Von der Illusion der Perspektive …
„Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“. So sprach er, während er unter freiem, wenngleich stark bewölken Himmel saß und das Gespräch mit mir fortsetzte. Was er wohl nicht merken wollte, war die größtmögliche Distanz zwischen dem Gesprochenen und unserem momentanen Sein. Es ist schon ein großes Kunst-Stück (im Sinne von künstlich), in welcher Weise dieser Mensch entfernt war von der Welt, die er (ohne davon Notiz zu nehmen) mit mir teilte.
So war nicht nur seine Lautstärke unangemessen, sondern auch das Drängen, das unter dem Sprechen lag. Eine Art Subtext des Selbstvertrauens, der aus dem Gegenteil von Selbstbewusstsein gespeist wurde, dröhnte in meinem Inneren und blieb dabei doch für die Ohren unhörbar.
Seine Sätze glichen eher Attacken. Sie bäumten sich dabei nicht nur gegen mich auf, sondern verbliebenen als Dissonanzen im Raum. Sie wirkten als aggressive Implantate in einer Sphäre, die uns schweigend, ruhend und mächtig umgab. So begann ich bald, nicht mehr ihm, sondern der Welt zuzuhören.
Dieser Tag war schon seit dem Morgen etwas Besonderes. Es war so, als wolle er nicht wach werden, einfach nicht aus dem Bett kommen, die Vorhänge nicht aufziehen. Eine gewisse Dichte war ihm zu eigen. Sie hatte es zuvor schon schwer gemacht, zum Treffen zu fahren - jeder tritt in die Pedale viel doppelt schwer. Man musste sich förmlich durch einen Widerstand hindurch bewegen.
Auch im Sitzen am Treffpunkt wurde es nicht anders. Die Trägheit des Tages wälzte sich durch den Stadtraum. Sie ergoss sich unaufhörlich in die Räume und füllte sie langsam auf. Nur die Feuchte in der Luft korrespondierte mit der unausweichlichen Dichte dieser Atmosphäre.
Manchmal ist das verbindende Zwischen körperlicher als alle Subjekte und Objekte selbst. Man kann es dann fast mit den Händen greifen. Es umschließt einen vollkommen, wird quasi zur Materie und verliert seine Flüchtigkeit.
Das Zwischen ist dann wie die Finsternis, deren Grenze direkt am eigenen Körper entlangläuft. So, wie die Finsternis den Körper umschließt, so umschließt an diesen ganz besonderen Tagen das Zwischen hauteng alles in und außerhalb von ihm selbst. Nur, dass die Helligkeit dem Irrtum Vorschub leistet, die Grenze des Umschließens in die Ferne verlegen zu können. An diesen Tagen kämpft die Perspektive um ihre Macht und wehrt sich mit aller Vehemenz gegen die Entlarvung als Illusion.
So ist die Welt an solchen Tagen nicht weit, sondern eng. Sie zeigt nicht nur die Umschlossenheit der Menschen, sondern markiert damit auch das Terrain der Lebendigkeit schlechthin. Sie dringt auch in den Körper ein. Man atmet sie und wird davon satt. Ja, man kann sich an Luft überfressen!
Die Atmosphäre raubt die Ferne - und mit ihr die Vereinzelung. Sie löst das Subjekt auf, nicht indem sie es mit dem Objekt verschmilzt, sondern, indem sie es an ihre atmende, sättigende, pulsierende Textur verweist. Eine Textur, der man sich gewöhnlich in der Isolation des Verstandes entzieht. Einer Isolation, die mein Gegenüber Sätze sprechen lässt wie: „Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“.
Auf der Spur der Zeit ...
Menschen leben in der Gegenwart – und nur dort. Hier stiftet sich ein Etwas, das allererst in die Reihe gestellt werden kann. Nur aus dem Augenblick heraus lässt sich bestimmen, was hinter einem Augenblick liegt oder davor.
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Der Mensch wurzelt in der Gegenwart. Wieso aber sind so viele der festen Überzeugung, dass sie in der Zukunft wurzeln? Es hat jedenfalls diesen Anschein, wenn man die Leute dabei beobachtet, wie sie ihre Pläne machen.
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Pläne strotzen oft vor Kalkül und Berechenbarkeit. Pläne verfolgen heißt, Ziele oder Ergebnisse ansteuern. Was aber sind Ergebnisse anderes als vergangene Versatzstücke?
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Wenn ein Ziel bekannt ist, bevor es erreicht wird, kann es doch nur eine Vergangenheit sein.
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Zukunft entsteht also auf der Grundlage von Erinnerungen, von vergangenen Versatzstücken, denn Menschen sprechen und bilden Begriffe aus ihren Gedächtnisspeichern. Zukunft, wenn sie gedacht wird, wird sich also auf schon Gedachtes berufen müssen, auf Vergangenes, das lediglich wieder hervorgeholt wird und gegebenenfalls anders kombiniert.
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Das Neue wäre dann lediglich das (wieder) Hervorgeholte. Möglicherweise auch aus anderen Gedächtnisspeichern hervorgeholt, als aus dem eigenen.
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Das Neue ist gar nicht erkenn- und verhandelbar, denn es wird beschrieben werden müssen.
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Selbst wenn es das gäbe, was „tatsächlich“ neu (was immer das heißen mag?) ist, könnte menschliches Sprechen es nicht be-sprechen. Das soll nicht heißen, dass es für einen einzelnen Menschen nichts anderes geben könnte. Überhaupt sollte man „neu“ durch „anders“ ersetzen.
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Könnte man sagen, dass jeder Gedanke an etwas anderes, als das, was gegenwärtig ist, nur durch sein Anderssein ein Potential von Zukünftigkeit hat? Anderssein wäre dann Möglichkeit, denn alles kann jederzeit anders sein, als es in der Gegenwart ist. Das Andere muss passieren und dieses Passieren ist zeitlich.
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Dann gäbe es ebenfalls die Zukunft auch ohne das Denken und der Brückenschlag in den Augenblick und die menschliche Gegenwart wäre gemacht. Zukunft entbirgt sich dann durch das Andere, das mir begegnet, ohne dass ich es zuvor gedacht habe.
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Brasilianisches Fließen ...
G: In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.
G: Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen von Außen- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schön über den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.
G: Sicher trägt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefühl zu bekommen für diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Täuschung und Schein…aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.
G: Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernität, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des „Dass“ abstelle des „Was“ betont werden. Räumen, Lichten, Möglichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!
S: „…Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemüth, unsern eignen Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseyn…“
G: Schön, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass über sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinüber lässt. Ein Bauwerk also, das sich genügt in seinem „…schaffenden Leben“ und „ seiner Kraft dazuseyn“…(Fortsetzung folgt)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)
Traumhaftes ...
G: Welche Auswege aus dem Begriffskäfig bleiben noch, um Wandlungen zu markieren? Neben den bereits angeschnittenen Methoden: Schweigen, Spielen, Dichten und Handeln gibt es noch den Traum!
N: „…für die Entwicklung der modernen Künste ist die Gelehrsamkeit, das bewusste Wissen und Vielwisserei der eigentliche Hemmschuh: alles Wachsen und Werden im Reiche der Kunst muss in tiefer Nacht vor sich gehen…“ (516)
G: Jedem Menschen zu eignen ist diese Gabe. Frei lässt sich mit dem umgehen, das zuvor gegeben bzw. genommen wurde. Erlöst von Sinnfragen, entfaltet sich ein abgründiges Spiel mit Berührungen, Stimmungen, Klängen, Bildern.
N: „…Wir genießen in unmittelbarem Verständnis der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns; es giebt nichts Gleichgültiges und Unnothiges…“ (553)
G: Der Traum scheint die bessere Hälfte der Bewusstheit darzustellen. Ein riesiges Meer, auf dem den Seglern phantastische, neue Welten offenstehen. Ein riesiges Meer, das für Landratten und Seekranke freilich auch zum Alptraum werden kann, wenn sie unter Deck flüchten und statt ersehnter Festigkeit nur noch stärkere Bewegung fühlen…
N: „…der Schleier des Scheines in flatternder Bewegung…“ (554)
G: Kann sich aber die „flatternde Bewegung“ nicht erst ergeben gegen etwas Festes? Braucht es zum Träumen nicht vorher Bilder, Stimmungen, Klänge? Braucht es zum Träumen nicht das Wachen? Die Dichotomie lässt sich fortsetzen und ins Feld der Kunst tragen. Mit den beiden Polen „apollinisch und dionysisch“ beschreiben wir Statik und Dynamik, Schein und Rausch, Beherrschung und Ekstase.
N: „…Nicht im Wechsel von Besonnenheit und Rausch, sondern im Nebeneinander zeigt sich das dionysische Künstlerthum…“ (556)
G: Auch für die Architektur gilt dieses Spannungsfeld! Sie muss zwar stellen, sollte dabei aber nur hegen. Sie darf nicht erstarren, denn luftig und fließend kann sie am besten den Wechsel von „Besonnenheit und Rausch“ tragen.
N: zitiert Anselm Feuerbach: „…so bildet (…) die Architektur den Rahmen und die Basis, durch welche sich die höhere poetische Sphäre sichtbar gegen die Wirklichkeit abschließt…“ (518)
G: Träumen wir die Architektur und versuchen, ein Stückchen davon im Wachen zu halten, damit sie ein aus sich rollendes Rad werden kann; eine permanente und richtungslose Progression; ein Ergebnis und ein Weg zugleich; eine Antwort, die Frage bleibt; ein Ziel, das nicht zum Stillstand wird; ein Zweck ohne Zweckmäßigkeit; ein sinnloser Sinn und das ernsteste Lachen. All dies zugleich!
Kriegerisches ...
G: Umstellen, Hegen, Lichten…Lichten im Sinne von Roden oder Räumen oder Freiräumen. Räumen führt auf Raum hin, auf Raum schaffen. Raum schaffen geschieht lichtend, also auch wandelnd, also auch tuend, also auch zerstörend.
N: „…Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld — und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich. Sich verwandelnd in Wasser und Erde thürmt er, wie ein Kind Sandhaufen am Meere, thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt. Nicht Frevelmuth, sondern der immer neu erwachende Spieltrieb ruft andre Welten ins Leben…“ (830/831)
G: Schöpfung und Zerstörung liegen nah beieinander. Die „Demiurgen“-Fraktion sah den „Allerersten“ von Anbeginn als Handwerker, der das Chaos fügte. Und selbst die so prägende „Creatio ex nihilo“-Fraktion sieht ihren „Allerersten“ als Zerstörer – nämlich der Leere. Er setze, unterbrach, fügte, stellte (in) Leere…
VS: Hippolytus über Heraklit: „…Krieg ist der Vater von allen und König von allen …“ (307)
G: Wandeln, Schaffen, Handeln, Zerstören; alles Aktivitäten mit unmittelbarer Relevanz und unabhängig von begrifflicher Überformung. Setzen wir also die Tat an die Stelle des Wissens, kommen wir heraus aus der Lähmung einer bloß sprachlichen und scheinbaren Differenz und gelangen in eine konkrete.
S: „…Ein Hemmendes, Widerstrebendes drängt sich überall auf: dieß andere, das, so zu reden, nicht seyn sollte und doch ist, ja seyn muß, dieß Nein, das sich dem Ja, dieß Verfinsternde, das sich dem Licht, dieß Krumme, das sich dem Geraden, dieß Linke, das sich dem Rechten entgegenstellt, und wie man sonst diesen ewigen Gegensatz in Bildern auszudrücken gesucht hat; aber nicht leicht ist einer im Stande es auszusprechen oder gar es wissenschaftlich zu begreifen…“ (211)
G: Wandlung provoziert das Andere; sie braucht es. Sie ist ein Über-sich-hinaus. Sie ist ein Symptom des Wollens, der (reinen) Bewegung ohne Richtung, ohne Progression. Sie weist auf einen mächtigen Strom. Sie ist aber nicht der Strom selbst. Wenn sie wirkt, deutet sie nur darauf, dass es ihn gibt. Sie durchzieht das Dasein und steht als Mittlerin auf anderem Grunde – nein, sie steht nicht, sie fließt eher. Sie ist nichts Fassbares; ein Fluss im Fluss; eine körperlose Struktur; eher ein Zustand; eine (nicht-eukildische) Dimension…
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 8, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
Von Wert des Dunklen ...
G: Wandel führt hin auf das Andere, das (noch) abwesend, aber dennoch schon anwesend ist. Er führt auf Zustände und auf Differenzen. Fragt sich, ob jedes Wandeln, das mithilfe der Sprache bestimmt wird, nur scheinbar sein muss – denn die Mittel der herkömmlichen Sprache setzten auf dressierende Reduktionismen (auch Begriffe genannt). Die Poesie kann helfen; lebt sie doch aus der Welt der Möglichkeit.
S: „…Universalität, die nothwendige Forderung an alle Poesie, ist in der neueren Zeit nur dem möglich, der sich aus seiner Begrenzung selbst eine Mythologie, einen abgeschlossenen Kreis der Poesie schaffen kann…“ (444)
G: Wirklichkeiten-Begriffskäfige mit Gelassenheit balancieren, um über sie hinaus zu weisen. Welche gelassene Sprache reicht dort hin? Kann der „Trieb“, die „Kraft“, das Ermöglichende des Wandels selbst auf diese Weise angerührt werden? Kann man also (noch) sprechen oder muss man (schon) schweigen?
VS: Themistius über Heraklit: „…Der Ursprung (der Dinge), so Heraklit, pflegt, verborgen zu bleiben…“ (301)
H: „…Heraklit ist „der Dunkle“, weil er das Sein als das Sichverbergen denkt und gemäß diesem Gedachten das Wort sagen muss…“ (32)
G: Das Wort sagen redet hier davon, dass Heraklit einer der „sophoi“ war, jener weisen Sprecher von Worten also, die noch ohne (beliebige) Begriffe waren, die gleich erratischen Blöcken rätselhaft und voller lautestem Schweigen barsten.
VS: Aristoteles über Heraklit: „…Denn es ist ein schwieriges Unternehmen, die Schriften Heraklits zu interpunktieren, weil nicht klar ist, ob (die betreffenden Wörter) mit dem Folgenden oder mit dem Vorhergehenden zusammengehören…“ (287)
G: Die Unklarheit der Fügungen spricht etwas über das Sprechen. Insofern beschreiben aristotelische Schmerzen gleichzeitig das Symptom des gegenwärtigen Autismus einer diskursiven Belanglosigkeit und eines geronnenen, akademischen „Anything Goes“.
H: „…Dunkel ist die Philosophie also notwendig und immer, sofern sie nämlich dem Gesichtskreis des bloßen Verstandes, d.h. des alltäglichen Verstellens und Meinens, beraubt wird…“ (29)
G: Hegen, Umstellen (nicht Verstellen!), Lichten, mehr gibt es nicht zu tun – auch nicht für eine wahrhaft menschliche Baukunst. Erscheinung provozieren, die ohnehin schon ist und sich ansprechen lassen; nehmen, was gegeben und auch vorenthalten wird…
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 55, Frankfurt am Main 1979)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)
Anti-Dressuren ...
G: Lösen von Dressuren ist leicht gesagt, aber schwer getan – auf einer Reise war ich Zeuge davon. Mir gegenüber sitzend in einem Zug während eines Halts am Bahnhof unterwies eine Mutter ihren Sohn: „Was bewegt sich gerade, wir oder der andere Zug?“. Der Junge darauf: der Bahnhof! Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte überschwänglich gratuliert – so viel Weisheit kann nur ein Kind haben!
G: Wohin kann ein Sprechen sich ausdehnen, das noch verstanden werden soll? Eindrucksvolle Vertreter für ein vor- oder überbegriffliches Denken sind beispielsweise die „sophoi“ in der ältesten griechischen Klassik zwischen dem 5. bis 7. Jh. v. Chr. Hier ist Wissen noch nicht in Begriffe zerfallen. Hier ist die Nähe spürbar zum Epos und zum Erscheinenden an sich.
WS: „…Ein guter Steuermann kann „sophós“ heißen, der sein Handwerk versteht und zugleich vieles im Instinkt hat; ebenso wie der Mann, der ein wirklich gewusstes Wissen hat…“ (16)
G: Zurück in die Zukunft also, als es noch keinen Unterschied gab zwischen Denken und Leben, als Gedachtes, Gesprochenes und Konkretes noch nicht aufgelöst waren in kleinste gemeinsame Nenner, die im Dienste des „Diskursiven“ stehen.
HS: „…Das alte Paradigma bezeichne ich als archaischen Dynamismus (…) Das menschliche Erleben ist im archaischen Paradigma weder zentralisiert noch abgegrenzt; die Person, die „ich“ sagt, steht ohne Hausmacht in einem Konzert von Regungsherden (…) die meist leiblich lokalisiert sind, und ist dem Einbruch ergreifender Mächte (…) ausgesetzt…“ (13)
G: Man kann sich diese Bruchlinie nicht deutlich genug machen. An ihr entlang entwickelt sich sukzessive über 2.500 Jahre hinweg die rationale Ermächtigung über unser Sprechen und Denken bis hin zum Zustand der freiwilligen Selbstbeschränkung unserer Gegenwart.
N: „…es (das philosophische Denken, CJG) hebt seinen Fuß in eine fremde, unlogische Macht, die Phantasie. Durch sie gehoben springt es weiter von Möglichkeit zu Möglichkeit, die einstweilen als Sicherheiten genommen werden: hier und da ergreift es selbst Sicherheiten im Fluge…” (813)
G: Das wäre ein weiterer Weg. Zulassen der Erscheinungen, aber Jonglieren, Fügen und Zerbrechen dessen, was die Erscheinung begrifflich verformt. Denken also mit Bausteinen in der freien Kollage, im Vexierspiel.
E: „…Wir fragen aber nicht nach dem Erscheinenden, sondern nach dem, was über das Erscheinende ausgesagt wird, und das unterscheidet sich von der Frage nach dem Erscheinenden selbst…“ (98)
(E: Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis; Frankfurt am Main 1985)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(WS: Wolfgang Schadewaldt: Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen; Frankfurt am Main 1978, Band 1)
(HS: Hermann Schmitz: Der Leib, der Raum und die Gefühle; Berlin und Locarno 2007)
Wandlungen ...
G: In dieser Reihe soll ausgelotet werden, was Wandel bedeuten könnte. Brennende Frage hierzu: bleibt Wandel stets gebunden an Bestehendes und also in Abhängigkeit der Anschauung sowie deren menschlicher Übersetzungen des Angeschauten – also der Sprache? Ist Wandel das Andere des Neuen oder ist das Neue nichts weiter als Wandel?
K: „…Nun beruht aber alle unsere Unterscheidung des bloß Möglichen vom Wirklichen darauf, dass das erstere nur die Position der Vorstellung eines Dinges respektiv auf unsern Begriff und überhaupt das Vermögen zu denken, das letztere aber die Setzung des Dinges an sich selbst (außer diesem Begriffe) bedeutet…“ (354)
G: Kann eine „tiefere“ Form in die Sprache geraten? Kann eine Sprache jenseits eines Bezeichneten operieren? Kann eine solche Sprache den Menschen schreibend und denkend halten, ohne das zu Schreibende und das zu Denkende in Begriffe zu pressen? Kann sie an-rühren, ein-hegen, ohne festzulegen? Wäre man noch sprechfähig oder glitte in die Meditation?
N: „…Die Sphäre der Poesie liegt nicht ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegentheil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit und muss eben deshalb den lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Culturmenschen von sich werfen…“ (57)
G: Denken als Wegweisung und Aufforderung zum Gehen und nicht als reproduzierbare Formelbereitung. Diese Lektion auf das Bauen gewendet ist es, die die Bau-Kunst beherzigen muss, will sie über sich hinaus und damit hin zu den Menschen.
G: Warum sollte man länger dem aristotelischen Diktum folgen und Möglichkeit stets an materielle Wirklichkeit knüpfen? Was wäre, wenn die Möglichkeit und Wirklichkeit eins sind? Was wäre, wenn Wirklichkeit nicht einmal den Körper und das Materielle kennte?
S: „…Ein körperlicher Träger der Bewegung ist nicht zur Vorstellung des Wirkens im Raume, der „Wirklichkeit“, notwendig…“ (15)
G: Steht die Neuauflage des Kampfes an zwischen Platon und Aristoteles? Kann man das Verhältnis auflösen zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, ohne in die reine Ideen-Welt zu geraten?
G: Lösen wir uns von den Dressuren, die unsere Sprache und unser Vorstellungsvermögen bestimmen. Versuchen wir beispielsweise, die Baukunst ohne Materie zu denken. Denn nur, weil wir die Architektur als Lastendes, Schweres begreifen wollen, wollen wir auch annehmen, dass sie nicht beweglich wäre.
N: „…Man glaubt, zwei Wanderer an einem wilden, Steine mit sich fortwälzenden Waldbach zu sehen: der Eine springt leichtfüßig hinüber, die Steine benutzend und sich auf ihnen immer weiter schwingend, ob sie auch jäh hinter ihm in die Tiefe sinken. Der Andere steht alle Augenblicke hülflos da, er muß sich erst Fundamente bauen, die seinen schweren, bedächtigen Schritt ertragen, mitunter geht dies nicht, und dann hilft ihm kein Gott über den Bach…“ (813)
(K: Immanuel Kant: Werke in zwölf Bänden, Frankfurt am Main 1977, Bd. 10)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(O: Oswald Spengler: Reden und Aufsätze, München 1937)
Der Segen der Null ...
G: Baukunst in ihre Un-be-stimmt-heit halten zu wollen, gleicht einem Hürdenlauf. Die zu überspringenden Barrieren sind selbst aufgestellt – und auch bestens verteidigt. Sie haben Namen wie Logik, System, Konstruktion, Nützlichkeit oder Funktion. Welche sind die wichtigen Sprünge? Welche Hürden fordern am meisten Kraft?
S/1: „…solang Architektur dem bloßen Bedürfniß fröhnt und nur nützlich ist, ist sie auch nur dieses und kann nicht zugleich schön seyn. Dieß wird sie nur, wenn sie davon unabhängig wird, und weil sie dieß doch nicht absolut seyn kann, indem sie durch ihre letzte Beziehung immer wieder an das Bedürfniß grenzt, so wird sie schön nur, indem sie zugleich von sich selbst unabhängig, gleichsam die Potenz und die freie Nachahmung von sich selbst wird…“ (578)
G: Architektur von sich selbst unabhängig machen, zur „freien Nachahmung“ machen. Herrscht dann der Zufall, die Kontingenz im Gegenteil zur Freiheit – denn Freiheit bleibt ja stets gebunden an ihr jeweiliges Gegenteil?
G: Wo ist das „Schwarze Quadrat“ der Baukunst? Wo der Malewitsch unter den Architekten? Wo wird die Baukunst sich selbst zum Gegenstand; wo setzt sie sich „auf null“? Vielleicht als Organismus und mit dem Organischen als Freiheitsausdruck, als Anderes, als Selbstunabhängigkeit?
S/2: „…Wenn eine Kunst Grenzen hat – Grenzen ihrer formgewordenen Seele –, so sind es historische, nicht technische oder physiologische. Eine Kunst ist ein Organismus, kein System…“ (285)
G: Eine „Baukunst auf null“ könnte den Raum wieder freigeben für ihren eigenen Anfang. Könnte zurück in die Zukunft einer Gestaltfindung anstelle der Gestalt. Könnte sich musikalisieren und damit ihrer bessere Hälfte den Vortritt lassen.
S/1: „…Die Musik, welcher die Architektur unter den Formen der Plastik entspricht, ist zwar davon freigesprochen, Gestalten darzustellen, weil sie das Universum in den Formen der ersten und reinsten Bewegung, abgesondert von dem Stoffe darstellt. Die Architektur ist aber eine Form der Plastik, und wenn sie Musik ist, so ist sie concrete Musik. Sie kann das Universum nicht bloß durch die Form, sie muß es in Wesen und Form zugleich darstellen…“ (577)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann ihr poetisches Potential wiederfinden. Sie kann zum Wort zurückkehren und dabei den Begriff hinter sich lassen. Sie kann sich in das Stimmen in der Un-be-stimmtheit versenken.
S/2: „…Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie…“ (382-383)
G: Eine „Baukunst auf null“ kann den Ort im W-ort aufsuchen?
H: „…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (208)
G: Diese Reihe endet hier. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten und der Schreiber ahnt, dass es genau darum gehen sollte in einem zeitgemäßen Bauen.
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 13, Frankfurt am Main 1983)
(S/1: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(S/2: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes; München 1923)
Mehr-Werte ...
G: Drei Variationen auf Materie und Ding. Zunächst F. in der Wüste…
F: „…Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre gar nichts, ausgenommen das Rieseln von Sand…“ (25)
G: Nicht zu retten? Nicht zu retten vor der „Klarheit“ oder vielmehr nicht zu retten vor der Fixierung auf die Schatten an der Höhlenwand? Was ist das Rieseln des Sandes nicht? So taub kann keiner sein…
G: Mehr „sehen“ als das Ding, das man betrachtet. Blinde sehen besser. Menschen er-leben die Dinge. Sprung in die Unklarheit als Standard. Sprache als stets unzureichendes Vehikel. (Selbstversuche „sprechen“ für sich)
G: Das „Un“ ist das Wichtige. Hier tut die Kehre not. Das „Un“ schwingt mit. Es ist wie der Zwilling des Dings. Das „Un“ weißt tiefer hinein und weiter heraus. Das „Un“ der Schärfe wohnt jedem Scharfgestellten inne. Das „Un“ ist auch das Mögliche – aber nicht nur. Es verleiht ihn sein Leben – macht es er-leb-bar. Es macht es bar, also nackt. Nackt ist auch das „Dass“ der Existenz. Nackt, weil es ohne das Etwas ist.
G: Nun S. mit göttlichem Gepäck…
S: „…Die Materie erfüllt einen Raum nicht durch ihre bloße Existenz (denn dieß annehmen, heißt alle weitere Untersuchung ein für allemal abschneiden), sondern durch eine ursprünglich-bewegende Kraft, durch welche erst die mechanische Bewegung der Materie möglich ist. Oder vielmehr: Die Materie ist selbst nichts anders, als eine bewegende Kraft, und unabhängig von einer solchen, ist sie höchstens etwas bloß Denkbares, aber nimmermehr etwas Reales, das Gegenstand einer Anschauung seyn kann…” (231/232)
G: Ideenretter. Zunächst der Logos, dann die Materie. Alles ist klar und unklar gleichzeitig. Das „Un“ wird nun verwiesen in den „Ur-grund“ oder „Un-grund“. Scharfes Unschärfefeld, denn zu erreichen ist es nimmer – bestenfalls einzuhegen. Mit Worten einhegen, die vorgeschoben werden, bis sie kurz davor sind, in den „Ab-Un-Ur“-grund zu fallen. Intellektuelle Echolote, u. a. auch der geniale Wittgenstein, übten sich darin.
G: Nun H. mit dem Einfachsten und Schwersten gleichzeitig. Zunächst über S.:
H: „…Die Dingheit der Dinge bestimmt sich so wenig aus einem gleichgültigen Vorhandensein, stofflicher Körper, dass die Materie (bei Schelling, CJG) selbst geistig begriffen wird; was „wir“ als Materie spüren und sehen, ist ein in die ausgedehnte Schwere der Trägheit geronnener Geist…“ (215)
G: Aus der Zeit in die Zeitlichkeit gekippter Geist. Ein erkalteter Lavastrom, der Äonen braucht, um sich ins Leere der Zeit zurück zu bewegen, die Eins ist mit dem Sein. Das Sein auch als längste der langen Weile.
(F: Max Frisch: Homo Faber, Frankfurt am Main 1957)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 42, Frankfurt am Main 1988)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 2, Stuttgart 1856)
Wirkung als Mangel ...
A: Indem nun in jeder Gattung genau getrennt sind das eine als in angestrebter Wirklichkeit da, das andere als der Möglichkeit nach vorhanden, so (gilt): Das endlich zur-Wirklichkeit-kommen eines bloß der Möglichkeit nach Vorhandenen, insofern es eben ein solches ist – das ist (entwickelnde) Veränderung…“ (51)
G: Veränderung vollzieht sich erst, wenn Möglichkeit ver-wirklicht wird. Ver-wirklichen geht einher mit Ver-gehen. Verwirklicht ist die Möglichkeit also vergangen. Der Preis der Veränderung ist ihre Vergängnis.
G: Ist bereits das Sprechen oder Denken einer Möglichkeit ihre Verwirklichung? Dann wäre Möglichkeit geknüpft an geistige Wirklichkeit. Wäre in diesem Stadium schon die Vergängnis am Werk – und wie wirklich wäre ein Gedanke?
S: „…Da nun diese (Idee, CJG) als Realität unmittelbar zugleich Idealität ist, so wird das Producirte eine Realität seyn, die von der Idealität getrennt, nicht unmittelbar durch sie bestimmt ist, eine Wirklichkeit also, welche nicht zugleich die vollständige Möglichkeit ihres Seyns in sich selbst, sondern außer sich hat, demnach eine sinnliche, bedingte Wirklichkeit…“ (S. 40)
G: Die Möglichkeit ist also ebenfalls stets das Andere des zur Wirklichkeit Gebrachthabenden. Das Andere findet gleichzeitig statt – dabei als eines unter vielen. Die Möglichkeit gleicht einem Vorwegschreiten. Sie ist auch ein Wirken. Vielmehr ist sie zusammen mit der Veränderung der Garant eines Gefüges, das zur Wirkung bringt. Das Wirkende jedoch bleibt an das Nicht der (nächsten) Möglichkeiten verwiesen. Das Wirkende wirkt durch diesen „Mangel“.
A: „…Alles, wird ja sein zugleich Wirkung ausübend und Wirkung erfahrend…“ (52)
G: Sprung zurück aus dem Materialismus des A.! Es gibt (ein) Veränderndes und (ein) Verändertes. Beide “Zustände” sind nie wesensmäßig bei sich, denn ihr zur Wirklichkeit-kommen war an das Vergehen eines Möglichen geknüpft und auch daran, den „Mangel“ (des Anderen) zu be-wirken.
G: Wirklichkeit ist zwar an das Vergehen von Möglichkeiten geknüpft, markiert aber dennoch nie das Ende des Möglichen. In die Wirklichkeit halten gleicht vielmehr auch einem Vergehen.
A: „…Noch unvollkommen ist das Mögliche, dessen Verwirklichung sie (die Veränderung, CJG) ist…“ (53)
G: Die Verwirklichung der Möglichkeiten, z.B. das Bauen eines Hauses findet demnach kein Ende, wenn das Werk fertig gestellt ist. Hier widerspreche ich A.! Das Andere, die Vergängnis und der Mangel stiften die Wirkung des Baues. Die Fertigstellung markiert nicht ein Ende, sondern einen Aufbruch in die nächste Ver-wandlung.
(A: Aristoteles: Philosophische Schriften; Übersetzt von Hans Günter Zeckl, Band 6, Hamburg 1995)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 6, Stuttgart 1856)
Lichtungen ...
G: Schellings Überlegungen vom Anfang allen Denkens sind also verbunden mit einer Befreiung, in der das Andere ein Garant des Selbst wird.
S: „…Ein Wesen, das in seinem Urseyn, worin es von selbst ist, beharren müsste, könnte nur starr und unbeweglich, todt und unfrei seyn. Selbst der Mensch muss von seinem Seyn sich losreissen, um ein freies Seyn anzufangen. Je höher die Macht dieser Selbstentschlagung und Entäusserung (Objectivmachung des unwillkührlichen Seyns), desto productiver, unabhängiger, göttlicher erscheint der Mensch. Sich von sich selbst zu befreien, ist die Aufgabe aller Bildung. Die Menschen. Die, welche nicht von sich hinwegkommen, bleiben unvermögend…“ (S. 455/456)
G: Das Aufspalten einer Absolutheit in ihre Möglichkeiten gleicht keiner ‚Vertreibung aus dem Paradies‘ und also nicht dem Beginn eines Verhängnisses, sondern erscheint als größter Freiheitsakt, als Akt des Lichtens.
S: „…Die Idee offenbart Gott die Potenz, durch die er sich befreit…” (S. 462)
G: Dieser Anfang ist auch der Kern der Möglichkeit. Mit ihr wird die erste Differenz wirksam und kommt so in ihre Wirklichkeit. Hier lichtet sich auch ein Raum des Denkens und nimmt Sprache ihren Beginn. Die Freiheit und das Wollen markieren diese Lichtung. Nicht nur für Gott, sondern auch für den Menschen.
S: „…der menschliche Geist entfesselt sich in der wirklichen Freiheit gegen alles Seyn und (sieht sich, CJG) berechtigt (…) zu fragen, nicht: was ist, sondern: was kann seyn…“ (S. 89)
G: Vorhandenes wirkt, es IST in seiner Wirk-lichkeit. So scheint es jedenfalls. Das Andere jedoch macht die Wirk-lichkeit erst möglich. Es IST die Möglichkeit dazu, der Wandel dorthin, die Bewegung des Zustands. Das Andere des Selbst IST im Zustand des Noch-Nicht. Es IST außerhalb und innerhalb des Vorhandenen – gleichzeitg.
S: „…Es kommt dem, was existirt, dem Existirenden selbst, zuvor, so dass dieses gar nicht als Wesen gesezt ist, sondern ganz ekstatisch, ausser sich gesezt, geradezu das Seyende ist. Das Wesen hat sich nicht entäussert, sondern ist entäussert, ehe es sich denkt…” (S. 460)
G: Beziehen wir den ‚gelichteten Zustand‘ auf die Baukunst. Bleibt die Architektur nicht allzu oft in ihrer Wirklichkeit gefangen und bedient sich lediglich der Möglichkeiten in Form von bewegenden Leihgaben wie Licht, Klang oder Wind? Diese Wegweiser des Wandels werden erspürt. Kann man das Andere der Baukunst „nur“ denken?
S: „…Allerdings; menschliche Hervorbringungen können von ihrer Möglichkeit aus vorher gesehen werden. Aber es giebt auch Dinge, deren Möglichkeit erst durch ihre Wirklichkeit eingesehen wird…“ (S. 451)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 13, Philosophie der Offenbarung, Stuttgart 1856)
Vom Wollen ...
G: Wie könnte Schelling helfen, Sein, Nichts und Werden auseinanderzuhalten bzw. zusammenzubringen? Wie könnte er helfen, die Baukunst als Möglichkeit aufzufassen? Er tut es mit erheblich religiöser Schlagseite und spannt zunächst den Bogen über die Vorüberlegung des „Actus purus“, also der absoluten Vollkommenheit Gottes. Vor dieser ist alles Seiende unvollkommen und also in Wirklichkeit und Möglichkeit zerfallen. Ist die Wirklichkeit ohne verbleibende Möglichkeit erreicht, haben wir den Zustand der Vollendung.
G: Setzten wir uns also der (heutigen…) Zumutung aus, Gott nicht für eine Illusion zu halten und stellen uns den Zustand der Vollkommenheit vor. Ein alles und jedes Bergendes, eine ewige Harmonie, ein fruchtbarer Ur- oder Ungrund. Aber auch ein Stillstand, eine Unbeweglichkeit, eine lange Weile. Vielleicht die längste Weile…Es bedarf einer Störung, die die Harmonie zur sich selbst bringt. Es braucht das Andere der Vollkommenheit, um sie sich gewahren lassen zu können.
S: „…Und auf diese Weise kommt in das unbewegliche Seyn eine Beweglichkeit, es bekommt eine Negation in sich, hört zwar nicht auf actus purus zu seyn, ist aber nun nicht mehr actu, sondern nur dem Wesen nach, nur potentia. Actus purus, ist gehindert in seinem actus purus, nicht mehr das lautere, potenzlose Seyn; dadurch aber, dass es Negation, Potenz in sich bekommen hat, ist es ein sich selbst besizendes Seyn geworden, ist in sich zurückgesezt, sich selbst geworden. Der, der Herr ist, das Zufällige zu sezen, ist seines Urseyns mächtig geworden, den actus purus zur Potenz zu erhöhen…” (456/457)
G: Die Möglichkeit als Potential begriffen, wirkt wie die Negation der Vollkommenheit. Das Wirken lässt den Blick frei auf sich selbst – lässt ihn erst entstehen. Das Andere des Unvordenklichen hilft, das Sein desselben zu begreifen. Es hilft, das Sein zu gewahren zu denken und zu sprechen.
S: „…Was der Anfang alles Denkens ist, ist noch nicht das Denken; es ist das Erste, quod se objicit cogitanti, was daher überwunden werden soll, für den Anfang ausser dem Denken, ihm entgegenstehend…” (450)
G: Wir werden also sprechfähig über etwas, das sich der Unausprechbarkeit entzieht. Woher kommt nun der Impuls dazu? Schelling bemüht hier das Wollen und bringt es vor oder über die Absolutheit. Das Wollen ist es, das auch die „erste“ Störung, den Weg zum Anderen des Selbst provoziert.
S: „…Was immer sein Seyn voraus hat, ist das eigentlich etwas wollen- und anfangenkönnende, dadurch, dass es sein Seyn unabhängig von sich hat, sein Seyn voraus hat und desselben sicher ist…“ (457)
G: Das Wollen als Garant der Gewahrung des Dass der Existenz zu “provozieren”, könnte die vornehmste Aufgabe einer Baukunst als Möglichkeit werden.
(S: F.W.J. Schelling: Philosophie der Offenbarung, Paulus-Nachschrift 1841/42)
Verschränkungen ...
G: Halten wir uns noch ein wenig länger bei Hegel und dem Werden auf. Werden ist ein Zwischen, das Nichts und Sein ineinander verschränkt. Im Werden bekommen ihre Übergänge eine Verortung.
G: Die Vorstellung von Nichts ist möglich. Damit ist Nichts auch präsent – es ist damit seiend. Umgekehrt ist das nackte Sein -das Sein an sich- noch ohne Bestimmung. Damit ist es aber auch gleichzeitig bestimmt. Diese Paradoxe sind entscheidend für das, was auch Baukunst als Möglichkeit sein kann.
H/L1: „…weil das Sein das Bestimmungslose ist, ist es nicht die (affirmative) Bestimmtheit, die es ist, nicht Sein, sondern Nichts…“ (104)
G: Eine strikte Trennung zwischen Sein und Nichts gibt es nach Hegel also nicht. Sie gehören einander.
H/L1: „…Dagegen ist aber gezeigt worden, dass Sein und Nichts in der Tat dasselbe sind oder, um in jener Sprache zu Sprechen, dass es gar nichts gibt, das nicht ein Mittelzustand zwischen Sein und Nichts ist…“ (109)
G: Das Nichts ist das Andere des Etwas wie das des Seins. Knüpft man es an die Wahrnehmung, so könnte man dessen Gewahrung als Intuition deuten oder auch mit Heidegger auf das abwesend Anwesende bzw. das anwesend Abwesende kommen. Der Brückenschlag ins Auratische und Atmosphärische der (Bau-) Kunst liegt ebenfalls nah.
G: Das Andere IST – freilich anders als unsere Schulweisheit lehrt. Es repräsentiert die Möglichkeit des Etwas.
H/L2: „…Was wirklich ist, ist möglich…“ (202)
G: Die Möglichkeit des Nichts ist sicher die radikalste. Sie konfrontiert und gleicht einem Geheimnis, einer offenen Frage, aber auch einer Irregularität, einer Störung.
G: Ein Bauwerk enthält Dasein und Nichtsein in einem. Es gilt, den „Mittelzustand zwischen Sein und Nichts“ zur gebauten Darstellung zu bringen. In dieser Darstellung ereignet sich ein Übertritt. Es ereignet sich der Sog des Anderen. Der Sog überschreitet das Material, indem er es öffnet, indem er es sprechend macht.
H/L2: „…Das Sein ist noch nicht wirklich: es ist die erste Unmittelbarkeit; seine Reflexion ist daher Werden und Übergehen in Anderes; oder seine Unmittelbarkeit ist nicht Anundfürsichsein…“ (201)
G: Das vermeintlich Einfachste erweist sich als das Schwerste – nämlich das Sein und damit das Nichts des daseienden Bauwerks als anwesend abwesendes Anderes seines Selbst zu entfalten.
(H/L1: G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik I, In: Werke; Band 5; Frankfurt am Main 1986)
(H/L2: G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik II, In: Werke; Band 6; Frankfurt am Main 1986)
Anfänge ...
G: Hegel lehrt uns, dass Möglichkeit in Reinform unterschieden werden muss, von der Möglichkeit, die an ein existierendes Anderes gebunden bleibt.
H: „…Erst das Dasein enthält den realen Unterschied von Sein und Nichts, nämlich ein Etwas und ein Anderes (…) durch die Existenz, wesentlich darum, weil Etwas bestimmte Existenz ist, ist es in den Zusammenhang mit Anderem und unter anderem auch mit einem Wahrnehmenden…“ (90)
G: Zielen wir so gerüstet also noch einmal auf eine umfassendere Differenz, als die herkömmliche. Wagen wir den Sprung weg vom daseienden Anderen und landen dabei beim Nichtexistieren, beim irrealen Unterschied, der die reine Möglichkeit aufzeigt.
G: Etwas sagen zu wollen, ohne dabei einen existenzialen Zusammenhang anzusteuern, ohne also im wahrnehmbaren Dasein zu verharren, käme einem Sprung in die umfassende Differenz nah und geriete auch in die Nähe, die Baukunst als reine Möglichkeit auffassen zu können. Das Stellen der Worte bei einem solchen Sagen müsste in die Ähnlichkeit kommen zum Stellen der Wände, Decken etc. bei einem Bauwerk.
G: Führen wir die Baukunst in ihr Sein und vermeiden aber gleichzeitig dabei ihre Vermittlung, denn vorgestelltes Sein ist vermitteltes Sein. Vielleicht käme ein solches Führen in die Nähe des Anfangs.
H: „…Es ist noch Nichts, und es soll Etwas werden. Der Anfang ist nicht das reine Nichts, sondern ein Nichts, von dem Etwas ausgehen soll; das Sein ist also auch schon im Anfang enthalten. Der Anfang enthält also beides, Sein und Nichts, – oder Nichtsein, das zugleich Sein, und Sein, das zugleich Nichtsein ist (…) Die Entgegengesetzten Sein und Nichtsein sind also in ihm in unmittelbarer Vereinigung; oder er ist ihre ununterschiedene Einheit…“ (74)
G: Wie thematisiert der Architekt diesen Anfang? Er müsste einen Sprung machen in die bestimmte Unbestimmbarkeit, in der die Baukunst im Noch-Nicht auch eines Widerscheins des Anderen förmlich geboren wird, in der sie anwesend und abwesend gleichzeitg ist und schließlich, in der sie sich STETS werdend hält.
H: „…Das Dritte aber, worin Sein und Nichts ihr Bestehen haben, (…) ist das Werden (…) Das Werden ist das Bestehen des Seins sosehr als des Nichtseins; oder ihr Bestehen ist nur ihr Sein in Einem; gerade das ihr Bestehen ist es, was ihren Unterschied ebensosehr aufhebt…“ (95)
G: Kann das Bauwerk selbst sich befreien von seiner statischen Mitgift? Kann es Anfang bleiben mit der Bürde der Festigkeit des eigenen Stands. Bedarf es atmosphärischer Tricks wie Licht, Schall oder Oberfläche, um im Werden zu bleiben und ist dieses Werden nicht nur in den Wahrnehmenden hinein verlagert und daher ein vorgetäuschtes?
(H: G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik I, In: Werke; Band 5; Frankfurt am Main 1986)
Primat der Möglichkeit ...
G: In der Wahrnehmung streckt stets poetisches Potential.
K: „…Im Verhältnis zur Wirklichkeit steht, poetisch und intellektuell, die Möglichkeit höher…“ (907)
G: Poetisches Potential braucht die Möglichkeit.
G: So IST die Möglichkeit in ihren zwei Weisen eine beschrieben-unbeschriebene „Matrix“; nämlich die der Wahrnehmung wie auch die der Poesie.
G: Eine Matrix der „poetischen Provokation“ ist zu vergleichen mit dem Weiß des Papiers.
D: „…Chora nimmt (…) alle Bestimmungen auf, aber sie besitzt keine davon als Eigentum. Sie besitzt sie, sie hat sie, da sie sie aufnimmt, aber sie besitzt sie nicht, wie man Eigentum / Eigenschaften besitzt, sie besitzt nichts als eigenen Besitz…“ (27)
G: Differenz als solche braucht die Möglichkeit, die in zwei Weisen wirkt: als die des Wahrnehmenden zur Wahrnehmung und als die des Wahrgenommenen zu seinem Wahrgenommen-werden-können.
K: „…Mache ich nämlich die mir fremde Wirklichkeit zu meiner eigenen, so bedeutet das nicht, dass ich dadurch, dass ich von ihr weiß, zum anderen werde, sondern es bedeutet eine neue Wirklichkeit, die als von ihr verschieden mir angehört…“ (909)
G: Das Wahrgenommene ist VOR oder MIT dem Wahrnehmen da. Aber ANDERS, als ohne es – denn das so oder so Gestellte ist in der Wahrnehmung des Einzelnen bereits auf dem Weg in die Möglichkeit(en).
G: Reicht es aus, Baukunst zu stellen – in ihre Wirklichkeit zu entlassen, da jeder Mensch aus dieser Wirklichkeit seine Möglichkeiten macht?
H: „…Die Erscheinung ist daher zunächst das Wesen in seiner Existenz; das Wesen ist nicht unmittelbar an ihr vorhanden. Dass sie nicht unmittelbare, sondern die reflektierende Existenz ist, dies macht das Moment des Wesens an ihr aus; oder die Existenz als wesentliche Existenz ist Erscheinung…“ (148)
G: Das Andere dessen, was ist, schwingt stets mit, denn sein Erscheinen kann für den, dem es erscheint, nie „es als solches“, sein. Es bleibt stets AUCH ein Anderes. (Trias: Erscheinung-Wahrnehmung-Existenz, wobei Erscheinung Wesen hat und Existenz nicht).
G: Existenz ist nicht NUR durch sich selbst, sondern in anderer Weise abhängig von ihrer Erscheinung. Sie ist angewiesen auf die Vermittlung durch ihr Wahrgenommen-sein. Wirklich kann sie nur sein, indem sie möglich wird im Wahrgenommen-werden, das stets ein ANDERES ist.
(D: Jaques Derrida: Chora; übersetzt von Peter Engelman; Wien 2005)
(H: G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik II, In: Werke; Band 6; Frankfurt am Main 2003)
(K: Sören Kierkegaard: Philosophische Brocken, In: Philosophische Schriften; Lizenzausgabe Zweitausendeins; Band 1; Frankfurt am Main 2008)
Die Würde des Etwas ...
G: In der existenzialen Offenheit sein heißt, dass alle Möglichkeiten „vorhanden“ sind, aber noch nicht ver-wirklicht. Die Fruchtbarkeit der Offenheit gleicht einem Schoß, einer Matrix. Nicht das, was wächst, ist entscheidend, sondern, das es wachsen könnte.
P: „…Es (das ganze Himmelsgebäude, CJG) ist geworden, denn es ist sichtbar und fühlbar und körperlich, alles von dieser Art aber ist sinnlich wahrnehmbar; das sinnlich Wahrnehmbare, durch schwankende Meinung vermittelst der Wahrnehmung Fassbare aber ist, wie wir sahen, dem Werdenden und Erschaffenen zuzurechnen…“ (45)
G: Präsenz als Offenbarung der Möglichkeit, die nicht ergriffen zu werden — braucht!
G: Präsenz als Schwankung, als Bewegung!
D: „…Nun bekommen wir aber, wie es scheint, von Chora im Timaios zu lesen, dass „etwas“, das kein Ding ist, diese Voraussetzungen und diese Unterscheidungen in Frage stellt: „etwas“ ist kein Ding und entzieht sich dieser Ordnung von Mannigfaltigkeiten…“ (23)
G: Die Differenz ohne den Umweg offenhalten, der durch eine realisierte Unter-scheidung
-also eine Scheidung- als bloßes Abbild und als Kulisse der Dinge verdeutlicht wird.
G: Das „Etwas“ in der Würde seines „Etwas“ halten.
G: Wir stehen vor der Schwierigkeit, durch das Sagen das Nicht-sagen oder das Noch-nicht-sagen fassen zu wollen. Sich annähern an das Unaussprechliche, das durch seine Gewahrung schwankend präsent ist.
H: „…Das Sein ist weder machend und bewirkend das Seiende. Das Sein weder vergegenständlichend-vorstellend das Seiende. Das Sein weder Überwurf einer Helle – sondern das Sein ist als Er-eignung die Übereignung des Unseienden oder des vom Sein verlassenen Seienden in das Sein…“ (118)
G: Es soll die reine Möglichkeit berührt werden, bevor sie in die Wirklichkeit gebannt wird. Hier wirkt eine distanzierende Sichtbarmachung mit dem Zweifel als schöpferische „Verkehrsform“, um in der „Sphäre“ / im „Zwischen“ der Möglichkeiten zu agieren.
G: Baukunst als Möglichkeit heißt, an die Grenze des Bauens zu gehen. Welche wäre das? Wie käme das Nicht-bauen in seine Erfahrbarkeit, in seine Realisierbarkeit, ohne zu erstarren? Wie ließe sich eine Bedingtheit provozierende „Dimension“ ansteuern, die nichts mit euklidischer Dimension gleich hat?
(D: Jaques Derrida: Chora; übersetzt von Peter Engelman; Wien 2005)
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 70, Frankfurt am Main 2005)
(P: Platon: Sämtliche Dialoge; übersetzt von Otto Apelt; Neuauflage von 1922; Hamburg 1998)
Verströmungsstunde ...
G: Versucht werden müsste nun, das Andere in der Architektur auch vom Anderen her zu denken und möglicherweise sogar zu „provozieren“ – nicht also vom Raum oder Zimmer auszugehen, d.h. vom Da-Seienden, sondern vom „Zustand“, der das Da-Seiende erst möglich macht.
G: Lösen sollte sich der Architekt dazu vom eingeimpften Ingenieurdenken. Lösen sollte er sich vom Konstruieren und auch vom Glauben an die Kausalitäten. Befreien müsste er sich aus dem Gestrüpp der Regeln, die ihn stets zum Zirkelschluss, zur selbsterfüllenden Prophezeiung der bekannten Dinge, zur Logik und zur Wiederholung von „Bewährtem“ führen. All das sind Sekundärtugenden. Sie taugen nicht dazu, das Andere des Bauens in den Blick zu nehmen.
S: „…Ein solcher Gesamtblick auf das Öffnungs-Ereignis ist nicht nach diskursiven Regeln zu erlernen und in akademischen Situationen zu verankern. Es gehört seiner Natur nach eher in den Bereich der Stimmungen als den der Aussagen…“ (142/143)
G: Das Andere bleibt rätselhaft, wenngleich be-stimmend. Es stellt sich als prägendes und unsichtbares Gegenüber, als anwesend-abwesende Kondition dar. Baukunst als Möglichkeit gefasst wäre, den Menschen aus der Sachgasse der faden Erklärlichkeiten zu holen und ihn in seine Offenheit zu halten.
B: „…die Dinge lagern in stummen
Gewölben aus Substanz,
und keine Schatten vermummen
den regungslosen Glanz.
(…)
erst wenn die Schöpfungswunde
sich still eröffnet hat,
steigt die Verstömungsstunde
vom Saum der weißen Stadt…“ (95)
G: Das Andere der Dinge wird gewahr, wird spürbar für den Einzelnen. Fällt man in die Metaphysik zurück, würde man von Gott (welchem auch immer) reden, der sich hier zeigt. Man kann aber auch die ausgetretenen Pfade meiden und das Augenmerk auf das „Dass“ des Existierens richten. Erschütternd und geheimnisvoll ist, dass etwas existiert und noch mehr, dass Menschen auf solche gewahren-könnende Weise in der Welt sind.
G: Mensch sein heißt, Mensch werden – permanent. Nicht im moralischen Sinne, sondern im existenzialen. Baukunst als Möglichkeit hält den Menschen in seine Werdung, sie steuert das Dass des Daseienden -sein Sein- an.
H: „…Die Subjektivität rührt, unwissend des Ereignis, daran, dass eine Be-anspruchung des Menschen für das Sein durch das Sein sich ereignet…“ (118)
(B: Gottfried Benn: Erst wenn; Sämtliche Gedichte; Stuttgart 2006)
(H: Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 70, Frankfurt am Main 2005)
(S: Peter Sloterdijk: Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, Frankfurt am Main 2001)
Das Andere seiner selbst ...
G: Menschliche Wahrnehmung ist wolkig. Sie ist eher liquid als fest – ist flüssig. Nichts wäre so falsch, wie überzeugt zu sein, dass etwas Beständiges im unserem Wesen wäre. Das ist auch die stets zu lernende Lektion. Baukunst als Möglichkeit meint, den Menschen im Selbstwandel zu halten; sein Dasein mit dem Dasein selbst klar zu machen, ihm die Möglichkeit zur Wahrnehmung zu geben.
G: Stimmung, Gestimmtheit, Wahrnehmung, Wandel wird im Ereignis deutlich. In welchem ist dabei nicht von Belang. Es geht um das Ereignen selbst, das zur Präsenz Kommen, das Gewahr-werden, das in die Unverborgenheit Kommen.
G: Ein Bauwerk ereignet sich nicht nur einmal. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass ein realisiertes Gebäude etwa nur fest stünde. Selbst der banalste Zweckbau wird atmosphärisch umspielt und in gefühlter Bewegung gehalten von Licht, Temperatur, Geruch und Klang.
G: Poetisch wird der Bau, wenn er eine fließende Bewegung, eine Brücke zur dauernden Öffnung in die Unverborgenheit wird. Dann hat er die üblichen Sinnlichkeiten (s.o.) nicht mehr nötig, sondern steuert den Zustand des Anderen seiner selbst an.
N: „…Alle Poesie unterbricht den gewöhnlichen Zustand – das gemeine Leben, fast, wie ein Schlummer, um uns zu erneuern – und so unser Lebensgefühl immer rege zu halten…“ (357)
G: Das Andere seiner selbst wäre beispielsweise die noch nicht gewährte Gewahrung und auch die nicht mehr Währendheit. Das Andere seiner selbst ist der Wirkung habende „Zustand“ des zur Präsenz Kommen-Könnens. Das Kunstwerk „lebt“ ausschließlich vom Anderen seiner selbst. ArchiPoesis meint hier, das Bauwerk als Kunst zu entfesseln.
N: „…Eine Oper, ein Ballet sind in der Tat plastisch, poetische Konzerte – Gemeinschaft. Kunstwerke mehrerer plastischer Instrumente / Tätiger Sinn des Gefühls / Poesie…“ (364)
G: Alles stimmt zusammen auf dem Weg zum Anderen seiner selbst. Die Kunst ist nie getrennt. Nur der abendländische Mensch dachte daran, sie in bildend und darstellend aufzuteilen.
N: „…196. Plastik, Musik und Poesie verhalten sich wie Epos, Lyrik und Drama. Es sind unzertrennliche Elemente, die in jedem freien Kunstwesen zusammen, und nur, nach Beschaffenheit, in verschiedenen Verhältnissen geeinigt sind…“ (354)
G: Anleitung zur Baukunst als Möglichkeit. Der Leib als Instrument, als Saite, die angeschlagen wird.
N: „…Je ruhiger der Geist sein will – je regsamer – desto mehr muss er dem Körper zu gleicher Zeit auf geringfügige Weise zu beschäftigen suchen. Er ist gleichsam die negative Kette, die er auf den Boden herablässt, um desto tätiger und wirksamer zu werden – Musik – Essen, oder reizende Mittel überhaupt – schöne Bilder für das Auge – Gerüche – Frottieren oder Herumgehen…“ (369)
Wolken-Mut ...
G: Nehmen wir die Wahrnehmung als Poesie, nehmen wir sie als poiesis – „Erschaffung von“. Erschaffung ist hier nicht verbunden mit dem Stellen – etwa eines Dinges, einer Isoliertheit neben die andere. Erschaffung meint Bergen. Bergen als Angesprochen-werden-können. Angesprochen-werden-können im Zwischen.
G: Zwischen meint die Sphäre als Lebensraum des Menschen; meint Sphäre als das Offene zwischen Himmel und Erde, das der Mensch durchmisst. Zwischen meint Gewährung bzw. Gewähren-lassen-können durch die Wahrnehmung.
MP: „…dass der Mensch nicht eine Seele und ein Leib ist, sondern eine Seele mit einem Leib, der deshalb zur Wahrheit der Dinge Zugang hat, weil sein Leib wie in sie hineingetrieben ist…“ (24)
G: Die Wahrnehmung als Poesie wäre reine Möglichkeit, die durch den Menschen in die Wirklichkeit gehalten wird, ohne in ihr zu erstarren. Nur im Zwischen kann die Wahrnehmung gelingen. Sie kann nur gelingen als Wandel und die Möglichkeit zum Wandel. Wandel und Werden bekommen eine Form – und die Form heißt Poesie.
G: Wäre Baukunst als Möglichkeit dann Er-möglichung von Wahrnehmung oder könnte sie selbst zur Wahrnehmung werden? Wie würde eine Baukunst sich stellen, die selbst Wahrnehmung wäre, die selbst Poesie wäre?
G: Befragen lassen könnte sich ein solches Gebäude nicht herkömmlich. Eine Sprache müsste gefunden werden. Der Nutzen, die Funktion, die Rentabilität, die Ordnung hätten in einer solchen Sprache keine Ent-sprechung. Ein solches Gebäude wäre eine Zu-mutung. Es gehörte Mut dazu.
G: Eine Baukunst als Möglichkeit wäre nicht fest, nicht berechenbar; sie wäre wandelnd; sie wäre ansprechbar; sie würde nicht stehen bleiben; sie wäre auf eine neue Weise technisch; sie würde atmen, könnte anschwellen und schrumpfen; sie wäre ohne Kontur; sie ließe sich nicht ausrechnen; sie gediehe in der Luft; sie wäre einer Wolke gleich; sie wäre grenzenlos; sie wäre Form wozu; sie wäre ihr anderes – zu jeder Zeit; sie wäre bergend und entborgen – zu jeder Zeit…
G: Baukunst als Möglichkeit wäre geknüpft an den Wandel, das Werden, das Fließen. Sie wäre das Diffuse in ihrer Ordnung. Sie wäre paradoxal im besten Sinne. Sie wäre nomadisch, wäre im inneren Exil, in innerer und äußerer Nomadisierung. Sie wäre wie ihr eigener Schatten. Eine Gravitation in sich selbst. Ein schwarzes Loch. Eine blühende und sich selbst verzehrende Größe. Ein Aufbäumen und Zusammenfallen in einem Zuge.
G: All das könnte Baukunst vielleicht sein, stellte sie sich selbst (dar) als Wahrnehmung. Wie lebte es sich in einem solchen Bauwerk? Welche Maßstäbe könnte man anlegen, welche Fragen könnten gefragt werden?
(MP: Maurice Merleau-Ponty: Causerien 1948, Eichenau 2006)
