von Beethoven. Viele berufene Menschen haben sich mit dem Werk dieses Ausnahmekomponisten befasst. Sie alle zu würdigen, ist in diesem Rahmen unmöglich. Heute will ich mir aber erlauben, einige Gedanken aufzunehmen, die ich von Martin Kaltenecker und Johannes Picht habe.
In „Musikalische Zuschreibung als hermeneutischer Putsch“ (Musik & Ästhetik 45, S. 53 ff.) wird von Kaltenecker der Unterschied verdeutlicht zwischen musikalischer Form als strukturhaft und eingebettet in Kontexte (etwa einer Sinfonie) und der Körperlichkeit, der Materialität des Klangs, der uns Menschen trifft und anregt. Moderne Musik lebt von der Konfrontation dieser beiden Darstellungsweisen. Das zeigt sich auch im Unterscheid von Hinhören und Folgen einer Ordnung und Struktur (ganz apollinisch) im Gegensatz zum emotionalen Aufnehmen und Wahrnehmen modernerer Musiken, das den (etwa dionysischen) Raum offen lässt für die eigenen Welten, die ins Tongerüst gelegt werden. Auf unser Eingangsproblem möchte ich von hier weisen, wenn ich frage, ob Architektur erst dann die Idee als Bewegung nicht nur bergen sondern ermöglichen kann, wenn sie keiner Ordnung und Struktur folgt, sondern das moderne Wahnnehmen im Sinne einer „atmosphärischen Hermeneutik“ erlaubt.
Johannes Picht parallelisiert in „Beethoven und die Krise des Subjekts – des weiteren“ (a.a.O. S. 5 ff.) entlang der „Hammerklaviersonate“ den Komponisten mit der Philosophie Friedrich Nietzsches. Durchaus schlüssig legt er dar, dass „…die Denkfigur des Subjekts selbst als zeitenthobener Identität eine Illusion ist…“. So wunderbar, wie es nur ein Musikwissenschaftler kann, schildert er die radikalen Brüche in der Komposition der Sonate. Hier nur einige Auszüge: Beethoven tastet sich wiederholt heran an die Grenze zwischen „musikalischer Sprachlichkeit und kaum strukturiertem Geräusch“. Er transformiert mit „triebhafter Gewalt“, um mit „einem tändelnden, echohaften Pianissimo (im nächsten Moment so zu tun, CJG), als sei nichts geschehen“.
Des Pudelns Kern für unsere Fragestellung liegt woanders. Die Hinwendung zum Rauschhaften, Körperlichen und gleichzeitige Abkehr vom Entrückten, Vergeistigten und Kontemplativen der Struktur wird im Werk Beethovens erkannt. Dionysos drängt Apollon in den Hintergrund. Die Musik Beethovens will „ein Aufbrechen…in die Offenheit der Zukunft“. Hierzu muss er „…eine Musik entwerfen, die zu den Strukturen, aus denen sie im jeweiligen Moment besteht, eine immer wieder aufweisbare Distanz herstellt…“.
Wiederum auf unser Eingangsproblem gewiesen, möchte ich mit einer Art „Beethoven-Architekturtheorie“ fragen, wie eine Architektur das Dilemma ihrer Statik, ihrer Solidität überwinden können soll? Denn das müsste sie, wenn die Vorüberlegung gelten soll, dass Idee und Bewegung zusammen gehören. Das müsste sie ebenfalls, wenn dem Gedanken Raum gegeben wird, dass Struktur nur dann ideenhaft bleibt, wenn sie zu sich selbst in eine Distanz gerät.
Zum Schluss des zweiten Teils der Überlegung noch ein passenden Fundstück aus „manager-magazin.de“. Thom Mayne, der „Bad Boy der amerikanischen Architektur“ äußert sich auf die Frage, was ihm am meisten Spaß macht an seinem Beruf: „…Es macht mir Spaß mit Problemen umzugehen, für die es keine Lösung zu geben scheint. Am Anfang eines Projektes geht es nicht darum, wie etwas aussehen soll. Es geht um Lösungen oder manchmal sogar darum, wie man an eine Fragestellung herangeht. Architektur beginnt mit Fragen und ist konstante Infragestellung…”
Ob Herr Mayne Beethoven hört…?
Das EGO als Experiment ...
Kürzlich kam mir ein sehr anregender Artikel über „Karaoke“ unter die Augen. Von der „… Revolution der Massenkultur…” war da die Rede und auch davon, „…eine neue Art (zu haben, CJG), die Toleranz zwischen den Menschen zu fördern…”.
Wir Heutigen sehen uns konfrontiert mit unserer nachmetaphysischen Konditionierung. Wir sind horizontal ausgerichtet und nicht mehr vertikal. Wir haben keine „Ordnung durch Ortung“ (Carl Schmitt) mehr, sondern nur noch den schwindelerregenden wie distanzlosen Blick in die Horizontale und in dieser sehen wir lediglich Gleich- und Mittelmaß. In der endlosen Anzahl der mittelmäßigen Masse wimmeln wir umher.
Galt in anderen Tagen der Mensch als das Höchste und war man sich sicher, nach der Fleischwerdung Gottes in Golgatha ein bisschen hiervon in sich zu tragen, bleibt der heute Horizontalisierte ein Stück formbare Masse. Mag es sein, dass der Forscherdrang, der sich mittlerweile auf Molekülebene hinab entwickelt, eine Art Exhumierungsunternehmung ist, um den Stifter-Suizidenten doch noch zu finden? Aber das nur nebenbei…
Die Freiheit des Einzelnen muss sich jedenfalls abfinden mit ihrer horizontalen Beschneidung und begnügt sich mit dem Verbleibenden einer konsumorientierten Wahl. Wählbar ist natürlich auch die Identität. Nicht, dass dieses etwas Neues wäre. Wusste Nietzsche denn nicht schon vor 150 Jahren: „…Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln ist tiefer, „metaphysischer“ als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Sein…” (Nietzsche; KSA 13; 226).
Nach Peter Sloterdijk ist Nietzsches revolutionäre Großtat der Mut zum Eigenlob. „Der Autor des Zarathustra will die eulogische Kraft der Sprache von Grund auf neu offenlegen und sie von den Hemmungen befreien, die ihr durch das metaphysisch codierte Ressentiment aufgeprägt waren [...] weil „alles von der Metaphysik geformte Sprechen um einen misologischen Kern gravitiert.“ (Sloterdijk, Peter; Über die Verbesserung der guten Nachricht. Nietzsches fünftes „Evangelium“; Frankfurt am Main 2001; 28/29)
Das Beschäftigen mit sich selbst, das Konstruieren der Masken, die noch warten, aufgesetzt zu werden, das Werden-Können sollen dem Einzelnen helfen, „den Zufall, ICH zu sein“ (Ebd.; 45), affirmativ zu sehen und nicht weiter einer Verstoßung aus dem Paradies nachzutrauern…”
Man könnte also tatsächlich Karaoke als Massenphänomen sehen, dass der Individualität, die als Einfalt und Einmaligkeit gedacht ist, ein Schnippchen zu schlagen versucht und Platz macht für das ICH als das Andere, das sich allerdings respektlos und aggressiv verhält gegenüber den kopierten Vorbildern. Interessant wäre es, darüber nachzudenken, ob die kopierten Idole ihrerseits Originale sind oder ebenfalls Karaoke betrieben haben…
Gedankenläufe zur Masse ...
Parallel entlang an einer Reihe von Fotografien, die mir kürzlich unter die Augen gekommen sind, möchte ich heute Auszüge aus einem Essay von Peter Sloterdijk lesen (Sloterdijk, Peter: „Verachtung der Massen – Versuch über Kulturkämpfe in der Moderne“, Frankfurt am Main 2000). Anregung hierzu ist Michael Wolf. Er ist ein deutscher Fotograf und hatte mit seiner Ausstellung “Hongkong – Architecture of Density” eine Reihe beeindruckender Bilder vorgestellt von Neubauten in China. Dem geneigten Leser empfehle ich, sich zunächst die Bilder anzusehen und sie wirken zu lassen.
Was „passiert“ hier beim Betrachten? Zunächst einmal spricht das Bild. Es wirkt nicht allein, sondern nur mit Worten. Womit aufs Neue bestätigt ist, dass Bilder Worte brauchen. Gefühle steuern Bilder nur kurz an, dann kommen die Worte hinterher, um alles zu be-schreiben. Aber das nur nebenbei und auch nur, weil ich die werbegetriebene Visualisierungsseeligkeit nicht teile, die heutzutage herrscht.
Die Bilder gleichen oft Ornamenten, auch entziehen sie sich einer eindeutigen Skalierung. Sie könnten also ein vergrößerter Ausschnitt von etwas sein oder ein verkleinerter von etwas anderem. Lassen wir die Gedanken weiter schweifen: Schrecklich, in so etwas zu wohnen. Aber doch irgendwie faszinierend, das zu sehen. Warum eigentlich schrecklich? Weil so anonym, so distanzlos? So ohne Raum, ohne Individualität? „Density“ heißt übersetzt „Dichte“. Also lediglich dicht. Ohne Wertung.
Wenn etwas anonym ist, dann ist das doch kein Gegensatz zu individuell, sondern vielleicht eine Variation auf das Individuelle in der Dichte. Anonymität ist gelebtes Schweigen, Schweigen ist der individuelle Akt im Durcheinander der tausend Stimmen. Die Folge der Dichte ist der wenige Raum. Das ist beängstigend. Individualität hat etwas mit Raum zu tun. Gefühltem Raum? Reicht vielleicht auch virtueller Raum? Nach Sloterdijk ja:
„Die postmoderne Masse ist Masse ohne Potential, eine Summe aus Mikroanarchismen und Einsamkeiten, die sich kaum noch erinnert an die Zeit, in der sie – angeheizt und zu sich gebracht durch ihre Vorsprecher und Generalsekretäre – als ausdrucksschwangeres Kollektiv Geschichte machen wollte und sollte.“ Die heutigen Massen laufen, bis auf wenige Ausnahmen, nicht mehr zusammen. „Man ist jetzt Masse, ohne den Anderen zu sehen.“ Die Medien, vornehmlich das Fernsehen, bilden die Kristallisationspunkte, um die sich Millionen Teilnehmer scharen. (a.a.O. 13-17)
Sind diese Bilder vielleicht deshalb schockierend, weil die Masse sich als solche auch darstellt und weil wir „Mirkoanarchismen“ an der Illusion unserer Individualität gehindert werden? Fragen über Fragen. Entscheiden Sie selbst und lauschen Ihren Worten…
Die Welt durch geschlossene Augen ...
Dem schöngeistigen Leser, der das Glück hat in Berlin zu leben oder die Mühe/Kosten nicht scheut, hierher zu kommen, möchte ich heute eine Klanginstallation empfehlen. Im „Hamburger Bahnhof-Museum für Gegenwart“ in der Invalidenstraße läuft noch bis zum 17. Mai „The Murder of Crows”.
Janet Cardiff und George Bures Miller haben rund 100 Lautsprecher zum Einsatz gebracht. Mal decken- bzw. fachwerkhängend, mal bodengleich, mal aufgeständert auf Kopfhöhe bildet sie um das Zentrum des meisterhaft durch J.P. Kleihues rekonstruierten Bauwerks eine schwarze Oase aus Klängen. Die beiden Künstler gehen mit dieser Anordnung nicht in die beliebte Falle einer zu dominanten Tragkonstruktion für die Beschallungstechnik, sondern finden einen architektonischen Zugang zum Ausstellungsraum. (Zuletzt negativ aufgefallen bei der „Astlochkiefer-Lattenorgie“ von Bernhard Leitners P.U.L.S.E. vor einem guten Jahr.
Wer bislang dem weit verbreiteten Irrtum folgte, Menschen seien primär visuell orientiert, kann sich in „The Murder of Crows“ eines Besseren belehren lassen. Hier wird, sicher auch mittels der eingesetzten „Ambisonic-Raumklangtechnik“, das akustische Geflecht deutlich, in dem Menschen sich fast permanent befinden. Irgendwann ist es beispielsweise nicht mehr zu unterscheiden, ob das Klacken der Absätze eines Damenschuhs zu einer sich nähernden Besucherin gehört oder ein Teil der Installation ist.
Dass Klang skulpturale und physische Eigenschaften hat, davon kann man sich hier überzeugen, denn er wirkt unmittelbar auf den Leib. Es passiert etwas mit dem Körper. Er wird durchdrungen, malträtiert. Die Hitze steigt auf, die Atmung verändert sich. Hier beginnt man sich zu fragen, ob die Klangkunst damit nicht auch die konstruktivistischen Heerscharen der westlichen Hemisphäre auf dem Geschmack bringt, um mit ihrem Weltermächtigungstrieb das letzte sinnliche Refugium zu erobern. Aber das nur nebenbei…
„…Die Wahrnehmung des physischen Raumes wird durch die des virtuellen Raumes überlagert…“, steht zu lesen. Das war auch mein Eindruck, denn nachdem man -am besten mit geschlossenen Augen- die Endlosschleife der 30 Minuten-Show das erste Mal durchhört hat, sei empfohlen, im Lautsprecherwald herumzuspazieren. Lauschend wird man sich dann darüber klar, dass das Klanggeflecht schwerlich mit diesem Raum korrespondiert und artifiziell wirkt und bleibt. Das wäre auch -die einzige- Kritik am Projekt. Anstatt einer allzu zeitgemäßen, quasi global-eklektischen Haltung zu frönen, hätte man dem Genius loci nachgehen können, wie der Architekt (a.a.O.) es tat.
Vielleicht sind aber auch meine Reflexionsbemühungen doch nicht zu weit her geholt. Denn, sowjetische Marschlieder könnte man mit der Invasion Berlins durch die Russen 1945 verbinden, die Möwen und das Meeresrauschen mit der Stadt Hamburg, die ja primäres Reiseziel für diesen Bahnhof war und die Goyaschen Krähen (…die phantasie, verlassen von der vernunft, gebiert unvorstellbare ungeheuer…) mit der Verführungskraft rechter wie linker Utopien des 20. Jahrhunderts. Wer weiß das schon. Überzeugen Sie sich selbst…
Architektur als Prozess ...
Empfehlen möchte ich heute die aktuelle Ausgabe von „Wolkenkuckucksheim“. Es handelt sich hier um eine kostenlose Internetzeitschrift für Architekturtheorie, die von der TU Cottbus betrieben wird. Vor kurzem erschien: „Architektur denken. 40 Jahre kritische Architekturtheorie – 40 Jahre IGMA“; in der Folge bespreche ich einen der Artikel daraus.
„Die Architektur: eine Wissenschaft“ fragt Georg Franck in seiner Überschrift…Der Schreiber dieses Blogs hat sich in der Vergangenheit x-fach kritisch mit dem Reduktionismus und der Begriffsseeligkeit des Wissenschaftsbetriebs auseinandergesetzt und einen anderen Weg, nämlich das Be-Wegen mit Heidegger gefordert. Das anfängliche Unwohlsein, ausgelöst durch die abstruse Idee, Architektur -die anfängliche und ursprüngliche Kunst- als Wissenschaft deuten zu wollen, wich allerdings schnell.
Georg Franck nämlich sieht sehr genau, dass „…die deskriptiven Analysen und die empirischen Messungen nicht immer und nicht überall die effektivsten und effizientesten Methoden zum Gewinn brauchbaren Wissens sind…“ und reklamiert für die Architektur das Privileg der „künstlerischen Forschung“. Diese nämlich „…lässt sich auf Probleme ein, die der schlüssigen Definition widerstehen, und testet Hypothesen, die nichts quantifizieren…“.
Schön ist, dass hier jemand -mit Gerd de Bruyn im Rucksack- eine andere Form des Wissen-Schaffens aufzeigt. Eine, die die „…Architektur als eine Universalwissenschaft sieht im vormodernen Sinn des Begriffes…“. Der Weg ins Offene / Atmosphärische der Baukunst wird ebenfalls eingeschlagen mit der Verdeutlichung, dass „…der architektonische Raum nicht mit dem perspektivischen Raum gleichgesetzt werden kann…sondern mit sämtlichen Sinnen: den Fernsinnen, den Nahsinnen und dem körperlichen Selbstgefühl…“ wirkt.
Unnötig scheinen mir vor diesem Hintergrund die allzu scientistisch daherkommenden Exkurse in die Evolutionstheorie, die Prinzipen der Selbstorganisation oder die Anleihen an die Chaostheorie. Auch der Sprachgebrauch (effektiv, effizient, schlüssig etc.) korrespondiert wenig mit der Weg-Haftigkeit des Anspruchs, den ich da herauslese.
Mit den Prozessgedanken im Essay können die Baukünstler dieser Tage ein gehöriges Stück weiterkommen. Hier nämlich verdeutlicht Franck, dass Architekturen mit ihren zugehörigen Räumen nie isoliert sind, permanenten Rhythmen des Wandelns unterliegen und nur atmosphärisch, also mit allen Sinnen, für die Menschen zugänglich gemacht werden können. Dieser Prozess ist einem Weg und einer Be-Wegung im Heideggerschen Sinne nicht ganz unähnlich, denn „…er bleibt einer des Suchens nach Unvorhergesehenem, auch wenn er sich selbst beobachtet und zu verstehen sucht…“.
Homo-Medio-Ideoticus ...
Für die Nicht-Berliner oder auch noch nicht Uni-(n)-formierten zur Erläuterung. Damit in einem Volksentscheid das Fach Religion zum Wahlpflichtfach und damit zur Konkurrenz für das bisherige, konfessionsübergreifende Fach „Ethik“ wird, zieht die Kampagne „Pro Reli“ zurzeit alle Register. Der Schreiber dieses Blogs wird sich hüten, zur einen oder anderen Seite aufzurufen; er sieht sich allerdings ermuntert, die PR-Strategie des Vereins „Pro Reli e.V.“ kritisch zu verorten.
Nochmal zur Erinnerung. Im Kern geht es dem Verein „Pro Reli e.V.“ darum, das Fach Religion in Berlin zum Pflicht-Fach zu machen und damit eine Aufwertung (böse Zungen sprechen auch von Machtzuwachs) zu erreichen, denn bislang konnte Religion nur freiwillig und zusätzlich zur konfessionsübergreifenden „Ethik“ gewählt werden. Die PR-Konstruktionen der Ereignisse sind wie aus dem Lehrbuch. In der Folge fünf Beispiele:
1. Man identifiziert zunächst einen möglichst diffusen Mainstream. In diesem Fall reicht derselbe vom „11. September“ über das Recht auf Nagellack für afghanische Frauen bis hin zur Stilisierung einer amtierenden Wiedergeburt des persischen „Dareios I.“, der zum Sturm auf die Festen des Abendlands bläst. An einem Mainstream-Dunkel orientiert man sich also und versucht, eigene Interessen im Huckepackverfahren darauf zu transportieren.
2. Man will etwas bestimmtes, sagt aber etwas ganz anderes. So steht bei „Pro Reli“ zwar PFLICHT im Mittelpunkt der Forderung, aber die FREIHEIT wird kommuniziert. Eindrucksvoll ist das zu lesen in der amtlichen Verlautbarung, in der der Begriff „Freiheit“ bis zum Exzess benutzt wird und dessen Assoziation in die Hirne der Leser getrieben werden soll.
3. Man suche sich möglichst prominente Fürsprecher (sog. Testimonials). In diesem Fall steht eine Phalanx (natürlich aus tiefster Besorgnis über das Seelenheil der Berliner) bereit, von der jeder Journalist meint, sie sei quotenträchtig genug und (selbstverständlich!) von „öffentlichem Interesse“, um ein Mikrophon unter die Nase gehalten zu bekommen.
4. Man versuche einen Imagetransfer in Richtung Innovation und Zukunft. In diesem Fall geschah das, indem sich enthusiasmierte jugendliche Mädchen als Art Drückerkolonnen die Berliner in U-Bahnen zur argumentativen Brust nahmen, um Unterschriften zu bekommen.
5. Man pflegt die Stammkundschaft, in dem man sie integriert. In diesem Fall bevölkerten Über-zeugte und andere Bürger in den Einkaufsmeilen Infostände, um ihre besorgten Mienen zur Schau zu tragen und ganz ihrem missionarischen Erbe verpflichtet, wenigstens einige Seelen zu retten.
In der kürzlich vorgestellten Zeitschrift „der blaue reiter: Heft Nr. 6; S. 12-18“, genauer gesagt im darin enthaltenen Essay von Otto-Peter Obermeier: „Homo medioideoticus oder Im Seichten kann man doch ertrinken“, möchte ich einen Gedanken zum Schluss aufnehmen: „…Ohne Zweifel gibt es -sprachlich wie bildlich- die Magie der Verführung durch Banalität…Aber die Magie der banalen Sprüche lenkt unser Handeln, während unsere Vernunft hochnäsig deren Banalität und Dummköpfigkeit registriert…“ (Ebd., S. 13/14)
Wer wie „Pro Reli“ bis zum Exzess die Freiheit zitiert, darf sich nicht einer manipulativen „Magie der banalen Spruche“ oder deren Mechanismen bedienen und muss die Abgründe meiden, in denen PR zur Propaganda mutiert. Die Freiheit eines jeden Menschen ist -erst genommen- nicht zuletzt die Freiheit gegenüber Beeinflussungen. Der Zweck segnet die Mittel eben nicht immer, vor allem dann nicht, wenn die Religion ins Spiel kommt.
Die Zumutungen unserer Mediokratie frei nach dem Motto: „macht doch jeder so“, sollten tabu sein für die letzten tradierten Platzhalter der „Wahrheit“. Wenn sie es nicht sind, wenn also die Kirche sich ihres Textes nicht mehr transzendent versichert, sondern „business as usual“ betreibt und sich vollends aus dem Zeitgeist speist, verliert sie ihre Legitimation.
Die PR Strategie für den Kunden „Kirche“ sollte eine gänzlich andere sein, denn „missionarische Freiheit“ ist ein Widerspruch in sich und ein signifikantes Strukturproblem. Andere Unternehmen könnten sich hier ein Beispiel nehmen, wie eine falsch verstandene PR hochgefährlich sein kann und der Selbstzerstörung Vorschub leistet.
Sascha Waltz und die atmosphärische Praxis ...
Ein faszinierendes Lehrstück und eine ermutigende Erfahrung im Spannungsfeld zwischen Raum, Klang und Tanz könnte man kürzlich in Berlin genießen. Sascha Waltz choreografierte „Dialoge 2009“ und setzte sich auseinander mit dem durch David Chipperfield GROSSARTIG wiederhergestellten „Neuen Museum“ in Berlin.
Zweieinhalb Stunden hatte der geneigte Besucher Zeit, um 25 (!) Tanzstücke auf vier Etagen zu sehen. Die zahlreichen Gäste waren vor die gleichen Fragen gestellt und mussten sich entscheiden, ob sie einige Stücke ganz sehen wollten oder alle ein wenig. Ein ständiges Bewegen der Massen mit etlichen genussschmälernden Kollateralschäden war die Folge und beim „x-ten“ gegenseitigen Anrempeln, den Weg versperren, die Sicht nehmen und im Menschenstau stecken, wurde die eigene Geduld so manches Mal gefordert. Aber das war auch schon das einzig Negative an dem Abend!
Wie ein Befreiungsschlag aus dem Dickicht der Rekonstuktionsdebatten wirkt der neue-alte Bau, denn er wird dem Thema Museum wesensgemäß gerecht. Er IST nämlich Ge-Schichte, und als Schicht um Schicht wahrnehmbar. Wie eine dreidimensionale archäologische Ausgrabungsstätte sind in Ihm Vergangenheit und Gegenwart baulich vereint und bilden ein atmosphärisches Kontinuum höchster Güte. Durch das Darstellen von Fragmenten des Vergangenen auf einer modernen Archi-Textur wird die Geschichte in ihr Wirken freigegeben. Dabei wirkt sie nicht nur herkömmlich durch das Exponat, sondern auf den Raum als Ganzes. Die Zeit als die Bedingung von Geschichte gewinnt durch das augenscheinlich Verlorene ihre Authentizität. Wenn es einen musealen Sinn gibt, dann doch wohl diesen.
Die grandiose Leistung von Sascha Waltz war es nun, das atmosphärische Kontinuum der einzelnen Räume zu übersetzten und den Tanz als Fortsetzung der Architektur mit anderen Mitteln anzuwenden. In einem Interview sagt die Choreografin: „…Die Räume haben eine sehr unterschiedliche Aura und ich habe – ähnlich wie Chipperfield – für jeden ein eigenes Konzept entwickelt…”. Hier gibt es nichts hinzuzufügen, denn die Umsetzung ist gelungen. Bewegte Friese, zwei Priesterinnen in Ritualen verstrickt, behutsames Tasten und Erforschen im Zeitlupentempo, klaustrophobische Ängste, bürgerlich verbrämte Balzrituale in historischen Ballkleidern, lasziver Lebenswille etc. verfehlten ihre Wirkungen nicht.
Man könnte meinen, dass Sascha Waltz Nietzsche beim Wort genommen hätte: „…Was früher in poetisch-musikalischen Innungen kastenmäßig fortgepflanzt und zugleich von aller profanen Betheiligung entfernt gehalten wurde, was mit der Gewalt des apollinischen Genius auf der Stufe einer einfachen Architektonik verharren mußte, das musikalische Element, das warf hier alle Schranken von sich: die früher nur im einfachsten Zickzack sich bewegende Rhythmik löste ihre Glieder zum bacchantischen Tanz: der Ton erklang, nicht mehr wie früher in gespensterhafter Verdünnung, sondern in der tausendfachen Steigerung der Masse und in der Begleitung tieftönender Blasinstrumente. Und das Geheimnißvollste geschah: die Harmonie kam hier zur Welt, die in ihrer Bewegung den Willen der Natur zum unmittelbaren Verständniß bringt…” (Nietzsche: KSA 1, S. 559)
Das Ende der Veranstaltung mit Bruckners selten gespieltem Streichquintett in F-Dur dürfte in seiner Harmonie und Schönheit nicht nur den Romantikern unter den Gästen fast das Herz zerrissen haben. Fand sich doch die Zuschauer-Menge still vereint im grandiosen, ägyptoid anmutenden Treppenhaus lauschend, sehend, fühlend in ein Gesamtkunstwerk aus Ahnung, Sehnsucht, Trost, Vergangenheit und Gegenwart versponnen.
Wahrheit und Reichweite ...
Wenn man Blogs regelmäßig verfolgt, bekommt man einen guten Einblick in die Welten der jeweiligen Autoren; sprich Grundmuster von Sichtweisen, sich wiederholende Kritik, Credos, Haltungen, Weltanschauungen etc. Auch der Schreiber dieses Blogs beobachtet sich dabei, durch einige Themen ganz besonders zum Reflektieren ermuntert zu werden. Das, was man lobend Alleinstellung oder Schwerpunkt nennen könnte, könnte auch langweilig werden oder gar ressentimentgeladen und polemisch.
Aus (woanders) gelesenem Anlass: Der Schreiber dieses Blogs liebt es, (sich) zu widersprechen und hat den Anspruch, über das Stadium bloßer Kritik hinaus zu gehen. Er ermahnt sich hiermit, nicht in intellektuellen Sackgassen zu leben, sich nicht als Experte zu fühlen, der Anfänger in allem zu bleiben, das Staunen nicht zu verlieren und hofft, dem Anspruch gerecht zu werden, im: „…Geschriebenen selbst noch ein Gehen des Denkens, ein Weg zu bleiben…” (Heidegger: GA 8, S. 53)
So weit, so gut. Hier und heute möchte ich meine Gedanken loswerden zu einem Artikel von Hans-Joachim Müller, der in “Neue Zürcher Zeitung” am 17. März veröffentlicht wurde. In „Die gebieterische Rückkehr der Wahrheit” rezensiert er mit Tiefgang und Wortwitz eine Ausstellung über die Auswirkungen des Darwinismus auf die bildende Kunst.
Ein Schlaglicht auf die im Artikel tangierte „kultische Verehrung Darwins“ zu setzen, wäre ein extra Thema, denn die Mechanismen der politischen Theologien übernehmen nach wie vor allzu oft die Funktionen von säkularisiertem Glaubenskitt in den westlichen Gesellschaften. Ich mache deshalb hier einen Bogen und komme zum „…wissenschaftlichen Triumph, in dem der Neodarwinismus zum kulturellen Paradigma, zum Zwangsthema dieser Jahre geworden ist…“.
Der ausgemachte Triumphalismus meint hier die Gentechnik. In ihr scheint sich die reduktionistische Wissenschafts- und Begriffswelt unwiderlegbar zu beweisen und der Mensch in allen Fassetten kontrollierbar zu werden. In ihr kann der Makel der „seelenlosen“ Künstlichkeit der Konstrukte ausgemerzt werden, denn die Technologie wird „natürlich“.
Der modere „Frankenstein“ ist eben nicht mehr ein tumber, zusammengesetzter und monströser Hybrid der eines (natürlichen) Stromschlags zum lebendig werden bedarf – heutzutage beeinflusst man die ohnehin schon bestehenden Vitalprozesse nur und erzeugt sie nicht vollkommen neu. Auf diese Weise kann man „Poiesis“ im Sinne von Erschaffung ein (autosuggestives) Schnippchen schlagen und sich als Wissenschafts-Schöpfermacht fühlen.
„…Wahrheit bekam nachmetaphysisch ihre Reichweite, galt nur noch als Wahrheitskonstruktion…“ und die „…Moderne ist oder – muss man sagen? – war Wahrheitsdiffusion…“, schreibt Hans-Joachim Müller weiter und mir aus der Seele. Die Ergebnisse der Wissenschaft werden heutzutage mit Wahrheit gleichgesetzt – NICHTS ist falscher als das und trotzdem geschieht es Tag für Tag…
Zum Schluss lasse ich im O-Ton den Autoren sprechen, denn besser kann ich auch nicht die Wichtigkeit und Rolle der Kunst beschreiben als Antipode zu den gegenwärtigen geistigen Zuständen und auch Wegweisung in das, was Wahrheit ist.
„…(Dass, CJG) Kunst gänzlich unberührt blieb und für nichts anderes zuständig als für die Poetisierung des Lebens – seiner Abgründe mehr noch als seiner Ursprünge. Poesie ist weder Zuspruch noch Widerspruch. Poesie ist, was wundersam Bestand hat, ob die Wahrheiten nur zersplittert zu haben sind oder zu einer zusammenschmelzen…“
Von Serres, Kindern und Löwen ...
Michel Serres beginnt sein fulminantes Buch: „Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische, Frankfurt am Main 1998“ mit der dramatischen wie eindringlichen Beschreibung einer Katastrophe auf einem Schiff. Bei dem Versuch, durch ein Bullauge aus einer brennenden Kajüte zu entfliehen, steckt er fest. Draußen das tosende, eiskalte, stürmende Meer, die Nässe und der Wind, die einen sofort gefrieren lassen und drinnen die Glut, Hitze und das Feuer, das einem das Fleisch von den Knochen brennt – ein Existenzkampf also, wie er drastischer nicht sein kann.
Er steckt fest im Durchgang des Bullauges. „…Es gibt einen nahezu punktformigen Ort, auf den der ganze Körper hinweist in der räumlichen Erfahrung des Durchganges…Seit meinem Beinaheschiffbruch habe ich mir angewöhnt, diesen Ort die Seele zu nennen. Die Seele befindet sich an dem Punkt, wo das „ich“ sich entscheidet…Wir alle haben eine Seele, seit wir unser Leben aufs Spiel gesetzt und gerettet haben, damals bei unserem allerersten Durchgang…“ (a.a.O. 15)
Ein interessanter Gedanke, den ich gern parallelisieren möchte mit einem persönlichen Erlebnis vom letzten Wochenende. Ich war bei guten Freuden zu Besuch. Eine Familie erwartete mich. Zwei Erwachsene und zwei Kinder; das Mädchen fast sechs und der Junge vielleicht zwei Jahre alt. Diese kleinen Menschen sind nach Serres ja noch nicht weit entfernt von ihrem „ersten Durchgang“. Sie haben ihr Leben „gerettet“ und diese Erinnerung ist noch nicht verblasst. Sie sind dankbar, am Leben zu sein. Sie freuen sich nicht etwa auf die Zukunft, sondern leben vollständig im Augenblick; der Existenzform, die die menschenwürdigste ist.
Es war wunderbar, mit den Kindern umzugehen. Im Spiel versunkten, immer neugierig, ganz offen und ehrlich, am Austausch interessiert. Ganz verwoben in den Atmosphären, ohne Distanz zu sich, den Dingen und Mitmenschen. In einem abendlichen philosophischen Gespräch (die Kinder waren schon im Bett) dann der Exkurs in die „Erfindung der Kindheit“. Es gäbe das nicht wirklich, was man Kindheit nenne; das sei eine Erfindung des Bürgertums um 1800 war da zu hören…
Hier entgegne ich am besten mit meinem nie versiegenden Quell der Inspiration Nietzsche: „…Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe…Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene…” (Nietzsche: KSA 4, S. 29)
Ein heiliges „Ja-sagen“ nach dem „ersten Durchgang“. Das ist der Zauber der Kinder. Sie zeigen uns, wo wir einmal waren und auch, wo wir wieder hinkommen sollten. Ich kann nur hoffen, dass ich mittlerweile wenigstens im Stadium des Nietzscheanischen Löwen angekommen bin…
Die Freude am Denken ...
Denjenigen Lesern, die schon immer nach einer Zeitschrift gesucht haben, die Philosophie vom Wert des Denkens und dem Willen zur Vervollkommnung her versteht und nicht dem Irrtum folgt, Philosophie sei Wissenschaft, möchte ich heute eine Zeitschrift ans Herz legen.
Durch Zufall fiel mir „der blaue reiter – Journal für Philosophie“ gestern im Buchhandel des Kölner Hauptbahnhofs in die Hände. Nein, ich bekomme kein Honorar vom Verlag und auch kein Freiabo. Ich empfehle die Zeitung freiwillig und ohne doppeltes Spiel. Eine ältere Heftausgabe von 1997 „Eros des Denkens“ habe ich mir vorgenommen und bin danach so angetan, dass ich diese Empfehlung ausspreche.
Eine Handvoll Philosophen wagten die Flucht aus den goldenen Geist-Käfigen der akademischen Apparate und verfolgen den Anspruch, „…die Freude am Denken an philosophisch interessierte Leser weiterzugeben…“. Die Freude am Denken wird dabei auch kombiniert mit einer verständlichen Art des Schreibens. Keineswegs leiden darunter Inhalt oder Qualität des Gedachten und es wird deutlich, dass man auch in akademischen Kreisen anders könnte, wenn man nur wollte.
Hier ein kurzes Beispiel aus dem Aufsatz „Der Reiz der Rationalität“, das die Entwicklung des Denkens des Denkens hinterleuchtet seit Kant „…Der Verstand steht zwischen der Sinnlichkeit und der Vernunft…Doch nach dem Idealismus wurde das Begriffspaar „Verstand/Vernunft“ durch das Etikett „Rationalismus“ ersetzt…Für den Verlust des Vernunftbegriffs ist maßgeblich, dass die Philosophie das Denken des Denkens (Denkakte, Denkformen und Denkweisen), an Wissenschaften wie die Psychologie, die Soziologie und die Psychoanalyse abtreten musste…“ (a.a.O. 29). Das ist doch wohl verständlich und müsste heutzutage (der Text ist von 1997) nur noch ergänzt werden durch einen Hinweis auf die Hirneuphorie, denn die neurologische Zunft blockt das Thema heute für sich.
Die Anlehnung an die 1911 um Franz Marc und Wladimir Kandinsky gegründete expressionistische Künstlergruppe im Titel des Blatts zielt auf das Blau, das Marc mit Geist verbindet und die Reiterfigur, die für den tapferen Windmühlenkämpfer Don Quichote steht. Der ehrenvolle und einsame Kampf geht in diesem Fall „…gegen Windmühlen wie Bürokratie, so genannte wirtschaftliche Realitäten und fremd-wortgespickte Aufsätze, welche die Redaktion von der Professorenschaft erreichten…“.
Wenn ich mich recht erinnere, verfocht Don Quichote eine definitiv vergangene (Ritter-) Welt. Das allerdings scheint mir nicht die richtige Metapher zu sein, denn das Denken ist eine Form des lebendigen Prinzips selbst, quasi dessen Wesen. Seis drum, dieser Blog und dessen Schreiber freuen sich über geistige Verwandtschaft wie „der blaue reiter“.
Max Frisch und das Zwischen ...
In „Neue Zürcher Zeitung“ vom 20. Februar verbarg sich hinter der Meldung „Stillers Stalker“ ein ganzes Universum. Von einer „räumliche Erkundung der Nicht-Identität“ war da die Rede und einer Ausstellung, in der die Arbeit der Bau-und Tonkunst-Trias Markus Seifermann, Uwe Schmidt-Hess und Michael Shaw präsentiert wird.
Max Frisch, der bekannte Schweizer Architekt und Schriftsteller ist die Steilvorlage für die Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen, die durch einen seiner (in der Ausstellung zitierten) Tagebucheinträge verdeutlicht werden: „…Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen…“…
Der rein intellektuelle Zugang zum Thema „Realität, Begriff und ICH“ ist sicher nicht neu und auch der Schreiber dieses Blogs hat sich schon manches Mal an der vermeintlichen Relevanz von Begriffen abgearbeitet. Wenn einer der Ausstellungsmacher also verdeutlichen will, dass „…Realitäten…stets nur Optionen bieten und nicht zum Abschluss finden…“ und äußert, dass „…Identität an sich zersetzt, zerfleischt, zerkaut, zerpflückt…“ ist, kann ich nur gratulieren zu dieser Weitsicht.
Difiziler wird es, wenn der Denker den Bereich der Ideen und Imaginationen verlässt und Anschluss sucht an die materiellen Dinge. Ist er doch hier mit dem „Konstrukt“ oder der „umfassenden Technologie“ konfrontiert. Einer Technologie, die sich in endlosen Zirkelschlüssen legitimieren will und doch nur eine direkte Folge und dreidimensionale Zurichtung der Begriffswelten ist und also deren selbsterfüllende Prophezeiung.
Um nicht den Beschränktheiten dieses „dreidimensional expandierten Reduktionismus“ der Konstrukte zu erliegen, müsste der Denker in Analogie zu Max Frisch das Unzeigbare, das Lichte zwischen den Steinen aufsuchen. „…Ihn (Markus Seifermann, CJG) interessieren gerade die Ausdrucksformen der Architektur, die sich nicht im Konstruieren von Gebäuden erschöpfen, sondern die Magie des Raumes erkunden…“.
Architektur als Zwischen, als Magie betreiben, hieße den Raum durch den Leib auf seine hohlen Stellen hin abzuklopfen, ihn zum Fließen zu bringen. Es hieße, synästhetischen Spuren nachzugehen. Es hieße, Räume als „…Bedingungen und Möglichkeiten von Raum an sich…“ nicht nur zu Er-Kennen, sondern zu Er-Leben.
Der NZZ-Artikel endet mit dem Satz: „…Frisch, der einst betonte, dass sich Wahrheit nie beschreiben, sondern nur erfinden lässt…“. Ein Er-Finden in der Architektur müsste denn auch vom Finden her gedacht werden und nicht vom Vorstellen, denn nur das „leibliche“ Finden führt ins Zwischen der Baukunst.
Ästhetik und die Verortung von PR ...
Wieviel Intellektualität verträgt der „Markt“? Hier ein neuerlicher Versuch der Selbst-Verortung mit Gernot Böhme und seiner „neuen Ästhetik“ aus: „Atmosphäre, Frankfurt am Main 1995“.
Was haben PR, Architektur und Schreiben gemeinsam? Das „Sich-Darstellen“, das „Heraustreten“ und „Sich-Präsentieren“. Hierbei wird keineswegs nur der kleinste gemeinsame Nenner bemüht, sondern der größte, denn diese Prinzipien beschreiben nach Böhme einen Naturzustand: „… zeigt sich Natur nicht bloß als Wechselwirkungszusammenhang, sondern als Kommunikationszusammenhang, als Wechselwirkung von Sich-Zeigen und Vernehmen…“ (a.a.O. 42)
(Bau)-Kunst zu begreifen als das „Zeigen-Können“ und „Vernehmbar-Machen“ des unbeeinflusst Wesentlichen eines Kunstwerks ist sicher das höchste Ideal, aber auch im „gerichteten“ Zeigen einer Formensprache, die an Interessen (etwa Corporate Design Vorgaben von Auftraggebern) geknüpft ist, genügt man den Prinzipen des „Sich-Zeigens“, „Räumlich-Werdens“ als Naturzustand.
Wir leben zweifellos in einer Zeit, in der die Ästhetisierung der Waren, Unternehmen und auch Menschen das vorherrschende Thema ist. Die Marxsche Unterscheidung von „Tausch- und Gebrauchswert“ möchte Böhme nicht in kapitalismuskritischer Weise weizerführen. Vielmehr bricht er die Lanze für eine „dünkellose“ Betrachtung unserer gesamten Alltagswelt, indem er den durch Ästhetisierung und Stilisierung beeinflussten Tauschwert als ebenbürtige Größe sieht zum Gebrauchswert. Der Drang der Unternehmen, sich zur Marke zu entwickelt, also den eigenen Tauschwert in die Höhe zu treiben, wäre dann auch die Entsprechung zum Naturzustand.
Die PR oder Öffentlichkeitsarbeit sekundiert den Unternehmen bei deren „Sich-Zeigen“ und „Vernehmbar-Machen“. Böhmes „neue Ästhetik“ stellt dieser Branche allerdings nicht den „Naturzustand-Persilschein“ aus, sondern macht vielmehr klar, dass die Linien zur Selbstkritik an der Obacht gegenüber den manipulativen Eigenschaften der Stilisierungen entlang laufen.
Mein Credo von der Authentizität der Öffentlichkeitarbeit wird ebenfalls durch das Bewusstsein gespeist, den Unternehmen zu helfen, zum „Zustand von Zeigen und Vernehmen“ zu kommen, dabei aber nicht der Versuchung zu erliegen, manipulativ vorzugehen. Helfen also, Dinge so zu zeigen, wie sie sind und sich davor hüten, sie so zeigen zu wollen, wie „man“ sie gern hätte, verortet und legitimiert meine Arbeit und macht das Integrationswerk von Denken, PR, Architektur und Schreiben möglich.
Irrationale Theorie-Bäder ...
In den letzten Tagen gönnte ich mir zwischen den täglichen Arbeitspflichten ein ausgiebiges Theorie-Bad. Dieses Mal in der TU-Berlin, die (man lese und staune) auch ein Institut hat für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- und Technikgeschichte. Soviel vorweg, das Wasser war warm und das Becken geräumig genug, um nicht mit anderen Schwimmern zu kollidieren – dennoch will sich jetzt wohlige Entspannung nicht einstellen.
„Irrationalität – Schattenseite der Moderne“ lautete der verheißungsvolle Titel der 7. Jahrestagung des Internationalen Forschungsnetzwerks Transzendentalphilosophie / Deutscher Idealismus. Schnittstellensucher, wie der Autor dieses Blogs, lieben es gemeinhin, sich mitten hinein zu stellen ins Neue und Unbekannte. Offenbar ein Verhalten, das nicht jedem liegt; traf ich doch erneut auf die verschiedensten „Schrebergartenmentalitäten“ von Philosophen (kurriert von der Annahme, dass diese Zunft per se offen fürs Denken sei, bin ich allerdings schon seit langem).
Das Irrationale ist für einen schöpferischen, künstlerischen Menschen, also auch die Mehrzahl der Architekten (wie ich hoffe), so etwas wie die allgemeine Verkehrsform; auf jeden Falls ist es die interessantere Seite im definitorischen Doppelpack mit der Rationalität – wenngleich eine Referentin mit diesem Auseinanderdividieren schon einen Webfehler im Tagungsnetz verdeutlichte, denn das Gegenteil des Rationalen muss mit eigenen Maßstäben gemessen werden und darf nicht der möglicherweise anrüchige Antipode sein zur hehren Vernunft.
Der Forscherdrang bahnt sich in (zu) vielen akademischen Disziplinen auf gleiche Weise seine Bahn. Den „Fokus auf Unendlich gerichtet“, erreicht man schnell die höchsten Stufen begrifflicher Abstraktion. Es ist auf jeden Fall (für mich jedenfalls) ein großer Genuss, die Tiefe, Geschliffenheit und Stringenz eines philosophischen Vortrages zu verfolgen, die Kehrseite dessen ist allerdings, dass die Grenzen zwischen Elfenbeinturmcharakter und Freakshow fließend sind.
Ich rede hier auch von intellektuellen Stellungskriegen und vom Verlust der Fähigkeit zur Öffnung und Überschreitung von Grenzen und bin gleichzeitig partout der Meinung, dass die Philosophie hilfreich sein kann für so ziemlich alle Bereiche des Lebens. Die Begriffsarbeit als Selbstzweck zu sehen und sie daher auf ihre Spitze zu treiben, mag genau das Richtige sein, wenn man sich mit der freiwilligen Selbstbeschränkung abfindet, die dem innewohnt. Aus meiner Sicht ist es jedoch auch eine vertane Chance.
Zum Schluss wiederhole ich mich noch einmal gern. Irrationalität anschauen und verstehen zu wollen und die Kunst oder die Künstler dabei vollkommen zu ignorieren, ist ein Versäumnis. Für Veranstaltungen dieser Art wünsche ich mir ebenfalls vielmehr, dass die unbändige (etwa irrationale?) Lust zur Theorie in die Richtung einer gelebten Interdisziplinarität umgeleitet wird.
Von Leibniz bis zur Medikamenten-Liebe ...
Gerade gestern habe ich einen Text fertiggestellt, in dem G.W. Leibniz tangiert wird mit seiner Metapher von den verschiedenen Perspektiven auf eine Stadt (Discours de Métaphysique von 1686). Zusammengefasst lautet das Ganze etwa so: Die Sichtweisen der Betrachter sind unterschiedlich, jedoch weisen sie alle auf das Selbe – nämlich die Stadt.
Diese Metapher ist ein wunderbares Sinnbild für die Freiheit der Perspektiven und schafft -gespeist durch Leibnizens Gläubigkeit- die Hoffnung einer eigenständigen Wahrheit, auf die die Menschen verwiesen sind. Hier wird also die Individualität erklärt, gleichzeitig jedoch einem möglicherweise destruktivem Relativismus vorgebeugt und auf einen überperspektivischen Kontext verwiesen.
Nach einer solchen Beschäftigung ist mein Blick wieder einmal geschärft für die geistigen Zustände heutzutage: Keine (kaum noch…) wahrhaft religiös motivierten, überperspektivischen Kontexte, dafür aber umso mehr säkularisierte Gläubigkeit wie z.B. liturgisch zelebrierter Sündenstolz bei zahlreichen Gedenktagen oder politische Theologien a la „Klimawandel“.
Aber wie könnte man die Wissenschaftsgläubigkeit einrücken in diese Betrachtung? Ich stolperte nämlich jüngst über einen exemplarischen Artikel hierzu: „Die Liebe ist nur Chemie“ in “Neue Zürcher Zeitung”.
Der Tenor ist schnell umrissen: “…Schon bald könnte die Biologie gewisse mentale Zustände, die wir mit Liebe verbinden (man achte auf die Definition von Liebe, CJG), auf biochemische Vorgänge reduzieren…”. Weiter wird im Beitrag die Brücke gebaut in den allgegenwärtigen biologischen Materialismus, wenn es heißt: „…könnte es schon bald Medikamente geben, die unsere Liebe zueinander befeuern oder erkalten lassen. Versuche haben gezeigt, dass schon ein Oxytocin-Nasenspray Vertrauen stärken und Menschen einfühlsamer machen kann…“.
Nun haben Philosophen (auch die dilettierenden Exemplare…;-)) nun mal die Neigung, möglicherweise auch die Aufgabe, sich nicht mit Oberflächen zu begnügen, sondern die Tiefen der Gewässer auszuloten. Auf den besprochenen Fall übertragen hieße das: man hat ein Molekül „xyz“ gefunden, es manipulieret und ausrichtet auf die eigenen Erwartungen. Man hat eine eigene Prophezeiung sich erfüllen lassen. Man ist fortan in der Lage, in beliebiger Menge ein Mittel anzuwenden, das „Liebe“ erzeugt.
Ich denke, hierin könnte ein Kern liegen, ein Zentrum der Wissenschaftsgläubigkeit. Es funktioniert und es ist für jeden Menschen begreifbar. Es ist -im Gegensatz zu jenseitigen Paradiesversprechungen der monotheistischen Religionen- im Diesseits sofort, hier und jetzt das Heil erreichbar. Auch bei uns Heutigen gibt es verschiedene Perspektiven auf die „Stadt“. Der Unterschied ist jedoch, dass es der Mensch es selbst ist, der blickt und auf den geblickt wird.
Organ²/ASLSP, Geschehen und Dauer ...
Mit „Achtung, Klangwechsel!” gibt es einen Artikel zu lesen, der in „faz.net“ am 10. Februar publiziert wurde. Till Krause schrieb eine anschauliche Geschichte über das Musikstück „Organ²/ASLSP“ von John Cage, dessen Aufführung in Halberstadt bereits 2001 begann und noch bis zum Jahr 2640 andauern wird. Eine sehenswerte -und vertonte- Slideshow gibt es auch dazu.
Nach dem kürzlich erfolgten Klangwechsel ist nun ein Akkord aus sieben Einzeltönen zu hören, der noch bis zum 5. Juli 2010 klingen wird.“…Es mache einem bewusst, dass manche Dinge größer sind als man selbst…” lautet das Feedback eines Besuchers. Damit ist die Bedeutung der „Musik in der Zeit“ angeschnitten. In einem gleichnamigen Buch präsentiert Günter Figal seinen Essay „Zeit und Präsenz als ästhetische Kategorien“, dessen erste Hälfte erhellend ist in Bezug auf das Phänomen „Organ²/ASLSP“.
Was in Halberstadt passiert, ist das Ver-rücken der Musik aus ihrem angestammten Platz als „Zeitkunst“. Ver-rücken an die Grenze zur „Raumkunst“. Musik ist flüchtiger, dynamischer als ihr artverwandter Bruder, die Architektur. Bei „Organ²/ASLSP“ wird die Musik also (fast) statisch, dauernd und räumlich.
Günter Figal verdeutlicht hierzu: „…Dauer und Geschehen (analog Statik und Dynamik, CJG) können bis zum Zerreißen in Spannung sein. Aber sie müssen um des künstlerischen Gelingens willen zusammenfinden und im Einklang einer gegenstrebigen Harmonie stehen können…“. Das heißt, dass im Kunstwerk stets beide „Zustände“ (Dynamik und Statik, Dionysos und Apollon, Geschehen und Dauer) am Werk sind und man auch auf Asymmetrien in diesem Binnenverhältnis treffen kann.
„Organ²/ASLSP“ wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Beweisführung, denn gegen Ende des FAZ-Artikels heißt es: „…Es (der Klang, CJG) erinnert jetzt an die spannende Stelle in alten Krimis, kurz bevor der Mörder auftaucht: ein Aufmerksamkeitsfiepen, ein dissonantes Signal, das Spannung erzeugen soll…”. Cage scheint durch die Verweigerung „einer gegenstrebigen Harmonie“ zugunsten der Dauer einen Orkan aufkommen zu lassen, der das Kunstwerk Schlagseite bekommen lässt.
Das Selbstgespräch als Normalzustand ...
Der Mitbetreiber des Blogs: Phainómena, Manuel Schölles, hat in einem Posting LOGEION.NET vorgestellt. Hier nun meinen Dank und einige Gedanken dazu. (Wie wunderbar tief die deutsche Sprache doch ist. „Dank“ steckt in Gedanken, ist mir gerade aufgefallen. Aber das nur nebenbei…)
Ich hatte mich offensichtlich schon daran gewöhnt, die goldene Regel bestätigt zu sehen, dass nur ein Leser von hundert sich zu Wort meldet in Form von Kommentaren oder E-Mails an mich. Hier kommt mir auch ein Artikel in den Sinn, den ich vor gut zwei Jahren in „DIE ZEIT“ gelesen hatte. In „Ich blogge, also bin ich“ wurde Geert Loving damals zum Phänomen „digitaler Nihilismus“ befragt und sagte unter anderem: „…Eindeutig ist die Blogosphäre etwas Einsames, Reflexives….“. So hatte ich sie bislang auch empfunden…
Weiter wird im Interview nach dem Begriff „digitaler Nihilismus“ gefragt. Die hochinteressante Antwort damals: „…Der digitale Nihilismus…ist eine Position, die von einem imaginären Nullpunkt ausgeht, dem »Zero« in Zero Comments. Denn die Mehrzahl der Blogs wird ja gerade nicht gelesen…Die Null, die in der Software aufscheint – kein Verkehr, niemand da gewesen, das »Nihil« von Nihilismus –, ist die Regel, nicht die Ausnahme…”. Nun, diese Null kann den Schreiber interessieren, sie kann es nicht oder er kann diese Null heroisch wenden und sich über die Chance freuen, aufrecht und ungestört der Welt seine Gedanken zuzurufen…
Gern gehe ich auf die Fragen ein, die im Posting aufgeworfen wurden. „…Die Welt braucht keine philosophischen Blogs…“, heißt es zu Beginn. Ein fulminanter Einstieg, dessen Aussage ich mich nicht so recht anzuschließen vermag. Wenn ich mich so umblicke, überkommt mich eher das Gefühl, dass die Welt mehr als weniger öffentliches Nachdenken und Reflektieren braucht. Ich würde eher eine Aufgabe darin sehen, das Denken aus den Hochschulen, akademischen Zirkeln und wie immer gearteten Elfenbeintürmen herauszuholen.
Sehr geehrt fühle mich, dass LOGEION.NET als philosophischer Blog empfunden wird. Ich bin nämlich von Hause aus Architekt und dilettiere nur in der Philosophie. Ich gehe einfach meiner Lieblingsbeschäftigung nach – dem Denken und kann darin partout kein Ende finden. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht über irgendetwas ins Staunen gerate…
Beim Begriff „Gedankenlabor“ schlägt der „Bauhäusler“ in mir durch. Das fruchtbare „in die Verbindung bringen“ von einzelnen künstlerischen Disziplinen ist ein hohes Ideal, dem ich mich verpflichtet fühle. Ich bin hier ganz bei Nietzsche: “…Moderne Unart, die Künste theoretisch auseinandergehalten als einzelne genießen zu müssen…” (KSA 7, S. 27).
Das Denken zähle ich mit zu den Künsten, weil es „das darüber hinaus“ schaffen kann, „wider-ständig“ sein kann im Sinne des Kunstwerkes. Das Laborhafte geht für mich also eher in Richtung Werkstattcharakter: “…Einem Formmeister als dem für die gestalterisch-ästhetischen Aspekte verantwortlichen Künstler stand ein Werkmeister als ein handwerklich-technische Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelnder Handwerker zur Seite…”. Wenn ich so darüber nachdenke, sollte ich vielleicht Gedankenlabor umbenennen in Gedankenwerkstatt…
Dem „Philosophen als Schauspieler„ würde ich mich gern in einem eigenen Artikel zuwenden und freue mich darauf, nun den “digitalen Nihilismus” von Zeit zu Zeit durch digitale Gespräche ergänzen zu können. Als erstes Zeichen hierzu siehe rechts die neue Kategorie „Mit-Denker“.
