Übergänge_Bernauer Straße

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Übergänge_Dorotheenstädtischer Friedhof

STERBE(R)(Z)EIT

BR(H)AUCHT

WI(E)DERSTAND

Von der Illusion der Perspektive …

„Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“. So sprach er, während er unter freiem, wenngleich stark bewölken Himmel saß und das Gespräch mit mir fortsetzte. Was er wohl nicht merken wollte, war die größtmögliche Distanz zwischen dem Gesprochenen und unserem momentanen Sein. Es ist schon ein großes Kunst-Stück (im Sinne von künstlich), in welcher Weise dieser Mensch entfernt war von der Welt, die er (ohne davon Notiz zu nehmen) mit mir teilte.

So war nicht nur seine Lautstärke unangemessen, sondern auch das Drängen, das unter dem Sprechen lag. Eine Art Subtext des Selbstvertrauens, der aus dem Gegenteil von Selbstbewusstsein gespeist wurde, dröhnte in meinem Inneren und blieb dabei doch für die Ohren unhörbar.

Seine Sätze glichen eher Attacken. Sie bäumten sich dabei nicht nur gegen mich auf, sondern verbliebenen als Dissonanzen im Raum. Sie wirkten als aggressive Implantate in einer Sphäre, die uns schweigend, ruhend und mächtig umgab. So begann ich bald, nicht mehr ihm, sondern der Welt zuzuhören.

Dieser Tag war schon seit dem Morgen etwas Besonderes. Es war so, als wolle er nicht wach werden, einfach nicht aus dem Bett kommen, die Vorhänge nicht aufziehen. Eine gewisse Dichte war ihm zu eigen. Sie hatte es zuvor schon schwer gemacht, zum Treffen zu fahren - jeder tritt in die Pedale viel doppelt schwer. Man musste sich förmlich durch einen Widerstand hindurch bewegen.

Auch im Sitzen am Treffpunkt wurde es nicht anders. Die Trägheit des Tages wälzte sich durch den Stadtraum. Sie ergoss sich unaufhörlich in die Räume und füllte sie langsam auf. Nur die Feuchte in der Luft korrespondierte mit der unausweichlichen Dichte dieser Atmosphäre.

Manchmal ist das verbindende Zwischen körperlicher als alle Subjekte und Objekte selbst. Man kann es dann fast mit den Händen greifen. Es umschließt einen vollkommen, wird quasi zur Materie und verliert seine Flüchtigkeit.

Das Zwischen ist dann wie die Finsternis, deren Grenze direkt am eigenen Körper entlangläuft. So, wie die Finsternis den Körper umschließt, so umschließt an diesen ganz besonderen Tagen das Zwischen hauteng alles in und außerhalb von ihm selbst. Nur, dass die Helligkeit dem Irrtum Vorschub leistet, die Grenze des Umschließens in die Ferne verlegen zu können. An diesen Tagen kämpft die Perspektive um ihre Macht und wehrt sich mit aller Vehemenz gegen die Entlarvung als Illusion.

So ist die Welt an solchen Tagen nicht weit, sondern eng. Sie zeigt nicht nur die Umschlossenheit der Menschen, sondern markiert damit auch das Terrain der Lebendigkeit schlechthin. Sie dringt auch in den Körper ein. Man atmet sie und wird davon satt. Ja, man kann sich an Luft überfressen!

Die Atmosphäre raubt die Ferne - und mit ihr die Vereinzelung. Sie löst das Subjekt auf, nicht indem sie es mit dem Objekt verschmilzt, sondern, indem sie es an ihre atmende, sättigende, pulsierende Textur verweist. Eine Textur, der man sich gewöhnlich in der Isolation des Verstandes entzieht. Einer Isolation, die mein Gegenüber Sätze sprechen lässt wie: „Es gibt ja für alles eine logische Erklärung“.

Eine kleine Frühstücksgeschichte ...

Irgendetwas war heute Morgen anders – wohl nicht das trübe Wetter mit dem mangelnden Licht. Es lag eher in ihr, in ihrer Weise, wahrzunehmen. Eine gewisse Kraft schien sie heute daran hindern zu wollen, über sich hinaus zu denken oder zu empfinden. Etwas forderte die ganze Aufmerksamkeit. Nicht etwa, dass es schwer gewesen wäre, den Arm zu heben oder zu sitzen. Auch zu blicken, aus dem Fenster zu schauen, den Baum im Hof zu beobachten, war nicht schwerer als sonst.

Nein, es zeigte sich anders. Zum Beispiel in der Weise, wie sie ihr Müsli aß. Sie schien sich zu keiner Zeit erinnern zu können, was unmittelbar zuvor geschehen war. In dem Moment, in dem sie den Löffel im Mund spürte, hatte sie z.B. schon vergessen, wie ihre Lippen ihn zuvor umschlossen hatten. Ja, sie wusste noch nicht einmal mit Sicherheit, was Mund oder Löffel bedeuten. Alles schien so, als sei es in jeder Sekunde neu. Vollkommen neu!

Auf dem Stuhl sitzend, dessen Beine den Boden heute nur zaghaft berührten, schien sie in einer totalen, wenn auch radikal fokussierten, Gegenwart zu leben. Ihre nackten Füße steckten in den Hausschuhen. Der Hosensaum umspielte ihre Knöchel und gab dem Textil den Abschluss nach unten. Ganz so, wie es seine Aufgabe war. Irgendwie fiel es ihr schwer, sich auch den Rest von sich vorzustellen. Eine gewisse Spannung auf der Haut ließ sich noch ausmachen um die Kniescheiben herum und auch ein Gefühl der Umschlossenheit war noch gegenwärtig, das der Hosenbund ihrer Taille signalisierte. Aber, so sehr sie sich auch mühte, mehr Wahrnehmung wollte von ihrem Körper nicht gelingen – sie schien im Moment nur aus ihren Beinen zu bestehen.

„Ich kann mich nicht mehr bewegen, bin ich nun ein Ding?“, dachte sie – „ nicht mehr als ein Apfel, ein Tisch, ein Stuhl?“

„Kann ein Ding Bezüge zum Raum herstellen ohne das Gefühl für die Zeit? Ist die Zeit denn überhaupt ein Gefühl?“

„Wieso aber kann ich mich erinnern an das, was es bedeuten könnte, ein Müsli zu essen? Wie kann meine Gegenwart erscheinen, ohne dass es diese Erinnerung gäbe?“

Die trübe Kraft, die sie gefangen hielt, nahm zu. Sie zog ihr immer wieder die Gedanken fort. Fort in sie, in etwas in ihr, das sie nicht näher fassen konnte, denn als Abgrund. Das Schauen in diesen Abgrund schien sie dazu zu zwingen, nicht zu denken, nicht zu tun, nicht zu handeln – und also einfach nur dort zu sitzen. Still und regungslos. Auch in ihrem Denken zu verharren. Quasi ohne Denken, nur dort zu sitzen. Es war eine unbändige Kraft, die sie auf diese Weise in sich zurückzog an diesem Morgen.

Immerhin dachte sie noch. Oder vielmehr dachte sie, dass sie noch dachte. Wie kann das Denken ohne die Zeit geschehen – im totalen Stillstand? Denn ihr Stillstand schien nicht die Abwesenheit vom Denken zu markieren. Er war eher ein anderer Zustand desselben. Vielleicht die andere Seite derselben Medaille?

„Wenn ich denke, bin ich noch lebendig“, das sagte sie sich. „Noch nicht hinein gesogen in das Nicht-tun, noch gezwungen, zu handeln“.

Als sie etwa 30 Minuten regungslos gesessen hatte, bekam sie langsam wieder Kontakt mit dem Außen. Ganz froh darüber tat sie nun alles, um sich wieder in die Zeitlichkeit zu katapultieren, aus der sie vorübergehend herausgefallen war.

Zuvor -in ihrem Denken- hatte sie sich in einen Zustand gebracht, der viel mehr war, als ihre körperliche Existenz. Aber eben auch nicht das Gegenteil, sondern eine aufgeweitete Form. Sie hatte sich in einen Zustand gebracht, in dem sie in gewisser Weise verlassen war. Nicht nur verlassen von anderen, sondern von den Dingen und der Welt selbst. Letztlich auch in einen Zustand, in dem sie sich selbst als Mensch verlassen konnte.

In was hatte sie sich da aber verloren? Oder aus was hatte sie es geschafft, sich zu lösen? Nun schien es ihr so, als habe sie sich auf Null zurückgestellt. Als habe sie den Anfang erreicht. Als würde der Anfang immerfort zu ihr gehören. Der reine Anfang ohne seine Falschheiten, seine blassen Abbilder Vergangenheit und Zukunft. In diesem Anfang war stets alles neu. Es gab in ihm gar keine andere Möglichkeit, als ständig neu bzw. anders zu sein. Es gab keinen Unterschied von Möglichkeit und Wirklichkeit. Die Möglichkeit war permanent präsent.

Die Gegenwart lässt sich nicht bemessen. Es fehlen hier notwendig die Maßstäbe. Das merkte sie deutlich, als sie versuchte, sich über das Erlebte klar werden, darüber zu sprechen. Es fehlen die erstarrten und geronnenen Wirklichkeiten, die gemeinhin aus Zukunft und Vergangenheit geformt werden. Das Sprechen markiert zwar auch eine Gegenwart, aber eine ängstliche, verhaltene, in gewisser Weise unangemessene. Das war vielleicht auch der Grund, weshalb sie nun begann, der sprachlosen, totalen Gegenwart nachzutrauern.

Sie merkte nun, wie sie vollends herausrutschte aus dem Anfang. Die Techniken der Erstarrung holten sie schnell ein. Nun konnte sie sich wieder bewusst werden, dass sie aß, spürte die mittlerweile warm gewordene Milch an ihren Daumen und den süßlichen Geschmack des Obstes, das sie zusammen mit den Haferflocken in ihren Mund zu einem Brei zermahlte. Nun fühlte sie auch wieder ihren Körper in Gänze, wie er auf dem Stuhl saß und war eingewoben in das äußere Geflecht aus Klang, Licht, Raum und Zeit.


B: „…Mir schien diese Selbsttäuschung, einen unerklärlichen Akt betreffend, aus mir selbst hinausgefahren zu sein. Ich hatte auf einmal zwei Gesichter, eines neben das andere geklebt. Unaufhörlich berührte ich zwei Ufer. Mit einer Hand zeigte ich, dass ich da war, mit der anderen, was sage ich!, ohne die andere, und mit diesem Körper, der über meinem wirklichen Körper lagerte und ausschließlich zu einer Negation des Körpers gehörte, übte ich denn unbedingtesten, grundsätzlichsten Zweifel an mir selbst…“

H: „…Das Jetzt, wie es uns gezeigt wird, ist ein gewesenes, und dies ist seine Wahrheit; es hat nicht die Wahrheit des Seins. Es ist also doch dies wahr, daß es gewesen ist. Aber was gewesen ist, ist in der Tat kein Wesen; es ist nicht, und um das Sein war es zu tun…“

B: Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle; Frankfurt am Main 1987; S. 92
H: G.W.F. Hegel: Phämomenologie des Geistes; Werke Band 3; Frankfurt am Main 1986; S. 88

Eine kleine Soggeschichte ...

Der Tag begann gut. Alles war entspannt. Gestern waren sie erst am späten Abend im Hotel angekommen. Über Internet gebucht mit ein bisschen Nervosität, weil sie gedacht hatten, die Katze im Sack zu kaufen. Aber nun war alles gut. Sogar das Frühstück – und er hatte schon genügend schlechte Frühstücke gegessen auf seinen Geschäftsreisen. Dieses Mal war er mit seiner Familie unterwegs! Endlich mal in Berlin, in die Stadt, von der alle so viel reden.

Sie hatte richtig gezählt. Bei der dritten Station mussten sie raus. Die S-Bahn war ganz schön voll, aber das hielten sie für normal. Schließlich waren sie in einer Großstadt. Hier müssen viele Menschen in viele Richtungen – und das schnell! Der Bahnsteig war nicht eben einladend. Grau, kalt und nass. Der Boden leicht glitschig vom vielen zertretenden Schnee.

Der Kleine sollte in den Wagen, darauf bestand sie mit dem Hinweis, dass das sicherer sei bei den vielen Menschen. Von einigen gereizten Bemerkungen der sich staunenden Passanten begleitet gelang es schließlich, den Plan umzusetzen. Unmittelbar vor ihnen tat sich bald ein rechteckiges Loch auf, in dem die anderen Fahrgäste nach unten verschwanden. Es rahmte eine Treppe, deren Stufen wie die glatt geschliffenen Zähne einer Säge wirkten. Ein wenig erinnerte das auch an einen Abfluss. Sogar ein gewisser Sog war zu spüren.

Es würde das Beste sein, sich an die Geschwindigkeit anzupassen, dachte er. Etwa einen Meter vor der ersten Stufe nahm er wie immer die linke Hand an den Griff und die rechte an den Frontbügel des Kinderwagens. Mit einem Ruck, der nicht etwa sonderlich stark gewesen war, hob er den Wagen etwa 30 cm an. Schon fast elegant wirkte es, wie der Kleine drei Stufen später in der Laufrichtung aus dem Wagen katapultiert wurde.

Offensichtlich hatte der Frontbügel den Geist aufgegeben. Jedenfalls dachte er das, als er ihn zunächst durch die Luft fliegen und dann die Treppe herunterkullern sah. Nur das beginnende Kreischen des Kleinen unterbrach die Ästhetik dieses rhythmischen Stürzens. Eine solche jedenfalls musste der Situation innegewohnt haben. Wie sonst wären die faszinierten Blicke der Passanten und Fahrgäste zu erklären?

Eine Asiatin lies ihren Instinkten freien Lauf und stoppte den weiteren Fall mit dem rechten Schienbein, um das schreiende Bündel am linken Fußgelenk anzuheben und ihm zuzureichen. In Windeseile übergab er ihn an sie. Sie hatte die ganze Zeit am oberen Treppenabsatz gestanden. Der Un-Fall war nun wieder Fall – so hoffe er.

Das Schreien des Kleinen immer lauter wurde. Auch veränderte sich sein Gesicht. Es schien anzuschwellen und auch, rot zu werden. Eigentlich war es eher ein Rotbraun, das teilweise in ein sattes Schwarz abglitt. Auch verzerrte sich sein ganzer Kopf. Er begann, Blasen zu bilden, die in Sekundenschnelle von der Größe einer Walnuss in die Dimension einer Melone aufwuchsen, nur um danach wieder gänzlich zu verschwinden.

Es musste ein erstaunliches Bild gewesen sein, als der Mund immer größer wurde, bis das ganze Gesicht nur noch aus einem aufgerissenen Schlund zu bestehen schien, aus dessen Richtung infernalischer Lärm drang.

Nur der entweichende Atem sorgte dafür, dass der mittlerweile literweise fließende Speichel ihn nicht zum Ersticken brachte. Vielmehr spie er denselben hoch in die Luft. Dieser übelriechenden Fontäne konnte sich keiner entziehen. Die Fahrgäste krümmten sich mittlerweile vor Schmerz. Der Lärm war ohrenbetäubend geworden und nun rutschten sie auch noch beim Fluchtversuch auf dem Speichel aus, der in Rinnsalen über den Bahnsteig floss.

Der ehemalige Kleine schien zum Luftholen anzusetzen, jedenfalls war es für einige Sekunden, die wie eine Ewigkeit wirkten, ruhig. Der Sog war zunächst mäßig, er ließ den Leuten nur ein wenig die Hosenbeine flattern. Er wusste später nicht mehr genau, wann die ersten Gegenstände wie Hüte, Mützen oder Umhängetasche begonnen hatten, sich zu verselbstständigen. Das erste lebendige Opfer war ein Hund, der samt Leine in den Schlund gezogen wurde. Bald begannen sich auch die Bodenbeläge, das Wärterhäuschen und ein Treppengeländer zu lösen. An ihm hatten sich einige Fahrgäste verzweifelt festgehalten. Auch für sie gab es keine Rettung.

Wenig später waren 85 Menschen, Teile des Bahnsteiges und etwa ein Drittel des S-Bahn-Zuges eingesaugt. Ihm selbst allerdings passierte nichts. Auch ihr nicht. Sie hielt den ehemaligen Kleinen immer noch fest. Zwischendurch hatte er sich gefragt, wie sie es schaffte, ihn zu bändigen. Woher nahm sie nur die Kraft? Sie stand einfach nur da und über ihr steckte der halbe Bahnhof in einem Nurkopf von der Größe eines Kleintransporters. Sie erschien ihm wie eine ägyptische Priesterin, die eine Sonnenscheibe hält. Das hatte ihm besonders gut gefallen neulich im Museum. Er war stolz auf sie und ein bisschen machte es ihn auch an, wie sie so dastand.

Offenbar hatte er Probleme mit dem S-Bahn-Zug. Der jedenfalls verschwand nicht tiefer in ihm. Auch vehementes Schlucken führte zu keinem Erfolg. Der Schlund zog sich immer enger um den Waggon herum, bevor er endgültig erschlaffte. Sein Ende war gekommen. In großen Mengen rann nun der Speichel und bedecke sie vollkommen.

Beide sprachen während des Rückwegs zum Hotel nicht. Ab und an ernteten sie wegen ihres Äußeren verwunderte Blicke. Im Aufzug beschlossen sie, dass sie sich nicht beirren lassen würden und das Beste aus der Situation machen wollten – schließlich hatte man Urlaub und sowieso zu wenig Zeit für sich.

Dies ist eine wahre Geschichte. Ein enger Freud von ihm hat sie dem Autoren zu Protokoll gegeben. Der Vorfall ereignete sich im Jahre 2008. Die Zerstörungen am Berliner Bahnhof Zoo wurden binnen kürzester Zeit behoben. Die Medien bewahrten auf Wunsch der örtlichen Autoritäten Stillschweigen. Der ehemalige Kleine wurde dem Bundesnachrichtendienst übergeben. Er und sie leben heute in Rheinland-Pfalz. Sie haben keine weiteren Kinder.

Auf der Spur der Zeit ...

Menschen leben in der Gegenwart – und nur dort. Hier stiftet sich ein Etwas, das allererst in die Reihe gestellt werden kann. Nur aus dem Augenblick heraus lässt sich bestimmen, was hinter einem Augenblick liegt oder davor.
*
Der Mensch wurzelt in der Gegenwart. Wieso aber sind so viele der festen Überzeugung, dass sie in der Zukunft wurzeln? Es hat jedenfalls diesen Anschein, wenn man die Leute dabei beobachtet, wie sie ihre Pläne machen.
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Pläne strotzen oft vor Kalkül und Berechenbarkeit. Pläne verfolgen heißt, Ziele oder Ergebnisse ansteuern. Was aber sind Ergebnisse anderes als vergangene Versatzstücke?
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Wenn ein Ziel bekannt ist, bevor es erreicht wird, kann es doch nur eine Vergangenheit sein.
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Zukunft entsteht also auf der Grundlage von Erinnerungen, von vergangenen Versatzstücken, denn Menschen sprechen und bilden Begriffe aus ihren Gedächtnisspeichern. Zukunft, wenn sie gedacht wird, wird sich also auf schon Gedachtes berufen müssen, auf Vergangenes, das lediglich wieder hervorgeholt wird und gegebenenfalls anders kombiniert.
*
Das Neue wäre dann lediglich das (wieder) Hervorgeholte. Möglicherweise auch aus anderen Gedächtnisspeichern hervorgeholt, als aus dem eigenen.
*
Das Neue ist gar nicht erkenn- und verhandelbar, denn es wird beschrieben werden müssen.
*
Selbst wenn es das gäbe, was „tatsächlich“ neu (was immer das heißen mag?) ist, könnte menschliches Sprechen es nicht be-sprechen. Das soll nicht heißen, dass es für einen einzelnen Menschen nichts anderes geben könnte. Überhaupt sollte man „neu“ durch „anders“ ersetzen.
*
Könnte man sagen, dass jeder Gedanke an etwas anderes, als das, was gegenwärtig ist, nur durch sein Anderssein ein Potential von Zukünftigkeit hat? Anderssein wäre dann Möglichkeit, denn alles kann jederzeit anders sein, als es in der Gegenwart ist. Das Andere muss passieren und dieses Passieren ist zeitlich.
*
Dann gäbe es ebenfalls die Zukunft auch ohne das Denken und der Brückenschlag in den Augenblick und die menschliche Gegenwart wäre gemacht. Zukunft entbirgt sich dann durch das Andere, das mir begegnet, ohne dass ich es zuvor gedacht habe.

**

Die Dimension der Asynchronität ...

Weit über seine Tasche gebeugt, stand er an der Theke und schien sich einige Verschlüsse oder Riemen an ihr genau zu betrachten. Normal hätte man seine Kleidung genannt, nicht außergewöhnlich oder ungepflegt. Doch irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Das Gespür war hier gründlicher als der Blick. Wahrscheinlich im Bruchteil einer Sekunde empfing man einen Eindruck, den die Augen und der Verstand nur mühsam in Worte fassen konnten.

Auffällig war zunächst, dass er von Zeit zu Zeit ein wenig schwankte. Auch trank oder aß er nichts. Nun, vielleicht war er im Aufbruch begriffen oder wartete auf jemanden? Er schien sich irgendwie nicht an die Gepflogenheiten zu halten. Nicht, dass er sich etwa unflätig benahm, sondern eher irgendwie asynchron. Er schien in einer anderen Zeit, jedoch am gleichen Ort zu sein.

Gefährlich war er nicht, jedenfalls nicht augenscheinlich. Er tat niemanden etwas zu Leide, stand ganz ruhig da – vielleicht bis auf das schon erwähnte, leichte Schwanken ab und zu. Dennoch verbreitete er eine Art Unruhe. Die Menschen mieden seine Nähe und setzten sich woanders hin. Ganz instinktiv, denn sie hatten sich dazu entschieden in nicht mehr als Sekunden, die ihnen zuvor zur Platzwahl geblieben waren.

Er schien eine Art Aura um sich zu haben, einen unsichtbaren Bannkreis. Wer sich in seine Nähe wagte konnte nicht umhin, ab und an verstohlen in seine Richtung zu sehen. Die Augen und der Verstand wollten die Abweichungen registrieren und einordnen. Diese Prozeduren der Absicherung liefen quasi automatisch.

Er schwankte bald dermaßen, dass sein Kopf nicht nur die Tasche vor ihm berührte, sondern sogar leicht an die Thekenplatte schlug. Dennoch setzte er sich nicht, sondern stand nach wie vor leicht nach vorn gebeugt. Nach einem erneuten Zusammenstoß mit der Thekenplatte schreckte er hoch, um kurz danach den Kopf wieder in Richtung Tasche zu senken, an der er nach wie vor eifrig hantierte.

Ein Blick in sein Gesicht verriet, dass er unendlich müde sein musste. Er konnte die Augen tatsächlich kaum noch aufhalten und gab ein Bild, das ansonsten nur von kleinen Kindern bekannt ist, die von einer Sekunde auf die andere einschlafen. Die Qual, sich der Müdigkeit mit aller Gewalt zu entreißen, war überdeutlich spürbar und kroch beklemmend in die Beobachter hinein.

War es sein Geist, der ihn wach hielt und den Körper am Fall hinderte oder war es der Körper, der sich gegen die Sehnsucht des Bewusstseins stemmte, in den Traum abzugleiten? Möglicherweise war es weder das eine noch das andere, sondern ihr Zusammenspiel. Sein Oszillieren zwischen Gegenwart und Traumwelt strahlte förmlich in den Raum und seine Asynchronität mit der Situation gewann eine Art Dimensionalität, der man sich nicht entziehen konnte.

Irgendwann, ohne konkreten, äußeren Anlass streckte er sich, rieb mit einer Geste der äußersten Anstrengung die Augen, nahm seine Tasche auf die Schulter und – ging.

Er hatte die Gäste irgendwie berührt, sich verletzlich gezeigt, indem er im öffentlichen Raum die Selbstkontrolle aufgegeben hatte – nein, nicht einfach aufgegeben, sondern vielmehr den Kampf darum spürbar ausgetragen. Vielleicht war es auch dieses zur Dimension gewordene, erzwungene Vertrauen gegenüber seinen Mitmenschen, das alle zuvor gespürt hatten?

Langsam wurde seine Silhouette kleiner, bis er irgendwann im Nirgendwo verschwand. Er nahm dabei ein Stück von allen Anwesenden mit…

„…Es könnte nichts merkwürdiger sein, als einen Menschen bei irgend einer ganz einfachen alltäglichen Tätigkeit, wenn er sich unbeobachtet glaubt, zu sehen (…) wenn wir quasi ein Kapitel einer Biographie mit eigenen Augen sehen, – das müsste unheimlich und wunderbar zugleich sein. Wunderbarer als irgendetwas, was ein Dichter auf der Bühne spielen oder sprechen lassen könnte. Wir würden das Leben selbst sehen…”
(Wittgenstein, Ludwig: Werkausgabe; Frankfurt am Main 1984-1989; Band 8; S. 455)

Fragmente und Wortakrobatik 205-259 ...

205. Wahrnehmungen: Volumenfahrt…

206. Wahrnehmungen: Staubewegung…

207. Wahrnehmungen: Rotationssitz…

208. Wahrmehnungen: Rhythmuswiderstand…

209. Rotationen: uuuunnnn

210. Rotationen: IIII—-

211. Rotationen: ffffjjjj

212. Rotationen: wwwwmmmm

213. Ruhend und klar: W T U I O A H Y X V

214. Pirouettenfähige: T I P F Y V

215. Bipedisten: W R A H K X N M

216. Sicherheitsbedürftige: E Z L

217. Balancisten: U O S D G J C B

218. Unentschiedene: O X

219. Ethisches: Verge(h)(b)en

220. Manche machen so spitze Ohren, dass deren lange Schatten die Sonne verdunklen…

221. Das Ende von Gesprächen bestimmt bei manchen schon deren Anfang…

222. Manche verbrauchen ihre ganze Täuschungskraft nur für sich…

223. Bei manchen gleicht Freundlichkeit aggressiver Aufforderung…

224. Vom “Charme” der Ortsbegehungen oder: mit Sommeroutfit im Kellerkampf…

225. Den Pollen-Verächtern oder: das Gewahrwerden der Einheit mit der Umwelt…

226. Befeuchtungsopfer…

227. Brusthaartupetklebergeplagte…

228. Mückenstichheilcremetupfertätowierte…

229. Stiernackenstoppelversehrte…

230. Priorisierungsirrtumsbefürchter…

231. Seifenblasenbaupoetin…

232. Langsamkeitenatmosphärenschweber…

233. Strukturwindtänzerin…

234. Mickrigkeitenauslebungsgenießer…

235. Strukturberührer: Die Kompositionen von Iannis Xenakis hinterlassen eine ungewöhnlich große Leere nach ihrem Verklingen…

236. Mit unendlicher Trauer im Blick behauptete sie sich gegen die Aggression, die ihr schon wieder entgegen gezischt wurde…

237. Sie fragte sich still, wann es begonnen hatte. Wie lange konnte sie noch von der friedlichen Erinnerung zehren?

238. Wie rüpelhaft die Nacht schwebte…

239. Wärme kann in die Weite drücken. Rückenwind gleicht dann Lückenwund…

240. Es einachtelt wieder sehr…

241. Malteblau wird schnell Paukenlau…

242. Schon die liebe lange Millisekunde lang reißt der Flautensturm die Flockensegel in tausend Ganzheiten…

243. Der Kaffee rann einer Gerölllawine gleich durch seine Kehle. Das nächste Mal würde er die Bohnen mahlen…

244. Schöner Verschreiber: wann pabst es am besten?

245. Den OhrenZeugen: Heute Nacht war er wieder im Bilde über der Beziehungen von Frequenz, Stoßkraft und Schlagzahl seiner Nachbarn…

246. Den aktionistischen Tierfreunden: Mott(e)o

247. Den spirituell Beschriebenen: Ta(t)o(o)

248. Den standhaft Benachteiligten: Arm(iert)e

249. Verschlimmbesserungsseeligkeit: Handlungsethos als Opium fürs Volk?

250. Träger weißer Handschuhe sind zu grob für die Reinheit der Welt.

251. Was schert eine schroffe Klippe die andrängende See? Sie lässt die Zeit einfach zerschellen.

252. Paul Valery soll gesagt haben: “Ich bin nicht immer meiner Meinung”. Zeitgemäße Ergänzung: auch das Ich ist nur eine Meinung…

253. Auch ganz nett – Rilke x (-1): Stiller Freund der vielen Fernen = lauter Feind von seltener Nähe…

254. Manche erinnern in ihrer Permanenz eher an Flatulenz…

255. Manche verwechseln die Tisch- mit der Wischmanier…

256. Manche sind so eifrig im Schlammwerfen, dass sie bald auf dem Trockenen stehen…

257. Trost für die stillen Stunden der inkompetenten Karrieristen: “Selig sind die Armen im Geiste”…

258. Formel für den idealen Handschlag: PH=√(e2+ve2)(d2)+(cg+dr)2+π{(42)(4

2)}2+(vi+t+te)2+{(42)(42)}2 (kein Witz…)

259. Den Genießern der Temporalität:  Ich checke es demnächst. Die Anzeige heute griff erst ab gestern, sodass ich bis morgen damit warten muss.

Quelle: http://twitter.com/CJGrothaus

Die Zeit, das Kind und die Frau ...

Da saß sie nun! Die Falten im Gesicht wirkten wie tiefe Gräben. Das Haar war lang, aber es glänzte nicht. Die grauen Strähnen ließen sich nur noch schwer verbergen. Wo waren ihre funkelnden Augen geblieben? Die Augen, die alle so bezaubern konnten?

Sie registrierte noch die Blicke der Männer, aber das berührte sie nicht mehr. Ja, sie war es sogar leid, ihre Überlegenheit zu zeigen. Sie hatte keinen Spaß mehr daran, mit ihnen zu spielen, ihre Eitelkeiten zu benutzen, um sie nach Herzenslust zu manipulieren.

*

Sie sorgte sich um ihr Kind. Das würde niemand bestreiten. Aber die Art ihrer Sorge war auffällig. Es schwang keine Zuneigung und Liebe, keine Weichheit und Freude, keine Leichtigkeit und Unbeschwertheit mit. Vielmehr erinnerte ihre Sorge nur an Routine und wirkte stets eine Spur distanziert. So fehlte es dem Mädchen augenscheinlich an nichts – und doch an allem.

Heute schnitt ihr jedes Lachen der Kleinen tief in die Seele. Mit jedem Laut wurde Sie sich des eigenen Verfalls klarer. Die spitzen Schreie kamen ihr vor wie Triumphgeheul einer Zukunft, die sie schon verloren gab.

Das Fortlaufen der Zeit war zu deutlich im Wachsen und Gedeihen ihrer Tochter. Seit einiger Zeit schon reichte das Band der Liebe nicht mehr, um sich darüber hinweg zu täuschen. Was stattdessen blieb, war ein kalter Blick auf das Unausweichliche.

Nein, sie hasste ihre Tochter nicht, aber sie hasste das, was sie an ihrer Tochter sah. Es kostete sie immer mehr Mühe, diesen Hass im Zaum zu halten. Sie glaubte mittlerweile, dass sie den Hass bräuchte, um überhaupt weitermachen zu können. Er ersetzte nach und nach ihren früher so unbändigen Lebenswillen.

*

Das Lebendigsein gehört der Zeit, es ist untrennbar verbunden mit ihr. Das war deutlich zu hören am fröhlichen und unbeschwerten Lachen ihrer Tochter. Doch was war mit ihr? Ihre Zeit verrann unaufhörlich, während die der Kleinen zu wachsen schien.

Sie fand keinen Trost. Sie war darüber hinaus. Die Frage, worüber sie hinaus war, marterte sie unaufhörlich – und auch die nach dem Ausweg. Sich töten? Dann wäre es nur noch schneller vorbei. Ihre Tochter töten? Was wäre damit erreicht? Vielleicht nur, dass sie ihren eigenen Verfall nicht ständig vor Augen haben müsste – aber, der Zweifel würde trotzdem bleiben.

Wo waren die Zeiten geblieben, in denen sie der Herrschaft der Zeit gelassen gegenüber getreten war? Die Zeiten, in denen diese Herrschaft sogar Ansporn bedeutete und sich das Lebendigsein darin steigerte? Wann war es passiert, dass sie abrutschte und der Zeit trostlos verfiel? Wann hatte sie sich ergeben, wann den Blick nach vorn vertauscht mit dem Blick nach unten?

**

Auf den Spuren eines Städters ...

Neulich gab es bei „spiegel.de“ einen Artikel zu lesen über Städter und ihre Psychosen. Interessant und anregend genug für sieben kleine Geschichten aus dem Alltag eines Großstadtbewohners.

1.
Gleich is es soweit. Computer runterfahren. Schnell in die andere Hose schlüpfen, noch einen Blick in den Spiegel, Portemonnaie einstecken nicht vergessen. Noch aufs Klo? Schlüsselbund in die Hosentasche und ein letzter Blick in den Rucksack. Alles dabei? Wo ist der Notizblock? Nochmal zurück . Ah, da liegt er ja. Jacke an, Rucksack auf den Rücken. Die Wohnungstür noch 1 m entfernt. Los jetzt. Ach – shit. Geräusche, Schritte. Da kommt jemand die Treppe runter. Abwarten. Endlose Sekunden verstreichen. Mann, beeile dich mal! Endlich, die Schritte werden leiser und die Hauseingangstür fällt ins Schloss.

2.
Auf dem Weg zur U-Bahn. Unterwegs mit schnellem Schritt. Einem Geschoss gleich, keinem Flaneur. Hastige Blicke auf Straße, Fassaden, Hunde und Menschen. Augenkontakt? Bloß nicht, sonst kommt noch jemand auf die Idee, einen anzusprechen.

3.
Schon wieder diese Zeitungsverkäufer. Man kann das Gelaber nicht mehr hören: „Ich bin 24 Jahre alt, lebe auf der Straße und habe hunger. Darf ich Sie um eine kleine Spende bitten?“ Mann, halt bloß die Klappe und geh in den nächsten Waggon! Endlich, die Zielstation.

4.
Wow, sieht die gut aus. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Ja nicht zu deutlich hinsehen. Noch 30 m. Wer gewinnt den Coolheitswettbewerb? Wer signalisiert die größere Unabhängigkeit? Von wegen Sklave der Hormone und so. Noch zehn Meter. Ha, erwischt, einmal zu viel geblickt. Triumph breitet sich aus. Noch 2 m. Jetzt die Augen unbewegt geradeaus und versteinerte Miene. Schade, sah doch irgendwie gut aus.

5.
Was is das denn für n Spinner? Völlig verfettete Haare und kommt geradewegs auf einen zu. Stinken tut der wie die Pest. Der Penner will Streit. Beinchen stellen, rempeln und so. Verbale Nettigkeiten wechseln die Häupter. Der Typ streckt einem den Zeigefinger entgegen und ruft „Peng, Peng“, während der verdreckte Daumen sich zweimal senkt. „Verpiss dich bloß, Du Missgeburt“. Nette Einstimmung auf den Supermarkt.

6.
Diese verdammten Autos und erst die Lkw. Schweinelaut. Als wenn dir jemand in die Fresse schlägt. Das Trommelfell zieht sich richtig zusammen. Krass, dass da auch Muskeln sind.

7.
Endlich zuhause! Von unten, von oben, von rechts, von links, quer durch den Innenhof. Von überall Sound der Mitbewohner. Super. Schopenhauer soll gesagt haben, dass Lärm die Pest des 20. Jahrhunderts wird. Recht hatte der Kerl.

Konstruktionen und Sinn(e) ...

Nomos ich Besitzer als bin Wasser müde brummen und bemühe mehr zu Haar!! schreiben und ans zu denn den an die Sein Sonne bekannter Luft die trank Möwen das schreiend

Möbel können Angst strahlt

Scheiß vor dem diesseits Kruste stimmen auf der Hauch

schlecht Haut die Feuchte im Augen treppab der Bullaugen angeforderte feuchte bloß nie das Romantik bin schlafen auf mehr

recht schlecht sahen viele Leute den Blicke Kaffee kann es teuer verschlissene tolle trinken

weiter das Zeit vor treppauf Kekse Gerüche fremde ein Schlafsack nicht deutlich Klänge die ganze Kaffee Ziel Kastellan…

G: Wie einfach es doch ist, von starrer zu fließender Sprache zu kommen. Nur einige Regeln umgehen, einige Gewohnheiten brechen und schon ist alles in Bewegung, alles im Wandel.

G: Es kann nicht nur die Dichtung Räume in der Sprache öffnen, sondern auch die De-konstruktion ihrer Regeln. Jedes Wort bleibt unangetastet – nur ihre Fügungen werden geändert.

G: Spannend wird es, wenn die Dimension der Zeit (Laute, Rhythmik, Intervalle) in den Text gerät. Das ist leicht zu erreichen, indem die Pausen und Betonungen auf das Fettgedruckte ernst genommen werden beim lauten Lesen – dazu sei jeder Leser eingeladen…

Brasilianisches Fließen ...

G: In São Paulo, Brasilien läuft derzeit eine Ausstellung, in der es um Architektur und Leben im (Ur-) Wald geht. „Marquise do Parque do Ibirapuera“ von Oscar Niemeyer wird in einem (schönen) Film dargestellt.

G: Der Regisseur schafft es eindrücklich, den Zuschauer in die Situation zu integrieren. Das Fließen des Gebäudes geschieht über die atmosphärischen Verschränkungen von Außen- und Innenraum. Die Dimension der Zeitlichkeit wird sehr schön über den Tag/Nachwechsel aber auch das langsame Verblassen der gefilmten Menschen erreicht.

G: Sicher trägt die Musik von Philip Glas auch ihren Teil dazu bei, ein Gefühl zu bekommen für diese paar Nullen und Einsen, die am Computerbildschirm hin und her flackern. Digitale Kommunikation als Täuschung und Schein…aber das nur nebenbei und im Lichte des Wunsches, selbst dort zu sein.

G: Es geht bei Architektur offensichtlich nicht um ihre Modernität, ihr Material, Ihre Formensprache oder ihre technische Zurichtung, sondern um ihr Wesen. Nicht oft genug kann die Heideggersche Lektion des „Dass“ abstelle des „Was“ betont werden. Räumen, Lichten, Möglichmachen als dieses Dass. Form gewinnen aus diesem Dass!

S: „…Wenn wir die Dinge nicht auf das Wesen in ihnen ansehen, sondern auf die leere, abgezogene Form, so sagen sie auch unserm Innern nichts; unser eignes Gemüth, unsern eignen Geist müssen wir daransetzen, daß sie uns antworten. Was ist aber die Vollkommenheit jedes Dings? Nichts anders denn das schaffende Leben in ihm, seine Kraft dazuseyn…“

G: Schön, auch mal auf ein realisiertes Bauwerk zu treffen, dass über sich hinaus weist; das hegt und rahmt und nicht nur Mensch, sondern auch Mitwelt hinein, hindurch, hinüber lässt. Ein Bauwerk also, das sich genügt in seinem „…schaffenden Leben“ und „ seiner Kraft dazuseyn“…(Fortsetzung folgt)

(S: F.W.J. Schelling: Werke, Stuttgart 1856, Band 7, S. 294)

Traumhaftes ...

G: Welche Auswege aus dem Begriffskäfig bleiben noch, um Wandlungen zu markieren? Neben den bereits angeschnittenen Methoden: Schweigen, Spielen, Dichten und Handeln gibt es noch den Traum!

N: „…für die Entwicklung der modernen Künste ist die Gelehrsamkeit, das bewusste Wissen und Vielwisserei der eigentliche Hemmschuh: alles Wachsen und Werden im Reiche der Kunst muss in tiefer Nacht vor sich gehen…“ (516)

G: Jedem Menschen zu eignen ist diese Gabe. Frei lässt sich mit dem umgehen, das zuvor gegeben bzw. genommen wurde. Erlöst von Sinnfragen, entfaltet sich ein abgründiges Spiel mit Berührungen, Stimmungen, Klängen, Bildern.

N: „…Wir genießen in unmittelbarem Verständnis der Gestalt, alle Formen sprechen zu uns; es giebt nichts Gleichgültiges und Unnothiges…“ (553)

G: Der Traum scheint die bessere Hälfte der Bewusstheit darzustellen. Ein riesiges Meer, auf dem den Seglern phantastische, neue Welten offenstehen. Ein riesiges Meer, das für Landratten und Seekranke freilich auch zum Alptraum werden kann, wenn sie unter Deck flüchten und statt ersehnter Festigkeit nur noch stärkere Bewegung fühlen…

N: „…der Schleier des Scheines in flatternder Bewegung…“ (554)

G: Kann sich aber die „flatternde Bewegung“ nicht erst ergeben gegen etwas Festes? Braucht es zum Träumen nicht vorher Bilder, Stimmungen, Klänge? Braucht es zum Träumen nicht das Wachen? Die Dichotomie lässt sich fortsetzen und ins Feld der Kunst tragen. Mit den beiden Polen „apollinisch und dionysisch“ beschreiben wir Statik und Dynamik, Schein und Rausch, Beherrschung und Ekstase.

N: „…Nicht im Wechsel von Besonnenheit und Rausch, sondern im Nebeneinander zeigt sich das dionysische Künstlerthum…“ (556)

G: Auch für die Architektur gilt dieses Spannungsfeld! Sie muss zwar stellen, sollte dabei aber nur hegen. Sie darf nicht erstarren, denn luftig und fließend kann sie am besten den Wechsel von „Besonnenheit und Rausch“ tragen.

N: zitiert Anselm Feuerbach: „…so bildet (…) die Architektur den Rahmen und die Basis, durch welche sich die höhere poetische Sphäre sichtbar gegen die Wirklichkeit abschließt…“ (518)

G: Träumen wir die Architektur und versuchen, ein Stückchen davon im Wachen zu halten, damit sie ein aus sich rollendes Rad werden kann; eine permanente und richtungslose Progression; ein Ergebnis und ein Weg zugleich; eine Antwort, die Frage bleibt; ein Ziel, das nicht zum Stillstand wird; ein Zweck ohne Zweckmäßigkeit; ein sinnloser Sinn und das ernsteste Lachen. All dies zugleich!

Kriegerisches ...

G: Umstellen, Hegen, Lichten…Lichten im Sinne von Roden oder Räumen oder Freiräumen. Räumen führt auf Raum hin, auf Raum schaffen. Raum schaffen geschieht lichtend, also auch wandelnd, also auch tuend, also auch zerstörend.

N: „…Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld — und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich. Sich verwandelnd in Wasser und Erde thürmt er, wie ein Kind Sandhaufen am Meere, thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt. Nicht Frevelmuth, sondern der immer neu erwachende Spieltrieb ruft andre Welten ins Leben…“ (830/831)

G: Schöpfung und Zerstörung liegen nah beieinander. Die „Demiurgen“-Fraktion sah den „Allerersten“ von Anbeginn als Handwerker, der das Chaos fügte. Und selbst die so prägende „Creatio ex nihilo“-Fraktion sieht ihren „Allerersten“ als Zerstörer – nämlich der Leere. Er setze, unterbrach, fügte, stellte (in) Leere…

VS: Hippolytus über Heraklit: „…Krieg ist der Vater von allen und König von allen …“ (307)

G: Wandeln, Schaffen, Handeln, Zerstören; alles Aktivitäten mit unmittelbarer Relevanz und unabhängig von begrifflicher Überformung. Setzen wir also die Tat an die Stelle des Wissens, kommen wir heraus aus der Lähmung einer bloß sprachlichen und scheinbaren Differenz und gelangen in eine konkrete.

S: „…Ein Hemmendes, Widerstrebendes drängt sich überall auf: dieß andere, das, so zu reden, nicht seyn sollte und doch ist, ja seyn muß, dieß Nein, das sich dem Ja, dieß Verfinsternde, das sich dem Licht, dieß Krumme, das sich dem Geraden, dieß Linke, das sich dem Rechten entgegenstellt, und wie man sonst diesen ewigen Gegensatz in Bildern auszudrücken gesucht hat; aber nicht leicht ist einer im Stande es auszusprechen oder gar es wissenschaftlich zu begreifen…“ (211)

G: Wandlung provoziert das Andere; sie braucht es. Sie ist ein Über-sich-hinaus. Sie ist ein Symptom des Wollens, der (reinen) Bewegung ohne Richtung, ohne Progression. Sie weist auf einen mächtigen Strom. Sie ist aber nicht der Strom selbst. Wenn sie wirkt, deutet sie nur darauf, dass es ihn gibt. Sie durchzieht das Dasein und steht als Mittlerin auf anderem Grunde – nein, sie steht nicht, sie fließt eher. Sie ist nichts Fassbares; ein Fluss im Fluss; eine körperlose Struktur; eher ein Zustand; eine (nicht-eukildische) Dimension…

(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(S: F.W.J. Schelling: Werke,
Band 8, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)

Von Wert des Dunklen ...

G: Wandel führt hin auf das Andere, das (noch) abwesend, aber dennoch schon anwesend ist. Er führt auf Zustände und auf Differenzen. Fragt sich, ob jedes Wandeln, das mithilfe der Sprache bestimmt wird, nur scheinbar sein muss – denn die Mittel der herkömmlichen Sprache setzten auf dressierende Reduktionismen (auch Begriffe genannt). Die Poesie kann helfen; lebt sie doch aus der Welt der Möglichkeit.

S: „…Universalität, die nothwendige Forderung an alle Poesie, ist in der neueren Zeit nur dem möglich, der sich aus seiner Begrenzung selbst eine Mythologie, einen abgeschlossenen Kreis der Poesie schaffen kann…“ (444)

G: Wirklichkeiten-Begriffskäfige mit Gelassenheit balancieren, um über sie hinaus zu weisen. Welche gelassene Sprache reicht dort hin? Kann der „Trieb“, die „Kraft“, das Ermöglichende des Wandels selbst auf diese Weise angerührt werden? Kann man also (noch) sprechen oder muss man (schon) schweigen?

VS: Themistius über Heraklit: „…Der Ursprung (der Dinge), so Heraklit, pflegt, verborgen zu bleiben…“ (301)

H: „…Heraklit ist „der Dunkle“, weil er das Sein als das Sichverbergen denkt und gemäß diesem Gedachten das Wort sagen muss…“ (32)

G: Das Wort sagen redet hier davon, dass Heraklit einer der sophoi war, jener weisen Sprecher von Worten also, die noch ohne (beliebige) Begriffe waren, die gleich erratischen Blöcken rätselhaft und voller lautestem Schweigen barsten.

VS: Aristoteles über Heraklit: „…Denn es ist ein schwieriges Unternehmen, die Schriften Heraklits zu interpunktieren, weil nicht klar ist, ob (die betreffenden Wörter) mit dem Folgenden oder mit dem Vorhergehenden zusammengehören…“ (287)

G: Die Unklarheit der Fügungen spricht etwas über das Sprechen. Insofern beschreiben aristotelische Schmerzen gleichzeitig das Symptom des gegenwärtigen Autismus einer diskursiven Belanglosigkeit und eines geronnenen, akademischen „Anything Goes“.

H: „…Dunkel ist die Philosophie also notwendig und immer, sofern sie nämlich dem Gesichtskreis des bloßen Verstandes, d.h. des alltäglichen Verstellens und Meinens, beraubt wird…“ (29)

G: Hegen, Umstellen (nicht Verstellen!), Lichten, mehr gibt es nicht zu tun – auch nicht für eine wahrhaft menschliche Baukunst. Erscheinung provozieren, die ohnehin schon ist und sich ansprechen lassen; nehmen, was gegeben und auch vorenthalten wird…

(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 55, Frankfurt am Main 1979)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(VS: Die Vorsokratiker; Übersetz von M. Laura Gemelli Marciano; Düsseldorf 2007; Band 1)

Grenzgänge ...

Dunkles Locken steckt im gewalttätigen, stets wiederkehrenden Ruf…

Lethargisches Regen zeigt sich vor leichter Erhellung…

Das Band der Zeit scheint zu fehlen…

Klänge als Destruktionen – allem entgegen und manchmal als Rhythmus…

Stimmung und Stimme sind in Faltungen durchzogen – sie gleiten…

Die Regung bleibt dominant vor dem erfolglosen Aufschwingen des Klangs…

Pausen zerreißen das Gewebe – es war unendlich weitmaschig da…

Folgende, rhythmische Faltungen sind wie beängstigende Stimmen aus dem Dunkel…

Die Stimme will in das Begegnende einsetzten…

Ein Entzug bleibt hörbar – nur dieses Mal…

Nie war die Regung so nah – in einem ergebenden Entlanggleiten am Abgrund…

Stimmen umspannen die Schläge wie unpassende Kleider…

Worte gleichen eher Lauten – sie sind ohne Sinn…

Für diese Sprache gibt es nur die Grammatik…

(Iannis Xenakis: Medea)

Anti-Dressuren ...

G: Lösen von Dressuren ist leicht gesagt, aber schwer getan – auf einer Reise war ich Zeuge davon. Mir gegenüber sitzend in einem Zug während eines Halts am Bahnhof unterwies eine Mutter ihren Sohn: „Was bewegt sich gerade, wir oder der andere Zug?“. Der Junge darauf: der Bahnhof! Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte überschwänglich gratuliert – so viel Weisheit kann nur ein Kind haben!

G: Wohin kann ein Sprechen sich ausdehnen, das noch verstanden werden soll? Eindrucksvolle Vertreter für ein vor- oder überbegriffliches Denken sind beispielsweise die „sophoi“ in der ältesten griechischen Klassik zwischen dem 5. bis 7. Jh. v. Chr. Hier ist Wissen noch nicht in Begriffe zerfallen. Hier ist die Nähe spürbar zum Epos und zum Erscheinenden an sich.

WS: „…Ein guter Steuermann kann „sophós“ heißen, der sein Handwerk versteht und zugleich vieles im Instinkt hat; ebenso wie der Mann, der ein wirklich gewusstes Wissen hat…“ (16)

G: Zurück in die Zukunft also, als es noch keinen Unterschied gab zwischen Denken und Leben, als Gedachtes, Gesprochenes und Konkretes noch nicht aufgelöst waren in kleinste gemeinsame Nenner, die im Dienste des „Diskursiven“ stehen.

HS: „…Das alte Paradigma bezeichne ich als archaischen Dynamismus (…) Das menschliche Erleben ist im archaischen Paradigma weder zentralisiert noch abgegrenzt; die Person, die „ich“ sagt, steht ohne Hausmacht in einem Konzert von Regungsherden (…) die meist leiblich lokalisiert sind, und ist dem Einbruch ergreifender Mächte (…) ausgesetzt…“ (13)

G: Man kann sich diese Bruchlinie nicht deutlich genug machen. An ihr entlang entwickelt sich sukzessive über 2.500 Jahre hinweg die rationale Ermächtigung über unser Sprechen und Denken bis hin zum Zustand der freiwilligen Selbstbeschränkung unserer Gegenwart.

N: „…es (das philosophische Denken, CJG) hebt seinen Fuß in eine fremde, unlogische Macht, die Phantasie. Durch sie gehoben springt es weiter von Möglichkeit zu Möglichkeit, die einstweilen als Sicherheiten genommen werden: hier und da ergreift es selbst Sicherheiten im Fluge…” (813)

G: Das wäre ein weiterer Weg. Zulassen der Erscheinungen, aber Jonglieren, Fügen und Zerbrechen dessen, was die Erscheinung begrifflich verformt. Denken also mit Bausteinen in der freien Kollage, im Vexierspiel.

E: „…Wir fragen aber nicht nach dem Erscheinenden, sondern nach dem, was über das Erscheinende ausgesagt wird, und das unterscheidet sich von der Frage nach dem Erscheinenden selbst…“ (98)


(E: Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis; Frankfurt am Main 1985)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(WS: Wolfgang Schadewaldt: Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen; Frankfurt am Main 1978, Band 1)
(HS: Hermann Schmitz: Der Leib, der Raum und die Gefühle; Berlin und Locarno 2007)

Wandlungen ...

G: In dieser Reihe soll ausgelotet werden, was Wandel bedeuten könnte. Brennende Frage hierzu: bleibt Wandel stets gebunden an Bestehendes und also in Abhängigkeit der Anschauung sowie deren menschlicher Übersetzungen des Angeschauten – also der Sprache? Ist Wandel das Andere des Neuen oder ist das Neue nichts weiter als Wandel?

K: „…Nun beruht aber alle unsere Unterscheidung des bloß Möglichen vom Wirklichen darauf, dass das erstere nur die Position der Vorstellung eines Dinges respektiv auf unsern Begriff und überhaupt das Vermögen zu denken, das letztere aber die Setzung des Dinges an sich selbst (außer diesem Begriffe) bedeutet…“ (354)

G: Kann eine „tiefere“ Form in die Sprache geraten? Kann eine Sprache jenseits eines Bezeichneten operieren? Kann eine solche Sprache den Menschen schreibend und denkend halten, ohne das zu Schreibende und das zu Denkende in Begriffe zu pressen? Kann sie an-rühren, ein-hegen, ohne festzulegen? Wäre man noch sprechfähig oder glitte in die Meditation?

N: „…Die Sphäre der Poesie liegt nicht ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegentheil sein, der ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit und muss eben deshalb den lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Culturmenschen von sich werfen…“ (57)

G: Denken als Wegweisung und Aufforderung zum Gehen und nicht als reproduzierbare Formelbereitung. Diese Lektion auf das Bauen gewendet ist es, die die Bau-Kunst beherzigen muss, will sie über sich hinaus und damit hin zu den Menschen.

G: Warum sollte man länger dem aristotelischen Diktum folgen und Möglichkeit stets an materielle Wirklichkeit knüpfen? Was wäre, wenn die Möglichkeit und Wirklichkeit eins sind? Was wäre, wenn Wirklichkeit nicht einmal den Körper und das Materielle kennte?

S: „…Ein körperlicher Träger der Bewegung ist nicht zur Vorstellung des Wirkens im Raume, der „Wirklichkeit“, notwendig…“ (15)

G: Steht die Neuauflage des Kampfes an zwischen Platon und Aristoteles? Kann man das Verhältnis auflösen zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, ohne in die reine Ideen-Welt zu geraten?

G: Lösen wir uns von den Dressuren, die unsere Sprache und unser Vorstellungsvermögen bestimmen. Versuchen wir beispielsweise, die Baukunst ohne Materie zu denken. Denn nur, weil wir die Architektur als Lastendes, Schweres begreifen wollen, wollen wir auch annehmen, dass sie nicht beweglich wäre.

N: „…Man glaubt, zwei Wanderer an einem wilden, Steine mit sich fortwälzenden Waldbach zu sehen: der Eine springt leichtfüßig hinüber, die Steine benutzend und sich auf ihnen immer weiter schwingend, ob sie auch jäh hinter ihm in die Tiefe sinken. Der Andere steht alle Augenblicke hülflos da, er muß sich erst Fundamente bauen, die seinen schweren, bedächtigen Schritt ertragen, mitunter geht dies nicht, und dann hilft ihm kein Gott über den Bach…“ (813)

(K: Immanuel Kant: Werke in zwölf Bänden, Frankfurt am Main 1977, Bd. 10)
(N: Friedrich Nietzsche: Kritische Studienausgabe, München 1999, Band 1)
(O: Oswald Spengler: Reden und Aufsätze, München 1937)

Der Segen der Null ...

G: Baukunst in ihre Un-be-stimmt-heit halten zu wollen, gleicht einem Hürdenlauf. Die zu überspringenden Barrieren sind selbst aufgestellt – und auch bestens verteidigt. Sie haben Namen wie Logik, System, Konstruktion, Nützlichkeit oder Funktion. Welche sind die wichtigen Sprünge? Welche Hürden fordern am meisten Kraft?

S/1: „…solang Architektur dem bloßen Bedürfniß fröhnt und nur nützlich ist, ist sie auch nur dieses und kann nicht zugleich schön seyn. Dieß wird sie nur, wenn sie davon unabhängig wird, und weil sie dieß doch nicht absolut seyn kann, indem sie durch ihre letzte Beziehung immer wieder an das Bedürfniß grenzt, so wird sie schön nur, indem sie zugleich von sich selbst unabhängig, gleichsam die Potenz und die freie Nachahmung von sich selbst wird…“ (578)

G: Architektur von sich selbst unabhängig machen, zur „freien Nachahmung“ machen. Herrscht dann der Zufall, die Kontingenz im Gegenteil zur Freiheit – denn Freiheit bleibt ja stets gebunden an ihr jeweiliges Gegenteil?

G: Wo ist das „Schwarze Quadrat“ der Baukunst? Wo der Malewitsch unter den Architekten? Wo wird die Baukunst sich selbst zum Gegenstand; wo setzt sie sich „auf null“? Vielleicht als Organismus und mit dem Organischen als Freiheitsausdruck, als Anderes, als Selbstunabhängigkeit?

S/2: „…Wenn eine Kunst Grenzen hat – Grenzen ihrer formgewordenen Seele –, so sind es historische, nicht technische oder physiologische. Eine Kunst ist ein Organismus, kein System…“ (285)

G: Eine „Baukunst auf null“ könnte den Raum wieder freigeben für ihren eigenen Anfang. Könnte zurück in die Zukunft einer Gestaltfindung anstelle der Gestalt. Könnte sich musikalisieren und damit ihrer bessere Hälfte den Vortritt lassen.

S/1: „…Die Musik, welcher die Architektur unter den Formen der Plastik entspricht, ist zwar davon freigesprochen, Gestalten darzustellen, weil sie das Universum in den Formen der ersten und reinsten Bewegung, abgesondert von dem Stoffe darstellt. Die Architektur ist aber eine Form der Plastik, und wenn sie Musik ist, so ist sie concrete Musik. Sie kann das Universum nicht bloß durch die Form, sie muß es in Wesen und Form zugleich darstellen…“ (577)

G: Eine „Baukunst auf null“ kann ihr poetisches Potential wiederfinden. Sie kann zum Wort zurückkehren und dabei den Begriff hinter sich lassen. Sie kann sich in das Stimmen in der Un-be-stimmtheit versenken.

S/2: „…Man kann von gewissen Seelenregungen, die in Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt. Das Wort als Laut, als poetisches Element, kann hier die Beziehung herstellen, das Wort als Begriff, als Element wissenschaftlicher Prosa nie…“ (382-383)

G: Eine „Baukunst auf null“ kann den Ort im W-ort aufsuchen?

H: „…Wir müßten erkennen, daß die Dinge selbst die Orte sind und nicht nur an einen Ort gehören…“ (208)

G: Diese Reihe endet hier. Sie hinterlässt mehr Fragen als Antworten und der Schreiber ahnt, dass es genau darum gehen sollte in einem zeitgemäßen Bauen.


(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 13, Frankfurt am Main 1983)
(S/1: F.W.J. Schelling: Werke, Band 5, Stuttgart 1856)
(S/2: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes; München 1923)

Mehr-Werte ...

G: Drei Variationen auf Materie und Ding. Zunächst F. in der Wüste…

F: „…Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre gar nichts, ausgenommen das Rieseln von Sand…“ (25)

G: Nicht zu retten? Nicht zu retten vor der „Klarheit“ oder vielmehr nicht zu retten vor der Fixierung auf die Schatten an der Höhlenwand? Was ist das Rieseln des Sandes nicht? So taub kann keiner sein…

G: Mehr „sehen“ als das Ding, das man betrachtet. Blinde sehen besser. Menschen er-leben die Dinge. Sprung in die Unklarheit als Standard. Sprache als stets unzureichendes Vehikel. (Selbstversuche „sprechen“ für sich)

G: Das „Un“ ist das Wichtige. Hier tut die Kehre not. Das „Un“ schwingt mit. Es ist wie der Zwilling des Dings. Das „Un“ weißt tiefer hinein und weiter heraus. Das „Un“ der Schärfe wohnt jedem Scharfgestellten inne. Das „Un“ ist auch das Mögliche – aber nicht nur. Es verleiht ihn sein Leben – macht es er-leb-bar. Es macht es bar, also nackt. Nackt ist auch das „Dass“ der Existenz. Nackt, weil es ohne das Etwas ist.

G: Nun S. mit göttlichem Gepäck…

S: „…Die Materie erfüllt einen Raum nicht durch ihre bloße Existenz (denn dieß annehmen, heißt alle weitere Untersuchung ein für allemal abschneiden), sondern durch eine ursprünglich-bewegende Kraft, durch welche erst die mechanische Bewegung der Materie möglich ist. Oder vielmehr: Die Materie ist selbst nichts anders, als eine bewegende Kraft, und unabhängig von einer solchen, ist sie höchstens etwas bloß Denkbares, aber nimmermehr etwas Reales, das Gegenstand einer Anschauung seyn kann…” (231/232)

G: Ideenretter. Zunächst der Logos, dann die Materie. Alles ist klar und unklar gleichzeitig. Das „Un“ wird nun verwiesen in den „Ur-grund“ oder „Un-grund“. Scharfes Unschärfefeld, denn zu erreichen ist es nimmer – bestenfalls einzuhegen. Mit Worten einhegen, die vorgeschoben werden, bis sie kurz davor sind, in den „Ab-Un-Ur“-grund zu fallen. Intellektuelle Echolote, u. a. auch der geniale Wittgenstein, übten sich darin.

G: Nun H. mit dem Einfachsten und Schwersten gleichzeitig. Zunächst über S.:

H: „…Die Dingheit der Dinge bestimmt sich so wenig aus einem gleichgültigen Vorhandensein, stofflicher Körper, dass die Materie (bei Schelling, CJG) selbst geistig begriffen wird; was „wir“ als Materie spüren und sehen, ist ein in die ausgedehnte Schwere der Trägheit geronnener Geist…“ (215)

G: Aus der Zeit in die Zeitlichkeit gekippter Geist. Ein erkalteter Lavastrom, der Äonen braucht, um sich ins Leere der Zeit zurück zu bewegen, die Eins ist mit dem Sein. Das Sein auch als längste der langen Weile.

(F: Max Frisch: Homo Faber, Frankfurt am Main 1957)
(H: Martin Heidegger: Gesamtausgabe, Band 42, Frankfurt am Main 1988)
(S: F.W.J. Schelling: Werke, Band 2, Stuttgart 1856)